Er versucht sich in französischer Konversation

Nein, eingelebt war er noch keineswegs, weder was die Kenntnis des

hiesigen Lebens in all seiner Eigentümlichkeit betraf, – eine Kenntnis,

die er in so wenigen Tagen unmöglich gewinnen konnte und, wie er sich

sagte (und es auch gegen Joachim aussprach), selbst in drei Wochen

leider nicht würde gewinnen können; noch auch in bezug auf die Anpassung

seines Organismus an die so sehr eigentümlichen atmosphärischen

Verhältnisse bei „denen hier oben“, denn diese Anpassung wurde ihm

sauer, überaus sauer, ja, wie ihm schien, wollte sie überhaupt nicht

vonstatten gehen.

Der Normaltag war klar gegliedert und fürsorglich organisiert, man kam

rasch in Trott und gewann Geläufigkeit, wenn man sich seinem Getriebe

einfügte. Im Rahmen der Woche jedoch und größerer Zeiteinheiten unterlag

er gewissen regelmäßigen Abwandlungen, die sich erst nach und nach

einfanden, die eine zum erstenmal, nachdem die andere sich schon

wiederholt hatte; und auch was die alltägliche Einzelerscheinung von

Dingen und Gesichtern betraf, so hatte Hans Castorp noch auf Schritt und

Tritt zu lernen, obenhin Angeschautes genauer zu bemerken und Neues mit

jugendlicher Empfänglichkeit in sich aufzunehmen.

Jene bauchigen Gefäße mit kurzen Hälsen zum Beispiel, die auf den Gängen

vor einzelnen Türen standen und auf die gleich am Abend seiner Ankunft

sein Auge gefallen war, enthielten Sauerstoff, – Joachim erklärte es ihm

auf Befragen. Reiner Sauerstoff war darin, zu sechs Franken der Ballon,

und das belebende Gas wurde den Sterbenden zum Zweck einer letzten

Anfeuerung und Hinhaltung ihrer Kräfte zugeführt, – sie schlürften es

durch einen Schlauch. Denn hinter den Türen, vor denen solche Ballons

standen, lagen Sterbende oder „_moribundi_“, wie Hofrat Behrens sagte,

als Hans Castorp ihm einmal im ersten Stockwerk begegnete, – der Hofrat

kam in weißem Kittel und mit blauen Backen den Korridor entlanggerudert,

und sie gingen zusammen die Treppe hinauf.

„Na, Sie unbeteiligter Zuschauer Sie!“ sagte Behrens. „Was machen Sie

denn, finden wir Gnade vor Ihren prüfenden Blicken? Ehrt uns, ehrt uns.

Ja, unsere Sommersaison, die hats in sich, die ist nicht von schlechten

Eltern. Habe es mir auch was kosten lassen, um sie ein bißchen zu

poussieren. Aber schade ist es doch, daß Sie den Winter nicht mitmachen

wollen bei uns, – Sie wollen ja bloß acht Wochen bleiben, hab ich

gehört? Ach, drei? Das ist aber eine Stippvisite, das lohnt ja das

Ablegen gar nicht; na, wie Sie meinen. Aber schade ist es doch, daß Sie

den Winter nicht mitmachen, denn was so die Hotevoleh ist,“ sagte er mit

scherzhaft unmöglicher Aussprache, „die internationale Hotevoleh da

unten in Platz, die kommt doch nun mal erst im Winter, und die müßten

Sie sehen, da täten Sie was für Ihre Bildung. Zum Kugeln, wenn die Kerls

so Sprünge machen auf ihren Fußbrettern. Und dann die Damen, herrje, die

Damen! Bunt wie die Paradiesvögel, sag ich Ihnen, und mächtig galant ...

Nun muß ich aber zu meinem Moribundus,“ sagte er, „auf siebenundzwanzig

hier. Finales Stadium, wissen Sie. Durch die Mitte ab. Fünf Dutzend

Fiaskos Oxygen hat er gestern und heute noch ausgekneipt, der Schlemmer.

Aber bis Mittag wird er wohl _ad penates_ gehen. Na, lieber Reuter,“

sagte er, indem er eintrat, „wie wäre es, wenn wir noch einer den Hals

brächen ...“ Seine Worte verloren sich hinter der Tür, die er zuzog.

Aber einen Augenblick hatte Hans Castorp im Hintergrunde des Zimmers auf

dem Kissen das wächserne Profil eines jungen Mannes mit dünnem Kinnbart

gesehen, der langsam seine sehr großen Augäpfel zur Tür gerollt hatte.

Es war der erste Moribundus, den Hans Castorp in seinem Leben zu sehen

bekam, denn seine Eltern sowohl wie der Großvater waren ja damals

gleichsam hinter seinem Rücken gestorben. Wie würdevoll der Kopf des

jungen Mannes mit aufwärts geschobenem Kinnbart auf dem Kissen gelegen

hatte! Wie bedeutend der Blick seiner übergroßen Augen gewesen war, als

er sie langsam zur Tür gedreht hatte! Hans Castorp, noch ganz vertieft

in den flüchtigen Anblick, versuchte unwillkürlich, ebenso große,

bedeutende und langsame Augen wie der Moribundus zu machen, während er

weiter zur Treppe ging, und mit diesen Augen blickte er eine Dame an,

die hinter ihm aus einer Tür getreten war und ihn am Treppenkopf

überholte. Er erkannte nicht gleich, daß es Madame Chauchat war. Sie

lächelte leise über die Augen, die er machte, stützte dann mit der Hand

die Flechte an ihrem Hinterkopf und ging vor ihm die Treppe hinunter,

geräuschlos, schmiegsam und etwas vorgeschobenen Kopfes.

* * * * *

Bekanntschaften machte er fast keine in diesen ersten Tagen und auch

später noch lange nicht. Die Tagesordnung war dem im ganzen nicht

günstig; auch war Hans Castorp ja zurückhaltenden Wesens, fühlte sich

überdies als Gast und „unbeteiligter Zuschauer“ hier oben, wie Hofrat

Behrens gesagt hatte, und ließ sich an Joachims Gespräch und

Gesellschaft in der Hauptsache gern genügen. Die Krankenschwester auf

dem Korridor freilich reckte so lange den Hals nach ihnen, bis Joachim,

der ihr schon früher manchmal kleine Plaudereien gewährt hatte, seinen

Vetter mit ihr bekannt machte. Das Kneiferband hinter dem Ohr, sprach

sie nicht nur geziert, sondern geradezu gequält und machte bei näherer

Prüfung den Eindruck, als habe unter der Folter der Langenweile ihr

Verstand gelitten. Es war sehr schwer, wieder von ihr loszukommen, da

sie vor der Beendigung des Gespräches eine krankhafte Furcht an den Tag

legte und, sobald die jungen Leute Miene machten, weiterzugehen, sich

mit hastigen Worten und Blicken, auch einem verzweifelten Lächeln an sie

klammerte, so daß sie aus Erbarmen noch bei ihr stehen blieben. Sie

sprach des langen und breiten von ihrem Papa, welcher Jurist, und ihrem

Cousin, der Arzt sei, – offenbar um sich in ein vorteilhaftes Licht zu

setzen und ihre Herkunft aus gebildeter Gesellschaftsschicht zu

bekunden. Was ihren Pflegling dort hinter der Tür betraf, so war er der

Sohn eines Koburger Puppenfabrikanten, Rotbein mit Namen, und neuerdings

habe es sich bei dem jungen Fritz auf den Darm geworfen. Das sei hart

für alle Beteiligten, wie die Herren sich wohl vorstellen könnten;

namentlich wenn man nun einmal aus akademischem Hause stamme und die

Feinfühligkeit der höheren Klassen besitze, so sei es hart. Und nicht

den Rücken dürfe man kehren ... Neulich, was glaubten die Herren, komme

sie von einem kurzen Ausgange zurück, nichts als ein wenig Zahnpulver

habe sie sich besorgt, und finde den Kranken in seinem Bette sitzend,

vor sich ein Glas dickes, dunkles Bier, eine Salamiwurst, ein derbes

Stück Schwarzbrot und eine Gurke! All diese heimischen Leckerbissen

hätten die Seinen ihm zugesandt zu seiner Kräftigung. Aber am nächsten

Tage sei er natürlich mehr tot als lebendig gewesen. Er selbst

beschleunige sein Ende. Aber das werde die Erlösung ja nur für ihn

bedeuten, nicht auch für sie – Schwester Berta sei übrigens ihr Name, in

Wirklichkeit Alfreda Schildknecht –, denn _sie_ komme dann eben zu einem

anderen Kranken, in mehr oder weniger vorgeschrittenem Stadium, hier

oder in einem anderen Sanatorium, das sei die Perspektive, die sich ihr

eröffne, und eine andere eröffne sich eben nicht.

Ja, sagte Hans Castorp, ihr Beruf sei gewiß schwer, aber doch auch

befriedigend, sollte er denken.

Gewiß, antwortete sie, befriedigend sei er, – befriedigend, aber sehr

schwer.

Nun, alles Gute für Herrn Rotbein. Und die Vettern wollten gehen.

Aber da klammerte sie sich an sie mit Worten und Blicken, und so

jammervoll war es zu sehen, wie sie sich anstrengte, die jungen Leute

ein wenig länger zu fesseln, daß es grausam gewesen wäre, ihr nicht noch

eine Frist zu gewähren.

„Er schläft!“ sagte sie. „Er braucht mich nicht. Da bin ich für einige

kurze Minuten auf den Gang hinausgetreten ...“ Und sie begann über

Hofrat Behrens zu klagen und den Ton, in dem er mit ihr verkehre und der

allzu zwanglos sei, um ihrer Herkunft zu entsprechen. Bei weitem gab sie

Herrn Dr. Krokowski den Vorzug, – ihn nannte sie seelenvoll. Dann kam

sie wieder auf ihren Papa und ihren Cousin. Ihr Hirn gab nichts weiter

her. Vergebens rang sie danach, die Vettern noch ein wenig zu fesseln,

indem sie plötzlich mit einem Anlauf die Stimme erhob und beinahe zu

schreien begann, wenn sie gehen wollten, – sie entschlüpften ihr endlich

und gingen. Aber die Schwester sah ihnen noch eine Weile mit

vorgebeugtem Oberkörper und saugenden Blicken nach, als wollte sie sie

mit den Augen zu sich zurückziehen. Dann entrang sich ein Seufzer ihrer

Brust, und sie kehrte zu ihrem Pflegling ins Zimmer zurück.

Sonst wurde Hans Castorp in diesen Tagen nur noch mit der

schwarzbleichen Dame bekannt, jener Mexikanerin, die er im Garten

gesehen hatte und die „_Tous les deux_“ genannt wurde. Es geschah

wirklich, daß auch er aus ihrem Munde die trübselige Formel hörte, die

ihr zum Spitznamen geworden war; aber da er sich vorbereitet hatte, so

bewahrte er gute Haltung dabei und konnte nachher zufrieden mit sich

sein. Die Vettern trafen sie vor dem Hauptportal, als sie nach dem

ersten Frühstück den vorgeschriebenen Morgenspaziergang antraten. In ein

schwarzes Kaschmirtuch gehüllt, mit krummen Knien und langen, ruhelos

wandernden Tritten erging sie sich dort, und gegen den schwarzen

Schleier, der um ihr silbern durchzogenes Haar geschlungen und unter dem

Kinn zusammengebunden war, schimmerte mattweiß ihr alterndes Gesicht mit

dem großen, verhärmten Munde. Joachim, ohne Hut wie gewöhnlich, begrüßte

sie durch Verneigung, und sie dankte langsam, während beim Schauen die

Querfalten in ihrer engen Stirn sich vertieften. Sie blieb stehen, da

sie ein neues Gesicht bemerkte, und erwartete, leise mit dem Kopfe

nickend, die Annäherung der jungen Leute; denn offenbar hielt sie es für

notwendig zu hören, ob der Fremde von ihrem Schicksal wisse, und seine

Äußerung darüber entgegenzunehmen. Joachim stellte seinen Vetter vor.

Sie reichte dem Gast aus der Mantille heraus die Hand, eine magere,

gelbliche, hoch geäderte, mit Ringen geschmückte Hand, und fuhr fort,

ihn nickend anzublicken. Dann kam es:

„_Tous les dé, monsieur_“, sagte sie. „_Tous les dé vous savez ..._“

„_Je le sais, madame_“, antwortete Hans Castorp gedämpft. „_Et je le

regrette beaucoup._“

Die schlaffen Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen waren so groß

und schwer, wie er es noch bei keinem Menschen gesehen. Ein leiser,

welker Duft ging von ihr aus. Es war ihm sanft und ernst um das Herz.

„_Merci_“, sagte sie mit einer rasselnden Aussprache, die sonderbar zu

der Gebrochenheit ihres Wesens stimmte, und der eine Winkel ihres großen

Mundes hing tragisch tief hinab. Dann zog sie die Hand unter die

Mantille zurück, neigte den Kopf und machte sich wieder ans Wandern.

Hans Castorp aber sagte im Weitergehen:

„Du siehst, es hat mir nichts gemacht, ich bin ganz gut mit ihr fertig

geworden. Ich werde überhaupt mit solchen Leuten ganz gut fertig, glaube

ich, ich verstehe mich von Natur auf den Umgang mit ihnen, – meinst du

nicht auch? Ich glaube sogar, ich komme mit traurigen Menschen im ganzen

besser aus, als mit lustigen, weiß Gott, woran es liegt, vielleicht

daran, daß ich doch Waise bin und meine Eltern so früh verloren habe,

aber wenn die Leute ernst und traurig sind und der Tod im Spiele ist,

das bedrückt mich eigentlich nicht und macht mich nicht verlegen,

sondern ich fühle mich dabei in meinem Element und jedenfalls besser,

als wenn es so forsch zugeht, das liegt mir weniger. Neulich dachte ich:

Es ist doch eine Albernheit von den hiesigen Damen, sich dermaßen vor

dem Tode zu graulen und allem, was damit zusammenhängt, daß man sie

ängstlich davor bewahren muß und das Viatikum bringt, wenn sie gerade

essen. Nein, pfui, das ist läppisch. Siehst du nicht ganz gern einen

Sarg? Ich sehe ganz gern mal einen. Ich finde, ein Sarg ist ein geradezu

schönes Möbel, schon wenn er leer ist, aber wenn jemand darin liegt,

dann ist es direkt feierlich in meinen Augen. Begräbnisse haben so etwas

Erbauliches, – ich habe schon manchmal gedacht, man sollte, statt in die

Kirche, zu einem Begräbnis gehen, wenn man sich ein bißchen erbauen

will. Die Leute haben gutes schwarzes Zeug an und nehmen die Hüte ab und

sehen auf den Sarg und halten sich ernst und andächtig, und niemand darf

faule Witze machen, wie sonst im Leben. Das habe ich sehr gern, wenn sie

endlich mal ein bißchen andächtig sind. Manchmal habe ich mich schon

gefragt, ob ich nicht Pastor hätte werden sollen, – in gewisser Weise

hätte das, glaube ich, nicht schlecht für mich gepaßt ... Hoffentlich

habe ich keinen Fehler im Französischen gemacht bei dem, was ich sagte?“

„Nein“, sagte Joachim. „_Je le regrette beaucoup_ war ja soweit ganz

richtig.“

Politisch verdächtig!

Regelmäßige Abwandlungen des Normaltages fanden sich ein: zuerst ein

Sonntag – und zwar ein Sonntag mit Kurmusik auf der Terrasse, wie er

vierzehntägig erschien, eine Markierung der Doppelwoche also, in deren

zweite Hälfte Hans Castorp von außen eingetreten war. An einem Dienstag

war er gekommen, und so war es der fünfte Tag, ein Tag von

Frühlingscharakter nach jenem abenteuerlichen Wettersturz und Rückfall

in den Winter, – zart und frisch, mit reinlichen Wolken am hellblauen

Himmel und mäßigem Sonnenschein über Hängen und Tal, die wieder ein

ordnungsgemäßes Sommergrün angenommen hatten, da der Neuschnee denn doch

zu raschem Versickern verurteilt gewesen war.

Es war deutlich, daß jedermann sich befliß, den Sonntag zu ehren und

auszuzeichnen; Verwaltung und Gäste unterstützten einander in diesem

Bestreben. Gleich zum Morgentee gab es Streußelkuchen, an jedem Platz

stand ein Gläschen mit ein paar Blumen, wilden Gebirgsnelken und sogar

Alpenrosen, welche die Herren sich in das Knopfloch des Aufschlages

steckten (Staatsanwalt Paravant aus Dortmund hatte sogar einen schwarzen

Schwalbenschwanz mit punktierter Weste angelegt), die Damentoiletten

trugen das Gepräge festlicher Duftigkeit – Frau Chauchat erschien zum

Frühstück in einer fließenden Spitzenmatinee mit offenen Ärmeln, worin

sie, während die Glastür ins Schloß schmetterte, erst einmal Front

machte und sich dem Saal gleichsam anmutig präsentierte, bevor sie sich

schleichenden Schrittes zu ihrem Tisch begab, und die sie so

ausgezeichnet kleidete, daß Hans Castorps Nachbarin, die Lehrerin aus

Königsberg, sich ganz begeistert darüber zeigte – und sogar das

barbarische Ehepaar vom Schlechten Russentisch hatte dem Gottestag

Rechnung getragen, indem nämlich der männliche Teil seine Lederjoppe mit

einer Art von kurzem Gehrock und die Filzstiefel mit Lederschuhwerk

vertauscht hatte, _sie_ freilich auch heute ihre unsaubere Federboa,

darunter aber eine grünseidene Bluse mit Halskrause trug ... Hans

Castorp runzelte die Brauen, als er der beiden ansichtig wurde, und

verfärbte sich, wozu er hier auffallend neigte.

Gleich nach dem zweiten Frühstück begann die Kurmusik auf der Terrasse;

allerlei Blech- und Holzbläser fanden sich dort ein und spielten

abwechselnd flott und getragen, fast bis zum Mittagessen. Während des

Konzertes war die Liegekur nicht streng obligatorisch. Zwar genossen

einige den Ohrenschmaus auf ihren Balkons, und auch in der Gartenhalle

waren drei oder vier Stühle besetzt; aber die Mehrzahl der Gäste saß an

den kleinen, weißen Tischen auf der gedeckten Plattform, während leichte

Lebewelt, der es zu ehrbar scheinen mochte, auf Stühlen zu sitzen, die

steinernen Stufen besetzt hielt, die in den Garten hinunterführten, und

dort viel Frohsinn entfaltete: jugendliche Kranke beiderlei Geschlechts,

von denen Hans Castorp die meisten schon dem Namen nach oder von Ansehen

kannte. Hermine Kleefeld gehörte dazu, sowie Herr Albin, der eine große

geblümte Schachtel mit Schokolade herumgehen und alle daraus essen ließ,

während er selbst nicht aß, sondern mit väterlicher Miene Zigaretten mit

goldenem Mundstück rauchte; ferner der wulstlippige Jüngling vom „Verein

Halbe Lunge“, Fräulein Levi, dünn und elfenbeinfarben, wie sie war, ein

aschblonder junger Mann, der auf den Namen Rasmussen hörte und seine

Hände nach Art von Flossen aus schlaffen Gelenken in Brusthöhe hängen

ließ, Frau Salomon aus Amsterdam, eine rot gekleidete Frau von reicher

Körperlichkeit, die sich ebenfalls der Jugend beigesellt hatte und in

deren bräunlichen Nacken jener lange Mensch mit gelichtetem Haar, der

aus dem „Sommernachtstraum“ spielen konnte und nun, mit den Armen seine

spitzen Knie umschlingend, hinter ihr saß, unablässig seine trüben

Blicke gerichtet hielt; ein rothaariges Fräulein aus Griechenland, ein

anderes unbekannter Herkunft mit dem Gesicht eines Tapirs, der gefräßige

Junge mit den dicken Brillengläsern, ein weiterer fünfzehn- oder

sechzehnjähriger Junge, der ein Monokel eingeklemmt hatte und beim

Hüsteln den lang gewachsenen, salzlöffelähnlichen Nagel seines kleinen

Fingers zum Munde führte, ein kapitaler Esel offenbar – und noch andere

mehr.

Dieser Junge mit dem Fingernagel, erzählte Joachim leise, sei nur ganz

wenig leidend gewesen, als er gekommen sei, – ohne Temperatur, und nur

der Vorsicht halber sei er von seinem Vater, einem Arzt, heraufgeschickt

worden und habe nach des Hofrats Urteile etwa drei Monate bleiben

sollen. Jetzt, nach drei Monaten, habe er 37,8 bis 38 und sei recht

krank. Aber er lebe ja auch so unvernünftig, daß er Maulschellen

verdiene.

Die Vettern hatten ein Tischchen für sich, etwas abseits von den

übrigen, denn Hans Castorp rauchte zu seinem schwarzen Bier, das er vom

Frühstück mit herausgenommen hatte, und von Zeit zu Zeit schmeckte ihm

seine Zigarre ein wenig. Benommen vom Biere und von der Musik, die wie

immer bewirkte, daß sein Mund sich öffnete und sein Kopf sich auf die

Seite legte, betrachtete er mit geröteten Augen das sorglose Badeleben

ringsumher, wobei das Bewußtsein ihn durchaus nicht störte, sondern im

Gegenteil dem Ganzen eine erhöhte Merkwürdigkeit, einen gewissen

geistigen Reiz verlieh, daß alle diese Leute in ihrem Inneren von einem

schwer aufzuhaltenden Zerfall ergriffen waren und daß die meisten von

ihnen in leichtem Fieber standen ... Man trank perlende Kunstlimonade an

den Tischchen, und auf der Freitreppe wurde photographiert. Andere

tauschten dort Briefmarken, und das rothaarige Fräulein aus Griechenland

zeichnete Herrn Rasmussen auf einem Block, wollte ihm dann aber das Bild

nicht zeigen, sondern wandte sich, mit breiten, weit auseinander

stehenden Zähnen lachend, hin und her, so daß er es lange nicht

vermochte, ihr den Block zu entreißen. Hermine Kleefeld saß mit nur halb

geöffneten Augen auf ihrer Stufe und schlug mit einer zusammengerollten

Zeitung den Takt zur Musik, während sie sich von Herrn Albin ein

Sträußchen Wiesenblumen an ihrer Bluse befestigen ließ, und der

Wulstlippige, zu Frau Salomons Füßen sitzend, plauderte gedrehten Halses

zu ihr empor, indes der dünnhaarige Pianist ihr von hinten unverwandt in

den Nacken blickte.

Die Ärzte kamen und mischten sich unter die Kurgesellschaft, Hofrat

Behrens in weißem und Dr. Krokowski in schwarzem Kittel. Sie gingen die

Reihe der Tischchen entlang, wobei der Hofrat beinahe an jedem ein

gemütliches Witzwort fallen ließ, so daß ein Kielwasser heiterer

Bewegung seinen Weg bezeichnete, und stiegen dann zur Jugend hinab,

deren weiblicher Teil sich sofort mit Wippen und schrägen Blicken um Dr.

Krokowski scharte, während der Hofrat dem Sonntage zu Ehren der

Herrenwelt das Kunststück mit seinem Schnürstiefel zeigte: er setzte

seinen gewaltigen Fuß auf eine höhere Stufe, löste die Bänder, ergriff

sie nach einer besonderen Praktik mit einer Hand und wußte sie, ohne die

andere zu Hilfe zu nehmen, mit solcher Fertigkeit kreuzweise einzuhaken,

daß alle sich wunderten und mehrere umsonst versuchten, es ihm

gleichzutun.

Später erschien auch Settembrini auf der Terrasse, – er kam, auf seinen

Spazierstock gestützt, aus dem Speisesaal, auch heute in seinem Flaus

und seinen gelblichen Hosen, mit feiner, geweckter und kritischer Miene,

sah sich um und näherte sich dem Tische der Vettern, indem er „Ah,

bravo!“ sagte und um die Erlaubnis bat, sich zu ihnen setzen zu dürfen.

„Bier, Tabak und Musik“, sagte er. „Da haben wir Ihr Vaterland! Ich

sehe, Sie haben Sinn für nationale Stimmung, Ingenieur. Sie sind in

Ihrem Elemente, das freut mich. Lassen Sie mich etwas teilnehmen an der

Harmonie Ihres Zustandes!“

Hans Castorp nahm seine Züge zusammen, – hatte es schon getan, als er

des Italieners nur ansichtig geworden war. Er sagte:

„Sie kommen aber spät zum Konzert, Herr Settembrini, es muß ja bald aus

sein. Hören Sie nicht gern Musik?“

„Nicht gern auf Kommando“, erwiderte Settembrini. „Nicht nach dem

Wochenkalender. Nicht gern, wenn sie nach Apotheke riecht und mir von

oben herab aus sanitären Gründen zugemessen wird. Ich halte ein wenig

auf meine Freiheit oder doch auf jenen Rest von Freiheit und

Menschenwürde, der unsereinem übrigbleibt. Bei solchen Veranstaltungen

hospitiere ich, wie Sie im großen bei uns hospitieren, – ich komme auf

eine Viertelstunde und gehe wieder meiner Wege. Das gibt mir die

Illusion der Unabhängigkeit ... Ich sage nicht, daß es mehr ist, als

eine Illusion, aber was wollen Sie, wenn sie mir eine gewisse Genugtuung

bereitet! Mit Ihrem Vetter, das ist etwas anderes. Für ihn ist es

Dienst. Nicht wahr, Leutnant, Sie betrachten es als zum Dienst gehörig.

Oh, ich weiß, Sie kennen den Trick, in der Sklaverei Ihren Stolz zu

bewahren. Ein verwirrender Trick. Nicht jedermann in Europa versteht

sich darauf. Musik? Fragten Sie nicht, ob ich mich als Liebhaber der

Musik bekenne? Nun, wenn Sie ‚Liebhaber‘ sagen (eigentlich entsann Hans

Castorp sich nicht, so gesagt zu haben), der Ausdruck ist nicht übel

gewählt, er hat einen Anflug zärtlicher Leichtfertigkeit. Gut denn, ich

schlage ein. Ja, ich bin ein Liebhaber der Musik, – womit nicht gesagt

sein soll, daß ich sie sonderlich achte, – so etwa, wie ich das Wort

achte und liebe, den Träger des Geistes, das Werkzeug, die glänzende

Pflugschar des Fortschritts ... Musik ... sie ist das halb Artikulierte,

das Zweifelhafte, das Unverantwortliche, das Indifferente. Vermutlich

werden Sie mir einwenden, daß sie klar sein könne. Aber auch die Natur

kann klar sein, auch ein Bächlein kann klar sein, und was hilft uns das?

Es ist nicht die wahre Klarheit, es ist eine träumerische, nichtssagende

und zu nichts verpflichtende Klarheit, eine Klarheit ohne Konsequenzen,

gefährlich deshalb, weil sie dazu verführt, sich bei ihr zu beruhigen

... Lassen Sie die Musik die Gebärde der Hochherzigkeit annehmen. Gut!

Sie wird damit unser Gefühl entflammen. Es kommt jedoch darauf an, die

Vernunft zu entflammen! Die Musik ist scheinbar die Bewegung selbst, –

gleichwohl habe ich sie im Verdachte des Quietismus. Lassen Sie mich die

Sache auf die Spitze stellen: Ich hege eine politische Abneigung gegen

die Musik.“

Hier konnte Hans Castorp nicht umhin, sich aufs Knie zu schlagen und

auszurufen, so etwas habe er denn doch in seinem Leben noch nicht

gehört.

„Ziehen Sie es trotzdem in Erwägung!“ sagte Settembrini lächelnd. „Die

Musik ist unschätzbar als letztes Begeisterungsmittel, als aufwärts und

vorwärts reißende Macht, wenn sie den Geist für ihre Wirkungen

vorgebildet findet. Aber die Literatur muß ihr vorangegangen sein. Musik

allein bringt die Welt nicht vorwärts. Musik allein ist gefährlich. Für

Sie persönlich, Ingenieur, ist sie unbedingt gefährlich. Ich sah es

sofort an Ihren Gesichtszügen, als ich kam.“

Hans Castorp lachte.

„Ach, mein Gesicht dürfen Sie nicht ansehen, Herr Settembrini. Sie

glauben nicht, wie die Luft bei Ihnen hier oben mir zusetzt. Es fällt

mir schwerer, als ich dachte, mich zu akklimatisieren.“

„Ich fürchte, Sie täuschen sich.“

„Nein, wieso! Weiß der Teufel, wie müde und heiß ich noch immer bin.“

„Ich finde doch, daß man der Direktion für die Konzerte dankbar sein

muß“, sagte Joachim besonnen. „Sie betrachten die Sache ja von einem

höheren Standpunkt, Herr Settembrini, sozusagen als Schriftsteller, und

da will ich Ihnen nicht widersprechen. Aber ich finde doch, daß man hier

dankbar sein muß für ein bißchen Musik. Ich bin gar nicht besonders

musikalisch, und dann sind die Stücke, die gespielt werden, ja auch

nicht weiter großartig, – weder klassisch noch modern, sondern nur

einfach Blechmusik. Aber es ist doch eine erfreuliche Abwechslung. Es

füllt ein paar Stunden so anständig aus, ich meine: es teilt sie ein und

füllt sie im einzelnen aus, so daß doch etwas daran ist, während man

sich hier sonst die Stunden und Tage und Wochen so schauderhaft um die

Ohren schlägt ... Sehen Sie, so eine anspruchslose Konzertnummer dauert

vielleicht sieben Minuten, nicht wahr, und die sind etwas für sich, sie

haben Anfang und Ende, sie heben sich ab und sind gewissermaßen bewahrt

davor, so unversehens im allgemeinen Schlendrian unterzugehen. Außerdem

sind sie ja wieder noch vielfach eingeteilt, durch die Figuren des

Stückes, und die wieder in Takte, so daß immer was los ist und jeder

Augenblick einen gewissen Sinn bekommt, an den man sich halten kann,

während sonst ... Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ...“

„Bravo!“ rief Settembrini. „Bravo, Leutnant! Sie bezeichnen sehr gut ein

unzweifelhaft sittliches Moment im Wesen der Musik, nämlich dieses, daß

sie dem Zeitablaufe durch eine ganz eigentümlich lebensvolle Messung

Wachheit, Geist und Kostbarkeit verleiht. Die Musik weckt die Zeit, sie

weckt uns zum feinsten Genusse der Zeit, sie weckt ... insofern ist sie

sittlich. Die Kunst ist sittlich, sofern sie weckt. Aber wie, wenn sie

das Gegenteil tut? Wenn sie betäubt, einschläfert, der Aktivität und dem

Fortschritt entgegenarbeitet? Auch das kann die Musik, auch auf die

Wirkung der Opiate versteht sie sich aus dem Grunde. Eine teuflische

Wirkung, meine Herren! Das Opiat ist vom Teufel, denn es schafft

Dumpfsinn, Beharrung, Untätigkeit, knechtischen Stillstand ... Es ist

etwas Bedenkliches um die Musik, meine Herren. Ich bleibe dabei, daß sie

zweideutigen Wesens ist. Ich gehe nicht zu weit, wenn ich sie für

politisch verdächtig erkläre.“

Er sprach noch weiter in dieser Art, und Hans Castorp hörte auch zu,

vermochte aber so recht nicht zu folgen, erstens seiner Müdigkeit wegen,

und dann auch, weil er abgelenkt war durch die geselligen Vorgänge unter

der leichten Jugend dort auf den Stufen. Sah er recht oder wie war das

eigentlich? Das Fräulein mit dem Tapirgesicht war beschäftigt, dem

Jungen mit dem Monokel einen Knopf an den Kniebund seiner Sporthose zu

nähen! Und dabei ging ihr der Atem schwer und heiß vor Asthma, während

_er_ seinen salzlöffelähnlichen Fingernagel hüstelnd zum Munde führte!

Sie waren ja krank, alle beide, aber trotzdem zeugte es von sonderbaren

Verkehrssitten unter den jungen Leuten hier oben. Die Musik spielte eine

Polka ...

Der Zauberberg. Erster Band · 第 29 / 45 题