Hippe

So hob der Sonntag sich ab. Sein Nachmittag war überdies gekennzeichnet

durch Wagenfahrten, die von verschiedenen Gästegruppen unternommen

wurden: mehrere Zweispänner schleppten sich nach dem Tee die Wegschleife

herauf und hielten vorm Hauptportal, um ihre Besteller aufzunehmen,

Russen hauptsächlich, und zwar russische Damen.

„Russen fahren immer spazieren“, sagte Joachim zu Hans Castorp, – sie

standen zusammen vor dem Portal und sahen zu ihrer Unterhaltung den

Abfahrten zu. „Nun fahren sie nach Clavadell oder nach dem See oder ins

Flüelatal oder nach Klosters, das sind so die Ziele. Wir können auch mal

fahren während deiner Anwesenheit, wenn du Lust hast. Aber ich glaube,

vorläufig hast du genug zu tun, um dich einzuleben, und brauchst keine

Unternehmungen.“

Hans Castorp stimmte dem bei. Er hatte eine Zigarette im Munde und die

Hände in den Hosentaschen. So sah er zu, wie die kleine, muntere, alte

russische Dame mit ihrer mageren Großnichte und zwei anderen Damen in

einem Wagen Platz nahm; es waren Marusja und Madame Chauchat. Diese

hatte einen dünnen Staubmantel, mit einem Gurt im Rücken, angelegt, war

jedoch ohne Hut. Sie setzte sich neben die Alte in den Fond des Wagens,

während die jungen Mädchen die Rückplätze einnahmen. Alle vier waren

lustig und regten unaufhörlich die Münder in ihrer weichen, gleichsam

knochenlosen Sprache. Sie sprachen und lachten über die Wagendecke, in

die sie sich unter Schwierigkeiten teilten, über das russische Konfekt,

das die Großtante als Mundvorrat in einem mit Watte und Papierspitzen

gepolsterten Holzkistchen mitführte und schon jetzt präsentierte ...

Hans Castorp unterschied mit Anteil Frau Chauchats verschleierte Stimme.

Wie immer, wenn ihm die nachlässige Frau vor Augen kam, bekräftigte sich

ihm aufs neue jene Ähnlichkeit, nach der er eine Weile gesucht hatte und

die ihm im Traume aufgegangen war ... Marusjas Lachen aber, der Anblick

ihrer runden, braunen Augen, die kindlich über das Tüchlein

hinwegblickten, womit sie den Mund bedeckte, und ihrer hohen Brust, die

innerlich gar nicht wenig krank sein sollte, erinnerte ihn an etwas

Anderes, Erschütterndes, was er neulich gesehen hatte, und so blickte er

vorsichtig und ohne den Kopf zu bewegen zur Seite auf Joachim. Nein,

gottlob, so fleckig im Gesicht sah Joachim nicht aus wie damals, und

auch seine Lippen waren jetzt nicht so kläglich verzerrt. Aber er sah

Marusja an – und zwar in einer Haltung, mit einem Augenausdruck, die

unmöglich militärisch genannt werden konnten, vielmehr so trüb und

selbstvergessen erschienen, daß man sie als ausgemacht zivilistisch

ansprechen mußte. Dann raffte er sich übrigens zusammen und blickte

rasch nach Hans Castorp, so daß dieser eben noch Zeit hatte, seine Augen

von ihm fortzutun und sie irgendwohin in die Lüfte zu senden. Er fühlte

sein Herz klopfen dabei, – unmotiviert und auf eigene Hand, wie es das

hier nun einmal tat.

Der Rest des Sonntags bot nichts Außerordentliches, abgesehen vielleicht

von den Mahlzeiten, die, da sie reicher als gewöhnlich nicht wohl

gestaltet werden konnten, wenigstens eine erhöhte Feinheit der Gerichte

aufwiesen. (Zum Mittagessen gab es ein _Chaud-froid_ von Hühnern, mit

Krebsen und halbierten Kirschen verziert; zum Gefrorenen Patisserie in

Körbchen, die aus gesponnenem Zucker geflochten waren, und dann auch

noch frische Ananas.) Abends, nachdem er sein Bier getrunken, fühlte

Hans Castorp sich noch erschöpfter, frostiger und schwerer von Gliedern,

als die Tage vorher, sagte seinem Vetter schon gegen neun Uhr gute

Nacht, zog eilig das Federbett bis über das Kinn und schlief ein wie

erschlagen.

Allein schon der folgende Tag, der erste Montag also, den der Hospitant

hier oben verlebte, brachte eine weitere regelmäßig wiederkehrende

Abwandlung des Tageslaufes: nämlich einen jener Vorträge, die Dr.

Krokowski vierzehntägig im Speisesaal vor dem gesamten volljährigen, der

deutschen Sprache kundigen und nicht moribunden Publikum des „Berghofes“

hielt. Es handelte sich, wie Hans Castorp von seinem Vetter hörte, um

eine Reihe zusammenhängender Kollegien, einen populär-wissenschaftlichen

Kursus unter dem Generaltitel „Die Liebe als krankheitbildende Macht“.

Die belehrende Unterhaltung fand nach dem zweiten Frühstück statt, und

es war, wie wiederum Joachim sagte, nicht zulässig, wurde zum mindesten

höchst ungern gesehen, daß man sich davon ausschlösse, – weshalb es denn

auch als erstaunliche Frechheit galt, daß Settembrini, obgleich des

Deutschen mächtiger als irgend jemand, die Vorträge nicht nur niemals

besuchte, sondern sich auch in den abschätzigsten Äußerungen darüber

erging. Was Hans Castorp betraf, so war er vor allem aus Höflichkeit,

dann aber auch aus unverhohlener Neugier sofort entschlossen, sich

einzufinden. Vorher jedoch tat er etwas ganz Verkehrtes und

Fehlerhaftes: er ließ sich einfallen, auf eigene Hand einen ausgedehnten

Spaziergang zu machen, was ihm über alles Vermuten schlecht bekam.

„Jetzt paß auf!“ waren seine ersten Worte, als Joachim morgens in sein

Zimmer trat. „Ich sehe, daß es mit mir nicht so weitergeht. Ich habe die

horizontale Lebensweise nun satt, – das Blut schläft einem ja dabei ein.

Mit dir ist es selbstverständlich was anderes, du bist Patient, dich

will ich durchaus nicht verführen. Aber ich will nun mal gleich nach dem

Frühstück einen ordentlichen Spaziergang unternehmen, wenn du es mir

nicht übel nimmst, so ein paar Stunden aufs Geratewohl in die Welt

hinein. Ich stecke mir einen Bissen zum Frühstück in die Tasche, dann

bin ich unabhängig. Wir wollen doch sehen, ob ich nicht ein anderer Kerl

bin, wenn ich nach Hause komme.“

„Schön!“ sagte Joachim, da er sah, daß es dem anderen ernst war mit

seinem Begehren und Vorsatz. „Aber übertreibe es nicht, das rate ich

dir. Es ist hier anders als wie zu Hause. Und dann sei pünktlich zum

Vortrag zurück!“

In Wirklichkeit waren es noch andere Gründe, als nur der körperliche,

die dem jungen Hans Castorp sein Vorhaben eingegeben hatten. Ihm war,

als ob an seinem hitzigen Kopf, dem schlechten Geschmack, den er

meistens im Munde hatte, und dem willkürlichen Klopfen seines Herzens

viel weniger die Schwierigkeiten der Akklimatisation schuld seien, als

solche Dinge, wie das Treiben des russischen Ehepaars nebenan, die Reden

der kranken und dummen Frau Stöhr bei Tische, des Herrenreiters weicher

Husten, den er täglich auf den Korridoren vernahm, die Äußerungen Herrn

Albins, die Eindrücke, die er von den Verkehrssitten der leidenden

Jugend empfangen hatte, der Gesichtsausdruck Joachims, wenn er Marusja

betrachtete, und dergleichen Wahrnehmungen mehr. Er dachte, es müsse gut

sein, dem Bannkreise des „Berghofes“ einmal zu entkommen, im Freien tief

aufzuatmen und sich tüchtig zu rühren, um, wenn man abends müde war,

doch wenigstens zu wissen, warum. Und so trennte er sich denn

unternehmend von Joachim, als dieser nach dem Frühstück seinen

dienstlich abgemessenen Lustwandel nach der Bank an der Wasserrinne

antrat, und marschierte stockschwenkend die Fahrstraße hinab seine

eigenen Wege.

Es war ein kühler, bedeckter Morgen – gegen halb neun Uhr. Wie er es

sich vorgenommen, atmete Hans Castorp tief die reine Frühluft, diese

frische und leichte Atmosphäre, die mühelos einging und ohne

Feuchtigkeitsduft, ohne Gehalt, ohne Erinnerungen war ... Er überschritt

den Wasserlauf und das Schmalspurgeleise, gelangte auf die unregelmäßig

bebaute Straße, verließ sie gleich wieder und schlug einen Wiesenpfad

ein, der nur ein kurzes Stück zu ebener Erde lief und dann schräg hin

und ziemlich steil den rechtsseitigen Hang emporführte. Das Steigen

freute Hans Castorp, seine Brust weitete sich, er schob mit der

Stockkrücke den Hut aus der Stirn, und als er, aus einiger Höhe

zurückblickend, in der Ferne den Spiegel des Sees gewahrte, an dem er

auf der Herreise vorübergekommen war, begann er zu singen.

Er sang die Stücke, über die er eben verfügte, allerlei volkstümlich

empfindsame Lieder, wie sie in Kommers- und Turnliederbüchern stehen,

unter anderem eines, worin die Zeilen vorkamen:

„Die Barden sollen Lieb und Wein,

Doch öfter Tugend preisen“ –

sang sie anfangs leise und summend, dann laut und aus ganzer Kraft. Sein

Bariton war spröde, aber heute fand er ihn schön, und das Singen

begeisterte ihn mehr und mehr. Hatte er zu hoch eingesetzt, so verlegte

er sich auf fistelnde Kopftöne, und auch diese erschienen ihm schön.

Wenn sein Gedächtnis ihn im Stiche ließ, so half er sich damit, daß er

der Melodie irgendwelche sinnlose Silben und Worte unterlegte, die er

nach Art der Kunstsänger formenden Mundes und mit prunkendem Gaumen-R in

die Lüfte sandte, und ging schließlich dazu über, sowohl was den Text

als auch was die Töne betraf, nur noch zu phantasieren und seine

Produktion sogar mit opernhaften Armbewegungen zu begleiten. Da es sehr

anstrengend ist, zugleich zu steigen und zu singen, so wurde ihm bald

der Atem knapp und fehlte ihm immer mehr. Aber aus Idealismus, um der

Schönheit des Gesanges willen, bezwang er die Not und gab unter häufigen

Seufzern sein Letztes her, bis er sich endlich in äußerster

Kurzluftigkeit, blind, nur ein farbiges Flimmern vor Augen und mit

fliegenden Pulsen unter einer dicken Kiefer niedersinken ließ, – nach so

großer Erhebung plötzlich die Beute durchgreifender Verstimmung, eines

Katzenjammers, der an Verzweiflung grenzte.

Als er mit leidlich wieder befestigten Nerven sich aufmachte, um seinen

Spaziergang fortzusetzen, zitterte sein Genick sehr lebhaft, so daß er

bei so jungen Jahren genau auf dieselbe Weise mit dem Kopfe wackelte,

wie der alte Hans Lorenz Castorp es dereinst getan hatte. Er selbst fand

sich durch die Erscheinung an seinen verstorbenen Großvater herzlich

erinnert, und ohne sie als widerwärtig zu empfinden, gefiel er sich

darin, die ehrwürdige Kinnstütze nachzuahmen, womit der Alte dem

Kopfzittern zu steuern gesucht und die dem Knaben einst so zugesagt

hatte.

Er stieg noch höher, in Serpentinen. Kuhglockengeläut zog ihn an, und er

fand auch die Herde; sie graste in der Nähe einer Blockhütte, deren Dach

mit Steinen beschwert war. Zwei bärtige Männer kamen ihm entgegen, mit

Äxten auf den Schultern, und trennten sich, als sie nahe herangekommen.

„Nun, so leb wohl und hab Dank!“ sagte der eine zum andern mit tiefer,

gaumiger Stimme, legte seine Axt auf die andere Schulter und begann ohne

Weg und mit knackenden Tritten zwischen den Fichten zu Tal zu schreiten.

Es hatte so sonderbar in der Einsamkeit geklungen, dieses „Leb wohl und

hab Dank“ und träumerisch Hans Castorps vom Steigen und Singen

benommenen Sinn berührt. Er sprach es leise nach, indem er sich bemühte,

die gutturale und feierlich-unbeholfene Mundart des Gebirglers

nachzuahmen, und stieg noch ein Stück über die Almhütte hinaus, da es

ihm darum zu tun war, die Baumgrenze zu erreichen; doch ließ er nach

einem Blick auf die Uhr von diesem Vorhaben ab.

Er folgte linkshin, in der Richtung gegen den Ort, einem Pfade, der eben

lief und dann abwärts führte. Hochstämmiger Nadelwald nahm ihn auf, und

indem er ihn durchwanderte, begann er sogar wieder ein wenig zu singen,

wenn auch mit Vorsicht und obgleich seine Knie beim Abstiege noch

befremdlicher zitterten als vorher. Aber aus dem Gehölz hervortretend,

stand er überrascht vor einer prächtigen Szenerie, die sich ihm öffnete,

einer intim geschlossenen Landschaft von friedlich-großartiger

Bildmäßigkeit.

In flachem, steinigem Bett kam ein Bergwasser die rechtsseitige Höhe

herab, ergoß sich schäumend über terrassenförmig gelagerte Blöcke und

floß dann ruhiger gegen das Tal hin weiter, von einem Stege mit schlicht

gezimmertem Geländer malerisch überbrückt. Der Grund war blau von den

Glockenblüten einer staudenartigen Pflanze, die überall wucherte. Ernste

Fichten, riesig und ebenmäßig von Wuchs, standen einzeln und in Gruppen

auf dem Boden der Schlucht sowie die Höhen hinan, und eine davon, zur

Seite des Wildbaches schräg im Gehänge wurzelnd, ragte schief und bizarr

in das Bild hinein. Rauschende Abgeschiedenheit waltete über dem

schönen, einsamen Ort. Jenseits des Baches bemerkte Hans Castorp eine

Ruhebank.

Er überschritt den Steg und setzte sich, um sich vom Anblick des

Wassersturzes, des treibenden Schaums unterhalten zu lassen,

dem idyllisch gesprächigen, einförmigen und doch innerlich

abwechslungsvollen Geräusche zu lauschen; denn rauschendes Wasser liebte

Hans Castorp ebensosehr wie Musik, ja vielleicht noch mehr. Aber kaum

hatte er sichs bequem gemacht, als ein Nasenbluten ihn so plötzlich

befiel, daß er seinen Anzug nicht ganz vor Verunreinigung schützen

konnte. Die Blutung war heftig, hartnäckig und machte ihm wohl eine

halbe Stunde lang zu schaffen, indem sie ihn zwang, beständig zwischen

Bach und Bank hin und her zu laufen, sein Schnupftuch zu spülen, Wasser

aufzuschnauben und sich wieder flach auf den Brettersitz hinzustrecken,

das feuchte Tuch auf der Nase. So blieb er liegen als endlich das Blut

versiegte – lag still, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, mit

hochgezogenen Knien, die Augen geschlossen, die Ohren erfüllt vom

Rauschen, nicht unwohl, eher besänftigt vom reichlichen Aderlaß und in

einem Zustande sonderbar herabgesetzter Lebenstätigkeit; denn wenn er

ausgeatmet hatte, fühlte er lange kein Bedürfnis, neue Luft einzuholen,

sondern ließ mit stillgestelltem Leibe ruhig sein Herz eine Reihe von

Schlägen tun, bis er spät und träge wieder einen oberflächlichen Atemzug

aufnahm.

Da fand er sich auf einmal in jene frühe Lebenslage versetzt, die das

Urbild eines nach neuesten Eindrücken gemodelten Traumes war, den er vor

einigen Nächten geträumt ... Aber so stark, so restlos, so bis zur

Aufhebung des Raumes und der Zeit war er ins Dort und Damals entrückt,

daß man hätte sagen können, ein lebloser Körper liege hier oben beim

Gießbache auf der Bank, während der eigentliche Hans Castorp weit fort

in früherer Zeit und Umgebung stünde, und zwar in einer bei aller

Einfachheit gewagten und herzberauschenden Situation.

Er war dreizehn Jahre alt, Untertertianer, ein Junge in kurzen Hosen,

und stand auf dem Schulhof im Gespräch mit einem anderen, ungefähr

gleichaltrigen Jungen aus einer anderen Klasse, – einem Gespräch, das

Hans Castorp ziemlich willkürlich vom Zaune gebrochen hatte, und das

ihn, obgleich es seines sachlichen und knapp umschriebenen Gegenstandes

wegen nur ganz kurz sein konnte, doch im höchsten Grade erfreute. Es war

die Pause zwischen der vorletzten und letzten Stunde, einer Geschichts-

und einer Zeichenstunde für Hans Castorps Klasse. Auf dem Hofe, der mit

roten Klinkern gepflastert und von einer mit Schindeln gedeckten und mit

zwei Eingangstoren versehenen Mauer gegen die Straße abgetrennt war,

gingen die Schüler in Reihen auf und nieder, standen in Gruppen, lehnten

halb sitzend an den glasierten Mauervorsprüngen des Gebäudes. Es

herrschte Stimmengewirr. Ein Lehrer im Schlapphut beaufsichtigte das

Treiben, indem er in eine Schinkensemmel biß.

Der Knabe, mit dem Hans Castorp sprach, hieß Hippe, mit Vornamen

Pribislav. Als Merkwürdigkeit kam hinzu, daß das r dieses Vornamens wie

sch auszusprechen war: es hieß „Pschibislav“; und dieser absonderliche

Vorname stimmte nicht schlecht zu seinem Äußeren, das nicht ganz

durchschnittsmäßig, entschieden etwas fremdartig war. Hippe, Sohn eines

Historikers und Gymnasialprofessors, notorischer Musterschüler folglich

und schon eine Klasse weiter als Hans Castorp, obgleich kaum älter als

dieser, stammte aus Mecklenburg und war für seine Person offenbar das

Produkt einer alten Rassenmischung, einer Versetzung germanischen Blutes

mit wendisch-slawischem – oder auch umgekehrt. Zwar war er blond, – sein

Haar war ganz kurz über dem Rundschädel geschoren. Aber seine Augen,

blaugrau oder graublau von Farbe – es war eine etwas unbestimmte und

mehrdeutige Farbe, die Farbe etwa eines fernen Gebirges –, zeigten einen

eigentümlichen, schmalen und genau genommen sogar etwas schiefen

Schnitt, und gleich darunter saßen die Backenknochen, vortretend und

stark ausgeprägt, – eine Gesichtsbildung, die in seinem Falle durchaus

nicht entstellend, sondern sogar recht ansprechend wirkte, die aber

genügt hatte, ihm bei seinen Kameraden den Spitznamen „der Kirgise“

einzutragen. Übrigens trug Hippe schon lange Hosen und dazu eine

hochgeschlossene, blaue, im Rücken gezogene Joppe, auf deren Kragen

einige Schuppen von seiner Kopfhaut zu liegen pflegten.

Nun war die Sache die, daß Hans Castorp schon von langer Hand her sein

Augenmerk auf diesen Pribislav gerichtet, – aus dem ganzen ihm bekannten

und unbekannten Gewimmel des Schulhofes ihn erlesen hatte, sich für ihn

interessierte, ihm mit den Blicken folgte, soll man sagen: ihn

bewunderte? auf jeden Fall ihn mit ausnehmendem Anteil betrachtete und

sich schon auf dem Schulwege darauf freute, ihn im Verkehre mit seinen

Klassengenossen zu beobachten, ihn sprechen und lachen zu sehen und von

weitem seine Stimme zu unterscheiden, die angenehm belegt, verschleiert,

etwas heiser war. Zugegeben, daß für diese Teilnahme kein recht

zureichender Grund vorhanden war, wenn man nicht etwa den heidnischen

Vornamen, das Musterschülertum (das aber unmöglich ins Gewicht fallen

konnte) oder endlich die Kirgisenaugen für einen solchen nehmen wollte,

– Augen, die sich zuweilen, bei einem gewissen Seitenblick, der nicht

zum Sehen diente, auf eine schmelzende Weise ins Schleierig-Nächtige

verdunkeln konnten – so machte Hans Castorp sich doch wenig Sorge um die

geistige Rechtfertigung seiner Empfindungen oder gar darum, wie sie etwa

notfalls zu benennen gewesen wären. Denn von Freundschaft konnte nicht

gut die Rede sein, da er Hippe ja gar nicht „kannte“. Aber erstens lag

nicht die geringste Nötigung zur Namengebung vor, da kein Gedanke daran

war, daß der Gegenstand je zur Sprache gebracht werden könnte, – dazu

eignete er sich nicht und verlangte auch nicht danach. Und zweitens

bedeutet ein Name ja, wenn nicht Kritik, so doch Bestimmung, das heißt

Unterbringung im Bekannten und Gewohnten, während Hans Castorp doch von

der unbewußten Überzeugung durchdrungen war, daß ein inneres Gut, wie

dieses, vor solcher Bestimmung und Unterbringung ein für allemal

geschützt sein sollte.

Aber gut oder schlecht begründet, jedenfalls waren diese dem Namen und

der Mitteilung so fernen Empfindungen von solcher Lebenskraft, daß Hans

Castorp sich schon fast seit einem Jahr – ungefähr seit einem Jahr, denn

genau waren ihre Anfänge nicht aufzufinden – im stillen damit trug, was

zum mindesten für die Treue und Beständigkeit seines Charakters sprach,

wenn man erwägt, welche riesige Zeitmasse ein Jahr in diesem Lebensalter

bedeutet. Leider wohnt den Bezeichnungen von Charaktereigenschaften

regelmäßig ein moralisches Urteil inne, sei es im lobenden oder

tadelnden Sinn, obgleich sie alle ihre zwei Seiten haben. Hans Castorps

„Treue“, auf die er sich übrigens weiter nichts zugute tat, bestand,

ohne Wertung gesprochen, in einer gewissen Schwerfälligkeit, Langsamkeit

und Beharrlichkeit seines Gemütes, einer erhaltenden Grundstimmung, die

ihm Zustände und Lebensverhältnisse der Anhänglichkeit und des

Fortbestandes desto würdiger erscheinen ließ, je länger sie bestanden.

Auch war er geneigt, an die unendliche Dauer des Zustandes, der

Verfassung zu glauben, worin er sich gerade befand, schätzte sie eben

darum und war nicht auf Veränderung erpicht. So hatte er sich an sein

stilles und fernes Verhältnis zu Pribislav Hippe im Herzen gewöhnt und

hielt es im Grunde für eine bleibende Einrichtung seines Lebens. Er

liebte die Gemütsbewegungen, die es mit sich brachte, die Spannung, ob

jener ihm heute begegnen, dicht an ihm vorübergehen, vielleicht ihn

anblicken werde, die lautlosen, zarten Erfüllungen, mit denen sein

Geheimnis ihn beschenkte, und sogar die Enttäuschungen, die zur Sache

gehörten und deren größte war, wenn Pribislav „fehlte“: dann war der

Schulhof verödet, der Tag aller Würze bar, aber die hinhaltende Hoffnung

blieb.

Das dauerte ein Jahr, bis es auf jenen abenteuerlichen Höhepunkt

gelangte, dann dauerte es noch ein Jahr, dank der bewahrenden Treue Hans

Castorps, und dann hörte es auf – und zwar ohne daß er mehr von der

Lockerung und Auflösung der Bande merkte, die ihn an Pribislav Hippe

knüpften, als er von ihrer Entstehung gemerkt hatte. Auch verließ

Pribislav, infolge der Versetzung seines Vaters, Schule und Stadt; aber

das beachtete Hans Castorp kaum noch; er hatte ihn schon vorher

vergessen. Man kann sagen, daß die Gestalt des „Kirgisen“ unmerklich aus

Nebeln in sein Leben getreten war, langsam immer mehr Deutlichkeit und

Greifbarkeit gewonnen hatte, bis zu jenem Augenblick der größten Nähe

und Körperlichkeit, auf dem Hofe, eine Weile so im Vordergrunde

gestanden hatte und dann allmählich wieder zurückgetreten und ohne

Abschiedsweh in den Nebeln entschwunden war.

Jener Augenblick aber, die gewagte und abenteuerliche Situation, in die

Hans Castorp sich nun wieder versetzt fand, das Gespräch, ein wirkliches

Gespräch mit Pribislav Hippe, kam folgendermaßen zustande. Die

Zeichenstunde war an der Reihe, und Hans Castorp bemerkte, daß er seinen

Bleistift nicht bei sich hatte. Jeder seiner Klassengenossen brauchte

den seinen; aber er hatte ja unter den Angehörigen anderer Klassen

diesen und jenen Bekannten, den er um einen Stift hätte angehen können.

Am bekanntesten jedoch, fand er, war ihm Pribislav, am nächsten stand

ihm dieser, mit dem er im stillen schon so viel zu tun gehabt hatte; und

mit einem freudigen Aufschwunge seines Wesens beschloß er, die

Gelegenheit – eine Gelegenheit nannte er es – zu benutzen und Pribislav

um einen Bleistift zu bitten. Daß das ein ziemlich sonderbarer Streich

sein werde, da er Hippe in Wirklichkeit ja nicht kannte, das entging

ihm, oder er kümmerte sich doch nicht darum, verblendet von merkwürdiger

Rücksichtslosigkeit. Und so stand er denn nun im Gewühle des

Klinkerhofes wirklich vor Pribislav Hippe und sagte zu ihm:

„Entschuldige, kannst du mir einen Bleistift leihen?“

Und Pribislav sah ihn an mit seinen Kirgisenaugen über den vorstehenden

Backenknochen und sprach zu ihm mit seiner angenehm heiseren Stimme,

ohne Verwunderung oder doch ohne Verwunderung an den Tag zu legen.

„Gern“, sagte er. „Du mußt ihn mir nach der Stunde aber bestimmt

zurückgeben.“ Und zog sein Crayon aus der Tasche, ein versilbertes

Crayon mit einem Ring, den man aufwärts schieben mußte, damit der rot

gefärbte Stift aus der Metallhülse wachse. Er erläuterte den einfachen

Mechanismus, während ihre beiden Köpfe sich darüberneigten.

„Aber mach ihn nicht entzwei!“ sagte er noch.

Wo dachte er hin? Als ob Hans Castorp die Absicht gehabt hätte, den

Stift etwa _nicht_ zurückzuerstatten oder gar ihn fahrlässig zu

behandeln.

Dann sahen sie einander lächelnd an, und da nichts mehr zu sagen blieb,

so kehrten sie sich erst die Schultern und dann die Rücken zu und

gingen.

Das war alles. Aber vergnügter war Hans Castorp in seinem Leben nie

gewesen, als in dieser Zeichenstunde, da er mit Pribislav Hippes

Bleistift zeichnete, – mit der Aussicht obendrein, ihn nachher seinem

Besitzer wieder einzuhändigen, was als reine Dreingabe zwanglos und

selbstverständlich aus dem vorhergehenden folgte. Er war so frei, den

Bleistift etwas zuzuspitzen, und von den rot lackierten Schnitzeln, die

abfielen, bewahrte er drei oder vier fast ein ganzes Jahr lang in einer

inneren Schublade seines Pultes auf, – niemand, der sie gesehen hätte,

würde geahnt haben, wie Bedeutendes es damit auf sich hatte. Übrigens

vollzog die Rückgabe sich in den einfachsten Formen, was aber ganz nach

Hans Castorps Sinne war, ja, worauf er sich sogar etwas Besonderes

zugute tat, – abgestumpft und verwöhnt, wie er war, durch den intimen

Verkehr mit Hippe.

„Da“, sagte er. „Danke sehr.“

Und Pribislav sagte gar nichts, sondern revidierte nur flüchtig den

Mechanismus und schob das Crayon in die Tasche ...

Dann hatten sie nie wieder miteinander gesprochen, aber dies eine Mal,

dank Hans Castorps Unternehmungsgeist, war es eben doch geschehen ...

Er riß die Augen auf, verwirrt von der Tiefe seiner Entrücktheit. „Ich

glaube, ich habe geträumt!“ dachte er. „Ja, das war Pribislav. Lange

habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Wo sind die Schnitzel hingekommen?

Das Pult ist auf dem Boden, zu Hause bei Onkel Tienappel. Sie müssen

noch in der inneren kleinen Schublade links hinten sein. Ich habe sie

nie herausgenommen. Nicht einmal soviel Aufmerksamkeit, sie wegzuwerfen,

erwies ich ihnen ... Es war ganz Pribislav, wie er leibte und lebte. Ich

hätte nicht gedacht, daß ich ihn je so deutlich wiedersehen würde. Wie

merkwürdig ähnlich er ihr sah, – dieser hier oben! Darum also

interessiere ich mich so für sie? Oder vielleicht auch: habe ich mich

darum so für _ihn_ interessiert? Unsinn! Ein schöner Unsinn. Ich muß

übrigens gehen, und zwar schleunigst.“ Aber er blieb doch noch liegen,

sinnend und sich erinnernd. Dann richtete er sich auf. „Nun, so leb wohl

und hab Dank!“ sagte er und bekam Tränen in die Augen, während er

lächelte. Damit wollte er aufbrechen; aber er setzte sich, Hut und Stock

in der Hand, rasch noch einmal nieder, denn er hatte bemerken müssen,

daß seine Knie ihn nicht recht trugen. „Hoppla,“ dachte er, „ich glaube,

das wird nicht gehen! Und dabei soll ich Punkt elf Uhr zum Vortrag im

Eßsaal sein. Das Spazierengehen hat hier sein Schönes, aber auch seine

Schwierigkeiten, wie es scheint. Ja, ja, aber hierbleiben kann ich

nicht. Es ist nur, daß ich vom Liegen etwas lahm geworden bin; in der

Bewegung wird es schon besser werden.“ Und er versuchte nochmals, auf

die Beine zu kommen, und da er sich gehörig zusammennahm, so ging es.

Immerhin wurde es eine klägliche Heimkehr, nach einem so hochgemuten

Auszug. Wiederholt mußte er am Wege rasten, da er fühlte, daß sein

Gesicht plötzlich weiß wurde, kalter Schweiß ihm auf die Stirne trat und

das regellose Verhalten seines Herzens ihm den Atem benahm. Kümmerlich

kämpfte er sich so die Serpentinen hinab; als er aber in der Nähe des

Kurhauses das Tal erreichte, sah er klar und deutlich, daß er die

gedehnte Wegstrecke zum „Berghof“ unmöglich noch aus eigener Kraft werde

überwinden können, und da es keine Trambahn gab und kein Mietsfuhrwerk

sich zeigte, so bat er einen Fuhrmann, der einen Stellwagen mit leeren

Kisten gegen „Dorf“ hin lenkte, ihn aufsitzen zu lassen. Rücken an

Rücken mit dem Kutscher, die Beine vom Wagen hängend, von den Passanten

mit verwunderter Teilnahme betrachtet, schwankend und nickend im

Halbschlaf und unter den Stößen des Gefährtes, zog er dahin, stieg ab

beim Bahnübergange, gab Geld hin, ohne zu sehen, wie viel und wie wenig,

und hastete kopfüber die Wegschleife hinan.

„_Dépêchez-vous, monsieur!_“ sagte der französische Türhüter. „_La

conférence de M. Krokowski vient de commencer._“ Und Hans Castorp warf

Hut und Stock in die Garderobe und zwängte sich hastig-behutsam, die

Zunge zwischen den Zähnen, durch die kaum geöffnete Glastür in den

Speisesaal, wo die Kurgesellschaft reihenweise auf Stühlen saß, während

an der rechten Schmalseite Dr. Krokowski im Gehrock hinter einem

gedeckten und mit einer Wasserkaraffe geschmückten Tische stand und

sprach ...

Der Zauberberg. Erster Band · 第 30 / 45 题