Um mir alle die möglichen Bedenklichkeiten, Aufregungen und

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Friedrich Nietzsche

Die Geburt der Tragödie

Versuch einer Selbstkritik.

1.

Was auch diesem fragwürdigen Buche zu Grunde liegen mag: es muss eine

Frage ersten Ranges und Reizes gewesen sein, noch dazu eine tief

persönliche Frage, - Zeugniss dafür ist die Zeit, in der es entstand,

trotz der es entstand, die aufregende Zeit des deutsch-französischen

Krieges von 1870/71. Während die Donner der Schlacht von Wörth über

Europa weggiengen, sass der Grübler und Räthselfreund, dem die

Vaterschaft dieses Buches zu Theil ward, irgendwo in einem Winkel der

Alpen, sehr vergrübelt und verräthselt, folglich sehr bekümmert und

unbekümmert zugleich, und schrieb seine Gedanken über die Griechen

nieder, - den Kern des wunderlichen und schlecht zugänglichen Buches,

dem diese späte Vorrede (oder Nachrede) gewidmet sein soll. Einige

Wochen darauf: und er befand sich selbst unter den Mauern von Metz,

immer noch nicht losgekommen von den Fragezeichen, die er zur

vorgeblichen "Heiterkeit" der Griechen und der griechischen Kunst

gesetzt hatte; bis er endlich in jenem Monat tiefster Spannung, als

man in Versailles über den Frieden berieth, auch mit sich zum Frieden

kam und, langsam von einer aus dem Felde heimgebrachten Krankheit

genesend, die "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik"

letztgültig bei sich feststellte. - Aus der Musik? Musik und Tragödie?

Griechen und Tragödien-Musik? Griechen und das Kunstwerk des

Pessimismus? Die wohlgerathenste, schönste, bestbeneidete, zum Leben

verführendste Art der bisherigen Menschen, die Griechen - wie?

gerade sie hatten die Tragödie nöthig? Mehr noch - die Kunst? Wozu -

griechische Kunst?

Man erräth, an welche Stelle hiermit das grosse Fragezeichen vom

Werth des Daseins gesetzt war. Ist Pessimismus nothwendig das Zeichen

des Niedergangs, Verfalls, des Missrathenseins, der ermüdeten und

geschwächten Instinkte? - wie er es bei den Indern war, wie er es,

allem Anschein nach, bei uns, den "modernen" Menschen und Europäern

ist? Giebt es einen Pessimismus der Stärke? Eine intellektuelle

Vorneigung für das Harte, Schauerliche, Böse, Problematische des

Daseins aus Wohlsein, aus überströmender Gesundheit, aus Fülle des

Daseins? Giebt es vielleicht ein Leiden an der Ueberfülle selbst?

Eine versucherische Tapferkeit des schärfsten Blicks, die nach dem

Furchtbaren verlangt, als nach dem Feinde, dem würdigen Feinde, an

dem sie ihre Kraft erproben kann? an dem sie lernen will, was "das

Fürchten" ist? Was bedeutet, gerade bei den Griechen der besten,

stärksten, tapfersten Zeit, der tragische Mythus? Und das ungeheure

Phänomen des Dionysischen? Was, aus ihm geboren, die Tragödie? - Und

wiederum: das, woran die Tragödie starb, der Sokratismus der Moral,

die Dialektik, Genügsamkeit und Heiterkeit des theoretischen Menschen

- wie? könnte nicht gerade dieser Sokratismus ein Zeichen des

Niedergangs, der Ermüdung, Erkrankung, der anarchisch sich lösenden

Instinkte sein? Und die "griechische Heiterkeit" des späteren

Griechenthums nur eine Abendröthe? Der epikurische Wille gegen den

Pessimismus nur eine Vorsicht des Leidenden? Und die Wissenschaft

selbst, unsere Wissenschaft - ja, was bedeutet überhaupt, als Symptom

des Lebens angesehn, alle Wissenschaft? Wozu, schlimmer noch, woher -

alle Wissenschaft? Wie? Ist Wissenschaftlichkeit vielleicht nur eine

Furcht und Ausflucht vor dem Pessimismus? Eine feine Nothwehr gegen -

die Wahrheit? Und, moralisch geredet, etwas wie Feig- und Falschheit?

Unmoralisch geredet, eine Schlauheit? Oh Sokrates, Sokrates, war das

vielleicht dein Geheimniss? Oh geheimnissvoller Ironiker, war dies

vielleicht deine - Ironie? - -

2.

Was ich damals zu fassen bekam, etwas Furchtbares und Gefährliches,

ein Problem mit Hörnern, nicht nothwendig gerade ein Stier, jedenfalls

ein neues Problem: heute würde ich sagen, dass es das Problem

der Wissenschaft selbst war - Wissenschaft zum ersten Male als

problematisch, als fragwürdig gefasst. Aber das Buch, in dem mein

jugendlicher Muth und Argwohn sich damals ausliess - was für ein

unmögliches Buch musste aus einer so jugendwidrigen Aufgabe erwachsen!

Aufgebaut aus lauter vorzeitigen übergrünen Selbsterlebnissen, welche

alle hart an der Schwelle des Mittheilbaren lagen, hingestellt auf den

Boden der Kunst - denn das Problem der Wissenschaft kann nicht auf

dem Boden der Wissenschaft erkannt werden - ein Buch vielleicht

für Künstler mit dem Nebenhange analytischer und retrospektiver

Fähigkeiten (das heisst für eine Ausnahme- Art von Künstlern, nach

denen man suchen muss und nicht einmal suchen möchte...), voller

psychologischer Neuerungen und Artisten-Heimlichkeiten, mit einer

Artisten-Metaphysik im Hintergrunde, ein Jugendwerk voller Jugendmuth

und Jugend-Schwermuth, unabhängig, trotzig-selbstständig auch noch, wo

es sich einer Autorität und eignen Verehrung zu beugen scheint, kurz

ein Erstlingswerk auch in jedem schlimmen Sinne des Wortes, trotz

seines greisenhaften Problems, mit jedem Fehler der Jugend behaftet,

vor allem mit ihrem "Viel zu lang", ihrem "Sturm und Drang":

andererseits, in Hinsicht auf den Erfolg, den es hatte (in Sonderheit

bei dem grossen Künstler, an den es sich wie zu einem Zwiegespräch

wendete, bei Richard Wagner) ein bewiesenes Buch, ich meine ein

solches, das jedenfalls "den Besten seiner Zeit" genug gethan hat.

Darauf hin sollte es schon mit einiger Rücksicht und Schweigsamkeit

behandelt werden; trotzdem will ich nicht gänzlich unterdrücken, wie

unangenehm es mir jetzt erscheint, wie fremd es jetzt nach sechzehn

Jahren vor mir steht, - vor einem älteren, hundert Mal verwöhnteren,

aber keineswegs kälter gewordenen Auge, das auch jener Aufgabe selbst

nicht fremder wurde, an welche sich jenes verwegene Buch zum ersten

Male herangewagt hat, - die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers

zu sehn, die Kunst aber unter der des Lebens....

3.

Nochmals gesagt, heute ist es mir ein unmögliches Buch, - ich heisse

es schlecht geschrieben, schwerfällig, peinlich, bilderwüthig und

bilderwirrig, gefühlsam, hier und da verzuckert bis zum Femininischen,

ungleich im Tempo, ohne Willen zur logischen Sauberkeit, sehr

überzeugt und deshalb des Beweisens sich überhebend, misstrauisch

selbst gegen die Schicklichkeit des Beweisens, als Buch für

Eingeweihte, als "Musik" für Solche, die auf Musik getauft, die auf

gemeinsame und seltene Kunst-Erfahrungen hin von Anfang der Dinge an

verbunden sind, als Erkennungszeichen für Blutsverwandte in artibus, -

ein hochmüthiges und schwärmerisches Buch, das sich gegen das profanum

vulgus der "Gebildeten" von vornherein noch mehr als gegen das "Volk"

abschliesst, welches aber, wie seine Wirkung bewies und beweist, sich

gut genug auch darauf verstehen muss, sich seine Mitschwärmer zu

suchen und sie auf neue Schleichwege und Tanzplätze zu locken. Hier

redete jedenfalls - das gestand man sich mit Neugierde ebenso als mit

Abneigung ein - eine fremde Stimme, der Jünger eines noch "unbekannten

Gottes", der sich einstweilen unter die Kapuze des Gelehrten, unter

die Schwere und dialektische Unlustigkeit des Deutschen, selbst unter

die schlechten Manieren des Wagnerianers versteckt hat; hier war ein

Geist mit fremden, noch namenlosen Bedürfnissen, ein Gedächtniss

strotzend von Fragen, Erfahrungen, Verborgenheiten, welchen der Name

Dionysos wie ein Fragezeichen mehr beigeschrieben war; hier sprach -

so sagte man sich mit Argwohn - etwas wie eine mystische und beinahe

mänadische Seele, die mit Mühsal und willkürlich, fast unschlüssig

darüber, ob sie sich mittheilen oder verbergen wolle, gleichsam in

einer fremden Zunge stammelt. Sie hätte singen sollen, diese "neue

Seele" - und nicht reden! Wie schade, dass ich, was ich damals zu

sagen hatte, es nicht als Dichter zu sagen wagte: ich hätte es

vielleicht gekonnt! Oder mindestens als Philologe: - bleibt doch auch

heute noch für den Philologen auf diesem Gebiete beinahe Alles zu

entdecken und auszugraben! Vor allem das Problem, dass hier ein

Problem vorliegt, - und dass die Griechen, so lange wir keine Antwort

auf die Frage "was ist dionysisch?" haben, nach wie vor gänzlich

unerkannt und unvorstellbar sind...

4.

Ja, was ist dionysisch? - In diesem Buche steht eine Antwort darauf,

- ein "Wissender" redet da, der Eingeweihte und Jünger seines Gottes.

Vielleicht würde ich jetzt vorsichtiger und weniger beredt von einer

so schweren psychologischen Frage reden, wie sie der Ursprung der

Tragödie bei den Griechen ist. Eine Grundfrage ist das Verhältniss

des Griechen zum Schmerz, sein Grad von Sensibilität, - blieb dies

Verhältniss sich gleich? oder drehte es sich um? - jene Frage, ob

wirklich sein immer stärkeres Verlangen nach Schönheit, nach Festen,

Lustbarkeiten, neuen Culten, aus Mangel, aus Entbehrung, aus

Melancholie, aus Schmerz erwachsen ist? Gesetzt nämlich, gerade dies

wäre wahr - und Perikles (oder Thukydides) giebt es uns in der grossen

Leichenrede zu verstehen -: woher müsste dann das entgegengesetzte

Verlangen, das der Zeit nach früher hervortrat, stammen, das Verlangen

nach dem Hässlichen, der gute strenge Wille des älteren Hellenen zum

Pessimismus, zum tragischen Mythus, zum Bilde alles Furchtbaren,

Bösen, Räthselhaften, Vernichtenden, Verhängnissvollen auf dem Grunde

des Daseins, - woher müsste dann die Tragödie stammen? Vielleicht

aus der Lust, aus der Kraft, aus überströmender Gesundheit, aus

übergrosser Fülle? Und welche Bedeutung hat dann, physiologisch

gefragt, jener Wahnsinn, aus dem die tragische wie die komische Kunst

erwuchs, der dionysische Wahnsinn? Wie? Ist Wahnsinn vielleicht nicht

nothwendig das Symptom der Entartung, des Niedergangs, der überspäten

Cultur? Giebt es vielleicht - eine Frage für Irrenärzte - Neurosen der

Gesundheit? der Volks-Jugend und -Jugendlichkeit? Worauf weist jene

Synthesis von Gott und Bock im Satyr? Aus welchem Selbsterlebniss, auf

welchen Drang hin musste sich der Grieche den dionysischen Schwärmer

und Urmenschen als Satyr denken? Und was den Ursprung des tragischen

Chors betrifft: gab es in jenen Jahrhunderten, wo der griechische

Leib blühte, die griechische Seele von Leben überschäumte, vielleicht

endemische Entzückungen? Visionen und Hallucinationen, welche sich

ganzen Gemeinden, ganzen Cultversammlungen mittheilten? Wie? wenn die

Griechen, gerade im Reichthum ihrer Jugend, den Willen zum Tragischen

hatten und Pessimisten waren? wenn es gerade der Wahnsinn war, um ein

Wort Plato's zu gebrauchen, der die grössten Segnungen über Hellas

gebracht hat? Und wenn, andererseits und umgekehrt, die Griechen

gerade in den Zeiten ihrer Auflösung und Schwäche, immer

optimistischer, oberflächlicher, schauspielerischer, auch nach Logik

und Logisirung der Welt brünstiger, also zugleich "heiterer" und

"wissenschaftlicher" wurden? Wie? könnte vielleicht, allen "modernen

Ideen" und Vorurtheilen des demokratischen Geschmacks zum Trotz, der

Sieg des Optimismus, die vorherrschend gewordene Vernünftigkeit, der

praktische und theoretische Utilitarismus, gleich der Demokratie

selbst, mit der er gleichzeitig ist, - ein Symptom der absinkenden

Kraft, des nahenden Alters, der physiologischen Ermüdung sein? Und

gerade nicht - der Pessimismus? War Epikur ein Optimist - gerade als

Leidender? - - Man sieht, es ist ein ganzes Bündel schwerer Fragen,

mit dem sich dieses Buch belastet hat, - fügen wir seine schwerste

Frage noch hinzu! Was bedeutet, unter der Optik des Lebens gesehn, -

die Moral? . . .

5.

Bereits im Vorwort an Richard Wagner wird die Kunst - und nicht die

Moral - als die eigentlich metaphysische Thätigkeit des Menschen

hingestellt; im Buche selbst kehrt der anzügliche Satz mehrfach

wieder, dass nur als ästhetisches Phänomen das Dasein der Welt

gerechtfertigt ist. In der That, das ganze Buch kennt nur einen

Künstler-Sinn und - Hintersinn hinter allem Geschehen, - einen "Gott",

wenn man will, aber gewiss nur einen gänzlich unbedenklichen und

unmoralischen Künstler-Gott, der im Bauen wie im Zerstören, im Guten

wie im Schlimmen, seiner gleichen Lust und Selbstherrlichkeit inne

werden will, der sich, Welten schaffend, von der Noth der Fülle und

Ueberfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze löst. Die

Welt, in jedem Augenblicke die erreichte Erlösung Gottes, als die

ewig wechselnde, ewig neue Vision des Leidendsten, Gegensätzlichsten,

Widerspruchreichsten, der nur im Scheine sich zu erlösen weiss: diese

ganze Artisten-Metaphysik mag man willkürlich, müssig, phantastisch

nennen -, das Wesentliche daran ist, dass sie bereits einen Geist

verräth, der sich einmal auf jede Gefahr hin gegen die moralische

Ausdeutung und Bedeutsamkeit des Daseins zur Wehre setzen wird. Hier

kündigt sich, vielleicht zum ersten Male, ein Pessimismus "jenseits

von Gut und Böse" an, hier kommt jene "Perversität der Gesinnung" zu

Wort und Formel, gegen welche Schopenhauer nicht müde geworden ist,

im Voraus seine zornigsten Flüche und Donnerkeile zu schleudern,

- eine Philosophie, welche es wagt, die Moral selbst in die Welt

der Erscheinung zu setzen, herabzusetzen und nicht nur unter die

"Erscheinungen" (im Sinne des idealistischen terminus technicus),

sondern unter die "Täuschungen", als Schein, Wahn, Irrthum,

Ausdeutung, Zurechtmachung, Kunst. Vielleicht lässt sich die Tiefe

dieses widermoralischen Hanges am besten aus dem behutsamen und

feindseligen Schweigen ermessen, mit dem in dem ganzen Buche

das Christenthum behandelt ist, - das Christenthum als die

ausschweifendste Durchfigurirung des moralischen Thema's, welche die

Menschheit bisher anzuhören bekommen hat. In Wahrheit, es giebt zu

der rein ästhetischen Weltauslegung und Welt-Rechtfertigung, wie sie

in diesem Buche gelehrt wird, keinen grösseren Gegensatz als die

christliche Lehre, welche nur moralisch ist und sein will und mit

ihren absoluten Maassen, zum Beispiel schon mit ihrer Wahrhaftigkeit

Gottes, die Kunst, jede Kunst in's Reich der Lüge verweist, - das

heisst verneint, verdammt, verurtheilt. Hinter einer derartigen Denk-

und Werthungsweise, welche kunstfeindlich sein muss, so lange sie

irgendwie ächt ist, empfand ich von jeher auch das Lebensfeindliche,

den ingrimmigen rachsüchtigen Widerwillen gegen das Leben selbst: denn

alles Leben ruht auf Schein, Kunst, Täuschung, Optik, Nothwendigkeit

des Perspektivischen und des Irrthums. Christenthum war von Anfang an,

wesentlich und gründlich, Ekel und Ueberdruss des Lebens am Leben,

welcher sich unter dem Glauben an ein "anderes" oder "besseres" Leben

nur verkleidete, nur versteckte, nur aufputzte. Der Hass auf die

"Welt", der Fluch auf die Affekte, die Furcht vor der Schönheit und

Sinnlichkeit, ein Jenseits, erfunden, um das Diesseits besser zu

verleumden, im Grunde ein Verlangen in's Nichts, an's Ende, in's

Ausruhen, hin zum "Sabbat der Sabbate" - dies Alles dünkte mich,

ebenso wie der unbedingte Wille des Christenthums, nur moralische

Werthe gelten zu lassen, immer wie die gefährlichste und unheimlichste

Form aller möglichen Formen eines "Willens zum Untergang", zum

Mindesten ein Zeichen tiefster Erkrankung, Müdigkeit, Missmuthigkeit,

Erschöpfung, Verarmung an Leben, - denn vor der Moral (in Sonderheit

christlichen, das heisst unbedingten Moral) muss das Leben beständig

und unvermeidlich Unrecht bekommen, weil Leben etwas essentiell

Unmoralisches ist, - muss endlich das Leben, erdrückt unter dem

Gewichte der Verachtung und des ewigen Nein's, als begehrens-unwürdig,

als unwerth an sich empfunden werden. Moral selbst - wie? sollte Moral

nicht ein "Wille zur Verneinung des Lebens", ein heimlicher Instinkt

der Vernichtung, ein Verfalls-, Verkleinerungs-, Verleumdungsprincip,

ein Anfang vom Ende sein? Und, folglich, die Gefahr der Gefahren?...

Gegen die Moral also kehrte sich damals, mit diesem fragwürdigen

Buche, mein Instinkt, als ein fürsprechender Instinkt des Lebens,

und erfand sich eine grundsätzliche Gegenlehre und Gegenwerthung des

Lebens, eine rein artistische, eine antichristliche. Wie sie nennen?

Als Philologe und Mensch der Worte taufte ich sie, nicht ohne einige

Freiheit - denn wer wüsste den rechten Namen des Antichrist? - auf den

Namen eines griechischen Gottes: ich hiess sie die dionysische. -

6.

Man versteht, an welche Aufgabe ich bereits mit diesem Buche zu rühren

wagte?... Wie sehr bedauere ich es jetzt, dass ich damals noch nicht

den Muth (oder die Unbescheidenheit?) hatte, um mir in jedem Betrachte

für so eigne Anschauungen und Wagnisse auch eine eigne Sprache zu

erlauben, - dass ich mühselig mit Schopenhauerischen und Kantischen

Formeln fremde und neue Werthschätzungen auszudrücken suchte, welche

dem Geiste Kantens und Schopenhauers, ebenso wie ihrem Geschmacke,

von Grund aus entgegen giengen! Wie dachte doch Schopenhauer über

die Tragödie? "Was allem Tragischen den eigenthümlichen Schwung zur

Erhebung giebt - sagt er, Welt als Wille und Vorstellung II, 495 - ist

das Aufgehen der Erkenntniss, dass die Welt, das Leben kein rechtes

Genügen geben könne, mithin unsrer Anhänglichkeit nicht werth sei:

darin besteht der tragische Geist -, er leitet demnach zur Resignation

hin". Oh wie anders redete Dionysos zu mir! Oh wie ferne war mir

damals gerade dieser ganze Resignationismus! - Aber es giebt etwas

viel Schlimmeres an dem Buche, das ich jetzt noch mehr bedauere, als

mit Schopenhauerischen Formeln dionysische Ahnungen verdunkelt und

verdorben zu haben: dass ich mir nämlich überhaupt das grandiose

griechische Problem, wie mir es aufgegangen war, durch Einmischung der

modernsten Dinge verdarb! Dass ich Hoffnungen anknüpfte, wo Nichts zu

hoffen war, wo Alles allzudeutlich auf ein Ende hinwies! Dass ich, auf

Grund der deutschen letzten Musik, vom "deutschen Wesen" zu fabeln

begann, wie als ob es eben im Begriff sei, sich selbst zu entdecken

und wiederzufinden - und das zu einer Zeit, wo der deutsche Geist, der

nicht vor Langem noch den Willen zur Herrschaft über Europa, die Kraft

zur Führung Europa's gehabt hatte, eben letztwillig und endgültig

abdankte und, unter dem pomphaften Vorwande einer Reichs- Begründung,

seinen Uebergang zur Vermittelmässigung, zur Demokratie und den

"modernen Ideen" machte! In der That, inzwischen lernte ich

hoffnungslos und schonungslos genug von diesem "deutschen Wesen"

denken, insgleichen von der jetzigen deutschen Musik, als welche

Romantik durch und durch ist und die ungriechischeste aller möglichen

Kunstformen: überdies aber eine Nervenverderberin ersten Ranges,

doppelt gefährlich, bei einem Volke, das den Trunk liebt und die

Unklarheit als Tugend ehrt, nämlich in ihrer doppelten Eigenschaft als

berauschendes und zugleich benebelndes Narkotikum. - Abseits freilich

von allen übereilten Hoffnungen und fehlerhaften Nutzanwendungen auf

Gegenwärtigstes, mit denen ich mir damals mein erstes Buch verdarb,

bleibt das grosse dionysische Fragezeichen, wie es darin gesetzt ist,

auch in Betreff der Musik, fort und fort bestehen: wie müsste eine

Musik beschaffen sein, welche nicht mehr romantischen Ursprungs wäre,

gleich der deutschen, - sondern dionysischen? . . .

7.

- Aber, mein Herr, was in aller Welt ist Romantik, wenn nicht Ihr

Buch Romantik ist? Lässt sich der tiefe Hass gegen "Jetztzeit",

"Wirklichkeit" und "moderne Ideen" weiter treiben, als es in Ihrer

Artisten-Metaphysik geschehen ist? - welche lieber noch an das Nichts,

lieber noch an den Teufel, als an das "Jetzt" glaubt? Brummt nicht

ein Grundbass von Zorn und Vernichtungslust unter aller Ihrer

contrapunktischen Stimmen-Kunst und Ohren-Verführerei hinweg, eine

wüthende Entschlossenheit gegen Alles, was "jetzt" ist, ein Wille,

welcher nicht gar zu ferne vom praktischen Nihilismus ist und zu sagen

scheint "lieber mag Nichts wahr sein, als dass ihr Recht hättet,

als dass eure Wahrheit Recht behielte!" Hören Sie selbst, mein Herr

Pessimist und Kunstvergöttlicher, mit aufgeschlossnerem Ohre eine

einzige ausgewählte Stelle Ihres Buches an, jene nicht unberedte

Drachentödter-Stelle, welche für junge Ohren und Herzen verfänglich

rattenfängerisch klingen mag: wie? ist das nicht das ächte rechte

Romantiker-Bekenntniss von 1830, unter der Maske des Pessimismus von

1850 hinter dem auch schon das übliche Romantiker-Finale präludirt,

- Bruch, Zusammenbruch, Rückkehr und Niedersturz vor einem alten

Glauben, vor dem alten Gotte . . . Wie? ist Ihr Pessimisten-Buch nicht

selbst ein Stück Antigriechenthum und Romantik, selbst etwas "ebenso

Berauschendes als Benebelndes", ein Narkotikum jedenfalls, ein Stück

Musik sogar, deutscher Musik? Aber man höre:

"Denken wir uns eine heranwachsende Generation mit dieser

Unerschrockenheit des Blicks, mit diesem heroischen Zug in's

Ungeheure, denken wir uns den kühnen Schritt dieser Drachentödter, die

stolze Verwegenheit, mit der sie allen den Schwächlichkeitsdoktrinen

des Optimismus den Rücken kehren, um im Ganzen und Vollen, resolut zu

leben: sollte es nicht nöthig sein, dass der tragische Mensch dieser

Cultur, bei seiner Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken, eine

neue Kunst, die Kunst des metaphysischen Trostes, die Tragödie als die

ihm zugehörige Helena begehren und mit Faust ausrufen muss:

Und sollt' ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,

In's Leben zieh'n die einzigste Gestalt?"

"Sollte es nicht nöthig sein?" . . . Nein, drei Mal nein! ihr

jungen Romantiker: es sollte nicht nöthig sein! Aber es ist sehr

wahrscheinlich, dass es so endet, dass ihr so endet, nämlich

"getröstet", wie geschrieben steht, trotz aller Selbsterziehung

zum Ernst und zum Schrecken, "metaphysisch getröstet", kurz, wie

Romantiker enden, christlich Nein! Ihr solltet vorerst die Kunst

des diesseitigen Trostes lernen, - ihr solltet lachen lernen, meine

jungen Freunde, wenn anders ihr durchaus Pessimisten bleiben wollt;

vielleicht dass ihr darauf hin, als Lachende, irgendwann einmal alle

metaphysische Trösterei zum Teufel schickt - und die Metaphysik voran!

Oder, um es in der Sprache jenes dionysischen Unholds zu sagen, der

Zarathustra heisst:

"Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch, höher! Und vergesst mir auch

die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser

noch: ihr steht auch auf dem Kopf!"

"Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte

mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter. Keinen

Anderen fand ich heute stark genug dazu."

"Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln

winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig,

ein Selig-Leichtfertiger:" -

"Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein

Ungeduldiger, kein Unbedingter, Einer, der Sprünge und Seitensprünge

liebt: ich selber setzte mir diese Krone auf!"

"Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen

Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig: ihr

höheren Menschen, lernt mir - lachen!"

Vorwort an Richard Wagner.

Um mir alle die möglichen Bedenklichkeiten, Aufregungen und

Missverständnisse ferne zu halten, zu denen die in dieser Schrift

vereinigten Gedanken bei dem eigenthümlichen Character unserer

aesthetischen Oeffentlichkeit Anlass geben werden, und um auch die

Einleitungsworte zu derselben mit der gleichen beschaulichen Wonne

schreiben zu können, deren Zeichen sie selbst, als das Petrefact guter

und erhebender Stunden, auf jedem Blatte trägt, vergegenwärtige ich

mir den Augenblick, in dem Sie, mein hochverehrter Freund, diese

Schrift empfangen werden: wie Sie, vielleicht nach einer abendlichen

Wanderung im Winterschnee, den entfesselten Prometheus auf dem

Titelblatte betrachten, meinen Namen lesen und sofort überzeugt sind,

dass, mag in dieser Schrift stehen, was da wolle, der Verfasser etwas

Ernstes und Eindringliches zu sagen hat, ebenfalls dass er, bei allem,

was er sich erdachte, mit Ihnen wie mit einem Gegenwärtigen verkehrte

und nur etwas dieser Gegenwart Entsprechendes niederschreiben durfte.

Sie werden dabei sich erinnern, dass ich zu gleicher Zeit, als Ihre

herrliche Festschrift über Beethoven entstand, das heisst in den

Schrecken und Erhabenheiten des eben ausgebrochnen Krieges mich zu

diesen Gedanken sammelte. Doch würden diejenigen irren, welche etwa

bei dieser Sammlung an den Gegensatz von patriotischer Erregung und

aesthetischer Schwelgerei, von tapferem Ernst und heiterem Spiel

denken sollten: denen möchte vielmehr, bei einem wirklichen Lesen

dieser Schrift, zu ihrem Erstaunen deutlich werden, mit welchem

ernsthaft deutschen Problem wir zu thun haben, das von uns recht

eigentlich in die Mitte deutscher Hoffnungen, als Wirbel und

Wendepunkt hingestellt wird. Vielleicht aber wird es für eben

dieselben überhaupt anstössig sein, ein aesthetisches Problem so ernst

genommen zu sehn, falls sie nämlich in der Kunst nicht mehr als ein

lustiges Nebenbei, als ein auch wohl zu missendes Schellengeklingel

zum "Ernst des Daseins" zu erkennen im Stande sind: als ob Niemand

wüsste, was es bei dieser Gegenüberstellung mit einem solchen "Ernste

des Daseins" auf sich habe. Diesen Ernsthaften diene zur Belehrung,

dass ich von der Kunst als der höchsten Aufgabe und der eigentlich

metaphysischen Thätigkeit dieses Lebens im Sinne des Mannes überzeugt

bin, dem ich hier, als meinem erhabenen Vorkämpfer auf dieser Bahn,

diese Schrift gewidmet haben will.

Basel, Ende des Jahres 187l.

1.

Wir werden viel für die aesthetische Wissenschaft gewonnen haben,

wenn wir nicht nur zur logischen Einsicht, sondern zur unmittelbaren

Sicherheit der Anschauung gekommen sind, dass die Fortentwickelung

der Kunst an die Duplicität des Apollinischen und des Dionysischen

gebunden ist: in ähnlicher Weise, wie die Generation von der Zweiheit

der Geschlechter, bei fortwährendem Kampfe und nur periodisch

eintretender Versöhnung, abhängt. Diese Namen entlehnen wir von den

Griechen, welche die tiefsinnigen Geheimlehren ihrer Kunstanschauung

zwar nicht in Begriffen, aber in den eindringlich deutlichen Gestalten

ihrer Götterwelt dem Einsichtigen vernehmbar machen. An ihre beiden

Kunstgottheiten, Apollo und Dionysus, knüpft sich unsere Erkenntniss,

dass in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung

und Zielen, zwischen der Kunst des Bildners, der apollinischen, und

der unbildlichen Kunst der Musik, als der des Dionysus, besteht: beide

so verschiedne Triebe gehen neben einander her, zumeist im offnen

Zwiespalt mit einander und sich gegenseitig zu immer neuen kräftigeren

Geburten reizend, um in ihnen den Kampf jenes Gegensatzes zu

perpetuiren, den das gemeinsame Wort "Kunst" nur scheinbar überbrückt;

bis sie endlich, durch einen metaphysischen Wunderakt des hellenischen

"Willens", mit einander gepaart erscheinen und in dieser Paarung

zuletzt das ebenso dionysische als apollinische Kunstwerk der

attischen Tragödie erzeugen.

Um uns jene beiden Triebe näher zu bringen, denken wir sie uns

zunächst als die getrennten Kunstwelten des Traumes und des Rausches;

zwischen welchen physiologischen Erscheinungen ein entsprechender

Gegensatz, wie zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen zu

bemerken ist. Im Traume traten zuerst, nach der Vorstellung des

Lucretius, die herrlichen Göttergestalten vor die Seelen der Menschen,

im Traume sah der grosse Bildner den entzückenden Gliederbau

übermenschlicher Wesen, und der hellenische Dichter, um die

Geheimnisse der poetischen Zeugung befragt, würde ebenfalls an den

Traum erinnert und eine ähnliche Belehrung gegeben haben, wie sie Hans

Sachs in den Meistersingern giebt:

Mein Freund, das grad' ist Dichters Werk,

dass er sein Träumen deut' und merk'.

Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn

wird ihm im Traume aufgethan:

all' Dichtkunst und Poëterei

ist nichts als Wahrtraum-Deuterei.

Der schöne Schein der Traumwelten, in deren Erzeugung jeder Mensch

voller Künstler ist, ist die Voraussetzung aller bildenden Kunst, ja

auch, wie wir sehen werden, einer wichtigen Hälfte der Poesie. Wir

geniessen im unmittelbaren Verständnisse der Gestalt, alle Formen

sprechen zu uns, es giebt nichts Gleichgültiges und Unnöthiges. Bei

dem höchsten Leben dieser Traumwirklichkeit haben wir doch noch die

durchschimmernde Empfindung ihres Scheins: wenigstens ist dies meine

Erfahrung, für deren Häufigkeit, ja Normalität, ich manches Zeugniss

und die Aussprüche der Dichter beizubringen hätte. Der philosophische

Mensch hat sogar das Vorgefühl, dass auch unter dieser Wirklichkeit,

in der wir leben und sind, eine zweite ganz andre verborgen liege,

dass also auch sie ein Schein sei; und Schopenhauer bezeichnet

geradezu die Gabe, dass Einem zu Zeiten die Menschen und alle Dinge

als blosse Phantome oder Traumbilder vorkommen, als das Kennzeichen

philosophischer Befähigung. Wie nun der Philosoph zur Wirklichkeit

des Daseins, so verhält sich der künstlerisch erregbare Mensch zur

Wirklichkeit des Traumes; er sieht genau und gern zu: denn aus diesen

Bildern deutet er sich das Leben, an diesen Vorgängen übt er sich für

das Leben. Nicht etwa nur die angenehmen und freundlichen Bilder sind

es, die er mit jener Allverständigkeit an sich erfährt: auch das

Ernste, Trübe, Traurige, Finstere, die plötzlichen Hemmungen, die

Neckereien des Zufalls, die bänglichen Erwartungen, kurz die ganze

"göttliche Komödie" des Lebens, mit dem Inferno, zieht an ihm vorbei,

nicht nur wie ein Schattenspiel - denn er lebt und leidet mit in

diesen Scenen - und doch auch nicht ohne jene flüchtige Empfindung

des Scheins; und vielleicht erinnert sich Mancher, gleich mir, in den

Gefährlichkeiten und Schrecken des Traumes sich mitunter ermuthigend

und mit Erfolg zugerufen zu haben: "Es ist ein Traum! Ich will ihn

weiter träumen!" Wie man mir auch von Personen erzählt hat, die

die Causalität eines und desselben Traumes über drei und mehr

aufeinanderfolgende Nächte hin fortzusetzen im Stande waren:

Thatsachen, welche deutlich Zeugniss dafür abgeben, dass unser

innerstes Wesen, der gemeinsame Untergrund von uns allen, mit tiefer

Lust und freudiger Nothwendigkeit den Traum an sich erfährt.

Diese freudige Nothwendigkeit der Traumerfahrung ist gleichfalls von

den Griechen in ihrem Apollo ausgedrückt worden: Apollo, als der Gott

aller bildnerischen Kräfte, ist zugleich der wahrsagende Gott. Er, der

seiner Wurzel nach der "Scheinende", die Lichtgottheit ist, beherrscht

auch den schönen Schein der inneren Phantasie-Welt. Die höhere

Wahrheit, die Vollkommenheit dieser Zustände im Gegensatz zu der

lückenhaft verständlichen Tageswirklichkeit, sodann das tiefe

Bewusstsein von der in Schlaf und Traum heilenden und helfenden Natur

ist zugleich das symbolische Analogon der wahrsagenden Fähigkeit und

überhaupt der Künste, durch die das Leben möglich und lebenswerth

gemacht wird. Aber auch jene zarte Linie, die das Traumbild nicht

überschreiten darf, um nicht pathologisch zu wirken, widrigenfalls

der Schein als plumpe Wirklichkeit uns betrügen würde - darf nicht im

Bilde des Apollo fehlen: jene maassvolle Begrenzung, jene Freiheit von

den wilderen Regungen, jene weisheitsvolle Ruhe des Bildnergottes.

Sein Auge muss "sonnenhaft", gemäss seinem Ursprunge, sein; auch wenn

es zürnt und unmuthig blickt, liegt die Weihe des schönen Scheines auf

ihm. Und so möchte von Apollo in einem excentrischen Sinne das gelten,

was Schopenhauer von dem im Schleier der Maja befangenen Menschen

sagt. Welt als Wille und Vorstellung I, S. 416 "Wie auf dem tobenden

Meere, das, nach allen Seiten unbegränzt, heulend Wellenberge erhebt

und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeug

vertrauend; so sitzt, mitten in einer Welt von Qualen, ruhig

der einzelne Mensch, gestützt und vertrauend auf das principium

individuationis". Ja es wäre von Apollo zu sagen, dass in ihm das

unerschütterte Vertrauen auf jenes principium und das ruhige Dasitzen

des in ihm Befangenen seinen erhabensten Ausdruck bekommen habe, und

man möchte selbst Apollo als das herrliche Götterbild des principii

individuationis bezeichnen, aus dessen Gebärden und Blicken die ganze

Lust und Weisheit des "Scheines", sammt seiner Schönheit, zu uns

spräche.

An derselben Stelle hat uns Schopenhauer das ungeheure Grausen

geschildert, welches den Menschen ergreift, wenn er plötzlich an

den Erkenntnissformen der Erscheinung irre wird, indem der Satz vom

Grunde, in irgend einer seiner Gestaltungen, eine Ausnahme zu erleiden

scheint. Wenn wir zu diesem Grausen die wonnevolle Verzückung

hinzunehmen, die bei demselben Zerbrechen des principii

individuationis aus dem innersten Grunde des Menschen, ja der Natur

emporsteigt, so thun wir einen Blick in das Wesen des Dionysischen,

das uns am nächsten noch durch die Analogie des Rausches gebracht

wird. Entweder durch den Einfluss des narkotischen Getränkes, von dem

alle ursprünglichen Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei

dem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des

Frühlings erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung

das Subjective zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet. Auch im

deutschen Mittelalter wälzten sich unter der gleichen dionysischen

Gewalt immer wachsende Schaaren, singend und tanzend, von Ort zu

Ort: in diesen Sanct-Johann- und Sanct-Veittänzern erkennen wir die

bacchischen Chöre der Griechen wieder, mit ihrer Vorgeschichte in

Kleinasien, bis hin zu Babylon und den orgiastischen Sakäen. Es giebt

Menschen, die, aus Mangel an Erfahrung oder aus Stumpfsinn, sich von

solchen Erscheinungen wie von "Volkskrankheiten", spöttisch oder

bedauernd im Gefühl der eigenen Gesundheit abwenden: die Armen

ahnen freilich nicht, wie leichenfarbig und gespenstisch eben diese

ihre "Gesundheit" sich ausnimmt, wenn an ihnen das glühende Leben

dionysischer Schwärmer vorüberbraust.

Unter dem Zauber des Dionysischen schliesst sich nicht nur der Bund

zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete,

feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest

mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen. Freiwillig beut die Erde

ihre Gaben, und friedfertig nahen die Raubthiere der Felsen und der

Wüste. Mit Blumen und Kränzen ist der Wagen des Dionysus überschüttet:

unter seinem Joche schreiten Panther und Tiger. Man verwandele das

Beethoven'sche Jubellied der "Freude" in ein Gemälde und bleibe mit

seiner Einbildungskraft nicht zurück, wenn die Millionen schauervoll

in den Staub sinken: so kann man sich dem Dionysischen nähern. Jetzt

ist der Sclave freier Mann, jetzt zerbrechen alle die starren,

feindseligen Abgrenzungen, die Noth, Willkür oder "freche Mode"

zwischen den Menschen festgesetzt haben. Jetzt, bei dem Evangelium

der Weltenharmonie, fühlt sich Jeder mit seinem Nächsten nicht

nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern eins, als ob der

Schleier der Maja zerrissen wäre und nur noch in Fetzen vor dem

geheimnissvollen Ur-Einen herumflattere. Singend und tanzend äussert

sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das

Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die

Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung.

Wie jetzt die Thiere reden, und die Erde Milch und Honig giebt, so

tönt auch aus ihm etwas Uebernatürliches: als Gott fühlt er sich,

er selbst wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die Götter

im Traume wandeln sah. Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist

Kunstwerk geworden: die Kunstgewalt der ganzen Natur, zur höchsten

Wonnebefriedigung des Ur-Einen, offenbart sich hier unter den Schauern

des Rausches. Der edelste Thon, der kostbarste Marmor wird hier

geknetet und behauen, der Mensch, und zu den Meisselschlägen des

dionysischen Weltenkünstlers tönt der eleusinische Mysterienruf: "Ihr

stürzt nieder, Millionen? Ahnest du den Schöpfer, Welt?" -

2.

Wir haben bis jetzt das Apollinische und seinen Gegensatz, das

Dionysische, als künstlerische Mächte betrachtet, die aus der Natur

selbst, ohne Vermittelung des menschlichen Künstlers, hervorbrechen,

und in denen sich ihre Kunsttriebe zunächst und auf directem

Wege befriedigen: einmal als die Bilderwelt des Traumes, deren

Vollkommenheit ohne jeden Zusammenhang mit der intellectuellen Höhe

oder künstlerischen Bildung des Einzelnen ist, andererseits als

rauschvolle Wirklichkeit, die wiederum des Einzelnen nicht achtet,

sondern sogar das Individuum zu vernichten und durch eine mystische

Einheitsempfindung zu erlösen sucht. Diesen unmittelbaren

Kunstzuständen der Natur gegenüber ist jeder Künstler "Nachahmer",

und zwar entweder apollinischer Traumkünstler oder dionysischer

Rauschkünstler oder endlich - wie beispielsweise in der griechischen

Tragödie - zugleich Rausch- und Traumkünstler: als welchen wir uns

etwa zu denken haben, wie er, in der dionysischen Trunkenheit und

mystischen Selbstentäusserung, einsam und abseits von den schwärmenden

Chören niedersinkt und wie sich ihm nun, durch apollinische

Traumeinwirkung, sein eigener Zustand d.h. seine Einheit mit dem

innersten Grunde der Welt in einem gleichnissartigen Traumbilde

offenbart.

Nach diesen allgemeinen Voraussetzungen und Gegenüberstellungen nahen

wir uns jetzt den Griechen, um zu erkennen, in welchem Grade und bis

zu welcher Höhe jene Kunsttriebe der Natur in ihnen entwickelt gewesen

sind: wodurch wir in den Stand gesetzt werden, das Verhältniss

des griechischen Künstlers zu seinen Urbildern, oder, nach dem

aristotelischen Ausdrucke, "die Nachahmung der Natur" tiefer zu

verstehn und zu würdigen. Von den Träumen der Griechen ist trotz

aller Traumlitteratur derselben und zahlreichen Traumanecdoten nur

vermuthungsweise, aber doch mit ziemlicher Sicherheit zu sprechen: bei

der unglaublich bestimmten und sicheren plastischen Befähigung ihres

Auges, sammt ihrer hellen und aufrichtigen Farbenlust, wird man sich

nicht entbrechen können, zur Beschämung aller Spätergeborenen, auch

für ihre Träume eine logische Causalität der Linien und Umrisse,

Farben und Gruppen, eine ihren besten Reliefs ähnelnde Folge

der Scenen vorauszusetzen, deren Vollkommenheit uns, wenn eine

Vergleichung möglich wäre, gewiss berechtigen würde, die träumenden

Griechen als Homere und Homer als einen träumenden Griechen zu

bezeichnen: in einem tieferen Sinne als wenn der moderne Mensch sich

hinsichtlich seines Traumes mit Shakespeare zu vergleichen wagt.

Dagegen brauchen wir nicht nur vermuthungsweise zu sprechen, wenn

die ungeheure Kluft aufgedeckt werden soll, welche die dionysischen

Griechen von den dionysischen Barbaren trennt. Aus allen Enden der

alten Welt - um die neuere hier bei Seite zu lassen - von Rom bis

Babylon können wir die Existenz dionysischer Feste nachweisen, deren

Typus sich, besten Falls, zu dem Typus der griechischen verhält,

wie der bärtige Satyr, dem der Bock Namen und Attribute verlieh, zu

Dionysus selbst. Fast überall lag das Centrum dieser Feste in einer

überschwänglichen geschlechtlichen Zuchtlosigkeit, deren Wellen über

jedes Familienthum und dessen ehrwürdige Satzungen hinweg flutheten;

gerade die wildesten Bestien der Natur wurden hier entfesselt, bis

zu jener abscheulichen Mischung von Wollust und Grausamkeit, die mir

immer als der eigentliche "Hexentrank" erschienen ist. Gegen die

fieberhaften Regungen jener Feste, deren Kenntniss auf allen Land- und

Seewegen zu den Griechen drang, waren sie, scheint es, eine Zeit lang

völlig gesichert und geschützt durch die hier in seinem ganzen Stolz

sich aufrichtende Gestalt des Apollo, der das Medusenhaupt keiner

gefährlicheren Macht entgegenhalten konnte als dieser fratzenhaft

ungeschlachten dionysischen. Es ist die dorische Kunst, in der

sich jene majestätisch-ablehnende Haltung des Apollo verewigt hat.

Bedenklicher und sogar unmöglich wurde dieser Widerstand, als endlich

aus der tiefsten Wurzel des Hellenischen heraus sich ähnliche Triebe

Bahnbrachen: jetzt beschränkte sich das Wirken des delphischen

Gottes darauf, dem gewaltigen Gegner durch eine zur rechten Zeit

abgeschlossene Versöhnung die vernichtenden Waffen aus der Hand zu

nehmen. Diese Versöhnung ist der wichtigste Moment in der Geschichte

des griechischen Cultus: wohin man blickt, sind die Umwälzungen

dieses Ereignisses sichtbar. Es war die Versöhnung zweier Gegner, mit

scharfer Bestimmung ihrer von jetzt ab einzuhaltenden Grenzlinien und

mit periodischer Uebersendung von Ehrengeschenken; im Grunde war die

Kluft nicht überbrückt. Sehen wir aber, wie sich unter dem Drucke

jenes Friedensschlusses die dionysische Macht offenbarte, so erkennen

wir jetzt, im Vergleiche mit jenen babylonischen Sakäen und ihrem

Rückschritte des Menschen zum Tiger und Affen, in den dionysischen

Orgien der Griechen die Bedeutung von Welterlösungsfesten und

Verklärungstagen.

Erst bei ihnen erreicht die Natur ihren künstlerischen Jubel, erst

bei ihnen wird die Zerreissung des principii individuationis ein

künstlerisches Phänomen. Jener scheussliche Hexentrank aus Wollust

und Grausamkeit war hier ohne Kraft: nur die wundersame Mischung und

Doppelheit in den Affecten der dionysischen Schwärmer erinnert an ihn

- wie Heilmittel an tödtliche Gifte erinnern -, jene Erscheinung,

dass Schmerzen Lust erwecken, dass der Jubel der Brust qualvolle Töne

entreisst. Aus der höchsten Freude tönt der Schrei des Entsetzens oder

der sehnende Klagelaut über einen unersetzlichen Verlust. In jenen

griechischen Festen bricht gleichsam ein sentimentalischer Zug der

Natur hervor, als ob sie über ihre Zerstückelung in Individuen zu

seufzen habe. Der Gesang und die Gebärdensprache solcher zwiefach

gestimmter Schwärmer war für die homerisch- griechische Welt etwas

Neues und Unerhörtes: und insbesondere erregte ihr die dionysische

Musik Schrecken und Grausen. Wenn die Musik scheinbar bereits als

eine apollinische Kunst bekannt war, so war sie dies doch nur, genau

genommen, als Wellenschlag des Rhythmus, dessen bildnerische Kraft zur

Darstellung apollinischer Zustände entwickelt wurde. Die Musik des

Apollo war dorische Architektonik in Tönen, aber in nur angedeuteten

Tönen, wie sie der Kithara zu eigen sind. Behutsam ist gerade das

Element, als unapollinisch, ferngehalten, das den Charakter der

dionysischen Musik und damit der Musik überhaupt ausmacht, die

erschütternde Gewalt des Tones, der einheitliche Strom des Melos und

die durchaus unvergleichliche Welt der Harmonie. Im dionysischen

Dithyrambus wird der Mensch zur höchsten Steigerung aller seiner

symbolischen Fähigkeiten gereizt; etwas Nieempfundenes drängt sich zur

Aeusserung, die Vernichtung des Schleiers der Maja, das Einssein als

Genius der Gattung, ja der Natur. Jetzt soll sich das Wesen der Natur

symbolisch ausdrücken; eine neue Welt der Symbole ist nöthig, einmal

die ganze leibliche Symbolik, nicht nur die Symbolik des Mundes, des

Gesichts, des Wortes, sondern die volle, alle Glieder rhythmisch

bewegende Tanzgebärde. Sodann wachsen die anderen symbolischen Kräfte,

die der Musik, in Rhythmik, Dynamik und Harmonie, plötzlich ungestüm.

Um diese Gesammtentfesselung aller symbolischen Kräfte zu fassen, muss

der Mensch bereits auf jener Höhe der Selbstentäusserung angelangt

sein, die in jenen Kräften sich symbolisch aussprechen will: der

dithyrambische Dionysusdiener wird somit nur von Seinesgleichen

verstanden! Mit welchem Erstaunen musste der apollinische Grieche auf

ihn blicken! Mit einem Erstaunen, das um so grösser war, als sich ihm

das Grausen beimischte, dass ihm jenes Alles doch eigentlich so fremd

nicht sei, ja dass sein apollinisches Bewusstsein nur wie ein Schleier

diese dionysische Welt vor ihm verdecke.

3.

Um dies zu begreifen, müssen wir jenes kunstvolle Gebäude der

apollinischen Cultur gleichsam Stein um Stein abtragen, bis wir die

Fundamente erblicken, auf die es begründet ist. Hier gewahren wir nun

zuerst die herrlichen olympischen Göttergestalten, die auf den Giebeln

dieses Gebäudes stehen, und deren Thaten in weithin leuchtenden

Reliefs dargestellt seine Friese zieren. Wenn unter ihnen auch Apollo

steht, als eine einzelne Gottheit neben anderen und ohne den Anspruch

einer ersten Stellung, so dürfen wir uns dadurch nicht beirren lassen.

Derselbe Trieb, der sich in Apollo versinnlichte, hat überhaupt jene

ganze olympische Welt geboren, und in diesem Sinne darf uns Apollo als

Vater derselben gelten. Welches war das ungeheure Bedürfniss, aus dem

eine so leuchtende Gesellschaft olympischer Wesen entsprang?

Wer, mit einer anderen Religion im Herzen, an diese Olympier

herantritt und nun nach sittlicher Höhe, ja Heiligkeit, nach

unleiblicher Vergeistigung, nach erbarmungsvollen Liebesblicken bei

ihnen sucht, der wird unmuthig und enttäuscht ihnen bald den Rücken

kehren müssen. Hier erinnert nichts an Askese, Geistigkeit und

Pflicht: hier redet nur ein üppiges, ja triumphirendes Dasein zu

uns, in dem alles Vorhandene vergöttlicht ist, gleichviel ob es gut

oder böse ist. Und so mag der Beschauer recht betroffen vor diesem

phantastischen Ueberschwang des Lebens stehn, um sich zu fragen, mit

welchem Zaubertrank im Leibe diese übermüthigen Menschen das Leben

genossen haben mögen, dass, wohin sie sehen, Helena, das "in süsser

Sinnlichkeit schwebende" Idealbild ihrer eignen Existenz, ihnen

entgegenlacht. Diesem bereits rückwärts gewandten Beschauer müssen

wir aber zurufen: "Geh' nicht von dannen, sondern höre erst, was die

griechische Volksweisheit von diesem selben Leben aussagt, das sich

hier mit so unerklärlicher Heiterkeit vor dir ausbreitet. Es geht die

alte Sage, dass König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem

Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als

er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für

den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und

unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König gezwungen,

endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: `Elendes

Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du

mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Erspriesslichste

ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren

zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für

dich - bald zu sterben`."

Wie verhält sich zu dieser Volksweisheit die olympische Götterwelt?

Wie die entzückungsreiche Vision des gefolterten Märtyrers zu seinen

Peinigungen.

Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik · 第 1 / 12 段