Gedankenschärfe

Aber Joachim konnte nur noch behindert und undeutlich antworten. Er

hatte aus einem rotledernen, mit Samt gefütterten Etui, das auf seinem

Tische lag, ein kleines Thermometer genommen und das untere, mit

Quecksilber gefüllte Ende in den Mund gesteckt. Links unter der Zunge

hielt er es, so, daß ihm das gläserne Instrument schräg aufwärts aus dem

Munde hervorragte. Dann machte er Haustoilette, zog Schuhe und eine

litewkaartige Joppe an, nahm eine gedruckte Tabelle nebst Bleistift vom

Tisch, ferner ein Buch, eine russische Grammatik – denn er trieb

Russisch, weil er, wie er sagte, dienstlichen Vorteil davon erhoffte –,

und so ausgerüstet nahm er draußen auf dem Balkon im Liegestuhl Platz,

indem er eine Kamelhaardecke nur leicht über die Füße warf.

Sie war kaum nötig: schon während der letzten Viertelstunde war die

Wolkenschicht dünner und dünner geworden, und die Sonne brach durch, so

sommerlich warm und blendend, daß Joachim seinen Kopf mit einem

weißleinenen Schirm schützte, der vermittelst einer kleinen, sinnreichen

Vorrichtung an der Armlehne des Stuhles zu befestigen und dem Stande der

Sonne nach zu verstellen war. Hans Castorp lobte diese Erfindung. Er

wollte das Ergebnis der Messung abwarten und sah unterdessen zu, wie

alles gemacht wurde, betrachtete auch den Pelzsack, der in einem Winkel

der Loggia lehnte (Joachim bediente sich seiner an kalten Tagen) und

blickte, die Ellenbogen auf der Brüstung, in den Garten hinab, wo die

allgemeine Liegehalle nun von lesend, schreibend und plaudernd

ausgestreckten Patienten bevölkert war. Übrigens sah man nur einen Teil

des Inneren, etwa fünf Stühle.

„Aber wie lange dauert denn das?“ fragte Hans Castorp und wandte sich

um.

Joachim hob sieben Finger empor.

„Die müssen doch um sein – sieben Minuten!“

Joachim schüttelte den Kopf. Etwas später nahm er das Thermometer aus

dem Mund, betrachtete es und sagte dabei:

„Ja, wenn man ihr aufpaßt, der Zeit, dann vergeht sie sehr langsam. Ich

habe das Messen, viermal am Tage, ordentlich gern, weil man doch dabei

merkt, was das eigentlich ist: eine Minute oder gar ganze sieben, – wo

man sich hier die sieben Tage der Woche so gräßlich um die Ohren

schlägt.“

„Du sagst ‚eigentlich‘. ‚Eigentlich‘ kannst du nicht sagen“, entgegnete

Hans Castorp. Er saß mit einem Schenkel auf der Brüstung, und das Weiße

seiner Augen war rot geädert. „Die Zeit ist doch überhaupt nicht

‚eigentlich‘. Wenn sie einem lang vorkommt, so ist sie lang, und wenn

sie einem kurz vorkommt, so ist sie kurz, aber wie lang oder kurz sie in

Wirklichkeit ist, das weiß doch niemand.“ Er war durchaus nicht gewohnt,

zu philosophieren und fühlte dennoch den Drang dazu.

Joachim widersprach.

„Wieso denn. Nein. Wir messen sie doch. Wir haben doch Uhren und

Kalender, und wenn ein Monat um ist, dann ist er für dich und mich und

uns alle um.“

„Dann paß auf“, sagte Hans Castorp und hielt sogar den Zeigefinger neben

seine trüben Augen. „Eine Minute ist also so lang, wie sie dir vorkommt,

wenn du dich mißt?“

„Eine Minute ist so lang ... sie _dauert_ so lange, wie der

Sekundenzeiger braucht, um seinen Kreis zu beschreiben.“

„Aber er braucht ja ganz verschieden lange – für unser Gefühl! Und

tatsächlich ... ich sage: tatsächlich genommen“, wiederholte Hans

Castorp und drückte den Zeigefinger so fest gegen die Nase, daß er ihre

Spitze vollständig umbog, „ist das eine Bewegung, eine räumliche

Bewegung, nicht wahr? Halt, warte! Wir messen also die Zeit mit dem

Raume. Aber das ist doch ebenso, als wollten wir den Raum an der Zeit

messen, – was doch nur ganz unwissenschaftliche Leute tun. Von Hamburg

nach Davos sind zwanzig Stunden, – ja, mit der Eisenbahn. Aber zu Fuß,

wie lange ist es da? Und in Gedanken? Keine Sekunde!“

„Hör mal,“ sagte Joachim, „was hast du denn? Ich glaube, es greift dich

an hier bei uns?“

„Sei still! Ich bin sehr scharf im Kopf heute. Was ist denn die Zeit?“

fragte Hans Castorp und bog seine Nasenspitze so gewaltsam zur Seite,

daß sie weiß und blutleer wurde. „Willst du mir das mal sagen? Den Raum

nehmen wir doch mit unseren Organen wahr, mit dem Gesichtssinn und dem

Tastsinn. Schön. Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst du mir

das mal eben angeben? Siehst du, da sitzst du fest. Aber wie wollen wir

denn etwas messen, wovon wir genau genommen rein gar nichts, nicht eine

einzige Eigenschaft auszusagen wissen! Wir sagen: die Zeit läuft ab.

Schön, soll sie also mal ablaufen. Aber um sie messen zu können ...

warte! Um meßbar zu sein, müßte sie doch _gleichmäßig_ ablaufen, und wo

steht denn das geschrieben, daß sie das tut? Für unser Bewußtsein tut

sie es nicht, wir nehmen es nur der Ordnung halber an, daß sie es tut,

und unsere Maße sind doch bloß Konvention, erlaube mir mal ...“

„Gut,“ sagte Joachim, „dann ist es wohl auch bloß Konvention, daß ich

hier vier Striche zuviel habe auf meinem Thermometer! Aber wegen dieser

fünf Striche muß ich mich hier herumräkeln und kann nicht Dienst machen,

das ist eine ekelhafte Tatsache!“

„Hast du 37,5?“

„Es geht schon wieder herunter.“ Und Joachim machte die Eintragung in

seine Tabelle. „Gestern abend waren es fast 38, das machte deine

Ankunft. Alle, die Besuch bekommen, haben Erhöhung. Aber es ist doch

eine Wohltat.“

„Ich gehe ja nun auch“, sagte Hans Castorp. „Ich habe noch eine Menge

Gedanken über die Zeit im Kopf, – es ist ein ganzer Komplex, kann ich

wohl sagen. Aber ich will dich jetzt nicht damit aufregen, da du sowieso

zuviel Striche hast. Ich werde es schon alles behalten, und wir können

später darauf zurückkommen, vielleicht nach dem Frühstück. Wenn es

Frühstückszeit ist, rufst du mich wohl. Ich gehe jetzt auch in die

Liegekur, es tut ja nicht weh, gottlob.“ Und damit ging er an der

gläsernen Scheidewand vorbei in seine eigene Loge hinüber, wo

gleichfalls ein Liegestuhl nebst Tischchen aufgeschlagen war, holte sich

„_Ocean steamships_“ und sein schönes, weiches, dunkelrot und grün

gewürfeltes Plaid aus dem reinlich aufgeräumten Zimmer und ließ sich

nieder.

Auch er mußte sehr bald den Schirm aufspannen; sowie man lag, wurde der

Sonnenbrand unerträglich. Man lag aber ganz ungewöhnlich bequem, das

stellte Hans Castorp sogleich mit Vergnügen fest, – er erinnerte sich

nicht, daß ihm je ein so angenehmer Liegestuhl vorgekommen sei. Das

Gestell, ein wenig altmodisch in der Form – was aber nur eine

Geschmacksspielerei war, denn der Stuhl war offenbar neu –, bestand aus

rotbraun poliertem Holz, und eine Matratze mit weichem, kattunartigen

Überzug, eigentlich aus drei hohen Polstern zusammengesetzt, reichte vom

Fußende bis über die Rückenlehne hinauf. Außerdem war vermittelst einer

Schnur eine weder zu feste noch zu nachgiebige Nackenrolle mit

gesticktem Leinenüberzug daran befestigt, die von besonders wohltuender

Wirkung war. Hans Castorp stützte einen Arm auf die breite, glatte

Fläche der Seitenlehne, blinzelte und ruhte, ohne „_Ocean steamships_“

zu seiner Unterhaltung in Anspruch zu nehmen. Durch die Bögen der Loggia

gesehen, wirkte die harte und karge, aber hell besonnte Landschaft

draußen gemäldeartig und wie eingerahmt. Hans Castorp betrachtete sie

gedankenvoll. Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er sagte laut in der

Stille:

„Es war ja eine Zwergin, die uns beim ersten Frühstück bediente.“

„Pst“, machte Joachim. „Leise doch. Ja, eine Zwergin. Und?“

„Nichts. Wir hatten uns noch gar nicht darüber ausgesprochen.“

Und dann träumte er weiter. Es war schon zehn Uhr gewesen, als er sich

niedergelegt hatte. Eine Stunde verging. Es war eine gewöhnliche Stunde,

nicht lang, nicht kurz. Als sie verflossen war, tönte ein Gong durch

Haus und Garten, erst fern, dann näher, dann wieder fern.

„Frühstück“, sagte Joachim, und man hörte, daß er aufstand.

Auch Hans Castorp beendete für diesmal die Liegekur und ging ins Zimmer,

um sich ein wenig zurechtzumachen. Die Vettern trafen sich auf dem

Korridor und gingen hinunter. Hans Castorp sagte:

„Nun, es lag sich ja ausgezeichnet. Was sind denn das für Stühle? Wenn

es die hier zu kaufen gibt, dann nehme ich mir einen mit nach Hamburg,

man liegt ja darauf wie im Himmel. Oder meinst du, daß Behrens sie

eigens nach seinen Angaben hat anfertigen lassen?“

Joachim wußte das nicht. Sie legten ab und betraten zum zweiten Male den

Speisesaal, wo die Mahlzeit schon wieder in vollem Gange war.

Es schimmerte weiß im Saale vor lauter Milch: an jedem Platz stand ein

großes Glas, wohl ein halber Liter voll.

„Nein“, sagte Hans Castorp, als er wieder an seinem Tischende zwischen

der Nähterin und der Engländerin Platz genommen und ergeben seine

Serviette entfaltet hatte, obgleich er noch so schwer belastet vom

ersten Frühstück war. „Nein,“ sagte er, „Gott steh mir bei, Milch kann

ich überhaupt nicht trinken und am wenigsten jetzt. Ist nicht vielleicht

Porter da?“ Und er wandte sich zuerst höflich und zart an die Zwergin

mit dieser Frage. Leider war keiner da. Aber sie versprach, Kulmbacher

Bier zu bringen und brachte es auch. Es war dick, schwarz, braunschaumig

und ersetzte den Porter aufs beste. Hans Castorp trank durstig davon aus

einem hohen Halbliterglase. Er aß kalten Aufschnitt dazu auf Röstbrot.

Wieder war Haferbrei aufgestellt und wieder viel Butter und Obst. Er

ließ wenigstens seine Augen darauf ruhen, da er nicht fähig war, sich

davon zuzuführen. Auch betrachtete er die Gästeschaft, – die Massen

begannen sich für ihn zu teilen; Einzelpersonen traten hervor.

Sein eigener Tisch war komplett, bis auf den oberen Platz ihm gegenüber,

welcher, wie er sich belehren ließ, der Doktorplatz war. Denn die Ärzte,

wenn ihre Zeit es irgend erlaubte, beteiligten sich an den gemeinsamen

Mahlzeiten und wechselten dabei die Tische: an einem jeden war zu oberst

ein solcher Doktorplatz freigehalten. Jetzt war keiner von beiden

anwesend; man sagte, sie seien bei einer Operation. Wieder kam der junge

Mann mit dem Schnurrbart herein, senkte einmal das Kinn auf die Brust

und setzte sich mit sorgenvoll-verschlossener Miene. Wieder saß die

Hellblonde, Magere an ihrem Platze und löffelte Yoghurt, als ob dies

ihre einzige Speise wäre. Neben ihr saß diesmal eine kleine, muntere

alte Dame, die in russischer Zunge auf den stillen jungen Mann

einredete, der sie sorgenvoll anblickte und nicht anders als mit

Kopfnicken antwortete, wobei er jenes Gesicht machte, als habe er etwas

Schlechtschmeckendes im Munde. Ihm gegenüber, an der anderen Seite der

alten Dame, war ein weiteres junges Mädchen placiert, – hübsch war sie,

von blühender Gesichtsfarbe und hoher Brust, mit kastanienbraunem,

angenehm wellig geordnetem Haar, runden, braunen, kindlichen Augen und

einem kleinen Rubin an ihrer schönen Hand. Sie lachte viel und sprach

ebenfalls Russisch, nur Russisch. Sie hieß Marusja, wie Hans Castorp

hörte. Ferner bemerkte er beiläufig, daß Joachim mit strengem Ausdruck

die Augen niederschlug, wenn sie lachte und sprach.

Settembrini erschien durch den Seiteneingang und schritt

schnurrbartkräuselnd zu seinem Platze, der am Ende des Tisches gelegen

war, der schräg vor demjenigen Hans Castorps stand. Seine Tischgenossen

brachen in schallendes Lachen aus, als er sich niedersetzte;

wahrscheinlich hatte er eine Bosheit gesagt. Auch die Mitglieder des

„Vereins Halbe Lunge“ erkannte Hans Castorp wieder. Hermine Kleefeld

schob mit dummen Augen zu ihrem Tische dort drüben vor der einen

Verandatür und begrüßte den wulstlippigen Jüngling, der vorhin so

unschicklich seine Jacke emporgerafft hatte. Die elfenbeinfarbene Levi

saß neben der fetten und leberfleckigen Iltis unter Unbekannten an dem

querstehenden Tische rechts von Hans Castorp.

„Da sind deine Nachbarn“, sagte Joachim leise zu seinem Vetter, indem er

sich vorneigte ... Das Paar ging dicht an Hans Castorp vorbei zu dem

letzten Tisch rechts, dem „Schlechten Russentisch“ also, wo schon eine

Familie mit einem häßlichen Knaben große Haufen Porridge verschlang. Der

Mann war schmächtig gebaut und hatte graue und hohle Wangen. Er trug

eine braune Lederjoppe und an den Füßen plumpe Filzstiefel mit

Spangenverschluß. Seine Ehefrau, ebenfalls klein und zierlich, in

wippendem Federhut, trippelte auf winzigen, hochgestöckelten

Juchtenstiefelchen; eine unsaubere Boa aus Vogelfedern lag um ihren

Hals. Hans Castorp betrachtete die beiden mit einer Rücksichtslosigkeit,

die ihm sonst fremd war und die er selbst als brutal empfand; doch war

es eben das Brutale daran, das ihm plötzlich ein gewisses Vergnügen

verursachte. Seine Augen waren zugleich stumpf und zudringlich. Als in

demselben Augenblick die Glastür zur Linken zufiel, schmetternd und

klirrend, wie beim ersten Frühstück, zuckte er nicht zusammen wie heute

früh, sondern schnitt nur eine träge Grimasse; und als er den Kopf nach

jener Seite wenden wollte, fand er, daß ihm dies allzu schwer falle und

daß es die Mühe nicht lohne. So kam es, daß er auch diesmal nicht zu der

Feststellung gelangte, wer mit der Tür denn so liederlich umgehe.

Die Sache war die, daß das Frühstücksbier, sonst nur von mäßig

benebelnder Wirkung auf seine Natur, den jungen Mann heute vollständig

betäubte und lähmte, – es zeitigte Folgen, als hätte er einen Schlag vor

die Stirn bekommen. Seine Lider waren wie Blei so schwer, die Zunge

gehorchte dem einfachen Gedanken nicht recht, als er aus Artigkeit mit

der Engländerin zu plaudern versuchte; auch nur die Richtung des Blicks

zu verändern, erforderte große Selbstüberwindung, und hinzu kam, daß der

abscheuliche Gesichtsbrand den gestrigen Grad nun wieder vollauf

erreicht hatte: seine Wangen schienen ihm gedunsen vor Hitze, er atmete

schwer, sein Herz pochte wie ein umwickelter Hammer, und wenn er unter

all dem nicht sonderlich litt, so war es deshalb, weil sein Kopf sich in

einem Zustand befand, als habe er zwei oder drei Atemzüge von Chloroform

getan. Daß Dr. Krokowski doch noch beim Frühstück erschien und an seiner

Tafel, ihm gegenüber, Platz nahm, bemerkte er nur traumweise, obgleich

der Doktor ihn wiederholentlich scharf ins Auge faßte, während er mit

den Damen zu seiner Rechten russisch konversierte, – wobei die jungen

Mädchen, nämlich die blühende Marusja sowohl wie auch die magere

Yoghurtesserin, unterwürfig und schamhaft die Augen vor ihm

niederschlugen. Übrigens hielt Hans Castorp sich redlich, wie sich von

selbst versteht, schwieg, da seine Zunge sich widerspenstig zeigte,

lieber still und handhabte Messer und Gabel sogar mit besonderem

Anstand. Als sein Vetter ihm zunickte und sich erhob, stand er ebenfalls

auf, verneigte sich blind gegen die Tischgenossen und ging bestimmten

Schrittes hinter Joachim hinaus.

„Wann ist denn wieder Liegekur?“ fragte er, als sie das Haus verließen.

„Das ist das Beste hier, soviel ich sehe. Ich wollte, ich läge schon

wieder auf meinem vorzüglichen Stuhl. Gehen wir weit spazieren?“

Der Zauberberg. Erster Band · 第 22 / 45 题