Enzyklopädie

Wenn gewisse Anspielungen Herrn Settembrinis Hans Castorp geärgert

hatten, – verwundern durfte er sich nicht darüber und hatte kein Recht,

den Humanisten erzieherischer Spürsucht zu zeihen. Ein Blinder hätte

bemerken müssen, wie es um ihn stand: er selbst tat nichts, um es

geheimzuhalten, eine gewisse Hochherzigkeit und noble Einfalt hinderte

ihn einfach, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen, worin er sich

immerhin – und vorteilhaft, wenn man will, – von dem dünnhaarigen

Verliebten aus Mannheim und seinem schleichenden Wesen unterschied. Wir

erinnern und wiederholen, daß dem Zustande, in dem er sich befand, in

der Regel ein Drang und Zwang, sich zu offenbaren, eingeboren ist, ein

Trieb zum Bekenntnis und Geständnis, eine blinde Eingenommenheit von

sich selbst und eine Sucht, die Welt mit sich zu erfüllen, – desto

befremdlicher für uns Nüchterne, je weniger Sinn, Vernunft und Hoffnung

offenbar bei der Sache ist. Wie solche Leute es eigentlich anfangen,

sich zu verraten, ist schwer zu sagen; sie können, scheint es, nichts

tun und lassen, was sie nicht verriete, – besonders nun gar in einer

Gesellschaft, von der ein urteilender Kopf bemerkt hatte, sie habe im

ganzen nur zwei Dinge im Sinn, nämlich erstens Temperatur und dann –

nochmals Temperatur, das heißt zum Beispiel die Frage, mit wem Frau

Generalkonsul Wurmbrandt aus Wien sich für die Flatterhaftigkeit des

Hauptmanns Miklosich schadlos halte: ob mit dem völlig genesenen

schwedischen Recken oder mit dem Staatsanwalt Paravant aus Dortmund oder

drittens mit beiden zugleich. Denn daß die Bande, die den Staatsanwalt

und Frau Salomon aus Amsterdam mehrere Monate lang verknüpft hatten,

nach gütlicher Übereinkunft gelöst worden waren und Frau Salomon, dem

Zuge ihrer Jahre folgend, sich den zarteren Semestern zugewandt und den

wulstlippigen Gänser vom Tische der Kleefeld unter ihre Fittiche

genommen oder, wie Frau Stöhr es in einer Art von Kanzleistil, dabei

aber nicht ohne Anschaulichkeit ausdrückte, ihn „sich beigebogen“ hatte,

– das war sicher und bekannt, so daß folglich der Staatsanwalt freie

Hand hatte, sich der Generalkonsulin wegen mit dem Schweden zu schlagen

oder zu vertragen.

Diese Prozesse also, die in der Berghofgesellschaft und besonders unter

der febrilen Jugend anhängig waren, und bei denen die Balkondurchgänge

(an den Glaswänden vorbei und das Geländer entlang) offenbar eine

bedeutende Rolle spielten: diese Vorgänge hatte man im Sinn, sie

bildeten einen Hauptbestandteil der hiesigen Lebensluft, – und auch

damit ist das, was hier vorschwebt, nicht eigentlich ausgedrückt. Hans

Castorp hatte nämlich den eigentümlichen Eindruck, daß auf einer

Grundangelegenheit, welcher überall in der Welt eine hinlängliche, in

Ernst und Scherz sich äußernde Wichtigkeit zugebilligt wird, hierorts

denn doch ein Ton-, Wert- und Bedeutungszeichen lag, so schwer und vor

Schwere so neu, daß es die Sache selbst in einem völlig neuen und, wenn

nicht schrecklichen, so doch in seiner Neuheit erschreckenden Lichte

erscheinen ließ. Indem wir dies aussagen, verändern wir unsere Mienen

und bemerken, daß, wenn wir von den fraglichen Beziehungen bisher in

einem leichten und spaßhaften Ton gesprochen haben sollten, es aus

denselben geheimen Gründen geschehen wäre, aus denen es so oft

geschieht, ohne daß für die Leichtigkeit oder Spaßhaftigkeit der Sache

damit irgendetwas bewiesen wäre; und in der Sphäre, wo wir uns befinden,

wäre das in der Tat noch weniger der Fall als anderwärts. Hans Castorp

hatte geglaubt, sich auf jene gern bewitzelte Grundangelegenheit im

üblichen Maße zu verstehen, und mochte mit Recht so geglaubt haben. Nun

erkannte er, daß er sich im Flachlande nur sehr unzulänglich darauf

verstanden, eigentlich sich in einfältiger Unwissenheit darüber befunden

hatte, – während hier persönliche Erfahrungen, deren Natur wir mehrfach

anzudeuten versuchten, und die ihm in gewissen Augenblicken den Ausruf

„Mein Gott!“ abpreßten, ihn allerdings von innen her befähigten, den

steigernden Akzent des Unerhörten, Abenteuerlich-Namenlosen wahrzunehmen

und zu begreifen, den unter Denen hier oben die Sache allgemein und für

jeden trug. Nicht daß man nicht auch hier darüber gewitzelt hätte. Aber

weit mehr noch als unten trug hier diese Manier das Gepräge des

Unsachgemäßen, sie hatte etwas Zähneklapperndes und Kurzatmiges, was sie

als durchsichtigen Deckmantel für die darunter verborgene oder vielmehr

nicht zu verbergende Not allzu deutlich kennzeichnete. Hans Castorp

erinnerte sich des fleckigen Erblassens, das Joachim gezeigt hatte, als

jener zum ersten und einzigen Mal in der unschuldig neckenden Art des

Tieflandes die Rede auf Marusjas Körperlichkeit gebracht hatte. Er

erinnerte sich auch der kalten Blässe, die, als er Frau Chauchat vom

einfallenden Abendlichte befreit, sein eigenes Gesicht überzogen hatte,

– und daran, daß er sie vorher und nachher bei verschiedenen

Gelegenheiten auf manchem fremden Gesicht gewahr geworden war: auf

zweien zugleich in der Regel, zum Beispiel auf den Gesichtern der Frau

Salomon und des jungen Gänser in jenen Tagen, da das, was Frau Stöhr so

redensartlich bezeichnet, sich zwischen ihnen angebahnt hatte. Er

erinnerte sich, sagen wir, daran und verstand, daß es unter solchen

Umständen nicht nur sehr schwer gewesen wäre, sich nicht zu „verraten“,

sondern daß auch die Bemühung darum nur wenig gelohnt haben würde. Mit

anderen Worten: es mochte denn doch wohl nicht allein Hoch- und

Treuherzigkeit, sondern auch eine gewisse Ermutigung durch die

Atmosphäre im Spiele sein, wenn Hans Castorp sich wenig bemüßigt fand,

seinen Empfindungen Zwang anzutun und aus seinem Zustande ein Hehl zu

machen.

Wäre nicht die von Joachim sofort hervorgehobene Schwierigkeit gewesen,

hier Bekanntschaften zu machen, diese Schwierigkeit, die man

hauptsächlich darauf zurückführen muß, daß die Vettern in der

Kurgesellschaft sozusagen eine Partie und Miniaturgruppe für sich

bildeten, und daß der militärische Joachim, auf nichts als rasche

Genesung bedacht, der näheren Berührung und Gemeinschaft mit den

Leidensgenossen grundsätzlich abhold war: so hätte Hans Castorp noch

weit mehr Gelegenheit gehabt und genommen, seine Gefühle

hochherzig-zügellos unter die Leute zu bringen. Immerhin konnte Joachim

ihn eines Abends während der Salongeselligkeit betreffen, wie er mit

Hermine Kleefeld, ihren beiden Tischherren Gänser und Rasmussen und

viertens dem Jungen mit dem Einglas und dem Fingernagel zusammenstand

und mit Augen, die ihren übernormalen Glanz nicht verleugneten, mit

bewegter Stimme eine Stegreifrede über Frau Chauchats eigen- und

fremdartige Gesichtsbildung hielt, während seine Zuhörer Blicke

tauschten, sich anstießen und kicherten.

Das war peinigend für Joachim; aber der Urheber solcher Lustbarkeit war

unempfindlich gegen die Enthüllung seines Zustandes, er mochte meinen,

daß derselbe, unbeachtet und verborgen, nicht zu seinem Rechte gekommen

wäre. Des allgemeinen Verständnisses dafür durfte er sicher sein. Die

Schadenfreude, die sich darein mischte, nahm er in den Kauf. Nicht nur

von seinem eigenen Tisch, sondern nachgerade auch von anderen,

benachbarten blickte man auf ihn, um sich an seinem Erbleichen und

Erröten zu weiden, wenn nach Beginn einer Mahlzeit die Glastür ins

Schloß schmetterte, und auch hiermit war er wohl gar noch zufrieden, da

es ihm schien, daß seinem Rausch, indem er Aufmerksamkeit erregte, eine

gewisse Anerkennung und Bestätigung von außen zuteil werde, geeignet,

seine Sache zu fördern, seine unbestimmten und unvernünftigen Hoffnungen

zu ermutigen, – und das beglückte ihn sogar. Es kam dahin, daß man sich

buchstäblich versammelte, um dem Verblendeten zuzusehen. Das war etwa

nach Tische auf der Terrasse oder am Sonntag nachmittag vor der

Conciergeloge, wenn die Kurgäste dort ihre Post in Empfang nahmen, die

an diesem Tage nicht auf die Zimmer verteilt wurde. Vielfach wußte man,

daß da ein kolossal Beschwipster und Hochilluminierter sei, der sich

alles anmerken ließ, und so standen etwa Frau Stöhr, Fräulein Engelhart,

die Kleefeld nebst ihrer Freundin mit dem Tapirgesicht, der unheilbare

Herr Albin, der junge Mann mit dem Fingernagel und noch dieses oder

jenes Mitglied der Patientenschaft, – standen mit hinuntergezogenen

Mündern und durch die Nase pruschend und sahen ihm zu, der, verloren und

leidenschaftlich lächelnd, jene Hitze auf den Wangen, die ihn sofort am

ersten Abend seines Hierseins ergriffen, jenen Glanz in den Augen, den

schon der Husten des Herrenreiters darin entzündet, in einer bestimmten

Richtung blickte ...

Eigentlich war es schön von Herrn Settembrini, daß er unter solchen

Umständen auf Hans Castorp zutrat, um ihn in ein Gespräch zu ziehen und

nach seinem Ergehen zu fragen; aber es ist zweifelhaft, ob dieser die

menschenfreundliche Vorurteilslosigkeit, die darin lag, dankbar zu

würdigen wußte. Es mochte im Vestibül sein, am Sonntag nachmittag. Beim

Concierge drängten sich die Gäste und streckten die Hände nach ihrer

Post. Auch Joachim war dort vorn. Sein Vetter war zurückgeblieben und

trachtete in der beschriebenen Verfassung, einen Blick Clawdia Chauchats

zu gewinnen, die mit ihrer Tischgesellschaft in der Nähe stand, wartend,

daß das Gedräng an der Loge sich lichten möge. Es war eine Stunde, die

die Kurgäste durcheinandermischte, eine Stunde der Gelegenheiten,

geliebt und ersehnt aus diesem Grunde von dem jungen Hans Castorp. Vor

acht Tagen war er am Schalter in sehr nahe Berührung mit Madame Chauchat

gekommen, so daß sie ihn sogar etwas gestoßen und mit flüchtiger

Kopfwendung „_Pardon_“ zu ihm gesagt hatte, – worauf er kraft einer

febrilen Geistesgegenwart, die er segnete, zu antworten vermocht hatte:

„_Pas de quoi, madame!_“

Welche Lebensgunst, dachte er, daß jeden Sonntag nachmittag mit

Sicherheit in der Vorhalle Postverteilung stattfand! Man kann sagen, daß

er die Woche konsumiert hatte, indem er auf die Wiederkehr derselben

Stunde in sieben Tagen wartete, und Warten heißt: Voraneilen, heißt:

Zeit und Gegenwart nicht als Geschenk, sondern nur als Hindernis

empfinden, ihren Eigenwert verneinen und vernichten und sie im Geist

überspringen. Warten, sagt man, sei langweilig. Es ist jedoch ebensowohl

oder sogar eigentlich kurzweilig, indem es Zeitmengen verschlingt, ohne

sie um ihrer selbst willen zu leben und auszunutzen. Man könnte sagen,

der Nichts-als-Wartende gleiche einem Fresser, dessen Verdauungsapparat

die Speisen, ohne ihre Nähr- und Nutzwerte zu verarbeiten, massenhaft

durchtriebe. Man könnte weitergehen und sagen: wie unverdaute Speise

ihren Mann nicht stärker mache, so mache verwartete Zeit nicht älter.

Freilich kommt reines und unvermischtes Warten praktisch nicht vor.

Es war also die Woche verschlungen und die Sonntagnachmittagspoststunde

wieder in Kraft getreten, nicht anders, als wäre es immer noch die von

vor sieben Tagen. Aufs erregendste fuhr sie fort, Gelegenheit zu machen,

barg und bot in jeder Minute die Möglichkeit, mit Frau Chauchat in

gesellschaftliche Beziehungen zu treten: Möglichkeiten, von denen Hans

Castorp sich das Herz pressen und jagen ließ, ohne sie ins Wirkliche

übertreten zu lassen. Dem standen Hemmungen entgegen, die teils

militärischer, teils zivilistischer Natur waren: – teils nämlich mit der

Gegenwart des ehrenhaften Joachim und mit Hans Castorps eigener Ehre und

Pflicht zusammenhingen, teils aber auch in dem Gefühl ihren Grund

hatten, daß gesellschaftliche Beziehungen zu Clawdia Chauchat,

_gesittete_ Beziehungen, bei denen man „Sie“ sagte und Verbeugungen

machte und womöglich Französisch sprach, – nicht nötig, nicht

wünschenswert, nicht das Richtige seien ... Er stand und sah sie lachend

sprechen, genau wie Pribislav Hippe dereinst auf dem Schulhof sprechend

gelacht hatte: ihr Mund öffnete sich ziemlich weit dabei, und ihre

schiefstehenden graugrünen Augen über den Backenknochen zogen sich zu

schmalen Ritzen zusammen. Das war durchaus nicht „schön“; aber es war,

wie es war, und bei der Verliebtheit kommt das ästhetische

Vernunfturteil so wenig zu seinem Recht, wie das moralische. –

„Sie erwarten ebenfalls Briefschaften, Ingenieur?“

So redete nur einer, ein Störender. Hans Castorp fuhr zusammen und

wandte sich Herrn Settembrini zu, der lächelnd vor ihm stand. Es war das

feine und humanistische Lächeln, mit dem er dereinst bei der Bank am

Wasserlauf den Ankömmling zuerst begrüßt hatte, und wie damals schämte

Hans Castorp sich, als er es sah. Aber wie oft er auch im Traume den

„Drehorgelmann“ von der Stelle zu drängen gesucht hatte, weil er „hier

störe“, – der wachende Mensch ist besser als der träumende, und nicht

nur zu seiner Beschämung und Ernüchterung wurde Hans Castorp dieses

Lächelns wieder ansichtig, sondern auch mit Gefühlen dankbarer

Bedürftigkeit. Er sagte:

„Gott, Briefschaften, Herr Settembrini. Ich bin doch kein Ambassadeur!

Vielleicht ist eine Postkarte da für einen von uns. Mein Vetter sieht

eben mal nach.“

„Mir hat der hinkende Teufel da vorn meine kleinen Korrespondenzen schon

ausgehändigt“, sagte Settembrini und führte die Hand zur Seitentasche

seines unvermeidlichen Flausrockes. „Interessante Dinge, Dinge von

literarischer und sozialer Tragweite, ich leugne es nicht. Es handelt

sich um ein enzyklopädisches Werk, an dem mitzuarbeiten ein humanitäres

Institut mich würdigt ... Kurz, um schöne Arbeit.“ Herr Settembrini

brach ab. „Aber Ihre Angelegenheiten?“ fragte er. „Wie steht es damit?

Wie weit ist beispielsweise der Akklimatisierungsprozeß gediehen? Sie

weilen alles in allem so lange noch nicht in unserer Mitte, daß die

Frage nicht mehr an der Tagesordnung wäre.“

„Danke, Herr Settembrini; es hat nach wie vor seine Schwierigkeiten

damit. Ich halte für möglich, daß es das bis zum letzten Tage haben

wird. Manche gewöhnen sich nie, sagte mein Vetter mir gleich, als ich

ankam. Aber man gewöhnt sich daran, daß man sich nicht gewöhnt.“

„Ein verwickelter Vorgang“, lachte der Italiener. „Eine sonderbare Art

der Einbürgerung. Natürlich, die Jugend ist zu allem fähig. Sie gewöhnt

sich nicht, aber sie schlägt Wurzeln.“

„Und schließlich ist das ja kein sibirisches Bergwerk hier.“

„Nein. Oh, Sie bevorzugen östliche Vergleiche. Sehr begreiflich. Asien

verschlingt uns. Wohin man blickt: tatarische Gesichter.“ Und Herr

Settembrini wandte diskret den Kopf über die Schulter. „Dschingis-Khan,“

sagte er, „Steppenwolfslichter, Schnee und Schnaps, Knute, Schlüsselburg

und Christentum. Man sollte der Pallas Athene hier in der Vorhalle einen

Altar errichten, – im Sinne der Abwehr. Sehen Sie, da vorn ist so ein

Iwan Iwanowitsch ohne Weißzeug mit dem Staatsanwalt Paravant in Streit

geraten. Jeder will vor dem anderen an der Reihe sein, seine Post zu

empfangen. Ich weiß nicht, wer recht hat, aber für mein Gefühl steht der

Staatsanwalt im Schutze der Göttin. Er ist zwar ein Esel, aber er

versteht wenigstens Latein.“

Hans Castorp lachte, – was Herr Settembrini niemals tat. Man konnte ihn

sich herzlich lachend gar nicht vorstellen; über die feine und trockene

Spannung seines Mundwinkels brachte er es nicht hinaus. Er sah dem

jungen Manne beim Lachen zu und fragte dann:

„Ihr Diapositiv – haben Sie bekommen?“

„Das habe ich bekommen!“ bestätigte Hans Castorp wichtig. „Schon

neulich. Hier ist es.“ Und er griff in die innere Brusttasche.

„Ah, Sie tragen es im Portefeuille. Wie einen Ausweis sozusagen, einen

Paß oder eine Mitgliedskarte. Sehr gut. Lassen Sie sehen!“ Und Herr

Settembrini hob die kleine, mit schwarzen Papierstreifen gerahmte

Glasplatte gegen das Licht, indem er sie zwischen Daumen und Zeigefinger

seiner Linken hielt, – eine oft gesehene, sehr übliche Bewegung hier

oben. Sein Gesicht mit den schwarzen Mandelaugen grimassierte ein wenig,

während er das funebre Lichtbild prüfte, – ohne ganz deutlich werden zu

lassen, ob es nur des genaueren Sehens wegen oder aus anderen Gründen

geschah.

„Ja, ja“, sagte er dann. „Hier haben Sie Ihre Legitimation, ich danke

bestens.“ Und er reichte das Glas seinem Besitzer zurück, reichte es ihm

von der Seite, gewissermaßen über den eigenen Arm hinüber und

abgewandten Gesichtes.

„Haben Sie die Stränge gesehen?“ fragte Hans Castorp. „Und die

Knötchen?“

„Sie wissen,“ antwortete Herr Settembrini schleppend, „wie ich über den

Wert dieser Produkte denke. Sie wissen auch, daß die Flecke und

Dunkelheiten da im Inneren zum allergrößten Teil physiologisch sind. Ich

habe hundert Bilder gesehen, die ungefähr aussahen wie Ihres, und die

die Entscheidung, ob sie wirklich einen ‚Ausweis‘ bildeten oder nicht,

einigermaßen in das Belieben des Beurteilers stellten. Ich rede als

Laie, aber immerhin als ein langjähriger Laie.“

„Sieht Ihr eigener Ausweis schlimmer aus?“

„Ja, etwas schlimmer. – Übrigens ist mir bekannt, daß auch unsere Herren

und Meister auf dieses Spielzeug allein keine Diagnose gründen. – Und

Sie beabsichtigen nun also, bei uns zu überwintern?“

„Ja, lieber Gott ... Ich fange an, mich an den Gedanken zu gewöhnen, daß

ich erst mit meinem Vetter zusammen wieder hinunterfahren werde.“

„Das heißt, Sie gewöhnen sich daran, daß Sie sich nicht ... Sie

formulierten das sehr witzig. Ich hoffe, Sie haben Ihre Sachen erhalten,

– warme Kleider, solides Schuhwerk?“

„Alles. Alles in schönster Ordnung, Herr Settembrini. Ich habe meine

Verwandten informiert, und unsere Haushälterin hat mir alles als Eilgut

geschickt. Ich kann es nun aushalten.“

„Das beruhigt mich. Aber halt, Sie brauchen einen Sack, einen Pelzsack,

– wo haben wir unsere Gedanken! Dieser Nachsommer ist trügerisch; in

einer Stunde kann es tiefer Winter sein. Sie werden hier die kältesten

Monate verbringen ...“

„Ja, der Liegesack,“ sagte Hans Castorp, „der ist wohl ein Zubehör. Ich

habe auch schon flüchtig daran gedacht, daß wir in den nächsten Tagen

mal, mein Vetter und ich, in den Ort gehen müssen und einen kaufen. Man

braucht das Ding später nie wieder, aber schließlich für vier bis sechs

Monate lohnt es.“

„Es lohnt, es lohnt. – Ingenieur!“ sagte Herr Settembrini leise, indem

er näher an den jungen Mann herantrat. „Wissen Sie nicht, daß es

grauenhaft ist, wie Sie mit den Monaten herumwerfen? Grauenhaft, weil

unnatürlich und Ihrem Wesen fremd, nur auf der Gelehrigkeit Ihrer Jahre

beruhend. Ach, diese übergroße Gelehrigkeit der Jugend! – sie ist die

Verzweiflung der Erzieher, denn vor allem ist sie bereit, sich im

Schlimmen zu bewähren. Reden Sie nicht, wie es in der Luft liegt, junger

Mensch, sondern wie es Ihrer europäischen Lebensform angemessen ist!

Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft, – nicht umsonst wimmelt es

von Typen aus der moskowitischen Mongolei! Diese Leute“ – und Herr

Settembrini deutete mit dem Kinn über die Schulter hinter sich –

„richten Sie sich innerlich nicht nach ihnen, lassen Sie sich von ihren

Begriffen nicht infizieren, setzen Sie vielmehr Ihr Wesen, Ihr _höheres_

Wesen gegen das ihre, und halten Sie heilig, was Ihnen, dem Sohn des

Westens, des göttlichen Westens, – dem Sohn der Zivilisation, nach Natur

und Herkunft heilig ist, zum Beispiel die Zeit! Diese Freigebigkeit,

diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil, –

das mag ein Grund sein, weshalb es den Kindern des Ostens an diesem Orte

behagt. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn ein Russe ‚vier Stunden‘ sagt,

es nicht mehr ist, als wenn unsereins ‚eine‘ sagt? Leicht zu denken, daß

die Nonchalance dieser Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der wilden

Weiträumigkeit ihres Landes zusammenhängt. Wo viel Raum ist, da ist viel

Zeit, – man sagt ja, daß sie das Volk sind, das Zeit hat und warten

kann. Wir Europäer, wir können es nicht. Wir haben so wenig Zeit, wie

unser edler und zierlich gegliederter Erdteil Raum hat, wir sind auf

genaue Bewirtschaftung des einen wie des anderen angewiesen, auf

Nutzung, Nutzung, Ingenieur! Nehmen Sie unsere großen Städte als

Sinnbild, diese Zentren und Brennpunkte der Zivilisation, diese

Mischkessel des Gedankens! In demselben Maße, wie der Boden sich dort

verteuert, Raumverschwendung zur Unmöglichkeit wird, in demselben Maße,

bemerken Sie das, wird dort auch die Zeit immer kostbarer. _Carpe diem!_

Das sang ein Großstädter. Die Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen

verliehen, damit er sie nutze – sie nutze, Ingenieur, im Dienste des

Menschheitsfortschritts.“

Selbst dieses letzte Wort, so viele Hindernisse es seiner mediterranen

Zunge bieten mochte, hatte Herr Settembrini auf erfreuliche Art, klar,

wohllautend und – man kann wohl sagen – plastisch zu Gehör gebracht.

Hans Castorp antwortete nicht anders, als mit der kurzen, steifen und

befangenen Verbeugung eines Schülers, der eine verweisartige Belehrung

entgegennimmt. Was hätte er erwidern sollen? Dies Privatissimum, das

Herr Settembrini ihm insgeheim, mit dem Rücken gegen die ganze übrige

Gästeschaft und beinahe flüsternd, gehalten, hatte zu sachlichen, zu

ungesellschaftlichen, zu wenig gesprächsmäßigen Charakter getragen, als

daß der Takt erlaubt hätte, auch nur Beifall zu äußern. Man antwortet

einem Lehrer nicht: „Das haben Sie schön gesagt.“ Hans Castorp hatte es

wohl früher manchmal getan, gewissermaßen um das gesellschaftliche

Gleichheitsverhältnis zu wahren; allein so dringlich erzieherisch hatte

der Humanist noch niemals gesprochen; es blieb nichts übrig, als die

Vermahnung einzustecken, – benommen wie ein Schuljunge von soviel Moral.

Man sah übrigens Herrn Settembrini an, daß seine Gedankentätigkeit auch

im Schweigen noch ihren Fortgang nahm. Noch immer stand er dicht vor

Hans Castorp, so daß dieser sich sogar ein wenig zurückbeugte, und seine

schwarzen Augen waren in fixer und sinnend blinder Einstellung auf des

jungen Mannes Gesicht gerichtet.

„Sie leiden, Ingenieur!“ fuhr er fort. „Sie leiden wie ein Verirrter, –

wer sähe es Ihnen nicht an? Aber auch Ihr Verhalten zum Leiden sollte

ein europäisches Verhalten sein, – nicht das des Ostens, der, weil er

weich und zur Krankheit geneigt ist, diesen Ort so ausgiebig beschickt

... Mitleid und unermeßliche Geduld, das ist seine Art, dem Leiden zu

begegnen. Es kann, es darf die unsrige, die Ihre nicht sein! ... Wir

sprachen von meiner Post ... Sehen Sie, hier ... Oder besser noch, –

kommen Sie! Es ist unmöglich, hier ... Wir ziehen uns zurück, wir treten

dort drüben ein. Ich mache Ihnen Eröffnungen, welche ... Kommen Sie!“

Und sich umwendend, zog er Hans Castorp fort aus dem Vestibül, in das

erste, dem Portal am nächsten gelegene der Gesellschaftszimmer, das als

Schreib- und Leseraum eingerichtet und jetzt leer von Gästen war. Es

zeigte eichene Wandtäfelungen unter seinem hellen Gewölbe,

Bücherschränke, einen von Stühlen umgebenen, mit gerahmten Zeitungen

belegten Tisch in der Mitte und Schreibgelegenheiten unter den Bögen der

Fensternischen. Herr Settembrini schritt bis in die Nähe eines der

Fenster vor, Hans Castorp folgte ihm. Die Tür blieb offen.

„Diese Papiere,“ sagte der Italiener, indem er aus der beutelartigen

Seitentasche seines Flauses mit fliegender Hand ein Konvolut, ein

umfangreiches, schon geöffnetes Briefkuvert zog und seinen Inhalt,

verschiedene Drucksachen nebst einem Schreiben, vor Hans Castorps Augen

durch die Finger gleiten ließ, „diese Papiere tragen in französischer

Sprache den Aufdruck: ‚Internationaler Bund für Organisierung des

Fortschritts.‘ Man sendet sie mir aus Lugano, wo sich ein Filialbureau

des Bundes befindet. Sie fragen mich nach seinen Grundsätzen, seinen

Zielen? Ich gebe sie Ihnen in zwei Worten. Die Liga für Organisierung

des Fortschritts leitet aus der Entwicklungslehre Darwins die

philosophische Anschauung ab, daß der innerste Naturberuf der Menschheit

ihre Selbstvervollkommnung ist. Sie folgert daraus weiter, daß es

Pflicht eines jeden ist, der seinem Naturberuf genügen will, am

Menschheitsfortschritt tätig mitzuarbeiten. Viele sind ihrem Rufe

gefolgt; die Zahl ihrer Mitglieder in Frankreich, Italien, Spanien, der

Türkei und selbst in Deutschland ist bedeutend. Auch ich habe die Ehre,

in den Bundesregistern geführt zu werden. Ein wissenschaftlich

ausgearbeitetes Reformprogramm großen Stils ist entworfen, das alle

augenblicklichen Vervollkommnungsmöglichkeiten des menschlichen

Organismus umfaßt. Das Problem der Gesundheit unserer Rasse wird

studiert, man prüft alle Methoden zur Bekämpfung der Degeneration, die

ohne Zweifel eine beklagenswerte Begleiterscheinung der zunehmenden

Industrialisierung ist. Ferner betreibt der Bund die Gründung von

Volksuniversitäten, die Überwindung der Klassenkämpfe durch alle die

sozialen Verbesserungen, die sich zu diesem Zwecke empfehlen, endlich

die Beseitigung der Völkerkämpfe, des Krieges durch die Entwicklung des

internationalen Rechts. Sie sehen, die Anstrengungen der Liga sind

hochherzig und umfassend. Mehrere internationale Zeitschriften zeugen

von ihrer Tätigkeit, – Monatsrevuen, die in drei oder vier Weltsprachen

höchst anregend über die fortschrittliche Entwicklung der

Kulturmenschheit berichten. Zahlreiche Ortsgruppen sind in den

verschiedenen Ländern gegründet worden, die durch Diskussionsabende und

Sonntagsfeiern im Sinne des menschlichen Fortschrittsideals aufklärend

und erbaulich wirken sollen. Vor allem beeifert sich der Bund, den

politischen Fortschrittsparteien aller Länder mit seinem Material zur

Hand zu gehen ... Sie folgen meinen Worten, Ingenieur?“

„Absolut!“ antwortete Hans Castorp heftig und überstürzt. Er hatte bei

diesem Wort das Gefühl eines Menschen, der ausgleitet und sich eben noch

glücklich auf den Füßen hält.

Herr Settembrini schien befriedigt.

„Ich nehme an, es sind neue, überraschende Einblicke, die Sie da tun?“

„Ja, ich muß gestehen, es ist das erste, was ich über diese ... diese

Anstrengungen höre.“

„Hätten Sie nur,“ rief Settembrini leise, „hätten Sie nur früher davon

gehört! Aber vielleicht hören Sie noch nicht zu spät davon. Nun, diese

Druckschriften ... Sie wollen wissen, was sie behandeln ... Hören Sie

weiter! Im Frühjahr war eine feierliche Hauptversammlung des Bundes nach

Barcelona einberufen, – Sie wissen, daß diese Stadt sich besonderer

Beziehungen zur politischen Fortschrittsidee rühmen kann. Der Kongreß

tagte eine Woche lang unter Banketten und Festlichkeiten. Guter Gott,

ich wollte hinreisen, es verlangte mich sehnlichst, an den Beratungen

teilzunehmen. Aber dieser Schuft von Hofrat verbot es mir unter

Todesdrohungen, – und, was wollen Sie, ich fürchtete den Tod und reiste

nicht. Ich war verzweifelt, wie Sie sich denken können, über den

Streich, den meine unzulängliche Gesundheit mir spielte. Nichts ist

schmerzhafter, als wenn unser organisches, unser tierisches Teil uns

hindert, der Vernunft zu dienen. Desto lebhafter ist meine Befriedigung

über diese Zuschrift des Bureaus von Lugano ... Sie sind neugierig auf

ihren Inhalt? Das glaube ich gern! Ein paar flüchtige Informationen ...

Der ‚Bund zur Organisierung des Fortschritts‘, eingedenk der Wahrheit,

daß seine Aufgabe darin besteht, das Glück der Menschheit

herbeizuführen, mit anderen Worten: das menschliche Leiden durch

zweckvolle soziale Arbeit zu bekämpfen und am Ende völlig auszumerzen, –

eingedenk ferner der Wahrheit, daß diese höchste Aufgabe nur mit Hilfe

der soziologischen Wissenschaft gelöst werden kann, deren Endziel der

vollkommene Staat ist, – der Bund also hat in Barcelona die Herstellung

eines vielbändigen Buchwerkes beschlossen, das den Titel ‚Soziologie der

Leiden‘ führen wird, und worin die menschlichen Leiden nach allen ihren

Klassen und Gattungen in genauer und erschöpfender Systematik bearbeitet

werden sollen. Sie werden mir einwenden: was nützen Klassen, Gattungen,

Systeme! Ich antworte Ihnen: Ordnung und Sichtung sind der Anfang der

Beherrschung, und der eigentlich furchtbare Feind ist der unbekannte.

Man muß das Menschengeschlecht aus den primitiven Stadien der Furcht und

der duldenden Dumpfheit herausführen und sie zur Phase zielbewußter

Tätigkeit leiten. Man muß sie darüber aufklären, daß Wirkungen hinfällig

werden, deren Ursachen man zuerst erkennt und dann aufhebt, und daß fast

alle Leiden des Individuums Krankheiten des sozialen Organismus sind.

Gut! Dies ist die Absicht der ‚Soziologischen Pathologie‘. Sie wird also

in etwa zwanzig Bänden von Lexikonformat alle menschlichen Leidensfälle

aufführen und behandeln, die sich überhaupt erdenken lassen, von den

persönlichsten und intimsten bis zu den großen Gruppenkonflikten, den

Leiden, die aus Klassenfeindschaften und internationalen Zusammenstößen

erwachsen, sie wird, kurz gesagt, die chemischen Elemente aufzeigen, aus

deren vielfältiger Mischung und Verbindung sich alles menschliche Leiden

zusammensetzt, und indem sie die Würde und das Glück der Menschheit zur

Richtschnur nimmt, wird sie ihr in jedem Falle die Mittel und Maßnahmen

an die Hand geben, die ihr zur Beseitigung der Leidensursachen angezeigt

scheinen. Berufene Fachmänner der europäischen Gelehrtenwelt, Ärzte,

Volkswirte und Psychologen, werden sich in die Ausarbeitung dieser

Enzyklopädie der Leiden teilen, und das General-Redaktionsbureau zu

Lugano wird das Sammelbecken sein, in dem die Artikel zusammenfließen.

Sie fragen mich mit den Augen, welche Rolle nun mir bei all dem zufallen

soll? Lassen Sie mich zu Ende reden! Auch den schönen Geist will dieses

große Werk nicht vernachlässigen, soweit er eben menschliches Leiden zum

Gegenstande hat. Darum ist ein eigener Band vorgesehen, der, den

Leidenden zu Trost und Belehrung, eine Zusammenstellung und kurzgefaßte

Analyse aller für jeden einzelnen Konflikt in Betracht kommenden

Meisterwerke der Weltliteratur enthalten soll; und – dies ist die

Aufgabe, mit der man in dem Schreiben, das Sie hier sehen, Ihren

ergebensten Diener betraut.“

„Was Sie sagen, Herr Settembrini! Da erlauben Sie mir aber, Sie herzlich

zu beglückwünschen! Das ist ja ein großartiger Auftrag und ganz wie für

Sie gemacht, wie mir scheint. Es wundert mich keinen Augenblick, daß die

Liga an Sie gedacht hat. Und wie muß es Sie freuen, daß Sie da nun

behilflich sein können, die menschlichen Leiden auszumerzen!“

„Es ist eine weitläufige Arbeit,“ sagte Herr Settembrini sinnend, „zu

der viel Umsicht und Lektüre erforderlich ist. Zumal,“ fügte er hinzu,

während sein Blick sich in der Vielfältigkeit seiner Aufgabe zu

verlieren schien, „zumal in der Tat der schöne Geist sich fast

regelmäßig das Leiden zum Gegenstande gesetzt hat und selbst

Meisterwerke zweiten und dritten Ranges sich irgendwie damit

beschäftigen. Gleichviel oder desto besser! So umfassend die Aufgabe

immer sein möge, auf jeden Fall ist sie von der Art, daß ich mich ihrer

zur Not auch an diesem verfluchten Aufenthalt entledigen kann, obgleich

ich nicht hoffen will, daß ich gezwungen sein werde, sie hier zu

beenden. Man kann dasselbe,“ fuhr er fort, indem er wieder näher an Hans

Castorp herantrat und die Stimme beinahe zum Flüstern dämpfte, „man kann

dasselbe von den Pflichten nicht sagen, die _Ihnen_ die Natur auferlegt,

Ingenieur! Das ist es, worauf ich hinauswollte, woran ich Sie mahnen

wollte. Sie wissen, wie sehr ich Ihren Beruf bewundere, aber da er ein

praktischer, kein geistiger Beruf ist, so können Sie ihm, anders als

ich, nur in der Welt drunten nachkommen. Nur im Tiefland können Sie

Europäer sein, das Leiden auf Ihre Art aktiv bekämpfen, den Fortschritt

fördern, die Zeit nutzen. Ich habe Ihnen von der mir zugefallenen

Aufgabe nur erzählt, um Sie zu erinnern, um Sie zu sich zu bringen, um

Ihre Begriffe richtigzustellen, die sich offenbar unter atmosphärischen

Einflüssen zu verwirren beginnen. Ich dringe in Sie: Halten Sie auf

sich! Seien Sie stolz und verlieren Sie sich nicht an das Fremde! Meiden

Sie diesen Sumpf, dies Eiland der Kirke, auf dem ungestraft zu hausen

Sie nicht Odysseus genug sind. Sie werden auf allen Vieren gehen, Sie

neigen sich schon auf Ihre vorderen Extremitäten, bald werden Sie zu

grunzen beginnen, – hüten Sie sich!“

Der Humanist hatte bei seinen leisen Ermahnungen den Kopf eindringlich

geschüttelt. Er schwieg mit niedergeschlagenen Augen und

zusammengezogenen Brauen. Es war unmöglich, ihm scherzhaft und

ausweichend zu antworten, wie Hans Castorp es zu tun gewohnt war und wie

er es auch jetzt einen Augenblick als Möglichkeit erwog. Auch er stand

mit gesenkten Lidern. Dann hob er die Schultern und sagte ebenso leise:

„Was soll ich tun?“

„Was ich Ihnen sagte.“

„Das heißt: abreisen?“

Herr Settembrini schwieg.

„Wollen Sie sagen, daß ich nach Hause reisen soll?“

„Das habe ich Ihnen gleich am ersten Abend geraten, Ingenieur.“

„Ja, und damals war ich frei, es zu tun, obgleich ich es unvernünftig

fand, die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil die hiesige Luft mir ein

bißchen zusetzte. Seitdem hat sich die Sachlage aber doch geändert.

Seitdem hat sich diese Untersuchung ergeben, nach der Hofrat Behrens mir

klipp und klar gesagt hat, es lohnte die Heimreise nicht, in kurzem

müßte ich doch wieder antreten, und wenn ich’s da unten so weitertriebe,

so ginge mir, was hast du, was kannst du, der ganze Lungenlappen zum

Teufel.“

„Ich weiß, jetzt haben Sie Ihren Ausweis in der Tasche.“

„Ja, das sagen Sie so ironisch ... mit der richtigen Ironie natürlich,

die keinen Augenblick mißverständlich ist, sondern ein gerades und

klassisches Mittel der Redekunst, – Sie sehen, ich merke mir Ihre Worte.

Aber können Sie es denn verantworten, mir auf diese Photographie hin und

nach dem Ergebnis der Durchleuchtung und nach der Diagnose des Hofrats

die Heimreise anzuraten?“

Herr Settembrini zögerte einen Augenblick. Dann richtete er sich auf,

schlug auch die Augen auf, die er fest und schwarz auf Hans Castorp

richtete, und erwiderte mit einer Betonung, die des theatralischen und

effekthaften Einschlages nicht entbehrte:

„Ja, Ingenieur. Ich will es verantworten.“

Aber auch Hans Castorps Haltung hatte sich nun gestrafft. Er hielt die

Absätze geschlossen und sah Herrn Settembrini ebenfalls gerade an.

Diesmal war es ein Gefecht. Hans Castorp stand seinen Mann. Einflüsse

aus der Nähe „stärkten“ ihn. Da war ein Pädagog, und dort draußen war

eine schmaläugige Frau. Er entschuldigte sich nicht einmal für das, was

er sagte; er fügte nicht hinzu: „Nehmen Sie es mir nicht übel.“ Er

antwortete:

„Dann sind Sie vorsichtiger für sich als für andere Leute! _Sie_ sind

nicht gegen ärztliches Verbot nach Barcelona zum Fortschrittskongreß

gereist. Sie fürchteten den Tod und blieben hier.“

Bis zu einem gewissen Grade war dadurch Herrn Settembrinis Pose

unzweifelhaft zerstört. Er lächelte nicht ganz mühelos und sagte:

„Ich weiß eine schlagfertige Antwort zu schätzen, selbst wenn Ihre Logik

der Sophisterei nicht fern ist. Es ekelt mich, in einem hier üblichen

abscheulichen Wettstreit zu konkurrieren, sonst würde ich Ihnen

erwidern, daß ich bedeutend kränker bin als Sie, – leider in der Tat so

krank, daß ich die Hoffnung, diesen Ort je wieder verlassen und in die

untere Welt zurückkehren zu können, nur künstlicher- und ein wenig

selbstbetrügerischerweise hinfriste. In dem Augenblick, wo es sich als

völlig unanständig erweisen wird, sie aufrechtzuhalten, werde ich dieser

Anstalt den Rücken kehren und für den Rest meiner Tage irgendwo im Tal

ein Privatlogis beziehen. Das wird traurig sein, aber da meine

Arbeitssphäre die freieste und geistigste ist, wird es mich nicht

hindern, bis zu meinem letzten Atemzuge der Sache der Menschheit zu

dienen und dem Geist der Krankheit die Stirn zu bieten. Ich habe Sie auf

den Unterschied, der in dieser Beziehung zwischen uns besteht, bereits

aufmerksam gemacht. Ingenieur, Sie sind nicht der Mann, Ihr besseres

Wesen hier zu behaupten, das sah ich bei unserer ersten Begegnung. Sie

halten mir vor, ich sei nicht nach Barcelona gereist. Ich habe mich dem

Verbot unterworfen, um mich nicht vorzeitig zu zerstören. Aber ich tat

es unter dem stärksten Vorbehalt, unter dem stolzesten und

schmerzlichsten Protest meines Geistes gegen das Diktat meines

armseligen Körpers. Ob dieser Protest auch in Ihnen lebendig ist, indem

Sie den Vorschriften der hiesigen Mächte Folge leisten, – ob es nicht

vielmehr _der Körper_ ist und sein böser Hang, dem Sie nur zu

bereitwillig gehorchen ...“

„Was haben Sie gegen den Körper?“ unterbrach Hans Castorp ihn rasch und

blickte ihn groß an mit seinen blauen Augen, deren Weißes von roten

Adern durchzogen war. Ihm schwindelte vor seiner Tollkühnheit, und man

sah es ihm an. „Wovon spreche ich?“ dachte er. „Es wird ungeheuerlich.

Aber ich habe mich einmal auf Kriegsfuß mit ihm gestellt und werde ihm,

so lange es irgend geht, das letzte Wort nicht lassen. Natürlich wird er

es haben, aber das macht nichts, ich werde immerhin dabei profitieren.

Ich werde ihn reizen.“ Er ergänzte seinen Einwand:

„Sie sind doch Humanist? Wie können Sie schlecht auf den Körper zu

sprechen sein?“

Settembrini lächelte, diesmal ungezwungen und selbstgewiß.

„‚Was haben Sie gegen die Analyse?‘“ zitierte er, den Kopf auf der

Schulter. „‚Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?‘ – Sie werden

mich immer bereit finden, Ihnen Rede zu stehen, Ingenieur,“ sagte er mit

Verbeugung und einer salutierenden Handbewegung gegen den Fußboden,

„besonders wenn Ihre Einwendungen Geist haben. Sie parieren nicht ohne

Eleganz. Humanist, – gewiß, ich bin es. Asketischer Neigungen werden Sie

mich niemals überführen. Ich bejahe, ich ehre und liebe den Körper, wie

ich die Form, die Schönheit, die Freiheit, die Heiterkeit und den Genuß

bejahe, ehre und liebe, – wie ich die ‚Welt‘, die Interessen des Lebens

vertrete gegen sentimentale Weltflucht, – den Classicismo gegen die

Romantik. Ich denke, meine Stellungnahme ist eindeutig. Eine Macht, ein

Prinzip aber gibt es, dem meine höchste Bejahung, meine höchste und

letzte Ehrerbietung und Liebe gilt, und diese Macht, dieses Prinzip ist

der Geist. Wie sehr ich es verabscheue, irgendein verdächtiges

Mondscheingespinst und -gespenst, das man ‚die Seele‘ nennt, gegen den

Leib ausgespielt zu sehen, – innerhalb der Antithese von Körper _und

Geist_ bedeutet der Körper das böse, das teuflische Prinzip, denn der

Körper ist Natur, und die Natur – innerhalb ihres Gegensatzes zum

Geiste, zur Vernunft, ich wiederhole das! – ist böse, – mystisch und

böse. ‚Sie sind Humanist!‘ Allerdings bin ich es, denn ich bin ein

Freund des Menschen, wie Prometheus es war, ein Liebhaber der Menschheit

und ihres Adels. Dieser Adel aber ist beschlossen im Geiste, in der

Vernunft, und darum werden Sie ganz vergebens den Vorwurf des

christlichen Obskurantismus erheben ...“

Hans Castorp wehrte ab.

„... Sie werden,“ beharrte Settembrini, „diesen Vorwurf ganz vergebens

erheben, wenn humanistischer Adelsstolz die Gebundenheit des Geistes an

das Körperliche, an die Natur eines Tages als Erniedrigung, als Schimpf

empfinden lernt. Wissen Sie, daß von dem großen Plotinus die Äußerung

überliefert ist, er schäme sich, einen Körper zu haben?“ fragte

Settembrini und verlangte so ernstlich eine Antwort, daß Hans Castorp

genötigt war, zu gestehen, das sei das erste, was er höre.

„Porphyrius überliefert es. Eine absurde Äußerung, wenn Sie wollen. Aber

das Absurde, das ist das geistig Ehrenhafte, und nichts kann im Grunde

ärmlicher sein, als der Einwand der Absurdität, dort, wo der Geist gegen

die Natur seine Würde behaupten will, sich weigert, vor ihr abzudanken

... Haben Sie von dem Erdbeben zu Lissabon gehört?“

„Nein, – ein Erdbeben? Ich sehe hier keine Zeitungen ...“

„Sie mißverstehen mich. Nebenbei bemerkt, ist es bedauerlich – und

kennzeichnend für diesen Ort, – daß Sie es hier versäumen, die Presse zu

lesen. Aber Sie mißverstehen mich, das Naturereignis, von dem ich

spreche, ist nicht aktuell, es fand vor beiläufig hundertundfünfzig

Jahren statt ...“

„Ja so! Oh, warten Sie, – richtig! Ich habe gelesen, daß Goethe damals

nachts in Weimar in seinem Schlafzimmer zu seinem Diener sagte ...“

„Ah, – nicht davon wollte ich reden“, unterbrach ihn Settembrini, indem

er die Augen schloß und seine kleine braune Hand in der Luft schüttelte.

„Übrigens vermengen Sie die Katastrophen. Sie haben das Erdbeben von

Messina im Sinn. Ich meine die Erschütterung, die Lissabon heimsuchte,

im Jahre 1755.“

„Entschuldigen Sie.“

„Nun, Voltaire empörte sich dagegen.“

„Das heißt ... wie? Er empörte sich?“

„Er revoltierte, ja. Er nahm das brutale Fatum und Faktum nicht hin, er

weigerte sich, davor abzudanken. Er protestierte im Namen des Geistes

und der Vernunft gegen diesen skandalösen Unfug der Natur, dem drei

Viertel einer blühenden Stadt und Tausende von Menschenleben zum Opfer

fielen ... Sie staunen? Sie lächeln? Mögen Sie immerhin staunen, was das

Lächeln betrifft, so nehme ich mir die Freiheit, es Ihnen zu verweisen!

Voltaires Haltung war die eines echten Nachkömmlings jener alten

Gallier, die ihre Pfeile gegen den Himmel schleuderten ... Sehen Sie,

Ingenieur, da haben Sie die Feindschaft des Geistes gegen die Natur,

sein stolzes Mißtrauen gegen sie, sein hochherziges Bestehen auf dem

Rechte zur Kritik an ihr und ihrer bösen, vernunftwidrigen Macht. Denn

sie ist die Macht, und es ist knechtisch, die Macht hinzunehmen, sich

mit ihr abzufinden ... wohlgemerkt, sich _innerlich_ mit ihr abzufinden.

Da haben Sie aber auch jene Humanität, die sich schlechterdings in

keinen Widerspruch verstrickt, sich keines Rückfalls in christliche

Duckmäuserei schuldig macht, wenn sie im Körper das böse, das

widersacherische Prinzip zu erblicken sich entschließt. Der Widerspruch,

den Sie zu sehen meinen, ist im Grunde immer derselbe. ‚Was haben Sie

gegen die Analyse?‘ Nichts ... wenn sie Sache der Belehrung, der

Befreiung und des Fortschritts ist. Alles ... wenn ihr der scheußliche

_haut-goût_ des Grabes anhaftet. Es ist mit dem Körper nicht anders. Man

muß ihn ehren und verteidigen, wenn es sich um seine Emanzipation und

Schönheit handelt, um die Freiheit der Sinne, um Glück, um Lust. Man muß

ihn verachten, sofern er als Prinzip der Schwere und der Trägheit sich

der Bewegung zum Lichte entgegensetzt, ihn verabscheuen, sofern er gar

das Prinzip der Krankheit und des Todes vertritt, sofern sein

spezifischer Geist der Geist der Verkehrtheit ist, der Geist der

Verwesung, der Wollust und der Schande ...“

Settembrini hatte die letzten Worte, dicht vor Hans Castorp stehend,

fast ohne Ton und sehr rasch gesprochen, um fertig zu werden. Entsatz

näherte sich für Hans Castorp: Joachim betrat, zwei Postkarten in der

Hand, das Lesezimmer, die Rede des Literaten brach ab, und die

Gewandtheit, mit der sein Ausdruck ins gesellschaftlich Leichte

hinüberwechselte, verfehlte nicht ihren Eindruck auf seinen Schüler, –

wenn man Hans Castorp so nennen konnte.

„Da sind Sie, Leutnant! Sie werden Ihren Vetter gesucht haben, –

verzeihen Sie! Wir waren da in ein Gespräch geraten, – wenn mir recht

ist, hatten wir sogar einen kleinen Zwist. Er ist kein übler Räsonneur,

Ihr Vetter, ein durchaus nicht ungefährlicher Gegner im Wortstreit, wenn

es ihm darauf ankommt.“

Der Zauberberg. Erster Band · 第 39 / 45 题