Walpurgisnacht

Sieben Monate waren es in den nächsten Tagen, daß der junge Hans Castorp

hier oben verweilte, während Vetter Joachim, der deren fünf auf dem

Buckel gehabt hatte, als jener eingetroffen war, nun auf zwölfe

zurückblickte, auf ein Jährchen also – ein rundes Jahr, – rund in dem

kosmischen Sinn, daß, seit die kleine, zugkräftige Lokomotive ihn hier

abgesetzt, die Erde einmal ihren Sonnenumlauf beendet hatte und zu dem

Punkte von damals zurückgekehrt war. Es war Faschingszeit. Fastnacht

stand vor der Tür, und Hans Castorp erkundigte sich bei dem Jährigen,

wie das denn sei.

„Magnifik!“ antwortete Settembrini, dem die Vettern wieder einmal bei

der Vormittagsmotion begegnet waren. „Splendide!“ antwortete er. „Das

ist so lustig wie im Prater, Sie werden sehen, Ingenieur. Dann sind wir

gleich im Reihen hier die glänzenden Galanten“, sprach er, und fuhr dann

prallen Mundes zu medisieren fort, indem er seine Hechelreden mit

gelungenen Arm-, Kopf- und Schulterbewegungen begleitete: „Was wollen

Sie, auch in der _maison de santé_ finden bisweilen ja Bälle statt, für

die Narren und Blöden, wie ich gelesen habe, – warum nicht auch hier?

Das Programm umfaßt die verschiedensten _danses macabres_, wie Sie sich

denken können. Leider kann ein gewisser Teil der vorjährigen

Festteilnehmer diesmal nicht erscheinen, da das Fest schon um 9½ Uhr

sein Ende findet ...“

„Sie meinen ... Ach so, vorzüglich!“ lachte Hans Castorp. „Sind Sie ein

Witzbold –! ‚Um 9½‘, – hast dus gehört, du? Allzu früh nämlich, als daß

‚ein gewisser Teil‘ der Vorjährigen noch ein Stündchen teilnehmen

könnte, meint Herr Settembrini. Ha, ha, unheimlich. Das ist nämlich der

Teil, der dem ‚Fleisch‘ unterdessen schon endgültig valet gesagt hat.

Verstehst du mein Wortspiel? Aber da bin ich denn doch gespannt“, sagte

er. „Ich finde es richtig, daß wir hier so die Feste feiern, wie sie

fallen, und auf die übliche Art die Etappen markieren, die Einschnitte

also, damit es kein ungegliedertes Einerlei gibt, das wäre zu sonderbar.

Da haben wir Weihnachten gehabt und wußten, daß Neujahr war, und nun

kommt also Fastnacht. Dann rückt Palmsonntag heran (gibt es hier

Kringel?), die Karwoche, Ostern und Pfingsten, was sechs Wochen später

ist, und dann ist ja bald schon der längste Tag, Sommersonnenwende,

verstehen Sie, und es geht auf den Herbst ...“

„Halt! halt! halt!“, rief Settembrini, indem er das Gesicht gen Himmel

hob und die Handteller gegen die Schläfen preßte. „Schweigen Sie! Ich

verbiete Ihnen, sich in dieser Weise die Zügel schießen zu lassen!“

„Entschuldigen Sie, ich sage ja im Gegenteil ... Übrigens wird Behrens

sich am Ende nun doch wohl zu den Injektionen entschließen, um meine

Entgiftung zu erzielen, denn ich habe unentwegt siebenunddreißig-vier,

-fünf, -sechs und auch -sieben. Das will sich nicht ändern. Ich bin und

bleibe nun mal ein Sorgenkind des Lebens. Langfristig bin ich ja nicht,

Radamanth hat mir nie was Bestimmtes aufgebrummt, aber er sagt, es wäre

sinnlos, die Kur vor der Zeit zu unterbrechen, wo ich nun doch schon so

lange hier oben bin und soviel Zeit investiert habe, sozusagen. Was

nützte es auch, wenn er mir einen Termin setzte? Das hätte nicht viel zu

bedeuten, denn wenn er zum Beispiel sagt: ein halbes Jährchen, so ist es

sehr knapp gerechnet, man muß sich auf mehr gefaßt machen. Das sieht man

an meinem Vetter, der sollte Anfang des Monats fertig sein – fertig im

Sinne von ausgeheilt –, aber das letztemal hat Behrens ihm vier Monate

zugelegt, zu seiner völligen Ausheilung, – na, und was haben wir dann?

Dann haben wir Sommersonnenwende, wie ich sagte, ohne daß ich Sie reizen

wollte, und es geht wieder auf den Winter zu. Aber für den Augenblick

haben wir nun freilich erst einmal Fastnacht, – Sie hören ja, ich finde

es gut und schön, daß wir hier alles der Reihe nach, und wie’s im

Kalender steht, begehen. Frau Stöhr sagte, daß es in der Conciergeloge

Kindertrompeten zu kaufen gibt?“

Das traf zu. Schon beim ersten Frühstück am Faschingsdienstag, der

sofort da war, ehe man ihn von weitem nur recht ins Auge gefaßt, – schon

in der Frühe gab es im Speisesaal allerlei Töne aus scherzhaften

Blasinstrumenten, schnarrend und tutend; beim Mittagessen flogen vom

Tische Gänsers, Rasmussens und der Kleefeld bereits Papierschlangen, und

mehrere Personen, zum Beispiel die rundäugige Marusja, trugen papierne

Kopfbedeckungen, die ebenfalls bei dem Hinkenden vorn in der Loge zu

kaufen waren; aber abends entfaltete sich im Saal und in den

Konversationsräumen eine Festgeselligkeit, die in ihrem Verlauf ... Nur

wir wissen vorderhand, wozu, dank Hans Castorps Unternehmungsgeist,

diese Fastnachtsgeselligkeit in ihrem Verlaufe führte. Aber wir lassen

uns durch unser Wissen nicht hin- und nicht aus unserer Bedächtigkeit

reißen, sondern geben der Zeit die Ehre, die ihr gebührt, und

überstürzen nichts, – vielleicht sogar zögern wir die Ereignisse hin,

weil wir die sittliche Scheu des jungen Hans Castorp teilen, die den

Eintritt dieser Ereignisse so lange hintangehalten hatte.

Allgemein war man nachmittags nach „Platz“ gepilgert, um das

Faschingsstraßenleben zu sehen. Masken waren unterwegs gewesen,

Pierrotten und Harlekine, die klappernde Pritschen gehandhabt hatten,

und zwischen den Fußgängern und den ebenfalls maskierten Insassen der

vorüberläutenden, geschmückten Schlitten waren Konfetti-Scharmützel

geliefert worden. Schon sehr hochgestimmt fand man sich zur

Abendmahlzeit an den sieben Tischen ein, entschlossen, den öffentlichen

Geist in geschlossenem Kreise fortzupflegen. Die Papiermützen, Schnarren

und Tuten des Concierge hatten starken Abgang gefunden, und Staatsanwalt

Paravant hatte mit weiterer Travestierung den Anfang gemacht, indem er

einen Damenkimono und einen falschen, laut vielseitigem Zuruf, der

Generalkonsulin Wurmbrandt gehörigen Zopf angelegt, auch seinen

Schnurrbart mit einem Brenneisen schräg nach unten gezogen hatte und so

wirklich aufs Haar einem Chinesen glich. Die Verwaltung war nicht

zurückgestanden. Sie hatte jeden der sieben Tische mit einem

Papierlampion geschmückt, einem farbigen Mond mit brennender Kerze im

Inneren, so daß Settembrini beim Eintritt in den Saal, an Hans Castorps

Tische vorbeistreifend, einen auf diese Illumination bezüglichen

Dichterspruch zitierte:

„Da sieh nur, welche bunten Flammen!

Es ist ein muntrer Klub beisammen“,

äußerte er mit feinem und trockenem Lächeln, indem er zu seinem Platze

weiterschlenderte, um dort mit kleinen Wurfgeschossen empfangen zu

werden, dünnwandigen und mit einer wohlriechenden Flüssigkeit gefüllten

Kügelchen, die beim Anprall zerbrachen und den Getroffenen mit Parfüm

überschütteten.

Kurzum, die Festlaune war von Anfang an sehr ausgesprochen. Gelächter

herrschte, Papierschlangen, von den Kronleuchtern herabhängend, wehten

im Luftzuge hin und her, in der Bratensauce schwammen Konfetti, bald sah

man die Zwergin mit dem ersten Eiskübel, der ersten Champagnerflasche

geschäftig vorübereilen, man mischte den Sekt mit Burgunder, wozu

Rechtsanwalt Einhuf das Signal gegeben, und als nun gar gegen Ende der

Mahlzeit das Deckenlicht ausging und nur noch die Lampions den

Speisesaal mit buntem Dämmer italienisch-nächtig erleuchteten, war die

Stimmung vollkommen, und es erregte am Tische Hans Castorps viel

Zustimmung, als Settembrini einen Zettel herübersandte (er händigte ihn

der ihm zunächstsitzenden, mit einer Jockei-Mütze aus grünem

Seidenpapier geschmückten Marusja ein), auf den er mit Bleistift

geschrieben hatte:

„Allein bedenkt! Der Berg ist heute zaubertoll,

Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll,

So müßt Ihr’s so genau nicht nehmen.“

Doktor Blumenkohl, dem es eben wieder sehr schlecht ging, murmelte mit

jenem ihm eigentümlichen Gesichts- oder eigentlich Lippenausdruck etwas

vor sich hin, woraus man entnehmen konnte, was das für Verse seien. Hans

Castorp seinerseits meinte die Antwort nicht schuldig bleiben zu dürfen,

fühlte sich scherzhaft verpflichtet, eine Replik auf den Zettel zu

schreiben, die freilich nur höchst unbedeutend hätte ausfallen können.

Er suchte in seinen Taschen nach einem Bleistift, fand aber keinen und

konnte auch von Joachim und der Lehrerin keinen erhalten. Seine

rot geäderten Augen gingen nach Aushilfe gen Osten, in den

links-rückwärtigen Winkel des Saales, und man sah, wie sein flüchtiges

Vorhaben in so weitläufigen Assoziationen ausartete, daß er erbleichte

und seine Grundabsicht überhaupt vergaß.

Zum Erbleichen gab es Gründe auch sonst. Frau Chauchat dort hinten hatte

zur Fastnacht Toilette gemacht, sie trug ein neues Kleid, jedenfalls ein

Kleid, das Hans Castorp noch nicht an ihr gesehen, – aus leichter und

dunkler, ja schwarzer, nur manchmal ein wenig goldbräunlich

aufschimmernder Seide, das am Halse einen mädchenhaft kleinen

Rundausschnitt zeigte, kaum so tief, daß die Kehle, der Ansatz der

Schlüsselbeine und hinten die bei leicht vorgeschobener Kopfhaltung

etwas heraustretenden Genickwirbel unter dem lockeren Nackenhaar

sichtbar blieben, das aber Clawdias Arme bis zu den Schultern hinauf

frei ließ, – ihre Arme, die zart und voll waren zugleich, – kühl dabei,

aller Mutmaßung nach, und außerordentlich weiß gegen die seidige

Dunkelheit des Kleides abstachen, auf eine so erschütternde Art, daß

Hans Castorp, die Augen schließend, in sich hineinflüsterte: „Mein

Gott!“ – Er hatte diese Art Kleiderschnitt noch nie gesehen. Er kannte

Balltoiletten, festlich statthafte, ja vorschriftsmäßige Enthüllungen,

die weit umfassender gewesen waren als diese hier, ohne im entferntesten

so sensationell zu wirken. Als Irrtum erwies sich vor allem die ältere

Annahme des armen Hans Castorp, daß die Lockung, die vernunftwidrige

Lockung dieser Arme, deren Bekanntschaft er durch dünne Gaze hindurch

bereits gemacht hatte, ohne eine so ahndevolle „Verklärung“, wie er es

damals genannt, sich vielleicht als weniger tief erweisen werde. Irrtum!

Verhängnisvolle Selbsttäuschung! Die volle, hochbetonte und blendende

Nacktheit dieser herrlichen Glieder eines giftkranken Organismus war ein

Ereignis, weit stärker sich erweisend, als die Verklärung von damals,

eine Erscheinung, auf die es keine andere Antwort gab, als den Kopf zu

senken und lautlos zu wiederholen: „Mein Gott!“

Etwas später kam noch ein Zettel, auf dem es hieß:

„Gesellschaft, wie man wünschen kann.

Wahrhaftig, lauter Bräute!

Und Junggesellen Mann für Mann,

Die hoffnungsvollsten Leute!“

„Bravo, bravo!“ wurde gerufen. Man war schon beim Mokka, der in kleinen

irden-braunen Kännchen serviert wurde, beziehungsweise auch bei den

Likören, zum Beispiel Frau Stöhr, die Süß-Geistiges für ihr Leben gern

schlürfte. Die Gesellschaft begann sich aufzulösen, zu zirkulieren. Man

besuchte einander, wechselte die Tische. Ein Teil der Gäste hatte sich

schon in die Konversationsräume verzogen, während ein anderer seßhaft

blieb, dem Weingemisch weiter zusprechend. Settembrini kam nun

persönlich herüber, sein Kaffeetäßchen in der Hand, den Zahnstocher

zwischen den Lippen, und setzte sich hospitierend an die Tischecke

zwischen Hans Castorp und die Lehrerin.

„Harzgebirg“, sagte er. „Gegend von Schierke und Elend. Habe ich Ihnen

zu viel versprochen, Ingenieur? Heiß ich mir das doch eine Messe! Aber

warten Sie nur, unser Witz erschöpft sich nicht so bald, wir sind noch

nicht auf der Höhe, geschweige am Ende. Nach allem, was man hört, wird

es noch mehr Masken geben. Gewisse Personen haben sich zurückgezogen, –

das berechtigt zu allerlei Erwartungen, Sie werden sehen.“

Wirklich tauchten neue Verkleidungen auf: Damen in Herrentracht,

operettenhaft und unwahrscheinlich durch ausladende Formen, die

Gesichter bärtig geschwärzt mit angekohltem Flaschenkork; Herren,

umgekehrt, die Frauenroben angelegt hatten, über deren Röcke sie

strauchelten, wie zum Beispiel Studiosus Rasmussen, welcher, in

schwarzer, jettübersäter Toilette, ein pickliges Dekolleté zur Schau

stellte, das er sich mit einem Papierfächer kühlte, und zwar auch den

Rücken. Ein Bettelmann erschien knickbeinig, an einer Krücke hängend.

Jemand hatte sich aus weißem Unterzeug und einem Damenfilz ein

Pierrotkostüm hergestellt, das Gesicht gepudert, so daß seine Augen ein

unnatürliches Aussehen gewannen, und den Mund mit Lippenpomade blutig

aufgehöht. Es war der Junge mit dem Fingernagel. Ein Grieche vom

Schlechten Russentisch, mit schönen Beinen, stolzierte in lila

Trikotunterhosen, mit Mäntelchen, Papierkrause und einem Stockdegen als

spanischer Grande oder Märchenprinz daher. Alle diese Masken waren nach

Schluß der Mahlzeit eilig improvisiert worden. Es litt Frau Stöhr nicht

länger auf ihrem Stuhl. Sie verschwand, um nach kurzer Zeit als

Scheuerweib wiederzukehren, mit geschürztem Rock und aufgestülpten

Ärmeln, die Bänder ihrer Papierhaube unter dem Kinn geknotet und

bewaffnet mit Eimer und Besen, die sie zu handhaben begann, indem sie

mit dem nassen Schrubber unter die Tische, den Sitzenden zwischen die

Füße fuhr.

„Die alte Baubo kommt allein“,

rezitierte Settembrini bei ihrem Anblick und fügte auch den Reimvers

hinzu, klar und plastisch. Sie hörte es, nannte ihn „welscher Hahn“ und

forderte ihn auf, seine „Zötchen“ für sich zu behalten, wobei sie ihn im

Geiste der Maskenfreiheit duzte; denn diese Verkehrsform war schon

während des Essens allgemein aufgenommen worden. Er schickte sich an,

ihr zu antworten, als Lärm und Gelächter von der Halle her ihn

unterbrachen und Aufsehen im Saal erregten.

Gefolgt von Gästen, die aus den Konversationsräumen kamen, hielten zwei

sonderbare Figuren ihren Einzug, die mit der Kostümierung wohl eben erst

fertig geworden waren. Die eine war als Diakonissin angezogen, doch war

ihr schwarzes Habit vom Hals bis zum Saume mit weißen Bandstreifen quer

benäht, kurzen, die nahe untereinander lagen, und seltneren, die über

jene hinausragten, nach Art der Liniatur eines Thermometers. Sie hielt

den Zeigefinger vor ihren bleichen Mund und trug in der Rechten eine

Fiebertabelle. Die andere Maske erschien blau in Blau: mit blau

gefärbten Lippen und Brauen, auch sonst im Gesicht und am Halse noch

blau bemalt, eine blaue Wollmütze schief übers Ohr gezogen und bekleidet

mit einem An- oder Überzuge aus blauem Glanzleinen, der, aus einem Stück

gearbeitet, an den Knöcheln mit Bändern zugezogen und in der Mitte zum

Rundbauche ausgestopft war. Man erkannte Frau Iltis und Herrn Albin.

Beide trugen Pappschilder umgehängt, auf denen geschrieben stand: „Die

stumme Schwester“ und: „Der blaue Heinrich“. In einer Art Wackelschritt

zogen sie selbander um den Saal.

Das gab einen Beifall! Die Zurufe schwirrten. Frau Stöhr, ihren Besen

unter dem Arm, die Hände auf den Knien, lachte maßlos und ordinär nach

Herzenslust, unter Vorwendung ihrer Rolle als Scheuerweib. Nur

Settembrini zeigte sich unzugänglich. Seine Lippen, unter dem schön

geschwungenen Schnurrbart, wurden äußerst schmal, nachdem er einen

kurzen Blick auf das erfolgreiche Maskenpaar geworfen.

Unter denen, die im Gefolge des Blauen und der Stummen aus den

Konversationszimmern wieder herübergekommen waren, befand sich auch

Clawdia Chauchat. Zusammen mit der wollhaarigen Tamara und jenem

Tischgenossen mit dem konkaven Brustkasten, einem gewissen Buligin, der

Abendanzug trug, strich sie in ihrem neuen Kleid an Hans Castorps Tische

vorbei und bewegte sich schräg hinüber zu dem des jungen Gänser und der

Kleefeld, wo sie, die Hände auf dem Rücken, mit schmalen Augen lachend

und plaudernd stehen blieb, während ihre Begleiter den allegorischen

Gespenstern weiter folgten und mit ihnen den Saal wieder verließen. Auch

Frau Chauchat hatte sich mit einer Faschingsmütze geschmückt, – es war

nicht einmal eine gekaufte, sondern von der Art, wie man sie Kindern

anfertigt, aus weißem Papiere einfach zum Dreispitz zurechtgefaltet, und

kleidete sie übrigens, quer aufgesetzt, vorzüglich. Das dunkelgoldbraune

Seidenkleid war fußfrei, der Rock etwas bauschig gearbeitet. Wir sagen

von den Armen hier nichts mehr. Sie waren nackt bis zu den Schultern

hinauf.

„Betrachte sie genau!“ hörte Hans Castorp Herrn Settembrini wie von

weitem sagen, während er ihr, die bald weiterging, gegen die Glastür,

zum Saal hinaus, mit den Blicken folgte. „Lilith ist das.“

„Wer?“ fragte Hans Castorp.

Der Literat freute sich. Er replizierte:

„Adams erste Frau. Nimm dich in acht ...“

Außer ihnen beiden saß nur noch Dr. Blumenkohl am Tische, an seinem

entfernten Platz. Die übrige Speisegesellschaft, auch Joachim, war in

die Konversationsräume übergesiedelt. Hans Castorp sagte:

„Du steckst heute voller Poesie und Versen. Was ist nun das wieder für

eine Lilli? War Adam also zweimal verheiratet? Ich hatte keine Ahnung

...“

„Die hebräische Sage will es so. Diese Lilith ist zum Nachtspuk

geworden, gefährlich für junge Männer besonders durch ihre schönen

Haare.“

„Pfui Teufel! Ein Nachtspuk mit schönen Haaren. So etwas kannst du nicht

leiden, was? Da kommst du und drehst das elektrische Licht an,

sozusagen, um die jungen Männer auf den rechten Weg zu bringen, – tust

du das nicht?“ sagte Hans Castorp phantastisch. Er hatte ziemlich viel

von der Weinmischung getrunken.

„Hören Sie, Ingenieur, lassen Sie das!“ befahl Settembrini mit

zusammengezogenen Brauen. „Bedienen Sie sich der im gebildeten

Abendlande üblichen Form der Anrede, der dritten Person _pluralis_, wenn

ich bitten darf! Es steht Ihnen gar nicht zu Gesicht, worin Sie sich da

versuchen.“

„Aber wieso? Wir haben Karneval! Es ist allgemein akzeptiert heute abend

...“

„Ja, um eines ungesitteten Reizes willen. Das ‚Du‘ unter Fremden, das

heißt unter Personen, die einander von Rechtes wegen ‚Sie‘ nennen, ist

eine widerwärtige Wildheit, ein Spiel mit dem Urstande, ein liederliches

Spiel, das ich verabscheue, weil es sich im Grunde gegen Zivilisation

und entwickelte Menschlichkeit richtet, – sich frech und schamlos

dagegen richtet. Ich habe Sie auch nicht ‚Du‘ genannt, bilden Sie sich

das nicht ein! Ich zitierte eine Stelle aus dem Meisterwerk Ihrer

Nationalliteratur. Ich sprach also poetischerweise ...“

„Ich auch! Ich spreche auch gewissermaßen poetischerweise, – weil mir

der Augenblick danach angetan zu sein scheint, darum spreche ich so. Ich

sage gar nicht, daß es mir so ganz natürlich ist und leicht fällt, dich

‚Du‘ zu nennen, im Gegenteil, es kostet mich eine gewisse

Selbstüberwindung, ich muß mir einen Ruck geben, um es zu tun, aber

diesen Ruck gebe ich mir gern, ich gebe ihn mir freudig und von Herzen

...“

„Von Herzen?“

„Von Herzen, ja, das kannst du mir glauben. Wir sind nun schon so lange

beieinander hier oben, – sieben Monate, wenn du nachrechnest; das ist ja

für unsere Verhältnisse hier oben noch nicht einmal sehr viel, aber für

untere Begriffe, wenn ich zurückdenke, ist es doch eine Menge Zeit. Nun,

und die haben wir nun miteinander verbracht, weil das Leben uns hier

zusammenführte, und haben uns fast täglich gesehen und interessante

Gespräche miteinander geführt, zum Teil über Gegenstände, von denen ich

unten überhaupt keinen Deut begriffen hätte. Aber hier sehr wohl; hier

waren sie mir sehr wichtig und naheliegend, so daß ich immer, wenn wir

diskutierten, in höchstem Grade bei der Sache war. Oder vielmehr, wenn

du mir die Dinge als _homo humanus_ expliziertest; denn ich hatte

natürlich aus meiner bisherigen Unerfahrenheit nicht viel beizutragen

und konnte immer nur außerordentlich hörenswert finden, was du sagtest.

Durch dich habe ich so viel erfahren und verstanden ... Das mit Carducci

war das Wenigste, aber wie beispielsweise die Republik mit dem schönen

Stil zusammenhängt oder die Zeit mit dem Menschheitsfortschritt, –

wohingegen, wenn keine Zeit wäre, auch kein Menschheitsfortschritt sein

könnte, sondern die Welt nur ein stagnierendes Wasserloch und ein

fauliger Tümpel wäre, – was wüßte ich davon, wenn du nicht gewesen

wärst! Ich nenne dich einfach ‚Du‘ und rede dich sonst nicht weiter an,

entschuldige, weil ich nicht wüßte, wie das geschehen sollte, – ich kann

es nicht gut. Da sitzest du, und ich sage einfach ‚Du‘ zu dir, das

genügt. Du bist nicht irgend ein Mensch mit einem Namen, du bist ein

Vertreter, Herr Settembrini, ein Vertreter hierorts und an meiner Seite,

– das bist du“, bestätigte Hans Castorp und schlug mit der flachen Hand

auf das Tischtuch. „Und nun will ich dir einmal danken,“ fuhr er fort

und schob seinen Glasbecher mit Sekt und Burgunder an Herrn Settembrinis

Kaffeetäßchen heran, gleichsam, um auf dem Tisch mit ihm anzustoßen, –

„dafür, daß du dich in diesen sieben Monaten so freundlich meiner

angenommen hast und mir jungem _mulus_, auf den so viel Neues eindrang,

zur Hand gegangen bist bei meinen Übungen und Experimenten und

berichtigend auf mich einzuwirken gesucht hast, ganz _sine pecunia_,

teils mit Geschichten und teils in abstrakter Form. Ich habe das

deutliche Gefühl, daß der Augenblick gekommen ist, dir dafür und für all

das zu danken und dich um Verzeihung zu bitten, wenn ich ein schlechter

Schüler war, ein ‚Sorgenkind des Lebens‘, wie du sagtest. Es hat mich

sehr gerührt, wie du das sagtest, und jedesmal, wenn ich daran denke,

rührt es mich wieder. Ein Sorgenkind, das war ich wohl auch für dich und

deine pädagogische Ader, auf die du damals gleich am ersten Tage zu

sprechen kamst, – natürlich, das ist auch einer von den Zusammenhängen,

die du mich gelehrt hast, der von Humanismus und Pädagogik, – es würden

mir mit der Zeit gewiß noch mehrere einfallen. Verzeih mir also und

denke meiner nicht im Bösen! Dein Wohl, Herr Settembrini, sollst leben!

Ich leere mein Glas zu Ehren deiner literarischen Anstrengungen zur

Ausmerzung der menschlichen Leiden!“ schloß er, trank, hintenüber

geneigt, mit ein paar großen Schlucken sein Weingemisch aus und stand

auf. „Nun wollen wir zu den anderen hinübergehn.“

„Hören Sie, Ingenieur, was ist Ihnen in die Krone gefahren?“ sagte der

Italiener, die Augen voller Erstaunen, und verließ gleichfalls den

Tisch. „Das klingt wie Abschied ...“

„Nein, warum Abschied?“ wich Hans Castorp aus. Er wich nicht nur

figürlich aus, mit seinen Worten, sondern auch körperlich, indem er mit

dem Oberkörper einen Bogen beschrieb, und hielt sich an die Lehrerin,

Fräulein Engelhart, die eben kam, sie zu holen. Der Hofrat verzapfe im

Klavierzimmer mit eigener Hand einen Fastnachtspunsch, den die

Verwaltung gestiftet habe, meldete sie. Die Herren, sagte sie, möchten

gleich kommen, wenn sie auch noch ein Glas zu erwischen wünschten. So

gingen sie hinüber.

Wirklich stand dort drinnen, umdrängt von der Gästeschaft, die ihm

kleine Henkelgläser entgegenhielt, Hofrat Behrens an dem runden Tisch in

der Mitte, der weiß gedeckt war, und hob mit einem Schöpflöffel

dampfendes Getränk aus einer Terrine. Auch er hatte sein Äußeres ein

wenig karnevalistisch aufgemuntert, indem er nämlich zu dem klinischen

Kittel, den er auch heute trug, da seine Tätigkeit ja niemals ruhte,

einen echten türkischen Fez, karminrot, mit schwarzer Troddel, die ihm

über das Ohr baumelte, aufgesetzt hatte, – Kostüm genug für ihn, dies

beides zusammen; es reichte hin, seine ohnehin markante Erscheinung ins

durchaus Wunderliche und Ausgelassene zu steigern. Der weiße Langkittel

übertrieb des Hofrats Größe; brachte man die Nackenbeugung in Anschlag,

indem man sie in Gedanken beseitigte und seine Gestalt zur vollen Höhe

aufrichtete, so erschien er geradezu überlebensgroß, mit kleinem, buntem

Kopf von eigentümlichstem Gepräge. Dem jungen Hans Castorp wenigstens

war dies Gesicht noch nie so sonderbar vorgekommen, wie heute unter der

närrischen Bedeckung: diese stutznäsig flache und bläulich hitzige

Physiognomie, in der unter weißblonden Brauen die blauen Augen tränend

quollen und über dem bogenförmigen, nach oben sich bäumenden Mund das

helle und schief geschürzte Schnurrbärtchen stand. Abgeneigt von dem

Dampfe, der vor ihm aus der Terrine wirbelte, ließ er das braune

Getränk, einen zuckerigen Arrak-Punsch, im Bogen aus der Schöpfkelle in

die dargereichten Gläser rinnen, unaufhörlich in seinem aufgeräumten

Kauderwelsch sich ergehend, sodaß Lachsalven rund um den Tisch den

Ausschank begleiteten.

„Herr Urian sitzt oben auf“, erläuterte Settembrini leise mit einer

Handbewegung gegen den Hofrat und wurde dann nach Hans Castorps Seite

fortgezogen. Auch Dr. Krokowski war anwesend. Klein, stämmig und kernig,

sein schwarzes Lüsterhemd mit leeren Ärmeln um die Schultern gehängt,

sodaß es dominoartig wirkte, hielt er sein Glas mit gedrehter Hand in

Augenhöhe und plauderte fröhlich mit einer Gruppe von Masken

travestierten Geschlechts. Musik setzte ein. Die Patientin mit dem

Tapirgesicht spielte, von dem Mannheimer pianistisch begleitet, auf der

Geige das Largo von Händel und danach eine Sonate von Grieg, deren

Charakter national und salonmäßig war. Man applaudierte wohlwollend,

auch an den beiden Bridge-Tischen, die aufgeschlagen waren, und an denen

Maskierte und Unmaskierte saßen, Flaschen in Eiskühlern neben sich. Die

Türen standen offen; auch in der Halle hielten sich Gäste auf. Eine

Gruppe um den Rundtisch mit der Bowle sah dem Hofrat zu, der den

Anführer zu einem Gesellschaftsspiel machte. Er zeichnete mit

geschlossenen Augen, im Stehen, über den Tisch gebückt, dabei aber

zurückgelegten Kopfes, damit alle sehen konnten, daß er die Augen

geschlossen hielt, zeichnete auf die Rückseite einer Visitenkarte mit

Bleistift blindlings eine Figur, – es waren die Umrisse eines

Schweinchens, die seine riesige Hand ohne Zuhilfenahme der Augen

hinmalte, eines Schweinchens im Profil, – etwas einfach und mehr ideell

als lebenswahr, aber es war unverkennbar die Grundgestalt eines

Schweinchens, die er unter so erschwerenden Bedingungen zusammenzog. Das

war ein Kunststück, und er konnte es. Das Schlitzäuglein kam ungefähr

dort zu sitzen, wohin es gehörte, etwas zu weit vorn am Rüssel, aber

doch ungefähr an seinen Platz; es verhielt sich nicht anders mit dem

Spitzohr am Kopf, den Beinchen, die an dem gerundeten Bäuchlein hingen;

und als Fortsetzung der ebenso gerundeten Rückenlinie ringelte das

Schwänzchen sich sehr artig in sich selber. Man rief „Ah!“ als das Werk

getan, und drängte sich zu dem Versuch, von Ehrgeiz ergriffen, es dem

Meister gleichzutun. Allein die Wenigsten hätten ein Schweinchen mit

offenen Augen zu zeichnen vermocht, geschweige bei geschlossenen. Was

kamen da für Mißgeburten zustande! Es fehlte an allem Zusammenhang. Das

Äuglein fiel außerhalb des Kopfes, die Beinchen ins Innere des Wanstes,

der seinerseits weit entfernt war, sich zu schließen, und das

Schwänzchen ringelte sich irgendwo abseits, ganz ohne organische

Beziehung zur verworrenen Hauptgestalt, als selbständige Arabeske. Man

wollte sich ausschütten vor Lachen. Die Gruppe fand Zuzug. Aufsehen

entstand an den Bridgetischen, und die Spieler kamen, ihre Karten

fächerförmig in der Hand, neugierig herüber. Die Umstehenden sahen dem,

der sich erprobte, auf die Augenlider, ob er nicht blinzle, wozu einige

durch das Gefühl ihrer Ohnmacht sich verführen ließen, kicherten und

prusteten, solange er seine blinden Irrtümer beging, und brachen in

Jubel aus, wenn er, die Augen aufreißend, auf sein absurdes Machwerk

niederblickte. Trügerisches Selbstvertrauen trieb jeden zum Wettstreit.

Die Karte, obgleich geräumig, war rasch auf beiden Seiten überfüllt,

sodaß die verfehlten Figuren sich überschnitten. Aber der Hofrat opferte

aus seinem Portefeuille eine zweite, auf welcher Staatsanwalt Paravant,

nach heimlicher Überlegung, das Schweinchen _in einem Zuge_ hinzumalen

versuchte, – mit dem Ergebnis, daß sein Mißerfolg alle vorangegangenen

übertraf: das Ornament, das er schuf, wies nicht nur mit keinem

Schweinchen, sondern überhaupt mit nichts in der Welt die entfernteste

Ähnlichkeit auf. Hallo, Gelächter und stürmische Glückwünsche! Man

brachte Menükarten aus dem Speisesaal herzu, – so konnten nun mehrere

Personen, Damen und Herren, auf einmal zeichnen, und jeder

Konkurrierende hatte seine Aufpasser und Zuschauer, von denen wiederum

ein jeder Anwärter auf den Stift war, der eben gehandhabt wurde. Es

waren drei Bleistifte da, die man sich aus den Händen riß. Sie gehörten

Gästen. Der Hofrat, nachdem er das neue Spiel in die Wege geleitet und

bestens im Gange sah, war mit dem Adlaten verschwunden.

Hans Castorp, im Gedränge, sah über Joachims Schulter einem Zeichnenden

zu, indem er sich mit dem Ellbogen auf diese Schulter stützte, sein Kinn

mit allen fünf Fingern erfaßt hielt und die andere Hand in die Hüfte

stemmte. Er redete und lachte. Er wollte ebenfalls zeichnen, verlangte

laut danach und erhielt den Bleistift, ein schon ganz kurzes Ding, man

konnte ihn nur noch mit Daumen und Zeigefinger führen. Er schimpfte auf

den Stummel, das blinde Gesicht zur Decke erhoben, schimpfte laut und

verfluchte die Undienlichkeit des Stiftes, indem er mit fliegender Hand

einen gräulichen Unsinn auf den Karton warf, schließlich sogar diesen

verfehlte und auf das Tischtuch geriet. „Das gilt nicht!“ rief er in das

verdiente Gelächter hinein. „Wie soll man mit einem solchen – zum Teufel

damit!“ Und er warf den beschuldigten Stummel in die Punschbowle. „Wer

hat einen vernünftigen Bleistift? Wer leiht mir einen? Ich muß noch

einmal zeichnen! Einen Bleistift, einen Bleistift! Wer hat noch einen?“

rief er nach beiden Seiten aus, den linken Unterarm noch auf die

Tischplatte gestützt und die rechte Hand hoch in der Luft schüttelnd. Er

bekam keinen. Da wandte er sich um und ging ins Zimmer hinein, indem er

zu rufen fortfuhr, – ging gerade auf Clawdia Chauchat zu, die, wie er

gewußt hatte, nicht weit von der Portiere zum kleinen Salon stand und

von hier aus dem Treiben am Bowlentisch lächelnd zugesehen hatte.

Hinter sich hörte er rufen, wohllautende ausländische Worte: „_Eh!

Ingegnere! Aspetti! Che cosa fa! Ingegnere! Un po di raggione, sa! Ma è

matto questo ragazzo!_“ Aber er übertönte diese Stimme mit der seinen,

und so sah man Herrn Settembrini, eine Hand mit gespreiztem Arm über den

Kopf geworfen – eine in seiner Heimat übliche Gebärde, deren Sinn nicht

leicht auf ein Wort zu bringen wäre, und die von einem langgezogenen

„_Ehh –!_“ begleitet war – die Fastnachtsgeselligkeit verlassen. – Hans

Castorp aber stand auf dem Klinkerhof, blickte aus nächster Nähe in die

blau-grau-grünen Epicanthus-Augen über den vortretenden Backenknochen

und sprach:

„Hast _du_ nicht vielleicht einen Bleistift?“

Er war totenbleich, so bleich wie damals, als er blutbesudelt von seinem

Einzelspaziergang zur Konferenz gekommen war. Die Gefäßnervenleitung

nach seinem Gesichte spielte mit dem Erfolg, daß die entblutete Haut

dieses jungen Gesichtes blaßkalt einfiel, die Nase spitz erschien und

die Partie unter den Augen ganz so bleifarben wie bei einer Leiche

aussah. Aber Hans Castorps Herz ließ der Sympathikus in einer Gangart

trommeln, daß von geregelter Atmung überhaupt nicht mehr die Rede sein

konnte, und Schauer überliefen den jungen Menschen als Veranstaltung der

Hautsalbendrüsen seines Körpers, die sich mitsamt ihren Haarbälgen

aufrichteten.

Die im Papierdreispitz betrachtete ihn von oben bis unten mit einem

Lächeln, worin keinerlei Mitleid, keinerlei Besorgnis angesichts der

Verwüstung seines Äußeren zu erkennen war. Dies Geschlecht kennt ein

solches Mitleid und eine solche Besorgnis überhaupt nicht vor den

Schrecken der Leidenschaft, – eines Elementes, ihm offenbar viel

vertrauter, als dem Mann, der von Natur keineswegs darin zu Hause ist

und den es nie ohne Spott und Schadenfreude darin begrüßt. Übrigens

würde er sich für Mitleid und Besorgnis ja freilich auch bedanken.

„Ich?“ antwortete die bloßarmige Kranke auf das „Du“ ... „Ja,

vielleicht“. Und allenfalls war in ihrem Lächeln und ihrer Stimme etwas

von der Erregung, die auftritt, wenn nach langem, stummem Verhältnis die

erste Anrede fällt, – einer listigen Erregung, die alles Vorangegangene

in den Augenblick heimlich einbezieht. „Du bist sehr ehrgeizig ... Du

bist ... sehr ... eifrig“, fuhr sie in ihrer exotischen Aussprache mit

fremdem r und fremdem, zu offenem e zu spotten fort, wobei ihre leicht

verschleierte, angenehm heisere Stimme das Wort „ehrgeizig“ auch noch

auf der zweiten Silbe betonte, so daß es völlig fremdsprachig klang, –

und kramte in ihrem Ledertäschchen, blickte suchend hinein und zog unter

einem Taschentuch, das sie zuerst zutage gefördert, ein

kleines silbernes Crayon hervor, dünn und zerbrechlich, ein

Galanteriesächelchen, zu ernsthafter Tätigkeit kaum zu gebrauchen. Der

Bleistift von damals, der erste, war handlich-rechtschaffener gewesen.

„_Voilà_“, sagte sie und hielt ihm das Stiftchen vor die Augen, indem

sie es zwischen Daumen und Zeigefinger an der Spitze hielt und leicht

hin und her schlenkerte.

Da sie es ihm zugleich gab und vorenthielt, nahm er es, ohne es zu

empfangen, das heißt: hielt die Hand in der Höhe des Stiftes, dicht

daran, die Finger zum Greifen bereit, aber nicht vollends zugreifend,

und blickte aus seinen bleifarbenen Augenhöhlen abwechselnd auf den

Gegenstand und in Clawdias tatarisches Gesicht. Seine blutlosen Lippen

standen offen, und sie blieben so, er benutzte sie nicht zum Sprechen,

als er sagte:

„Siehst du wohl, ich wußte doch, daß du einen haben würdest.“

„_Prenez garde, il est un peu fragile_“, sagte sie. „_C’est à visser, tu

sais._“

Und indem ihre Köpfe sich darüber neigten, zeigte sie ihm die

landläufige Mechanik des Stiftes, aus dem ein nadeldünnes,

wahrscheinlich hartes, nichts abgebendes Graphitstänglein fiel, wenn man

die Schraube öffnete.

Sie standen nahe gegeneinander geneigt. Da er im Gesellschaftsanzug war,

trug er heute abend einen steifen Kragen und konnte das Kinn darauf

stützen.

„Klein, aber dein“, sagte er, Stirn an Stirn mit ihr, auf den Stift

hinunter mit unbewegten Lippen und folglich unter Auslassung des

Labiallautes.

„Oh, auch witzig bist du“, antwortete sie mit kurzem Lachen, indem sie

sich aufrichtete und ihm das Crayon nun überließ. (Übrigens mochte Gott

wissen, womit er witzig war, da er ja offensichtlich keinen Tropfen Blut

im Kopfe hatte.) „Also geh, spute dich, zeichne, zeichne gut, zeichne

dich aus!“ Witzig auch ihrerseits schien sie ihn fortzutreiben.

„Nein, _du_ hast noch nicht gezeichnet. _Du_ mußt zeichnen“, sagte er

unter Auslassung des m von „mußt“ und trat auf ziehende Art einen

Schritt zurück.

„Ich?“ wiederholte sie wieder mit einem Erstaunen, das etwas anderem

mehr als seiner Forderung zu gelten schien. In einer gewissen Verwirrung

lächelnd blieb sie noch stehen, folgte aber dann seiner magnetisierenden

Rückwärtsbewegung ein paar Schritte gegen den Bowlentisch.

Es zeigte sich jedoch, daß die Unterhaltung dort nicht mehr vorhielt, in

den letzten Zügen lag. Jemand zeichnete noch, hatte aber keine Zuschauer

mehr. Die Karten waren mit Unsinn bedeckt, jedermann hatte seine

Ohnmacht erprobt, der Tisch stand fast verlassen, zumal eine

Gegenströmung eingesetzt hatte. Da man gewahr geworden, daß die Ärzte

fort waren, lautete plötzlich die Parole auf Tanz. Schon wurde der Tisch

beiseite geschleppt. Man postierte Späher an die Türen des Schreib- und

des Klavierzimmers, mit der Anweisung, durch ein Zeichen den Ball zum

Stehen zu bringen, falls etwa „der Alte“, Krokowski oder die Oberin sich

wieder zeigen sollten. Ein slawischer Jüngling griff mit Ausdruck in die

Tastatur des kleinen Nußbaumpianinos. Die ersten Paare drehten sich im

Inneren eines unregelmäßigen Kreises von Sesseln und Stühlen, auf denen

Zuschauer saßen.

Hans Castorp verabschiedete sich von dem eben fortschwebenden Tisch mit

der Handbewegung: „Fahr hin!“ Mit dem Kinn deutete er dann auf freie

Sitzgelegenheiten, die er im kleinen Salon gewahrte, und auf die

geschützte Zimmerecke rechts neben der Portiere. Er sagte nichts,

vielleicht, weil ihm die Musik zu laut war. Er zog einen Stuhl – es war

ein sogenannter Triumphstuhl, mit Holzrahmen und einer Plüschbespannung

– für Frau Chauchat an den Ort, den er vorher pantomimisch bezeichnet

hatte, und eignete sich selbst einen knisternden, krachenden Korbstuhl

mit gerollten Armlehnen an, auf den er sich zu ihr setzte, gegen sie

vorgebeugt, die Arme auf den Lehnen, ihr Crayon in den Händen, die Füße

weit unter dem Stuhl. Sie ihrerseits lag allzu tief in dem

Plüschgehänge, ihre Knie waren emporgehoben, doch schlug sie trotzdem

das eine über das andere und ließ ihren Fuß in der Höhe wippen, dessen

Knöchel über dem Rande des schwarzen Lackschuhs von der ebenfalls

schwarzen Seide des Strumpfes überspannt war. Vor ihnen saßen andere

Leute, standen auf, um zu tanzen und machten solchen Platz, die müde

waren. Es war ein Kommen und Gehen.

„Du hast ein neues Kleid“, sagte er, um sie betrachten zu dürfen, und

hörte sie antworten:

„Neu? Du bist bewandert in meiner Toilette?“

„Habe ich nicht recht?“

„Doch. Ich habe es mir kürzlich hier machen lassen, bei Lukaček im Dorf.

Er arbeitet viel für Damen hier oben. Es gefällt dir?“

„Sehr gut“, sagte er, indem er sie mit dem Blick noch einmal umfaßte und

ihn dann niederschlug. „Willst du tanzen?“ fügte er hinzu.

„Würdest du wollen?“ fragte sie mit erhobenen Brauen lächelnd dagegen,

und er antwortete:

„Ich täte es schon, wenn du Lust hättest.“

„Das ist weniger brav, als ich dachte, daß du seist“, sagte sie, und da

er wegwerfend auflachte, fügte sie hinzu: „Dein Vetter ist schon

gegangen.“

„Ja, er ist mein Vetter“, bestätigte er unnötigerweise. „Ich sah auch

vorhin, daß er fort ist. Er wird sich gelegt haben.“

„_C’est un jeune homme très étroit, très honnête, très allemand._“

„_Étroit? Honnête?_“ wiederholte er. „Ich verstehe Französisch besser,

als ich es spreche. Du willst sagen, daß er pedantisch ist. Hältst du

uns Deutsche für pedantisch – _nous autres allemands_?“

„_Nous causons de votre cousin. Mais c’est vrai_, ihr seid ein wenig

bourgeois. _Vous aimez l’ordre mieux que la liberté, toute l’Europe le

sait._“

„_Aimer ... aimer ... Qu’est-ce que c’est! Ça manque de définition, ce

mot-là._ Der Eine hat’s, der Andere liebt’s, _comme nous disons

proverbialement_“, behauptete Hans Castorp. „Ich habe in letzter Zeit,“

fuhr er fort, „manchmal über die Freiheit nachgedacht. Das heißt, ich

hörte das Wort so oft, und so dachte ich darüber nach. _Je te le dirai

en français_, was ich mir dachte. _Ce que toute l’Europe nomme la

liberté, est peut-être une chose assez pédante et assez bourgeoise en

comparaison de notre besoin d’ordre – c’est ça!_“

„_Tiens! C’est amusant. C’est ton cousin à qui tu penses en disant des

choses étranges comme ça?_“

„Nein, _c’est vraiment une bonne âme_, eine einfache, unbedrohte Natur,

_tu sais. Mais il n’est pas bourgeois, il est militaire._“

„Unbedroht?“ wiederholte sie mühsam ... „_Tu veux dire: une nature tout

à fait ferme, sûre d’elle-même? Mais il est sérieusement malade, ton

pauvre cousin._“

„Wer hat das gesagt?“

„Man weiß hier voneinander.“

„Hat Hofrat Behrens dir das gesagt?“

„_Peut-être en me faisant voir ses tableaux._“

„_C’est-à-dire: en faisant ton portrait!_“

„_Pourquoi pas. Tu l’as trouvé réussi, mon portrait?_“

„_Mais oui, extrêmement. Behrens a très exactement rendu ta peau, oh

vraiment très fidèlement. J’aimerais beaucoup être portraitiste, moi

aussi, pour avoir l’occasion d’étudier ta peau comme lui._“

„_Parlez allemand, s’il vous plaît!_“

„Oh, ich spreche Deutsch, auch auf Französisch. _C’est une sorte d’étude

artistique et médicale – en un mot: il s’agit des lettres humaines, tu

comprends._ Wie ist es nun, willst du nicht tanzen?“

„Aber nein, das ist kindisch. _En cachette des médecins. Aussitôt que

Behrens reviendra, tout le monde va se précipiter sur les chaises. Ce

sera fort ridicule._“

„Hast du so großen Respekt vor ihm?“

„Vor wem?“ sagte sie, das Fragewort kurz und fremdartig sprechend.

„Vor Behrens.“

„_Mais va donc avec ton Behrens!_ Es ist auch viel zu eng zum Tanzen.

_Et puis sur le tapis_ ... Wollen wir zusehen, dem Tanze.“

„Ja, das wollen wir“, pflichtete er bei und schaute neben ihr hin, mit

seinem bleichen Gesicht, mit den blauen, sinnig blickenden Augen seines

Großvaters, in das Gehüpf der maskierten Patienten hier im Salon und

drüben im Schreibzimmer. Da hüpfte die Stumme Schwester mit dem Blauen

Heinrich, und Frau Salomon, die als Ballherr, in Frack und weiße Weste,

gekleidet war, mit hochgewölbter Hemdbrust, gemaltem Schnurrbart und

Monokel, drehte sich auf kleinen Lack-Stöckelschuhen, die

unnatürlicherweise aus ihren schwarzen Herrenhosen hervorkamen, mit dem

Pierrot, dessen Lippen blutrot in seinem geweißten Antlitz leuchteten,

und dessen Augen denen eines Albino-Kaninchens glichen. Der Grieche im

Mäntelchen schwang das Ebenmaß seiner lila Trikotbeine um den

dekolletierten und dunkel glitzernden Rasmussen; der Staatsanwalt im

Kimono, die Generalkonsulin Wurmbrand und der junge Gänser tanzten sogar

selbdritt, indem sie sich mit den Armen umschlungen hielten; und was die

Stöhr betraf, so tanzte sie mit ihrem Besen, den sie ans Herz drückte

und dessen Borsten sie liebkoste, als wären sie eines Menschen aufrecht

stehendes Haupthaar gewesen.

„Das wollen wir“, wiederholte Hans Castorp mechanisch. Sie sprachen

leise, unter den Tönen des Klaviers. „Wir wollen hier sitzen und zusehen

wie im Traum. Das ist für mich wie ein Traum, mußt du wissen, daß wir so

sitzen, – _comme un rêve singulièrement profond, car il faut dormir très

profondément pour rêver comme cela ... Je veux dire: C’est un rêve bien

connu, rêvé de tout temps, long, éternel, oui, être assis près de toi

comme à présent, voilà l’éternité._“

„_Poète!_“ sagte sie. „_Bourgeois, humaniste et poète, – voilà

l’allemand au complet, comme il faut!_“

„_Je crains, que nous ne soyons pas du tout et nullement comme il

faut_“, antwortete er. „_Sous aucun égard. Nous sommes peut-être des_

Sorgenkinder des Lebens, _tout simplement_.“

„_Joli mot. Dis-moi donc ... Il n’aurait pas été fort difficile de rêver

ce rêve-là plus tôt. C’est un peu tard, que monsieur se résout

d’adresser la parole à son humble servante._“

„_Pourquoi des paroles?_“ sagte er. „_Pourquoi parler? Parler,

discourir, c’est une chose bien républicaine, je le concède. Mais je

doute, que ce soit poétique au même degré. Un de nos pensionnaires, qui

est un peu devenu mon ami, M. Settembrini ..._“

„_Il vient de te lancer quelques paroles._“

„_Eh bien, c’est un grand parleur sans doute, il aime même beaucoup à

réciter de beaux vers, – mais est-ce un poète, cet homme-là?_“

„_Je regrette sincèrement de n’avoir jamais eu le plaisir de faire la

connaissance de ce chevalier._“

„_Je le crois bien._“

„_Ah! Tu le crois._“

„_Comment? C’était une phrase tout-à-fait indifférente, ce que j’ai dit

là. Moi, tu le remarques bien, je ne parle guère le français. Pourtant,

avec toi je préfère cette langue à la mienne, car pour moi, parler

français, c’est parler sans parler, en quelque manière, – sans

responsabilité, ou comme nous parlons en rêve. Tu comprends?_“

„_A peu près._“

„_Ça suffit ... Parler_“, fuhr Hans Castorp fort, „_– pauvre affaire!

Dans l’éternité, on ne parle point. Dans l’éternité, tu sais, on fait

comme en dessinant un petit cochon: on penche la tête en arrière et on

ferme les yeux._“

„_Pas mal, ça! Tu es chez toi dans l’éternité, sans aucun doute, tu la

connais à fond. Il faut avouer, que tu es un petit rêveur assez

curieux._“

„_Et puis_“, sagte Hans Castorp, „_si je t’avais parlé plus tôt, il

m’aurait fallu te dire »vous«!_“

„_Eh bien, est-ce que tu as l’intention de me tutoyer pour toujours?_“

„_Mais oui. Je t’ai tutoyée de tout temps et je te tutoierai

éternellement._“

„_C’est un peu fort, par exemple. En tout cas tu n’auras pas trop

longtemps l’occasion de me dire »tu«. Je vais partir._“

Das Wort brauchte einige Zeit, bis es ihm ins Bewußtsein drang. Dann

fuhr er auf, wirr um sich blickend, wie ein aus dem Schlaf Gestörter.

Ihr Gespräch war ziemlich langsam vonstatten gegangen, da Hans Castorp

das Französische schwerfällig und wie in zögerndem Sinnen sprach. Das

Klavier, das kurze Zeit geschwiegen hatte, tönte wieder, nunmehr unter

den Händen des Mannheimers, der den Slawenjüngling abgelöst und Noten

aufgelegt hatte. Fräulein Engelhart saß bei ihm und blätterte um. Der

Ball hatte sich gelichtet. Eine größere Anzahl der Pensionäre schien

horizontale Lage eingenommen zu haben. Vor ihnen saß niemand mehr. Im

Lesezimmer spielte man Karten.

„Was tust du?“ fragte Hans Castorp entgeistert ...

„Ich reise ab“, wiederholte sie, scheinbar verwundert lächelnd über sein

Erstarren.

„Nicht möglich“, sagte er. „Das ist nur Scherz.“

„Durchaus nicht. Es ist mein vollkommener Ernst. Ich reise.“

„Wann?“

„Aber morgen. _Après dîner._“

In ihm ereignete sich ein umfangreicher Zusammensturz. Er sagte:

„Wohin?“

„Sehr weit fort.“

„Nach Daghestan?“

„_Tu n’es pas mal instruit. Peut-être, pour le moment ..._“

„Bist du denn geheilt?“

„_Quant à ça ... non._ Aber Behrens meint, es sei vorläufig hier nicht

mehr viel für mich zu erreichen. _C’est pourquoi je vais risquer un

petit changement d’air._“

„Du kommst also wieder!“

„Das fragt sich. Es fragt sich vor allem, wann. _Quant à moi, tu sais,

j’aime la liberté avant tout et notamment celle de choisir mon domicile.

Tu ne comprends guère ce que c’est: être obsédé d’indépendance. C’est de

ma race, peut-être._“

„_Et ton mari au Daghestan te l’accorde, – ta liberté?_“

„_C’est la maladie qui me la rend. Me voilà à cet endroit pour la

troisième fois. J’ai passé un an ici, cette fois. Possible que je

revienne. Mais alors tu seras bien loin depuis longtemps._“

„Glaubst du, Clawdia?“

„_Mon prénom aussi! Vraiment tu les prends bien au sérieux les coutumes

du carnaval!_“

„Weißt du denn, wie krank ich bin?“

„_Oui – non – comme on sait ces choses ici. Tu as une petite tache

humide là dedans et un peu de fièvre, n’est-ce pas?_“

„_Trente-sept et huit ou neuf l’après-midi_“, sagte Hans Castorp. „Und

du?“

„_Oh, mon cas, tu sais, c’est un peu plus compliqué ... pas tout-à-fait

simple._“

„_Il y a quelque chose dans cette branche de lettres humaines dite la

médecine_,“ sagte Hans Castorp, „_qu’on appelle bouchement tuberculeux

des vases de lymphe._“

„_Ah! Tu as mouchardé, mon cher, on le voit bien._“

„_Et toi ..._ Verzeih mir! Laß mich dich jetzt etwas fragen, dich

dringlich und auf Deutsch etwas fragen! Als ich damals von Tische zur

Untersuchung ging, vor sechs Monaten ... Du blicktest dich um nach mir,

erinnerst du dich?“

„_Quelle question? Il y a six mois!_“

„Wußtest du, wohin ich ging?“

„_Certes, c’était tout-à-fait par hasard ..._“

„Du wußtest es von Behrens?“

„_Toujours ce Behrens!_“

„_Oh, il a représenté ta peau d’une façon tellement exacte ...

D’ailleurs, c’est un veuf aux joues ardentes et qui possède un service à

café très remarquable ... Je crois bien qu’il connaît ton corps non

seulement comme médecin, mais aussi comme adepte d’une autre discipline

de lettres humaines._“

„_Tu as décidément raison de dire, que tu parles en rêve, mon ami._“

„_Soit ... Laisse-moi rêver de nouveau après m’avoir réveillé si

cruellement par cette cloche d’alarme de ton départ. Sept mois sous tes

yeux ... Et à présent, où en réalité j’ai fait ta connaissance, tu me

parles de départ!_“

„_Je te répète, que nous aurions pu causer plus tôt._“

„Du hättest es gewünscht?“

„_Moi? Tu ne m’échapperas pas, mon petit. Il s’agit de tes intérêts, à

toi. Est-ce que tu étais trop timide pour t’approcher d’une femme à qui

tu parles en rêve maintenant, ou est-ce qu’il y avait quelqu’un qui t’en

a empêché?_“

„_Je te l’ai dit. Je ne voulais pas te dire »vous«._“

„_Farceur. Réponds donc, – ce monsieur beau parleur, cet italien-là qui

a quitté la soirée, – qu’est-ce qu’il t’a lancé tantôt?_“

„_Je n’en ai entendu absolument rien. Je me soucie très peu de ce

monsieur, quand mes yeux te voient. Mais tu oublies ... il n’aurait pas

été si facile du tout de faire ta connaissance dans le monde. Il y avait

encore mon cousin avec qui j’étais lié et qui incline très peu à

s’amuser ici: Il ne pense à rien qu’à son retour dans les plaines, pour

se faire soldat._“

„_Pauvre diable. Il est, en effet, plus malade qu’il ne sait. Ton ami

italien du reste ne va pas trop bien non plus._“

„_Il le dit lui-même. Mais mon cousin ... Est-ce vrai? Tu m’effraies._“

„_Fort possible qu’il va mourir, s’il essaye d’être soldat dans les

plaines._“

„_Qu’il va mourir. La mort. Terrible mot, n’est-ce pas? Mais c’est

étrange, il ne m’impressionne pas tellement aujourd’hui, ce mot. C’était

une façon de parler bien conventionnelle, lorsque je disais »Tu

m’effraies«. L’idée de la mort ne m’effraie pas. Elle me laisse

tranquille. Je n’ai pas pitié – ni de mon bon Joachim ni de moi-même, en

entendant qu’il va peut-être mourir. Si c’est vrai, son état ressemble

beaucoup au mien et je ne le trouve pas particulièrement imposant. Il

est moribond, et moi, je suis amoureux, eh bien! – Tu as parlé à mon

cousin à l’atelier de photographie intime, dans l’antichambre, tu te

souviens._“

„_Je me souviens un peu._“

„_Donc ce jour-là Behrens a fait ton portrait transparent!_“

„_Mais oui._“

„_Mon dieu. Et l’as-tu sur toi?_“

„_Non, je l’ai dans ma chambre._“

„_Ah, dans ta chambre. Quant au mien, je l’ai toujours dans mon

portefeuille. Veux-tu que je te le fasse voir?_“

„_Mille remerciements. Ma curiosité n’est pas invincible. Ce sera un

aspect très innocent._“

„_Moi, j’ai vu ton portrait extérieur. J’aimerais beaucoup mieux voir

ton portrait intérieur qui est enfermé dans ta chambre ... Laisse-moi

demander autre chose! Parfois un monsieur russe qui loge en ville vient

te voir. Qui est-ce? Dans quel but vient-il, cet homme?_“

„_Tu es joliment fort en espionnage, je l’avoue. Eh bien, je réponds.

Oui, c’est un compatriote souffrant, un ami. J’ai fait sa connaissance à

une autre station balnéaire, il y a quelques années déjà. Nos relations?

Les voilà: nous prenons notre thé ensemble, nous fumons deux ou trois

papiros, et nous bavardons, nous philosophons, nous parlons de l’homme,

de Dieu, de la vie, de la morale, de mille choses. Voilà mon compte

rendu. Es-tu satisfait?_“

„_De la morale aussi! Et qu’est-ce que vous avez trouvé en fait de

morale, par exemple?_“

„_La morale? Cela t’intéresse? Eh bien, il nous semble, qu’il faudrait

chercher la morale non dans la vertu, c’est-à-dire dans la raison, la

discipline, les bonnes mœurs, l’honnêteté, – mais plutôt dans le

contraire, je veux dire: dans le péché, en s’abandonnant au danger, à ce

qui est nuisible, à ce qui nous consume. Il nous semble qu’il est plus

moral de se perdre et même de se laisser dépérir que de se conserver.

Les grands moralistes n’étaient point des vertueux, mais des aventuriers

dans le mal, des vicieux, des grands pécheurs qui nous enseignent à nous

incliner chrétiennement devant la misère. Tout ça doit te déplaire

beaucoup, n’est-ce pas?_“

Er schwieg. Er saß noch immer wie anfangs, die verschlungenen Füße tief

unter seinem knisternden Stuhl, vorgeneigt gegen die Liegende im

Papierdreispitz, ihr Crayon zwischen den Fingern, und blickte aus Hans

Lorenz Castorps blauen Augen von unten in das Zimmer, das leer geworden

war. Zerstoben die Gästeschaft. Das Klavier, in der schräg

gegenüberliegenden Ecke, tönte nur noch leise und abgebrochen, gespielt

mit einer Hand von dem mannheimischen Kranken, an dessen Seite die

Lehrerin saß und in einem Notenbuch blätterte, das sie auf den Knien

hielt. Als das Gespräch zwischen Hans Castorp und Clawdia Chauchat

verstummte, hörte der Pianist vollends zu spielen auf und legte auch die

Hand, mit der er die Tasten leicht gerührt hatte, in den Schoß, während

Fräulein Engelhart fortfuhr, in ihre Noten zu blicken. Die vier von der

Fastnachtsgeselligkeit übriggebliebenen Personen saßen unbeweglich. Die

Stille dauerte mehrere Minuten. Langsam neigten sich unter ihrem Druck

die Köpfe des Paares am Pianino tiefer und tiefer, der des Mannheimers

gegen die Klaviatur hinab, der Fräulein Engelharts auf das Notenheft.

Endlich, beide gleichzeitig, wie nach geheimer Verständigung, standen

sie vorsichtig auf, und leise, auf den Zehen, indem sie es künstlich

vermieden, sich nach der anderen noch belebten Zimmerecke umzusehen, die

Köpfe eingezogen und die Arme steif am Leibe, verschwanden der

Mannheimer und die Lehrerin miteinander durch das Schreib- und

Lesezimmer. „_Tout le monde se retire_“, sagte Frau Chauchat.

„_C’étaient les derniers; il se fait tard. Eh bien, la fête de carnaval

est finie._“ Und sie hob die Arme, um mit beiden Händen die Papiermütze

von ihrem rötlichen Haar zu nehmen, dessen Zopf als Kranz um den Kopf

geschlungen war. „_Vous connaissez les conséquences, monsieur._“

Aber Hans Castorp verneinte mit geschlossenen Augen, ohne im übrigen

seine Stellung zu verändern. Er antwortete:

„_Jamais, Clawdia. Jamais je te dirai »vous«, jamais de la vie ni de la

mort_, wenn man so sagen kann, – man sollte es können. _Cette forme de

s’adresser à une personne, qui est celle de l’Occident cultivé et de la

civilisation humanitaire, me semble fort bourgeoise et pédante.

Pourquoi, au fond, de la forme? La forme, c’est la pédanterie elle-même!

Tout ce que vous avez fixé à l’égard de la morale, toi et ton

compatriote souffrant, – tu veux sérieusement que ça me surprenne? Pour

quel sot me prends-tu? Dis donc, qu’est-ce que tu penses de moi?_“

„_C’est un sujet qui ne donne pas beaucoup à penser. Tu es un petit

bonhomme convenable, de bonne famille, d’une tenue appétissante,

disciple docile de ses précepteurs et qui retournera bientôt dans les

plaines, pour oublier complètement qu’il a jamais parlé en rêve ici et

pour aider à rendre son pays grand et puissant par son travail honnête

sur le chantier. Voilà ta photographie intime, faite sans appareil. Tu

la trouves exacte, j’espère?_“

„_Il y manque quelques détails que Behrens y a trouvés._“

„_Ah, les médecins en trouvent toujours, ils s’y connaissent ..._“

„_Tu parles comme M. Settembrini. Et ma fièvre? D’où vient-elle?_“

„_Allons donc, c’est un incident sans conséquence qui passera vite._“

„_Non, Clawdia, tu sais bien que ce que tu dis là n’est pas vrai et tu

le dis sans conviction, j’en suis sûr. La fièvre de mon corps et le

battement de mon cœur harassé et le frissonnement de mes membres, c’est

le contraire d’un incident, car ce n’est rien d’autre_ –“ und sein

bleiches Gesicht mit den zuckenden Lippen beugte sich tiefer zu dem

ihren – „_rien d’autre que mon amour pour toi, oui, cet amour qui m’a

saisi à l’instant, où mes yeux t’ont vue, ou, plutôt, que j’ai reconnu,

quand je t’ai reconnue toi, – et c’était lui, évidemment, qui m’a mené à

cet endroit ..._“

„_Quelle folie!_“

„_Oh, l’amour n’est rien, s’il n’est pas de la folie, une chose

insensée, défendue et une aventure dans le mal. Autrement c’est une

banalité agréable, bonne pour en faire de petites chansons paisibles

dans les plaines. Mais quant à ce que je t’ai reconnue et que j’ai

reconnu mon amour pour toi, – oui, c’est vrai, je t’ai déjà connue,

anciennement, toi et tes yeux merveilleusement obliques et ta bouche et

ta voix, avec laquelle tu parles, – une fois déjà, lorsque j’étais

collégien, je t’ai demandé ton crayon, pour faire enfin ta connaissance

mondaine, parce que je t’aimais irraisonnablement, et c’est de là, sans

doute, c’est de mon ancien amour pour toi, que ces marques me restent

que Behrens a trouvées dans mon corps, et qui indiquent que jadis aussi

j’étais malade ..._“

Seine Zähne schlugen aufeinander. Er hatte den einen Fuß unter seinem

knisternden Stuhl hervorgezogen, während er phantasierte, und indem er

ihn vorschob, diesen Fuß, berührte er mit dem anderen Knie schon den

Boden, so daß er denn also neben ihr kniete, gebeugten Kopfes und am

ganzen Körper zitternd. „_Je t’aime_,“ lallte er, „_je t’ai aimée de

tout temps, car tu es le Toi de ma vie, mon rêve, mon sort, mon envie,

mon éternel désir ..._“

„_Allons, allons!_“ sagte sie. „_Si tes précepteurs te voyaient ..._“

Aber er schüttelte verzweifelt den Kopf, das Gesicht über den Teppich,

und antwortete:

„_Je m’en ficherais, je me fiche de tous ces Carducci et de la

République éloquente et du progrès humain dans le temps, car je

t’aime!_“

Sie streichelte ihm leicht mit der Hand das kurzgeschorene Haar am

Hinterkopf.

„_Petit bourgeois!_“ sagte sie. „_Joli bourgeois à la petite tache

humide. Est-ce vrai que tu m’aimes tant?_“

Und begeistert von ihrer Berührung, nun auf beiden Knien, den Kopf im

Nacken und mit geschlossenen Augen fuhr er zu sprechen fort:

„_Oh, l’amour, tu sais ... Le corps, l’amour, la mort, ces trois ne font

qu’un. Car le corps, c’est la maladie et la volupté, et c’est lui qui

fait la mort, oui, ils sont charnels tous deux, l’amour et la mort, et

voilà leur terreur et leur grande magie! Mais la mort, tu comprends,

c’est d’une part une chose mal famée, impudente qui fait rougir de

honte; et d’autre part c’est une puissance très solennelle et très

majestueuse, – beaucoup plus haute que la vie riante gagnant de la

monnaie et farcissant sa panse, – beaucoup plus vénérable que le progrès

qui bavarde par les temps, – parce qu’elle est l’histoire et la noblesse

et la piété et l’éternel et le sacré qui nous fait tirer le chapeau et

marcher sur la pointe des pieds ... Or, de même, le corps, lui aussi, et

l’amour du corps, sont une affaire indécente et fâcheuse, et le corps

rougit et pâlit à sa surface par frayeur et honte de lui-même. Mais

aussi il est une grande gloire adorable, image miraculeuse de la vie

organique, sainte merveille de la forme et de la beauté, et l’amour pour

lui, pour le corps humain, c’est de même un intérêt extrêmement

humanitaire et une puissance plus éducative que toute la pédagogie du

monde! ... Oh, enchantante beauté organique qui ne se compose ni de

teinture à l’huile ni de pierre, mais de matière vivante et corruptible,

pleine du secret fébrile de la vie et de la pourriture! Regarde la

symétrie merveilleuse de l’édifice humain, les épaules et les hanches et

les mamelons fleurissants de part et d’autre sur la poitrine, et les

côtes arrangées par paires, et le nombril au milieu dans la mollesse du

ventre, et le sexe obscur entre les cuisses! Regarde les omoplates se

remuer sous la peau soyeuse du dos, et l’échine qui descend vers la

luxuriance double et fraîche des fesses, et les grandes branches des

vases et des nerfs qui passent du tronc aux rameaux par les aisselles,

et comme la structure des bras correspond à celle des jambes. Oh, les

douces régions de la jointure intérieure du coude et du jarret avec leur

abondance de délicatesses organiques sous leurs coussins de chair!

Quelle fête immense de les caresser ces endroits délicieux du corps

humain! Fête à mourir sans plainte après! Oui, mon dieu, laisse-moi

sentir l’odeur de la peau de ta rotule, sous laquelle l’ingénieuse

capsule articulaire sécrète son huile glissante! Laisse-moi toucher

dévotement de ma bouche l’Arteria femoralis qui bat au front de ta

cuisse et qui se divise plus bas en les deux artères du tibia!

Laisse-moi ressentir l’exhalation de tes pores et tâter ton duvet, image

humaine d’eau et d’albumine, destinée pour l’anatomie du tombeau, et

laisse-moi périr, mes lèvres aux tiennes!_“

Er öffnete die Augen nicht, nachdem er gesprochen; er blieb, wie er war,

den Kopf im Nacken, die Hände mit dem Silberstiftchen von sich

gestreckt, auf seinen Knien bebend und schwankend. Sie sagte:

„_Tu es en effet un galant qui sait solliciter d’une manière profonde, à

l’allemande._“

Und sie setzte ihm die Papiermütze auf.

„_Adieu, mon prince Carnaval! Vous aurez une mauvaise ligne de fièvre ce

soir, je vous le prédis._“

Damit glitt sie vom Stuhl, glitt über den Teppich zur Tür, in deren

Rahmen sie zögerte, halb rückwärts gewandt, einen ihrer nackten Arme

erhoben, die Hand an der Türangel. Über die Schulter sagte sie leise:

„_N’oubliez pas de me rendre mon crayon._“

Und trat hinaus.

Der Zauberberg. Erster Band · 第 43 / 45 题