Launen des Merkur

Der Oktober brach an, wie neue Monate anzubrechen pflegen, – es ist an

und für sich ein vollkommen bescheidenes und geräuschloses Anbrechen,

ohne Zeichen und Feuermale, ein stilles Sicheinschleichen also

eigentlich, das der Aufmerksamkeit, wenn sie nicht strenge Ordnung hält,

leicht entgeht. Die Zeit hat in Wirklichkeit keine Einschnitte, es gibt

kein Gewitter oder Drommetengetön beim Beginn eines neuen Monats oder

Jahres, und selbst bei dem eines neuen Säkulums sind es nur wir

Menschen, die schießen und läuten.

In Hans Castorps Fall glich der erste Oktobertag auf ein Haar dem

letzten Septembertage; er war ebenso kalt und unfreundlich wie dieser,

und die nächstfolgenden waren es auch. Man brauchte den Winterpaletot

und beide Kamelhaardecken in der Liegekur, nicht nur abends, sondern

auch am Tage; die Finger, mit denen man sein Buch hielt, waren feucht

und steif, wenn auch die Backen in trockener Hitze standen, und Joachim

war sehr versucht, seinen Pelzsack in Gebrauch zu nehmen; er unterließ

es nur, um sich nicht vorzeitig zu verwöhnen.

Aber einige Tage später, man hielt schon zwischen Anfang und Mitte des

Monats, änderte sich alles, und ein nachträglicher Sommer fiel ein von

solcher Pracht, daß es zum Verwundern war. Nicht umsonst hatte Hans

Castorp den Oktober dieser Gegenden rühmen hören; wohl zweieinhalb

Wochen lang herrschte Himmelsherrlichkeit über Berg und Tal, ein Tag

überbot den anderen an blauender Reinheit, und mit so unvermittelter

Kraft brannte die Sonne darein, daß jedermann sich veranlaßt fand, das

leichteste Sommerzeug, Musselinkleider und Leinwandhosen, die schon

verworfen gewesen, wieder hervorzusuchen und selbst der große

Segeltuchschirm ohne Krücke, den man vermittelst einer sinnreichen

Vorrichtung, einem mehrfach gelochten Pflock, an der Armlehne des

Liegestuhles befestigte, in den mittleren Tagesstunden nur ungenügenden

Schutz gegen die Glut des Gestirnes bot.

„Schön, daß ich das hier noch mitmache“, sagte Hans Castorp zu seinem

Vetter. „Wir haben es manchmal so elend gehabt, – es ist ja ganz, als

hätten wir den Winter schon hinter uns und nun käme die gute Zeit.“ Er

hatte recht. Wenige Merkmale deuteten auf den wahren Sachverhalt, und

auch diese waren unscheinbar. Nahm man ein paar gepflanzte Ahorne

beiseite, die unten in „Platz“ nur eben ihr Leben fristeten und längst

mutlos ihre Blätter hatten fallen lassen, so gab es keine Laubbäume

hier, deren Zustand der Landschaft das Gepräge der Jahreszeit

aufgedrückt hätte, und nur die zwittrige Alpenerle, die weiche Nadeln

trägt und diese wie Blätter wechselt, zeigte sich herbstlich kahl. Der

übrige Baumschmuck der Gegend, ob ragend oder geduckt, war immergrünes

Nadelholz, fest gegen den Winter, der, undeutlich eingeschränkt, seine

Schneestürme hier über das ganze Jahr verteilen darf; und nur ein

mehrfach gestufter, roströtlicher Ton über dem Forst ließ trotz dem

Sommerbrande des Himmels das sinkende Jahr erkennen. Freilich waren da,

näher zugesehen, noch die Wiesenblumen, die gleichfalls leise zur Sache

redeten. Es gab das orchideenähnliche Knabenkraut, die staudenförmige

Akelei nicht mehr, die bei des Besuchers Ankunft noch das Gehänge

geschmückt hatten, und auch die wilde Nelke war nicht mehr da. Nur noch

der Enzian, die kurzaufsitzende Herbstzeitlose waren zu sehen und gaben

Bescheid über eine gewisse innere Frische der oberflächlich erhitzten

Atmosphäre, eine Kühle, die dem Ruhenden, äußerlich fast Versengten

plötzlich ans Gebein treten konnte, wie ein Frostschauer dem

Fieberglühenden.

Hans Castorp also hielt innerlich nicht jene Ordnung, womit der die Zeit

bewirtschaftende Mensch ihren Ablauf beaufsichtigt, ihre Einheiten

abteilt, zählt und benennt. Er hatte auf den stillen Anbruch des zehnten

Monats nicht achtgehabt; nur das Sinnliche berührte ihn, die Sonnenglut

mit der geheimen Frostfrische darin und darunter, – eine Empfindung, die

ihm in dieser Stärke neu war und ihn zu einem kulinarischen Vergleich

anregte: sie erinnerte ihn, einer Äußerung zufolge, die er gegen Joachim

tat, an eine „_Omelette en surprise_“ mit Gefrorenem unter dem heißen

Eierschaum. Er sagte öfter solche Dinge, sagte sie rasch, geläufig und

mit bewegter Stimme, wie ein Mensch spricht, den es fröstelt bei heißer

Haut. Dazwischen freilich war er auch schweigsam, um nicht zu sagen: in

sich gekehrt; denn seine Aufmerksamkeit war wohl nach außen gerichtet,

aber auf einen Punkt; das übrige, Menschen wie Dinge, verschwamm im

Nebel, einem in Hans Castorps Hirn erzeugten Nebel, den Hofrat Behrens

und Dr. Krokowski zweifellos als das Produkt löslicher Gifte

angesprochen haben würden, wie der Benebelte sich selber sagte, ohne daß

diese Einsicht das Vermögen oder auch nur im entferntesten den Wunsch in

ihm gezeitigt hätte, des Rausches ledig zu werden.

Denn das ist ein Rausch, dem es um sich selber zu tun ist, und dem

nichts unerwünschter und verabscheuenswürdiger scheint, als die

Ernüchterung. Er behauptet sich auch gegen dämpfende Eindrücke, er läßt

sie nicht zu, um sich zu bewahren. Hans Castorp wußte und hatte es

früher selbst zur Sprache gebracht, daß Frau Chauchat im Profil nicht

günstig aussah, etwas scharf, nicht mehr ganz jung. Die Folge? Er

vermied es, sie im Profil zu betrachten, schloß buchstäblich die Augen,

wenn sie ihm zufällig von fern oder nah diese Ansicht bot, es tat ihm

weh. Warum? Seine Vernunft hätte freudig die Gelegenheit wahrnehmen

sollen, sich zur Geltung zu bringen! Aber was verlangt man ... Er wurde

blaß vor Entzücken, als Clawdia in diesen glänzenden Tagen zum zweiten

Frühstück wieder einmal in der weißen Spitzenmatinee erschien, die sie

bei warmem Wetter trug, und die sie so außerordentlich reizvoll machte,

– verspätet und türschmetternd darin erschien und lächelnd, die Arme

leicht zu ungleicher Höhe erhoben, gegen den Saal Front machte, um sich

zu präsentieren. Aber er war entzückt nicht sowohl dadurch, daß sie so

günstig aussah, sondern _darüber_, daß es so war, weil das den süßen

Nebel in seinem Kopf verstärkte, den Rausch, der sich selber wollte, und

dem es darum zu tun war, gerechtfertigt und genährt zu werden.

Ein Gutachter von der Denkungsart Lodovico Settembrinis hätte angesichts

eines solchen Mangels an gutem Willen geradezu von Liederlichkeit, von

„einer Form der Liederlichkeit“ sprechen mögen. Hans Castorp gedachte

zuweilen der schriftstellerischen Dinge, die jener über „Krankheit und

Verzweiflung“ geäußert, und die er unbegreiflich gefunden oder so zu

finden sich den Anschein gegeben hatte. Er sah Clawdia Chauchat an, die

Schlaffheit ihres Rückens, die vorgeschobene Haltung ihres Kopfes; er

sah sie beständig mit großer Verspätung zu Tisch kommen, ohne Grund und

Entschuldigung, einzig aus Mangel an Ordnung und gesitteter Energie; sah

sie aus eben diesem grundlegenden Mangel jede Tür hinter sich zufallen

lassen, durch die sie aus oder ein ging, Brotkugeln drehen und

gelegentlich an den seitlichen Fingerspitzen kauen, – und eine wortlose

Ahnung stieg in ihm auf, daß, wenn sie krank war, und das war sie wohl,

fast hoffnungslos krank, da sie ja schon so lange und oft hier oben

hatte leben müssen, – ihre Krankheit, wenn nicht gänzlich, so doch zu

einem guten Teile moralischer Natur, und zwar wirklich, wie Settembrini

gesagt hatte, nicht Ursache oder Folge ihrer „Lässigkeit“, sondern mit

ihr ein und dasselbe war. Er erinnerte sich auch der wegwerfenden

Gebärde, womit der Humanist von den „Parthern und Skythen“ gesprochen

hatte, mit denen er Liegekur halten müsse, einer Gebärde natürlicher und

unmittelbarer, nicht erst zu begründender Geringschätzung und Ablehnung,

auf die Hans Castorp sich von früher her wohl verstand, – von damals

her, als er, der sich bei Tische sehr gerade hielt, das Türenwerfen aus

Herzensgrund haßte und nicht einmal in Versuchung kam, an den Fingern zu

kauen (schon darum nicht, weil ihm statt dessen Maria Mancini gegeben

war), an den Ungezogenheiten Frau Chauchats schweren Anstoß genommen und

sich eines Gefühls der Überlegenheit nicht hatte entschlagen können, als

er die schmaläugige Fremde in seiner Muttersprache sich hatte versuchen

hören.

Solcher Empfindungen hatte Hans Castorp sich nun, auf Grund der inneren

Sachlage, fast ganz begeben, und der Italiener war es viel mehr, an dem

er sich ärgerte, weil dieser in seinem Dünkel von „Parthern und Skythen“

gesprochen, – während er doch nicht einmal Personen vom „Schlechten“

Russentisch im Auge gehabt hatte, demjenigen, an dem die Studenten mit

dem allzu dicken Haar und der unsichtbaren Wäsche saßen und unaufhörlich

in ihrer wildfremden Sprache disputierten, außer der sie sich offenbar

in keiner auszudrücken wußten, und deren knochenloser Charakter an einen

Thorax ohne Rippen erinnerte, wie Hofrat Behrens es neulich beschrieben

hatte. Es war richtig, daß die Sitten dieser Leute einem Humanisten wohl

lebhafte Abstandsgefühle erregen konnten. Sie aßen mit dem Messer und

besudelten auf nicht wiederzugebende Weise die Toilette. Settembrini

behauptete, daß einer von ihrer Gesellschaft, ein Mediziner in höheren

Semestern, sich des Lateinischen vollkommen unkundig erwiesen,

beispielsweise nicht gewußt habe, was ein _vacuum_ sei, und nach Hans

Castorps eigenen täglichen Erfahrungen log Frau Stöhr wahrscheinlich

nicht, wenn sie bei Tische erzählte, das Ehepaar auf Nr. 32 empfange den

Bademeister morgens, wenn er zur Abreibung komme, zusammen im Bette

liegend.

Mochte dies alles zutreffen, so bestand doch die augenfällige Scheidung

von „gut“ und „schlecht“ nicht umsonst, und Hans Castorp versicherte

sich selbst, er habe nur ein Achselzucken für irgendeinen Propagandisten

der Republik und des schönen Stils, der, hochnäsig und nüchtern –

namentlich nüchtern, obgleich auch er febril und beschwipst war –, die

beiden Tischgesellschaften unter dem Namen von Parthern und Skythen

zusammenfaßte. Wie es gemeint war, verstand der junge Hans Castorp sehr

weitgehend, er hatte ja auch angefangen, sich auf die Zusammenhänge von

Frau Chauchats Krankheit mit ihrer „Lässigkeit“ zu verstehen. Aber es

verhielt sich, wie er selbst eines Tages zu Joachim gesagt hatte: man

beginnt mit Ärgernis und Abstandsgefühlen, auf einmal aber „kommt ganz

anderes dazwischen“, was „mit Urteilen gar nichts zu tun hat“, und die

Sittenstrenge hat ausgespielt, – man ist pädagogischen Einflüssen

republikanischer und eloquenter Art kaum noch zugänglich. Was ist aber

das, fragen wir, wahrscheinlich auch in Lodovico Settembrinis Sinn, was

ist das für ein fragwürdiges Zwischenkommnis, das des Menschen Urteil

lahmlegt und ausschaltet, ihn des Rechtes darauf beraubt oder vielmehr

ihn bestimmt, sich dieses Rechtes mit unsinnigem Entzücken zu begeben?

Wir fragen nicht nach seinem Namen, denn diesen kennt jeder. Wir

erkundigen uns nach seiner moralischen Beschaffenheit, – und erwarten,

offen gestanden, keine sehr hochgemute Antwort darauf. In Hans Castorps

Fall bewährte sich diese Beschaffenheit in dem Grade, daß er nicht

allein aufhörte, zu urteilen, sondern auch begann, mit der Lebensform,

die es ihm angetan, seinerseits Versuche anzustellen. Er versuchte, wie

es sei, wenn man bei Tische zusammengesunken, mit schlaffem Rücken

dasäße, und fand, daß es eine große Erleichterung für die Beckenmuskeln

bedeute. Ferner probierte er es, eine Tür, durch die er schritt, nicht

umständlich hinter sich zu schließen, sondern sie zufallen zu lassen;

und auch dies erwies sich sowohl als bequem wie als angemessen: es

entsprach im Ausdruck jenem Achselzucken, mit dem Joachim ihn seinerzeit

gleich am Bahnhof begrüßt, und das er seitdem so oft bei Denen hier oben

gefunden hatte.

Schlicht gesagt, war unser Reisender nun also über beide Ohren in

Clawdia Chauchat verliebt, – wir gebrauchen nochmals dies Wort, da wir

dem Mißverständnis, das es erregen könnte, hinlänglich vorgebeugt zu

haben meinen. Freundlich gemütvolle Wehmut im Geist jenes Liedchens war

es also nicht, was das Wesen seiner Verliebtheit ausmachte. Vielmehr war

das eine ziemlich riskierte und unbehauste Abart dieser Betörung, aus

Frost und Hitze gemischt wie das Befinden eines Febrilen oder wie ein

Oktobertag in oberen Sphären; und was fehlte, war eben ein gemüthaftes

Mittel, das ihre extremen Bestandteile verbunden hätte. Sie bezog sich

einerseits mit einer Unmittelbarkeit, die den jungen Mann erblassen ließ

und seine Gesichtszüge verzerrte, auf Frau Chauchats Knie und die Linie

ihres Beines, auf ihren Rücken, ihre Nackenwirbel und ihre Oberarme, von

denen die kleine Brust zusammengepreßt wurde, – mit einem Worte auf

ihren Körper, ihren lässigen und gesteigerten, durch die Krankheit

ungeheuer betonten und noch einmal zum Körper gemachten Körper. Und sie

war andererseits etwas äußerst Flüchtiges und Ausgedehntes, ein Gedanke,

nein, ein Traum, der schreckhafte und grenzenlos verlockende Traum eines

jungen Mannes, dem auf bestimmte, wenn auch unbewußt gestellte Fragen

nur ein hohles Schweigen geantwortet hatte. Wie jedermann, nehmen wir

das Recht in Anspruch, uns bei der hier laufenden Erzählung unsere

privaten Gedanken zu machen, und wir äußern die Mutmaßung, daß Hans

Castorp die für seinen Aufenthalt bei Denen hier oben ursprünglich

angesetzte Frist nicht einmal bis zu dem gegenwärtig erreichten Punkt

überschritten hätte, wenn seiner schlichten Seele aus den Tiefen der

Zeit über Sinn und Zweck des Lebensdienstes eine irgendwie befriedigende

Auskunft zuteil geworden wäre.

Im übrigen fügte seine Verliebtheit ihm all die Schmerzen zu und

gewährte ihm all die Freuden, die dieser Zustand überall und unter allen

Umständen mit sich bringt. Der Schmerz ist durchdringend; er enthält ein

entehrendes Element, wie jeder Schmerz, und bedeutet eine solche

Erschütterung des Nervensystems, daß er den Atem verschlägt und einem

erwachsenen Manne bittere Tränen entpressen kann. Um auch den Freuden

gerecht zu werden, so waren sie zahlreich und, obgleich aus

unscheinbaren Anlässen entstehend, nicht weniger eindringlich als die

Leiden. Fast jeder Augenblick des Berghof-Tages war fähig, sie zu

zeitigen. Zum Beispiel: im Begriff, den Speisesaal zu betreten, bemerkt

Hans Castorp den Gegenstand seiner Träume hinter sich. Das Ergebnis ist

im voraus klar und von größter Simplizität, aber innerlich entzückend

bis zu ebenfalls tränentreibender Wirkung. Ihre Augen begegnen sich

nahe, die seinen und ihre graugrünen, deren leicht asiatischer Sitz und

Schnitt ihm das Mark bezaubern. Er ist besinnungslos, aber auch ohne

Besinnung tritt er seitlich zurück, um ihr zuerst den Weg durch die Tür

freizugeben. Mit halbem Lächeln und einem halblauten „_Merci_“ macht sie

Gebrauch von seinem nicht mehr als gesitteten Anerbieten, geht vorbei

und hindurch. Im Hauch ihrer vorüberstreichenden Person steht er,

närrisch vor Glück über das Zusammentreffen und darüber, daß ein Wort

ihres Mundes, nämlich das _Merci_, ihm direkt und persönlich gegolten.

Er folgt ihr, er schwankt rechtshin zu seinem Tische, und indem er auf

seinen Stuhl sinkt, darf er wahrnehmen, daß „Clawdia“ drüben, ebenfalls

Platz nehmend, sich nach ihm umblickt, – mit einem Ausdruck des

Nachdenkens über die Begegnung an der Tür, wie ihm scheint. O

unglaubwürdiges Abenteuer! O Jubel, Triumph und grenzenloses Frohlocken!

Nein, diesen Rausch phantastischer Genugtuung hätte Hans Castorp nicht

erprobt bei dem Blick irgendeines gesunden Gänschens, dem er drunten im

Flachlande erlaubter-, friedlicher- und aussichtsreicherweise, im Sinne

jenes Liedchens, „sein Herz geschenkt“ hätte. Mit fiebriger

Aufgeräumtheit begrüßt er die Lehrerin, die alles gesehen hat und

flaumig errötet ist, – worauf er Miß Robinson mit englischer

Konversation von solcher Sinnlosigkeit berennt, daß das Fräulein, im

Ekstatischen nicht bewandert, sogar zurückprallt und ihn mit Blicken

voller Befürchtungen mißt.

Ein andermal fallen beim Abendessen die Strahlen der klar untergehenden

Sonne auf den Guten Russentisch. Man hat die Vorhänge vor die

Verandatüren und Fenster gezogen, aber irgendwo klafft da ein Spalt, und

durch ihn findet der rote Schein kühl, aber blendend seinen Weg und

trifft genau Frau Chauchats Kopf, so daß sie, im Gespräch mit dem

konkaven Landsmann zu ihrer Rechten, sich mit der Hand dagegen schützen

muß. Das ist eine Belästigung, aber keine schwere; niemand kümmert sich

darum, die Betroffene selbst ist sich der Unbequemlichkeit wohl nicht

einmal bewußt. Aber Hans Castorp sieht es über den Saal hinweg, – auch

er sieht es eine Weile mit an. Er überprüft die Sachlage, verfolgt den

Weg des Strahles, stellt den Ort seines Einfalles fest. Es ist das

Bogenfenster dort hinten rechts, in der Ecke zwischen der einen

Verandatür und dem Schlechten Russentisch, weit von Frau Chauchats

Platze entfernt und fast genau ebensoweit von dem Hans Castorps. Und er

faßt seine Entschlüsse. Ohne ein Wort steht er auf, geht, seine

Serviette in der Hand, schräg zwischen den Tischen hin durch den Saal,

schlägt da hinten die cremefarbenen Vorhänge gut übereinander, überzeugt

sich durch einen Blick über die Schulter, daß der Abendschein

ausgesperrt und Frau Chauchat befreit ist – und begibt sich unter

Aufbietung vielen Gleichmutes auf den Rückweg. Ein aufmerksamer junger

Mann, der das Notwendige tut, da sonst niemand darauf verfällt, es zu

tun. Die wenigsten hatten auf sein Eingreifen geachtet, aber Frau

Chauchat hatte die Erleichterung sofort gespürt und sich umgeblickt, –

sie blieb in dieser Haltung, bis Hans Castorp seinen Platz wieder

erreicht hatte und, sich setzend, zu ihr hinübersah, worauf sie mit

freundlich erstauntem Lächeln dankte, das heißt: ihren Kopf mehr

vorschob als neigte. Er quittierte mit einer Verbeugung. Sein Herz war

unbeweglich, es schien überhaupt nicht zu schlagen. Erst später, als

alles vorüber war, begann es zu hämmern, und da bemerkte er erst, daß

Joachim die Augen still auf seinen Teller gerichtet hielt, – wie ihm

auch nachträglich deutlich wurde, daß Frau Stöhr Dr. Blumenkohl in die

Seite gestoßen hatte und überall am eigenen Tische und an den anderen

mit geducktem Lachen nach mitwissenden Blicken suchte ...

Wir schildern Alltägliches; aber das Alltägliche wird sonderbar, wenn es

auf sonderbarer Grundlage gedeiht. Es gab Spannungen und wohltätige

Lösungen zwischen ihnen, – oder wenn nicht zwischen ihnen (denn wie weit

Madame Chauchat davon berührt wurde, wollen wir dahingestellt sein

lassen), so doch für Hans Castorps Phantasie und Gefühl. Nach dem

Mittagessen pflegte in diesen schönen Tagen ein größerer Teil der

Kurgesellschaft sich auf die dem Speisesaal vorgelagerte Veranda hinaus

zu begeben, um eine Viertelstunde gruppenweise in der Sonne zu

verweilen. Es ging da zu, und ein Bild entwickelte sich, ähnlich wie bei

der vierzehntägigen Sonntagsblechmusik. Die jungen Leute, absolut müßig,

übermäßig gesättigt mit Fleischspeisen und Süßigkeiten, und alle leicht

fiebernd, plauderten, schäkerten, äugten. Frau Salomon aus Amsterdam

mochte wohl an der Balustrade sitzen, – hart mit den Knien bedrängt von

dem wulstlippigen Gänser auf der einen und dem schwedischen Recken auf

der anderen Seite, der, obgleich völlig genesen, seinen Aufenthalt zu

einer kleinen Nachkur noch etwas verlängerte. Frau Iltis schien Witwe zu

sein, denn sie erfreute sich seit kurzem der Gesellschaft eines

„Bräutigams“, von übrigens zugleich melancholischer und untergeordneter

Erscheinung, dessen Vorhandensein sie denn auch nicht hinderte,

gleichzeitig die Huldigungen des Hauptmanns Miklosich, eines Mannes mit

Hakennase, gewichstem Schnurrbart, erhabener Brust und drohenden Augen,

entgegenzunehmen. Es waren da Liegehallendamen verschiedener

Nationalität, neue Figuren darunter, erst seit dem 1. Oktober sichtbar

geworden, die Hans Castorp kaum schon bei Namen zu nennen gewußt hätte,

untermischt mit Kavalieren vom Schlage des Herrn Albin; monokeltragenden

Siebzehnjährigen; einem bebrillten jungen Holländer mit rosigem Gesicht

und monomanischer Leidenschaft für den Briefmarkentausch; verschiedenen

Griechen, pomadisiert und mandeläugig, bei Tische zu Übergriffen

geneigt; zwei eng zusammengehörigen Stutzerchen, die „Max und Moritz“

genannt wurden und für große Ausbrecher galten ... Der bucklige

Mexikaner, dem Nichtkenntnis der hier vertretenen Sprachen den

Gesichtsausdruck eines Tauben verlieh, nahm unaufhörlich photographische

Aufnahmen vor, indem er sein Stativ mit schnurriger Behendigkeit von

einem Punkt der Terrasse zum andern schleppte. Auch der Hofrat mochte

sich wohl einfinden, um das Kunststück mit den Stiefelbändern

aufzuführen. Irgendwo aber drückte sich einsam der mannheimische

Religiöse in die Menge, und seine bis in den Grund hinein traurigen

Augen gingen zu Hans Castorps Ekel heimlich gewisse Wege.

Um denn mit einem oder dem anderen Beispiel auf jene „Spannungen und

Lösungen“ zurückzukommen, so mochte bei einer solchen Gelegenheit Hans

Castorp auf einem lackierten Gartenstuhl und in gesprächiger

Unterhaltung mit Joachim, den er trotz seines Widerstrebens gezwungen

hatte, mit herauszukommen, an der Hauswand sitzen, während vor ihm Frau

Chauchat mit ihren Tischgenossen eine Zigarette rauchend an der Brüstung

stand. Er sprach für sie, damit sie ihn höre. Sie wandte ihm den Rücken

zu ... Man sieht, wir haben jetzt einen bestimmten Fall im Auge. Des

Vetters Gespräch hatte ihm nicht genügt für seine affektierte

Redseligkeit, er hatte absichtlich eine Bekanntschaft gemacht, – welche?

Die Bekanntschaft Hermine Kleefelds – hatte wie von ungefähr das Wort an

die junge Dame gerichtet, sich selbst und Joachim ihr namentlich

vorgestellt und auch ihr einen lackierten Stuhl herangezogen, um sich zu

dritt besser aufspielen zu können. Ob sie noch wisse, fragte er, wie

teufelsmäßig sie ihn damals erschreckt habe, bei ihrer ersten Begegnung

seinerzeit auf der Morgenpromenade. Ja, das sei _er_ gewesen, den sie

damals so herzerfrischend zum Willkomm angepfiffen! Und ihren Zweck habe

sie erreicht, das wolle er freiwillig gestehen, er sei wie mit einer

Keule vor den Kopf geschlagen gewesen, sie solle nur seinen Vetter

fragen. Ha, ha, mit dem Pneumothorax zu pfeifen und harmlose Wanderer

damit zu erschrecken! Ein frevles Spiel nenne er das, als sündhaften

Mißbrauch bezeichne er es freierdings und in gerechtem Zorne ... Und

während Joachim im Bewußtsein seiner werkzeughaften Rolle mit

niedergeschlagenen Augen saß und auch die Kleefeld aus Hans Castorps

blinden und abschweifenden Blicken allmählich für ihre Person das

kränkende Gefühl gewann, nur als Mittel zum Zwecke zu dienen, schmollte

Hans Castorp und zierte sich und drechselte Redensarten und gab sich

eine wohllautende Stimme, bis er es wirklich erreichte, daß Frau

Chauchat sich nach dem auffällig Redenden umwandte und ihm ins Gesicht

blickte, – aber nur einen Augenblick. Denn so gestaltete es sich, daß

ihre Pribislav-Augen an seiner mit übergeschlagenem Beine sitzenden

Figur rasch hinunterglitten und mit einem Ausdruck von so

geflissentlicher Gleichgültigkeit, daß er wie Verachtung aussah, genau

wie Verachtung, eine Weile auf seinem gelben Stiefel haften blieben, –

worauf sie sich phlegmatisch und vielleicht mit einem Lächeln in ihrer

Tiefe wieder zurückzogen.

Ein schwerer, schwerer Unglücksfall! Hans Castorp redete noch eine Weile

fieberhaft weiter; dann, als er dieses Blickes auf seinen Stiefel

innerlich recht ansichtig geworden, verstummte er beinahe mitten im Wort

und sank in Gram. Die Kleefeld, gelangweilt und beleidigt, ging ihrer

Wege. Nicht ohne Gereiztheit in der Stimme meinte Joachim, nun könnten

sie ja wohl Liegekur machen. Und ein Gebrochener antwortete ihm bleichen

Mundes, das könnten sie.

Hans Castorp litt grausam unter diesem Vorfall zwei Tage lang; denn

nichts geschah unterdessen, was Balsam für seine brennende Wunde gewesen

wäre. Warum dieser Blick? Warum ihm ihre Verachtung in des dreifaltigen

Gottes Namen? Sah sie ihn an wie einen gesunden Gimpel von unten, dessen

Aufnahmelustigkeit nur zum Harmlosen neigte? Wie eine Unschuld aus dem

Flachlande, sozusagen, einen gewöhnlichen Kerl, der herumging und lachte

und sich den Bauch vollschlug und Geld verdiente, – einen Musterschüler

des Lebens, der sich auf nichts als auf die langweiligen Vorteile der

Ehre verstand? War er ein windiger Hospitant auf drei Wochen, unteilhaft

ihrer Sphäre, oder hatte er nicht Profeß getan auf Grund einer feuchten

Stelle, – war er nicht eingereiht und zugehörig, einer von Uns hier

oben, mit guten zwei Monaten auf dem Buckel, und war nicht Merkurius

noch gestern abend wieder auf 37,8 gestiegen? ... Aber das eben war es,

das machte sein Leiden vollständig! Merkurius stieg nicht mehr! Die

furchtbare Niedergeschlagenheit dieser Tage bewirkte eine Erkältung,

Ernüchterung und Abspannung von Hans Castorps Natur, die sich zu seiner

bitteren Beschämung in sehr niedrigen, kaum übernormalen Meßergebnissen

äußerte, und grausam war es für ihn, zu gewahren, wie sein Kummer und

Gram nichts weiter vermochte, als ihn von Clawdias Sein und Wesen immer

nur weiter noch zu entfernen.

Der dritte Tag brachte die zarte Erlösung, brachte sie gleich in der

Frühe. Es war ein herrlicher Herbstmorgen, sonnig und frisch, mit

grausilbrig übersponnenen Wiesen. Sonne und abnehmender Mond standen

gleichzeitig ziemlich gleich hoch am reinen Himmel. Die Vettern waren

früher als gewöhnlich aufgestanden, um dem schönen Tag zu Ehren ihren

Morgenspaziergang ein wenig über die Vorschrift auszudehnen, auf dem

Waldwege, an dem die Bank neben der Wasserrinne stand, etwas weiter

vorzudringen. Joachim, dessen Kurve gerade ebenfalls einen erfreulichen

Abstieg aufwies, hatte die erfrischende Unregelmäßigkeit befürwortet und

Hans Castorp nicht nein gesagt. „Wir sind ja genesene Leute,“ hatte er

gesagt, „abgefiebert und entgiftet, so gut wie reif für das Flachland.

Warum sollten wir nicht ausschlagen wie die Füllen.“ So wanderten sie

barhaupt – denn seit er Profeß getan, hatte Hans Castorp sich in Gottes

Namen der herrschenden Sitte anbequemt, ohne Hut zu gehen, so sicher er

sich anfangs, diesem Brauch gegenüber, seiner Lebensform und Gesittung

gefühlt hatte – und setzten ihre Stöcke. Sie hatten aber den

ansteigenden Teil des rötlichen Weges noch nicht zurückgelegt, waren

erst ungefähr bis zu dem Punkte gelangt, wo damals der pneumatische

Trupp dem Neuling begegnet war, als sie vor sich in einiger Entfernung,

langsam steigend, Frau Chauchat gewahrten, Frau Chauchat in Weiß, in

weißem Sweater, weißem Flanellrock, und sogar in weißen Schuhen, das

rötliche Haar von der Morgensonne erleuchtet. Genauer gesagt: Hans

Castorp hatte sie erkannt; Joachim fand sich erst durch ein unangenehmes

Gefühl des Ziehens und Zerrens an seiner Seite auf die Umstände

hingewiesen, – ein Gefühl, hervorgebracht durch die antreibend

beschwingtere Gangart, die sein Begleiter plötzlich angeschlagen,

nachdem er zuvor seine Schritte jäh gehemmt hatte und beinahe

stehengeblieben war. Solches Gehetztwerden empfand Joachim als äußerst

unzuträglich und ärgerlich; sein Atem verkürzte sich rasch, und er

hüstelte. Aber den zielbewußten Hans Castorp, dessen Organe prachtvoll

zu arbeiten schienen, kümmerte das wenig; und da sein Vetter der

Sachlage innegeworden, zog er nur schweigend die Brauen zusammen und

hielt Schritt, denn unmöglich konnte er jenen allein voranlaufen lassen.

Den jungen Hans Castorp belebte der schöne Morgen. Auch hatten in der

Depression seine Seelenkräfte sich heimlich ausgeruht, und klar

leuchtete vor seinem Geist die Gewißheit, daß der Augenblick gekommen

war, da der Bann, der auf ihm gelegen, gebrochen werden sollte. So griff

er aus, den keuchenden, auch sonst widerstrebenden Joachim mit sich

ziehend, und vor der Biegung des Weges, wo er eben ward und rechtshin

den bewaldeten Hügel entlang führte, hatten sie Frau Chauchat so gut wie

erreicht. Da verlangsamte Hans Castorp das Tempo wieder, um nicht in

einem von Anstrengung verwilderten Zustand sein Vorhaben auszuführen.

Und jenseits des Wegknies, zwischen Abhang und Bergwand, zwischen den

rostig gefärbten Fichten, durch deren Zweige Sonnenlichter fielen, trug

es sich zu und begab sich wunderbar, daß Hans Castorp, links von

Joachim, die liebliche Kranke überholte, daß er mit männlichen Tritten

an ihr vorüber ging, und in dem Augenblick, da er sich rechts neben ihr

befand, mit einer hutlosen Verneigung und einem mit halber Stimme

gesprochenen „Guten Morgen“ sie _ehrerbietig_ (wieso eigentlich:

ehrerbietig) begrüßte und Antwort von ihr empfing: mit freundlicher,

nicht weiter erstaunter Kopfneigung dankte sie, sagte auch ihrerseits

guten Morgen in seiner Sprache, wobei ihre Augen lächelten, – und das

alles war etwas anderes, etwas gründlich und beseligend anderes als der

Blick auf seinen Stiefel, es war ein Glücksfall und eine Wendung der

Dinge zum Guten und Allerbesten, ganz beispielloser Art und fast die

Fassungskraft überschreitend; es war die Erlösung.

Auf Flügelsohlen, geblendet von vernunftloser Freude, im Besitz des

Grußes, des Wortes, des Lächelns, eilte Hans Castorp an des mißbrauchten

Joachim Seite vorwärts, der schweigend von jenem fort den Abhang

hinunter blickte. Ein Streich war es gewesen, ein ziemlich

ausgelassener, und wohl sogar etwas wie Verrat und Tücke in Joachims

Augen, das wußte Hans Castorp sehr gut. Es war nicht geradeso, wie wenn

er jemand Wildfremdes um einen Bleistift ersucht hätte, – vielmehr wäre

es beinahe ungehobelt gewesen, an einer Dame, mit der man seit Monaten

unter demselben Dache lebte, steif und ohne Ehrenbezeigung

vorüberzugehen; und war nicht neulich im Wartezimmer Clawdia sogar ins

Gespräch mit ihnen gekommen? Darum mußte Joachim schweigen. Aber Hans

Castorp verstand wohl, weshalb der ehrliebende Joachim sonst noch

schwieg und abgewendeten Kopfes ging, während er selbst über seinen

gelungenen Streich so ausbündig und durchgängerisch glücklich war.

Glücklicher konnte nicht sein, wer etwa im Flachlande erlaubter-,

aussichtsreicher- und im Grunde vergnügterweise einem gesunden Gänschen

„sein Herz geschenkt“ und großen Erfolg dabei gehabt hatte, – nein, _so

glücklich_, wie er nun über das wenige, das er sich in guter Stunde

geraubt und gesichert, konnte ein solcher nicht sein ... Darum schlug er

nach einer Weile seinen Vetter mit Macht auf die Schulter und sagte:

„Hallo, du, was ist mit dir? Es ist so schönes Wetter! Nachher wollen

wir zum Kurhaus hinunter, da machen sie wahrscheinlich Musik, bedenke

mal! Vielleicht spielen sie ‚Hier an dem Herzen treu geborgen, die

Blume, sieh, von jenem Morgen‘ aus ‚Carmen‘. Was ist dir über die Leber

gelaufen?“

„Nichts“, sagte Joachim. „Aber du siehst so heiß aus, ich fürchte, mit

deiner Senkung ist es zu Ende.“

Es _war_ zu Ende damit. Die beschämende Herabstimmung von Hans Castorps

Natur war überwunden durch den Gruß, den er mit Clawdia Chauchat

getauscht hatte, und ganz genau genommen, war es dies Bewußtsein, dem

eigentlich seine Genugtuung galt. Ja, Joachim hatte recht gehabt:

Merkurius stieg wieder! Er stieg, als Hans Castorp ihn nach dem

Spaziergang zu Rate zog, auf rund 38 Grad.

Der Zauberberg. Erster Band · 第 38 / 45 题