Forschungen

So kam, was kommen mußte, und was hier zu erleben Hans Castorp noch vor

kurzem sich nicht hätte träumen lassen: der Winter fiel ein, der hiesige

Winter, den Joachim schon kannte, da der vorige noch in voller

Herrschaft gewesen, als er hier eingetroffen war, vor dem aber Hans

Castorp sich etwas fürchtete, obgleich er sich ja bestens dafür gerüstet

wußte. Sein Vetter suchte ihn zu beruhigen.

„Du mußt es dir nicht allzu grimmig vorstellen,“ sagte er, „nicht gerade

arktisch. Man spürt die Kälte wenig wegen der Lufttrockenheit und der

Windstille. Wenn man sich gut verpackt, kann man bis tief in die Nacht

auf dem Balkon bleiben, ohne zu frieren. Es ist die Geschichte mit der

Temperaturumkehr oberhalb der Nebelgrenze, es wird wärmer in höheren

Lagen, man hat das früher nicht so gewußt. Eher ist es schon kalt, wenn

es regnet. Aber du hast ja nun deinen Liegesack, und geheizt wird auch

ein bißchen, wenn Not an den Mann kommt.“

Übrigens konnte von Überrumpelung und Gewalttätigkeit nicht die Rede

sein, der Winter kam gelinde, er sah vorderhand nicht sehr anders aus,

als mancher Tag, den auch der Hochsommer schon mit sich geführt hatte.

Ein paar Tage lang hatte Südwind geweht, die Sonne drückte, das Tal

schien verkürzt und verengt, nahe und nüchtern lagen die Alpenkulissen

des Ausgangs. Dann zogen Wolken auf, drangen vom Piz Michel und

Tinzenhorn gegen Nordosten vor, und das Tal verdunkelte sich. Dann

regnete es schwer. Dann wurde der Regen unrein, weißlichgrau, Schnee

hatte sich dareingemischt, es war schließlich nur noch Schnee, das Tal

war angefüllt mit Gestöber, und da das reichlich lange so ging, auch die

Temperatur unterdessen beträchtlich gefallen war, so konnte der Schnee

nicht ganz wegschmelzen, er war naß, aber er blieb liegen, das Tal lag

in dünnem, feuchtem, schadhaftem weißen Gewand, gegen welches das

Nadelrauh der Lehnen schwarz abstach; im Speisesaal erwärmten die Röhren

sich laulich. Das war Anfang November, um Allerseelen, und es war nicht

neu. Auch im August war es schon so gewesen, und längst hatte man sich

entwöhnt, den Schnee als ein Vorrecht des Winters zu betrachten. Stets

und bei jeder Witterung, wenn auch nur von ferne, hatte man welchen vor

Augen gehabt, denn immer schimmerten Reste und Spuren davon in den

Spalten und Schründen der felsigen Rätikonkette, die dem Taleingang

vorzuliegen schien, und immer hatten die fernsten Bergmajestäten des

Südens im Schnee herübergegrüßt. Aber beides hielt an, der Schneefall

und der Wärmerückgang. Der Himmel hing blaßgrau und niedrig über dem

Tal, löste sich in Flocken hin, die lautlos und unaufhörlich fielen, in

übertriebener und leicht beunruhigender Ausgiebigkeit, und stündlich

wurde es kälter. Es kam der Morgen, da Hans Castorp in seinem Zimmer

sieben Grad hatte, und am folgenden waren es nur noch fünf. Das war der

Frost, und er hielt sich in Grenzen, aber er hielt sich. Es hatte bei

Nacht gefroren, nun fror es auch am Tage, und zwar von morgens bis

abends, wobei es weiterschneite, mit kurzen Unterbrechungen den vierten

und fünften, den siebenten Tag. Der Schnee sammelte sich nun mächtig an,

nachgerade wurde er zur Verlegenheit. Man hatte auf dem Dienstwege zur

Bank am Wasserlauf, sowie auf dem Fahrweg hinab ins Tal, Gehbahnen

geschaufelt; aber sie waren schmal, es gab kein Ausweichen darauf, bei

Begegnungen mußte man in den Schneedamm zur Seite treten und versank bis

zum Knie. Eine Schneewalze aus Stein, von einem Pferde gezogen, das ein

Mann am Halfter führte, rollte den ganzen Tag über die Straßen des

Kurortes drunten, und eine Schlittentram, gelb und von altfränkisch

postkutschenhafter Gestalt, mit einem Schneepfluge vorn, der die weißen

Massen schaufelnd beiseite warf, verkehrte zwischen dem Kurhausviertel

und dem „Dorf“ genannten nördlichen Teil der Siedelung. Die Welt, die

enge, hohe und abgeschiedene Welt Derer hier oben, erschien nun dick

bepelzt und gepolstert, es war kein Pfeiler und Pfahl, der nicht eine

weiße Haube trug, die Treppenstufen zum Berghofportal verschwanden,

verwandelten sich in eine schiefe Ebene, schwere, humoristisch geformte

Kissen lasteten überall auf den Zweigen der Kiefern, da und dort

rutschte die Masse ab, zerstäubte und zog als Wolke und weißer Nebel

zwischen den Stämmen dahin. Verschneit lag rings das Gebirge, rauh in

den unteren Bezirken, weich zugedeckt die über die Baumgrenze

hinausragenden, verschieden gestalteten Gipfel. Es war dunkel, die Sonne

stand nur als ein bleicher Schein hinter dem Geschleier. Aber der Schnee

gab ein indirektes und mildes Licht, eine milchige Helligkeit, die Welt

und Menschen gut kleidete, wenn auch die Nasen unter den weißen oder

farbigen Wollmützen rot waren.

Im Speisesaal, an den sieben Tischen, beherrschte der Anbruch des

Winters, der großen Jahreszeit dieser Gegenden, das Gespräch. Viele

Touristen und Sportsleute, hieß es, seien eingetroffen und bevölkerten

die Hotels von „Dorf“ und „Platz“. Man schätzte die Höhe des geworfenen

Schnees auf sechzig Zentimeter, und seine Beschaffenheit sei ideal im

Sinne des Skiläufers. An der Bobbahn, die drüben am nordwestlichen Hange

von der Schatzalp zu Tal führte, werde eifrig gearbeitet, schon in den

nächsten Tagen könne sie eröffnet werden, vorausgesetzt, daß nicht der

Föhn einen Strich durch die Rechnung mache. Man freute sich auf das

Treiben der Gesunden, der Gäste von unten, das nun sich hier wieder

entwickeln werde, auf die Sportsfeste und Rennen, denen man auch gegen

Verbot beizuwohnen gedachte, indem man die Liegekur schwänzte und

entwischte. Es gab etwas Neues, hörte Hans Castorp, eine Erfindung aus

Norden, das Skikjöring, ein Rennen, wobei sich die Teilnehmer auf Skiern

stehend von Pferden ziehen lassen würden. Dazu wollte man entwischen. –

Auch von Weihnachten war die Rede.

Von Weihnachten! Nein, daran hatte Hans Castorp noch nicht gedacht. Er

hatte leicht sagen und schreiben können, daß er kraft ärztlichen

Befundes mit Joachim den Winter hier werde zubringen müssen. Aber das

schloß ein, wie sich nun zeigte, daß er hier Weihnachten verleben

sollte, und das hatte ohne Zweifel etwas Erschreckendes für das Gemüt,

schon deshalb, aber nicht ganz allein deshalb, weil er diese Zeit

überhaupt noch niemals anderswo als in der Heimat, im Schoß der Familie,

verlebt hatte. In Gottes Namen denn, das wollte nun in den Kauf genommen

sein. Er war kein Kind mehr, Joachim schien auch weiter keinen Anstoß

daran zu nehmen, sondern sich ohne Weinerlichkeit damit abzufinden, und

wo nicht überall und unter welchen Umständen war in der Welt schon

Weihnachten begangen worden!

Bei alldem schien es ihm etwas übereilt, vor dem ersten Advent von

Weihnachten zu reden; es waren ja noch reichlich sechs Wochen bis dahin.

Diese aber übersprang und verschlang man im Speisesaal, – ein inneres

Verfahren, auf das Hans Castorp ja schon auf eigene Hand sich verstehen

gelernt hatte, wenn er es auch noch nicht in so kühnem Stile zu üben

gewöhnt war wie die älter eingesessenen Lebensgenossen. Solche Etappen

im Jahreslauf, wie das Weihnachtsfest, schienen ihnen eben recht als

Anhaltspunkte und Turngeräte, woran sich über leere Zwischenzeiten

behende hinwegvoltigieren ließ. Sie hatten alle Fieber, ihr Stoffumsatz

war erhöht, ihr Körperleben verstärkt und beschleunigt, – es mochte am

Ende wohl damit zusammenhängen, daß sie die Zeit so rasch und massenhaft

durchtrieben. Er hätte sich nicht gewundert, wenn sie Weihnachten schon

als zurückgelegt betrachtet und gleich von Neujahr und Fastnacht

gesprochen hätten. Aber so leichtlebig und ungesetzt war man mitnichten

im Berghofspeisesaal. Bei Weihnachten machte man halt, es gab Anlaß zu

Sorgen und Kopfzerbrechen. Man beriet über das gemeinsame Geschenk, das

nach bestehender Anstaltsübung dem Chef, Hofrat Behrens, am heiligen

Abend überreicht werden sollte, und für das eine allgemeine Sammlung

eingeleitet war. Voriges Jahr hatte man einen Reisekoffer geschenkt, wie

diejenigen überlieferten, die seit mehr als Jahresfrist hier waren. Man

sprach für diesmal von einem neuen Operationstisch, einer Malstaffelei,

einem Gehpelz, einem Schaukelstuhl, einem elfenbeinernen und irgendwie

„eingelegten“ Hörrohr, und Settembrini empfahl auf Befragen die

Schenkung eines angeblich im Entstehen begriffenen lexikographischen

Werkes, genannt „Soziologie der Leiden“; doch fiel ihm einzig ein

Buchhändler bei, der seit kurzem am Tische der Kleefeld saß. Einigung

hatte sich noch nicht ergeben wollen. Die Verständigung mit den

russischen Gästen bot Schwierigkeiten. Die Sammlung spaltete sich. Die

Moskowiter erklärten, Behrens auf eigene Hand beschenken zu wollen. Frau

Stöhr zeigte sich tagelang in größter Unruhe wegen eines Geldbetrages,

zehn Franken, die sie bei der Sammlung leichtsinnigerweise für Frau

Iltis ausgelegt hatte, und die diese ihr zurückzuerstatten „vergaß“. Sie

„vergaß“ es, – die Betonungen, mit denen Frau Stöhr dies Wort versah,

waren vielfach abgestuft und sämtlich darauf berechnet, den tiefsten

Unglauben an eine Vergeßlichkeit zu bekunden, die allen Anspielungen und

feinen Gedächtnisstachelungen, an denen es Frau Stöhr, wie sie

versicherte, nicht fehlen ließ, Trotz bieten zu wollen schien. Mehrfach

verzichtete Frau Stöhr und erklärte, der Iltis die schuldige Summe zu

schenken. „Ich zahle also für mich und für sie,“ sagte sie; „gut, nicht

mein ist die Schande!“ Endlich aber war sie auf einen Ausweg verfallen,

von dem sie der Tischgesellschaft zu allgemeiner Heiterkeit Mitteilung

machte: sie hatte sich die zehn Franken auf der „Verwaltung“ auszahlen

und der Iltis in Rechnung stellen lassen, – womit die träge Schuldnerin

denn überlistet und wenigstens diese Sache ins gleiche gebracht war.

Es hatte zu schneien aufgehört. Teilweise öffnete der Himmel sich;

graublaue Wolken, die sich geschieden, ließen Sonnenblicke einfallen,

die die Landschaft bläulich färbten. Dann wurde es völlig heiter. Klarer

Frost herrschte, reine, gesicherte Winterspracht um Mitte November, und

das Panorama hinter den Bogen der Balkonloge, die bepuderten Wälder, die

weichgefüllten Schlüfte, das weiße, sonnige Tal unter dem

blaustrahlenden Himmel war herrlich. Abends gar, wenn der fast gerundete

Mond erschien, verzauberte sich die Welt und ward wunderbar.

Kristallisches Geflimmer, diamantnes Glitzern herrschte weit und breit.

Sehr weiß und schwarz standen die Wälder. Die dem Monde fernen

Himmelsgegenden lagen dunkel, mit Sternen bestickt. Scharfe, genaue und

intensive Schatten, die wirklicher und bedeutender schienen als die

Dinge selbst, fielen von den Häusern, den Bäumen, den Telegraphenstangen

auf die blitzende Fläche. Es hatte sieben oder acht Grad Frost ein paar

Stunden nach Sonnenuntergang. In eisige Reinheit schien die Welt

gebannt, ihre natürliche Unsauberkeit zugedeckt und erstarrt im Traum

eines phantastischen Todeszaubers.

Hans Castorp hielt sich bis spät in die Nacht in seiner Balkonloge über

dem verwunschenen Wintertal, weit länger als Joachim, der sich um zehn,

oder doch nicht viel später, zurückzog. Sein vorzüglicher Liegestuhl mit

dem dreiteiligen Polster und der Nackenrolle war nahe an das

Holzgeländer gerückt, auf dem ein Kissen von Schnee sich hinzog; auf dem

weißen Tischchen daneben brannte die elektrische Lampe und stand neben

einem Stapel Bücher ein Glas fetter Milch, die Abendmilch, die allen

Bewohnern des „Berghofs“ noch um neun Uhr aufs Zimmer gebracht wurde,

und in die Hans Castorp sich einen Schuß Kognak goß, um sie sich

mundgerechter zu machen. Schon hatte er alle verfügbaren Schutzmittel

gegen die Kälte aufgeboten, den ganzen Apparat. Bis über die Brust stak

er in dem knöpfbaren Pelzsack, den er in einem einschlägigen Geschäft

des Kurorts rechtzeitig erstanden, und hatte um diesen die beiden

Kamelhaardecken nach dem Ritus geschlagen. Dazu trug er über dem

Winteranzug seine kurze Pelzjacke, auf dem Kopf eine wollene Mütze,

Filzstiefel an den Füßen und an den Händen dickgefütterte Handschuhe,

die aber freilich das Erstarren der Finger nicht hindern konnten.

Was ihn so lange draußen hielt, bis gegen und über Mitternacht (wenn das

schlechte Russenpaar die Nachbarloge längst verlassen hatte), war wohl

auch der Zauber der Winternacht, zumal sich bis elf Uhr Musik darein

wob, die von näher und ferner her aus dem Tale heraufdrang, –

hauptsächlich aber Trägheit und Angeregtheit, beides zugleich und im

Verein: nämlich die Trägheit und bewegungsfeindliche Müdigkeit seines

Körpers und die beschäftigte Angeregtheit seines Geistes, der über

gewissen neuen und fesselnden Studien, auf die der junge Mann sich

eingelassen, nicht zur Ruhe kommen wollte. Die Witterung setzte ihm zu,

der Frost wirkte anstrengend und konsumierend auf seinen Organismus. Er

aß viel, nutzte die gewaltigen Berghofmahlzeiten, bei denen auf

garniertes Roastbeef gebratene Gänse folgten, mit jenem übergewöhnlichen

Appetit, der hier durchaus und im Winter, wie sich zeigte, noch mehr als

im Sommer, an der Tagesordnung war. Gleichzeitig beherrschte ihn

Schlafsucht, so daß er bei Tage wie an den mondlichten Abenden über den

Büchern, die er wälzte, und die wir kennzeichnen werden, oftmals

einschlief, um nach einigen Minuten der Bewußtlosigkeit seine

Forschungen fortzusetzen. Lebhaftes Sprechen – und er neigte hier mehr

als ehemals im Tiefland zu schnellem, rückhaltlosem und selbst gewagtem

Plaudern – lebhaftes Sprechen also mit Joachim während ihrer Dienstgänge

im Schnee erschöpfte ihn sehr; Schwindel und Zittern, ein Gefühl von

Betäubung und Trunkenheit kam ihn an, und sein Kopf stand in Hitze.

Seine Kurve war angestiegen seit Einfall des Winters, und Hofrat Behrens

hatte etwas von Injektionen fallen lassen, die er bei hartnäckiger

Übertemperatur anzuwenden pflegte, und denen zwei Drittel der Gäste,

auch Joachim, sich regelmäßig zu unterziehen hatten. Mit der

gesteigerten Wärmeerzeugung seines Körpers aber, dachte Hans Castorp,

hatte gewiß die geistige Erregung und Rührigkeit zu tun, die ihn an

ihrem Teil bis tief in die glitzernde Frostnacht auf seinem Liegestuhl

festhielt. Die Lektüre, die ihn fesselte, legte ihm solche Erklärungen

nah.

Es wurde nicht wenig gelesen auf den Liegehallen und Privatbalkons des

internationalen Sanatoriums „Berghof“, – namentlich von Anfängern und

Kurzfristigen; denn die Vielmonatigen oder gar Mehrjährigen hatten

längst gelernt, auch ohne Zerstreuung und Beschäftigung des Kopfes die

Zeit zu vernichten und kraft inneren Virtuosentums hinter sich zu

bringen, ja, sie erklärten es für das Ungeschick von Stümpern, sich

dabei an ein Buch zu klammern. Allenfalls möge man eines auf dem Schoß

oder dem Beitischchen liegen haben, das genüge vollauf, sich versorgt zu

fühlen. Die Anstaltsbücherei, polyglott und an Bilderwerken reich, der

erweiterte Unterhaltungsbestand eines zahnärztlichen Wartezimmers, bot

sich der freien Benutzung an. Romanbände aus der Leihbibliothek von

„Platz“ wurden ausgetauscht. Dann und wann trat ein Buch, eine Schrift

auf, um die man sich riß, nach der auch die nicht mehr Lesenden mit nur

erheucheltem Phlegma die Hände streckten. Zu dem Zeitpunkt, wo wir

halten, ging ein schlecht gedrucktes Heft von Hand zu Hand, das Herr

Albin eingeführt hatte und das „Die Kunst, zu verführen“ betitelt war.

Es war sehr wörtlich aus dem Französischen übersetzt, ja selbst die

Syntax dieser Sprache war in der Übertragung beibehalten, wodurch der

Vortrag viel Haltung und prickelnde Eleganz gewann, und entwickelte

die Philosophie der Leibesliebe und Wollust im Geist eines

weltmännisch-lebensfreundlichen Heidentums. Frau Stöhr hatte es bald

gelesen und fand es „berauschend“. Frau Magnus, dieselbe, die Eiweiß

verlor, pflichtete ihr rückhaltlos bei. Ihr Gatte, der Bierbrauer,

wollte für seine Person bei der Lektüre manches profitiert haben,

bedauerte aber, daß Frau Magnus die Schrift in sich aufgenommen, denn

dergleichen „verhätschele“ die Frauen und bringe ihnen unbescheidene

Begriffe bei. Diese Äußerung verstärkte die Begierde nach dem Buchwerk

nicht wenig. Zwischen zwei im Oktober zugereisten Damen der unteren

Liegehalle, Frau Redisch, der Gattin eines polnischen Industriellen und

einer gewissen Witwe Hessenfeld aus Berlin, von denen jede behauptete,

sie habe sich vor der anderen zur Lektüre gemeldet, kam es nach dem

Diner zu einer mehr als unerquicklichen, eigentlich gewalttätigen Szene,

der Hans Castorp in seiner Balkonloge zuzuhören hatte, und die mit einem

hysterischen Schreikrampf einer der beiden Damen – es konnte die

Redisch, konnte aber auch die Hessenfeld sein – und der Verbringung der

Wuterkrankten auf ihr Zimmer endigte. Die Jugend hatte sich des

Traktates früher bemächtigt als die reiferen Jahrgänge. Sie studierte es

teilweise gemeinsam nach dem Souper auf verschiedenen Zimmern. Hans

Castorp sah, wie der Junge mit dem Fingernagel es im Speisesaal einer

jungen, frisch eingetroffenen Leichtkranken, Fränzchen Oberdank,

einhändigte, einem blond gescheitelten Haustöchterchen, das erst

kürzlich von seiner Mutter heraufgebracht worden war.

Vielleicht gab es Ausnahmen, vielleicht solche, die die Stunden des

Liegedienstes mit irgendeiner ernsten geistigen Beschäftigung, einem

irgendwie förderlichen Studium erfüllten, sei es auch nur, um dadurch

eine Verbindung mit dem Leben der Ebene zu bewahren oder der Zeit ein

wenig Schwere und Tiefgang, damit sie nicht reine Zeit und sonst

überhaupt nichts sei, zu verleihen. Vielleicht war außer Herrn

Settembrini, mit seinen Bestrebungen, die Leiden auszumerzen, und dem

ehrliebenden Joachim mit seinen russischen Übungsbüchern, noch dieser

und jener, der es so hielt, wenn nicht unter den Insassen des

Speisesaals, was wirklich unwahrscheinlich war, so möglicherweise gerade

unter den Bettlägrigen und Moribunden – Hans Castorp war geneigt, es zu

glauben. Ihn selbst angehend, so hatte er sich seinerzeit, da _Ocean

steamships_ ihm nichts mehr zu sagen hatte, zusammen mit seinem

Winterbedarf, auch einige in seinen Lebensberuf einschlagende Bücher,

Ingenieur-Wissenschaftliches, Schiffsbautechnisches, von zuhause

heraufkommen lassen. Diese Bände lagen aber vernachlässigt zugunsten

anderer, einer ganz verschiedenen Sparte und Fakultät angehöriger

Lehrwerke, zu deren Materie der junge Hans Castorp Lust gefaßt. Es waren

solche der Anatomie, Physiologie und Lebenskunde, abgefaßt in

verschiedenen Sprachen, auf deutsch, französisch und englisch, und sie

wurden ihm eines Tages vom Buchhändler des Ortes heraufgeschickt,

offenbar, weil er sie bestellt hatte, und zwar auf eigene Hand,

stillschweigend, gelegentlich eines Spazierganges, den er ohne Joachim

(da dieser gerade zur Injektion oder zum Wiegen bestellt gewesen) nach

„Platz“ hinunter gemacht hatte. Joachim sah die Bücher mit Überraschung

in seines Vetters Händen. Sie waren teuer gewesen, wie wissenschaftliche

Werke sind; die Preise standen noch an den Innenseiten der Deckel und

auf den Umschlägen vermerkt. Er fragte, warum Hans Castorp sie sich

nicht, wenn er dergleichen schon lesen wolle, vom Hofrat geliehen habe,

der diese Literatur doch sicher in guter Auswahl besitze. Aber Hans

Castorp erwiderte, er wolle sie selber besitzen, es sei ein ganz anderes

Lesen, wenn das Buch einem gehöre; auch liebe er es, mit dem Bleistift

dareinzufahren und anzustreichen. Stundenlang hörte Joachim in seines

Vetters Loge das Geräusch, mit dem das Papiermesser die Blätter

broschierter Bogen trennt.

Die Bände waren schwer, unhandlich; Hans Castorp stützte sie im Liegen

mit dem unteren Rande gegen die Brust, den Magen. Es drückte, aber er

nahm das in Kauf; halboffenen Mundes ließ er seine Augen über die

gelehrten Seiten hinuntersteigen, die fast unnötigerweise vom rötlichen

Schein des beschirmten Lämpchens erhellt waren, da sie notfalls im

starken Mondlicht lesbar gewesen wären, – folgte mit dem Kopf, bis sein

Kinn auf der Brust lag, eine Haltung, worin der Lesende, bevor er das

Gesicht zur nächsten Seite hob, wohl nachdenkend, schlummernd oder im

Halbschlummer nachdenkend etwas verweilte. Er forschte tief, er las,

während der Mond über das kristallisch glitzernde Hochgebirgstal seinen

gemessenen Weg ging, von der organisierten Materie, den Eigenschaften

des Protoplasmas, der zwischen Aufbau und Zersetzung in sonderbarer

Seinsschwebe sich erhaltenden empfindlichen Substanz und ihrer

Gestaltbildung aus anfänglichen, doch immer gegenwärtigen Grundformen,

las mit dringlichem Anteil vom Leben und seinem heilig-unreinen

Geheimnis.

Was war das Leben? Man wußte es nicht. Es war sich seiner bewußt,

unzweifelhaft, sobald es Leben war, aber es wußte nicht, was es sei.

Bewußtsein als Reizempfindlichkeit, unzweifelhaft, erwachte bis zu einem

gewissen Grade schon auf den niedrigsten, ungebildetsten Stufen seines

Vorkommens, es war unmöglich, das erste Auftreten bewußter Vorgänge an

irgendeinen Punkt seiner allgemeinen oder individuellen Geschichte zu

binden, Bewußtsein etwa durch das Vorhandensein eines Nervensystems zu

bedingen. Die niedersten Tierformen hatten kein Nervensystem, geschweige

daß sie ein Großhirn gehabt hätten, doch wagte es niemand, ihnen die

Fähigkeit der Empfindung von Reizen abzusprechen. Auch konnte man das

Leben betäuben, dieses selbst, nicht nur besondere Organe der

Reizempfänglichkeit, die es etwa ausbildete, nicht nur die Nerven. Man

konnte die Reizbarkeit jedes mit Leben begabten Stoffes im Pflanzen- wie

im Tierreich vorübergehend aufheben, konnte Eier und Samenfäden mit

Chloroform, Chloralhydrat oder Morphium narkotisieren. Bewußtsein

seinerselbst war also schlechthin eine Funktion der zum Leben geordneten

Materie, und bei höherer Verstärkung wandte die Funktion sich gegen

ihren eigenen Träger, ward zum Trachten nach Ergründung und Erklärung

des Phänomens, das sie zeitigte, einem hoffnungsvoll-hoffnungslosen

Trachten des Lebens nach Selbsterkenntnis, einem Sich-in-sich-Wühlen der

Natur, vergeblich am Ende, da Natur in Erkenntnis nicht aufgehen, Leben

im Letzten sich nicht belauschen kann.

Was war das Leben? Niemand wußte es. Niemand kannte den natürlichen

Punkt, an dem es entsprang und sich entzündete. Nichts war unvermittelt

oder nur schlecht vermittelt im Bereiche des Lebens von jenem Punkte an;

aber das Leben selbst erschien unvermittelt. Wenn sich etwas darüber

aussagen ließ, so war es dies: es müsse von so hoch entwickelter Bauart

sein, daß in der unbelebten Welt auch nicht entfernt seinesgleichen

vorkomme. Zwischen der scheinfüßigen Amöbe und dem Wirbeltier war der

Abstand geringfügig, unwesentlich, im Vergleiche mit dem zwischen der

einfachsten Erscheinung des Lebens und jener Natur, die nicht einmal

verdiente, tot genannt zu werden, weil sie unorganisch war. Denn der Tod

war nur die logische Verneinung des Lebens; zwischen Leben und

unbelebter Natur aber klaffte ein Abgrund, den die Forschung vergebens

zu überbrücken strebte. Man mühte sich, ihn mit Theorien zu schließen,

die er verschlang, ohne an Tiefe und Breite im geringsten dadurch

einzubüßen. Man hatte sich, um ein Bindeglied zu finden, zu dem

Widersinn der Annahme strukturloser Lebensmaterie, unorganisierter

Organismen herbeigelassen, die in der Eiweißlösung von selbst

zusammenschössen, wie der Kristall in der Mutterlauge, – während doch

organische Differenziertheit zugleich Vorbedingung und Äußerung alles

Lebens blieb, und während kein Lebewesen aufzuweisen war, das nicht

einer Elternzeugung sein Dasein verdankt hätte. Das Ende des Jubels, mit

dem man den Urschleim aus den äußersten Tiefen des Meeres gefischt

hatte, war Beschämung gewesen. Es zeigte sich, daß man Gipsniederschläge

für Protoplasma gehalten. Um aber nicht vor einem Wunder haltmachen zu

müssen – denn das Leben, das aus denselben Stoffen sich aufbaute und in

dieselben Stoffe zerfiel wie die unorganische Natur, wäre, unvermittelt,

ein Wunder gewesen –, war man trotzdem genötigt, an Urzeugung, das hieß

an die Entstehung des Organischen aus dem Unorganischen, zu glauben, die

übrigens ebenfalls ein Wunder war. So fuhr man fort, Zwischenstufen und

Übergänge zu ersinnen, das Dasein von Organismen anzunehmen, die

niedriger standen, als alle bekannten, ihrerseits aber noch

ursprünglichere Lebensversuche der Natur zu Vorläufern hatten, Probien,

die niemand je sehen würde, da sie sich unter aller mikroskopischen

Größe hielten, und vor deren gedachter Entstehung die Synthese von

Eiweißverbindungen sich vollzogen haben mußte ...

Was war also das Leben? Es war Wärme, das Wärmeprodukt formerhaltender

Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie, von welchem der Prozeß

unaufhörlicher Zersetzung und Wiederherstellung unhaltbar verwickelt,

unhaltbar kunstreich aufgebauter Eiweißmolekel begleitet war. Es war das

Sein des eigentlich Nicht-sein-Könnenden, des nur in diesem

verschränkten und fiebrigen Prozeß von Zerfall und Erneuerung mit

süß-schmerzlich-genauer Not auf dem Punkte des Seins Balancierenden. Es

war nicht materiell, und es war nicht Geist. Es war etwas zwischen

beidem, ein Phänomen, getragen von Materie, gleich dem Regenbogen auf

dem Wasserfall und gleich der Flamme. Aber wiewohl nicht materiell, war

es sinnlich bis zur Lust und zum Ekel, die Schamlosigkeit der

selbstempfindlich-reizbar gewordenen Materie, die unzüchtige Form des

Seins. Es war ein heimlich-fühlsames Sichregen in der keuschen Kälte des

Alls, eine wollüstig-verstohlene Unsauberkeit von Nährsaugung und

Ausscheidung, ein exkretorischer Atemhauch von Kohlensäure und üblen

Stoffen verborgener Herkunft und Beschaffenheit. Es war das durch

Überausgleich seiner Unbeständigkeit ermöglichte und in eingeborene

Bildungsgesetze gebannte Wuchern, Sichentfalten und Gestaltbilden von

etwas Gedunsenem aus Wasser, Eiweiß, Salz und Fetten, welches man

Fleisch nannte, und das zur Form, zum hohen Bilde, zur Schönheit wurde,

dabei jedoch der Inbegriff der Sinnlichkeit und der Begierde war. Denn

diese Form und Schönheit war nicht geistgetragen, wie in den Werken der

Dichtung und Musik, auch nicht getragen von einem neutralen und

geistverzehrten, den Geist auf eine unschuldige Art versinnlichenden

Stoff, wie die Form und Schönheit der Bildwerke. Vielmehr war sie

getragen und ausgebildet von der auf unbekannte Art zur Wollust

erwachten Substanz, der organischen, verwesend-wesenden Materie selbst,

dem riechenden Fleische ...

Dem jungen Hans Castorp, der über dem glitzernden Tal in seiner von Pelz

und Wolle gesparten Körperwärme ruhte, zeigte sich in der vom Scheine

des toten Gestirnes erhellten Frostnacht das Bild des Lebens. Es

schwebte ihm vor, irgendwo im Raume, entrückt und doch sinnennah, der

Leib, der Körper, matt weißlich, ausduftend, dampfend, klebrig, die

Haut, in aller Unreinigkeit und Makelhaftigkeit ihrer Natur, mit

Flecken, Papillen, Gilbungen, Rissen und körnig-schuppigen Gegenden,

überzogen von den zarten Strömen und Wirbeln des rudimentären

Lanugoflaums. Es lehnte, abgesondert von der Kälte des Unbelebten, in

seiner Dunstsphäre, lässig, das Haupt gekränzt mit etwas Kühlem,

Hornigem, Pigmentiertem, das ein Produkt seiner Haut war, die Hände im

Nacken verschränkt, und blickte unter gesenkten Lidern hervor, aus

Augen, die eine Varietät der Lidhautbildung schief erscheinen ließ, mit

halb geöffneten, ein wenig aufgeworfenen Lippen dem Anschauenden

entgegen, gestützt auf das eine Bein, so daß der tragende Hüftknochen in

seinem Fleische stark hervortrat, während das Knie des schlaffen Beins,

leicht abgebogen, bei auf die Zehen gestelltem Fuß sich gegen die

Innenseite des belasteten schmiegte. Es stand so, lächelnd gedreht, in

seiner Anmut lehnend, die schimmernden Ellbogen vorwärts gespreizt, in

der paarigen Symmetrie seines Gliederbaus, seiner Leibesmale. Dem scharf

dünstenden Dunkel der Achselhöhlen entsprach in mystischem Dreieck die

Nacht des Schoßes, wie den Augen die rot-epithelische Mundöffnung, den

roten Blüten der Brust der senkrecht in die Länge gedehnte Nabel

entsprach. Unter dem Antriebe eines Zentralorgans und im Rückenmark

entspringender motorischer Nerven regten sich Bauch und Brustkorb, die

Pleuroperitonealhöhle blähte sich und zog sich zusammen, der Atemhauch,

erwärmt und befeuchtet von den Schleimhäuten des Atmungskanals, mit

Ausscheidungsstoffen gesättigt, strömte zwischen den Lippen aus, nachdem

er in den Luftzellen der Lunge seinen Sauerstoff an das Hämoglobin des

Blutes zur inneren Atmung gebunden. Denn Hans Castorp verstand, daß

dieser Lebenskörper in dem geheimnisvollen Gleichmaß seines

blutgenährten, von Nerven, Venen, Arterien, Haarfiltern durchzweigten,

von Lymphe durchsickerten Gliederbaus, mit seinem inneren Gerüst von

fettmarkgefüllten Röhrenknochen, von Blatt-, Wirbel- und Wurzelknochen,

die aus der ursprünglichen Stützsubstanz, dem Gallertgewebe, mit Hilfe

von Kalksalzen und Leim sich befestigt hatten, um ihn zu tragen; mit den

Kapseln und schlüpfrig geschmierten Höhlen, Bändern und Knorpeln seiner

Gelenke, seinen mehr als zweihundert Muskeln, seinen zentralen, der

Ernährung, Atmung, Reizmeldung und Reizentsendung dienenden

Organbildungen, seinen Schutzhäuten, serösen Höhlen, absonderungsreichen

Drüsen, dem Röhren- und Spaltenwerk seiner verwickelten, durch

Leibesöffnungen in die äußere Natur mündenden Innenfläche: daß dieses

Ich eine Lebenseinheit von hoher Ordnung war, bei weitem nicht mehr von

der Art jener einfachsten Wesen, die mit ihrer ganzen Körperoberfläche

atmeten, sich ernährten und sogar dachten, sondern aufgebaut aus

Myriaden solcher Kleinorganisationen, die von einer einzigen her ihren

Ursprung genommen, sich durch immer wiederkehrende Teilung

vervielfältigt, sich zu verschiedenen Dienststellungen und Verbänden

geordnet, gesondert, eigens ausgebildet und Formen hervorgetrieben

hatten, die Bedingung und Wirkung ihres Wachstums waren.

Der Leib, der ihm vorschwebte, dies Einzelwesen und Lebens-Ich war also

eine ungeheuere Vielheit atmender und sich ernährender Individuen,

welche, durch organische Einordnung und Sonderzweckgestaltung, des

ichhaften Seins, der Freiheit und Lebensunmittelbarkeit in so hohem

Grade verlustig gegangen, so sehr zu anatomischen Elementen geworden

waren, daß die Verrichtung einiger sich einzig auf Reizempfindlichkeit

gegen Licht, Schall, Berührung, Wärme beschränkte, andere es nur noch

verstanden, ihre Form durch Zusammenziehung zu verändern oder

Verdauungssekrete zu erzeugen, wieder andere zum Schutz, zur Stütze, zur

Beförderung der Säfte oder zur Fortpflanzung einseitig ausgebildet und

tüchtig waren. Es gab Lockerungen dieser zum hohen Ich vereinigten

organischen Pluralität, Fälle, in denen die Vielzahl der Unterindividuen

nur auf leichte und zweifelhafte Art zur höheren Lebenseinheit

zusammengefaßt war. Der Studierende grübelte über der Erscheinung der

Zellkolonien, er vernahm von Halborganismen, Algen, deren einzelne

Zellen, nur in einen Mantel von Gallerte eingehüllt, oft weit

voneinander lagen, mehrzellige Bildungen immerhin, die aber, zur Rede

gestellt, nicht zu sagen gewußt hätten, ob sie als Siedelung einzelliger

Individuen oder als Einheitswesen gewürdigt werden wollten und in ihrer

Selbstaussage zwischen dem Ich und dem Wir wunderlich geschwankt haben

würden. Hier wies die Natur einen Mittelstand auf zwischen der

hochsozialen Vereinigung zahlloser Elementarindividuen zu Geweben und

Organen einer übergeordneten Ichheit – und der freien Einzelexistenz

dieser Einfachheiten: der vielzellige Organismus war nur eine

Erscheinungsform des zyklischen Prozesses, in dem das Leben sich

abspielte, und der ein Kreislauf von Zeugung zu Zeugung war. Der

Befruchtungsakt, das geschlechtliche Verschmelzen zweier Zellenleiber,

stand am Anfange des Aufbaues jedes pluralischen Individuums, wie er am

Anfange jeder Generationenreihe einzeln lebender Elementargeschöpfe

stand und zu sich selbst zurückführte. Denn dieser Akt war nachhaltig

durch viele Geschlechter, die seiner nicht bedurften, um sich in immer

wiederholter Teilung zu vermehren, bis ein Augenblick kam, wo die

ungeschlechtlich entstandenen Nachkommen zur Erneuerung des

Kopulationsgeschäftes sich wieder angehalten fanden, und der Kreis sich

schloß. So war der vielfache Lebensstaat, entsprungen aus der

Kernverschmelzung zweier elterlicher Zellen, das Zusammenleben vieler

ungeschlechtlich entstandener Generationen von Zellindividuen; sein

Wachstum war ihre Vermehrung, und der Zeugungskreis schloß sich, wenn

Geschlechtszellen, zum Sonderzwecke der Fortpflanzung ausgebildete

Elemente, sich in ihm hergestellt hatten und den Weg zu einer das Leben

neu antreibenden Vermischung fanden.

Ein embryologisches Volumen in die Herzgrube gestützt, verfolgte der

junge Abenteurer die Entwicklung des Organismus von dem Augenblick an,

wo der Samenfaden, einer von vielen und dieser zuerst, sich antreibend

durch die peitschenden Bewegungen seines Hinterleibes, mit seiner

Kopfspitze an die Gallerthülle des Eies stieß und sich in den

Empfängnishügel einbohrte, den das Protoplasma der Eirinde seiner

Annäherung entgegenwölbte. Keine Fratze und Farce war auszudenken, in

der die Natur bei der Abwandlung dieses stehenden Herganges sich nicht

ernstlich gefallen hätte. Es gab Tiere, bei denen das Männchen im Darm

des Weibchens schmarotzte. Es gab andere, bei denen der Arm des

Erzeugers der Erzeugerin durch den Rachenschlund in das Innere griff, um

seine Sämereien dort niederzulegen, worauf er, abgebissen und

ausgespien, allein auf seinen Fingern davonlief, zur Betörung der

Wissenschaft, die ihn lange auf Griechisch-Latein als selbständiges

Lebewesen ansprechen zu müssen geglaubt hatte. Hans Castorp hörte die

Gelehrtenschulen der Ovisten und Animalculisten sich zanken, von denen

die einen behauptet hatten, das Ei sei ein in sich vollendeter kleiner

Frosch, Hund oder Mensch und der Samen nur der Erreger seines Wachstums,

während die anderen im Samenfaden, der Kopf, Arme und Beine besaß, ein

vorgebildetes Lebewesen sahen, dem das Ei nur als Nährboden diente, –

bis man übereingekommen war, der Ei- und der Samenzelle, die aus

ursprünglich ununterscheidbaren Fortpflanzungszellen entstanden waren,

gleiche Verdienstlichkeit einzuräumen. Er sah den einzelligen Organismus

des befruchteten Eies auf dem Wege, sich in einen vielzelligen

umzuwandeln, indem es sich furchte und teilte, sah die Zellenleiber zur

Schleimhautlamelle sich zusammenschmiegen, die Keimblase sich einstülpen

und einen Becher und Hohlraum bilden, der das Geschäft der

Nahrungsaufnahme und Verdauung begann. Das war die Darmlarve, das

Urtier, die Gastrula, Grundform alles tierischen Lebens, Grundform der

fleischgetragenen Schönheit. Ihre beiden Epithellagen, die äußere und

die innere, das Hautsinnesblatt und das Darmdrüsenblatt, erwiesen sich

als Primitivorgane, aus denen durch Ein- und Ausstülpungen die Drüsen,

die Gewebe, die Sinneswerkzeuge, die Körperfortsätze sich bildeten. Ein

Streifen des äußeren Keimblattes verdickte sich, faltete sich zur Rinne,

schloß sich zum Nervenrohr und wurde zur Wirbelsäule, zum Gehirn. Und

wie der fötale Schleim sich zu faserigem Bindegewebe, zu Knorpel

befestigte, indem die Gallertzellen statt Mucin Leimsubstanz zu erzeugen

begannen, sah er an gewissen Orten die Bindegewebszellen Kalksalze und

Fette aus den umspülenden Säften an sich ziehen und verknöchern. Der

Embryo des Menschen kauerte in sich gebückt, geschwänzt, von dem des

Schweines durch nichts zu unterscheiden, mit ungeheurem Bauchstiel und

stummelhaft formlosen Extremitäten, die Gesichtslarve auf den geblähten

Wanst gebeugt, und sein Werden erschien einer Wissenschaft, deren

Wahrheitsvorstellung unschmeichelhaft und düster war, als die flüchtige

Wiederholung einer zoologischen Stammesgeschichte. Vorübergehend hatte

er Kiementaschen wie ein Roche. Es schien erlaubt oder notwendig, aus

den Entwicklungsstadien, die er durchlief, auf den wenig humanistischen

Anblick zu schließen, den der vollendete Mensch in Urzeiten geboten

hatte. Seine Haut war mit zuckenden Muskeln zur Abwehr der Insekten

ausgestattet und dicht behaart, die Ausdehnung seiner Riechschleimhaut

gewaltig, seine abstehenden, beweglichen, am Mienenspiel lebhaft

beteiligten Ohren zum Schallfang geschickter gewesen als gegenwärtig.

Damals hatten seine Augen, von einem dritten, nickenden Lide geschützt,

seitlich am Kopfe gestanden, mit Ausnahme des dritten, dessen Rudiment

die Zirbeldrüse war, und das die oberen Lüfte zu überwachen vermocht

hatte. Dieser Mensch hatte außerdem ein sehr langes Darmrohr, viele

Mahlzähne und Schallsäcke am Kehlkopf zum Brüllen besessen und auch die

männlichen Geschlechtsdrüsen im Innern des Bauchraumes getragen.

Die Anatomie enthäutete und präparierte unserem Forscher die Gliedmaßen

des Menschenleibes, sie zeigte ihm ihre oberflächlichen und ihre tiefen,

hinteren Muskeln, Sehnen und Bänder: diejenigen der Schenkel, des Fußes

und namentlich der Arme, des Ober- und Unterarms, lehrte ihn die

lateinischen Namen, mit denen die Medizin, diese Abschattung des

humanistischen Geistes, sie nobler- und galanterweise benannt und

unterschieden hatte, und ließ ihn vordringen bis zum Skelett, dessen

Ausbildung ihm neue Gesichtspunkte lieferte, unter denen die Einheit

alles Menschlichen, die Beschlossenheit aller Disziplinen darin sich

betrachten ließ. Denn hier fand er sich aufs merkwürdigste an seinen

eigentlichen – oder muß man sagen: früheren – Beruf, die

wissenschaftliche Charge erinnert, als deren Zugehöriger er bei seiner

Ankunft hier oben sich den Begegnenden (Herrn Dr. Krokowski, Herrn

Settembrini) vorgestellt hatte. Um irgendetwas zu lernen – es war recht

gleichgültig gewesen, was –, hatte er auf Hochschulen dies und das von

Statik, von biegungsfähigen Stützen, von Belastung und von der

Konstruktion als einer vorteilhaften Bewirtschaftung des mechanischen

Materials gelernt. Es wäre wohl kindlich gewesen, zu meinen, daß die

Ingenieurwissenschaften, die Regeln der Mechanik auf die organische

Natur Anwendung gefunden hätten, aber ebensowenig konnte man sagen, daß

sie davon abgeleitet worden seien. Sie fanden sich einfach darin

wiederholt und bekräftigt. Das Prinzip des Hohlzylinders herrschte im

Bau der langen Röhrenknochen dergestalt, daß mit dem genauen Minimum von

solider Substanz den statischen Ansprüchen Genüge geschah. Ein Körper,

hatte Hans Castorp gelernt, der den Anforderungen gemäß, die durch Zug

und Druck an ihn gestellt werden sollen, nur aus Stäben und Bändern

eines mechanisch brauchbaren Materials zusammengesetzt wird, kann

dieselbe Belastung ertragen wie ein massiver Körper des gleichen

Stoffes. So auch ließ bei der Entstehung der Röhrenknochen sich

verfolgen, wie, schritthaltend mit der Bildung kompakter Substanz an

ihrer Oberfläche, die inneren Teile, da sie mechanisch unnötig

wurden, sich in Fettgewebe, das gelbe Mark, verwandelten. Der

Oberschenkelknochen war ein Kran, bei dessen Konstruktion die organische

Natur durch die Richtung, die sie den Knochenbälkchen gegeben, auf ein

Haar die gleichen Zug- und Druckkurven ausgeführt hatte, die Hans

Castorp bei der graphischen Darstellung eines so in Anspruch genommenen

Gerätes korrekterweise einzutragen gehabt hätte. Er sah es mit

Wohlgefallen, denn er fand sich zum Femur, oder zur organischen Natur

überhaupt, nun schon in dreierlei Verhältnis stehen: dem lyrischen, dem

medizinischen und dem technischen, – so groß war seine Angeregtheit; und

diese drei Verhältnisse, fand er, waren eines im Menschlichen, sie waren

Abwandlungen eines und desselben dringlichen Anliegens, humanistische

Fakultäten ...

Bei alldem blieben die Leistungen des Protoplasmas ganz unerklärlich,

dem Leben schien es verwehrt, sich selbst zu begreifen. Die Mehrzahl der

biochemischen Vorgänge war nicht nur unbekannt, sondern es lag in ihrer

Natur, sich der Einsicht zu entziehen. Man wußte von dem Aufbau, der

Zusammensetzung der Lebenseinheit, die man die „Zelle“ nannte, fast

nichts. Was half es, die Bestandteile des toten Muskels aufzuweisen? Der

lebende ließ sich chemisch nicht untersuchen; schon jene Veränderungen,

die die Totenstarre hervorrief, genügten, um alles Experimentieren

nichtssagend zu machen. Niemand verstand den Stoffwechsel, niemand das

Wesen der Nervenfunktion. Welchen Eigenschaften verdankten die

schmeckenden Körper ihren Geschmack? Worin bestand die verschiedenartige

Erregung gewisser Sinnesnerven durch die Riechstoffe? Worin die

Riechbarkeit überhaupt? Der spezifische Geruch der Tiere und Menschen

beruhte auf der Verdunstung von Substanzen, die niemand zu nennen gewußt

hätte. Die Zusammensetzung des Sekrets, das man Schweiß nannte, war

wenig geklärt. Die Drüsen, die es absonderten, erzeugten Aromata, die

unter Säugetieren zweifellos eine wichtige Rolle spielten, und über

deren Bedeutung beim Menschen man nicht unterrichtet zu sein erklärte.

Die physiologische Bedeutung offenbar wichtiger Teile des Körpers war in

Dunkel gehüllt. Man konnte den Blinddarm beiseite lassen, der ein

Mysterium war, und den man beim Kaninchen regelmäßig mit einem breiigen

Inhalt angefüllt fand, von dem nicht zu sagen war, wie er wieder

hinausgelangen oder sich erneuern mochte. Aber was hatte es auf sich mit

der weißen und grauen Substanz des Kopfmarks, was mit dem Sehhügel, der

mit dem Optikus kommunizierte, und mit den grauen Einlagerungen der

„Brücke“? Die Hirn- und Rückenmarksubstanz war dermaßen zersetzlich, daß

keine Hoffnung bestand, je ihren Aufbau zu ergründen. Was enthob beim

Einschlafen die Großhirnrinde ihrer Tätigkeit? Was hinderte die

Selbstverdauung des Magens, die sich bei Leichen in der Tat zuweilen

ereignete? Man antwortete: das Leben; eine besondere Widerstandskraft

des lebenden Protoplasmas, – und tat, als bemerke man nicht, daß das

eine mystische Erklärung war. Die Theorie einer so alltäglichen

Erscheinung wie des Fiebers war widerspruchsvoll. Der gesteigerte

Stoffumsatz hatte erhöhte Wärmeproduktion zur Folge. Aber warum

steigerte sich nicht, wie sonst, kompensatorisch die Wärmeausgabe?

Beruhte die Lähmung der Schweißsekretion auf Kontraktionszuständen der

Haut? Aber nur bei Fieberfrost waren solche nachweisbar, denn sonst war

die Haut vielmehr heiß. Der „Wärmestich“ kennzeichnete das

Zentralnervensystem als Sitz der Ursachen für den erhöhten Umsatz wie

für eine Hautbeschaffenheit, die man abnorm zu nennen sich begnügte, da

man sie nicht zu bestimmen wußte.

Aber was bedeutete all dieses Unwissen im Vergleich mit der

Ratlosigkeit, in der man vor Erscheinungen wie der des Gedächtnisses

oder jenes weiteren und erstaunlicheren Gedächtnisses stand, das die

Vererbung erworbener Eigenschaften hieß? Die Unmöglichkeit, auch nur die

Ahnung einer mechanischen Erklärbarkeit solcher Leistungen der

Zellsubstanz zu fassen, war vollkommen. Der Samenfaden, der zahllose und

verwickelte Art- und Individualeigenschaften des Vaters auf das Ei

übertrug, war nur mikroskopisch sichtbar, und auch die stärkste

Vergrößerung reichte nicht hin, ihn anders denn als homogenen Körper

erscheinen zu lassen und die Bestimmung seiner Abkunft zu ermöglichen;

denn bei einem Tier sah er aus wie beim anderen. Das waren

Organisationsverhältnisse, die zu der Annahme zwangen, daß es sich mit

der Zelle nicht anders verhielt als mit dem höheren Leib, den sie

aufbaute; daß also auch sie schon ein übergeordneter Organismus war, der

seinerseits und wiederum sich aus lebenden Teilungskörpern,

individuellen Lebenseinheiten zusammensetzte. Man schritt also vom

angeblich Kleinsten zum abermals Kleineren vor, man löste notgedrungen

das Elementare in Unterelemente auf. Kein Zweifel, wie das Tierreich aus

verschiedenen Spezies von Tieren, wie der tierisch-menschliche

Organismus aus einem ganzen Tierreich von Zellenspezies, so bestand

derjenige der Zelle aus einem neuen und vielfältigen Tierreich

elementarer Lebenseinheiten, deren Größe tief unter der Grenze des

mikroskopisch Sichtbaren lag, die selbsttätig wuchsen, selbsttätig, nach

dem Gesetz, daß jede nur ihresgleichen hervorbringen konnte, sich

vermehrten und nach dem Grundsatz der Arbeitsteilung gemeinsam der

nächsthöheren Lebensordnung dienten.

Das waren die Genen, die Bioblasten, die Biophoren, – Hans Castorp war

erfreut, in der Frostnacht ihre namentliche Bekanntschaft zu machen. Nur

fragte er sich in seiner Angeregtheit, wie es bei abermals verbesserter

Beleuchtung um ihre Elementarnatur bestellt sein mochte. Da sie Leben

trugen, mußten sie organisiert sein, denn Leben beruhte auf

Organisation; wenn sie aber organisiert waren, so konnten sie nicht

elementar sein, denn ein Organismus ist nicht elementar, er ist

vielfach. Sie waren Lebenseinheiten unterhalb der Lebenseinheit der

Zelle, die sie organisch aufbauten. Wenn dem aber so war, so mußten sie,

obgleich über alle Begriffe klein, selber „aufgebaut“, und zwar

organisch, als Lebensordnung, „aufgebaut“ sein; denn der Begriff der

Lebenseinheit war identisch mit dem des Aufbaues aus kleineren,

untergeordneten, das hieß: zu höherem Leben geordneten Lebenseinheiten.

Solange die Teilung organische Einheiten ergab, die die Eigenschaften

des Lebens, nämlich die Fähigkeiten der Assimilation, des Wachstums und

der Vermehrung besaßen, waren ihr keine Grenzen gesetzt. Solange von

Lebenseinheiten die Rede war, konnte nur fälschlich von

Elementareinheiten die Rede sein, denn der Begriff der Einheit umschloß

_ad infinitum_ den Mitbegriff der untergeordnet-aufbauenden Einheit, und

elementares Leben, also etwas, was schon Leben, aber noch elementar war,

gab es nicht.

Aber obschon ohne logische Existenz, mußte zuletzt dergleichen irgendwie

wirklich sein, denn die Idee der Urzeugung, das hieß: der Entstehung des

Lebens aus dem Nichtlebenden, war ja nicht von der Hand zu weisen, und

jene Kluft, die man in der äußeren Natur vergebens zu schließen suchte,

die nämlich zwischen Leben und Leblosigkeit, mußte sich im organischen

Inneren der Natur auf irgendeine Weise ausfüllen oder überbrücken.

Irgendwann mußte die Teilung zu „Einheiten“ führen, die, zwar

zusammengesetzt, aber noch nicht organisiert, zwischen Leben und

Nichtleben vermittelten, Molekülgruppen, den Übergang bildend zwischen

Lebensordnung und bloßer Chemie. Allein beim chemischen Molekül

angekommen, fand man sich bereits in der Nähe eines Abgrundes, der weit

mysteriöser gähnte als der zwischen organischer und unorganischer Natur:

nahe dem Abgrund zwischen dem Materiellen und dem Nichtmateriellen. Denn

das Molekül setzte sich ja aus Atomen zusammen, und das Atom war bei

weitem nicht mehr groß genug, um auch nur als außerordentlich klein

bezeichnet werden zu können. Es war dermaßen klein, eine derart winzige,

frühe und übergängliche Ballung des Unstofflichen, des noch nicht

Stofflichen, aber schon Stoffähnlichen, der Energie, daß es kaum schon

oder kaum noch als materiell, vielmehr als Mittel und Grenzpunkt

zwischen dem Materiellen und dem Immateriellen gedacht werden mußte. Das

Problem einer anderen Urzeugung, weit rätselhafter und abenteuerlicher

noch als die organische, warf sich auf: der Urzeugung des Stoffes aus

dem Unstofflichen. In der Tat verlangte die Kluft zwischen Materie und

Nichtmaterie ebenso dringlich, ja noch dringlicher nach Ausfüllung als

die zwischen organischer und anorganischer Natur. Notwendig mußte es

eine Chemie des Immateriellen geben, unstoffliche Verbindungen, aus

denen das Stoffliche entsprang, wie die Organismen aus unorganischen

Verbindungen entsprangen, und die Atome mochten die Probien und Moneren

der Materie darstellen, – stofflich ihrer Natur nach und auch wieder

noch nicht. Aber angelangt beim „nicht einmal mehr klein“, entglitt der

Maßstab; „nicht einmal mehr klein“, das galt bereits soviel wie

„ungeheuer groß“; und der Schritt zum Atom erwies sich ohne Übertreibung

als im höchsten Grade verhängnisvoll. Denn im Augenblick letzter

Zerteilung und Verwinzigung des Materiellen tat sich plötzlich der

astronomische Kosmos auf!

Das Atom war ein energiegeladenes kosmisches System, worin Weltkörper

rotierend um ein sonnenhaftes Zentrum rasten, und durch dessen Ätherraum

mit Lichtjahrgeschwindigkeit Kometen fuhren, welche die Kraft des

Zentralkörpers in ihre exzentrischen Bahnen zwang. Das war so wenig nur

ein Vergleich, wie es nur ein solcher war, wenn man den Leib der

vielzelligen Wesen einen „Zellenstaat“ nannte. Die Stadt, der Staat, die

nach dem Prinzip der Arbeitsteilung geordnete soziale Gemeinschaft war

dem organischen Leben nicht nur zu vergleichen, sie wiederholte es. So

wiederholte sich im Innersten der Natur, in weitester Spiegelung, die

makrokosmische Sternenwelt, deren Schwärme, Haufen, Gruppen, Figuren,

bleich vom Monde, zu Häupten des vermummten Adepten über dem

frostglitzernden Tale schwebten. War es unerlaubt, zu denken, daß

gewisse Planeten des atomischen Sonnensystems – dieser Heere und

Milchstraßen von Sonnensystemen, die die Materie aufbauten, – daß also

einer oder der andere dieser innerweltlichen Weltkörper sich in einem

Zustande befand, der demjenigen entsprach, der die Erde zu einer

Wohnstätte des _Lebens_ machte? Für einen im Zentrum etwas beschwipsten

jungen Adepten von „abnormer“ Hautbeschaffenheit, der im Gebiete des

Unerlaubten ja nicht mehr all und jeder Erfahrung entbehrte, war das

eine nicht nur nicht ungereimte, sondern sogar bis zur Aufdringlichkeit

sich nahelegende, höchst einleuchtende Spekulation von logischem

Wahrheitsgepräge. Die „Kleinheit“ der innerweltlichen Sternkörper wäre

ein sehr unsachgemäßer Einwand gewesen, denn der Maßstab von Groß und

Klein war spätestens damals abhanden gekommen, als der kosmische

Charakter der „kleinsten“ Stoffteile sich offenbart hatte, und die

Begriffe des Außen und Innen hatten nachgerade gleichfalls in ihrer

Standfestigkeit gelitten. Die Welt des Atoms war ein Außen, wie

höchstwahrscheinlich der Erdenstern, den wir bewohnten, organisch

betrachtet, ein tiefes Innen war. Hatte nicht die träumerische Kühnheit

eines Forschers von „Milchstraßentieren“ gesprochen, – kosmischen

Ungeheuern, deren Fleisch, Bein und Gehirn sich aus Sonnensystemen

aufbaute? War dem aber so, wie Hans Castorp dachte, dann fing in dem

Augenblick, da man geglaubt hatte, zu Rande gekommen zu sein, das Ganze

von vorn an! Dann lag vielleicht im Innersten und Aberinnersten seiner

Natur er selbst, der junge Hans Castorp, noch einmal, noch hundertmal,

warm eingehüllt, in einer Balkonloge mit Aussicht in die mondhelle

Hochgebirgsfrostnacht und studierte mit erstarrten Fingern und heißem

Gesicht aus humanistisch-medizinischer Anteilnahme das Körperleben?

Die pathologische Anatomie, von der er einen Band seitlich in den roten

Schein seines Tischlämpchens hielt, belehrte ihn durch einen Text, der

mit Abbildungen durchsetzt war, über das Wesen der parasitischen

Zellvereinigung und der Infektionsgeschwülste. Diese waren Gewebsformen

– und zwar besonders üppige Gewebsformen –, hervorgerufen durch das

Eindringen fremdartiger Zellen in einen Organismus, der sich für sie

aufnahmelustig erwiesen hatte und ihrem Gedeihen auf irgendeine Weise –

aber man mußte wohl sagen: auf eine irgendwie liederliche Weise –

günstige Bedingungen bot. Weniger, daß der Parasit dem umgebenden Gewebe

Nahrung entzogen hätte; aber er erzeugte, indem er, wie jede Zelle,

Stoff wechselte, organische Verbindungen, die sich für die Zellen des

Wirtsorganismus als erstaunlich giftig, als unweigerlich

verderbenbringend erwiesen. Man hatte von einigen Mikroorganismen die

Toxine zu isolieren und in konzentriertem Zustande darzustellen

verstanden, und es verwunderlich gefunden, in welchen geringen Dosen

diese Stoffe, die einfach in die Reihe der Eiweißverbindungen gehörten,

in den Kreislauf eines Tieres gebracht, die allergefährlichsten

Vergiftungserscheinungen, reißende Verderbnis bewirkten. Das äußere

Wesen dieser Korruption war Gewebswucherung, die pathologische

Geschwulst, nämlich als Reaktionswirkung der Zellen auf den Reiz, den

die zwischen ihnen angesiedelten Bazillen auf sie ausübten.

Hirsekorngroße Knötchen bildeten sich, zusammengesetzt aus

schleimhautgewebartigen Zellen, zwischen denen oder in denen die

Bazillen nisteten, und von welchen einige außerordentlich reich an

Protoplasma, riesengroß und von vielen Kernen erfüllt waren. Diese

Lustbarkeit aber führte gar bald zum Ruin, denn nun begannen die Kerne

der Monstrezellen zu schrumpfen und zu zerfallen, ihr Protoplasma an

Gerinnung zugrunde zu gehen; weitere Gewebsteile der Umgebung wurden von

der fremden Reizwirkung ergriffen; entzündliche Vorgänge griffen um sich

und zogen die angrenzenden Gefäße in Mitleidenschaft; weiße

Blutkörperchen wanderten, angelockt von der Unheilsstätte, herzu; das

Gerinnungssterben schritt fort; und unterdessen hatten längst die

löslichen Bakteriengifte die Nervenzentren berauscht, der Organismus

stand in Hochtemperatur, mit wogendem Busen, sozusagen, taumelte er

seiner Auflösung entgegen.

So weit die Pathologie, die Lehre von der Krankheit, der Schmerzbetonung

des Körpers, die aber, _als_ Betonung des Körperlichen, zugleich eine

Lustbetonung war, – Krankheit war die unzüchtige Form des Lebens. Und

das Leben für sein Teil? War es vielleicht nur eine infektiöse

Erkrankung der Materie, – wie das, was man die Urzeugung der Materie

nennen durfte, vielleicht nur Krankheit, eine Reizwucherung des

Immateriellen war? Der anfänglichste Schritt zum Bösen, zur Lust und zum

Tode war zweifellos da anzusetzen, wo, hervorgerufen durch den Kitzel

einer unbekannten Infiltration, jene erste Dichtigkeitszunahme des

Geistigen, jene pathologisch üppige Wucherung seines Gewebes sich

vollzog, die, halb Vergnügen, halb Abwehr, die früheste Vorstufe des

Substanziellen, den Übergang des Unstofflichen zum Stofflichen bildete.

Das war der Sündenfall. Die zweite Urzeugung, die Geburt des Organischen

aus dem Unorganischen, war nur noch eine schlimme Steigerung der

Körperlichkeit zum Bewußtsein, wie die Krankheit des Organismus eine

rauschhafte Steigerung und ungesittete Überbetonung seiner

Körperlichkeit war –: nur noch ein Folgeschritt war das Leben auf dem

Abenteuerpfade des unehrbar gewordenen Geistes, Schamwärmereflex der zur

Fühlsamkeit geweckten Materie, die für den Erwecker aufnahmelustig

gewesen war ...

Die Bücher lagen zuhauf auf dem Lampentischchen, eins lag am Boden,

neben dem Liegestuhl, auf der Matte der Loggia, und dasjenige, worin

Hans Castorp zuletzt geforscht, lag ihm auf dem Magen und drückte,

beschwerte ihm sehr den Atem, doch ohne daß von seiner Hirnrinde an die

zuständigen Muskeln Order ergangen wäre, es zu entfernen. Er hatte die

Seite hinunter gelesen, sein Kinn hatte die Brust erreicht, die Lider

waren ihm über die einfachen blauen Augen gefallen. Er sah das Bild des

Lebens, seinen blühenden Gliederbau, die fleischgetragene Schönheit. Sie

hatte die Hände aus dem Nacken gelöst, und ihre Arme, die sie öffnete,

und an deren Innenseite, namentlich unter der zarten Haut des

Ellbogengelenks, die Gefäße, die beiden Äste der großen Venen, sich

bläulich abzeichneten, – diese Arme waren von unaussprechlicher

Süßigkeit. Sie neigte sich ihm, neigte sich zu ihm, über ihn, er spürte

ihren organischen Duft, spürte den Spitzenstoß ihres Herzens. Heiße

Zartheit umschlang seinen Hals, und während er, vergehend vor Lust und

Grauen, seine Hände an ihre äußeren Oberarme legte, dorthin, wo die den

_triceps_ überspannende, körnige Haut von wonniger Kühle war, fühlte er

auf seinen Lippen die feuchte Ansaugung ihres Kusses.

Der Zauberberg. Erster Band · 第 41 / 45 题