Satana

Sein Alter wäre schwer zu schätzen gewesen, zwischen dreißig und vierzig

mußte es wohl liegen, denn wenn auch seine Gesamterscheinung jugendlich

wirkte, so war sein Haupthaar doch an den Schläfen schon silbrig

durchsetzt und weiter oben merklich gelichtet: zwei kahle Buchten

sprangen neben dem schmalen, spärlichen Scheitel ein und erhöhten die

Stirn. Sein Anzug, diese weiten, hellgelblich karierten Hosen und ein

flausartiger, zu langer Rock mit zwei Reihen Knöpfen und sehr großen

Aufschlägen, war weit entfernt, Anspruch auf Eleganz zu erheben; auch

zeigte sein rund umgebogener Stehkragen sich von häufiger Wäsche an den

Kanten schon etwas aufgerauht, seine schwarze Krawatte war abgenutzt,

und Manschetten trug er offenbar überhaupt nicht, – Hans Castorp

erkannte es an der schlaffen Art, in der die Ärmel ihm um das Handgelenk

hingen. Trotzdem sah er wohl, daß er einen Herrn vor sich habe; der

gebildete Gesichtsausdruck des Fremden, seine freie, ja schöne Haltung

ließen keinen Zweifel daran. Diese Mischung aber von Schäbigkeit und

Anmut, schwarze Augen dazu und der weich geschwungene Schnurrbart,

erinnerten Hans Castorp sogleich an gewisse ausländische Musikanten, die

zur Weihnachtszeit in den heimischen Höfen aufspielten und mit

emporgerichteten Sammetaugen ihren Schlapphut hinhielten, damit man

ihnen Zehnpfennigstücke aus den Fenstern hineinwürfe. „Ein

Drehorgelmann!“ dachte er. Und so wunderte er sich nicht über den Namen,

den er zu hören bekam, als Joachim sich von der Bank erhob und in

einiger Befangenheit vorstellte:

„Mein Vetter Castorp, – Herr Settembrini.“

Hans Castorp war ebenfalls zur Begrüßung aufgestanden, die Spuren seiner

Heiterkeitsausschreitung noch im Gesicht. Aber der Italiener bat beide

in höflichen Worten, sich nicht in ihrer Bequemlichkeit stören zu lassen

und nötigte sie auf ihre Plätze zurück, während er selbst in seiner

angenehmen Pose vor ihnen stehen blieb. Er lächelte, wie er da stand und

die Vettern, namentlich aber Hans Castorp, betrachtete, und diese feine,

etwas spöttische Vertiefung und Kräuselung seines einen Mundwinkels

unter dem vollen Schnurrbart, dort, wo er sich in schöner Rundung

aufwärts bog, war von eigentümlicher Wirkung, es hielt gewissermaßen zur

Geistesklarheit und Wachsamkeit an und ernüchterte den trunkenen Hans

Castorp im Augenblick, so daß er sich schämte. Settembrini sagte:

„Die Herren sind aufgeräumt, – mit Grund, mit Grund. Ein prächtiger

Morgen! Der Himmel ist blau, die Sonne lacht –“ und er hob mit einem

leichten und gelungenen Schwung seines Armes die kleine, gelbliche Hand

zum Himmel, während er zugleich einen schrägen, heiteren Blick ebenfalls

dort hinaufsandte. „Man könnte in der Tat vergessen, wo man sich

befindet.“

Er sprach ohne fremden Akzent, nur an der Genauigkeit seiner Lautbildung

hätte man allenfalls den Ausländer erkennen können. Seine Lippen formten

die Worte mit einer gewissen Lust. Man hörte ihn mit Vergnügen.

„Und der Herr hat eine angenehme Reise zu uns gehabt?“ wandte er sich an

Hans Castorp ... „Ist man schon im Besitz seines Urteils? Ich meine: hat

die düstere Zeremonie der ersten Untersuchung schon stattgehabt?“ – Hier

hätte er schweigen und warten müssen, wenn es ihm darauf ankam, zu

hören; denn er hatte seine Frage gestellt, und Hans Castorp schickte

sich an, zu antworten. Aber der Fremde fragte gleich weiter: „Ist sie

glimpflich verlaufen? Aus Ihrer Lachlust –“ und er schwieg einen

Augenblick, indes die Kräuselung seines Mundwinkels sich vertiefte,

„lassen sich ungleichartige Schlüsse ziehen. Wieviel Monate haben unsere

Minos und Radamanth Ihnen aufgebrummt?“ – Das Wort „aufgebrummt“ nahm

sich in seinem Munde besonders drollig aus. – „Soll ich schätzen? Sechs?

Oder gleich neun? Man ist ja nicht knauserig ...“

Hans Castorp lachte erstaunt, wobei er sich zu erinnern suchte, wer

Minos und Radamanth doch gleich noch gewesen seien. Er antwortete:

„Aber wieso. Nein, Sie sind im Irrtum, Herr Septem–“

„Settembrini“, verbesserte der Italiener klar und mit Schwung, indem er

sich humoristisch verneigte.

„Herr Settembrini, – Verzeihung. Nein, also Sie irren. Ich bin gar nicht

krank. Ich besuche nur meinen Vetter Ziemßen auf ein paar Wochen und

will mich bei dieser Gelegenheit auch ein bißchen erholen –“

„Potztausend, Sie sind nicht von den Unsrigen? Sie sind gesund, Sie

hospitieren hier nur, wie Odysseus im Schattenreich? Welche Kühnheit,

hinab in die Tiefe zu steigen, wo Tote nichtig und sinnlos wohnen –“

„In die Tiefe, Herr Settembrini? Da muß ich doch bitten! Ich bin ja rund

fünftausend Fuß hoch geklettert zu Ihnen herauf –“

„Das schien Ihnen nur so! Auf mein Wort, das war Täuschung“, sagte der

Italiener mit einer entscheidenden Handbewegung. „Wir sind tief

gesunkene Wesen, nicht wahr, Leutnant“, wandte er sich an Joachim, der

sich über diese Anrede nicht wenig freute, dies aber zu verbergen suchte

und besonnen erwiderte:

„Wir sind wohl wirklich etwas versimpelt. Aber man kann sich schließlich

wieder zusammenreißen.“

„Ja, Ihnen traue ich’s zu; Sie sind ein anständiger Mensch“, sagte

Settembrini. „So, so, so“, sagte er dreimal mit scharfem S, indem er

sich wieder gegen Hans Castorp wandte, und schnalzte dann ebensooft mit

der Zunge leise am oberen Gaumen. „Sieh, sieh, sieh“, sagte er hierauf,

ebenfalls dreimal und mit scharfem S-Laut, indem er dem Neuling so

unverwandt ins Gesicht blickte, daß seine Augen in eine fixe und blinde

Einstellung gerieten, und fuhr dann, seinen Blick wieder belebend, fort:

„Ganz freiwillig kommen Sie also herauf zu uns Heruntergekommenen und

wollen uns einige Zeit das Vergnügen Ihrer Gesellschaft gönnen. Nun, das

ist schön. Und welche Frist haben Sie in Aussicht genommen? Ich frage

nicht fein. Aber es soll mich doch wundernehmen, zu hören, wieviel man

sich zudiktiert, wenn man selbst zu bestimmen hat und nicht Radamanth!“

„Drei Wochen“, sagte Hans Castorp mit etwas eitler Leichtigkeit, da er

merkte, daß er beneidet wurde.

„_O dio_, drei Wochen! Haben Sie gehört, Leutnant? Hat es nicht fast

etwas Impertinentes, zu sagen: Ich komme auf drei Wochen hierher und

reise dann wieder? Wir kennen das Wochenmaß nicht, mein Herr, wenn ich

Sie belehren darf. Unsere kleinste Zeiteinheit ist der Monat. Wir

rechnen im großen Stil, – das ist ein Vorrecht der Schatten. Wir haben

noch andere, und sie sind alle von ähnlicher Qualität. Darf ich fragen,

welchen Beruf Sie ausüben drunten im Leben – oder wohl richtiger: auf

welchen Sie sich vorbereiten? Sie sehen, wir legen unserer Neugier keine

Fesseln an. Auch die Neugier rechnen wir zu unseren Vorrechten.“

„Bitte recht sehr“, sagte Hans Castorp. Und er gab Auskunft.

„Ein Schiffsbaumeister! Aber das ist großartig!“ rief Settembrini.

„Seien Sie überzeugt, daß ich das großartig finde, obgleich meine

eigenen Fähigkeiten in anderer Richtung liegen.“

„Herr Settembrini ist Literat“, sagte Joachim erläuternd und etwas

verlegen. „Er hat für deutsche Blätter den Nachruf für Carducci

geschrieben, – Carducci, weißt du.“ Und er wurde noch verlegener, da

sein Vetter ihn verwundert ansah und zu sagen schien: Was weißt denn du

von Carducci? Ebenso wenig wie ich, sollte ich meinen.

„Das ist richtig“, sagte der Italiener kopfnickend. „Ich hatte die Ehre,

Ihren Landsleuten von dem Leben dieses großen Poeten und Freidenkers zu

erzählen, als es abgeschlossen war. Ich kannte ihn, ich darf mich seinen

Schüler nennen. In Bologna habe ich zu seinen Füßen gesessen. Ihm

verdanke ich, was ich an Bildung und Frohsinn mein eigen nenne. Aber wir

sprachen von Ihnen. Ein Schiffsbaumeister! Wissen Sie, daß Sie zusehends

emporwachsen in meinen Augen? Sie sitzen da plötzlich, als der Vertreter

einer ganzen Welt der Arbeit und des praktischen Genies!“

„Aber Herr Settembrini – ich bin ja eigentlich noch Student und fange

erst an.“

„Gewiß, und aller Anfang ist schwer. Überhaupt, alle Arbeit ist schwer,

die diesen Namen verdient, nicht wahr?“

„Ja, das weiß der Teufel!“ sagte Hans Castorp, und es kam ihm von

Herzen.

Settembrini zog rasch die Brauen empor.

„Sogar den Teufel rufen Sie an,“ sagte er, „um das zu bekräftigen? Den

leibhaftigen Satan? Wissen Sie auch, daß mein großer Lehrer eine Hymne

an ihn gerichtet hat?“

„Erlauben Sie,“ sagte Hans Castorp, „an den Teufel?“

„An ihn selbst. Sie wird in meiner Heimat zuweilen gesungen, bei

festlichen Gelegenheiten. _O salute, o Satana, o Ribellione, o forza

vindice della Ragione ..._ Ein herrliches Lied! Aber dieser Teufel war

es wohl kaum, den Sie im Sinne hatten, denn er steht mit der Arbeit auf

ausgezeichnetem Fuß. Der, den Sie meinten, und der die Arbeit

verabscheut, weil er sie zu fürchten hat, ist vermutlich jener andere,

von dem es heißt, daß man ihm nicht den kleinen Finger reichen soll –“

Das alles wirkte recht sonderbar auf den guten Hans Castorp. Italienisch

verstand er nicht, und das Übrige war ihm auch nicht behaglicher. Es

schmeckte nach Sonntagspredigt, obgleich es in leichtem und scherzhaftem

Plauderton vorgetragen wurde. Er sah seinen Vetter an, der die Augen

niederschlug, und sagte dann:

„Ach, Herr Settembrini, Sie nehmen meine Worte viel zu genau. Das mit

dem Teufel war nur so eine Redewendung von mir, ich versichere Sie!“

„Irgend jemand muß Geist haben“, sagte Settembrini, indem er

melancholisch in die Luft blickte. Aber sich wieder belebend, erheiternd

und anmutig einlenkend fuhr er fort:

„Jedenfalls schließe ich wohl mit Recht aus Ihren Worten, daß Sie da

einen ebenso anstrengenden wie ehrenvollen Beruf erwählt haben. Mein

Gott, ich bin Humanist, ein homo humanus, ich verstehe nichts von

ingeniösen Dingen, so aufrichtig der Respekt ist, den ich Ihnen zolle.

Aber vorstellen kann ich mir wohl, daß die Theorie Ihres Faches einen

klaren und scharfen Kopf und seine Praxis einen ganzen Mann verlangt, –

ist es nicht so?“

„Gewiß ist es so, ja, da kann ich Ihnen unbedingt zustimmen“, antwortete

Hans Castorp, indem er sich unwillkürlich bemühte, ein wenig beredt zu

sprechen. „Die Anforderungen sind kolossal heutzutage, man darf es sich

gar nicht so klar machen, wie scharf sie sind, sonst könnte man

wahrhaftig den Mut verlieren. Nein, ein Spaß ist es nicht. Und wenn man

nun auch nicht der Stärkste ist ... Ich bin ja hier nur zu Gaste, aber

der Stärkste bin ich doch auch nicht gerade, und da müßte ich lügen,

wenn ich behaupten wollte, daß mir das Arbeiten so ausgezeichnet bekäme.

Vielmehr nimmt es mich ziemlich mit, das muß ich sagen. Recht gesund

fühle ich mich eigentlich nur, wenn ich gar nichts tue –“

„Zum Beispiel jetzt?“

„Jetzt? Oh, jetzt bin ich noch so neu hier oben, – etwas verwirrt,

können Sie sich denken.“

„Ah, – verwirrt.“

„Ja, ich habe auch nicht ganz richtig geschlafen, und dann war das erste

Frühstück wirklich zu ausgiebig ... Ich bin ja ein ordentliches

Frühstück gewöhnt, aber das heutige war doch, wie es scheint, zu kompakt

für mich, _too rich_, wie die Engländer sagen. Kurz, ich fühle mich

etwas beklommen, und besonders wollte mir heute morgen meine Zigarre

nicht schmecken, – denken Sie! Das passiert mir so gut wie nie, nur,

wenn ich ernstlich krank bin, – und nun schmeckte sie mir heute wie

Leder. Ich mußte sie wegwerfen, es hatte keinen Zweck, daß ich es

forcierte. Sind Sie Raucher, wenn ich fragen darf? Nicht? Dann können

Sie sich nicht vorstellen, was für ein Ärger und eine Enttäuschung das

für jemanden ist, der von Jugend auf so besonders gern raucht, wie ich

...“

„Ich bin ohne Erfahrung auf diesem Gebiet,“ erwiderte Settembrini, „und

befinde mich übrigens mit dieser Unerfahrenheit in keiner schlechten

Gesellschaft. Eine Reihe von edlen und nüchternen Geistern haben den

Rauchtabak verabscheut. Auch Carducci liebte ihn nicht. Aber da werden

Sie bei unserem Radamanth Verständnis finden. Er ist ein Anhänger Ihres

Lasters.“

„Nun, – Laster, Herr Settembrini ...“

„Warum nicht? Man muß die Dinge mit Wahrheit und Kraft bezeichnen. Das

verstärkt und erhöht das Leben. Auch ich habe Laster.“

„Und Hofrat Behrens ist also Zigarrenkenner? Ein reizender Mann.“

„Sie finden? Ah, Sie haben also schon seine Bekanntschaft gemacht?“

„Ja, vorhin, als wir fortgingen. Es war beinahe so etwas wie eine

Konsultation, aber _sine pecunia_, wissen Sie. Er sah gleich, daß ich

ziemlich anämisch bin. Und dann riet er mir, hier ganz so zu leben, wie

mein Vetter, viel auf dem Balkon zu liegen, und messen soll ich mich

auch gleich mit, hat er gesagt.“

„Wahrhaftig?“ rief Settembrini ... „Vorzüglich!“ rief er nach oben in

die Luft hinein, indem er sich lachend zurückneigte. „Wie heißt es doch

in der Oper Ihres Meisters? ‚Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig,

heisa, hopsassa!‘ Kurz, das ist sehr amüsant. Sie werden seinen Rat

befolgen? Zweifelsohne. Wie sollten Sie nicht. Ein Satanskerl, dieser

Radamanth! Und wirklich ‚stets lustig‘, wenn auch zuweilen ein wenig

gezwungen. Er neigt zur Schwermut. Sein Laster bekommt ihm nicht – sonst

wäre es übrigens kein Laster –, der Rauchtabak macht ihn schwermütig, –

weshalb unsere verehrungswürdige Frau Oberin die Vorräte in Verwahrung

genommen hat und ihm nur kleine Tagesrationen zuteilt. Es soll

vorkommen, daß er der Versuchung unterliegt, sie zu bestehlen, und dann

verfällt er der Schwermut. Mit einem Wort: eine verworrene Seele. Sie

kennen auch unsere Oberin schon? Nicht? Aber das ist ein Fehler! Sie tun

unrecht, sich nicht um ihre Bekanntschaft zu bewerben. Aus dem

Geschlechte derer von Mylendonk, mein Herr! Von der mediceischen Venus

unterscheidet sie sich dadurch, daß sie dort, wo sich bei der Göttin der

Busen befindet, ein Kreuz zu tragen pflegt ...“

„Ha, ha, ausgezeichnet!“ lachte Hans Castorp.

„Mit Vornamen heißt sie Adriatica.“

„Auch das noch?“ rief Hans Castorp ... „Hören Sie, das ist merkwürdig!

Von Mylendonk und dann Adriatica. Es klingt, als müßte sie längst

gestorben sein. Geradezu mittelalterlich mutet es an.“

„Mein geehrter Herr,“ antwortete Settembrini, „hier gibt es manches, was

‚mittelalterlich anmutet‘, wie Sie sich auszudrücken belieben. Ich für

meine Person bin überzeugt, daß unser Radamanth einzig und allein aus

künstlerischem Stilgefühl dieses Petrefakt zur Oberaufseherin seines

Schreckenspalastes gemacht hat. Er ist nämlich Künstler, – das wissen

Sie nicht? Er malt in Öl. Was wollen Sie, das ist nicht verboten, nicht

wahr, es steht jedem frei ... Frau Adriatica sagt es jedem, der es hören

will, und den andern auch, daß eine Mylendonk Mitte des dreizehnten

Jahrhunderts Äbtissin eines Stiftes zu Bonn am Rheine war. Sie selbst

kann nicht lange nach diesem Zeitpunkt das Licht der Welt erblickt haben

...“

„Ha, ha, ha! Ich finde Sie aber spöttisch, Herr Settembrini.“

„Spöttisch? Sie meinen: boshaft. Ja, boshaft bin ich ein wenig –“, sagte

Settembrini. „Mein Kummer ist, daß ich verurteilt bin, meine Bosheit an

so elende Gegenstände zu verschwenden. Ich hoffe, Sie haben nichts gegen

die Bosheit, Ingenieur? In meinen Augen ist sie die glänzendste Waffe

der Vernunft gegen die Mächte der Finsternis und der Häßlichkeit.

Bosheit, mein Herr, ist der Geist der Kritik, und Kritik bedeutet den

Ursprung des Fortschrittes und der Aufklärung.“ Und im Nu begann er von

Petrarca zu reden, den er den „Vater der Neuzeit“ nannte.

„Wir müssen nun aber in die Liegekur“, sagte Joachim besonnen.

Der Literat hatte seine Worte mit anmutigen Handbewegungen begleitet.

Nun rundete er dies Gestenspiel mit einer Gebärde ab, die auf Joachim

hinwies, und sagte:

„Unser Leutnant treibt zum Dienst. Gehen wir also. Wir haben den

gleichen Weg, – ‚rechtshin, welcher zu Dis, des Gewaltigen, Mauern

hinanstrebt‘. Ah, Virgil, Virgil! Meine Herren, er ist unübertroffen.

Ich glaube an den Fortschritt, gewiß. Aber Virgil verfügt über

Beiwörter, wie kein Moderner sie hat ...“ Und während sie sich auf den

Heimweg machten, fing er an, lateinische Verse in italienischer

Aussprache vorzutragen, unterbrach sich jedoch, als irgendein junges

Mädchen, eine Tochter des Städtchens, wie es schien, und durchaus nicht

sonderlich hübsch, ihnen entgegenkam, und verlegte sich auf ein

schwerenöterhaftes Lächeln und Trällern. „T, t, t“, schnalzte er. „Ei,

ei, ei! La, la, la! Du süßes Käferchen, willst du die Meine sein? Seht

doch, ‚es funkelt ihr Auge in schlüpfrigem Licht‘“, zitierte er – Gott

wußte, was es war – und sandte dem verlegenen Rücken des Mädchens eine

Kußhand nach.

Das ist ja ein rechter Windbeutel, dachte Hans Castorp, und dabei blieb

er auch, als Settembrini nach seiner galanten Anwandlung wieder zu

medisieren begann. Hauptsächlich hatte er es auf Hofrat Behrens

abgesehen, stichelte auf den Umfang seiner Füße und hielt sich bei

seinem Titel auf, den er von einem an Gehirntuberkulose leidenden

Prinzen erhalten habe. Von dem skandalösen Lebenswandel dieses Prinzen

spreche noch heute die ganze Gegend, aber Radamanth habe ein Auge

zugedrückt, beide Augen, jeder Zoll ein Hofrat. Ob die Herren übrigens

wußten, daß er der Erfinder der Sommersaison sei? Ja, er, und kein

anderer. Dem Verdienste seine Krone. Früher hätten im Sommer nur die

Treuesten der Treuen in diesem Tale ausgeharrt. Da habe „unser Humorist“

mit unbestechlichem Scharfblick erkannt, daß dieser Mißstand nichts als

die Frucht eines Vorurteils sei. Er habe die Lehre aufgestellt, daß,

wenigstens so weit _sein_ Institut in Frage komme, die sommerliche Kur

nicht nur nicht weniger empfehlenswert, sondern sogar besonders wirksam

und geradezu unentbehrlich sei. Und er habe dieses Theorem unter die

Leute zu bringen gewußt, habe populäre Artikel darüber verfaßt und sie

in die Presse lanciert. Seitdem gehe das Geschäft im Sommer so flott wie

im Winter. „Genie!“ sagte Settembrini. „In-tu-i-tion!“ sagte er. Und

dann hechelte er die übrigen Heilanstalten des Platzes durch und lobte

auf beißende Art den Erwerbssinn ihrer Inhaber. Da sei Professor Kafka

... Alljährlich, zur kritischen Zeit der Schneeschmelze, wenn viele

Patienten abzureisen verlangten, finde Professor Kafka sich gezwungen,

rasch noch auf acht Tage zu verreisen, wobei er verspreche, nach seiner

Rückkehr die Entlassungen vorzunehmen. Dann aber bleibe er sechs Wochen

aus, und die Ärmsten warteten, wobei sich, am Rande bemerkt, ihre

Rechnungen vergrößerten. Bis nach Fiume lasse man Kafka kommen, er aber

reise nicht, bevor man fünftausend gute Schweizer Franken

sichergestellt, worüber vierzehn Tage vergingen. Einen Tag nach der

Ankunft des Celebrissimo sterbe alsdann der Kranke. Was Doktor Salzmann

betreffe, so sage er dem Professor Kafka nach, daß er seine Spritzen

nicht rein genug halte und den Kranken Mischinfektionen beibringe. Er

fahre auf Gummi, sage Salzmann, damit seine Toten ihn nicht hörten, –

wogegen wiederum Kafka behaupte, bei Salzmann werde den Patienten „des

Rebstocks erheiternde Gabe“ in solchen Mengen aufgenötigt – nämlich

ebenfalls behufs Abrundung ihrer Rechnungen –, daß die Leute wie die

Fliegen stürben, und zwar nicht an Phthise, sondern an Trinkerleber ...

So ging es weiter, und Hans Castorp lachte herzlich und gutmütig über

diesen Sturzbach zungenfertiger Lästerungen. Die Suade des Italieners

lautete eigentümlich angenehm in ihrer unbedingten, von jeder Mundart

freien Reinheit und Richtigkeit. Die Worte kamen prall, nett und wie

neuschaffen von seinen beweglichen Lippen, er genoß die gebildeten,

bissig behenden Wendungen und Formen, deren er sich bediente, ja selbst

die grammatische Beugung und Abwandlung der Wörter mit einem

offensichtlichen, sich mitteilenden und heiter stimmenden Behagen und

schien viel zu klaren und gegenwärtigen Geistes, um sich auch nur ein

einziges Mal zu versprechen.

„Sie sprechen so drollig, Herr Settembrini,“ sagte Hans Castorp, „so

lebhaft, – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.“

„Plastisch, wie?“ entgegnete der Italiener und fächelte sich mit dem

Taschentuch, obgleich es ja eher kühl war. „Das wird das Wort sein, das

Sie suchen. Ich habe eine plastische Art zu sprechen, wollen Sie sagen.

Aber halt!“ rief er. „Was sehe ich! Dort wandeln unsere Höllenrichter!

Welch ein Anblick!“

Die Spaziergänger hatten die Wegbiegung schon wieder zurückgelegt. War

es den Reden Settembrinis, dem Gefälle der Straße zu danken, oder hatten

sie sich in Wahrheit weniger weit vom Sanatorium entfernt, als Hans

Castorp geglaubt hatte, – denn ein Weg, den wir zum ersten Male gehen,

ist bedeutend länger als derselbe, wenn wir ihn schon kennen –:

jedenfalls war der Rückmarsch überraschend geschwind vonstatten

gegangen. Settembrini hatte recht, es war das Ärztepaar, das dort unten

auf dem freien Platz die Rückseite des Sanatoriums entlang strebte,

voran der Hofrat im weißen Kittel, mit heraustretendem Genick und die

Hände wie Ruder bewegend, auf seiner Fährte Dr. Krokowski im schwarzen

Überhemd und desto selbstbewußter um sich blickend, als der klinische

Brauch ihn nötigte, sich auf Dienstgängen hinter dem Chef zu halten.

„Ah, Krokowski!“ rief Settembrini. „Dort geht er und weiß alle

Geheimnisse unserer Damen. Man bittet, die feine Symbolik seiner

Kleidung zu beachten. Er trägt sich schwarz, um anzudeuten, daß sein

eigenstes Studiengebiet die Nacht ist. Dieser Mann hat in seinem Kopf

nur einen Gedanken, und der ist schmutzig. Ingenieur, wie kommt es, daß

wir von ihm noch gar nicht gesprochen haben! Sie haben seine

Bekanntschaft gemacht?“

Hans Castorp bejahte.

„Nun, und? Ich fange an, zu vermuten, daß auch er Ihnen gefallen hat.“

„Ich weiß wirklich nicht, Herr Settembrini. Ich bin ihm nur erst

flüchtig begegnet. Und dann bin ich auch nicht sehr rasch von Urteil.

Ich sehe mir die Leute an und denke: So bist du also? Nun gut.“

„Das ist Dumpfsinn!“ antwortete der Italiener. „Urteilen Sie! Dafür hat

die Natur Ihnen Augen und Verstand gegeben. Sie fanden, ich spräche

boshaft; aber wenn ich es tat, so geschah es vielleicht nicht ohne

pädagogische Absicht. Wir Humanisten haben alle eine pädagogische Ader

... Meine Herren, der historische Zusammenhang von Humanismus und

Pädagogik beweist ihren psychologischen. Man soll dem Humanisten das Amt

der Erziehung nicht nehmen, – man kann es ihm nicht nehmen, denn nur bei

ihm ist die Überlieferung von der Würde und Schönheit des

Menschen. Einst löste er den Priester ab, der sich in trüben und

menschenfeindlichen Zeiten die Führung der Jugend anmaßen durfte.

Seitdem, meine Herren, ist schlechterdings kein neuer Erziehertyp mehr

erstanden. Das humanistische Gymnasium, – nennen Sie mich

rückschrittlich, Ingenieur, aber grundsätzlich, _in abstracto_, ich

bitte, mich wohl zu verstehen, bleibe ich sein Anhänger ...“

Noch im Lift führte er dies weiter aus und verstummte erst, als die

Vettern im zweiten Stockwerk den Aufzug verließen. Er selber fuhr bis

zum dritten weiter, wo er, wie Joachim erzählte, ein kleines Zimmer nach

hinten hinaus bewohnte.

„Er hat wohl kein Geld?“ fragte Hans Castorp, der Joachim begleitete. Es

sah bei Joachim genau so aus wie drüben bei ihm.

„Nein,“ sagte Joachim, „das hat er wohl nicht. Oder doch nur gerade so

viel, um den Aufenthalt hier bestreiten zu können. Sein Vater war auch

schon Literat, weißt du, und ich glaube, der Großvater auch.“

„Ja, dann“, sagte Hans Castorp. „Ist er denn eigentlich ernsthaft

krank?“

„Es ist nicht gefährlich, soviel ich weiß, aber hartnäckig und kommt

immer wieder. Er hat es schon seit Jahren und war zwischendurch mal

fort, mußte aber bald wieder einrücken.“

„Armer Kerl! Wo er doch so fürs Arbeiten zu schwärmen scheint. Riesig

gesprächig ist er dabei, so leicht kommt er von einem aufs andere. Mit

dem Mädchen war er ja etwas frech, es genierte mich momentan. Aber was

er nachher von der menschlichen Würde sagte, klang doch famos, ganz wie

bei einem Festakt. Bist du denn öfter mit ihm zusammen?“

Der Zauberberg. Erster Band · 第 21 / 45 题