Herr Albin

Drunten im Garten hob sich das Phantasie-Fahnentuch mit dem

Schlangenstabe zuweilen im Windhauch. Der Himmel hatte sich wieder

gleichmäßig bedeckt. Die Sonne war fort, und sogleich war es fast

unwirtlich kühl geworden. Die gemeinsame Liegehalle schien voll besetzt;

es herrschte Gespräch und Gekicher dort unten.

„Herr Albin, ich flehe Sie an, legen Sie das Messer fort, stecken Sie es

ein, es geschieht ein Unglück damit!“ klagte eine hohe, schwankende

Damenstimme. Und:

„Bester Herr Albin, um Gottes willen, schonen Sie unsere Nerven und

bringen Sie uns das entsetzliche Mordding aus den Augen!“ mischte sich

eine zweite darein, – worauf ein blondköpfiger junger Mann, welcher,

eine Zigarette im Munde, seitwärts auf dem vordersten Liegestuhl saß, in

frechem Tone erwiderte:

„Fällt mir nicht ein! Die Damen werden mir doch wohl erlauben, etwas mit

meinem Messer zu spielen! Nun ja, gewiß, es ist ein besonders scharfes

Messer. Ich habe es in Kalkutta einem blinden Zauberer abgekauft ... Er

konnte es verschlucken, und gleich darauf grub sein Boy es fünfzig

Schritte von ihm entfernt aus dem Boden ... Wollen Sie sehen? Es ist

viel schärfer als ein Rasiermesser. Man braucht die Schneide nur zu

berühren, und sie geht einem ins Fleisch wie durch Butter. Warten Sie,

ich zeige es Ihnen näher ...“ Und Herr Albin stand auf. Ein Gekreisch

erhob sich. „Nein, jetzt hole ich meinen Revolver!“ sagte Herr Albin.

„Das wird Sie mehr interessieren. Ein ganz verflixtes Ding. Von einer

Durchschlagskraft ... Ich hole ihn aus meinem Zimmer.“

„Herr Albin, Herr Albin, tun Sie es nicht!“ zeterten mehrere Stimmen.

Aber Herr Albin kam schon aus der Liegehalle hervor, um auf sein Zimmer

zu gehen, – blutjung und schlenkricht, mit rosigem Kindergesicht und

kleinen Backenbartstreifen neben den Ohren.

„Herr Albin,“ rief eine Dame hinter ihm drein, „holen Sie lieber Ihren

Paletot, ziehen Sie ihn an, tun Sie es mir zuliebe! Sechs Wochen haben

Sie mit Lungenentzündung gelegen, und nun sitzen Sie hier ohne

Überzieher und decken sich nicht einmal zu und rauchen Zigaretten! Das

heißt Gott versuchen, Herr Albin, mein Ehrenwort!“

Aber er lachte nur höhnisch im Weggehen, und schon nach wenigen Minuten

kehrte er mit dem Revolver zurück. Da kreischten sie noch alberner als

vorhin, und man hörte, daß mehrere von den Stühlen springen wollten,

sich in ihre Decken verwickelten und stürzten.

„Sehen Sie, wie klein und blank er ist,“ sagte Herr Albin, „aber wenn

ich hier drücke, so beißt er zu ...“ Ein neues Gekreisch. „Er ist

natürlich scharf geladen“, fuhr Herr Albin fort. „In dieser Scheibe hier

stecken die sechs Patronen, die dreht sich bei jedem Schuß um ein Loch

weiter ... Übrigens halte ich mir das Ding nicht zum Spaß“, sagte er, da

er bemerkte, daß die Wirkung sich abnutzte, ließ den Revolver in die

Brusttasche gleiten und setzte sich wieder mit übergeschlagenem Bein auf

seinen Stuhl, indem er sich eine frische Zigarette anzündete. „Durchaus

nicht zum Spaß“, wiederholte er und preßte die Lippen zusammen.

„Wozu denn? Wozu denn?“ fragten ahnungsvoll bebende Stimmen.

„Entsetzlich!“ schrie plötzlich eine einzelne, und da nickte Herr Albin.

„Ich sehe, Sie fangen an, zu begreifen“, sagte er. „In der Tat, dazu

halte ich ihn mir“, fuhr er leichthin fort, nachdem er trotz der

überstandenen Lungenentzündung eine Menge Rauch eingezogen und wieder

von sich geblasen hatte. „Ich halte ihn in Bereitschaft für den Tag, wo

mir dieser Trödel hier zu langweilig wird und wo ich die Ehre haben

werde, mich ergebenst zu empfehlen. Die Sache ist ziemlich einfach ...

Ich habe einiges Studium darauf verwandt und bin mit mir im reinen

darüber, wie sie am besten zu deichseln ist. (Bei dem Worte „deichseln“

ertönte ein Schrei.) Die Herzpartie schaltet aus ... Der Ansatz ist mir

da nicht recht bequem ... Auch ziehe ich es vor, das Bewußtsein an Ort

und Stelle auszulöschen, nämlich indem ich mir so einen hübschen kleinen

Fremdkörper in dieses interessante Organ appliziere ...“ Und Herr Albin

deutete mit dem Zeigefinger auf seinen kurzgeschorenen Blondschädel.

„Man muß hier ansetzen –“ Herr Albin zog den vernickelten Revolver

wieder aus der Tasche und klopfte mit der Mündung an seine Schläfe –

„hier oberhalb der Schlagader ... Sogar ohne Spiegel ist es eine glatte

Sache ...“

Mehrstimmiger, flehender Protest ward laut, in den sich sogar ein

heftiges Schluchzen mischte.

„Herr Albin, Herr Albin, den Revolver weg, nehmen Sie den Revolver von

Ihrer Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! Herr Albin, Sie sind jung,

Sie werden gesund werden, Sie werden ins Leben zurückkehren und sich der

allgemeinen Beliebtheit erfreuen, mein Ehrenwort! Ziehen Sie nur Ihren

Mantel an, legen Sie sich hin, decken Sie sich zu, machen Sie Kur! Jagen

Sie den Bademeister nicht wieder fort, wenn er kommt, um Sie mit Alkohol

abzureiben! Lassen Sie das Zigarettenrauchen, Herr Albin, hören Sie, wir

bitten um Ihr Leben, Ihr junges, kostbares Leben!“

Aber Herr Albin war unerbittlich.

„Nein, nein,“ sagte er, „lassen Sie mich, es ist gut, ich danke Ihnen.

Ich habe noch nie einer Dame etwas abgeschlagen, aber Sie werden

einsehen, daß es unnütz ist, dem Schicksal in die Speichen zu fallen.

Ich bin im dritten Jahr hier ... ich habe es satt und spiele nicht mehr

mit, – können Sie mir das verargen? Unheilbar, meine Damen, – sehen Sie

mich an, wie ich hier sitze, bin ich unheilbar, – der Hofrat selbst

macht kaum noch ehren- und schandenhalber ein Hehl daraus. Gönnen Sie

mir das bißchen Ungebundenheit, das für mich aus dieser Tatsache

resultiert! Es ist wie auf dem Gymnasium, wenn es entschieden war, daß

man sitzen blieb und nicht mehr gefragt wurde und nichts mehr zu tun

brauchte. Zu diesem glücklichen Zustand bin ich nun endgültig wieder

gediehen. Ich brauche nichts mehr zu tun, ich komme nicht mehr in

Betracht, ich lache über das Ganze. Wollen Sie Schokolade? Bedienen Sie

sich! Nein, Sie berauben mich nicht, ich habe massenweise Schokolade auf

meinem Zimmer. Acht Bonbonnieren, fünf Tafeln Gala-Peter und vier Pfund

Lindschokolade habe ich da oben, – das alles haben die Damen des

Sanatoriums mir während meiner Lungenentzündung zustellen lassen ...“

Irgendwoher gebot eine Baßstimme Ruhe. Herr Albin lachte kurz auf, – es

war ein flatternd-abgerissenes Lachen. Dann ward es still in der

Liegehalle, so still, als sei ein Traum oder Spuk zerstoben; und

sonderbar klangen die gesprochenen Worte im Schweigen nach. Hans Castorp

lauschte ihnen, bis sie völlig erstorben waren, und obwohl ihm

unbestimmt schien, als ob Herr Albin ein Laffe sei, so konnte er sich

doch nicht eines gewissen Neides auf ihn erwehren. Namentlich jenes dem

Schulleben entnommene Gleichnis hatte ihm Eindruck gemacht, denn er

selbst war ja in Untersekunda sitzen geblieben, und er erinnerte sich

wohl des etwas schimpflichen aber humoristischen, angenehm verwahrlosten

Zustandes, dessen er genossen hatte, als er im vierten Quartal das

Rennen aufgegeben und „über das Ganze“ hatte lachen können. Da seine

Betrachtungen dumpf und verworren waren, so ist es schwer, sie zu

präzisieren. Hauptsächlich schien ihm, daß die Ehre bedeutende Vorteile

für sich habe, aber die Schande nicht minder, ja, daß die Vorteile der

letzteren geradezu grenzenloser Art seien. Und indem er sich probeweise

in Herrn Albins Zustand versetzte und sich vergegenwärtigte, wie es sein

müsse, wenn man endgültig des Druckes der Ehre ledig war und auf immer

die bodenlosen Vorteile der Schande genoß, erschreckte den jungen Mann

ein Gefühl von wüster Süßigkeit, das sein Herz vorübergehend zu noch

hastigerem Gange erregte.

Der Zauberberg. Erster Band · 第 24 / 45 题