Kurz nach Weihnachten starb der Herrenreiter ... Aber vorher spielte
eben noch Weihnachten sich ab, diese beiden Festtage, oder, wenn man den
Tag des heiligen Abends mitzählte, diese drei, denen Hans Castorp mit
einigem Schrecken und der kopfschüttelnden Erwartung entgegengesehen
hatte, wie sie sich hier wohl ausnehmen würden, und die dann, als
natürliche Tage mit Morgen, Mittag, Abend und mittlerer Zufallswitterung
(es taute etwas), auch nicht anders, als andere ihrer Gattung,
heraufgekommen und verblichen waren: – äußerlich ein wenig geschmückt
und ausgezeichnet, hatten sie während der ihnen zugemessenen Frist ihre
Bewußtseinsherrschaft in den Köpfen und Herzen der Menschen geübt und
waren unter Zurücklassung eines Niederschlages unalltäglicher Eindrücke
zu naher und fernerer Vergangenheit geworden ...
Der Sohn des Hofrates, Knut mit Namen, kam auf Ferienbesuch und wohnte
bei seinem Vater im Seitenflügel, – ein hübscher, junger Mann, dem aber
ebenfalls schon der Nacken etwas zu sehr heraustrat. Man spürte die
Anwesenheit des jungen Behrens in der Atmosphäre; die Damen legten
Lachlust, Putzsucht und Reizbarkeit an den Tag, und in ihren Gesprächen
handelte es sich um Begegnungen mit Knut im Garten, im Walde oder im
Kurhausviertel. Übrigens erhielt er selbst Besuch: eine Anzahl seiner
Universitätskameraden kam in das Tal herauf, sechs oder sieben
Studenten, die im Orte wohnten, aber beim Hofrat die Mahlzeiten nahmen
und, zum Trupp verbunden, mit ihrem Kommilitonen die Gegend
durchstreiften. Hans Castorp mied sie. Er mied diese jungen Leute und
wich ihnen mit Joachim aus, wenn es nötig war, unlustig, ihnen zu
begegnen. Den Zugehörigen Derer hier oben trennte eine Welt von diesen
Sängern, Wanderern und Stöckeschwingern, er wollte von ihnen nichts
hören und wissen. Außerdem schienen die meisten von ihnen aus dem Norden
zu stammen, womöglich waren Landsleute darunter, und Hans Castorp fühlte
die größte Scheu vor Landsleuten, oft erwog er mit Widerwillen die
Möglichkeit, daß irgendwelche Hamburger im „Berghof“ eintreffen könnten,
zumal Behrens gesagt hatte, diese Stadt stelle der Anstalt immer ein
stattliches Kontingent. Vielleicht befanden sich welche unter den
Schweren und Moribunden, die man nicht sah. Zu sehen war nur ein
hohlwangiger Kaufmann, der seit ein paar Wochen am Tische der Iltis saß,
und der aus Cuxhaven sein sollte. Hans Castorp freute sich im Hinblick
auf ihn, daß man mit Nicht-Tischgenossen hierorts so schwer in Berührung
kam, und ferner darüber, daß sein Heimatsgebiet groß und sphärenreich
war. Die gleichgültige Anwesenheit dieses Kaufmanns entkräftete in hohem
Grade die Besorgnisse, die er an das Vorkommen von Hamburgern hier oben
geknüpft hatte.
Der heilige Abend also näherte sich, stand eines Tages vor der Tür und
hatte am nächsten Tage Gegenwart gewonnen ... Es waren noch reichlich
sechs Wochen bis zu ihm gewesen, damals, als Hans Castorp sich gewundert
hatte, daß man hier schon von Weihnachten sprach: so viel Zeit also
noch, rechnerisch genommen, wie die ganze Dauer seines Aufenthalts nach
ihrer ursprünglichen Veranschlagung, zusammen mit der Dauer seiner
Bettlägrigkeit betragen hatte. Trotzdem war das damals eine große Menge
Zeit gewesen, namentlich die erste Hälfte, wie es Hans Castorp
nachträglich schien, – während die rechnerisch gleiche Menge jetzt sehr
wenig bedeutete, beinahe nichts: die im Speisesaal, so fand er nun,
hatten recht gehabt, sie so gering zu achten. Sechs Wochen, nicht einmal
so viele also, wie die Woche Tage hatte: was war auch das in Anbetracht
der weiteren Frage, was denn so eine Woche, so ein kleiner Rundlauf vom
Montag zum Sonntag und wieder Montag war. Man brauchte nur immer nach
Wert und Bedeutung der nächstkleineren Einheit zu fragen, um zu
verstehen, daß bei der Summierung nicht viel herauskommen konnte, deren
Wirkung überdies und zugleich ja auch eine sehr starke Verkürzung,
Verwischung, Schrumpfung und Zernichtung war. Was war ein Tag, gerechnet
etwa von dem Augenblick an, wo man sich zum Mittagessen setzte, bis zu
dem Wiedereintritt dieses Augenblicks in vierundzwanzig Stunden? Nichts,
– obgleich es doch vierundzwanzig Stunden waren. Was war denn aber auch
eine Stunde, verbracht etwa in der Liegekur, auf einem Spaziergang oder
beim Essen, – womit die Möglichkeiten, diese Einheit zu verbringen, so
gut wie erschöpft waren? Wiederum nichts. Aber die Summierung des Nichts
war wenig ernst ihrer Natur nach. Am ernstesten wurde die Sache, wenn
man ins Kleinste stieg: jene sieben mal sechzig Sekunden, während derer
man das Thermometer zwischen den Lippen hielt, um die Kurve fortführen
zu können, waren überaus zählebig und gewichtig; sie weiteten sich zu
einer kleinen Ewigkeit, bildeten Einlagerungen von höchster Solidität in
dem schattenhaften Huschen der großen Zeit ...
Das Fest vermochte die Lebensordnung der Berghofbewohner kaum zu stören.
Eine wohlgewachsene Tanne war schon einige Tage zuvor an der rechten
Schmalseite des Speisesaals, beim Schlechten Russentisch, aufgerichtet
worden, und ihr Duft, der durch den Brodem der reichen Gänge hindurch
die Speisenden zuweilen berührte, rief etwas wie Nachdenklichkeit in den
Augen einzelner Personen an den sieben Tischen hervor. Beim Abendessen
des 24. Dezembers zeigte der Baum sich bunt geschmückt mit Lametta,
Glaskugeln, vergoldeten Tannenzapfen, kleinen Äpfeln, die in Netzen
hingen, und vielerlei Konfekt, und seine farbigen Wachskerzen brannten
während der Mahlzeit und nachher. Auch in den Zimmern der Bettlägrigen,
hieß es, brannten Bäumchen; jedes hatte das seine. Und die Paketpost war
reich gewesen schon in den letzten Tagen. Auch Joachim Ziemßen und Hans
Castorp hatten Sendungen aus der fernen und tiefen Heimat bekommen,
sorglich verpackte Bescherungen, die sie in ihren Zimmern ausgebreitet
hatten: sinnreiche Kleidungsstücke, Krawatten, Luxusgegenstände in Leder
und Nickel, sowie viel Festgebäck, Nüsse, Äpfel und Marzipan, – Vorräte,
die die Vettern mit zweifelnden Blicken betrachteten, indem sie sich
fragten, wann hier je der Augenblick kommen werde, davon zu genießen.
Schalleen hatte Hans Castorps Paket hergestellt, wie er wußte, und auch,
nach sachlicher Besprechung mit den Onkeln, die Geschenke besorgt. Ein
Brief von James Tienappel lag bei, auf dickem Privatpapier, doch in
Maschinenschrift. Der Onkel übermittelte darin des Großonkels und seine
eigenen Fest- und Genesungswünsche und fügte aus praktischen Gründen
gleich die nächstens fälligen Neujahrsgratulationen hinzu, wie übrigens
auch Hans Castorp verfahren war, als er rechtzeitig seinen
Weihnachtsbrief nebst klinischem Rapport an Konsul Tienappel liegend
aufgesetzt hatte.
Der Baum im Speisesaal brannte, knisterte, duftete und hielt in den
Köpfen und Herzen das Bewußtsein der Stunde wach. Man hatte Toilette
gemacht, die Herren trugen Gesellschaftsanzug, man sah an den Frauen
Schmuckstücke, die ihnen von liebender Gattenhand aus den Ländern der
Ebene gekommen sein mochten. Auch Clawdia Chauchat hatte den
ortsüblichen Wollsweater gegen ein Salonkleid vertauscht, das aber einen
Stich ins Willkürliche oder vielmehr ins Nationale hatte: es war ein
helles, gesticktes Gürtelkostüm von bäuerlich-russischem, oder doch
balkanischem, vielleicht bulgarischem Grundcharakter, mit kleinen
Goldflittern besetzt, dessen Faltigkeit ihrer Erscheinung eine ungewohnt
weiche Fülle verlieh und ausgezeichnet mit dem zusammenstimmte, was
Settembrini ihre „tatarische Physiognomie“, insbesondere ihre
„Steppenwolfslichter“ zu nennen beliebte. Man war sehr heiter am Guten
Russentisch; dort zuerst knallte der Champagner, der dann fast an allen
Tischen getrunken wurde. An dem der Vettern war es die Großtante, die
ihn für ihre Nichte und für Marusja bestellte, und sie traktierte alle
damit. Das Menü war gewählt, es endete mit Käsegebäck und Bonbons; man
schloß Kaffee an und Liköre, und dann und wann rief ein aufflammender
Tannenzweig, der Löscharbeit forderte, eine schrille, übermäßige Panik
hervor. Settembrini, gekleidet wie immer, saß gegen Ende des Festessens
eine Weile mit seinem Zahnstocher am Tische der Vettern, hänselte Frau
Stöhr und sprach dann einiges über den Tischlerssohn und
Menschheits-Rabbi, dessen Geburtstag man heute fingiere. Ob jener
wirklich gelebt habe, sei ungewiß. Was aber damals geboren worden sei
und seinen bis heute ununterbrochenen Siegeslauf begonnen habe, das sei
die Idee des Wertes der Einzelseele, zusammen mit der der Gleichheit
gewesen, – mit einem Worte die individualistische Demokratie. In diesem
Sinne leere er das Glas, das man ihm zugeschoben. Frau Stöhr fand seine
Ausdrucksweise „equivok und gemütlos“. Sie erhob sich unter Protest, und
da man ohnedies die Gesellschaftsräume aufzusuchen begonnen hatte, so
folgten die Tischgenossen ihrem Beispiel.
Die Geselligkeit dieses Abends erhielt Gewicht und Leben durch die
Überreichung der Geschenke an den Hofrat, der mit Knut und der Mylendonk
auf eine halbe Stunde herüberkam. Die Handlung vollzog sich in dem Salon
mit den optischen Scherzapparaten. Die Sondergabe der Russen bestand in
etwas Silbernem, einem sehr großen, runden Teller, in dessen Mitte das
Monogramm des Empfängers eingraviert war, und dessen vollkommene
Unverwendbarkeit in die Augen sprang. Auf der Chaiselongue, die die
übrigen Gäste gestiftet hatten, konnte man wenigstens liegen, obgleich
sie noch ohne Decke und Kissen war, nur eben mit Tuch überzogen. Doch
war ihr Kopfende verstellbar, und Behrens probierte ihre Bequemlichkeit,
indem er sich, seinen nutzlosen Teller unter dem Arm, der Länge nach
darauf ausstreckte, die Augen schloß und zu schnarchen begann wie ein
Sägewerk, unter der Angabe, er sei Fafnir mit dem Hort. Der Jubel war
allgemein. Auch Frau Chauchat lachte sehr über diese Aufführung, wobei
ihre Augen sich zusammenzogen und ihr Mund offen stand, beides genau auf
dieselbe Weise, so fand Hans Castorp, wie es bei Pribislav Hippe, wenn
er lachte, der Fall gewesen war.
Gleich nach dem Abgange des Chefs setzte man sich an die Spieltische.
Die russische Gesellschaft bezog, wie immer, den kleinen Salon. Einige
Gäste umstanden im Saale den Weihnachtsbaum, sahen dem Erlöschen der
Lichtstümpfchen in ihren kleinen Metallhülsen zu und naschten von dem
Aufgehängten. An den Tischen, die schon für das erste Frühstück gedeckt
waren, saßen vereinzelte Personen, weit voneinander entfernt,
verschiedentlich aufgestützt, in getrenntem Schweigen.
Der erste Weihnachtstag war feucht und neblig. Es seien Wolken, sagte
Behrens, in denen man sitze; Nebel gäbe es nicht hier oben. Aber Wolken
oder Nebel, auf jeden Fall war die Nässe empfindlich. Der liegende
Schnee taute oberflächlich an, wurde porös und klebrig. Gesicht und
Hände erstarrten im Kurdienst weit peinlicher als bei sonnigem Frost.
Der Tag war ausgezeichnet durch eine musikalische Veranstaltung am
Abend, ein richtiges Konzert mit Stuhlreihen und gedruckten Programmen,
das Denen hier oben vom Hause „Berghof“ geboten wurde. Es war ein
Liederabend, gegeben von einer am Orte ansässigen und Unterricht
erteilenden Berufssängerin mit zwei Medaillen seitlich unter dem
Ausschnitt ihres Ballkleides, Armen, die Stöcken glichen, und einer
Stimme, deren eigentümliche Tonlosigkeit über die Gründe ihrer
Ansiedelung hier oben betrübende Auskunft gab. Sie sang:
„Ich trage meine Minne
mit mir herum.“
Der Pianist, der sie begleitete, war ebenfalls ortsansässig ... Frau
Chauchat saß in der ersten Reihe, benutzte jedoch die Pause, um sich
zurückzuziehen, so daß Hans Castorp von da an der Musik (es war Musik
unter allen Umständen) mit ruhigem Herzen lauschen konnte, indem er
während des Gesanges den Text der Lieder mitlas, der auf dem Programm
gedruckt stand. Eine Weile saß Settembrini an seiner Seite, verschwand
aber ebenfalls, nachdem er über den dumpfen _bel canto_ der Ansässigen
einiges Pralle, Plastische angemerkt und sein satirisches Behagen
darüber ausgedrückt, daß man auch heute abend so treu und traulich unter
sich sei. Die Wahrheit zu sagen, spürte Hans Castorp Erleichterung, als
sie beide fort waren, die Schmaläugige und der Pädagog, und er in
Freiheit den Liedern seine Aufmerksamkeit widmen konnte. Er fand es gut,
daß in der ganzen Welt und noch unter den besondersten Umständen Musik
gemacht wurde, wahrscheinlich sogar auf Polarexpeditionen.
Der zweite Weihnachtstag unterschied sich durch nichts mehr, als durch
das leichte Bewußtsein seiner Gegenwart, von einem gewöhnlichen Sonn-
oder auch nur Wochentag, und als er vorüber war, da lag das
Weihnachtsfest im Vergangenen, – oder, ebenso richtig, es lag wieder in
ferner Zukunft, in jahresferner: zwölf Monate waren nun wieder bis
dahin, wo es sich im Kreislauf erneuern würde, – schließlich nur sieben
Monate mehr, als Hans Castorp hier schon verbracht hatte.
Aber gleich nach dem diesjährigen Weihnachten, noch vor Neujahr, starb
denn also der Herrenreiter. Die Vettern erfuhren es von Alfreda
Schildknecht, genannt Schwester Berta, der Pflegerin des armen Fritz
Rotbein, die ihnen das diskrete Vorkommnis auf dem Gange erzählte. Hans
Castorp nahm eindringlich Anteil daran, teils weil die Lebensäußerungen
des Herrenreiters zu den ersten Eindrücken gehört hatten, die er hier
oben empfangen, – zu denen, die zuerst, wie ihm schien, den Wärmereflex
in seiner Gesichtshaut hervorgerufen hatten, der seitdem nicht mehr
daraus hatte weichen wollen, – teils aus moralischen, man möchte sagen:
geistlichen Gründen. Er hielt Joachim lange im Gespräch mit der
Diakonissin fest, die Ansprache und Austausch mit klammernder
Dankbarkeit genoß. Es sei ein Wunder, sagte sie, daß der Herrenreiter
das Fest noch erlebt habe. Längst habe er sich als zäher Kavalier
erwiesen gehabt, allein womit er zuletzt noch geatmet, sei keinem
begreiflich gewesen. Seit Tagen schon habe er sich freilich nur mit
Hilfe gewaltiger Mengen Sauerstoffes gehalten: gestern allein habe er
vierzig Ballons konsumiert, das Stück zu sechs Franken. Das müsse ins
Geld gelaufen sein, wie die Herren sich ausrechnen könnten, und dabei
sei zu bedenken, daß seine Gemahlin, in deren Armen er danach
verschieden, völlig mittellos hinterbleibe. Joachim mißbilligte diesen
Aufwand. Wozu die Quälerei und kostspielig künstliche Hinfristung in
einem ganz aussichtslosen Fall? Dem Mann sei es nicht zu verargen, daß
er das teure Lebensgas blindlings verzehrt, da man es ihm aufgenötigt
hatte. Dagegen die Behandelnden hätten vernünftiger denken und ihn in
Gottes Namen seines unvermeidlichen Weges ziehen lassen sollen, ganz
abgesehen von den Verhältnissen und gar nun mit Rücksicht auf diese. Die
Lebenden hätten doch auch ein Recht und so weiter. Dem widersprach Hans
Castorp mit Nachdruck. Sein Vetter rede ja fast schon wie Settembrini,
ohne Achtung und Scheu vor dem Leiden. Der Herrenreiter sei doch am Ende
gestorben, da höre der Spaß auf, man könne nichts weiter tun, um seinen
Ernst zu erweisen, und einem Sterbenden gebühre jeder Respekt und
Ehrenaufwand, darauf bestehe Hans Castorp. Er wolle nur hoffen, daß
Behrens den Herrenreiter zuletzt nicht angeschrien und pietätloserweise
gescholten habe? Kein Anlaß, erklärte die Schildknecht. Einen kleinen,
unbesonnenen Versuch zu entwischen habe der Herrenreiter zwar zuletzt
noch gemacht und aus dem Bett springen wollen; aber ein leichter Hinweis
auf die Zwecklosigkeit solchen Beginnens habe genügt, ihn ein für
allemal davon abstehen zu lassen.
Hans Castorp nahm den Verblichenen in Augenschein. Er tat es aus Trotz
gegen das herrschende System der Verheimlichung, weil er das egoistische
Nichts-wissen-, Nichts-sehen-und-hören-wollen der andern verachtete und
ihm durch die Tat zu widersprechen wünschte. Bei Tische hatte er den
Todesfall zur Sprache zu bringen versucht, war aber auf einmütige und so
verstockte Ablehnung dieses Themas gestoßen, daß es ihn beschämt und
empört hatte. Frau Stöhr war geradezu grob geworden. Was ihm einfalle,
von so etwas anzufangen, hatte sie gefragt, und was er denn eigentlich
für eine Kinderstube genossen. Die Ordnung des Hauses schütze sie, die
Patientenschaft, sorgfältig davor, von solchen Geschichten berührt zu
werden, und da komme nun so ein Grünschnabel und rede ganz laut davon,
noch dazu beim Braten und dazu wieder in Gegenwart des Dr. Blumenkohl,
den es täglich ereilen könne. (Dies hinter der Hand.) Wiederhole sich
das, so werde sie klagbar werden. Da war es, daß der Gescholtene den
Entschluß gefaßt und ihm auch Ausdruck verliehen hatte, für seine Person
dem abgeschiedenen Hausgenossen durch einen Besuch und stille
Andachtsverrichtung an seinem Lager die letzte Ehre zu erweisen, und
auch Joachim hatte er bestimmt, das zu tun.
Durch Vermittlung Schwester Alfredas erlangten sie Eintritt in das
Sterbezimmer, das im ersten Stock unter ihren eigenen Zimmern gelegen
war. Die Witwe empfing sie, eine kleine, zerzauste, von Nachtwachen
mitgenommene Blonde, das Taschentuch vor dem Munde, mit roter Nase und
in dickem Plaidmantel, dessen Kragen sie aufgestellt hatte, denn es war
sehr kalt im Zimmer. Die Heizung war abgestellt, die Balkontür offen.
Gedämpft sagten die jungen Leute das Erforderliche und gingen dann,
durch eine Handbewegung schmerzlich eingeladen, durch das Zimmer zum
Bett, – mit ehrerbietig vorwärts wiegenden Schritten gingen sie, ohne
Benutzung der Stiefelabsätze, und standen in Betrachtung am Lager des
Toten, ein jeder nach seiner Art: Joachim dienstlich geschlossen, in
salutierender Halbverbeugung, Hans Castorp gelöst und versunken, die
Hände vor sich gekreuzt, den Kopf auf der Schulter, mit einer Miene,
ähnlich derjenigen, mit der er Musik zu hören pflegte. Des Herrenreiters
Kopf lag hoch gebettet, so daß der Körper, dieser lange Aufbau und
vielfache Zeugungskreis des Lebens, mit der Erhöhung der Füße am Ende
unter der Decke, desto flacher, fast brettartig flach erschien. Ein
Blumengewinde lag in der Gegend der Knie, und der daraus hervorragende
Palmzweig berührte die großen, gelben, knöchernen Hände, die auf der
eingefallenen Brust gefaltet waren. Gelb und knöchern war auch das
Gesicht mit dem kahlen Schädel, der gehöckerten Nase, den scharfen
Backenknochen und dem buschigen, rotblonden Schnurrbart, dessen Dicke
die grauen, stoppligen Höhlen der Wangen noch stärker vertiefte. Die
Augen waren auf eine gewisse unnatürlich feste Weise geschlossen, –
zugedrückt, mußte Hans Castorp denken, nicht zugemacht: den letzten
Liebesdienst nannte man das, obgleich es im Sinne der Überlebenden mehr,
als um des Toten willen geschah. Auch mußte es beizeiten, gleich nach
dem Tode geschehen; denn wenn erst die Myosinbildung in den Muskeln
vorgeschritten war, so ging es nicht mehr, und er lag und starrte, und
um die sinnige Vorstellung des „Schlummers“ war es getan.
Sachkundig und in mehr als einer Beziehung in seinem Elemente stand Hans
Castorp am Lager, bewandert, aber fromm. „Er scheint zu schlafen“, sagte
er aus Menschlichkeit, obgleich große Unterschiede vorhanden waren. Und
dann begann er mit schicklich gedämpfter Stimme ein Gespräch mit der
Witwe des Herrenreiters, zog über die Leidensgeschichte ihres Gatten,
seine letzten Tage und Augenblicke, den zu bewerkstelligenden Transport
des Körpers nach Kärnten Erkundigungen ein, die von einer teils
medizinischen, teils geistlich-sittlichen Teilnahme und Eingeweihtheit
zeugten. Die Witwe, in ihrer österreichisch schleppenden und näselnden
Sprechweise und zuweilen aufschluchzend, fand es bemerkenswert, daß
junge Leute zur Beschäftigung mit fremdem Kummer sich so aufgelegt
zeigten; worauf Hans Castorp erwiderte, sein Vetter und er, sie seien ja
selber krank, überdies habe er, für seine Person, frühe an den
Sterbebetten naher Angehöriger gestanden, er sei Doppelwaise, von langer
Hand her sei ihm der Tod vertraut, sozusagen. Welchen Beruf er gewählt
habe, fragte sie. Er antwortete, er sei Techniker „gewesen“. – Gewesen?
– Gewesen insofern, als nun ja die Krankheit und ein noch recht
unbestimmt begrenzter Aufenthalt hier oben dazwischengekommen sei, was
doch einen bedeutenden Einschnitt und möglicherweise etwas wie einen
Lebenswendepunkt darstelle, was könne man wissen. (Joachim sah ihn mit
forschendem Schrecken an.) Und sein Herr Vetter? – Der wolle Soldat sein
im Tieflande, er sei Offiziersaspirant. – Oh, sagte sie, das
Kriegerhandwerk sei freilich auch ein Beruf, der zum Ernst anhalte, ein
Soldat müsse damit rechnen, unter Umständen mit dem Tode in nahe
Berührung zu kommen und tue wohl gut, sich frühzeitig an seinen Anblick
zu gewöhnen. Sie beurlaubte die jungen Leute mit Dank und freundlicher
Fassung, die Achtung erwecken mußte in Anbetracht ihrer beklommenen Lage
und besonders der hohen Oxygenrechnung, die der Gatte zurückgelassen.
Die Vettern kehrten in ihr Stockwerk zurück. Hans Castorp zeigte sich
befriedigt von dem Besuch und geistlich angeregt durch die empfangenen
Eindrücke.
„_Requiescat in pace_“, sagte er. „_Sit tibi terra levis. Requiem
aeternam dona ei, Domine._ Siehst du, wenn es sich um den Tod handelt
und man zu Toten spricht oder von Toten, so tritt auch wieder das Latein
in Kraft, das ist die offizielle Sprache in solchen Fällen, da merkt
man, was für eine besondere Sache es mit dem Tode ist. Aber es ist nicht
aus humanistischer Courtoisie, daß man Lateinisch redet zu seinen Ehren,
die Totensprache ist kein Bildungslatein, verstehst du, sondern von
einem ganz anderen Geist, einem ganz entgegengesetzten, kann man wohl
sagen. Das ist Sakrallatein, Mönchsdialekt, Mittelalter, so ein dumpfer,
eintöniger, unterirdischer Gesang gewissermaßen, – Settembrini fände
kein Gefallen daran, es ist nichts für Humanisten und Republikaner und
solche Pädagogen, es ist von einer anderen Geistesrichtung, der anderen,
die es gibt. Ich finde, man muß sich klar sein über die verschiedenen
Geistesrichtungen oder Geistesstimmungen, wie man wohl richtiger sagen
sollte, es gibt die fromme und die freie. Sie haben beide ihre Vorzüge,
aber was ich gegen die freie, die Settembrinische meine ich, auf dem
Herzen habe, ist nur, daß sie die Menschenwürde so ganz in Pacht zu
haben glaubt, das ist übertrieben. Die andere enthält auch viel
menschliche Würde in ihrer Art und gibt Veranlassung zu einer Menge
Wohlanstand und properer Haltung und nobler Förmlichkeit, mehr sogar als
die ‚freie‘, obgleich sie die menschliche Schwäche und Hinfälligkeit ja
besonders im Auge hat und der Gedanke an Tod und Verwesung eine so
wichtige Rolle darin spielt. Hast du mal im Theater den ‚Don Carlos‘
gesehen und wie es zuging am spanischen Hof, wenn König Philipp
hereinkommt, ganz in Schwarz, mit dem Hosenbandorden und dem Goldenen
Vließ, und langsam den Hut zieht, der beinahe schon aussieht wie unsere
Melonen, – so nach oben hin zieht er ihn und sagt: ‚Bedeckt euch, meine
Granden‘ oder so ähnlich, – im höchsten Grade gemessen ist das, darf man
wohl sagen, von Gehenlassen und schlottrigen Sitten kann da nicht die
Rede sein, im Gegenteil, und die Königin sagt denn ja auch: ‚In meinem
Frankreich wars doch anders‘, natürlich, der ist es zu akkurat und
umständlich, die möchte es fideler haben, menschlicher. Aber was heißt
menschlich? Menschlich ist alles. Das spanisch Gottesfürchtige und
Demütig-Feierliche und streng Abgezirkelte ist eine sehr würdige Fasson
der Menschlichkeit, sollte ich meinen, und andererseits kann man mit dem
Worte ‚menschlich‘ jede Schlamperei und Schlappheit zudecken, da wirst
du mir recht geben.“
„Da gebe ich dir recht,“ sagte Joachim, „Schlappheit und Gehenlassen
kann ich natürlich auch nicht leiden, Disziplin muß sein.“
„Ja, das sagst du als Militär, und ich gebe zu, beim Militär versteht
man sich auf diese Dinge. Die Witwe hatte ganz recht, von eurem Handwerk
zu sagen, es habe eine ernsthafte Bewandtnis damit, denn immer müßtet
ihr mit dem äußersten Ernstfalle rechnen und damit, es mit dem Tod zu
tun zu bekommen. Ihr habt die Uniform, die ist knapp und propper und hat
einen steifen Kragen, das gibt euch _bienséance_. Und dann habt ihr die
Rangordnung und den Gehorsam und erweist euch umständlich Ehre
untereinander, das geschieht in spanischem Geiste, aus Frömmigkeit, ich
mag es im Grunde wohl leiden. Bei uns Zivilisten sollte von diesem
Geiste auch mehr herrschen, in unseren Sitten und unserm Gehaben, das
wäre mir lieber, ich fände es passend. Ich finde, die Welt und das Leben
ist danach angetan, daß man sich allgemein schwarz tragen sollte, mit
einer gestärkten Halskrause statt eures Kragens, und ernst, gedämpft und
förmlich miteinander verkehren im Gedanken an den Tod, – so wär es mir
recht, es wäre moralisch. Siehst du, das ist auch so ein Irrtum und
Eigendünkel von Settembrini, noch einer, es ist ganz gut, daß ich
gesprächsweise mal darauf komme. Nicht bloß die Menschenwürde meint er
in Pacht zu haben, sondern auch die Moral, – mit seiner ‚praktischen
Lebensarbeit‘ und seinen Fortschritts-Sonntagsfeiern (als ob man nicht
gerade Sonntags an was anderes zu denken hätte als an den Fortschritt)
und mit seiner systematischen Ausmerzung der Leiden, wovon du übrigens
nichts weißt, aber mir hat er zu meiner Belehrung davon erzählt, –
systematisch will er sie ausmerzen, vermittelst eines Lexikons. Und wenn
mir nun das gerade unmoralisch vorkommt, – was dann? Ihm sage ich es
natürlich nicht, er redet mich ja in Grund und Boden mit seiner
plastischen Mundart und sagt: ‚Ich warne Sie, Ingenieur!‘ Aber denken
dürfen wird man sich ja sein Teil, – Sire, geben Sie Gedankenfreiheit.
Ich will dir was sagen“, schloß er. (Sie waren in Joachims Zimmer
hinaufgelangt, und Joachim machte sich zum Liegen bereit.) „Ich werde
dir sagen, was ich mir vorgenommen habe. Man lebt hier so Tür an Tür mit
sterbenden Leuten und mit dem schwersten Kreuz und Jammer, aber nicht
allein, daß man so tut, als ob es einen nichts anginge, sondern man wird
auch geschont und geschützt, daß man nur ja nicht damit in Berührung
kommt und nichts davon sieht, und den Herrenreiter, den werden sie nun
auch wieder heimlich auf die Seite bringen, während wir vespern oder
frühstücken. Das finde ich unmoralisch. Die Stöhr wurde ja schon wütend,
weil ich den Todesfall nur erwähnte, das ist mir zu albern, und wenn sie
schon ungebildet ist und glaubt, daß ‚Leise, leise, fromme Weise‘ im
‚Tannhäuser‘ vorkommt, wie es ihr neulich bei Tische passierte, so
könnte sie dabei doch etwas moralischer empfinden, und die anderen auch.
Ich habe mir nun vorgenommen, mich in Zukunft etwas mehr um die Schweren
und Moribunden im Hause zu kümmern, das wird mir wohltun, – schon unser
Besuch eben hat mir gewissermaßen gut getan. Der arme Reuter damals, auf
Nr. 25, den ich in meinen ersten Tagen durch die Tür einmal sah, ist
gewiß schon längst _ad penates_ gegangen und heimlich auf die Seite
gebracht worden, – er hatte schon damals so übertrieben große Augen.
Aber dafür sind andere da, das Haus ist voll, es fehlt nie an Zuzug, und
Schwester Alfreda oder auch die Oberin oder sogar Behrens selbst werden
uns gewiß behilflich sein, eine oder die andere Beziehung herzustellen,
das wird sich ja unschwer machen lassen. Nimm an, jemand Moribundes hat
Geburtstag, und wir erfahren es, – das läßt sich ja in Erfahrung
bringen. Gut, wir schicken dem Betreffenden – oder ihr – ihm oder ihr,
je nachdem – einen Blumentopf aufs Zimmer, eine Aufmerksamkeit von zwei
ungenannten Kollegen, – beste Genesungswünsche, – das Wort Genesung
bleibt höflicherweise immer am Platz. Dann werden wir dem Betreffenden
natürlich doch genannt, und er oder sie läßt uns in ihrer Schwäche einen
freundlichen Gruß durch die Tür sagen, und vielleicht lädt sie uns auf
einen Augenblick ins Zimmer ein, und wir wechseln noch ein paar
menschliche Worte mit ihm, bevor er sich auflöst. So denke ich es mir.
Bist du nicht einverstanden? Für mein Teil hab ichs mir jedenfalls
vorgenommen.“
Joachim hatte gegen diese Absichten denn auch nicht viel zu erinnern.
„Es ist gegen die Hausordnung,“ sagte er; „du durchbrichst sie
gewissermaßen damit. Aber ausnahmsweise, und wenn du nun einmal den
Wunsch hast, wird Behrens dir wohl Permeß geben, denke ich. Du kannst
dich ja auf dein medizinisches Interesse berufen.“
„Ja, unter anderem darauf“, sagte Hans Castorp; denn wirklich waren es
verschlungene Motive, aus denen sein Wunsch erwuchs. Der Protest gegen
den obwaltenden Egoismus war nur eines davon. Was mitsprach, war
namentlich auch das Bedürfnis seines Geistes, Leiden und Tod ernst
nehmen und achten zu dürfen, – ein Bedürfnis, für das er sich von der
Annäherung an die Schweren und Sterbenden Genugtuung und Stärkung
erhoffte, als Gegengewicht gegen vielfache Beleidigungen, denen er es
sonst auf Schritt und Tritt, alltäglich und stündlich ausgesetzt fand,
und durch die gewisse Urteile Settembrinis eine ihn kränkende
Bekräftigung erfuhren. Beispiele bieten sich nur zu zahlreich an; hätte
man Hans Castorp gefragt, er wäre vielleicht zuerst auf solche Personen
im Hause „Berghof“ zu sprechen gekommen, die eingestandenermaßen
überhaupt nicht krank waren und vollkommen freiwillig, unter dem
offiziellen Vorwande leichter Angegriffenheit, in Wirklichkeit aber nur
zu ihrem Vergnügen und weil die Lebensform der Kranken ihnen zusagte,
hier lebten, wie die schon beiläufig erwähnte Witwe Hessenfeld, eine
lebhafte Frau, deren Leidenschaft das Wetten war: sie wettete mit den
Herren, wettete auf alles und um alles, wettete auf das Wetter, das
eintreten, die Gerichte, die es geben würde, auf das Ergebnis von
Generaluntersuchungen und darauf, wieviel Monate jemandem zugelegt
werden würden, auf gewisse Bobs, Eisschlitten, Schlittschuh- oder
Ski-Champions bei sportlichen Konkurrenzen, auf den Verlauf sich
anspinnender Liebesgeschichten unter den Gästen und auf hundert andere,
oft gänzlich unerhebliche und gleichgültige Dinge, wettete um
Schokolade, um Champagner und Kaviar, die dann im Restaurant
festlicherweise verzehrt wurden, um Geld, um Kinobilletts und selbst um
Küsse, zu gebende und zu nehmende, – kurzum, sie brachte mit dieser
ihrer Passion viel Spannung und Leben in den Speisesaal, nur daß ihr
Treiben den jungen Hans Castorp natürlich sehr ernst nicht dünken
wollte, ja, daß ihr bloßes Vorhandensein ihm als Beeinträchtigung der
Würde eines Leidensortes erschien.
Denn diese Würde zu schützen und vor sich selber aufrecht zu halten, war
er im Innern treulich bestrebt, so schwer es ihm fallen mochte nach
einem nun fast halbjährigen Aufenthalt unter Denen hier oben. Die
Einblicke, die er nach und nach in ihr Leben und Treiben, ihre Sitten
und Anschauungen getan, waren seinem guten Willen wenig behilflich. Da
waren jene beiden mageren Stutzerchen, siebzehn- und achtzehnjährig und
„Max und Moritz“ genannt, deren abendliches Aussteigen zum Zwecke des
Pokerns und der Zechereien in Damengesellschaft dem Gerede viel Stoff
bot. Kürzlich, das heißt etwa acht Tage nach Neujahr (denn man muß
festhalten, daß, während wir erzählen, die Zeit in ihrer still
strömenden Art rastlos fortschreitet), hatte sich beim Frühstück die
Nachricht verbreitet, der Bademeister habe die beiden morgens in
zerknitterten Gesellschaftsanzügen auf ihren Betten betroffen. Auch Hans
Castorp lachte; aber wenn es beschämend für seinen guten Willen war, so
war es noch gar nicht viel im Vergleich mit den Geschichten des
Rechtsanwalts Einhuf aus Jüterbog, eines spitzbärtigen Vierzigers mit
schwarzbehaarten Händen, der seit einiger Zeit an Stelle des genesenen
Schweden am Tisch Settembrinis saß und nicht nur jede Nacht betrunken
nach Hause kam, sondern dies neulich überhaupt nicht getan hatte,
vielmehr auf der Wiese gefunden worden war. Er galt für einen
gefährlichen Liederjahn, und Frau Stöhr konnte auf die – im Tiefland
übrigens verlobte – junge Dame mit ihrem Finger weisen, die man zu einer
bestimmten Stunde aus Einhufs Zimmer hatte treten sehen, bekleidet nur
mit einem Pelz, unter dem sie nichts weiter als eine Reformhose getragen
haben sollte. Das war skandalös, – nicht nur in allgemein moralischem
Sinn, sondern skandalös und beleidigend für Hans Castorp persönlich, im
Sinn seiner geistigen Bemühungen. Es kam aber hinzu, daß er an die
Person des Rechtsanwalts nicht denken konnte, ohne auch Fränzchen
Oberdank mit einzubeziehen, jenes glattgescheitelte Haustöchterchen, das
vor wenigen Wochen von ihrer Mutter, einer würdigen Provinzdame,
heraufgeleitet worden war. Fränzchen Oberdank hatte bei ihrer Ankunft
und nach der ersten Untersuchung für leichtkrank gegolten; aber mochte
sie Fehler begangen haben, mochte ein Fall vorliegen, in dem die Luft
zunächst nicht sowohl _gegen_, als vor allen Dingen einmal _für_ die
Krankheit gut gewesen war, oder mochte die Kleine in irgendwelche
Intrigen und Aufregungen verstrickt worden sein, die ihr geschadet
hatten: vier Wochen nach ihrem Eintritt geschah es, daß sie, von einer
neuen Untersuchung kommend, beim Betreten des Speisesaals ihr
Handtäschchen in die Luft warf und mit heller Stimme ausrief: „Hurra,
ein Jahr muß ich bleiben!!“ – worüber im ganzen Saal ein homerisches
Gelächter sich verbreitet hatte. Aber vierzehn Tage später war die
Nachricht in Umlauf gekommen, daß Rechtsanwalt Einhuf an Fränzchen
Oberdank wie ein Schurke gehandelt habe. Übrigens kommt dieser Ausdruck
auf unsere Rechnung oder allenfalls auf die Hans Castorps; denn den
Trägern der Nachricht schien diese ihrem Wesen nach wohl nicht neu
genug, um zu so starken Worten anzuregen. Auch gaben sie achselzuckend
zu verstehen, daß zu solchen Geschichten ja zweie gehörten, und daß
vermutlich nichts gegen Wunsch und Willen eines Beteiligten geschehen
sei. Wenigstens war dies Frau Stöhrs Verhalten und sittliche Stimmung in
fraglicher Angelegenheit.
Karoline Stöhr war entsetzlich. Wenn irgend etwas den jungen Hans
Castorp in seinen redlich gemeinten geistigen Bemühungen störte, so war
es das Sein und Wesen dieser Frau. Ihre beständigen Bildungsschnitzer
hätten genügt. Sie sagte „Agonje“ statt „Todeskampf“; „insolvent“, wenn
sie jemandem Frechheit zum Vorwurf machte, und gab über die
astronomischen Vorgänge, die eine Sonnenfinsternis zeitigen, den
greulichsten Unsinn zum besten. Mit den liegenden Schneemassen, sagte
sie, sei es „eine wahre Kapazität“; und eines Tages setzte sie Herrn
Settembrini in lang andauerndes Erstaunen durch die Mitteilung, sie lese
zur Zeit ein der Anstaltsbibliothek entnommenes Buch, das ihn angehe,
nämlich „Benedetto Cenelli in der Übersetzung von Schiller“! Sie liebte
Redensarten, die dem jungen Hans Castorp, ihrer Abgeschmacktheit und
modisch ordinären Verbrauchtheit wegen, auf die Nerven gingen, wie zum
Beispiel: „Das ist die Höhe!“ oder: „Du ahnst es nicht!“ Und da die
Bezeichnung „blendend“, die das Modemaul lange Zeit für „glänzend“ oder
„vorzüglich“ gebraucht hatte, sich als gänzlich ausgelaugt, entkräftet,
prostituiert und sohin veraltet erwies, so warf sie sich auf das
Neueste, nämlich das Wort „verheerend“, und fand nun, im Ernst oder
höhnischerweise, alles „verheerend“, die Schlittenbahn, die Mehlspeise
und ihre eigene Leibeswärme, was ebenfalls ekelhaft anmutete. Hinzu kam
ihre Klatschsucht, die unmäßig war. Mochte sie immerhin erzählen, Frau
Salomon trage heute die kostbarste Spitzenwäsche, denn sie sei zur
Untersuchung bestellt und ziere sich dabei vor den Ärzten mit feinem
Unterzeug: – es hatte seine Richtigkeit damit, Hans Castorp selbst hatte
den Eindruck gewonnen, daß die Prozedur der Untersuchung, unabhängig von
ihrem Ergebnis, den Damen Vergnügen bereite, und daß sie sich kokett
dafür schmückten. Aber was sollte man zu Frau Stöhrs Versicherung sagen,
Frau Redisch aus Posen, die im Verdacht tuberkulösen Rückenmarks stehe,
müsse wöchentlich einmal zehn Minuten lang vollständig nackt vor Hofrat
Behrens im Zimmer hin und her marschieren? Die Unwahrscheinlichkeit
dieser Behauptung kam fast ihrer Anstößigkeit gleich, aber Frau Stöhr
verfocht und beschwor sie aufs äußerste, – obgleich schwer begreiflich
erschien, wie die Arme auf Dinge, wie diese, so viel Eifer, Nachdruck
und Rechthaberei verwenden mochte, da ihre eigensten Angelegenheiten ihr
schwer zu schaffen machten. Denn zwischendurch suchten Anfälle von
feiger und weinerlicher Besorgnis sie heim, deren Anlaß ihre angeblich
zunehmende „Schlaffheit“ oder das Ansteigen ihrer Kurve war. Sie kam
schluchzend zu Tisch, die spröden roten Backen von Tränen überströmt und
heulte in ihr Taschentuch, daß Behrens sie in ihr Bett schicken wolle,
sie aber wolle wissen, was er hinter ihrem Rücken gesagt habe, was ihr
fehle, wie es um sie stehe, sie wolle der Wahrheit ins Auge sehen! Zu
ihrem Entsetzen hatte sie eines Tages bemerkt, daß ihr Bett mit dem
Fußende in der Richtung der Haustür stehe und erlitt fast Krämpfe dieser
Entdeckung wegen. Man verstand ihre Wut, ihr Grauen nicht ohne weiteres,
Hans Castorp im besonderen verstand sich nicht gleich darauf. Nun und?
Wieso? Warum das Bett nicht stehen solle, wie es stehe? – Aber ob er, um
Gottes willen, denn nicht begreife! „_Die Füße voran ...!_“ Sie schlug
verzweifelten Lärm, und sofort mußte das Bett umgestellt werden,
obgleich sie fortan vom Kissen ins Licht sah, was ihren Schlaf
beeinträchtigte.
Das alles war unernst; es kam Hans Castorps geistigen Bedürfnissen sehr
wenig entgegen. Ein schreckhafter Zwischenfall, der sich um diese Zeit
während einer Mahlzeit ereignete, machte besonderen Eindruck auf den
jungen Mann. Ein noch neuer Patient, der Lehrer Popów, ein magerer und
stiller Mensch, der mit seiner ebenfalls mageren und stillen Braut am
Guten Russentisch Platz gefunden hatte, erwies sich, da eben das Essen
in vollem Gange war, als epileptisch, indem er einen krassen Anfall
dieser Art erlitt, mit jenem Schrei, dessen dämonischer und
außermenschlicher Charakter oft geschildert worden ist, zu Boden stürzte
und neben seinem Stuhle unter den scheußlichsten Verrenkungen mit Armen
und Beinen um sich schlug. Erschwerend wirkte, daß es ein Fischgericht
war, das eben gereicht worden, so daß zu befürchten stand, Popów möchte
in seiner Krampfverzückung an einer Gräte Schaden nehmen. Der Aufruhr
war unbeschreiblich. Die Damen, Frau Stöhr voran, aber ohne daß etwa die
Frauen Salomon, Redisch, Hessenfeld, Magnus, Iltis, Levi und wie sie nun
heißen mochten, ihr etwas nachgegeben hätten, wurden von den
verschiedensten Zuständen betreten, so daß einige es Herrn Popów fast
gleichtaten. Ihre Schreie gellten. Man sah nichts als zugekrampfte
Augen, offene Münder und verdrehte Oberkörper. Eine einzelne gab stiller
Ohnmacht den Vorzug. Erstickungsanfälle, da jedermann von dem wilden
Ereignis im Kauen und Schlucken überrascht worden war, spielten sich ab.
Ein Teil der Tischgesellschaft suchte durch die verfügbaren Ausgänge das
Weite, auch durch die Verandatüren, obgleich es draußen sehr naßkalt
war. Es trug aber der ganze Vorfall ein eigentümliches und außer seiner
Entsetzlichkeit auch anstößiges Tonzeichen, und zwar vermöge einer
allgemein sich aufdrängenden Ideenverbindung, die an den jüngsten
Vortrag Dr. Krokowskis anknüpfte. Der Analytiker war nämlich bei seinen
Ausführungen über die Liebe als krankheitbildende Macht gerade am
letzten Montag auf die Fallsucht zu reden gekommen und hatte dies
Leiden, worin die Menschheit in voranalytischen Zeiten abwechselnd eine
heilige, ja prophetische Heimsuchung und eine Teufelsbesessenheit
gesehen, mit halb poetischen, halb unerbittlich wissenschaftlichen
Worten als Äquivalent der Liebe und Orgasmus des Gehirns angesprochen,
kurz, es in einem solchen Sinne verdächtigt, daß seine Zuhörer die
Aufführung des Lehrers Popów, diese Illustration des Vortrags, als wüste
Offenbarung und mysteriösen Skandal verstehen mußten, so daß denn auch
in dem verhüllten Entfliehen der Damen eine gewisse Schamhaftigkeit sich
ausdrückte. Der Hofrat selbst war bei der Mahlzeit zugegen, und er war
es, der, zusammen mit der Mylendonk und einigen jungen, handfesten
Tafelgenossen, den Ekstatiker, blau, schäumend, steif und verzerrt, wie
er war, aus dem Saal in die Halle schaffte, wo man die Ärzte, die Oberin
und anderes Personal noch längere Zeit an dem Sinnlosen hantieren sah,
der dann auf einer Bahre davongetragen wurde. Ganz kurze Zeit danach
aber sah man Herrn Popów stillvergnügt, in Gesellschaft seiner ebenfalls
stillvergnügten Braut, wieder am Guten Russentisch sitzen und, als sei
nichts geschehen, sein Mittagessen beenden!
Hans Castorp hatte dem Ereignis mit den äußeren Zeichen respektvollen
Schreckens beigewohnt, im Grunde aber mutete auch dies ihn nicht ernst
an, Gott mochte ihm helfen. Popów hätte an seinem Fischbissen freilich
ersticken können, aber in Wirklichkeit war er ja nicht erstickt, sondern
hatte, bei aller bewußtlosen Wut und Lustbarkeit, im Stillsten wohl
dennoch ein wenig achtgegeben. Nun saß er heiter, aß fertig und tat, als
habe er sich nie wie ein Berserker und rasender Trunkenbold benommen,
erinnerte sich gewiß auch nicht daran. Auch seine Erscheinung aber war
nicht danach angetan, Hans Castorps Ehrfurcht vor dem Leiden zu stärken;
auch sie, in ihrer Art, vermehrte die Eindrücke unernster
Liederlichkeit, denen er sich widerstrebend hier oben ausgesetzt fand,
und denen er durch eine den herrschenden Sitten widersprechende nähere
Beschäftigung mit den Schweren und Moribunden entgegenzuwirken wünschte.
Auf der Etage der Vettern, nicht weit von ihren Zimmern, lag ein ganz
junges Mädchen, Leila Gerngroß mit Namen, die den Mitteilungen Schwester
Alfredas zufolge im Begriffe war, zu sterben. Sie hatte binnen zehn
Tagen vier heftige Blutungen erlitten, und ihre Eltern waren
heraufgekommen, um sie vielleicht noch lebend heimzubringen; doch schien
das nicht angängig: der Hofrat verneinte die Transportfähigkeit der
armen kleinen Gerngroß. Sie war sechzehn-, siebzehnjährig. Hans Castorp
sah hier die rechte Gelegenheit, seinen Plan mit dem Blumentopf und den
Genesungswünschen zu verwirklichen. Zwar hatte Leila jetzt nicht
Geburtstag, würde diesen auch, menschlicher Voraussicht nach, nicht mehr
erleben, da er, wie Hans Castorp ausgekundschaftet, erst in das Frühjahr
fiel; doch brauchte das seiner Entscheidung nach kein Hindernis für eine
solche barmherzige Huldigung zu sein. Auf einem Mittagsgange in die
Gegend des Kurhauses trat er mit seinem Vetter in einen Blumenladen,
dessen erdig-feuchte und duftüberladene Atmosphäre er mit bewegter Brust
einatmete, und erstand einen hübschen Hortensienstock, den er ohne
Namensnennung, mit einer Karte, auf der nur „Von zwei Hausgenossen, mit
besten Genesungswünschen“ geschrieben stand, der kleinen Moribunden aufs
Zimmer zu schicken Weisung gab. Er handelte freudig, angenehm benommen
vom Pflanzenbrodem, der lauen Wärme des Ortes, die nach der Außenkälte
seine Augen tränen ließ, mit klopfendem Herzen und einem Gefühl der
Abenteuerlichkeit, Kühnheit, Förderlichkeit seines unscheinbaren
Unternehmens, dem er insgeheim eine symbolische Tragweite beimaß.
Leila Gerngroß genoß keine Privatpflege, sondern unterstand unmittelbar
der Fürsorge Fräulein von Mylendonks und der Ärzte; aber Schwester
Alfreda ging bei ihr aus und ein, und sie erstattete den jungen Leuten
Bericht über die Wirkung ihrer Aufmerksamkeit. Die Kleine, in der
aussichtslosen Beschränktheit ihres Zustandes, hatte sich kindisch
gefreut über den fremden Gruß. Die Pflanze stand an ihrem Bett, sie
liebkoste sie mit Blicken und Händen, sorgte, daß man sie begoß, und
hing selbst noch bei den schlimmsten Hustenanfällen, die sie
heimsuchten, mit ihren gequälten Augen an ihr. Ihre Eltern, Major außer
Diensten Gerngroß und Frau, waren ebenfalls gerührt und erfreut gewesen,
und da sie, ohne jede Bekanntschaft im Hause, die Geber zu erraten nicht
einmal versuchen konnten, so hatte die Schildknecht, wie sie gestand,
sich nicht enthalten können, die Anonymität zu lüften und die Vettern
als Spender namhaft zu machen. Sie überbrachte ihnen die Bitte der drei
Gerngroß um Vorstellung und Dankesentgegennahme, und so traten die
beiden denn übernächsten Tages, von der Diakonissin geführt, auf
Zehenspitzen in Leilas Leidenskammer ein.
Die Sterbende war ein überaus liebreizendes blondes Geschöpf mit genau
vergißmeinnichtblauen Augen, das trotz furchtbarer Blutverluste und
einer Atmung, die nur vermittelst eines ganz unzulänglichen
Restbestandes von tauglichem Lungengewebe geschah, einen zwar zarten,
aber eigentlich nicht elenden Anblick bot. Sie dankte und plauderte mit
etwas tonarmer, aber angenehmer Stimme. Ein rosiger Schein erstand auf
ihren Wangen und verharrte dort. Hans Castorp, der gegen die anwesenden
Eltern und sie seine Handlungsweise so erläutert, wie man es erwartete,
und sich gewissermaßen entschuldigt hatte, sprach gedämpft und bewegt,
mit zärtlicher Ehrerbietung. Es fehlte nicht viel – der innere Antrieb
dazu war jedenfalls vorhanden –, daß er sich vor dem Bett auf ein Knie
niedergelassen hätte, und lange hielt er Leilas Hand in der seinen fest,
obgleich dies heiße Händchen nicht nur feucht, sondern geradezu naß war,
denn des Kindes Schweißsekretion war übermäßig; beständig verausgabte
sie so viel Wasser, daß ihr Fleisch schon längst hätte eingeschnurrt und
vertrocknet sein müssen, wenn nicht der gierigste Konsum von Limonade,
von der auch eine Karaffe voll auf ihrem Nachttische stand, der
Transsudation ungefähr die Wage gehalten hätte. Die Eltern, gramvoll,
wie sie waren, hielten mit Erkundigungen über die persönlichen Umstände
der Vettern und anderen konversationellen Mitteln die kurze Unterhaltung
nach menschlicher Gesittung aufrecht. Der Major war ein breitschultriger
Mann mit niedriger Stirn und gesträubtem Schnurrbart, – ein Hüne, dessen
organische Unschuld an der Disposition und Aufnahmelustigkeit des
Töchterchens in die Augen stach. Schuld daran war offensichtlich
vielmehr seine Frau, eine kleine Person von entschieden phthisischem
Typus, deren Gewissen denn auch dieser Mitgift wegen belastet schien.
Als nämlich Leila nach zehn Minuten Ermüdungs- oder vielmehr
Überreizungszeichen gab (das Rosenrot ihrer Wangen erhöhte sich, während
ihre Vergißmeinnichtaugen beunruhigend glänzten), und die Vettern, von
Schwester Alfreda mit den Blicken dazu gemahnt, sich verabschiedeten,
geleitete Frau Gerngroß sie bis vor die Tür und erging sich dabei in
Selbstanklagen, die Hans Castorp sonderbar ergriffen. Von ihr, von ihr
allein komme es, versicherte sie zerknirscht; von ihr nur könne das arme
Kind es haben, ihr Mann sei völlig unbeteiligt daran, habe nicht das
geringste damit zu tun. Aber auch sie, könne sie versichern, habe nur
ganz vorübergehend damit zu tun gehabt, nur ein bißchen und obenhin,
ganz kurze Zeit, als junges Mädchen. Dann habe sie es überwunden, ganz
und gar, wie ihr bezeugt worden sei, denn sie habe heiraten wollen, so
gern heiraten und leben, und es sei ihr gelungen, ganz ausgeheilt und
genesen sei sie in die Ehe getreten mit ihrem lieben, baumstarken Mann,
der seinerseits nie auch nur entfernt an solche Geschichten gedacht
habe. Aber so rein und stark er sei, – er habe das Unglück doch nicht
verhindern können mit seinem Einfluß. Denn bei dem Kinde, da sei das
Schreckliche, das Begrabene und Vergessene wieder zum Vorschein
gekommen, und es werde nicht fertig damit, es gehe zugrunde daran,
während sie, die Mutter, darüber hinweggekommen und in ein gefestetes
Alter getreten sei, – es sterbe, das arme, liebe Ding, die Ärzte gäben
keine Hoffnung mehr, und sie allein sei schuld daran mit ihrem Vorleben.
Die jungen Leute suchten sie zu trösten, machten Worte über die
Möglichkeit einer glücklichen Wendung. Aber die Majorin schluchzte nur
auf und dankte ihnen jedenfalls nochmals für alles, für die Hortensie
und dafür, daß sie das Kind durch ihren Besuch noch ein wenig zerstreut
und beglückt. Da läge die Ärmste in ihrer Qual und Einsamkeit, während
andere junge Dinger sich ihres Lebens freuten und mit hübschen jungen
Herren tanzten, wozu die Krankheit doch keineswegs die Lust ertöte. Sie
hätten ihr ein wenig Sonnenschein gebracht, mein Gott, wohl den letzten.
Die Hortensie sei wie ein Ballerfolg und das Geplauder mit den beiden
stattlichen Kavalieren wie ein netter kleiner Flirt für sie gewesen, das
habe sie, Mutter Gerngroß, wohl gesehen.
Hiervon war Hans Castorp nun peinlich berührt, besonders da die Majorin
das Wort „Flirt“ obendrein nicht richtig, das heißt nicht englisch,
sondern mit deutschem i ausgesprochen hatte, was ihn maßlos irritierte.
Auch war er kein stattlicher Kavalier, sondern hatte die kleine
Leila aus Protest gegen den herrschenden Egoismus und in
medizinisch-geistlicher Meinung besucht. Kurz, er war etwas verstimmt
über den letzten Ausgang der Sache, soweit die Auffassung der Majorin in
Frage kam, sonst aber sehr belebt und angetan von der Durchführung des
Unternehmens. Namentlich zwei Eindrücke: die erdigen Düfte des
Blumenladens und die Nässe von Leilas Händchen waren ihm davon in Seele
und Sinn zurückgeblieben. Und da ein Anfang gemacht war, verabredete er
noch gleichen Tages mit Schwester Alfreda einen Besuch bei ihrem
Pflegling Fritz Rotbein, der sich nebst seiner Pflegerin so schrecklich
langweilte, obgleich ihm, wenn nicht alle Zeichen trogen, nur noch eine
ganz kurze Weile beschieden war.
Es half dem guten Joachim nichts, er mußte mithalten. Hans Castorps
Antrieb und charitativer Unternehmungsgeist war stärker als seines
Vetters Abneigung, welche dieser höchstens durch Schweigen und
Niederschlagen der Augen geltend machen konnte, da er sie, ohne Mangel
an Christentum zu bekunden, nicht zu begründen gewußt hätte. Hans
Castorp sah das sehr wohl und zog seinen Nutzen daraus. Er verstand auch
genau den militärischen Sinn dieser Unlust. Aber wenn er selbst sich nun
doch belebt und beglückt fühlte durch solche Unternehmungen, und wenn
sie ihm förderlich schienen? Dann mußte er über Joachims stillen
Widerstand eben hinwegschreiten. Er erwog mit ihm, ob man auch dem
jungen Fritz Rotbein Blumen schicken oder bringen könne, obgleich dieser
Moribundus männlichen Geschlechtes war. Er wünschte sehr, es zu tun;
Blumen, fand er, gehörten dazu; der Streich mit der Hortensie, die
violett und wohlgeformt gewesen war, hatte ihm ausnehmend gefallen; und
so entschied er denn, daß Rotbeins Geschlecht durch seinen finalen
Zustand ausgeglichen werde, und daß er, um Blumenspenden
entgegenzunehmen, auch nicht Geburtstag zu haben brauche, da Sterbende
ohne weiteres und in Permanenz wie Geburtstagskinder zu behandeln seien.
So gesonnen, suchte er mit dem Vetter denn wieder die erdig-warme
Duftatmosphäre des Blumengeschäftes auf und trat bei Herrn Rotbein mit
einem frisch besprengten und duftenden Rosen-, Nelken- und
Levkoiengebinde ein, geführt von Alfreda Schildknecht, die die jungen
Leute gemeldet hatte.
Der Schwerkranke, kaum zwanzigjährig und dabei schon etwas kahl und grau
auf dem Kopf, wächsern und abgezehrt, mit großen Händen, großer Nase und
großen Ohren, zeigte sich zu Tränen dankbar für Zuspruch und
Zerstreuung, – wirklich weinte er aus Schwäche etwas, als er die beiden
begrüßte und das Bukett entgegennahm, kam dann aber, im Anschluß an
dieses, sofort, wenn auch nur mit fast flüsternder Stimme, auf den
europäischen Blumenhandel und seine immer noch zunehmende
Schwunghaftigkeit zu sprechen, auf den gewaltigen Export der Gärtnereien
von Nizza und Cannes, die Waggonladungen und Postsendungen, die von
diesen Orten täglich nach allen Seiten ausgingen, auf die Engrosmärkte
von Paris und Berlin und die Versorgung Rußlands. Denn er war Kaufmann,
und in dieser Richtung lagen seine Interessen, solange er eben am Leben
war. Sein Vater, der Koburger Puppenfabrikant, hatte ihn zu seiner
Ausbildung nach England geschickt, so flüsterte er, und dort war er
erkrankt. Man hatte aber sein fiebriges Leiden als typhös betrachtet und
dementsprechend behandelt, das hieß: ihn auf Wassersuppendiät gesetzt,
wodurch er so sehr heruntergekommen sei. Hier oben habe er essen dürfen,
und er habe es getan: im Schweiße seines Angesichts habe er im Bette
gesessen und sich zu nähren gesucht. Allein es sei zu spät gewesen, sein
Darm sei leider in Mitleidenschaft gezogen, vergebens schicke man ihm
von zu Hause Zunge und Spickaal, er vertrage nichts mehr. Nun sei sein
Vater im Anreisen von Koburg, von Behrens telegraphisch berufen. Denn es
solle ja nun ein entscheidender Eingriff, die Rippenresektion, bei ihm
vorgenommen werden, man wolle es jedenfalls damit versuchen, obgleich
die Chancen verschwindend seien. Rotbein flüsterte sehr sachlich
hierüber und nahm auch die Frage der Operation durchaus von der
geschäftlichen Seite, – solange er eben lebte, würde er die Dinge unter
diesem Gesichtswinkel betrachten. Der Kostenpunkt, flüsterte er, sei,
die Rückenmarksanästhesie mit eingerechnet, auf tausend Franken fixiert,
denn so gut wie der ganze Brustkorb käme in Betracht, sechs bis acht
Rippen, und es frage sich nun, ob das eine irgendwie lohnende Anlage
sein werde. Behrens rede ihm zu, aber sein Interesse sei eindeutig,
während das seine zweifelhaft scheine und man nicht wissen könne, ob er
nicht klüger täte, ruhig mit seinen Rippen zu sterben.
Es war schwer, ihm zu raten. Die Vettern meinten, man müsse die
hervorragende chirurgische Geschicklichkeit des Hofrats bei der
Kalkulation in Anschlag bringen. Man kam überein, die Meinung des im
Anrollen begriffenen alten Rotbein den Ausschlag geben zu lassen. Bei
der Verabschiedung weinte der junge Fritz wieder etwas, und obgleich es
nur aus Schwäche geschah, standen die Tränen, die er vergoß, in
sonderbarem Gegensatz zu der trockenen Sachlichkeit seiner Denk- und
Sprechweise. Er bat, die Herren möchten den Besuch wiederholen, und sie
versprachen es bereitwillig, kamen aber nicht mehr dazu. Denn da abends
der Puppenfabrikant eingetroffen, war man am nächsten Vormittag zur
Operation geschritten, nach welcher der junge Fritz nicht mehr
empfangsfähig gewesen war. Und zwei Tage später sah Hans Castorp im
Vorbeigehen mit Joachim, daß in dem Rotbeinschen Zimmer gestöbert wurde.
Schwester Alfreda hatte mit ihrem Köfferchen Haus Berghof schon
verlassen, da sie eilig zu einem anderen Moribundus in einer anderen
Anstalt bestellt worden war, und seufzend, ihr Kneiferband hinter dem
Ohr, hatte sie sich zu ihm begeben, da dies eben die Perspektive war,
die sich ihr einzig eröffnete.
Ein „verlassenes“, ein freigewordenes Zimmer, worin bei aufeinander
getürmten Möbeln und offener Doppeltür gestöbert wurde, wie man
bemerkte, wenn man auf dem Weg in den Speisesaal oder ins Freie daran
vorüberkam, – war ein vielsagender, dabei aber so gewohnter Anblick, daß
er einem kaum noch viel sagte, besonders wenn man selbst, seinerzeit,
von einem soeben auf solche Art „freigewordenen“ und gestöberten Zimmer
Besitz ergriffen hatte und darin heimisch geworden war. Zuweilen wußte
man, wer auf der betreffenden Nummer gewohnt hatte, was dann immerhin zu
denken gab: so diesmal und so auch acht Tage später, als Hans Castorp im
Vorbeigehen das Zimmer der kleinen Gerngroß in demselben Zustand
erblickte. In diesem Fall sträubte sein Verständnis sich beim ersten
Augenschein gegen den Sinn der dort drinnen herrschenden Geschäftigkeit.
Er stand und schaute, versonnen und betroffen, als eben der Hofrat des
Weges kam.
„Ich stehe hier und sehe stöbern“, sagte Hans Castorp. „Guten Tag, Herr
Hofrat. Die kleine Leila ...“
„Tja –“, antwortete Behrens und zuckte die Achseln. Nach einem
Silentium, währenddessen diese Gebärde sich auswirkte, setzte er hinzu:
„Sie haben ihr ja schnell vor Torschluß noch ganz regulär den Hof
gemacht? Gefällt mir von Ihnen, daß Sie sich meiner Lungenpfeiferchen in
ihren Käfigen ein bißchen annehmen, relativ rüstig wie Sie persönlich
sind. Hübscher Zug Ihrerseits, nee, nee, lassen wir das mal seine
Richtigkeit haben, daß es ein ganz hübscher Zug ist in Ihrem
Charakterbild. Soll ich Sie gelegentlich ein bißchen einführen dann und
wann? Ich habe da noch allerlei Zeisige sitzen, – wenn es Sie
interessiert. Jetzt gehe ich zum Beispiel auf einen Sprung zu meiner
‚Überfüllten‘. Kommen Sie mit? Ich stelle Sie einfach als teilnehmenden
Leidensgenossen vor.“
Hans Castorp sagte, der Hofrat habe ihm das Wort vom Munde genommen und
ihm genau das angeboten, um was er ihn eben habe bitten wollen. Dankbar
mache er Gebrauch von der Erlaubnis und schließe sich an. Aber wer das
denn sei, die „Überfüllte“, und wie er den Namen verstehen solle.
„Wörtlich“, sagte der Hofrat. „Ganz präzise und unmetaphorisch. Lassen
Sie sichs von ihr selber erzählen.“ Mit wenigen Schritten waren sie am
Zimmer der „Überfüllten“. Der Hofrat drang durch die Doppeltür, indem er
seinem Begleiter zu warten befahl. Kurzatmig bedrängtes, aber helles und
lustiges Lachen und Sprechen klang bei Behrens’ Eintritt aus dem Zimmer
und ward dann abgesperrt. Aber auch dem teilnehmenden Besucher klang es
wieder entgegen, als ihm einige Minuten später Einlaß gewährt wurde und
Behrens ihn der im Bette liegenden blonden Dame vorstellte, die ihn aus
blauen Augen neugierig betrachtete, – Kissen im Rücken, lag sie halb
sitzend, in Unruhe, und lachte beständig perlend, ganz hoch und
silberhell, indem sie nach Atem rang, erregt und gekitzelt, wie es
schien, von ihrer Beklemmung. Auch über des Hofrats Redensarten lachte
sie wohl, womit er ihr den Besucher präsentierte, rief dem Abgehenden
vielmals Adieu und Schönen Dank und Auf Wiedersehn nach, indem sie mit
der Hand hinter ihm drein winkte, seufzte klingend, lachte silberne
Läufe, stemmte die Hände gegen die unter dem Batisthemd wogende Brust
und konnte die Beine nicht ruhig halten. Sie hieß Frau Zimmermann.
Hans Castorp kannte sie flüchtig von Ansehen. Sie hatte einige Wochen
lang am Tisch der Salomon und des gefräßigen Schülers gesessen und immer
viel gelacht. Dann war sie verschwunden, ohne daß der junge Mann sich
weiter darum gekümmert hätte. Sie mochte abgereist sein, hatte er
gemeint, soweit er sich eine Meinung über ihr Unsichtbarwerden gebildet
hatte. Nun fand er sie hier, unter dem Namen der „Überfüllten“, auf
dessen Erklärung er wartete.
„Hahahaha“, perlte sie gekitzelt, mit fliegender Brust. „Furchtbar
komischer Mann, dieser Behrens, fabelhaft komischer und amüsanter Mann,
zum Schief- und Kranklachen. Setzen Sie sich doch, Herr Kasten, Herr
Carsten, oder wie Sie heißen, Sie heißen so komisch, ha, ha, hi, hi,
entschuldigen Sie! Setzen Sie sich auf den Stuhl da zu meinen Füßen,
aber erlauben Sie, daß ich strample, ich kann es – ha...a“, seufzte sie
offenen Mundes und perlte dann wieder, „ich kann es unmöglich lassen.“
Sie war nahezu hübsch, hatte klare, etwas zu ausgeprägte, aber angenehme
Züge und ein kleines Doppelkinn. Aber ihre Lippen waren bläulich, und
auch die Nasenspitze wies diese Tönung auf, zweifellos infolge
Luftmangels. Ihre Hände, die von sympathischer Magerkeit waren, und die
die Spitzenmanschetten des Nachthemdes gut kleideten, vermochten sich
ebensowenig ruhig zu halten wie die Füße. Ihr Hals war mädchenhaft, mit
„Salzfässern“ über den zarten Schlüsselbeinen, und auch die Brust, unter
dem Linnen von Gelächter und Atemnot in unruhig knapper und ringender
Bewegung gehalten, schien zart und jung. Hans Castorp beschloß, auch ihr
schöne Blumen zu schicken oder zu bringen, aus den Exportgärtnereien von
Nizza und Cannes, besprengte und duftende. Mit einiger Besorgnis stimmte
er in Frau Zimmermanns fliegende und bedrängte Heiterkeit ein.
„Und Sie besuchen hier also die Hochgradigen?“ fragte sie. „Wie amüsant
und freundlich von Ihnen, ha, ha, ha, ha! Denken Sie aber, ich bin gar
nicht hochgradig, das heißt, ich war es eigentlich gar nicht, noch bis
vor kurzem, nicht im geringsten ... Bis mir neulich diese Geschichte ...
Hören Sie nur, ob es nicht das Komischste ist, was Ihnen in Ihrem ganzen
Leben ...“ Und nach Luft ringend, unter Tirili und Trillern, erzählte
sie ihm, was ihr zugestoßen war.
Ein wenig krank war sie heraufgekommen, – krank immerhin, denn sonst
wäre sie nicht gekommen, nicht _ganz_ leicht vielleicht sogar, aber eher
leicht als schwer. Der Pneumothorax, diese noch junge und rasch zu
großer Beliebtheit gelangte Errungenschaft der chirurgischen Technik,
hatte sich auch in ihrem Falle glänzend bewährt. Der Eingriff war
vollkommen gelungen, Frau Zimmermanns Zustand und Befinden machte die
erfreulichsten Fortschritte, ihr Mann – denn sie war verheiratet, wenn
auch kinderlos – durfte sie in drei bis vier Monaten zurückerwarten. Da
machte sie, um sich zu amüsieren, einen Ausflug nach Zürich, – es lag
kein anderer Grund vor für diese Reise als der des Amüsements. Sie hatte
sich auch amüsiert nach Herzenslust, war aber dabei der Notwendigkeit
innegeworden, sich auffüllen zu lassen und hatte mit diesem Geschäft
einen dortigen Arzt betraut. Ein netter, komischer junger Mensch,
hahaha, hahaha, aber was war geschehen? Er hatte sie überfüllt! Es gab
keine andere Bezeichnung dafür, das Wort sagte alles. Er hatte es zu gut
mit ihr gemeint, hatte die Sache wohl nicht so recht verstanden, und
kurz und gut: in überfülltem Zustande, das heißt unter Herzbeklemmungen
und Atemnot – ha! hihihi – war sie hier oben wieder eingetroffen und von
Behrens, der mordsmäßig gewettert hatte, sofort ins Bett gesteckt
worden. Denn nun sei sie schwerkrank, – nicht hochgradig eigentlich,
aber verpfuscht, verpatzt, – hahaha, sein Gesicht, was er denn für ein
komisches Gesicht mache? Und sie lachte, indem sie mit dem Finger
hineindeutete, so sehr über dies Gesicht, daß nun auch ihre Stirn sich
blau zu färben begann. Aber am allerkomischsten, sagte sie, sei Behrens
mit seinem Gewetter und seiner Grobheit, – schon im voraus habe sie
darüber lachen müssen, als sie gemerkt habe, daß sie überfüllt sei. „Sie
schweben in absoluter Lebensgefahr“, habe er sie angeschrien ohne
Umschweife und Einkleidung, so ein Bär, hahaha, hihihi, entschuldigen
Sie.
Es blieb zweifelhaft, in welchem Sinn sie über des Hofrats Erklärung so
perlend lachte, – ob nur ihrer „Grobheit“ wegen und weil sie nicht daran
glaubte, oder obgleich sie daran glaubte – denn das mußte sie doch wohl
tun –, aber die Sache selbst, das heißt die Lebensgefahr, in der sie
schwebte, eben nur furchtbar komisch fand. Hans Castorp hatte den
Eindruck, daß dies letztere zutreffe, und daß sie wirklich nur aus
kindischem Leichtsinn und dem Unverstand ihres Vogelhirns perle,
trillere und tiriliere, was er mißbilligte. Trotzdem schickte er ihr
Blumen, sah aber auch die lachlustige Frau Zimmermann nicht wieder. Denn
nachdem sie noch einige Tage lang unter Sauerstoff gehalten worden, war
sie im Arm ihres telegraphisch herbeigerufenen Gatten denn richtig
gestorben, – eine Gans in Folio, wie der Hofrat, von dem Hans Castorp es
hörte, von sich aus hinzufügte.
Aber schon vorher hatte Hans Castorps teilnehmender Unternehmungsgeist
mit Hilfe des Hofrats und des Pflegepersonals weitere Beziehungen zu den
Schwerkranken des Hauses angeknüpft, und Joachim mußte mit. Er mußte mit
zu dem Sohne von „_Tous les deux_“, dem zweiten, der noch übrig war,
nachdem bei dem anderen nebenan schon längst gestöbert und mit H₂CO
geräuchert worden. Ferner zu dem Knaben Teddy, der kürzlich aus dem
„Fridericianum“ genannten Erziehungsinstitut, für das sein Fall zu
schwer gewesen, heraufgekommen war. Ferner zu dem deutsch-russischen
Versicherungsbeamten Anton Karlowitsch Ferge, einem gutmütigen Dulder.
Ferner zu der unglückseligen und dabei so gefallsüchtigen Frau von
Mallinckrodt, die ebenfalls Blumen bekam wie die Vorgenannten, und die
von Hans Castorp in Joachims Gegenwart sogar mehrmals mit Brei gefüttert
wurde ... Nachgerade gelangten sie in den Ruf von Samaritern und
barmherzigen Brüdern. Auch redete Settembrini Hans Castorp eines Tages
in diesem Sinne an.
„Sapperlot, Ingenieur, ich höre Auffälliges von Ihrem Wandel. Sie haben
sich auf die Mildtätigkeit geworfen? Sie suchen Rechtfertigung durch
gute Werke?“
„Nicht der Rede wert, Herr Settembrini. Gar nichts dabei, wovon es
lohnte, Aufhebens zu machen. Mein Vetter und ich ...“
„Aber lassen Sie doch Ihren Vetter aus dem Spiel! Man hat es mit Ihnen
zu tun, wenn Sie beide von sich reden machen, das ist gewiß. Der
Leutnant ist eine respektable, aber einfache und geistig unbedrohte
Natur, die dem Erzieher wenig Unruhe verursacht. Sie werden mich an
seine Führerschaft nicht glauben machen. Der Bedeutendere, aber auch der
Gefährdetere sind Sie. Sie sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein
Sorgenkind des Lebens, – man muß sich um Sie kümmern. Übrigens haben Sie
mir erlaubt, mich um Sie zu kümmern.“
„Gewiß, Herr Settembrini. Ein für allemal. Sehr freundlich von Ihnen.
Und ‚Sorgenkind des Lebens‘ ist hübsch. Worauf so ein Schriftsteller
nicht gleich verfällt! Ich weiß nicht recht, ob ich mir etwas einbilden
soll auf diesen Titel, aber hübsch klingt er, das muß ich sagen. Ja, und
ich gebe mich nun also ein bißchen mit den ‚Kindern des Todes‘ ab, das
ist es ja wohl, was Sie meinen. Ich sehe mich hie und da, wenn ich Zeit
habe, ganz nebenbei, der Kurdienst leidet so gut wie gar nicht darunter,
nach den Schweren und Ernsten um, verstehen Sie, die nicht zu ihrem
Amüsement hier sind und es liederlich treiben, sondern die sterben.“
„Es steht jedoch geschrieben: Laßt die Toten ihre Toten begraben“, sagte
der Italiener.
Hans Castorp hob die Arme und drückte mit seiner Miene aus, daß gar so
manches geschrieben stehe, dies und auch wieder jenes, so daß es schwer
sei, das Rechte herauszufinden und es zu befolgen. Selbstverständlich
hatte der Drehorgelmann einen störenden Gesichtspunkt geltend gemacht,
das war zu erwarten gewesen. Aber wenn auch Hans Castorp nach wie vor
bereit war, ihm ein Ohr zu leihen, seine Lehren unverbindlicherweise
hörenswert zu finden und sich zum Versuche pädagogisch beeinflussen zu
lassen, so war er doch weit entfernt, um irgendwelcher erzieherischer
Gesichtspunkte willen auf Unternehmungen zu verzichten, die ihm, trotz
Mutter Gerngroß und ihrer Redensart vom „netten kleinen Flirt“, trotz
auch dem nüchternen Wesen des armen Rotbein und dem törichten Tirili der
Überfüllten, noch immer auf unbestimmte Art förderlich und von
bedeutender Tragweite erschienen.
Der Sohn _Tous-les-deux’_ hieß Lauro. Er hatte Blumen erhalten, erdig
duftende Nizzaveilchen, „von zwei teilnehmenden Hausgenossen, mit besten
Genesungswünschen“, und da die Anonymität zur reinen Formsache geworden
war und jedermann wußte, von wem diese Spenden ausgingen, so redete
_Tous-les-deux_ selbst, die schwarzbleiche Mutter aus Mexiko, bei einer
Begegnung auf dem Korridor die Vettern dankend an, indem sie sie mit
rasselnden Worten, hauptsächlich aber durch ein gramvoll einladendes
Gebärdenspiel aufforderte, den Dank ihres Sohnes – _de son seul et
dernier fils qui allait mourir aussi_ – persönlich entgegenzunehmen. Das
geschah auf der Stelle. Lauro erwies sich als ein erstaunlich schöner
junger Mann mit Glutaugen, einer Adlernase, deren Nüstern flogen, und
prachtvollen Lippen, über denen ein schwarzes Schnurrbärtchen sproßte, –
zeigte dabei aber ein so prahlerisch-dramatisches Gebaren, daß die
Besucher, Hans Castorp wirklich nicht weniger als Joachim Ziemßen, froh
waren, als sich die Tür des Krankenzimmers wieder hinter ihnen schloß.
Denn während _Tous-les-deux_ in ihrem schwarzen Kaschmirtuch, den
schwarzen Schleier unter dem Kinn geknotet, Querfalten auf ihrer engen
Stirn und ungeheure Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen, mit
krummen Knien wandernd den Raum durchmaß, den einen Winkel ihres großen
Mundes harmvoll tief hinabhängen ließ und dann und wann sich den am
Bette Sitzenden näherte, um ihren tragischen Papageienspruch zu
wiederholen: „_Tous les dé, vous comprenez, messiés ... Premièrement
l’un et maintenant l’autre_“ – erging sich der schöne Lauro, ebenfalls
auf französisch, in rollenden, rasselnden und unerträglich hochtrabenden
Redereien, des Inhalts, daß er wie ein Held zu sterben gedenke, _comme
héros, à l’espagnol_, gleich seinem Bruder, _de même que son fier jeune
frère Fernando_, der ebenfalls wie ein spanischer Held gestorben sei, –
gestikulierte, riß sich das Hemd auf, um den Streichen des Todes die
gelbe Brust zu bieten, und betrug sich so fort, bis ein Hustenanfall,
der ihm dünnen, rosafarbenen Schaum auf die Lippen trieb, seine
Rodomontaden erstickte und die Vettern veranlaßte, auf den Zehenspitzen
hinauszugehen.
Sie sprachen nicht weiter über den Besuch bei Lauro, und auch im
stillen, jeder für sich, enthielten sie sich des Urteils über sein
Gehaben. Besser aber gefiel es allen beiden bei Anton Karlowitsch Ferge
aus Petersburg, der mit seinem großen gutmütigen Schnurrbart und seinem
ebenfalls mit gutmütigem Ausdruck vorragenden Kehlkopf im Bette lag und
sich nur langsam und schwer von dem Versuch erholte, den Pneumothorax
bei sich herstellen zu lassen, was ihm, Herrn Ferge, um ein Haar auf der
Stelle das Leben gekostet hätte. Er hatte einen heftigen Chok dabei
erlitten, den Pleurachok, als Zwischenfall bekannt bei diesem modischen
Eingriff. Bei ihm aber war der Pleurachok in ausnehmend gefährlicher
Form, als vollständiger Kollaps und bedenklichste Ohnmacht, mit einem
Worte so schwer aufgetreten, daß man die Operation hatte unterbrechen
und vorläufig vertagen müssen.
Herrn Ferges gutmütige graue Augen erweiterten sich, und sein Gesicht
wurde fahl, sooft er auf den Vorgang zu sprechen kam, der für ihn
grauenhaft gewesen sein mußte. „Ohne Narkose, meine Herren. Gut,
unsereiner verträgt das nicht, es verbietet sich in diesem Fall, man
begreift und findet sich als vernünftiger Mensch in die Sache. Aber das
Örtliche reicht nicht tief, meine Herren, nur das äußere Fleisch macht
es stumpf, man spürt, wenn man aufgemacht wird, allerdings nur ein
Drücken und Quetschen. Ich liege mit zugedecktem Gesicht, damit ich
nichts sehe, und der Assistent hält mich rechts und die Oberin links. Es
ist so, als ob ich gedrückt und gequetscht würde, das ist das Fleisch,
das geöffnet und mit Klammern zurückgezwängt wird. Aber da höre ich den
Herrn Hofrat sagen: ‚So!‘ und in dem Augenblick, meine Herren, fängt er
an, mit einem stumpfen Instrument – es muß stumpf sein, damit es nicht
vorzeitig durchsticht – das Rippenfell abzutasten: er tastet es ab, um
die rechte Stelle zu finden, wo er durchstechen und das Gas einlassen
kann, und wie er das tut, wie er mit dem Instrument auf meinem
Rippenfell herumfährt, – meine Herren, meine Herren! da war es um mich
geschehen, es war aus mit mir, es erging mir ganz unbeschreiblich. Das
Rippenfell, meine Herren, das soll nicht berührt werden, das darf und
will nicht berührt werden, das ist tabu, das ist mit Fleisch zugedeckt,
isoliert und unnahbar, ein für allemal. Und nun hatte er es bloßgelegt
und tastete es ab. Meine Herren, da wurde mir übel. Entsetzlich,
entsetzlich, meine Herren, – nie hätte ich gedacht, daß so ein siebenmal
scheußliches und hundsföttisch gemeines Gefühl auf Erden und abgesehen
von der Hölle überhaupt vorkomme! Ich fiel in Ohnmacht, – in drei
Ohnmachten auf einmal, eine grüne, eine braune und eine violette.
Außerdem stank es in dieser Ohnmacht, der Pleurachok warf sich mir auf
den Geruchsinn, meine Herren, es roch über alle Maßen nach
Schwefelwasserstoff, wie es in der Hölle riechen muß, und bei alldem
hörte ich mich lachen, während ich abschnappte, aber nicht wie ein
Mensch lacht, sondern das war die unanständigste und ekelhafteste Lache,
die ich in meinem Leben je gehört habe, denn das Abgetastetwerden des
Rippenfells, meine Herren, das ist ja, als ob man auf die allerinfamste,
übertriebenste und unmenschlichste Weise gekitzelt würde, so und nicht
anders ist es mit dieser verdammten Schande und Qual, und das ist der
Pleurachok, den der liebe Gott Ihnen erspare.“
Oft und nicht anders als mit fahlem Grauen kam Anton Karlowitsch Ferge
auf dies „hundsföttische“ Erlebnis zurück und ängstigte sich nicht wenig
vor seiner Wiederholung. Übrigens hatte er sich von vornherein als einen
einfachen Menschen bekannt, dem alles „Hohe“ vollständig fernliege und
an den man besondere Ansprüche geistiger und gemütlicher Art nicht
stellen dürfe, wie auch er solche Ansprüche an niemanden stelle. Dies
vereinbart, erzählte er gar nicht uninteressant von seinem früheren
Leben, aus dem die Krankheit ihn dann geworfen, dem Leben eines
Reisenden im Dienst einer Feuerversicherungsgesellschaft: von Petersburg
aus hatte er in weitläufigen Kreuz- und Querfahrten durch ganz Rußland
die assekurierten Fabriken besucht und die wirtschaftlich zweifelhaften
auszukundschaften gehabt; denn es sei statistisch, daß in den gerade
schlecht gehenden Industrien die meisten Fabrikbrände vorkämen. Darum
sei er denn ausgesandt worden, um unter diesem und jenem Vorwande einen
Betrieb zu sondieren und seiner Bank Bericht zu erstatten, damit zu
rechter Zeit durch verstärkte Rückversicherung oder Prämienteilung
empfindlichem Verlust habe vorgebeugt werden können. Von winterlichen
Reisen durch das weite Reich erzählte er, von Fahrten die Nächte
hindurch bei ungeheuerem Frost, im Liegeschlitten, unter
Schaffelldecken, und wie er erwachend die Augen der Wölfe gleich Sternen
über dem Schnee habe glühen sehen. Gefrorenen Proviant, so Kohlsuppe wie
Weißbrot, hatte er im Kasten mit sich geführt, die an den Stationen,
beim Pferdewechsel, zum Genusse aufgetaut worden waren, wobei sich das
Brot als frisch wie am ersten Tage erwiesen hatte. Und schlimm nur, wenn
unterwegs plötzlich Tauwetter eingefallen war: dann war ihm die in
Stücken mitgenommene Kohlsuppe ausgelaufen.
In dieser Weise erzählte Herr Ferge, indem er sich hin und wieder
seufzend mit der Bemerkung unterbrach, das sei alles recht schön, aber
wenn nur nicht noch einmal der Versuch mit dem Pneumothorax bei ihm
gemacht werden müsse. Es war nichts Höheres, was er vorbrachte, aber
faktischer Natur und ganz gut zu hören, besonders für Hans Castorp, dem
es förderlich schien, vom russischen Reich und seinem Lebensstil zu
vernehmen, von Samowaren, Piroggen, Kosaken und hölzernen Kirchen mit so
vielen Zwiebelturmköpfen, daß sie Pilzkolonien glichen. Auch von der
dortigen Menschenart, ihrer nördlichen und darum in seinen Augen desto
abenteuerlicheren Exotik, ließ er Herrn Ferge erzählen, von dem
asiatischen Einschuß ihres Geblütes, den vortretenden Backenknochen, dem
finnisch-mongolischen Augensitz, und lauschte mit anthropologischem
Anteil, ließ sich auch Russisch vorsprechen, – rasch, verwaschen,
wildfremd und knochenlos ging das östliche Idiom unter Herrn Ferges
gutmütigem Schnurrbart, aus seinem gutmütig vorstehenden Kehlkopf hervor
–, und desto besser (wie einmal die Jugend ist) fand sich Hans Castorp
von alldem unterhalten, als es pädagogisch verbotenes Gebiet war, auf
dem er sich tummelte.
Sie sprachen öfters auf eine Viertelstunde bei Anton Karlowitsch Ferge
vor. Dazwischen besuchten sie den Knaben Teddy aus dem „Fridericianum“,
einen eleganten Vierzehnjährigen, blond und fein, mit Privatpflegerin
und in weißseidenem, verschnürtem Pyjama. Er war Waise und reich, wie er
selbst erzählte. In Erwartung eines tieferen operativen Eingriffs, der
Entfernung wurmstichiger Teile, womit man es probieren wollte, verließ
er, wenn er sich besser fühlte, zuweilen auf eine Stunde sein Bett, um
sich in seinem hübschen Sportanzug an der unteren Geselligkeit zu
beteiligen. Die Damen schäkerten gern mit ihm, und er hörte ihren
Gesprächen zu, zum Beispiel denen, die sich mit Rechtsanwalt Einhuf, dem
Fräulein in der Reformhose und Fränzchen Oberdank beschäftigten. Dann
legte er sich wieder. So lebte der Knabe Teddy elegant in den Tag
hinein, indem er durchblicken ließ, daß er vom Leben nichts anderes
mehr, als eben immer nur dies, erwarte.
Aber auf Nummer fünfzig lag Frau von Mallinckrodt, Natalie mit Vornamen,
mit schwarzen Augen und goldenen Ringen in den Ohren, kokett,
putzsüchtig und dabei ein weiblicher Lazarus und Hiob, von Gott mit
jederlei Bresthaftigkeit geschlagen. Ihr Organismus schien mit
Giftstoffen überschwemmt, so daß alle möglichen Krankheiten sie
abwechselnd und gleichzeitig heimsuchten. Sehr in Mitleidenschaft
gezogen war ihr Hautorgan, das zu großen Teilen von einem qualvoll
juckenden, da und dort wunden Ekzem überzogen war, auch am Munde, woraus
der Einführung des Löffels Schwierigkeiten erwuchsen. Innere
Entzündungen, solche des Rippenfells, der Nieren, der Lungen, der
Knochenhäute und selbst des Hirns, so daß Bewußtlosigkeit einfiel,
lösten einander ab bei Frau von Mallinckrodt, und Herzschwäche,
hervorgerufen durch Fieber und Schmerzen, schuf ihr große Ängste,
bewirkte zum Beispiel, daß sie beim Schlucken das Essen nicht ordentlich
hinunterbrachte: gleich oben in der Speiseröhre blieb es ihr stecken.
Kurzum, die Frau war gräßlich daran und außerdem ganz allein in der
Welt; denn nachdem sie Mann und Kinder um eines anderen Mannes, das
heißt eines halben Knaben, willen verlassen, war sie ihrerseits von
ihrem Geliebten verlassen worden, wie die Vettern von ihr selbst
erfuhren, und war nun heimatlos, wenn auch nicht ohne Mittel, da der
Ehemann sie mit solchen versah. Sie machte ohne unangebrachten Stolz von
seiner Anständigkeit oder seiner fortdauernden Verliebtheit Gebrauch, da
sie sich selber nicht ernst nahm, sondern einsah, daß sie nur ein
ehrloses, sündhaftes Weibchen war, und trug denn auf dieser Basis alle
ihre Hiobsplagen mit erstaunlicher Geduld und Zähigkeit, der elementaren
Widerstandskraft ihrer Rasse-Weiblichkeit, die über das Elend ihres
bräunlichen Körpers triumphierte und noch aus dem weißen Gazeverband,
den sie aus irgendeinem schlimmen Grunde um den Kopf tragen mußte, ein
kleidsames Kostümstück machte. Beständig wechselte sie den Schmuck,
begann in der Frühe mit Korallen und endete abends mit Perlen. Erfreut
durch Hans Castorps Blumensendung, der sie offensichtlich eine mehr
galante als charitative Bedeutung beilegte, ließ sie die jungen Herren
zum Tee an ihr Lager bitten, den sie aus einer Schnabeltasse trank, die
Finger ohne Ausnahme der Daumen und bis zu den Gelenken mit Opalen,
Amethysten und Smaragden bedeckt. Bald, während die goldenen Ringe an
ihren Ohren schaukelten, hatte sie den Vettern erzählt, wie alles sich
mit ihr zugetragen: von ihrem anständigen, aber langweiligen Mann, ihren
ebenfalls anständigen und langweiligen Kindern, die ganz dem Vater
nacharteten und für die sie sich niemals sonderlich hatte erwärmen
können, und von dem halben Knaben, mit dem sie das Weite gesucht und
dessen poetische Zärtlichkeit sie sehr zu rühmen wußte. Aber seine
Verwandten hätten ihn mit List und Gewalt von ihr losgemacht, und dann
habe sich der Kleine auch wohl vor ihrer Krankheit geekelt, die damals
vielfältig und stürmisch zum Ausbruch gekommen. Ob die Herren sich etwa
auch ekelten, fragte sie kokettierend; und ihre Rasse-Weiblichkeit
triumphierte über das Ekzem, das ihr das halbe Gesicht überzog.
Hans Castorp dachte geringschätzig über den Kleinen, der sich geekelt
hatte, und gab dieser Empfindung auch durch ein Achselzucken Ausdruck.
Was ihn betraf, so ließ er sich den Weichmut des poetischen Halbknaben
zum Ansporn in entgegengesetzter Richtung dienen, und nahm Gelegenheit,
der unglückseligen Frau von Mallinckrodt bei wiederholten Besuchen
kleine Pflegerdienste zu leisten, zu denen keine Vorkenntnisse gehörten,
das heißt: ihr behutsam den Mittagsbrei einzuführen, wenn er eben
serviert wurde, ihr aus der Schnabeltasse zu trinken zu geben, wenn der
Bissen ihr steckenblieb, oder ihr beim Umlagern im Bette behilflich zu
sein; denn zu allem übrigen erschwerte eine Operationswunde ihr auch das
Liegen. In diesen Handreichungen übte er sich, wenn er auf dem Wege zum
Speisesaal oder von einem Spaziergange heimkehrend bei ihr einsprach,
indem er Joachim aufforderte, immer voranzugehen, er wolle nur rasch den
Fall auf Nummer fünfzig ein bißchen kontrollieren, – und empfand eine
beglückende Ausdehnung seines Wesens dabei, eine Freude, die auf dem
Gefühl von der Förderlichkeit und heimlichen Tragweite seines Tuns
beruhte, sich übrigens auch mit einem gewissen diebischen Vergnügen an
dem untadelig christlichen Gepräge dieses Tuns und Treibens mischte,
einem so frommen, milden und lobenswerten Gepräge in der Tat, daß weder
vom militärischen noch vom humanistisch-pädagogischen Standpunkte irgend
etwas Ernstliches dagegen erinnert werden konnte.
Von Karen Karstedt war noch nicht die Rede, und doch nahmen Hans Castorp
und Joachim sich ihrer sogar besonders an. Sie war eine auswärtige
Privatpatientin des Hofrats, von ihm der Charität der Vettern empfohlen.
Seit vier Jahren hier oben, war die Mittellose von harten Verwandten
abhängig, die sie schon einmal, da sie doch sterben müsse, von hier
fortgenommen und nur auf Einspruch des Hofrats wieder heraufgeschickt
hatten. Sie domizilierte im „Dorf“, in einer billigen Pension, –
neunzehnjährig und schmächtig, mit glattem, geöltem Haar, Augen, die
zaghaft einen Glanz zu verbergen suchten, der mit der hektischen
Erhöhung ihrer Wangen übereinstimmte, und einer charakteristisch
belegten, dabei aber sympathisch lautenden Stimme. Sie hustete fast ohne
Unterbrechung, und ihre sämtlichen Fingerspitzen waren verpflastert, da
sie infolge der Vergiftung offen waren.
Ihr also widmeten die beiden auf Fürbitte des Hofrats, da sie nun einmal
so gutherzige Kerle seien, sich ganz besonders. Mit einer Blumensendung
begann es, dann folgte ein Besuch bei der armen Karen auf ihrem kleinen
Balkon in „Dorf“ und hierauf diese und jene außerordentliche
Unternehmung zu dritt: die Besichtigung einer Eislaufkonkurrenz, eines
Bobsleighrennens. Denn es war nun die Wintersport-Jahreszeit unseres
Hochtales auf voller Höhe, eine Festwoche wurde begangen, die
Veranstaltungen häuften sich, diese Lustbarkeiten und Schauspiele, denen
die Vettern bisher keine andere als nur eine gelegentlich-flüchtige
Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Joachim war ja allen Zerstreuungen hier
oben abhold. Nicht um solcher willen war er hier, – war überhaupt nicht
hier, um zu leben und sich mit dem Aufenthalt abzufinden, indem er ihn
angenehm und abwechslungsreich gestaltete, sondern einzig und ganz
allein, um sich möglichst rasch zu entgiften, damit er in der Ebene
Dienst machen könne, wirklichen Dienst statt des Kurdienstes, der ein
Ersatzmittel war, aber an dem er einen Raub nur widerwillig duldete.
Sich tätig an der Winterlust zu beteiligen, war ihm verboten, und den
Gaffer zu spielen, hatte ihm mißfallen. Was aber Hans Castorp betraf, so
fühlte er sich zu sehr, in einem zu strengen und intimen Verstande, als
Mitglied Derer hier oben, um Sinn und Blick zu haben für das Treiben von
Leuten, die in diesem Tale ein Sportgelände sahen.
Die charitative Teilnahme nun aber für das arme Fräulein Karstedt
brachte hierin einige Änderung hervor, – ohne unchristlich zu
erscheinen, konnte Joachim keine Einwände dagegen erheben. Sie holten
die Kranke aus ihrer dürftigen Wohnung in „Dorf“ und führten sie bei
prächtig heiß durchsonntem Frostwetter durch das nach dem Hotel
d’Angleterre genannte Englische Viertel, zwischen den Luxusläden der
Hauptstraße hin, auf der Schlitten läuteten, reiche Genießer und
Tagediebe aus aller Welt, Bewohner des Kurhauses und der anderen großen
Hotels, barhaupt in modischem Sportdreß aus edlen und teueren Stoffen,
mit Gesichtern, bronziert von Wintersonnenbrand und Schneestrahlung,
sich ergingen, und hinab auf den nicht weit vom Kurhause in der Tiefe
des Tales gelegenen Eisplatz, der im Sommer eine zum Fußballspiel
benutzte Wiese gewesen. Musik erscholl; die Kurkapelle konzertierte auf
der Empore des hölzernen Pavillongebäudes zu Häupten der viereckig
gestreckten Bahn, hinter welchem die verschneiten Berge im Dunkelblauen
standen. Sie nahmen Einlaß, drängten sich durch das Publikum, das von
drei Seiten, auf ansteigenden Sitzen, die Bahn umgab, fanden Plätze und
schauten. Die Kunstläufer, in knapper Tracht, schwarzen Trikots,
Pelzwerk an den Tressenjacken, wiegten sich, schwebten, zogen Figuren,
sprangen und kreiselten. Ein virtuoses Paar, Herr und Dame,
Professionals und außer Konkurrenz, vollführte etwas in der ganzen Welt
nur von ihm Vermochtes, entfesselte Tusch und Händeklatschen. Im Kampf
um den Schnelligkeitspreis arbeiteten sich sechs junge Männer
verschiedener Nationalität, gebückt, die Hände auf dem Rücken, zuweilen
das Taschentuch vor dem Munde, sechsmal um das weite Viereck. Man
läutete mit einer Glocke in die Musik hinein. Zuweilen brandete die
Menge in anfeuernden Zurufen und Beifall auf.
Es war eine bunte Versammlung, in der die drei Kranken, die Vettern und
ihr Schützling sich umsahen. Engländer mit schottischen Mützen und
weißen Zähnen sprachen Französisch mit penetrant duftenden Damen, die
von oben bis unten in bunte Wolle gekleidet waren, und von denen einige
in Hosen gingen. Kleinköpfige Amerikaner, das Haar glatt angeklebt, die
Shagpfeife im Munde, trugen Pelze, deren Rauhseite nach außen gekehrt
war. Russen, bärtig und elegant, barbarisch reichen Ansehens, und
Holländer von malaischem Kreuzungstyp saßen zwischen deutschem und
schweizerischem Publikum, während allerlei Unbestimmtes, französisch
Redendes, vom Balkan oder der Levante, abenteuerliche Welt, für die Hans
Castorp eine gewisse Schwäche an den Tag legte, und die von Joachim als
zweideutig und charakterlos abgelehnt wurde, überall eingesprengt war.
Kinder konkurrierten zwischendurch in scherzhaften Aufgaben, stolperten
über die Bahn, am einen Fuß einen Schnee-, am anderen einen
Schlittschuh, oder indem die Knaben ihre Dämchen auf Schaufeln vor sich
her schoben. Sie liefen mit brennenden Kerzen, wobei Sieger war, wer
sein Licht, noch brennend, zum Ziele trug, mußten im Laufe Hindernisse
überklettern oder Kartoffeln mit Zinnlöffeln in aufgestellte Gießkannen
lesen. Die große Welt jubelte. Man zeigte sich die reichsten,
berühmtesten und anmutigsten unter den Kindern, das Töchterchen eines
holländischen Multimillionärs, den Sohn eines preußischen Prinzen und
einen Zwölfjährigen, der den Namen einer weltbekannten Champagnerfirma
trug. Die arme Karen jubelte ebenfalls und hustete dabei. Sie klatschte
vor Freude in ihre Hände mit den offenen Fingerspitzen. Sie war so
dankbar.
Auch zum Bobsleighrennen führten die Vettern sie: es war nicht weit zum
Ziel, weder vom „Berghof“ noch auch von Karen Karstedts Wohnung, denn
die Bahn, von der Schatzalp herunterkommend, endete in „Dorf“ zwischen
den Siedelungen des westlichen Hanges. Ein Kontrollhäuschen war dort
errichtet, wohin die Abfahrt eines jeden Gefährts vom Start telephonisch
gemeldet wurde. Zwischen den vereisten Schneebarrieren, auf den
metallisch glänzenden Kurven der Bahn steuerten die flachen Gerüste,
bemannt mit Männern und Frauen in weißer Wolle, Schärpen in allerlei
Landesfarben um die Brust, einzeln, in größeren Abständen, aus der Höhe
daher. Man sah rote, angestrengte Gesichter, in die es hineinschneite.
Stürze, Schlitten, die aneckten, sich überschlugen und ihre Mannschaft
in den Schnee entleerten, wurden vom Publikum photographiert. Musik
spielte auch hier. Die Zuschauer saßen auf kleinen Tribünen oder schoben
sich auf dem schmalen Gehpfade hin, der neben der Bahn geschaufelt war.
Holzbrücken, über die er später führte, die die Bahn überspannten, und
unter denen von Zeit zu Zeit ein konkurrierender Bobsleigh dahinsauste,
waren ebenfalls mit Menschen besetzt. Die Leichen des Sanatoriums droben
nahmen den gleichen Weg, im Saus unter den Brücken dahin, die Kurven
hinab, zu Tale, zu Tale, dachte Hans Castorp und sprach auch davon.
Selbst ins Bioskop-Theater von „Platz“ führten sie Karen Karstedt eines
Nachmittags, da sie das alles so sehr genoß. In der schlechten Luft, die
alle drei physisch stark befremdete, da sie nur das Reinste gewohnt
waren, sich ihnen schwer auf die Brust legte und einen trüben Nebel in
ihren Köpfen erzeugte, flirrte eine Menge Leben, kleingehackt,
kurzweilig und beeilt, in aufspringender, zappelnd verweilender und
wegzuckender Unruhe, zu einer kleinen Musik, die ihre gegenwärtige
Zeitgliederung auf die Erscheinungsflucht der Vergangenheit anwandte und
bei beschränkten Mitteln alle Register der Feierlichkeit und des Pompes,
der Leidenschaft, Wildheit und girrenden Sinnlichkeit zu ziehen wußte,
auf der Leinwand vor ihren schmerzenden Augen vorüber. Es war eine
aufgeregte Liebes- und Mordgeschichte, die sie sahen, stumm sich
abhaspelnd am Hofe eines orientalischen Despoten, gejagte Vorgänge voll
Pracht und Nacktheit, voll Herrscherbrunst und religiöser Wut der
Unterwürfigkeit, voll Grausamkeit, Begierde, tödlicher Lust und von
verweilender Anschaulichkeit, wenn es die Muskulatur von Henkersarmen zu
besichtigen galt, – kurz, hergestellt aus sympathetischer Vertrautheit
mit den geheimen Wünschen der zuschauenden internationalen Zivilisation.
Settembrini, als Mann des Urteils, hätte die humanitätswidrige
Darbietung wohl scharf verneinen, mit gerader und klassischer Ironie den
Mißbrauch der Technik zur Belebung so menschenverächterischer
Vorstellungen geißeln müssen, dachte sich Hans Castorp und flüsterte
dergleichen seinem Vetter auch zu. Frau Stöhr dagegen, die ebenfalls
anwesend war und nicht weit von den Dreien saß, erschien ganz Hingabe;
ihr rotes, ungebildetes Gesicht war im Genusse verzerrt.
Übrigens verhielt es sich ähnlich mit allen Gesichtern, in die man
blickte. Wenn aber das letzte Flimmerbild einer Szenenfolge wegzuckte,
im Saale das Licht aufging und das Feld der Visionen als leere Tafel vor
der Menge stand, so konnte es nicht einmal Beifall geben. Niemand war
da, dem man durch Applaus hätte danken, den man für seine Kunstleistung
hätte hervorrufen können. Die Schauspieler, die sich zu dem Spiele, das
man genossen, zusammengefunden, waren längst in alle Winde zerstoben;
nur die Schattenbilder ihrer Produktion hatte man gesehen, Millionen
Bilder und kürzeste Fixierungen, in die man ihr Handeln aufnehmend
zerlegt hatte, um es beliebig oft, zu rasch blinzelndem Ablauf, dem
Elemente der Zeit zurückzugeben. Das Schweigen der Menge nach der
Illusion hatte etwas Nervloses und Widerwärtiges. Die Hände lagen
ohnmächtig vor dem Nichts. Man rieb sich die Augen, stierte vor sich
hin, schämte sich der Helligkeit und verlangte zurück ins Dunkel, um
wieder zu schauen, um Dinge, die ihre Zeit gehabt, in frische Zeit
verpflanzt und aufgeschminkt mit Musik, sich wieder begeben zu sehen.
Der Despot starb unter dem Messer, mit einem Gebrüll aus offenem Munde,
das man nicht hörte. Man sah dann Bilder aus aller Welt: den Präsidenten
der französischen Republik in Zylinder und Großkordon, vom Sitze des
Landauers auf eine Begrüßungsansprache erwidernd; den Vizekönig von
Indien bei der Hochzeit eines Radscha; den deutschen Kronprinzen auf
einem Kasernenhofe zu Potsdam. Man sah das Leben und Treiben in einem
Eingeborenendorf von Neumecklenburg, einen Hahnenkampf auf Borneo,
nackte Wilde, die auf Nasenflöten bliesen, das Einfangen wilder
Elefanten, eine Zeremonie am siamesischen Königshof, eine Bordellstraße
in Japan, wo Geishas hinter hölzernen Käfiggittern saßen. Man sah
vermummte Samojeden im Renntierschlitten durch eine nordasiatische
Schneeöde kutschieren, russische Pilger zu Hebron anbeten, an einem
persischen Delinquenten die Bastonade vollziehen. Man war zugegen bei
alldem; der Raum war vernichtet, die Zeit zurückgestellt, das Dort und
Damals in ein huschendes, gaukelndes, von Musik umspieltes Hier und
Jetzt verwandelt. Ein junges marokkanisches Weib, in gestreifter Seide,
aufgeschirrt mit Ketten, Spangen und Ringen, die strotzende Brust halb
entblößt, ward plötzlich in Lebensgröße angenähert. Ihre Nüstern waren
breit, ihre Augen voll tierischen Lebens, ihre Züge in Bewegung; sie
lachte mit weißen Zähnen, hielt eine ihrer Hände, deren Nägel heller
schienen, als das Fleisch, als Schirm über die Augen und winkte mit der
anderen ins Publikum. Man starrte verlegen in das Gesicht des reizvollen
Schattens, der zu sehen schien und nicht sah, der von den Blicken gar
nicht berührt wurde, und dessen Lachen und Winken nicht die Gegenwart
meinte, sondern im Dort und Damals zu Hause war, so daß es sinnlos
gewesen wäre, es zu erwidern. Dies mischte, wie gesagt, der Lust ein
Gefühl der Ohnmacht bei. Dann verschwand das Phantom. Leere Helligkeit
überzog die Tafel, das Wort „Ende“ ward darauf geworfen, der Zyklus der
Darbietungen hatte sich geschlossen, und stumm räumte man das Theater,
während von außen neues Publikum hereindrängte, das eine Wiederholung
des Ablaufs zu genießen begehrte.
Ermuntert durch Frau Stöhr, die sich ihnen anschloß, besuchte man
hierauf noch, der armen Karen zu Gefallen, die vor Dankbarkeit die Hände
gefaltet hielt, das Café des Kurhauses. Auch hier gab es Musik. Ein
kleines, rotbefracktes Orchester spielte unter der Führung eines
tschechischen oder ungarischen Primgeigers, der, von der Truppe gelöst,
zwischen tanzenden Paaren stand und unter feurigen Körperwindungen sein
Instrument bearbeitete. Mondänes Leben herrschte an den Tischen. Es
wurden seltene Getränke herumgetragen. Die Vettern bestellten Orangeade
zur Kühlung für sich und ihren Schützling, denn es war heiß und staubig,
während Frau Stöhr süßen Schnaps zu sich nahm. Um diese Stunde, sagte
sie, sei es mit dem Betriebe hier noch nicht völlig das Rechte. Der Tanz
belebe sich noch bedeutend bei vorrückendem Abend; zahlreiche Patienten
der diversen Heilanstalten und wildlebende Kranke aus den Hotels und dem
Kurhause selbst, viel mehr noch, als jetzt, beteiligten sich später
daran, und schon manche Hochgradige sei hier in die Ewigkeit
hinübergetanzt, indem sie den Becher der Lebenslust gekippt und den
finalen Blutsturz in _dulci jubilo_ erlitten habe. Was Frau Stöhrs große
Unbildung aus dem „_dulci jubilo_“ machte, war ganz außerordentlich; das
erste Wort entlehnte sie dem italienisch-musikalischen Vokabular ihres
Gatten und sprach also „_dolce_“, das zweite aber erinnerte an Feuerjo,
Jubeljahr oder Gott wußte woran, – die Vettern schnappten gleichzeitig
nach den Strohhalmen in ihren Gläsern, als dieses Latein in Kraft trat,
doch focht das die Stöhr nicht an. Vielmehr suchte sie auf dem Wege der
Anspielungen und Sticheleien, die Hasenzähne störrisch entblößt, dem
Verhältnis der drei jungen Leute auf den Grund zu kommen, der ihr ganz
deutlich nur war, soweit die arme Karen in Frage stand, welcher es, so
sagte Frau Stöhr, wohl passen mochte, bei ihrem leichten Wandel von zwei
so flotten Rittern zugleich chaperoniert zu werden. Weniger klar
erschien ihr der Fall von seiten der Vettern aus gesehen; aber bei aller
Dummheit und Unbildung verhalf die Intuition ihrer Weiblichkeit ihr doch
zu einiger Einsicht, wenn auch nur zu einer halben und ordinären. Denn
sie verstand und gab dem stichelnderweise Ausdruck, daß hier der wahre
und eigentliche Ritter Hans Castorp sei, während der junge Ziemßen bloß
assistiere, und daß Hans Castorp, dessen innere Richtung gegen Frau
Chauchat ihr bekannt war, die kümmerliche Karstedt nur ersatzweise
chaperonierte, da er sich jener anderen offenbar nicht zu nähern wußte,
– eine Einsicht, Frau Stöhrs nur zu würdig und ganz ohne sittliche
Tiefe, sehr unzulänglich und von ordinärer Intuition, weshalb Hans
Castorp denn auch nur mit einem müden und verächtlichen Blick darauf
erwiderte, als sie sie platt-neckisch zu erkennen gab. Denn allerdings
bedeutete ihm der Verkehr mit der armen Karen eine Art von Ersatz- und
unbestimmt förderlichem Hilfsmittel, wie alle seine charitativen
Unternehmungen ihm dergleichen bedeuteten. Aber zugleich waren sie doch
auch Zweck ihrer selbst, diese frommen Unternehmungen, und die
Zufriedenheit, die er empfand, wenn er die bresthafte Mallinckrodt mit
Brei fütterte, sich von Herrn Ferge den infernalischen Pleurachok
beschreiben ließ oder die arme Karen vor Freude und Dankbarkeit in die
Hände mit den verpflasterten Fingerspitzen klatschen sah, war, wenn auch
von übertragener und beziehungsvoller, so doch zugleich auch von
unmittelbarer und reiner Art; sie entstammte einem Bildungsgeiste,
entgegengesetzt demjenigen, den Herr Settembrini pädagogisch vertrat,
indessen wohl wert, das _Placet experiri_ darauf anzuwenden, wie es dem
jungen Hans Castorp schien.
Das Häuschen, worin Karen Karstedt wohnte, lag unweit des Wasserlaufs
und des Bahngeleises an dem gegen „Dorf“ führenden Wege, und so hatten
die Vettern es bequem, sie abzuholen, wenn sie sie nach dem Frühstück
auf ihren dienstlichen Lustwandel mitnehmen wollten. Gingen sie so gegen
Dorf, um die Hauptpromenade zu gewinnen, so sahen sie vor sich das
kleine Schiahorn, dann weiter rechts drei Zinken, welche die Grünen
Türme hießen, jetzt aber ebenfalls unter blendend besonntem Schnee
lagen, und noch weiter rechts die Kuppe des Dorfberges. Auf Viertelhöhe
seiner Wand sah man den Friedhof liegen, den Friedhof von „Dorf“, von
einer Mauer umgeben und offenbar mit schönem Blick, vermutlich auf den
See, weshalb er als Zielpunkt eines Spazierganges wohl ins Auge zu
fassen war. Sie wanderten denn auch einmal hinauf, die drei, an einem
schönen Vormittag, – und alle Tage waren nun schön: windstill und
sonnig, tiefblau, heiß-frostig und glitzerweiß. Die Vettern, der eine
ziegelrot im Gesicht, der andere bronziert, gingen im baren Anzug, da
Mäntel lästig gewesen wären in diesem Sonnenprall, – der junge Ziemßen
in Sportdreß mit Gummischneeschuhen, Hans Castorp gleichfalls in
solchen, aber in langen Hosen, da er nicht körperlich genug gesinnt war,
um kurze zu tragen. Es war zwischen Anfang und Mitte Februar, im neuen
Jahre. Ganz recht, die Jahreszahl hatte gewechselt, seitdem Hans Castorp
heraufgekommen; man schrieb eine andere jetzt, die nächste. Ein großer
Zeiger der Weltzeitenuhr war um eine Einheit weiter gefallen: nicht
gerade einer der allergrößten, nicht etwa der, welcher die Jahrtausende
maß, – sehr wenige, die lebten, würden das noch erleben; auch der nicht,
der die Jahrhunderte anmerkte oder nur die Jahrzehnte, das nicht. Der
Jahreszeiger aber war kürzlich gefallen, obgleich Hans Castorp ja noch
kein Jahr, sondern erst wenig mehr als ein halbes, hier oben war, und
stand nun fest nach Art der nur von fünf zu fünf Minuten fallenden
Minutenzeiger gewisser großer Uhren, bis er wieder vorrücken würde. Bis
dahin aber mußte der Monatszeiger noch zehnmal vorrücken, ein paarmal
öfter, als er es getan, seitdem Hans Castorp hier oben war, – den
Februar zählte er nicht mehr mit, denn angebrochen war abgetan,
gleichwie gewechselt so gut wie ausgegeben.
Auch zu dem Friedhof am Dorfberge also gingen die drei einmal spazieren,
– exakter Rechenschaft halber sei auch dieser Ausflug noch angeführt.
Die Anregung dazu war von Hans Castorp ausgegangen, und Joachim hatte
wohl anfangs der armen Karen wegen Bedenken gehabt, dann aber eingesehen
und zugegeben, daß es zwecklos gewesen wäre, mit ihr Verstecken zu
spielen und sie im Sinne der feigen Stöhr vor allem, was an den _exitus_
erinnerte, ängstlich zu bewahren. Karen Karstedt gab sich noch nicht den
Selbsttäuschungen des letzten Stadiums hin, sondern wußte Bescheid, wie
es mit ihr stand und was es mit der Nekrose ihrer Fingerspitzen auf sich
hatte. Sie wußte ferner, daß ihre harten Verwandten vom Luxus des
Heimtransportes kaum würden etwas wissen wollen, sondern daß ihr nach
dem Exitus ein bescheidenes Plätzchen dort oben zum Quartier würde
angewiesen werden. Und kurz, man konnte wohl finden, daß dieses
Wanderziel moralisch passender für sie war, als manches andere, zum
Beispiel der Bobstart oder das Kino, – wie es denn übrigens nicht mehr
als ein anständiger Akt der Kameradschaft war, Denen dort oben einmal
einen Besuch zu machen, gesetzt, daß man den Friedhof nicht einfach als
Sehenswürdigkeit und neutrales Spaziergebiet betrachten wollte.
Im Gänsemarsch gingen sie langsam hinauf, denn der geschaufelte Pfad
gestattete nur ein einzelnes Gehen, ließen die letzten, an der Lehne
zuhöchst gelegenen Villen hinter und unter sich und sahen im Steigen das
vertraute Landschaftsbild in seiner Winterpracht sich wieder einmal
perspektivisch ein wenig verschieben und öffnen: es weitete sich nach
Nordost, gegen den Taleingang, der erwartete Blick auf den See tat sich
auf, dessen umwaldetes Rund zugefroren und mit Schnee bedeckt war, und
hinter seinem fernsten Ufer schienen Bergschrägen sich am Boden zu
treffen, hinter denen fremde Gipfel, verschneit, einander vor dem
Himmelsblau überhöhten. Sie sahen das an, im Schnee vor dem steinernen
Tore stehend, das den Eingang zum Friedhof bildete, und betraten die
Stätte dann durch die eiserne Gittertür, die dem Steintore eingefügt und
nur angelehnt war.
Auch hier fanden sie Pfade geschaufelt, die zwischen den umgitterten,
schneebepolsterten Gräbererhöhungen, diesen wohl und ebenmäßig
aufgemachten Bettlagern mit ihren Kreuzen aus Stein und Metall, ihren
kleinen, medaillon- und inschriftgeschmückten Monumenten dahinführten;
doch ließ kein Mensch sich sehen noch hören. Die Stille,
Abgeschiedenheit, Ungestörtheit des Ortes schien tief und heimlich in
mancherlei Sinn; ein kleiner steinerner Engel oder Puttengott, der, eine
Schneemütze etwas schief auf dem Köpfchen, irgendwo im Gebüsche stand
und mit dem Finger die Lippen schloß, mochte wohl als sein Genius
gelten, – will sagen: als der des Schweigens, und zwar eines Schweigens,
das man sehr stark als Gegenteil und Widerspiel des Redens, als
Verstummen also, keineswegs aber als inhaltsleer und ereignislos
empfand. Für die beiden männlichen Gäste wäre es wohl eine Gelegenheit
gewesen, die Hüte abzunehmen, wenn sie welche aufgehabt hätten. Aber sie
waren ja barhaupt, auch Hans Castorp war es, und so gingen sie denn nur
in ehrerbietiger Haltung, das Körpergewicht auf die Fußballen legend und
gleichsam mit kleinen Verbeugungen nach rechts und links, im Gänsemarsch
hinter Karen Karstedt her, die sie führte.
Der Friedhof war unregelmäßig in der Form, erstreckte sich anfänglich
als schmales Rechteck gegen Süden und lud dann ebenfalls rechteckig nach
beiden Seiten aus. Ersichtlich hatte mehrfach Vergrößerung sich als
notwendig erwiesen und war Acker angestückt worden. Trotzdem schien das
Gehege auch gegenwärtig wieder so gut wie voll belegt, und zwar entlang
der Mauer sowohl wie auch in seinen inneren, minder bevorzugten Teilen,
– kaum war zu sehen und zu sagen, wo allenfalls noch ein Unterkommen
darin gewesen wäre. Die drei Auswärtigen wanderten längere Zeit diskret
in den schmalen Gehrinnen und Passagen zwischen den Mälern umher, indem
sie dann und wann stehenblieben, um einen Namen nebst Geburts- und
Sterbedatum zu entziffern. Die Denksteine und Kreuze waren anspruchslos,
bekundeten wenig Aufwand. Was ihre Inschriften betraf, so stammten die
Namen aus allen Winden und Welten, sie lauteten englisch, russisch oder
doch allgemein slawisch, auch deutsch, portugiesisch und anderswie; die
Daten aber trugen zartes Gepräge, ihre Spannweite war im ganzen
auffallend gering, der Jahresabstand zwischen Geburt und Exitus betrug
überall ungefähr zwanzig und nicht viel mehr, fast lauter Jugend und
keine Tugend bevölkerte das Lager, ungefestigtes Volk, das sich aus
aller Welt hier zusammengefunden hatte und zur horizontalen Daseinsform
endgültig eingekehrt war.
Irgendwo tief im Gedränge der Ruhelager, im Inneren des Angers, gegen
die Mitte zu, gab es ein flaches Plätzchen von Menschenlänge, eben und
unbelegt, zwischen zwei aufgebetteten, um deren Steine Dauerkränze
gehängt waren, und unwillkürlich blieben die drei Besucher davor stehen.
Sie standen, das Fräulein etwas vor ihren Begleitern, und lasen die
zarten Angaben der Steine, – Hans Castorp gelöst, die Hände vor sich
gekreuzt, mit offenem Munde und schläfrigen Augen, der junge Ziemßen
geschlossen und nicht nur gerade, sondern sogar ein wenig nach hinten
abgeneigt, – worauf die Vettern mit gleichzeitiger Neugier von den
Seiten verstohlen in Karen Karstedts Miene blickten. Sie merkte es
dennoch und stand da, verschämt und bescheiden, den Kopf ein wenig
schräg vorgeschoben, und lächelte geziert mit gespitzten Lippen, wobei
sie rasch mit den Augen blinzelte.