Exkurs über den Zeitsinn

Als sie vom Essen wieder heraufkamen, lag das Paket mit den Decken schon

in Hans Castorps Zimmer auf einem Stuhl, und zum erstenmal machte er an

diesem Tage Gebrauch davon, – der geübte Joachim erteilte ihm Unterricht

in der Kunst, sich einzupacken, wie es alle hier oben machten und jeder

Neuling es gleich erlernen mußte. Man breitete die Decken, eine und dann

die andere, über das Stuhllager, so daß sie am Fußende ein reichliches

Stück auf den Boden hingen. Dann nahm man Platz und begann, die innere

um sich zu schlagen: zuerst der Länge nach bis unter die Achsel, hierauf

von unten über die Füße, wobei man sich sitzend bücken und das gefaltete

Ende doppelt fassen mußte, und dann von der anderen Seite, wobei der

doppelte Fußzipfel gut an den Längsrand zu passen war, wenn die

größtmögliche Glätte und Ebenmäßigkeit erzielt werden sollte. Danach

beobachtete man genau dasselbe Verfahren bei der äußeren Decke, – ihre

Handhabung war etwas schwieriger, und Hans Castorp, als Stümper und

Anfänger, ächzte nicht wenig, indem er, sich bückend und wieder

ausstreckend, die Griffe übte, die man ihn lehrte. Nur einige wenige

Altgediente, sagte Joachim, könnten _beide Decken gleichzeitig_ mit drei

sicheren Bewegungen um sich schleudern, aber das sei eine seltene und

geneidete Fertigkeit, zu der nicht nur langjährige Übung, sondern auch

eine natürliche Anlage gehöre. Über dies Wort mußte Hans Castorp lachen,

während er mit schmerzendem Rücken sich zurückfallen ließ, und Joachim,

der nicht gleich verstand, was hier komisch war, sah ihn unsicher an,

lachte dann aber auch.

„So,“ sagte er, als Hans Castorp ungegliedert und walzenförmig, die

nachgiebige Rolle im Nacken und erschöpft von all der Gymnastik im

Stuhle lag, „wenn es nun zwanzig Grad Kälte hätte, so könnte dir auch

nichts passieren.“ Und dann ging er hinter die Glaswand, um sich

ebenfalls einzupacken.

Das mit den zwanzig Grad Kälte bezweifelte Hans Castorp, denn ihn fror

entschieden, Schauer überliefen ihn wiederholt, während er durch die

Holzbögen in die sickernde, nieselnde Nässe dort draußen blickte, die

jeden Augenblick auf dem Punkte schien, wieder in Schneefall

überzugehen. Wie sonderbar übrigens, daß er bei all der Feuchtigkeit

immer noch so trockenhitzige Backen hatte, als säße er in einem

überheizten Zimmer. Auch fühlte er sich lächerlich angegriffen von den

Übungen mit den Decken, – wahrhaftig, „_Ocean steamships_“ zitterte ihm

in den Händen, sobald er es vor die Augen führte. So überaus gesund war

er doch eben auch nicht, – total anämisch, wie Hofrat Behrens gesagt

hatte, und deswegen neigte er wohl auch so zum Froste. Die unangenehmen

Empfindungen jedoch wurden aufgewogen durch die große Bequemlichkeit

seiner Lage, die schwer zu zergliedernden und fast geheimnisvollen

Eigenschaften des Liegestuhles, die Hans Castorp beim ersten Versuche

schon mit höchstem Beifall empfunden hatte, und die sich wieder und

wieder aufs glücklichste bewährten. Lag es an der Beschaffenheit der

Polster, der richtigen Neigung der Rückenlehne, der passenden Höhe und

Breite der Armstützen oder auch nur der zweckmäßigen Konsistenz der

Nackenrolle, genug, es konnte für das Wohlsein ruhender Glieder

überhaupt nicht humaner gesorgt sein, als durch diesen vorzüglichen

Liegestuhl. Und so war denn Zufriedenheit in Hans Castorps Herzen

darüber, daß zwei leere und sicher gefriedete Stunden vor ihm lagen,

diese durch die Hausordnung geheiligten Stunden der Hauptliegekur, die

er, obgleich nur zu Gaste hier oben, als eine ihm ganz gemäße

Einrichtung empfand. Denn er war geduldig von Natur, konnte lange ohne

Beschäftigung wohl bestehen und liebte, wie wir uns erinnern, die freie

Zeit, die von betäubender Tätigkeit nicht vergessen gemacht, verzehrt

und verscheucht wird. Um vier erfolgte der Vespertee mit Kuchen und

Eingemachtem, etwas Bewegung im Freien sodann, hierauf abermals Ruhe im

Stuhl, um sieben das Abendessen, welches, wie überhaupt die Mahlzeiten,

gewisse Spannungen und Sehenswürdigkeiten mit sich brachte, auf die man

sich freuen konnte, danach ein oder der andere Blick in den

stereoskopischen Guckkasten, das kaleidoskopische Fernrohr und die

kinematographische Trommel ... Hans Castorp hatte den Tageslauf bereits

am Schnürchen, wenn es auch viel zu viel gesagt wäre, daß er schon

„eingelebt“, wie man es nennt, gewesen sei.

Im Grunde hat es eine merkwürdige Bewandtnis mit diesem Sicheinleben an

fremdem Orte, dieser – sei es auch – mühseligen Anpassung und

Umgewöhnung, welcher man sich beinahe um ihrer selbst willen und in der

bestimmten Absicht unterzieht, sie, kaum daß sie vollendet ist, oder

doch bald danach, wieder aufzugeben und zum vorigen Zustande

zurückzukehren. Man schaltet dergleichen als Unterbrechung und

Zwischenspiel in den Hauptzusammenhang des Lebens ein, und zwar zum

Zweck der „Erholung“, das heißt: der erneuernden, umwälzenden Übung des

Organismus, welcher Gefahr lief und schon im Begriffe war, im

ungegliederten Einerlei der Lebensführung sich zu verwöhnen, zu

erschlaffen und abzustumpfen. Worauf beruht dann aber diese Erschlaffung

und Abstumpfung bei zu langer nicht aufgehobener Regel? Es ist nicht so

sehr körperlich-geistige Ermüdung und Abnutzung durch die Anforderungen

des Lebens, worauf sie beruht (denn für diese wäre ja einfache Ruhe das

wiederherstellende Heilmittel); es ist vielmehr etwas Seelisches, es ist

das Erlebnis der Zeit, – welches bei ununterbrochenem Gleichmaß abhanden

zu kommen droht und mit dem Lebensgefühle selbst so nahe verwandt und

verbunden ist, daß das eine nicht geschwächt werden kann, ohne daß auch

das andere eine kümmerliche Beeinträchtigung erführe. Über das Wesen der

Langenweile sind vielfach irrige Vorstellungen verbreitet. Man glaubt im

ganzen, daß Interessantheit und Neuheit des Gehaltes die Zeit

„vertreibe“, das heißt: verkürze, während Monotonie und Leere ihren Gang

beschwere und hemme. Das ist nicht unbedingt zutreffend. Leere und

Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und

„langweilig“ machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen

und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist ein

reicher und interessanter Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst

noch den Tag zu verkürzen und zu beschwingen, ins Große gerechnet jedoch

verleiht er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidität, so daß

ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen, leeren,

leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen. Was man

Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr eine krankhafte

Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: große Zeiträume

schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu

Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind

sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste

Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein.

Gewöhnung ist ein Einschlafen oder doch ein Mattwerden des Zeitsinnes,

und wenn die Jugendjahre langsam erlebt werden, das spätere Leben aber

immer hurtiger abläuft und hineilt, so muß auch das auf Gewöhnung

beruhen. Wir wissen wohl, daß die Einschaltung von Um- und

Neugewöhnungen das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten, unseren

Zeitsinn aufzufrischen, eine Verjüngung, Verstärkung, Verlangsamung

unseres Zeiterlebnisses und damit die Erneuerung unseres Lebensgefühls

überhaupt zu erzielen. Dies ist der Zweck des Orts- und Luftwechsels,

der Badereise, die Erholsamkeit der Abwechslung und der Episode. Die

ersten Tage an einem neuen Aufenthalt haben jugendlichen, das heißt

starken und breiten Gang, – es sind etwa sechs bis acht. Dann, in dem

Maße, wie man „sich einlebt“, macht sich allmähliche Verkürzung

bemerkbar: wer am Leben hängt oder, besser gesagt, sich ans Leben hängen

möchte, mag mit Grauen gewahren, wie die Tage wieder leicht zu werden

und zu _huschen_ beginnen; und die letzte Woche, etwa von vieren, hat

unheimliche Rapidität und Flüchtigkeit. Freilich wirkt die Erfrischung

des Zeitsinnes dann über die Einschaltung hinaus, macht sich, wenn man

zur Regel zurückgekehrt ist, aufs neue geltend: die ersten Tage zu Hause

werden ebenfalls, nach der Abwechslung, wieder neu, breit und jugendlich

erlebt, aber nur einige wenige: denn in die Regel lebt man sich rascher

wieder ein, als in ihre Aufhebung, und wenn der Zeitsinn durch Alter

schon müde ist oder – ein Zeichen von ursprünglicher Lebensschwäche –

nie stark entwickelt war, so schläft er sehr rasch wieder ein, und schon

nach vierundzwanzig Stunden ist es, als sei man nie weg gewesen, und als

sei die Reise der Traum einer Nacht.

Diese Bemerkungen werden nur deshalb hier eingefügt, weil der junge Hans

Castorp ähnliches im Sinne hatte, als er nach einigen Tagen zu seinem

Vetter sagte (und ihn dabei mit rotgeäderten Augen ansah):

„Komisch ist und bleibt es, wie die Zeit einem lang wird zu Anfang, an

einem fremden Ort. Das heißt ... Selbstverständlich kann keine Rede

davon sein, daß ich mich langweile, im Gegenteil, ich kann wohl sagen,

ich amüsiere mich königlich. Aber wenn ich mich umsehe, retrospektiv

also, versteh’ mich recht, kommt es mir vor, als ob ich schon wer weiß

wie lange hier oben wäre, und bis dahin zurück, wo ich ankam und nicht

gleich verstand, daß ich da war, und du noch sagtest: ‚Steige nur aus!‘

– erinnerst du dich? – das scheint mir eine ganze Ewigkeit. Mit Messen

und überhaupt mit dem Verstand hat das ja absolut nichts zu tun, es ist

eine reine Gefühlssache. Natürlich wäre es albern, zu sagen: ‚Ich glaube

schon zwei Monate hier zu sein‘, – das wäre ja Nonsens. Sondern ich kann

eben nur sagen: ‚Sehr lange‘.“

„Ja,“ antwortete Joachim, das Thermometer im Munde, „ich habe auch gut

davon, ich kann mich gewissermaßen an dir festhalten, seit du da bist.“

Und Hans Castorp lachte darüber, daß Joachim dies so einfach, ohne

Erklärung, sagte.

Der Zauberberg. Erster Band · 第 28 / 45 题