Als Ordynoff am nächsten Morgen, noch blaß und erregt von dem Erlebnis
der Nacht, gegen acht Uhr bei Jaroslaw Iljitsch eintrat – zu dem er
übrigens aus einem ihm selbst völlig unklaren Grunde gegangen war –
blieb er starr vor Überraschung auf der Schwelle stehen: denn im Zimmer
erblickte er – Murin. Der Alte war noch bleicher als Ordynoff und schien
sich vor Krankheit kaum auf den Füßen halten zu können, weigerte sich
jedoch, trotz aller Aufforderungen Jaroslaw Iljitschs, der über den
Besuch offenbar sehr erfreut war, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Als
Jaroslaw Iljitsch Ordynoff erblickte, entfuhr ihm ein Ausruf freudiger
Überraschung, doch schon im nächsten Augenblick wich seine Freude einer
recht merkbaren Verwirrung, die ihn ganz plötzlich überkam, so daß er
mitten auf dem Wege zum nächsten Stuhl, den er wohl Ordynoff hatte
anbieten wollen, ratlos stehen blieb. Man sah es ihm an, daß er nicht
wußte, was er sagen oder tun sollte und daß er es zugleich als unpassend
empfand, in dieser schwierigen Lage seine türkische Pfeife weiter zu
rauchen. Trotzdem aber – so groß war seine Verwirrung – zog er in vollen
Zügen den Rauch aus seinem Pfeifenrohr und zwar noch viel häufiger und
heftiger, als es sonst seine Art war. Inzwischen trat Ordynoff ins
Zimmer. Er warf einen flüchtigen Blick auf Murin und bemerkte in dessen
Gesicht etwas Ähnliches wie das boshafte Lächeln vom letzten Abend, das
Ordynoff auch jetzt wieder erbeben machte vor Wut und Empörung. Übrigens
verschwand alles Feindliche sofort aus Murins Zügen und sein Gesicht
nahm den Ausdruck vollständiger Verschlossenheit und Gelassenheit an.
Langsam machte er eine sehr tiefe Verbeugung vor seinem Mieter ... Diese
kurze Szene hatte indes das Gute, daß sie Ordynoff vollends zur
Besinnung brachte. Er sah Jaroslaw Iljitsch mit scharfem Blick
aufmerksam an, wie um aus dessen Antlitz sich Aufschluß über den
Sachverhalt zu verschaffen. Jaroslaw Iljitsch freilich schien dieser
forschende Blick äußerst peinlich zu sein.
„Aber ich bitte Sie, treten Sie doch näher, teuerster Wassilij
Michailowitsch,“ brachte er endlich verwirrt hervor, „ich bitte Sie
dringend, beehren Sie mich mit Ihrem Besuch ... Geben Sie diesen meinen
einfachen Sachen hier ... die Weihe, indem Sie ihnen, wie gesagt, die
Ehre antun ... wie gesagt ...“
Jaroslaw Iljitsch geriet mit seinen Gedanken und Worten in einige
Unordnung, verlor den Faden, wurde bis über die Ohren rot vor Verwirrung
und auch vor Ärger darüber, daß die schöne Phrase mißlungen war und daß
er sie somit umsonst ausgespielt, sie für immer verdorben hatte. Mit
Gepolter rückte er deshalb einen Stuhl bis mitten ins Zimmer.
„Ich werde Sie nicht lange aufhalten, Jaroslaw Iljitsch, ich wollte nur
...“
„Aber ich bitte Sie! Sie und mich aufhalten – Wassilij Michailowitsch!
... Doch – nicht wahr – ein Glas Tee? He! Bedienung! ... Und Sie,
versteht sich, werden doch auch nicht ein Glas ablehnen!“
Murin nickte nur mit dem Kopf, wodurch er wohl zu verstehen gab, daß er
das Angebot ganz selbstverständlich fand.
Jaroslaw Iljitsch schnauzte zunächst den eingetretenen Diener wegen
seiner angeblichen Saumseligkeit an und bestellte dann in strengem Tone
noch drei Glas Tee, worauf er sich auf den nächsten Stuhl neben Ordynoff
niederließ. Nachdem er sich gesetzt, drehte er den Kopf wie eine
Pappkatze bald nach rechts, bald nach links, sah von Murin zu Ordynoff
und von Ordynoff zu Murin. Seine Lage war keineswegs angenehm. Offenbar
wollte er etwas sagen, etwas vielleicht äußerst Kitzliges, wenigstens
für den einen Teil; doch ungeachtet aller seiner Gedankenanstrengungen
brachte er nichts über die Lippen ... Ordynoff schien auch nicht recht
zu wissen, was er sagen, und noch viel weniger, was er denken sollte. Es
gab einen Augenblick, wo sie plötzlich beide zugleich anfangen wollten.
... Währenddessen hatte der schweigsame Murin Zeit, sie aufmerksam zu
beobachten und in sein Gesicht wieder den Ausdruck der Ruhe zu bringen
...
„Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen,“ begann plötzlich Ordynoff,
„daß ich mich infolge eines unangenehmen Zwischenfalls gezwungen sehe,
meine Wohnung zu verlassen, und ...“
„Ja denken Sie sich!“ unterbrach ihn Jaroslaw Iljitsch. „Ich war, offen
gestanden, baff, als mir dieser ehrenwerte Mann hier von Ihrem Entschluß
Mitteilung machte. Aber ...“
„Wie, _er_ hat es Ihnen bereits mitgeteilt?“ fragte Ordynoff verwundert,
und blickte auf Murin.
Dieser strich sich über den Bart und lächelte vor sich hin.
„Ja, was sagen Sie dazu!“ fuhr Jaroslaw Iljitsch fort. „Übrigens – oder
habe ich da vielleicht was mißverstanden? Jedenfalls muß ich sagen, daß
– ich versichere Sie bei meiner Ehre! – daß in seinen Worten auch nicht
der Schatten einer Sie kränkenden Äußerung enthalten gewesen ist ...“
Und Jaroslaw Iljitsch errötete hierbei und vermochte nur mit Mühe seine
Erregung niederzuhalten. Murin, der sich an der Verwirrung Jaroslaw
Iljitschs und seines Gastes inzwischen genugsam ergötzt zu haben schien,
hielt es nun wohl für angemessen, auch mit der Sprache herauszurücken,
und trat einen Schritt vor.
„Ich habe dieserhalb, Euer Wohlgeboren,“ begann er langsam, sich nach
Bauernart vor Ordynoff verneigend, „Eure Wohlgeboren zu belästigen
gewagt. Es ist nun mal so, Herr, es kommt schon so heraus – Sie wissen
doch selber: wir – wollte sagen ich und meine Hausfrau – wir wären ja
mehr als froh und würden auch kein Wort dawider reden ... Aber – was
soll man da viel sagen – was hab’ ich denn für eine Wohnung, das wissen
und sehen Sie doch selbst, Herr! Und was haben wir denn überhaupt – grad
nur so viel, daß man satt wird, wofür wir denn auch genugsam dem
Schöpfer danken und zu ihm beten, und ihn bitten, er möge uns seine
Gnade auch fernerhin in diesem Maße zuteil werden lassen. Aber sonst,
Herr, Sie sehen doch selbst, wie’s ist, was soll man da viel reden?“ Und
Murin wischte sich nach echter Bauernart mit dem Ärmel ruhig den Bart.
Ordynoff fühlte nur, wie ihn Ekel erfaßte.
„Ja, es ist wahr, ich habe Ihnen auch schon von ihm erzählt: er ist
krank, tatsächlich, ^ce malheur^ ... das heißt, Verzeihung, ich wollte
... ich beherrsche die französische Sprache nicht vollkommen, aber wie
gesagt ...“
„Ja, wie ...“
„Ja eben, wie gesagt ... das heißt ...“
Ordynoff und Jaroslaw Iljitsch machten sich gegenseitig so etwas wie
eine halbe Verbeugung, natürlich ohne sich deshalb von den Stühlen zu
erheben, und Jaroslaw Iljitsch suchte das entstandene kleine
Mißverständnis mit einem entschuldigenden Lachen zu verwischen, fuhr
jedoch sogleich wieder fort:
„Übrigens habe ich mich soeben ausführlich bei ihm erkundigt, und wie er
mir erklärte – und ich glaube ihm, da ich ihn als Ehrenmann kenne, aufs
Wort! – daß die Krankheit jenes ... jungen Weibes ...“
Hier sah der gewissenhafte Jaroslaw Iljitsch – vermutlich um einen
kleinen Zweifel zu beseitigen, der sich wieder auf Murins Gesicht
gezeigt hatte, mit fragendem Blick zu ihm auf.
„Nun ja, unserer Hausfrau ...“
Der zartfühlende Jaroslaw Iljitsch begnügte sich sogleich mit der ihm
zuteil gewordenen Erklärung und fuhr schnell fort:
„... Ihrer Hausfrau – das heißt, jetzt ist sie es ja nicht mehr, aber
sie war es – also Ihrer ... das heißt, pardon, ich weiß nicht ... nun
ja! Sehen Sie, sie ist eben krank und dem müssen Sie Rechnung tragen.
Sie sagt, sie störe Sie ... in Ihrer Beschäftigung, und auch er ... Sie
haben mir nämlich einen wichtigen Zwischenfall verschwiegen, Wassilij
Michailowitsch!“
„Welch einen?“
„Ja – das mit der Flinte,“ sagte in der schonendsten Weise flüsternd
Jaroslaw Iljitsch, wobei nur ein verschwindender Bruchteil, höchstens
ein Milliontel eines Vorwurfs aus dem zart-freundschaftlichen Tonfall
seiner Tenorstimme herauszuhören war.
„Aber,“ fügte er schnell hinzu, „jetzt, wo ich alles weiß – er hat mir
nämlich den ganzen Vorgang erzählt – kann ich Ihnen nur sagen, daß es
von Ihnen höchst anständig und anerkennenswert war, ihm seine unbedachte
Tat zu verzeihen. Ich schwöre Ihnen, ich sah Tränen in seinen Augen, als
er davon sprach! ...“
Jaroslaw Iljitsch errötete wieder ein wenig; seine Augen glänzten und er
rückte zufrieden seinen Stuhl und sich selbst etwas von der alten
Stelle.
„Ich, wollte sagen, wir, Herr, Euer Wohlgeboren, will sagen ich und
meine Hausfrau, wie beten wir für Euch zu Gott,“ begann wieder Murin,
sich an Ordynoff wendend – während Jaroslaw Iljitsch noch wie gewöhnlich
seine Erregung niederkämpfte – und er sah ihn dabei unverwandt an, „aber
Ihr wißt doch selbst, Herr, sie ist ein krankes, dummes Weib; und mich
wollen die Füße auch nicht so recht mehr tragen ...“
„Aber ich bitte Sie,“ unterbrach ihn Ordynoff ungeduldig, „ich bin ja
bereit, meinetwegen sofort! ...“
„Nein, Herr, will sagen, wir wären ja mit Verlaub, mit Euer Wohlgeboren
mehr als zufrieden.“ (Murin verbeugte sich wieder äußerst tief.) „Ich,
Herr, ich rede nicht davon; ich wollte nur ein Wort noch sagen – sie ist
doch, Herr, fast verwandt mit mir, wenn auch nicht nah, sondern nur so
wie man beispielsweise zu sagen pflegt, etwa durch sieben Scheffel
Erbsen, will sagen, Euer Wohlgeboren mögen uns unsere einfache
Ausdrucksweise zugute halten, wir sind niedrige Leute – aber sie ist ja
schon von Kindheit an so! Eigenwillig, im Walde aufgewachsen, nur unter
den Barkenknechten und Fabrikarbeitern. Und da brannte dann noch das
Haus nieder; und ihre Mutter, Herr, verbrannte; und auch der Vater
verbrannte – aber sie selbst, Herr, erzählt das doch Gott weiß wie ...
Ich will ihr nur nicht widersprechen, aber in Moskau haben die größten
Ärzte sie untersucht, ein ganzes Kon... Konsilium, wie sie sagen ...
doch nichts war zu machen, Herr, sie ist ganz unheilbar, das ist es! Ich
allein bin ihr noch geblieben, und so lebt sie denn bei mir ... will
sagen, so leben wir denn beide, beten zu Gott und hoffen auf seine
Allmacht; sonst aber – mag sie reden, was sie will, ich widerspreche ihr
schon gar nicht mehr ...“
Ordynoff erbleichte. Jaroslaw Iljitsch sah wieder bald den einen, bald
den anderen an.
„Aber ich wollte nicht davon reden, Herr ... nein!“ fuhr Murin fort und
schüttelte ernst das Haupt. „Sie ist nun einmal so, will sagen, von so
heißblütigem Schlage, das Köpfchen stürmisch, liebevoll und
liebebedürftig, ist wie’n Wirbelwind, hat alleweil Verlangen nach einem
lieben Freunde, will immer – wenn ich mit Verlaub Euer Gnaden so sagen
darf –, daß man ihrem Herzen einen Geliebten gebe; das ist eben ihre
Verrücktheit. So erzähle ich ihr denn Märchen, um sie abzulenken und zu
zerstreuen. Das ist nun mal so. Aber ich hab’ ja doch, Herr, gesehen,
wie sie – verzeiht schon, Herr, mein dummes Wort,“ entschuldigte Murin
sich mit einer Verbeugung und indem er wieder mit dem Ärmel den Bart vom
Munde nach links und rechts wischte, „wie sie beispielsweise mit Euer
Gnaden näher bekannt geworden ist, will sagen, um beispielsweise zu
reden, daß Sie, halten zu Gnaden, beispielsweise bezüglich der Liebe
sich ihr zu nähern wünschten ...“
Jaroslaw Iljitsch wurde feuerrot und blickte vorwurfsvoll auf Murin.
Ordynoff bezwang sich so weit, daß er äußerlich ruhig auf seinem Stuhl
sitzen blieb.
„Nein ... will sagen, ich, Herr, ich wollte nicht davon reden ... ich
bin, halten zu Gnaden, nur ein einfacher Bauer, Herr ... wir sind
niedrige Leute, sind unwissend und ungebildet, Herr, sind Eure Diener.“
Er machte wieder eine tiefe Verbeugung. „Und wie werden wir, ich und
mein Weib, für Euer Gnaden beten! ... Worüber hätten wir auch zu klagen?
– wenn man nur immer satt wird und gesund bleibt, dann ist man schon
zufrieden. Aber was soll ich denn, Herr, tun? – soll ich freiwillig den
Kopf in die Schlinge stecken! Ihr wißt doch, Herr, das ist eine
Lebensfrage, habt Mitleid mit uns, das würde ja sein wie mit einem
Liebhaber! ... Halten zu Gnaden, Herr, mein grobes Wort ... bin ein
Bauer und Ihr seid ein Herr ... Aber Euer Gnaden sind eben ein junger,
stolzer, heißer Mensch, sie aber, Herr, Ihr wißt doch selbst, ist noch
ein Kind, jung und unvernünftig – wie weit ist es denn da mit ihr bis
zur Sünde! Sie ist ja gewiß ein frisches, rosiges, liebes Weib, und mich
Alten plagt immer die Krankheit. Nun was? Wie man sieht, muß der Teufel
Euer Gnaden schon arg umgarnt haben! Ich zerstreue sie schon immer mit
Märchen und ähnlichen Geschichten, zerstreue sie wirklich! ... Und wie
wir für Euer Gnaden beten würden! will sagen, wirklich von
Herzensgrunde! ... Und was finden denn Euer Gnaden an ihr? Wenn sie auch
schön ist, sie bleibt doch eine Bäuerin, ein einfaches Weib, das zu mir,
dem einfachen Bauern paßt! Euch aber, Herr, steht es doch nicht an, sich
mit Bäuerinnen abzugeben! Und wie wir doch für Euer Gnaden beten werden,
wirklich von Herzensgrunde! ...“
Und Murin neigte sich von neuem tief, tief und blieb lange in dieser
untertänigst ergebenen Stellung, während er zugleich unausgesetzt mit
dem Ärmel den Bart vom Munde zu den Seiten strich. Jaroslaw Iljitsch
wußte kaum noch, wo er sich lassen sollte.
„Ja ... tja, der gute Mann,“ begann er, nur so, um etwas zu sagen,
„erzählte mir da auch so einiges ... wie gesagt, es scheint eben doch
nicht so weiter zu gehen. Nur, bitte, denken Sie deshalb nicht, bester
Wassilij Michailowitsch, daß ich mir da ... vielleicht irgendwelche
Gedanken zu machen erlaube! ... Wie gesagt,“ unterbrach er sich schnell,
„ich hörte, Sie seien noch immer krank?“ fragte er teilnehmend und sah
Ordynoff vor lauter Verlegenheit mit förmlich bittendem Blick an.
„Wie viel bin ich Ihnen schuldig?“ fragte Ordynoff schnell, sich an
Murin wendend.
„Wie denn, Herr! Wir sind doch keine Räuber! Euer Gnaden werden uns doch
nicht beleidigen wollen! Nein, Herr, Euer Wohlgeboren sollten sich
schämen, – wodurch haben wir denn Euer Gnaden gekränkt? Ich bitte!“
„Aber ... einstweilen – erlauben Sie mal, mein Freund: so geht das doch
auch nicht! Er war immerhin Ihr Mieter – ja, fühlen Sie denn nicht, daß
umgekehrt Sie ihn durch Ihre Weigerung, eine Entschädigung dafür
anzunehmen, empfindlich kränken, ja gewissermaßen sogar beleidigen?“
legte sich Jaroslaw Iljitsch ins Mittel, da er es für seine Pflicht
hielt, Murin die peinliche Seite seiner Handlungsweise zu Bewußtsein zu
bringen.
„Aber ich bitte, Herr! Wie kommen Euer Wohlgeboren nur darauf? Erbarmen
Sie sich! Inwiefern sind wir denn Eurer Ehre zu nahe getreten? Haben uns
doch redlich und weidlich bemüht, alles zu tun, was in unseren Kräften
steht! Laßt es gut sein, Herr, Gott verzeihe Euch! Sind wir denn Heiden
oder Wegelagerer? Wir hätten ja nichts dawider, mag er bei uns leben,
unser einfaches Essen mit uns teilen und es zur Gesundheit verzehren, –
mag er, mag er – wir würden ja nichts dawider sagen und ... kein Wort
reden; aber da hat nun der Teufel seine Hand im Spiel, ich bin ein
kranker Mensch und auch sie ist ein krankes Weib – was soll man da tun!
Es ist niemand zum Bedienen da, sonst aber wären wir ja von Herzen froh.
Und wie wir doch für Euer Gnaden, Herr, beten werden, will sagen, wie
inbrünstig beten!“
Murin neigte sich wieder tief vor Ordynoff. Jaroslaw Iljitsch war vor
lauter Anteilnahme geradezu gerührt und wandte seinen Blick fast stolz
Ordynoff zu.
„Was sagen Sie dazu, ist das nicht ein edler Zug!“ rief er begeistert
aus. „Ist es nicht ein heiliges Gefühl der Gastfreundschaft, das in
unserem russischen Volke schlummert!“
Ordynoff sah ihn wild an und maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit einem
Blick, in dem fast Entsetzen sich ausdrückte.
„Ja, so ist es wirklich, Herr, Gastfreundschaft ist uns heilig, und
wie!“ bestätigte Murin, und wieder wischte der Ärmel den Bart vom Munde
nach links und rechts, „und da kommt mir soeben ein Gedanke: der Herr
war bei uns eben nur zu Gast, bei Gott, nur zu Gaste,“ fuhr er fort,
indem er sich Ordynoff näherte, „und es wäre ja alles gut, Herr, – nun,
beispielsweise einen Tag, sagen wir, noch einen – ich würde ja wirklich
nichts dawider haben. Aber die Sünde verführt, und meine Hausfrau ist
nun einmal nicht ganz gesund. Ja, wenn sie nicht wäre! – will sagen,
wenn ich beispielsweise allein leben würde! – oh, wie würde ich da Euer
Gnaden dienen und alles zu Gefallen tun! – will sagen, das steht ja ganz
außer Frage! Wen sollten wir denn achten, wenn nicht Euer Gnaden? Und
ich würde Euch schon gesund machen, Herr, wirklich, ich kenne ein Mittel
... Nur zu Gaste seid Ihr bei uns gewesen, Herr, bei Gott, da habt Ihr
mein Wort darauf, wirklich nur zu Gaste! ...“
„Nein in der Tat, gibt es nicht ein solches Mittel?“ bemerkte Jaroslaw
Iljitsch ... brach aber kurz ab und wandte sich schleunigst zur Seite.
Ordynoff hatte ihm entschieden unrecht getan, als er ihn mit so wilder
Verwunderung maß.
Jaroslaw Iljitsch war natürlich einer der ehrlichsten und anständigsten
Menschen, doch jetzt, wo er endlich alles begriffen hatte, war seine
Lage allerdings eine äußerst schwierige. Er wollte, wie man so sagt,
einfach bersten vor Lachen! Wäre er mit Ordynoff allein gewesen, so
hätte er sich selbstverständlich (zwei so gute Freunde unter sich!)
nicht bezwungen und sich rückhaltlos dem Ausbruch seiner Heiterkeit
hingegeben. Jedenfalls hätte er, eben wie ein im Grunde anständiger
Kerl, voll Mitempfinden Ordynoff die Hand gedrückt, hätte ihm aufrichtig
und wahrheitsgemäß versichert, daß er ihn nun noch doppelt achte und es
unter allen Umständen verzeihlich finde, daß usw. ... Jugend bliebe eben
Jugend. Doch in Murins Gegenwart war das natürlich ausgeschlossen: und
so befand er sich denn in einer so peinlichen Lage, daß er nicht wußte,
wohin er mit sich sollte ...
„Ein Mittel, will sagen, ein Heilmittel,“ versetzte Murin, dessen ganzes
Gesicht nach dem ungeschickten Zwischenruf Jaroslaw Iljitschs ins Zucken
geriet.
„Ich, Herr, ich würde in meiner Dummheit, das heißt, bei meinem
bäuerischen Unverstand, nur das sagen,“ fuhr er fort, wieder einen
Schritt näher tretend: „Bücher, Herr, habt Ihr arg viel gelesen; ich
sage auch: klug seid Ihr sehr, seid sogar arg klug geworden und Euer
Verstand ist arg gewachsen; aber nun, wie man bei uns Bauern zu sagen
pflegt, nun ist der Verstand da angelangt, wo er stille steht ...“
„Genug! hören Sie auf!“ unterbrach ihn Jaroslaw Iljitsch in strengem
Ton.
„Ich gehe,“ sagte Ordynoff. „Ich danke Ihnen, Jaroslaw Iljitsch. Gewiß,
gewiß, ich werde Sie besuchen, nächstens,“ versprach er noch schnell,
der Aufforderung zuvorkommend, da sie schon in der Gebärde lag, mit der
ihn Jaroslaw Iljitsch zurückzuhalten suchte. „Leben Sie wohl ...“
Ordynoff hörte nichts mehr. Halb wahnsinnig verließ er das Zimmer.
Er war wie zerschlagen und alles Denken war in ihm erstarrt. Er hatte
eigentlich nur die dumpfe Empfindung seiner Krankheit, doch zugleich
erfaßte ihn eine kalte Verzweiflung, die ihn den einen, kaum bewußt
gefühlten Schmerz in der Brust vergessen ließ. Er dachte an den Tod,
dachte, daß es das beste wäre, jetzt schnell zu sterben. Seine Füße
versagten ihm den Dienst und er setzte sich auf eine Bank an einem Zaun,
ohne den Vorübergehenden irgendwelche Beachtung zu schenken: allen den
Leuten, die sich nach und nach um ihn zu versammeln begannen, ihn teils
neugierig und mitleidig betrachteten, teils Fragen an ihn stellten und
sich besorgt ereiferten. Da vernahm er plötzlich durch das Stimmengewirr
Murins Stimme, die ihn wie aus einem Traum schreckte, und er sah auf.
Der Alte stand neben ihm: sein bleiches Gesicht war ernst und
nachdenklich. Das war ein ganz anderer Mensch, als der, der sich bei
Jaroslaw Iljitsch in so frecher Weise über ihn lustig gemacht hatte.
Ordynoff erhob sich und Murin faßte ihn am Arm und führte ihn aus der
Menge.
„Du mußt noch deine Habseligkeiten mitnehmen,“ sagte er, indem er
Ordynoff flüchtig von der Seite ansah und seinen Arm wieder freigab.
„Sei nicht traurig, Herr!“ versuchte er ihn zu ermuntern. „Du bist jung,
wozu da trauern! ...“
Ordynoff schwieg.
„Bist gekränkt, Herr? Ärgerst dich also ... aber worüber denn? Jeder
verteidigt sein Gut!“
„Ich kenne Sie nicht,“ stieß Ordynoff hervor, „und Ihre Geheimnisse
gehen mich nichts an. Aber sie, sie!“ rief er, und Tränen entströmten
seinen Augen und rollten über seine Wangen, doch der Wind trocknete sie
schnell ... Ordynoff hob die Hand, wie um sie fortzuwischen. – Aber
seine Geste, sein Blick, die unwillkürliche Bewegung seiner bebenden
bläulichen Lippen – alles schien darauf hinzudeuten, daß sein Geist
nicht lange mehr widerstandsfähig war und er dem Wahnsinn verfallen sein
mochte.
„Ich habe dir doch schon erklärt,“ sagte Murin, die Brauen
zusammenziehend, „sie ist eine Halbirrsinnige! Wodurch und wie sie
irrsinnig wurde ... wozu brauchst du das zu wissen? Mir ist sie auch so
– das, was sie mir ist! Ich habe sie liebgewonnen mehr als mein Leben
und werde sie niemand abtreten. Begreifst du jetzt!“
In Ordynoffs Augen flammte es auf.
„Aber warum,“ stieß er hervor, „warum ist mir denn nun, als hätte ich
mein Leben verloren? Warum schmerzt denn _mein_ Herz? Warum mußte ich
Katherina kennen lernen?“
„Warum?“ wiederholte Murin mit kurzem Auflachen, ward aber sogleich
ernst und nachdenklich. „Ja, warum – das weiß ich auch nicht,“ murmelte
er endlich. „Weibersinn ist schließlich kein Meeresgrund, erforschen
kann man ihn schon, aber! ... Was sie wollen, das muß man ihnen geben –
ob sie’s mit List, Beharrlichkeit oder Zähheit verlangen – aber geben
muß man’s ihnen, als hätte man es nur aus der Tasche zu nehmen und
hinzulegen. Da ist es denn wohl wahr, Herr, daß sie mit Ihnen von mir
weggehen wollte,“ fuhr er nachdenklich fort. „Sie verschmähte den Alten,
nachdem sie mit ihm alles erlebt, was man erleben kann! Da müssen Sie
ihr anfangs arg in die Augen gestochen haben! Oder war’s nur so – ob
Sie, ob ein anderer ... Ich verbiete ihr ja nichts, lasse ihr in allem
ihren Willen. Und sollte sie Vogelmilch verlangen – ich verschaffe ihr
auch Vogelmilch, werde selbst den Vogel erschaffen, wenn es einen
solchen noch nicht gibt! Eitel ist sie! Nach Freiheit strebt sie und
dabei weiß sie selbst nicht, was das Herz will. Und da hat es sich denn
jetzt herausgestellt, daß es am besten doch wieder beim alten bleibt!
Ach, Herr! Jung bist du, noch arg jung! Dein Herz ist heiß wie das Herz
eines jungen Mädchens, das sich noch mit dem Ärmel die Tränen trocknet,
wenn es sich vom Liebsten verlassen sieht. Höre, Herr, was ich dir sage:
ein schwacher Mensch kann sich allein nicht halten! Gib ihm alles, was
du willst – er wird dir freiwillig alles wieder zurückgeben, und wenn du
ihm auch das halbe Erdreich schenkst und sagst: ‚Nimm und herrsche!‘ –
was meinst du, was er tut? – in den Stiebel kriecht er und versteckt
sich, so klein macht er sich! Und so ist es auch mit dem freien Willen:
gibst du ihn ihm, dem schwachen Menschen, so wird er ihn selbst binden
und ihn dir zurückgeben. Dummen Herzen nützt Freiheit nichts. Sie wissen
damit nichts anzufangen. Ich sage dir das nur so – bist noch arg jung!
Sonst aber – was gehst du mich an? Gekommen, gegangen – ob du oder ein
anderer: bleibt sich gleich. Ich hab’s ja schon von Anfang an gewußt,
wie es kommen würde. Sich widersetzen, das hilft da nichts. Kein Wort
darf man dawider sprechen, wenn man sein Glück bewahren will. Es ist
doch, Herr,“ fuhr Murin fort, in seiner Art zu philosophieren,
„gewöhnlich alles nur so ... gesagt: bis zum Ausführen hat’s noch eine
gute Weile. Aber schließlich – was kann nicht vorkommen? Im Zorn ist
auch das Messer zur Hand, oder wenn nicht, dann geht es auch unbewaffnet
mit den Zähnen dem Feinde an die Gurgel! Wird dir aber offen das Messer
angeboten und dein Feind entblößt vor dir seine breite Brust – da wirst
du wohl zurücktreten!“
Sie traten auf den Hof. Der Tatar, der sie schon von weitem hatte kommen
sehen, nahm vor ihnen die Mütze ab und betrachtete Ordynoff mit listiger
Neugier.
„Wo ist deine Mutter? Zu Haus?“ wandte sich Murin barsch an ihn.
„Zu Haus.“
„Sag ihr, daß sie seine Sachen herunterschleppen soll. Und auch du,
marsch! rühr dich!“
Sie stiegen die Treppe hinauf. Die Alte, die bei Murin diente und die,
was Ordynoff noch nicht gewußt hatte, die Mutter des Hausknechtes war,
trug seine Habseligkeiten brummend zusammen und band sie in ein großes
Bündel.
„Warte; ich bringe dir noch etwas, was dir gehört ...“
Murin ging in sein Zimmer, kam aber sogleich wieder zurück und händigte
Ordynoff ein mit Seide und Perlen reich gesticktes Kissen ein, dasselbe,
das Katherina ihm unter den Kopf gelegt hatte, als er krank wurde.
„Das schickt sie dir,“ sagte er. „Jetzt gehe mit Gott, aber sieh zu, daß
du auf dich acht gibst,“ fügte er halblaut in väterlichem Tone hinzu,
„sonst kann es schlimm werden.“
Augenscheinlich wollte er ihm beim Abschied nicht weh tun. Als aber
Ordynoff bereits aus der Tür trat und er den letzten Blick auf ihn warf,
da war es doch wie ein Aufflammen unendlicher Bosheit, das sich in
seinem Blick verriet. Fast wie mit Ekel schloß Murin hinter ihm die Tür.
Zwei Stunden darauf zog Ordynoff zu Spieß, dem Deutschen. Tinchen schlug
die Hände zusammen und rief „Mein Gott und Vater!“ als sie ihn erkannte.
Das erste war, daß sie sich nach seiner Gesundheit erkundigte, und als
sie erfuhr, daß er krank war, schickte sie sich sogleich an, ihn zu
kurieren.
Der alte Spieß erzählte ihm darauf mit Selbstzufriedenheit, daß er
gerade im Begriff gewesen sei, den Mietszettel wieder unten am Haustor
auszuhängen, da dies genau der letzte Tag sei, an dem seine Anzahlung
der Miete ablaufe. Natürlich konnte der Alte nicht umhin, bei der
Gelegenheit ein Wörtchen über den deutschen Ordnungssinn im allgemeinen
wie im besonderen einzuflechten und desgleichen auch die bekannte
deutsche Ehrlichkeit rühmend hervorzuheben. Am selben Tage erkrankte
Ordynoff ernstlich und erst nach vollen drei Monaten konnte er das Bett
verlassen.
Seine Genesung machte nur sehr langsame Fortschritte. Das Leben bei den
Deutschen verging einförmig, ruhig, still. Der Alte schien im Grunde ein
Gemütsmensch zu sein, ohne besondere Eigenheiten, und das nette Tinchen
war, natürlich innerhalb der Gebote der Sittsamkeit, alles, was man nur
wünschen konnte. Und doch erschien das Leben Ordynoff so öde und
farblos, als hätte es für ihn auf ewig alles Licht und alle Farben
verloren. Er versank in grübelndes Sinnen und wurde reizbar; er war
gleichsam preisgegeben den Eindrücken, die er empfing und er empfand sie
mit krankhafter Nachdrücklichkeit. So kam es, daß er in einen Zustand
verfiel, der an Hypochondrie gemahnte und schließlich sein Empfinden
gegen äußere Eindrücke völlig abstumpfte. Oft rührte er wochenlang kein
Buch an. Die Zukunft war für ihn aussichtslos, sein Geld ging auf die
Neige und er ließ schon im voraus die Arme sinken; ja er dachte nicht
einmal an die Zukunft. Manchmal kam wohl seine frühere Liebe zur
Wissenschaft über ihn, das frühere Fieber, das ihn zum Schaffen gedrängt
hatte, und die Gedanken und Gestalten, die einst in seinem Geist
entstanden waren, erstanden jetzt wieder aus der Vergangenheit und
stellten sich förmlich greifbar vor ihm auf ... doch sie bedrückten ihn
jetzt nur und lähmten seine Energie. Seine Gedanken wurden nicht zu
Taten. Die Kraft zur Schöpfung war ausgeschaltet und so schien das
Schaffen wie stehen geblieben. Es war, als erständen alle diese Ideen
jetzt nur noch deshalb wie Giganten in seinem Geiste, um über seine,
ihres Schöpfers, Kraftlosigkeit zu spotten. Unwillkürlich kam es ihm in
einer traurigen Stunde in den Sinn, sich mit jenem vorwitzigen
Zauberlehrling zu vergleichen, der, nachdem er von seinem Meister den
Zauberspruch erlauscht, dem Besen befiehlt, das Wasser herbeizutragen,
und der dann schließlich in diesem Wasser ertrinkt, weil er vergessen
hat, wie man ihm Einhalt gebietet. Vielleicht, wer weiß, wäre von ihm
eine große, selbständige, neue Idee in die Welt gesetzt worden.
Vielleicht war es ihm bestimmt gewesen, ein Großer in seiner
Wissenschaft zu werden. Wenigstens hatte er früher selbst so etwas
geglaubt. Ein aufrichtiger Glaube aber ist schon eine Bürgschaft für die
Zukunft. Jetzt jedoch lachte er über diesen seinen blinden Glauben und –
kam keinen Schritt vorwärts. Ein halbes Jahr vorher war das anders
gewesen: da hatte er in klaren Zügen eine Skizze zu einem Werk
entworfen, in dem er seine Anschauungen festlegen wollte, und auf dieses
Werk hatte er, jung wie er war, die größten, auch die größten
materiellen Hoffnungen aufgebaut. Das Werk war ein Buch über
Kirchengeschichte und Worte tiefster glühendster Überzeugung
entströmten, während er an ihm schrieb, seiner Feder. Jetzt nahm er
diesen Plan wieder vor, las ihn durch, änderte, dachte über ihn nach,
las und suchte in den verschiedensten Büchern, und schließlich verwarf
er seine Idee – verwarf sie, ohne sie durch eine andere zu ersetzen.
Dafür begann so etwas wie Mystik, ja sogar so etwas wie ein Glaube an
Prädestination und ein Ahnen der letzten Geheimnisse dieser Welt sich
mehr und mehr in seine Seele einzudrängen. Der Unglückliche litt unter
seinen unendlichen Qualen und wandte sich schließlich Gott zu, um bei
ihm Erlösung zu finden. Die Aufwärterin der Deutschen, eine alte
gottesfürchtige Russin, erzählte mit Wohlgefallen, wie ihr stiller
Mieter in der Kirche bete und wie er zuweilen stundenlang regungslos auf
den Knien liege, die Stirn auf die Fliesen gebeugt ...
Er hatte zu keinem Menschen ein Wort von seinem Erlebnis gesagt.
Zuweilen aber, namentlich in der Dämmerung, wenn die Kirchenglocken
läuteten und zur Abendandacht riefen und ihr Klang in ihm wieder die
Erinnerung an jenen Augenblick erweckte ... als zum erstenmal jenes
Gefühl über ihn kam, das er noch nie empfunden und das ihn erzittern
ließ, während er, neben ihr kniend, alles andere um sich her vergaß und
nur ihr Herz pochen hörte ... und wie da plötzlich diese lichte Hoffnung
mit einemmal sein einsames Leben durchstrahlt hatte und er vor lauter
Freude und Entzücken in Tränen ausgebrochen war – wenn er das alles
jetzt nochmals durchlebte, dann war es ihm, als risse ihn ein Sturm mit
sich fort, ein Sturm, der sich aus seiner eigenen, für immer verwundeten
Seele erhob; dann erzitterte er und die Qual der Liebe brannte wieder
wie sengendes Feuer in seiner Brust; dann tat ihm das Herz vor Leid und
Leidenschaft zum Zerspringen weh und mit der Trauer wuchs seine Liebe,
wurde noch immer größer und tiefer. Oft saß er so, stundenlang, vergaß
sich selbst und sein ganzes alltägliches Leben, vergaß alles in der Welt
und saß stundenlang auf einem Fleck, einsam, traurig – stützte dann wohl
die Ellbogen auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen, bis
ihm die Tränen durch die Finger rannen und er hoffnungslos müde den Kopf
schüttelte, während seine Lippen leise flüsterten: „Katherina! Du Süße!
Meine Taube du! Mein Schwesterchen! ...“
Nach und nach jedoch begann eine häßliche Überzeugung sich immer mehr in
ihm festzusetzen, ja sie verfolgte ihn geradezu und peinigte ihn und
stand doch mit jedem Tage unabweisbarer vor ihm, bis sie aus einem
bloßen Verdacht zur Wahrscheinlichkeit und zu guter Letzt zur Gewißheit
und Überzeugung für ihn wurde. Es schien ihm – und wie gesagt, zuletzt
glaubte er selbst fest daran – es schien ihm, daß Katherinas Geist und
Vernunft keineswegs gelitten hatten, daß aber Murin seinerseits auch
nicht so unrecht hatte, wenn er sie ein „schwaches Herz“ nannte. Es
schien ihm, daß irgendein verbrecherisches Geheimnis sie mit dem Alten
verband, daß aber das Verbrechen selbst Katherina gar nicht recht zu
Bewußtsein gekommen, eben wegen ihres reinen Herzens, und daß sie so in
seine Gewalt geraten war. Wer waren sie? – er wußte es nicht. Aber ihn
verfolgte die Vorstellung einer erbarmungslosen, eifersüchtigen
Tyrannei, die der Alte mit der Beherrschung des armen schutzlosen
Geschöpfs ausübte, und sein Herz erbebte in ohnmächtiger Empörung. Es
schien ihm, daß der Alte, als ihr vielleicht einmal so etwas wie eine
Ahnung des ganzen Zusammenhangs aufgegangen war, ihr dann arglistig das
„Verbrechen“ vorgehalten hatte, ihre Schuld und ihren Fall, um dann
listig das arme „_schwache_“ Herz zu quälen und den Tatbestand in
schlauer Weise zu verdrehen, wobei er mit Absicht ihre Blindheit da, wo
es ihm ratsam erschien, noch verstärkt und andererseits die Neigungen
ihres heißen, verwirrten, unerfahrenen Herzens begünstigt haben mochte,
bis er ihr auf diese Weise allmählich die Flügel gestutzt und die einst
freie unabhängige Seele so weit gebracht, daß sie schließlich weder zu
einer Selbstbefreiung durch eine Rettung ins wirkliche Leben, noch zu
überhaupt einer Auflehnung gegen seine schlaue Gewaltherrschaft fähig
war ...
Mit der Zeit wurde Ordynoff noch menschenscheuer, als früher, seine
Deutschen hinderten ihn daran nicht im geringsten, was um der
Gerechtigkeit willen nicht verschwiegen sei. Ab und zu aber machte er
sich doch auf und ging hinaus, um dann lange ziellos durch die Straßen
zu wandern. Es geschah das vornehmlich in der Dämmerstunde und dazu
suchte er sich dann öde und entlegene Stadtteile auf, wo selten ein
Mensch zu sehen war. An einem regnerischen Vorfrühlingsabend begegnete
er in einer dieser Gassen Jaroslaw Iljitsch.
Der war inzwischen merklich magerer geworden, seine freundlichen Augen
hatten ihren Glanz verloren und der ganze Mensch machte den Eindruck,
als habe das Leben ihn enttäuscht. Er hatte es gerade sehr eilig und
eine Angelegenheit vor, die angeblich keinen Aufschub duldete – war
dabei durchnäßt und angeschmutzt, und an seiner sonst sehr anständigen,
jetzt jedoch von der Witterung etwas blau angelaufenen Nase hing in
beinahe phantastischer Weise ein Regentropfen. Außerdem trug er einen
Backenbart, während er früher nur einen Schnurrbart gehabt hatte.
Dieser Backenbart und der Umstand, daß Jaroslaw Iljitsch im ersten
Augenblick fast tat, als wolle er seinem alten Bekannten ausweichen,
frappierten Ordynoff ... Und sonderbar! gewissermaßen schmerzte ihn das
sogar und kränkte sein Herz, das doch bis dahin noch niemals des
Mitleids anderer Menschen bedurft hatte. Der frühere Jaroslaw Iljitsch
war ihm lieber gewesen, dieser gutmütige, dieser naive und –
entschließen wir uns, es endlich offen auszusprechen – dieser etwas
dumme Jaroslaw Iljitsch, der so gar keine Ansprüche machte auf
Enttäuschungen oder Bereicherungen. Es ist doch unangenehm, entschieden
unangenehm, wenn ein _dummer_ Mensch, den man einst vielleicht gerade
wegen seiner Dummheit gern gehabt hat, _plötzlich klüger wird_! Übrigens
verschwand das Mißtrauen, mit dem er im ersten Augenblick Ordynoff
ansah, fast noch schneller, als dieser es wahrnehmen konnte.
Doch ungeachtet dieser Veränderung hatte er seine alten Gewohnheiten
keineswegs aufgegeben, wie ja bekanntlich fast jeder Mensch seine
Gewohnheiten ins Grab mitzunehmen pflegt: und so begann er denn auch
jetzt wieder ganz im Tone des besten Freundes die Unterhaltung. Zunächst
bemerkte er, daß er viel zu tun habe, dann, daß sie sich lange nicht
gesehen. Darauf nahm aber seine Rede plötzlich eine ganz andere und
jedenfalls ganz neue Wendung. Er begann von der Verlogenheit der
Menschen im allgemeinen zu sprechen, von der Vergänglichkeit der
irdischen Güter sowie von der irdischen Nichtigkeit überhaupt, die nur
eine einzige Sorge kenne ... versäumte auch nicht, so ganz beiläufig
Puschkin zu erwähnen, jedoch in fast herablassendem Tone, und sprach
ferner von seinen guten Bekannten sogar mit einem gewissen Zynismus,
worauf er zum Schluß sich noch ein paar Andeutungen über die Falschheit
derjenigen erlaubte, die sich öffentlich Freunde nennen, während es in
Wirklichkeit, solange die Welt stehe, überhaupt noch keine echte
Freundschaft gegeben habe. Mit einem Wort, Jaroslaw Iljitsch war _doch_
klüger geworden!
Ordynoff widersprach ihm nicht, aber eine unsagbare, qualvolle
Traurigkeit bemächtigte sich seiner: es war ihm, als habe er soeben
seinen besten Freund begraben!
„Ach! Stellen Sie sich vor, da hätte ich es beinahe zu erzählen
vergessen!“ unterbrach sich plötzlich Jaroslaw Iljitsch, als fiele ihm
etwas ungeheuer Wichtiges ein. „Ich habe eine Neuigkeit! Erinnern Sie
sich noch jenes Hauses, wo Sie mal kurze Zeit wohnten?“
Ordynoff zuckte zusammen und erbleichte.
„Können Sie sich denken, in diesem Hause hat man vor kurzem eine ganze
Räuberbande entdeckt! – das heißt, verstehen Sie: eine ganze Bande!
Schmuggler, Diebe, Spitzbuben der schlimmsten Art und weiß der Teufel
was noch alles! Mehrere sind schon hinter Schloß und Riegel, den andern
ist man erst noch auf der Spur. Die strengsten Weisungen sind erlassen!
Und denken Sie sich weiter: – Sie erinnern sich doch wohl noch des
Hausbesitzers? – so’n kleines Männchen, gottesfürchtig, dem Anscheine
nach ein ehrwürdiger, durch und durch anständiger, alter Mann ...“
„Nun?“
„Tja – da urteilen Sie jetzt über die Menschheit! Gerade der ist das
Haupt der Bande gewesen, der Anführer! Was sagen Sie dazu? Ist das nicht
haarsträubend!“
Jaroslaw Iljitsch sprach mit Leidenschaft und verurteilte mit dem einen
Sünder sogleich die ganze Welt, denn so ein Jaroslaw Iljitsch kann eben
nicht anders, als nach einem Ding alle Dinge beurteilen, das liegt nun
mal in seinem Charakter.
„Und jene? ... Und Murin?“ stieß Ordynoff atemlos hervor.
„Murin? Ach so – der! Nein, Murin war ein ehrwürdiger Alter ... Aber ...
erlauben Sie mal! ... erlauben Sie mal! ... Sie werfen da ein neues
Licht auf die Affäre ...“
„Wie denn? Gehörte er nicht auch zur Bande?“
Ordynoffs Herz schlug laut gegen seine Brust – er verging vor Spannung.
„Übrigens ... nein, wie denn das ... wie kommen Sie darauf?“ Jaroslaw
Iljitsch richtete seine bleiernen Augen mit unbeweglichem Blick auf
Ordynoff – ein Zeichen, daß er überlegte.
„Murin kann nicht darunter gewesen sein. Er hat schon drei Wochen vorher
mit der Frau Petersburg verlassen – ist in seine Heimat zurückgekehrt
... Ich erfuhr es vom Hausknecht ... jenem Tatarenfrechling, erinnern
Sie sich?“