Als er wieder zu sich kam, vermochte er zunächst gar nicht
festzustellen: War es erste Morgen- oder späte Abenddämmerung? Das
Zimmer lag fast vollständig im Dunkel. Das Lämpchen vor dem
Heiligenbilde mußte erloschen sein. Er wußte nicht, wie lange er
geschlafen hatte, er fühlte nur, daß sein Schlaf krankhaft gewesen war.
Als er zu sich kam, strich er sich unwillkürlich mit der Hand über das
Gesicht, als wolle er einen Traum und nächtliche Visionen verscheuchen.
Doch als er aufzustehen versuchte, fühlte er sich am ganzen Körper wie
zerschlagen und seine erschöpften Glieder versagten den Dienst. Sein
Kopf schmerzte, ihm schwindelte, und Frostschauer überliefen seinen
Körper, denen dann wieder glühende Fieberwellen folgten. Mit dem
Bewußtsein kehrte auch die Erinnerung zurück und sein Herz krampfte sich
zusammen und erzitterte, als er in einer Sekunde die ganze letzte Nacht
wiedererlebte. Sein Herz schlug bei der Erinnerung so stark, und seine
Empfindungen waren so heiß und unmittelbar, als wären nicht eine Nacht,
nicht lange Stunden vergangen, seit Katherina ihn verlassen, sondern
kaum eine Minute. Er fühlte, daß seine Augen noch von den Tränen
brannten – oder waren es neue Tränen seiner heißen Seele? Und doch – wie
ein Wunder schien ihm alles – in seinen Qualen lag für ihn eine Süße und
Lust, obschon er gleichzeitig mit jedem Nerv seines Körpers fühlte, daß
er eine solche Vergewaltigung ein zweites Mal nicht mehr ertragen würde.
Es kam ein Augenblick, wo er fast den Tod fühlte und bereit war, ihn wie
einen lichten Gast zu empfangen, der in weiblicher Gestalt ihm nahte:
bis zu einer solchen Spannung war seine Empfindungsfähigkeit gesteigert,
mit solch einer stürmischen und machtvollen Allgewalt wogte jetzt, nach
dem Erwachen, seine Leidenschaft von neuem auf, und solch ein Entzücken,
solch eine Begeisterung erfüllte seine Seele, daß sein Leben, bis in
schwindelnde Höhen gesteigert, gleichsam im Begriff war,
zusammenzubrechen und niederzustürzen, sofort zu verwesen und auf ewig
zu vergehen ... Fast in demselben Augenblick, als wär’s eine Antwort auf
seinen Schmerz, auf das Zittern seines Herzens, erklang eine Stimme, die
ihm so bekannt schien, wie das innere Klingen und Tönen, das die
Menschenseele in Stunden der Freude, in Stunden großen Glückes über ihr
Dasein empfindet – es war die weiche, volltönende Stimme Katherinas.
Ganz nah, fast wie am Kopfende seines Bettes begann ein Lied, zu Anfang
leise und schwermütig. Dann hob sich die Stimme und senkte sich wieder,
wie in leisem Verhallen, als vergehe sie und wiege dabei doch noch
zärtlich die unruhvolle Qual des eigenen unterdrückten Verlangens, das
in ihrem sich sehnenden Herzen für ewig gefangen war. Bald wieder
schwang sie sich hoch empor und ergoß sich zitternd und glühend von
einer Leidenschaft, die sich nicht länger zurückhalten ließ, in ein
ganzes Meer von Entzücken, in ein Meer von zaubermächtigen, uferlosen
Tönen, so selig, wie der erste selige Augenblick der Liebe. Ordynoff
vernahm auch Worte: sie waren der rührend schlichte, zu Herzen gehende
Ausdruck eines reinen, ruhigen, weil selbstverständlichen und klaren
Gefühls – der Form nach alte, schon längst verklungene Worte, wie der
Volksmund sie in früheren Zeiten gedichtet. Doch Ordynoff dachte nicht
an ihren Sinn, er vergaß sie, er hörte nur die Töne, und aus den
treuherzigen naiven Strophen des alten Liedes sprachen zu ihm ganz, ganz
andere Worte – Worte, in denen dieselbe Sehnsucht zitterte, die seine
eigene Brust erfüllte, Worte, die wie ein Widerhall der geheimsten und
tiefsten, ihm selbst noch halb unverständlichen Regungen seiner
Leidenschaft waren und die nun, da sie im Liede zu ihm drangen, ihm
verrieten, wie sehr auch sie um dieselben wußte. Er glaubte, den letzten
bangen Laut eines vor Liebe vergehenden Lebens zu hören, dann wieder die
aufjauchzende Freude eines Willens, der seine Ketten gesprengt und licht
und frei ins unermeßliche Meer unversehrbarer Seligkeit strebte; dann
wieder war es ihm, als hörte er das erste zitternde Liebesgeständnis,
unter Erröten und Tränen in heimlichem zagen Flüstern von Mädchenlippen,
noch mit dem ganzen Duft süßer Scham; dann wieder stieg gleichsam der
Wunsch einer Bacchantin auf, die stolz und froh ob ihrer Macht,
unverhüllt, des Geheimnisses bar, mit sprühendem Lachen und trunken
schweifendem Blick im Kreise sich umschaut ...
Ordynoff hielt es nicht aus bis zum Ende des Liedes und erhob sich vom
Bett. Das Lied verstummte sogleich.
„Der gute Morgen und der gute Tag sind vorbei, mein Ersehnter!“ sagte
Katherinas Stimme hinter der Wand, „also sage ich jetzt guten Abend zu
dir! Steh auf, komm zu uns, erwache zu heller Freude: wir erwarten dich,
ich und mein Herr, beides gute Leute und dir ergeben. Lösche mit Liebe
den Haß, wenn das Herz uns die Kränkung noch nachträgt. Sage ein
freundliches Wort! ...“
Ordynoff verließ bereits sein Zimmer, wußte aber eigentlich selbst kaum,
daß er zu ihnen ging. Vor ihm öffnete sich die Tür und er sah und
schaute und war wie geblendet von dem goldenen Lächeln der Wundersamen,
die vor ihm stand. Er hörte und sah nichts und niemanden außer ihr. Im
Augenblick war ihre Lichtgestalt der Inbegriff seines ganzen Lebens,
seiner ganzen Freude.
„Zwei Sonnenröten sind schon vergangen, seit wir Abschied nahmen,“ sagte
sie, und sie streckte ihm die Hände entgegen, „da sieh durch das
Fenster, auch die zweite ist schon erloschen. Sie waren ähnlich dem
Erröten eines schönen Mädchens,“ fuhr sie lachend fort, „die erste
Morgenröte war wie die Glut, mit der das Mädchen zum erstenmal das Herz
in der Brust schlagen fühlt; und die zweite wie wenn die Schöne ihre
Scheu vergißt und das Blut feurig ins Antlitz steigen spürt. ... Tritt
ein, tritt ein in unser Haus, du Junger! Was stehst du noch auf der
Schwelle? Ehre werde dir zuteil und Liebe und als erstes ein Gruß vom
Hausherrn!“
Und mit hellem Lachen erfaßte sie Ordynoffs Hand und führte ihn ins
Zimmer. Befangenheit überkam sein Herz. Das ganze Feuer, das in seinem
Inneren flammte, war wie im Augenblick erloschen, doch nur für einen
Augenblick. Verwirrt senkte er das Auge, um sie nicht anzusehen. Er
fühlte, sie war von so bezaubernder Schönheit, daß er ihren heißen Blick
nicht würde ertragen können. Nein, so hatte er sie noch nie gesehen! Zum
erstenmal sah er Freude und den Zauber des Lachens in ihrem Gesicht, und
ihre dunklen Wimpern glänzten nun nicht mehr von vergossenen Tränen.
Seine Hand lag bebend in ihren Händen. Hätte er den Blick erhoben, so
würde er gesehen haben, daß Katherinas strahlende Augen mit
triumphierendem Lächeln an seinen Mienen hingen, in denen sich deutlich
Verwirrung und Leidenschaft widerspiegelten.
„Stehe auf, Alter!“ sagte sie endlich, als käme sie selbst erst und mit
einem Male zur Besinnung, „sage dem Gast ein freundliches Wort zum Gruß.
Er ist unser Gast und mir so gut wie ein leiblicher Bruder! Stehe auf,
stolzer Alter, sei nicht hochmütig, steh auf, entbiete ihm einen Gruß,
fasse seine weiße Hand, bitte ihn an den Tisch!“
Ordynoff sah auf, und es war ihm, als käme er jetzt erst zu sich: er
hatte Murin ganz vergessen, an seine Anwesenheit gar nicht gedacht. Die
Augen des Alten, die wie in Todesahnen erloschen schienen, sahen ihn
unbeweglich an, und mit einem stechenden Schmerzgefühl erinnerte sich
Ordynoff jenes Blickes, der ihn das letztemal unter den buschigen
überhängenden Brauen hervor getroffen hatte, und diese Brauen waren auch
jetzt wieder wie in Qual und Grimm zusammengezogen. Ein leichtes
Schwindelgefühl erfaßte ihn. Er sah sich um: und da erst kam ihm klar
zum Bewußtsein, wo er sich eigentlich befand. Murin lag noch immer auf
dem Bett, war jedoch fast vollständig angekleidet und es machte den
Eindruck, als sei er bereits am Morgen aufgestanden und tagsüber
ausgegangen. Um den Hals trug er wieder ein rotes Tuch, die Füße staken
in Hausschuhen. Die Krankheit war offenbar überstanden, nur sein Gesicht
war noch auffallend blaß und fast gelb. Katherina stand neben dem Bett,
stützte sich mit der Hand auf den Tisch und sah aufmerksam von dem einen
zum anderen: doch das freundliche Lächeln schwand nicht aus ihrem
Gesicht. Es schien beinahe, als geschehe alles auf einen Wink von ihr.
„Ja! Das bist du,“ sagte Murin, indem er sich langsam erhob und auf das
Bett setzte. „Du bist mein Mieter. Ich bin schuldig vor dir, Herr, habe
gesündigt und dich, ohne es zu wollen, erschreckt – gestern, mit der
Flinte. Wer konnt’s denn wissen, daß dich auch mitunter Krankheit
heimsucht! Bei mir aber kommt das vor,“ fügte er mit rauher, von der
Krankheit noch heiserer Stimme hinzu. Seine Stirn runzelte sich und
unwillkürlich wandte er den Blick von Ordynoff ab. „Unglück pflegt sich
nicht vorher anzumelden, wenn es kommt, schleicht es sich wie ein Dieb
heran und ist da! Auch ihr hab’ ich vor kurzem beinahe das Messer in die
Brust gestoßen ...“ brummte er, mit dem Kopf nach Katherina weisend.
„Ich bin ein kranker Mensch, habe zuweilen meine Anfälle – nun, was ist
da noch viel zu erklären, das mag dir genügen! Setz dich – wirst mein
Gast sein.“
Ordynoff sah ihn immer noch unverwandt an.
„Setz dich, so setz dich doch!“ rief der Alte ungeduldig, „wenn’s ihr
nun mal Freude macht! ... Hm! Da seid ihr nun also sozusagen
Geschwister, seht doch mal an! Habt euch ja lieb, recht wie ein
Liebespaar!“
Ordynoff setzte sich.
„Sieh doch, was du da für eine Schwester hast,“ fuhr der Alte lustig
fort, und er lachte, daß man alle seine ausnahmslos noch weißen, schönen
Zähne sehen konnte. „So tut doch zärtlich, meine Lieben! Hast du nicht
eine schöne Schwester, Herr? Sprich doch, antworte! Da, sieh sie doch
an, sieh, wie ihre Wangen glühen. So sage doch, daß sie eine Schönheit
ist, rühme doch vor der ganzen Welt ihre Schönheit! Zeige, wie sehr dein
Herz nach ihr verlangt!“
Ordynoff runzelte die Stirn und sah den Alten an. Der zuckte zusammen
unter seinem Blick. In Ordynoffs Brust stieg eine blinde Wut auf. Mit
geradezu tierischem Instinkt fühlte er, daß er seinen Todfeind vor sich
hatte. Er begriff selbst nicht, was mit ihm geschah. Er vermochte nicht
mehr zu denken –
„Sieh mich nicht an!“ erklang da Katherinas Stimme hinter ihm. Ordynoff
blickte sich um.
„Sieh mich nicht an, sage ich dir, wenn der Böse dich zu Bösem verleitet
– hab Mitleid mit deiner Liebsten,“ sagte Katherina lachend, und
plötzlich legte sie ihm hinterrücks die Hände auf die Augen, – zog sie
aber sogleich wieder zurück und bedeckte mit ihnen ihr eigenes Gesicht.
Doch die flammende Röte leuchtete gleichsam durch ihre Finger: sie ließ
die Hände sinken und mühte sich, offen und furchtlos den Blicken der
beiden Männer standzuhalten. Die aber sahen sie beide nur schweigend an
– Ordynoff mit einer gewissen verwunderten Liebe, die sein Herz zum
erstenmal zu der Schönheit eines Weibes empfand, der Alte dagegen
aufmerksam, forschend und kalt. Sein bleiches Gesicht verriet nicht das
geringste, nur seine Lippen waren blaß und bebten leise.
Katherina war gleichfalls ernst geworden, trat an den Tisch und begann,
die Bücher, Papiere, das Tintenfaß und alles übrige abzuräumen. Sie
atmete schnell und ungleichmäßig. Von Zeit zu Zeit holte sie tief Atem,
als sei’s ihr im unruhig schlagenden Herz eng und schwer. Schwer, wie
die Woge am Ufer, senkte sich und hob sich von neuem ihre Brust. Sie sah
nicht auf, und die dunkeln langen Wimpern glänzten seidig über ihren
zarten Wangen ...
„Meine Königin!“ flüsterte Ordynoff. Er besann sich aber sofort, denn er
fühlte den Blick des Alten auf sich ruhen. Wie ein Blitz, in einem Nu
war dieser Blick aufgeflammt, gierig, bohrend, gehässig, feindlich, mit
kalter Verachtung. Ordynoff erhob sich, aber eine unsichtbare Macht
schien seine Füße gefesselt zu haben. Er setzte sich wieder. Und er
drückte seine eigene Hand, als traue er nicht der Wirklichkeit, die ja
vielleicht nur ein Traum sein konnte. Es war ihm, als ob ein Alb ihn
bedrücke und als ob seine Augen in peinvollem und krankhaftem Dämmer
geschlossen lagen. Doch sonderbar! Er wollte nicht erwachen!
Katherina nahm den Teppich vom Tisch, öffnete eine Truhe, der sie ein
kostbares Tischtuch entnahm, das reich mit Stickereien in Seide und
Goldfäden verziert war, und breitete es über den Tisch; dann holte sie
aus dem Schrank eine altertümliche, aus schwerem Silber gearbeitete
Kanne, an der nach alter Art die silbernen Becher hingen – stellte sie
mitten auf den Tisch und nahm drei Becher von den Häkchen: einen für den
Hausherrn, einen für den Gast und einen für sich selbst. Mit ernstem,
fast nachdenklichem Blick sah sie auf den Alten, dann auf den Gast.
„Wer ist nun von uns einem anderen lieb oder nicht lieb?“ fragte sie.
„Wer niemandem lieb ist, der soll mir lieb sein und wird mit mir aus
einem Becher trinken. Mir aber ist jeder von euch lieb, lieb, wie ein
Nahestehender: deshalb laßt uns auf die Liebe und die Eintracht
trinken!“
„Trinken und die schwarzen Gedanken im Wein ertränken!“ sagte der Alte
mit veränderter Stimme. „Schenke ein, Katherina!“
„Und dir auch?“ fragte Katherina, indem sie Ordynoff ansah.
Der schob schweigend seinen Becher hin.
„Wartet!“ rief plötzlich der Alte und erhob sein Glas. „Hat jemand von
uns etwas Besonderes auf dem Herzen, so möge es nach seinem Wunsch in
Erfüllung gehen!“
Sie stießen an und tranken.
„Nun laß uns beide trinken,“ sagte Katherina, sich an den Alten wendend,
„trinken wir, wenn dein Herz mir gut ist! Trinken wir auf das erlebte
Glück, laß uns die vergangenen Jahre grüßen! Aus dem Herzen, dem Glück
in Liebe ein Gruß! So laß dir doch einschenken, Alter, wenn dein Herz
noch immer für mich glüht!“
„Dein Wein ist stark, mein Täubchen, du selbst aber hast nur die Lippen
benetzt!“ sagte der Alte lachend und hielt seinen Becher hin.
„Ich werde dir jetzt einschenken, du aber trinke den Wein bis zur Neige!
... Wozu leben, Alterchen, und ewig schwere Gedanken mit sich
herumtragen! Das bedrückt nur das Herz. Gedanken kommen vom Kummer und
Gedanken schaffen Kummer, im Glück da lebt man ohne Gedanken! Trink,
Alter! Ertränke deine Gedanken!“
„Da muß ja in dir viel Kummer sich angesammelt haben, wenn du dich
plötzlich so gegen ihn wappnen willst! Möchtest wohl mit einemmal allem
ein Ende machen, meine weiße Taube? Ich trinke auf dein Wohl, Katjä!
Aber du, hast auch du einen Kummer, Herr, wenn du erlaubst, zu fragen?“
„Was ich habe, das habe ich für mich,“ murmelte Ordynoff, ohne seine
Augen von Katherina abzuwenden.
„Hast du gehört, Alterchen? Ich habe mich selbst lange nicht gekannt und
an nichts zurückgedacht, da kam aber eine Stunde und ich erkannte alles
und erinnerte mich an alles: da hab’ ich alles Vergangene mit
unersättlicher Gier in der Seele nochmals erlebt.“
„Ja, es ist bitter, wenn man durch Vergangenes sich wieder
durchzuarbeiten anfängt,“ bemerkte der Alte nachdenklich. „Was vergangen
ist, ist wie getrunkener Wein! Was ist vergangenes Glück? Hat man einen
Rock abgetragen, dann fort mit ihm ...“
„Dann ist ein neuer nötig!“ fiel ihm Katherina ins Wort, mit etwas
erzwungenem Lachen, während zwei große Tränen an ihren Wimpern
erglänzten. „Da sieht man, ein Menschenalter kann nicht in einem
Augenblick vergehen, und ein Mädchenherz hat ein zähes Leben: das ist
nicht so leicht erschöpft! Hast du’s erfahren, Alter? Sieh, da habe ich
eine Träne in deinem Becher begraben!“
„War es denn viel Glück, für das du dein Leid verkauftest?“ fragte
Ordynoff und seine Stimme zitterte vor Erregung.
„Du hast wohl, Herr, viel eigenes zu verkaufen,“ versetzte der Alte,
„daß du dich ungebeten vordrängst.“ Und er lachte lautlos und boshaft
und sah dabei Ordynoff frech an.
„Wofür ich es verkaufte, das war auch danach,“ antwortete Katherina mit
einer Stimme, aus der eine gewisse Unzufriedenheit und Gekränktheit zu
klingen schien. „Dem einen scheint es viel, dem anderen wenig. Der eine
will alles hingeben, es wird ihm aber nichts dafür geboten; der andere
verheißt nichts, und doch folgt ihm das Herz gehorsam. Du aber, mach
deshalb niemandem einen Vorwurf.“ Sie wandte das Gesicht nach ihm hin
und sah ihn traurig an. „Der eine ist so ein Mensch, der andere ein
anderer – weiß man’s denn selbst, weshalb die Seele gerade zu dem einen
drängt! Fülle deinen Becher, Alter! Trinke auf das Glück deiner lieben
Tochter, deiner gehorsamen Sklavin, wie einst, als sie dich erst noch
lieben lernte. Nun, erhebe den Becher!“
„Wohlan! So schenke auch dir ein!“
„Warte, Alter! Trink noch nicht, laß mich zuvor noch ein Wort sagen!
...“
Katherina stützte die Ellbogen auf den Tisch und sah regungslos mit
glänzendem, leidenschaftlichem Blick dem Alten in die Augen. Eine
eigentümliche Entschlossenheit lag plötzlich in diesem Blick. Doch alle
ihre Bewegungen waren sicher, ihre Gesten kurz, unerwartet, schnell. Es
war, als sei Feuer in ihr und wunderbar nahm sich das aus. Ihre
Schönheit schien mit ihrer Erregung, mit ihrer Spannung zu wachsen. Sie
lächelte und wie Perlen erglänzten ihre gleichmäßigen Zähne zwischen den
Lippen. Ihr Atem war kurz und unterbrochen durch die Erregung. Ihre
feinen Nasenflügel bebten. Der eine ihrer schimmernden Zöpfe, die sie
zweimal um den Kopf geschlungen trug, hatte sich gelöst und gesenkt und
bedeckte das linke Ohr und einen Teil der heißen Wange. Ihre Schläfen
glänzten feucht.
„Sage mir wahr, Alter! Sag mir wahr, mein Guter, sag, bevor du deinen
Verstand vertrinkst! Hier hast du meine weiße Hand! Nennen dich doch die
Leute bei uns nicht umsonst einen Zauberer. Du hast aus Büchern gelernt
und kennst jede schwarze Wissenschaft! So sieh dir jetzt die Linien
meiner Hand an, Alterchen, und verkünde mir mein ganzes unseliges Los!
Nur sieh zu, daß du die Wahrheit sagst! ... Nun, sage mir, wie du es
weißt und meinst – wird dein Töchterchen glücklich sein oder verzeihst
du ihr nicht und rufst ihr durch deine Zauberstücke herbes Leid auf den
Weg? Sage, wird der Winkel warm sein, in dem ich mich einnisten werde,
oder soll ich, wie ein Zugvogel, mein Leben lang gleich einer Waise bei
guten Leuten Unterkunft suchen? Sage, wer ist mein Feind und hegt Arges
gegen mich im Sinn? – und wer ist mein Freund und hat für mich nur Liebe
im Herzen? Sage, wird mein junges heißes Herz sein Lebtag einsam bleiben
und vor der Zeit verstummen, oder wird es ein anderes Herz finden, das
ihm gleich ist, und im gleichen Pulsschlag der Freude mit ihm schlagen
... bis zu neuem Leid! Und sage mir, Alterchen, wenn du schon einmal
wahrsagst, wo, unter welchem blauen Himmel, hinter welchen fernen Meeren
und Wäldern mein heller Falke denn lebt, sag mir, wo, und ob er auch mit
scharfem Auge nach seinem Falkenweibchen Ausschau hält, und ob er auch
in Liebe wartet, ob er es auch heiß lieben oder ob er die Liebe bald
verlernen und mich betrügen, oder ob er mich nicht betrügen und mir treu
bleiben wird? Und dann sprich auch schon das Letzte und Allerletzte aus,
Alter: sag, ist es uns beiden bestimmt, lang noch gemeinsam die Zeit zu
verbringen, hier im armseligen Winkel zu sitzen, dunkle Bücher zu lesen?
Oder wann werde ich von dir Abschied nehmen, mich tief vor dir neigen
und dir für deine Gastfreundschaft danken, und dafür daß du mir Speise
und Trank gegeben und mir Märchen erzählt hast? ... Aber sieh zu, daß du
mir die Wahrheit sagst, lüge nicht! Die Zeit ist gekommen, jetzt steh
für dich ein!“
Ihre Erregung war mit jedem weiteren Wunsche gewachsen, bis ihre Stimme
bei den letzten Worten die Gewalt über sich verlor, als risse ein
Wirbelsturm ihr Herz mit sich fort. Ihre Augen blitzten und ihre Lippen
schienen leise zu beben. Und doch hatte aus ihrer Stimme zugleich ein
boshafter Spott geklungen – wie eine Schlange wand er sich versteckt
durch ihre Worte – und es war, als habe ein Schluchzen in ihrem Spott
geklungen, der doch voll Lachen sein sollte. Sie hatte sich über den
Tisch zu dem Alten gebeugt und sah ihm mit forschender Neugier in seine
umflorten Augen. Ordynoff hörte, als sie verstummte, wie ihr Herz
plötzlich heftig zu klopfen begann; er sah sie an und wollte aufjauchzen
vor Entzücken, und war schon im Begriff, sich von der Bank zu erheben.
Da traf ihn ein flüchtiger, kurzer Blick des Alten und wie gebannt, wie
gelähmt blieb er auf seinem Platz: es war eine seltsame Mischung von
Verachtung, Spott, ungeduldiger, ärgerlicher Unruhe und zugleich
boshafter, arglistiger Neugier, die aus diesem flüchtigen jähen Blick
aufblitzte, aus diesem Blick, unter dem Ordynoff jedesmal zusammenfuhr
und der sein Herz stets mit Haß und ohnmächtiger Wut erfüllte.
Nachdenklich und mit einer eigentümlichen traurigen Neugier betrachtete
der Alte seine Katherina. Sie hatte sein Herz getroffen, durchbohrt, das
Wort war jetzt von ihr ausgesprochen – und doch hatte er nicht einmal
mit einer Wimper gezuckt. Er lächelte nur, als sie verstummt war.
„Willst viel auf einmal erfahren, mein flügge gewordenes, mein
flugbereites Vögelchen! Fülle mir schnell noch den tiefen Becher; und
dann laß uns trinken: zuerst auf die Entzweiung und auf den guten
Willen; sonst verderbe ich noch durch irgend jemandes bösen unsauberen
Blick meinen Wunsch. Der Teufel ist stark! Wie weit ist’s denn bis zur
Sünde!“
Er hob seinen Becher und leerte ihn. Je mehr er trank, um so bleicher
wurde er. Seine Augen röteten sich und glühten wie Kohlen. Es war
augenscheinlich, daß ihr fieberhafter Glanz und die plötzliche
Totenblässe die Vorläufer eines baldigen neuen Anfalls waren. Der Wein
aber war schwer und feurig. Auch Ordynoff fühlte von dem einen Becher,
den er geleert, seinen Blick heiß und unsicher werden: sein durch das
Fieber erregtes Blut konnte nicht lange dem Geist des Weines widerstehen
und überstürmte sein Herz, quälte und verwirrte seinen Verstand. Seine
Unruhe wuchs mit jeder Minute. Und er schenkte sich noch von dem
schweren Wein in den Becher und trank einen Schluck, ohne selbst zu
wissen, was er tat oder wie er gegen seine wachsende Erregung ankämpfen
sollte, und das Blut jagte noch stürmischer durch seine Adern. Er war
wie von einem Fiebertraum fortgerissen und vermochte kaum noch, trotz
krampfhaftester Anspannung seiner ganzen Aufmerksamkeit, zu verfolgen,
was zwischen dem Alten und Katherina vorging.
Der Alte klopfte laut mit dem Becher auf den Tisch.
„Schenk ein, Katherina!“ rief er, „schenk ein, böses Töchterchen, schenk
ein, bis ich trunken bin! Beseitige den Alten, es ist auch genug für
ihn! So ist’s recht, schenk ein, meine Schöne, ganz voll – so! Nun laß
uns beide trinken! Warum hast du denn so wenig getrunken? Oder habe ich
es nicht gesehen ...?“
Katherina entgegnete ihm etwas, doch Ordynoff begriff die Worte kaum,
und der Alte ließ sie nicht zu Ende sprechen: er ergriff ihre Hand, als
habe er nicht mehr die Kraft, all das zurückzuhalten, was seine Brust
einschloß. Sein Gesicht war bleich und sein Blick umflorte sich bald,
bald flammte er auf und dann brannte in ihm ein unheimliches Feuer.
Seine farblosen Lippen zuckten und mit ungleichmäßiger, schwankender
Stimme, aus der hin und wieder eine seltsame Begeisterung klang, sagte
er zu ihr:
„Gib dein Händchen, du Schöne! Ich werde dir wahrsagen, werde dir die
ganze Wahrheit sagen. Ich bin wirklich ein Zauberer, da hast du dich
nicht geirrt, Katherina! Dein goldenes Herz hat erraten, daß ich sein
einziger Wahrsager bin und ihm die Wahrheit nicht verheimlichen werde,
diesem schlichten, diesem unschlauen Herzen! Nur eines hast du nicht
erkannt: nicht ich, der Zauberer, kann dich vernünftig machen! Vernunft
ist keine Richtschnur für ein Mädchen, und wenn man ihm auch die ganze
Wahrheit sagt, so ist es doch, als habe es nichts erfahren und
begriffen! Ihr eigner Kopf – ist eine listige Schlange, wenn auch das
Herz von Tränen überfließt! Jeden Weg findet sie selbst, zwischen
Gefahren versteht sie kriechend sich durchzuschlängeln und ihren
schlauen Willen zu erreichen! Manchmal erreicht sie auch wohl mit dem
Verstande was sie will, wenn aber nicht – dann berückt sie mit ihrer
Schönheit, und verwirrt mit ihrem dunklen Auge! Schönheit bricht die
Kraft, und wenn das Herz auch von Eisen ist – sie zerspellt es mit ihrer
Macht! Ob auch Leid und Sorge deiner harrt? Schwer ist Menschenleid!
Doch nicht schwache Herzen werden von ihm heimgesucht. Das Unglück sucht
sich, wenn es kommt, ein starkes Herz zum Wohnsitz aus, aus dem dann im
stillen, aller Welt verborgen, manch blutige Träne rinnt, bösen Leuten
ein Schaustück. Dein Leid aber, Mädchen, ist wie die Spur im Sande, die
der Regen verwischt, die Sonne trocknet und der frische Wind verweht!
Laß mich dir noch mehr sagen, dir wahrsagen: wer dich lieben wird, zu
dem wirst du als Sklavin gehen, wirst selbst deinen Willen und deine
Freiheit binden und ihm hingeben als Pfand und auch nie mehr
zurückverlangen; wirst es nicht verstehen, zur rechten Zeit deine Liebe
zu vergessen; ein Körnchen legst du hin und dein Verderber läßt es zur
vollen Ähre wachsen und behält alles! Mein zärtliches Kind, mein
Goldköpfchen, hast in meinem Wein dein Tränenperlchen begraben und dann
doch nicht widerstanden und darüber gleich hundert andere vergossen,
hast ein schönes Wort gesagt, dich an ihm berauscht und auf dein Leid
gepocht. Doch ob deines Tränchens, des himmlischen Tautropfens, wirst du
dich nicht zu grämen, wirst nicht zu trauern brauchen! Es wird dir in
Überfluß wiedergegeben, und mit Wucherzinsen, dein Tränenperlchen, warte
nur, in langer Nacht, in trauriger Nacht, wenn böser Kummer an deinem
Herzen nagen wird und ein arger Gedanke – dann wird auf dein heißes
Herz, für dies selbe Tränchen, eines anderen Träne fallen, eine blutige,
nicht warme oder heiße, sondern eine glühende, wie von flüssigem Erz,
und die wird dir deine weiße Brust blutig brennen, und bis zum Morgen,
dem trüben, düsteren, wie er an Regentagen graut, wirst du dich auf
deiner Lagerstätte wälzen und aus der frischen Wunde wirst du purpurnes
Blut vergießen und nimmer wird dir diese Wunde bis zum vollen Morgen
verheilen! Schenke mir noch ein, Katherina, schenke mir ein, meine
Taube, für den klugen Rat! – weiter aber, denke ich, sind keine Worte
mehr vonnöten ...“
Seine Stimme sank und bebte: es war, als wolle ein Schluchzen aus seiner
Brust hervorbrechen ... Er schenkte sich selbst den Wein ein und stürzte
ihn gierig hinab; dann klopfte er wieder mit dem Becher auf den Tisch.
Sein trüber Blick flammte noch einmal auf.
„Ach! Lebe, wie es sich leben läßt!“ rief er, „was vorüber ist, ist
vorüber! Schenk mir ein, schenk mir noch einmal ein, noch einmal, und
ganz voll, bis zum Rande, damit der Wein den wilden Kopf von den
Schultern nimmt und die Seele in ihm ertränkt! Schläfere mich ein für
die lange Nacht, der kein Morgen folgt, auf daß das Gedächtnis mir
völlig schwinde! Getrunkener Wein ist wie verlebtes Leben! Da muß doch
dem Kaufmann die Ware liegen geblieben sein, wenn er sie umsonst aus der
Hand gibt! Würde er sie doch sonst nicht aus freiem Willen unter dem
Preise hingeben, würde auch der Feinde Blut vergießen, auch unschuldig
Blut würde fließen und auf den Kauf würde jener Käufer obendrein noch
seine verlorene Seele hergeben müssen! Schenk ein, schenk mir noch ein,
Katherina!“
Doch seine Hand, die den silbernen Becher hielt, schien plötzlich wie im
Krampf zu erstarren und rührte sich nicht mehr. Er atmete schwer und
mühsam, sein Kopf sank unwillkürlich auf die Brust. Noch einmal richtete
er den Blick starr auf Ordynoff, als wolle er ihn zum letztenmal
durchbohren, aber auch dieser Blick erlosch endlich und seine Lider
senkten sich, als wären sie bleischwer. Tödliche Blässe breitete sich
über sein Antlitz ... Ein paarmal zuckten noch seine Lippen und bewegten
sich, als wollten sie etwas sagen – und plötzlich glänzte eine große
heiße Träne an seinen Wimpern, hing, löste sich und rollte langsam über
seine bleiche Wange herab ... Ordynoff hatte nicht mehr die Kraft, noch
länger dies alles zu ertragen. Er erhob sich, trat schwankend einen
Schritt vor, näherte sich Katherina und faßte sie am Arme; sie aber
hatte nicht einmal einen Blick für ihn, und tat, als bemerke sie ihn
überhaupt nicht ...
Es war, als verließe sie gleichfalls die Besinnung, als hielte ein
besonderer Gedanke sie in seinem Bann oder als sei sie von einem
einzigen starren Gedanken erfüllt. Sie sank an die Brust des schlafenden
Alten, schlang ihren weißen Arm um seinen Hals und sah ihn regungslos
an, als könne sie den Blick nicht losreißen von ihm. Sie fühlte es wohl
gar nicht, als Ordynoff ihren Arm erfaßte. Erst nach einer Weile hob sie
den Kopf und wandte das Gesicht ihm zu und sah ihn mit einem langen
durchdringenden Blick an. Und dann rang sich, als begreife sie endlich,
ein schweres, verwundertes Lächeln gleichsam mühselig, wie mit Schmerz
aus ihrem Innersten hervor und erschien auf ihren Lippen ...
„Geh, geh fort,“ flüsterte sie, „du bist betrunken und böse! Du bist mir
ein schlechter Gast!“ Und sie wandte sich wieder dem Alten zu und wieder
hing ihr Blick wie gebannt an seinen Zügen.
Sie schien jeden Atemzug des Schlafenden zu bewachen, schien seinen
Schlaf mit ihrem Blick liebkosen zu wollen. Ja, sie schien sogar ihren
eigenen Atem zurückzuhalten, als wage sie kaum, ihr Herz schlagen zu
lassen. In ihrem Gesicht, in ihrem ganzen Wesen lag eine solche
Liebesverzückung, daß Ordynoff plötzlich von Verzweiflung, Wut, Zorn und
rasendem Haß übermannt wurde ...
„Katherina! Katherina!“ rief er, wie mit Klammern ihren Arm umspannend.
Schmerz sprach aus ihrem Gesicht: sie erhob wieder den Kopf und sah ihn
an, doch diesmal mit solch einem Spott und solch schamloser Verachtung,
daß er sie anstarrte, ohne fassen zu können, was er sah. Sie wies auf
den schlafenden Alten und sah – als wäre der ganze Hohn seines Feindes
in ihre Augen übergegangen – sah mit einem Blick zu Ordynoff auf, unter
dem in seinem Inneren irgend etwas mit schneidendem Schmerz zerriß und
von dem es ihn mit Eiseskälte überlief.
„Was? er wird mich ermorden, meinst du?“ stieß Ordynoff hervor, außer
sich vor Wut.
Und als hätte ihm ein Dämon etwas ins Ohr geflüstert – begriff er sie
plötzlich ... und sein ganzes Herz lachte gellend dazu.
„So werde ich dich denn kaufen, du Schöne, von deinem Kaufmann, wenn du
meine Seele verlangst! Sei ruhig, nicht er wird morden! ...“
Das starre Lachen, das nicht aus ihrem Gesicht wich, wurde ihm
fürchterlich. Der grenzenlose Hohn ihres Spottlächelns marterte ihm das
Herz. Er wußte nicht mehr, was in ihm vorging, und was er fast
mechanisch tat: er stützte sich an die Wand und nahm von einem Nagel
einen altertümlichen kostbaren Dolch. Ein Ausdruck wie Verwunderung
glitt über Katherinas Züge; zugleich jedoch trat der Ausdruck von Haß
und Verachtung mit solcher Stärke in ihre Augen, daß er alles andere
darüber vergessen ließ. Ordynoff sah sie an und ihm schwindelte ... Es
war ihm, als zerre jemand an seiner Hand, die sich zu einer unsinnigen
Tat erheben wollte, und als sei ein fremder Trieb in ihr. Er zog das
Messer aus der Scheide ... Katherina folgte regungslos, wie in atemloser
Spannung, seiner Bewegung ...
Er sah auf den Alten ...
Da schien es ihm plötzlich, als ob ein Augenlid des Alten sich langsam
hebe und als ob durch die Wimpern, lauernd, ein Auge ihn lächelnd
ansehe. Ihre Blicke begegneten einander, Auge ruhte in Auge. Minutenlang
sah Ordynoff ihn an, ohne zu zucken ... Plötzlich aber schien es ihm,
daß das ganze Gesicht des Alten lache und ein teuflisches Gelächter, das
ihn eisig überlief und erstarren machte, im Zimmer erschallte. Ein
scheußlicher nachtschwarzer Gedanke kroch wie eine Schlange durch sein
Gehirn. Er erzitterte: das Messer entfiel seiner Hand und klirrte auf
die Diele. Katherina schrie auf, wie aus einem Traume erwachend, wie
nach einem furchtbaren Alb, und doch noch im Bann des Schreckbildes ...
Der Alte erhob sich langsam, mit bleichem Gesicht, und stieß voll
Ingrimm mit dem Fuß das Messer in die Ecke des Zimmers. Katherina stand
totenblaß neben dem Bett und rührte sich nicht. Ihre Augen schlossen
sich; ein dumpfer, unerträglicher Schmerz drückte sich in ihren Zügen
aus; sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und mit einem
erschütternden Aufschrei warf sie sich dem Alten zu Füßen ...
„Aljoscha! Aljoscha!“ rang es sich in äußerster Verzweiflung aus ihrer
Seele.
Der Alte umfing sie mit seinen mächtigen Armen und erdrückte sie fast an
seiner Brust. Als sie aber ihren Kopf so an ihn schmiegte, da lachte
jeder Zug, jede Runzel im Gesicht des Alten ein so schamloses,
entblößtes nacktes Lachen, daß Ordynoff nur fühlte, wie kaltes Entsetzen
ihn ergriff. Betrug, Berechnung, eifersüchtige Tyrannei und
Vergewaltigung dieses armen, dieses zerrissenen Herzens – das war es,
was er an dem schamlosen Lachen begriff.
„Wahnsinnige!“ flüsterte er erschauernd, von Entsetzen geschüttelt, und
stürzte hinaus.