Ein Wort zuviel

„Nein,“ sagte Joachim, „weit darf ich ja gar nicht gehen. Um diese Zeit

gehe ich immer ein bißchen hinunter, durchs Dorf und bis Platz, wenn ich

Zeit habe. Man sieht Läden und Leute und kauft ein, was man braucht. Man

liegt vor Tische noch eine Stunde, und dann liegt man wieder bis vier

Uhr, sei ganz unbesorgt.“

Sie gingen im Sonnenschein die Anfahrt hinab und überschritten den

Wasserlauf und das schmale Geleise, die Berggestalten der rechten

Tallehne vor Augen: das „Kleine Schiahorn“, die „Grünen Türme“ und den

„Dorfberg“, die Joachim bei Namen nannte. Dort drüben, in einiger Höhe,

lag der ummauerte Friedhof von Davos-Dorf, – auf diesen ebenfalls wies

Joachim mit seinem Stocke hin. Und sie gewannen die Hauptstraße, die um

ein Stockwerk über die Talsohle erhöht, die terrassierte Lehne entlang

führte.

Von einem Dorf konnte übrigens nicht gut die Rede sein; jedenfalls war

nichts davon als der Name übrig. Der Kurort hatte es aufgezehrt, indem

er sich immerfort gegen den Taleingang hin ausdehnte, und der Teil der

gesamten Siedelung, welcher „Dorf“ hieß, ging unmerklich und ohne

Unterschied in den als „Davos Platz“ bezeichneten über. Hotels und

Pensionen, alle mit gedeckten Veranden, Balkons und Liegehallen

reichlich versehen, auch kleine Privathäuser, in denen Zimmer zu

vermieten waren, lagen zu beiden Seiten; hier und da kamen Neubauten;

manchmal setzte auch die Bebauung aus, und die Straße gewährte den Blick

in die offenen Wiesengründe des Tals ...

Hans Castorp, in seinem Verlangen nach dem gewohnten, geliebten

Lebensreiz, hatte sich wieder eine Zigarre angezündet, und

wahrscheinlich dank dem vorangegangenen Biere vermochte er zu seiner

unaussprechlichen Genugtuung hier und da etwas von dem ersehnten Aroma

zu verspüren: nur selten und schwach freilich, – es war eine gewisse

nervöse Anstrengung nötig, um eine Ahnung des Vergnügens zu empfangen,

und der abscheuliche Ledergeschmack herrschte bei weitem vor. Unfähig,

sich in seine Ohnmacht zu finden, rang er eine Weile nach dem Genuß, der

sich ihm entweder versagte oder nur spottend ahnungsweise von ferne

zeigte, und warf die Zigarre endlich ermüdet und angewidert fort. Trotz

seiner Benommenheit fühlte er die Höflichkeitsverpflichtung,

Konversation zu machen, und suchte sich zu diesem Zwecke der

ausgezeichneten Dinge zu erinnern, die er vorhin über die „Zeit“ zu

sagen gehabt hatte. Allein es erwies sich, daß er den ganzen „Komplex“

ohne Rest vergessen hatte und über die Zeit auch nicht den geringsten

Gedanken mehr in seinem Kopfe beherbergte. Dafür begann er von

körperlichen Angelegenheiten zu reden, und zwar etwas sonderbar.

„Wann mißt du dich denn wieder?“ fragte er. „Nach dem Essen? Ja, das ist

gut. Da ist der Organismus in voller Tätigkeit, da muß es sich zeigen.

Daß Behrens von mir verlangte, ich sollte mich ebenfalls messen, das war

doch wohl nur Spaß, höre mal, – Settembrini lachte ja auch aus vollem

Halse darüber, es hätte doch absolut keinen Sinn. Ich habe ja auch nicht

mal ein Thermometer.“

„Nun,“ sagte Joachim, „das wäre das wenigste. Du brauchst dir nur einen

zu kaufen. Hier sind überall Thermometer zu haben, beinahe in jedem

Laden.“

„Aber wozu denn! Nein, die Liegekur, die lasse ich mir gefallen, die

will ich wohl mitmachen, aber das Messen wäre zuviel für einen

Hospitanten, das überlasse ich denn doch lieber euch hier oben. Wenn ich

nur wüßte,“ fuhr Hans Castorp fort, indem er beide Hände zum Herzen

führte wie ein Verliebter, „warum ich die ganze Zeit solches Herzklopfen

habe, – es ist so beunruhigend, ich denke schon länger darüber nach.

Siehst du, man hat Herzklopfen, wenn einem eine ganz besondere Freude

bevorsteht oder wenn man sich ängstigt, kurz, bei Gemütsbewegungen,

nicht? Aber wenn einem das Herz nun ganz von selber klopft, grundlos und

sinnlos und sozusagen auf eigene Hand, das finde ich geradezu

unheimlich, versteh mich recht, es ist ja so, als ob der Körper seine

eigenen Wege ginge und keinen Zusammenhang mit der Seele mehr hätte,

gewissermaßen wie ein toter Körper, der ja auch nicht wirklich tot ist –

das gibt es gar nicht –, sondern sogar ein sehr lebhaftes Leben führt,

nämlich auf eigene Hand: es wachsen ihm noch die Haare und Nägel, und

auch sonst soll physikalisch und chemisch, wie ich mir habe sagen

lassen, ein überaus munterer Betrieb darin herrschen ...“

„Was sind denn das für Ausdrücke“, sagte Joachim besonnen verweisend.

„Ein munterer Betrieb!“ Und vielleicht rächte er sich damit ein wenig

für den Verweis, den er heute früh wegen des „Schellenbaums“ erhalten.

„Aber es ist doch so! Es _ist_ ein sehr munterer Betrieb! Warum nimmst

du denn Anstoß daran?“ fragte Hans Castorp. „Übrigens erwähnte ich das

nur nebenbei. Ich wollte nichts weiter sagen, als: es ist unheimlich und

quälend, wenn der Körper auf eigene Hand und ohne Zusammenhang mit der

Seele lebt und sich wichtig macht, wie bei solchem unmotivierten

Herzklopfen. Man sucht förmlich nach einem Sinn dafür, einer

Gemütsbewegung, die dazu gehört, einem Gefühl der Freude oder der Angst,

wodurch es sozusagen gerechtfertigt würde, – so geht es wenigstens mir,

ich kann nur von mir reden.“

„Ja, ja,“ sagte Joachim seufzend, „es ist wohl so ähnlich, wie wenn man

Fieber hat – dabei herrscht auch ein besonders ‚munterer Betrieb‘ im

Körper, um deinen Ausdruck zu gebrauchen, und da mag es schon sein, daß

man sich unwillkürlich nach einer Gemütsbewegung umsieht, wie du sagst,

wodurch der Betrieb einen halbwegs vernünftigen Sinn bekommt ... Aber

wir reden so unangenehmes Zeug“, sagte er mit bebender Stimme und brach

ab; worauf Hans Castorp nur mit den Achseln zuckte, und zwar ganz so,

wie er es gestern abend zuerst bei Joachim gesehen hatte.

Sie gingen eine Weile schweigend. Dann fragte Joachim:

„Nun, wie gefallen dir denn die Leute hier? Ich meine die an unserem

Tisch?“

Hans Castorp machte ein gleichgültig musterndes Gesicht.

„Gott,“ sagte er, „sie scheinen mir nicht sehr interessant. An den

anderen Tischen sitzen, glaube ich, interessantere, aber das kommt einem

vielleicht nur so vor. Frau Stöhr sollte sich das Haar waschen lassen,

es ist so fett. Und diese Mazurka da, oder wie sie heißt, kommt mir

etwas albern vor. Immer muß sie sich das Taschentuch in den Mund stopfen

vor lauter Kichern.“

Joachim lachte laut über die Namensverdrehung.

„‚Mazurka‘ ist ausgezeichnet!“ rief er. „Marusja heißt sie, wenn du

erlaubst, – das ist soviel wie Marie. Ja, sie ist wirklich zu

ausgelassen“, sagte er. „Und dabei hätte sie allen Grund, gesetzter zu

sein, denn sie ist gar nicht wenig krank.“

„Das sollte man nicht denken“, sagte Hans Castorp. „Sie ist so gut im

Stand. Gerade für brustkrank sollte man sie nicht halten.“ Und er

versuchte mit dem Vetter einen flotten Blick zu tauschen, fand aber, daß

Joachims sonnverbranntes Gesicht eine fleckige Färbung zeigte, wie

sonnverbrannte Gesichter sie annehmen, wenn das Blut daraus weicht, und

daß sein Mund sich auf ganz eigentümlich klägliche Weise verzerrt hatte,

– zu einem Ausdruck, der dem jungen Hans Castorp einen unbestimmten

Schrecken einflößte und ihn veranlaßte, sofort den Gegenstand zu

wechseln und sich nach anderen Personen zu erkundigen, wobei er Marusja

und Joachims Gesichtsausdruck rasch zu vergessen suchte, was ihm auch

völlig gelang.

Die Engländerin mit dem Hagebuttentee hieß Miß Robinson. Die Nähterin

war keine Nähterin, sondern Lehrerin an einer staatlichen höheren

Töchterschule in Königsberg, und dies war der Grund, weshalb sie sich so

richtig ausdrückte. Sie hieß Fräulein Engelhart. Was die muntere alte

Dame betraf, so wußte Joachim selber nicht, wie sie hieß, wie lange er

auch schon hier oben war. Jedenfalls war sie die Großtante des Yoghurt

essenden jungen Mädchens, mit dem sie beständig im Sanatorium lebte.

Aber am kränksten von denen am Tisch war Dr. Blumenkohl, Leo Blumenkohl

aus Odessa, – jener junge Mann mit dem Schnurrbart und der sorgenvoll

verschlossenen Miene. Schon ganze Jahre war er hier oben ...

Es war jetzt städtisches Trottoir, auf dem sie gingen, – die Hauptstraße

eines internationalen Treffpunktes, das sah man wohl. Flanierende

Kurgäste begegneten ihnen, junge Leute zumeist, Kavaliere in

Sportanzügen und ohne Hut, Damen, ebenfalls ohne Hut und in weißen

Röcken. Man hörte Russisch und Englisch sprechen. Läden mit schmucken

Schaufenstern reihten sich rechts und links, und Hans Castorp, dessen

Neugier heftig mit seiner glühenden Müdigkeit kämpfte, zwang seine

Augen, zu sehen und verweilte lange vor einem Herrenmodegeschäft, um

festzustellen, daß die Auslage durchaus auf der Höhe sei.

Dann kam eine Rotunde mit gedeckter Galerie, in der eine Kapelle

konzertierte. Hier war das Kurhaus. Auf mehreren Tennisplätzen waren

Partien im Gange. Langbeinige, rasierte Jünglinge in scharf gebügelten

Flanellhosen, auf Gummisohlen und mit entblößten Unterarmen spielten

gebräunten und weiß gekleideten Mädchen gegenüber, die anlaufend sich in

der Sonne steil emporreckten, um den kreideweißen Ball hoch aus der Luft

zu schlagen. Wie Mehlstaub lag es über den gepflegten Sportfeldern. Die

Vettern setzten sich auf eine freie Bank, um dem Spiele zuzusehen und es

zu kritisieren.

„Du spielst hier wohl nicht?“ fragte Hans Castorp.

„Ich darf ja nicht“, antwortete Joachim. „Wir müssen liegen, immer

liegen ... Settembrini sagt immer, wir lebten horizontal, – wir seien

Horizontale, sagt er, das ist so ein fauler Witz von ihm. – Es sind

Gesunde, die da spielen, oder sie tun es verbotenerweise. Übrigens

spielen sie ja nicht sehr ernsthaft, – mehr des Kostüms wegen ... Und

was das Verbotensein betrifft, da gibt es noch mehr Verbotenes, was hier

gespielt wird, Poker, verstehst du, und in dem und jenem Hotel auch

_petits chevaux_, – bei uns steht Ausweisung darauf, es soll das

allerschädlichste sein. Aber manche laufen noch nach der Abendkontrolle

hinunter und pointieren. Der Prinz, von dem Behrens seinen Titel hat,

soll es auch immer getan haben.“

Hans Castorp hörte das kaum. Der Mund stand ihm offen, denn er konnte

nicht recht durch die Nase atmen, ohne daß er übrigens Schnupfen gehabt

hätte. Sein Herz hämmerte in falschem Takte zu der Musik, was er dumpf

als quälend empfand. Und in diesem Gefühl von Unordnung und Widerstreit

begann er einzuschlafen, als Joachim zum Heimgehen mahnte.

Sie legten den Weg fast schweigend zurück. Hans Castorp stolperte sogar

ein paarmal auf der ebenen Straße und lächelte wehmütig darüber, indem

er den Kopf schüttelte. Der Hinkende fuhr sie im Lift in ihr Stockwerk.

Sie trennten sich vor Nummer vierunddreißig mit einem kurzen „Auf

Wiedersehn“. Hans Castorp steuerte durch sein Zimmer auf den Balkon

hinaus, wo er sich, wie er ging und stand, auf den Liegestuhl fallen

ließ und ohne die einmal eingenommene Lage zu verbessern in einen

schweren, von dem raschen Schlage seines Herzens peinlich belebten

Halbschlummer sank.

Natürlich, ein Frauenzimmer!

Wie lange das dauerte, wußte er nicht. Als der Zeitpunkt gekommen war,

ertönte das Gong. Aber es rief noch nicht unmittelbar zur Mahlzeit, es

mahnte nur, sich bereit zu machen, wie Hans Castorp wußte, und so blieb

er noch liegen, bis das metallische Dröhnen zum zweitenmal anschwoll und

sich entfernte. Als Joachim durch das Zimmer kam, um ihn zu holen,

wollte Hans Castorp sich umziehen, aber nun erlaubte Joachim es nicht

mehr. Er haßte und verachtete Unpünktlichkeit. Wie man denn vorwärts

kommen wolle und gesund werden, um Dienst machen zu können, sagte er,

wenn man sogar zu schlapp sei, um die Essenszeit einzuhalten. Da hatte

er natürlich recht, und Hans Castorp konnte lediglich darauf hinweisen,

daß er ja nicht krank, dafür aber im höchsten Grade schläfrig sei. Er

wusch sich nur rasch die Hände; dann gingen sie in den Saal hinunter,

zum drittenmal.

Durch beide Eingänge strömten die Gäste herein. Auch durch die

Verandatüren dort drüben, die offen standen, kamen sie, und bald saßen

sie alle an den sieben Tischen, als seien sie nie davon aufgestanden.

Dies war wenigstens Hans Castorps Eindruck, – ein rein träumerischer und

vernunftwidriger Eindruck natürlich, dessen sein umnebelter Kopf sich

jedoch einen Augenblick nicht erwehren konnte und an dem er sogar ein

gewisses Gefallen fand; denn mehrmals im Laufe der Mahlzeit suchte er

ihn sich zurückzurufen, und zwar mit dem Erfolge vollkommener Täuschung.

Die muntere alte Dame redete wieder in ihrer verwischten Sprache auf den

ihr schräg gegenübersitzenden Dr. Blumenkohl ein, der ihr mit besorgter

Miene zuhörte. Ihre magere Großnichte aß endlich etwas anderes als

Yoghurt, nämlich die seimige _Crème d’orge_, welche die Saaltöchter in

Tellern serviert hatten; doch nahm sie nur wenige Löffel davon und ließ

sie dann stehen. Die hübsche Marusja stopfte ihr Taschentüchlein, das

ein Apfelsinenparfüm ausströmte, in den Mund, um ihr Kichern zu

ersticken. Miß Robinson las dieselben rundlich geschriebenen Briefe, die

sie schon heute morgen gelesen hatte. Offenbar konnte sie kein Wort

deutsch und wollte es auch nicht können. Joachim sagte in ritterlicher

Haltung etwas auf englisch zu ihr über das Wetter, was sie einsilbig

kauend beantwortete, um dann ins Schweigen zurückzukehren. Was Frau

Stöhr in ihrer schottischen Wollbluse betraf, so war sie heute vormittag

untersucht worden und berichtete darüber, indem sie sich auf ungebildete

Weise zierte und die Oberlippe von ihren Hasenzähnen zurückzog. Rechts

oben, so klagte sie, habe sie Geräusch, außerdem klinge es unter der

linken Achsel noch sehr verkürzt, und fünf Monate, habe „der Alte“

gesagt, müsse sie noch bleiben. In ihrer Unbildung nannte sie Hofrat

Behrens „den Alten“. Übrigens zeigte sie sich empört darüber, daß „der

Alte“ heute nicht an ihrem Tische sitze. Der „Tournee“ zufolge (sie

meinte wohl „Turnus“) sei ihr Tisch heute mittag an der Reihe, während

„der Alte“ schon wieder am Nebentische links sitze – (wirklich saß

Hofrat Behrens dort und faltete seine riesigen Hände vor seinem Teller).

Aber freilich, dort habe ja die dicke Frau Salomon aus Brüssel ihren

Platz, die jeden Wochentag dekolletiert zum Essen komme, und daran finde

„der Alte“ offenbar Gefallen, obgleich sie, Frau Stöhr, es nicht

begreifen könne, denn bei jeder Untersuchung sähe er ja beliebig viel

von Frau Salomon. Später erzählte sie in erregtem Flüstertone, daß

gestern abend in der oberen gemeinsamen Liegehalle – der nämlich, die

sich auf dem Dache befinde – das Licht ausgelöscht worden sei, und zwar

zu Zwecken, die Frau Stöhr als „durchsichtig“ bezeichnete. „Der Alte“

habe es gemerkt und so gewettert, daß es in der ganzen Anstalt zu hören

gewesen sei. Aber den Schuldigen habe er natürlich wieder nicht

ausfindig gemacht, während man doch nicht auf der Universität studiert

zu haben brauche, um zu erraten, daß es natürlich dieser Hauptmann

Miklosich aus Bukarest gewesen sei, dem es in Damengesellschaft

überhaupt nie dunkel genug sein könne, – ein Mensch ohne all und jede

Bildung, obgleich er ein Korsett trage, und seinem Wesen nach einfach

ein Raubtier, – ja, ein Raubtier, wiederholte Frau Stöhr mit erstickter

Stimme, indem ihr auf Stirn und Oberlippe der Schweiß ausbrach. In

welchen Beziehungen Frau Generalkonsul Wurmbrand aus Wien zu ihm stehe,

das wisse ja Dorf und Platz, – man könne wohl kaum noch von

_geheimnisvollen_ Beziehungen sprechen. Denn nicht genug, daß der

Hauptmann zuweilen schon morgens zu der Generalkonsulin aufs Zimmer

komme, wenn diese noch im Bett liege, worauf er dann ihrer ganzen

Toilette beiwohne, sondern am vorigen Dienstag habe er das Zimmer der

Wurmbrand überhaupt erst morgens um vier Uhr _verlassen_, – die

Pflegerin des jungen Franz auf Nummer neunzehn, bei dem neulich der

Pneumothorax mißglückt sei, habe ihn selbst dabei betroffen und vor

Scham die gesuchte Tür verfehlt, so daß sie sich plötzlich in dem Zimmer

des Staatsanwalts Paravant aus Dortmund gesehen habe ... Schließlich

erging Frau Stöhr sich längere Zeit über eine „kosmische Anstalt“, die

sich drunten im Ort befinde, und in der sie ihr Zahnwasser kaufe, –

Joachim blickte starr auf seinen Teller nieder ...

Das Mittagessen war sowohl meisterhaft zubereitet wie auch im höchsten

Grade ausgiebig. Die nahrhafte Suppe eingerechnet, bestand es aus nicht

weniger als sechs Gängen. Dem Fisch folgte ein gediegenes Fleischgericht

mit Beilagen, hierauf eine besondere Gemüseplatte, gebratenes Geflügel

dann, eine Mehlspeise, die jener von gestern abend an Schmackhaftigkeit

nicht nachstand, und endlich Käse und Obst. Jede Schüssel ward zweimal

gereicht – und nicht vergebens. Man füllte die Teller und aß an den

sieben Tischen, – ein Löwenappetit herrschte im Gewölbe, ein Heißhunger,

dem zuzusehen wohl ein Vergnügen gewesen wäre, wenn er nicht

gleichzeitig auf irgendeine Weise unheimlich, ja abscheulich gewirkt

hätte. Nicht nur die Munteren legten ihn an den Tag, die schwatzten und

einander mit Brotkügelchen warfen, nein, auch die Stillen und Finsteren,

die in den Pausen den Kopf in die Hände stützten und starrten. Ein

halbwüchsiger Mensch am Nebentisch links, ein Schuljunge seinen Jahren

nach, mit zu kurzen Ärmeln und dicken, kreisrunden Brillengläsern,

schnitt alles, was er sich auf den Teller häufte, im voraus zu einem

Brei und Gemengsel zusammen; dann beugte er sich darüber und schlang,

indem er zuweilen mit der Serviette hinter die Brille fuhr, um sich die

Augen zu wischen, – man wußte nicht, was da zu trocknen war, ob Schweiß

oder Tränen.

Zwei Zwischenfälle ereigneten sich während der großen Mahlzeit und

erregten Hans Castorps Aufmerksamkeit, soweit sein Befinden dies zuließ.

Erstens fiel wieder die Glastür zu, – es war beim Fisch. Hans Castorp

zuckte erbittert und sagte dann in zornigem Eifer zu sich selbst, daß er

unbedingt diesmal den Täter feststellen müsse. Er dachte es nicht nur,

er sagte es auch mit den Lippen, so ernst war es ihm. Ich muß es wissen!

flüsterte er mit übertriebener Leidenschaftlichkeit, so daß Miß Robinson

sowohl wie die Lehrerin ihn verwundert anblickten. Und dabei wandte er

den ganzen Oberkörper nach links und riß seine blutüberfüllten Augen

auf.

Es war eine Dame, die da durch den Saal ging, eine Frau, ein junges

Mädchen wohl eher, nur mittelgroß, in weißem Sweater und farbigem Rock,

mit rötlichblondem Haar, das sie einfach in Zöpfen um den Kopf gelegt

trug. Hans Castorp sah nur wenig von ihrem Profil, fast gar nichts. Sie

ging ohne Laut, was zu dem Lärm ihres Eintritts in wunderlichem

Gegensatz stand, ging eigentümlich schleichend und etwas vorgeschobenen

Kopfes zum äußersten Tische links, der senkrecht zur Verandatür stand,

dem „Guten Russentisch“ nämlich, wobei sie die eine Hand in der Tasche

der anliegenden Wolljacke hielt, die andere aber, das Haar stützend und

ordnend, zum Hinterkopf führte. Hans Castorp blickte auf diese Hand, –

er hatte viel Sinn und kritische Aufmerksamkeit für Hände und war

gewöhnt, auf diesen Körperteil zuerst, wenn er neue Bekanntschaften

machte, sein Augenmerk zu richten. Sie war nicht sonderlich damenhaft,

die Hand, die das Haar stützte, nicht so gepflegt und veredelt, wie

Frauenhände in des jungen Hans Castorp gesellschaftlicher Sphäre zu sein

pflegten. Ziemlich breit und kurzfingrig, hatte sie etwas Primitives und

Kindliches, etwas von der Hand eines Schulmädchens; ihre Nägel wußten

offenbar nichts von Maniküre, sie waren schlecht und recht beschnitten,

ebenfalls wie bei einem Schulmädchen, und an ihren Seiten schien die

Haut etwas aufgerauht, fast so, als werde hier das kleine Laster des

Fingerkauens gepflegt. Übrigens erkannte Hans Castorp dies eher

ahnungsweise, als daß er es eigentlich gesehen hätte, – die Entfernung

war doch zu bedeutend. Mit einem Kopfnicken begrüßte die Nachzüglerin

ihre Tischgesellschaft, und indem sie sich setzte, an die Innenseite des

Tisches, den Rücken gegen den Saal, zur Seite Dr. Krokowskis, der dort

den Vorsitz hatte, wandte sie, noch immer die Hand am Haar, den Kopf

über die Schulter und überblickte das Publikum, – wobei Hans Castorp

flüchtig bemerkte, daß sie breite Backenknochen und schmale Augen hatte

... Eine vage Erinnerung an irgendetwas und irgendwen berührte ihn

leicht und vorübergehend, als er das sah ...

Natürlich, ein Frauenzimmer! dachte Hans Castorp, und wieder murmelte er

es ausdrücklich vor sich hin, so daß die Lehrerin, Fräulein Engelhart,

verstand, was er sagte. Die dürftige alte Jungfer lächelte gerührt.

„Das ist Madame Chauchat“, sagte sie. „Sie ist so lässig. Eine

entzückende Frau.“ Und dabei verstärkte sich die flaumige Röte auf

Fräulein Engelharts Wangen um eine Schattierung, – was übrigens immer

der Fall war, sobald sie den Mund öffnete.

„Französin?“ fragte Hans Castorp streng.

„Nein, sie ist Russin“, sagte die Engelhart. „Vielleicht ist der Mann

Franzose oder französischer Abkunft, das weiß ich nicht sicher.“

Ob es _der_ dort sei, fragte Hans Castorp noch immer gereizt und deutete

auf einen Herrn mit vorhängenden Schultern am Guten Russentisch.

O nein, er sei nicht hier, entgegnete die Lehrerin. Er sei überhaupt

noch nicht hier gewesen, sei hier ganz unbekannt.

„Sie sollte die Tür ordentlich zumachen!“ sagte Hans Castorp. „Immer

läßt sie sie zufallen. Das ist doch eine Unmanier.“

Und da die Lehrerin den Verweis demütig lächelnd einsteckte, als sei sie

selber die Schuldige, so war nicht weiter die Rede von Madame Chauchat.

–

Das zweite Vorkommnis bestand darin, daß Dr. Blumenkohl vorübergehend

den Saal verließ, – weiter war es nichts. Plötzlich verstärkte sich der

leise angewiderte Ausdruck seines Gesichtes, sorgenvoller als sonst

blickte er auf einen Punkt, schob dann mit bescheidener Bewegung seinen

Stuhl zurück und ging hinaus. Hier aber zeigte sich Frau Stöhrs große

Unbildung im vollsten Licht, denn wahrscheinlich aus gemeiner Genugtuung

darüber, daß sie weniger krank war als Blumenkohl, begleitete sie seinen

Weggang mit halb mitleidigen, halb verächtlichen Glossen. „Der Ärmste!“

sagte sie. „Der pfeift bald aus dem letzten Loch. Schon wieder muß er

sich mit dem Blauen Heinrich besprechen.“ Ganz ohne Überwindung, mit

störrisch unwissender Miene, brachte sie die fratzenhafte Bezeichnung

„der blaue Heinrich“ über die Lippen, und Hans Castorp empfand ein

Gemisch von Schrecken und Lachreiz, als sie es sagte. Übrigens kehrte

Dr. Blumenkohl nach wenigen Minuten in der gleichen bescheidenen Haltung

zurück, in der er hinausgegangen war, nahm wieder Platz und fuhr fort,

zu essen. Auch er aß sehr viel, von jedem Gerichte zweimal, stumm und

mit sorgenvoll verschlossener Miene.

Dann war das Mittagessen beendet: dank einer gewandten Bedienung – denn

die Zwergin besonders war ein sonderbar raschfüßiges Wesen – hatte es

nur eine gute Stunde gedauert. Hans Castorp, schwer atmend, und ohne

recht zu wissen, wie er heraufgekommen war, lag wieder auf dem

vorzüglichen Stuhl in seiner Balkonloge, denn nach dem Essen war

Liegekur bis zum Tee, – sogar die wichtigste des Tages und streng

einzuhalten. Zwischen den undurchsichtigen Glaswänden, die ihn von

Joachim einerseits und dem russischen Ehepaar andererseits trennten, lag

er und dämmerte mit pochendem Herzen, indem er Luft durch den Mund

holte. Als er sein Taschentuch benutzte, fand er es von Blut gerötet,

aber er hatte nicht die Kraft, sich Gedanken darüber zu machen, obgleich

er ja etwas ängstlich mit sich war und von Natur ein wenig zu

hypochondrischen Grillen neigte. Wieder hatte er sich eine Maria Mancini

angezündet, und diesmal rauchte er sie zu Ende, mochte sie nun wie immer

schmecken. Schwindelig, beklommen und träumerisch bedachte er, wie sehr

sonderbar es ihm hier oben ergehe. Zwei- oder dreimal ward seine Brust

von innerem Lachen erschüttert über die schauderhafte Bezeichnung, deren

Frau Stöhr sich in ihrer Unbildung bedient hatte.

Der Zauberberg. Erster Band · 第 23 / 45 题