„Seit jenem Vormittag stand mir, sobald ich nur ein Geräusch im Flur

hörte, gleich das Herz still. ‚Vielleicht ist es der Mieter, der zu uns

kommt,‘ dachte ich und steckte schnell auf alle Fälle die Nadel ab,

heimlich, damit Großmutter es nicht merkte. Nur war es niemals er, – er

kam nicht. So vergingen zwei Wochen. Da ließ er uns eines Tages durch

Fjokla sagen, daß er viele Bücher habe; und gute Bücher, und ob da nicht

Großmutter sich von mir vorlesen lassen wolle, um eine kleine

Zerstreuung zu haben? Großmutter nahm das Anerbieten mit Dank an, nur

fragte sie mich immer wieder, ob es auch wirklich anständige Bücher

wären, ‚denn wenn sie unmoralisch sind,‘ sagte sie, ‚dann darfst du sie

unter keinen Umständen lesen, Nasstenka, du würdest nur Schlechtes aus

ihnen lernen.‘

„‚Was würde ich denn lernen, Großmama?‘ fragte ich, ‚was steht denn in

schlechten Büchern geschrieben?‘

„‚Ja, mein Kind, da wird erzählt, wie junge Männer sittsame Mädchen

verführen, wie sie sie unter dem Vorwand, sie heiraten zu wollen, aus

dem Elternhause entführen und dann ihrem Schicksal überlassen, und wie

die unglücklichen Mädchen zuletzt elend umkommen und zugrunde gehen.

Ich,‘ sagte Großmutter, ‚ich habe viele solcher Bücher gelesen und

alles,‘ sagte sie, ‚ist so herrlich geschildert, daß man die ganze Nacht

heimlich in ihnen liest. Und deshalb, Nasstenka,‘ sagte sie, ‚sieh zu,

daß du solche Bücher nicht liest. Was für Bücher sind es denn, die er

uns geschickt hat?‘

„‚Es sind Romane von Walter Scott, Großmutter,‘ sagte ich.

„‚Ah, Romane von Walter Scott! Aber sieh vorsichtshalber nach, ob nicht

irgendwelche Spitzbübereien darin stecken. Vielleicht hat er einen

Liebesbrief oder ein Zettelchen hineingelegt.‘

„‚Nein,‘ sagte ich, ‚es ist kein Zettelchen drin, Großmutter.‘

„‚Sieh mal ordentlich nach, auch unter dem Umschlagrücken; zuweilen

stecken sie es dorthin, die Spitzbuben!‘

„‚Nein, Großmutter,‘ sagte ich, ‚auch unter dem Umschlagrücken ist

nichts.‘

„‚Nun, Vorsicht kann nie schaden!‘ war ihre Antwort.

„Und so fingen wir denn an, Walter Scott zu lesen, und in etwa einem

Monat waren wir fast schon mit der Hälfte der Bücher fertig. Dann

schickte er uns wieder neue Bücher, auch Puschkin war darunter, so daß

ich ohne Bücher bald gar nicht mehr sein konnte und darüber ganz vergaß,

wie früher darüber zu sinnen, wie ich wohl einen chinesischen Prinzen

heiraten könnte.

„So standen die Dinge, als der Zufall es einmal fügte, daß ich unserem

Mieter auf der Treppe begegnete. Ich mußte für Großmutter etwas holen.

Er blieb stehen, ich errötete – und er errötete gleichfalls; aber da

lachte er auch schon und begrüßte mich und erkundigte sich nach

Großmutters Befinden. Darauf fragte er, ob ich die Bücher schon gelesen

hätte. Ich sagte: ‚Ja, ich habe sie gelesen.‘ – ‚Was hat Ihnen denn am

besten gefallen?‘ fragte er weiter. Ich sagte: ‚Ivanhoe und Puschkin

haben mir am besten gefallen.‘ Und damit war unser Gespräch für diesmal

beendet.

„Nach einer Woche begegnete ich ihm wieder auf der Treppe. Nur hatte

mich an dem Tage nicht Großmutter geschickt, ich hatte vielmehr selbst

etwas nötig. Es war nach zwei Uhr und um diese Zeit kam unser Mieter

nach Hause, das wußte ich. ‚Guten Tag!‘ sagte er. ‚Guten Tag!‘ erwiderte

ich.

„‚Ist es Ihnen nicht langweilig, den ganzen Tag bei der Großmutter zu

sitzen?‘ fragte er.

„Wie er das fragte, da – ich weiß nicht, weshalb – errötete ich wieder

und ich schämte mich und seine Worte kränkten mich – wohl deshalb, weil

nun schon andere mich nach meiner Lebensweise bei Großmutter zu fragen

begannen. Ich wollte fortgehen, ohne ihm zu antworten, aber ich hatte

keine Kraft zum Gehen.

„‚Sie sind ein gutes Mädchen,‘ sagte er darauf. ‚Entschuldigen Sie,

bitte, daß ich so zu Ihnen spreche, aber, ich versichere Ihnen, ich

wünsche Ihnen vielleicht mehr Gutes, als Ihre Großmutter es zu tun

scheint. Haben Sie keine Freundinnen, die Sie besuchen könnten?‘

„Ich sagte, ich hätte jetzt keine, denn Maschenka, meine einzige

Freundin, wäre nach Pskow gereist.

„‚Wollen Sie nicht einmal mit mir ins Theater fahren?‘ fragte er mich

darauf.

„‚Ins Theater?‘ fragte ich, ‚aber was soll denn Großmutter –?‘

„‚Nun,‘ meinte er, ‚Sie brauchen es ihr ja nicht zu sagen, – kommen Sie

heimlich ...‘

„‚Nein,‘ sagte ich, ‚ich will Großmutter nicht betrügen. Guten Tag!‘

„Er grüßte nur, sagte aber nichts. Am Nachmittag, wir hatten gerade erst

gespeist, kam er plötzlich zu uns. Er setzte sich, unterhielt sich mit

Großmutter, erkundigte sich, ob sie nicht zuweilen auch ausfahre, ob sie

Bekannte habe – plötzlich aber sagte er: ‚Ich habe für heute eine Loge

genommen, im Opernhaus; der Barbier von Sevilla wird gegeben, aber meine

Bekannten, mit denen ich die Vorstellung besuchen wollte, sind plötzlich

verhindert, und da sitze ich nun mit meinem Billett.‘

„‚Der Barbier von Sevilla!‘ rief Großmutter, ‚ist das etwa derselbe

Barbier, den man in der alten Zeit gab?‘

„‚Ja,‘ sagte er, ‚es ist derselbe Barbier,‘ und dabei sah er mich an.

Ich aber hatte schon alles begriffen und errötete und mein Herz hüpfte

in Erwartung!

„‚Aber den kenne ich ja!‘ rief Großmutter, ‚wie sollte ich den nicht

kennen! Ich habe doch in meiner Jugend auf der Hausbühne die Rosine

gespielt!‘

„‚Würden Sie dann nicht heute abend die Oper einmal wieder hören

wollen?‘ fragte er. ‚So fände auch mein Billett noch eine Verwendung,

sonst hätte ich es unnütz gekauft.‘

„‚Nun, meinetwegen, fahren wir,‘ sagte Großmutter, ‚weshalb sollten wir

nicht?! Meine Nasstenka ist ja auch noch niemals im Theater gewesen.‘

„Mein Gott, war das eine Freude! Wir kleideten uns an und dann fuhren

wir. Großmutter ist zwar blind, aber sie wollte doch wenigstens die

Musik hören: und dann, wissen Sie, sie ist eine gute alte Frau: sie

wollte hauptsächlich mir das Vergnügen gönnen, denn ohne seine

Aufforderung wären wir wohl niemals in die Oper gekommen. Wie der

Eindruck war, den der Barbier von Sevilla auf mich machte – nun, das

brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, das können Sie sich schon ohnehin

denken. Den ganzen Abend sah er mich mit so guten Augen an und sprach so

freundlich zu mir: und ich erriet gleich, daß er mich auf der Treppe nur

hatte prüfen wollen, als er mich aufforderte, allein mit ihm ins Theater

zu fahren. Da freute ich mich denn, daß ich ihm so geantwortet hatte!

Und als ich zu Bett ging, war ich so stolz, so froh und mein Herz schlug

so stark, daß ich sogar ein wenig fieberte, und die ganze Nacht träumte

mir vom Barbier von Sevilla.

„Ich dachte natürlich, unser Mieter werde jetzt öfter zu uns kommen –

aber da täuschte ich mich. Er kam fast gar nicht mehr. Nur so, etwa

einmal im Monat sprach er vor, und auch das nur, um uns aufzufordern,

mit ihm ins Theater zu fahren. Zweimal fuhren wir auch noch – nur wollte

mir diese Art gar nicht gefallen. Ich sah ein, daß ich ihm einfach nur

leid tat, weil ich bei Großmutter tagaus tagein angesteckt sitzen mußte:

weiter war es nichts. Und je länger sich das so fortsetzte, um so mehr

kam es über mich: ich saß und versuchte zu lesen und zu arbeiten, aber

ich konnte weder sitzen, noch lesen, noch arbeiten. Zuweilen lachte ich

und stellte irgend etwas an, worüber Großmutter sich ärgern mußte. Dann

wieder war ich den Tränen nahe oder weinte auch wohl wirklich. Zu guter

Letzt wurde ich fast krank. Die Opernsaison war zu Ende und unser Mieter

hörte nun ganz auf, zu uns zu kommen. Wenn wir einander aber begegneten

– immer auf der Treppe, natürlich – da grüßte er nur so ernst und

schweigend und ging an mir vorüber, als wolle er überhaupt nicht mit mir

sprechen. Und wenn er schon längst oben war, stand ich immer noch auf

der Treppe, rot wie eine Kirsche, denn das Blut stieg mir sofort ins

Gesicht, sobald ich ihn nur erblickte.

„Meine Geschichte ist gleich zu Ende. Gerade vor einem Jahr, im Mai, kam

unser Mieter nach langer Zeit wieder einmal zu uns und sagte der

Großmutter, daß er seine Geschäfte hier erledigt habe und wieder auf ein

Jahr nach Moskau fahren müsse. Wie ich das hörte, erbleichte ich und

sank auf einen Stuhl – ich glaubte, vergehen zu müssen. Großmutter

merkte nichts davon, er aber verabschiedete sich kurz und ging.

„Was sollte ich tun? Ich dachte und dachte und marterte mein Gehirn und

grämte mich, bis ich endlich doch einen Entschluß faßte. Morgen fährt

er, dachte ich, und so beschloß ich, noch an demselben Abend, sobald

Großmutter eingeschlafen wäre, meinen Vorsatz auszuführen. So geschah es

auch. Ich band, was ich an Kleidern und Wäsche nötig hatte, in ein

Bündel, und mit dem Bündel in der Hand, mehr tot als lebendig, ging ich

nach oben zu unserem Mieter. Ich glaube, ich brauchte eine volle Stunde,

um die Treppe hinaufzusteigen. Als ich aber die Tür zu seinem Zimmer

öffnete, da sprang er auf und sah mich an, als hielte er mich für ein

Gespenst. Doch das dauerte nur einen Augenblick. Dann griff er nach dem

Wasserglase und stand auch schon neben mir und gab mir zu trinken, denn

ich hielt mich kaum auf den Füßen. Mein Herz schlug so, daß es mir im

Kopf weh tat und meine Sinne sich verwirrten. Als ich aber wieder zu mir

kam, tat ich nichts weiter, als daß ich mein Bündel auf sein Bett legte,

mich daneben setzte, das Gesicht mit den Händen bedeckte und in eine

Flut von Tränen ausbrach. Ich glaube, da begriff er im Augenblick alles,

denn er stand vor mir und war bleich und sah mich so traurig an, daß es

mir das Herz zerriß.

„‚Hören Sie,‘ begann er, ‚hören Sie, Nasstenka, ich kann nicht! Ich bin

ganz arm, ich habe vorläufig noch nichts, nicht einmal eine Stellung:

wie sollten wir denn leben, wenn ich Sie heiratete?‘

„Wir sprachen lange. Schließlich war ich ganz fassungslos und sagte, ich

könne nicht länger bei Großmutter bleiben, ich würde von ihr fortlaufen

und ich wolle nicht, daß man mich mit einer Stecknadel anstecke: sobald

er nur einwillige, wollte ich mit ihm nach Moskau gehen, da ich ohne ihn

nicht mehr leben könne. Scham und Liebe und Stolz – alles brach da

zugleich aus mir hervor: und fast wie in einem Weinkrampf sank ich aufs

Bett. Ich fürchtete mich so vor einer Zurückweisung!

„Er schwieg eine Weile, dann stand er auf, trat zu mir und ergriff meine

Hand.

„‚Hören Sie, meine gute, meine liebe Nasstenka!‘ begann er, und seine

Stimme bebte vor Tränen, ‚hören Sie mich an. Ich schwöre Ihnen, wenn ich

jemals in der Lage sein werde, zu heiraten, so sollen Sie mein Glück

ausmachen. Ich versichere Ihnen, nur Sie allein könnten es. Doch hören

Sie weiter: ich fahre jetzt nach Moskau und werde dort ein Jahr bleiben.

Ich hoffe, mir in dieser Zeit ein Auskommen zu schaffen. Wenn ich dann,

nach einem Jahr, zurückkehre und Sie mich noch liebhaben, so werden wir

glücklich sein, das schwöre ich Ihnen. Jetzt jedoch ist es unmöglich,

ich besitze nichts und ich habe kein Recht, auch nur irgend etwas zu

versprechen. Sollte ich aber in einem Jahr noch nicht so weit sein, so

werden wir noch etwas länger warten müssen, einmal aber werden wir unser

Ziel erreichen – natürlich nur dann, wenn Sie nicht einem andern den

Vorzug geben, denn binden will ich Sie mit keinem Wort, das kann ich

nicht und darf ich nicht.‘

„So sprach er damals zu mir und am nächsten Tage fuhr er fort. Vorher

aber sprachen wir uns noch aus und beschlossen, der Großmutter nichts zu

sagen. Er wollte es so. Nun, und ... meine Geschichte ist fast zu Ende.

Es ist jetzt genau ein Jahr vergangen. Er ist zurückgekehrt, er ist

schon ganze drei Tage hier und ... und ...“

„Und – was?“ fragte ich gespannt.

„... Und ist bis jetzt noch nicht gekommen!“ schloß Nasstenka, indem sie

sich mit aller Gewalt zusammennahm, „kein Wort von ihm, kein Brief ...“

Sie stockte, schwieg ein wenig, senkte den Kopf und plötzlich brach sie,

die Hände vor das Gesicht schlagend, in Tränen aus und weinte so

verzweifelt, daß es mir das Herz zerriß.

Eine solche Lösung hatte ich nicht erwartet.

„Nasstenka!“ sagte ich mit aller Güte und Teilnahme in der Stimme.

„Nasstenka, um Gottes willen, so weinen Sie doch nicht so! Woher wissen

Sie es denn? Vielleicht ist er noch gar nicht hier ...“

„Doch, doch, er ist hier!“ bestätigte sie eifrig, „ich weiß es. Wir

trafen damals noch eine Verabredung, an jenem Abend vor seiner Abreise –

als wir uns ausgesprochen und uns alles gesagt hatten, was ich Ihnen

soeben erzählt habe, da kamen wir hierher und spazierten hier auf und

ab. Es war zehn Uhr und wir saßen auf dieser Bank. Ich weinte nicht

mehr, es war mir so süß, zu hören, was er zu mir sprach ... Er sagte, er

werde sogleich nach seiner Ankunft zu uns kommen, und wenn ich mich dann

nicht von ihm lossagte, würden wir alles der Großmutter mitteilen. Jetzt

aber ist er zurückgekehrt, ich weiß es, und zu uns ist er nicht

gekommen, _nicht_ gekommen!“

Und wieder brach sie in Tränen aus.

„Mein Gott! Kann man Ihnen denn nicht irgendwie helfen?“ rief ich und

sprang in meiner Ratlosigkeit von der Bank auf. „Sagen Sie, Nasstenka,

könnte ich nicht zu ihm gehen und mit ihm sprechen?“

„Ginge denn das?“ fragte sie, plötzlich aufschauend.

„Nein, eigentlich nicht, natürlich nicht! ... Aber hören Sie: schreiben

Sie ihm einen Brief.“

„Nein, das ist unmöglich, das geht erst recht nicht!“ versetzte sie

schnell, senkte jedoch das Köpfchen und sah mich nicht an.

„Weshalb denn nicht? Weshalb sollte es unmöglich sein?“ fuhr ich fort,

denn mein Plan begann mir zu gefallen. „Die Frage ist nur: was für einen

Brief! Zwischen Brief und Brief ist ein Unterschied und ... Ach,

Nasstenka, vertrauen Sie mir doch! Ich will Ihnen keinen schlechten Rat

geben. Es läßt sich das wirklich machen, glauben Sie mir! Sie haben doch

den ersten Schritt getan – weshalb wollen Sie denn jetzt nicht ...“

„Nein, nein, es geht nicht, es geht wirklich nicht! Damals habe ich mich

schon fast – aufgedrängt ...“

„Ach, Sie Kind!“ unterbrach ich sie, ohne mein Lächeln zu verbergen,

„nein, da irren Sie sich. Und schließlich haben Sie dazu das volle

Recht, da er Ihnen sein Wort gegeben hat. Übrigens scheint er auch, wie

ich aus allem ersehe, ein durch und durch anständiger Mensch zu sein,“

fuhr ich fort und ließ mich von der Logik meiner Folgerungen und

Schlüsse mehr und mehr gefangennehmen. „Wie hat er denn an Ihnen

gehandelt? Er hat sich durch sein Versprechen gebunden. Er hat gesagt,

daß er nur Sie heiraten werde, sobald er erst einmal so weit sein würde;

Ihnen dagegen hat er volle Freiheit gelassen, so daß Sie, wenn Sie

wollen, jeden Augenblick sich von ihm lossagen können ... Folglich

dürfen Sie jetzt ruhig den ersten Schritt tun, denn er hat Ihnen in

allem das Vorrecht überlassen – ganz gleich, ob es sich nun um die

Rückgabe des bindenden Wortes handelt, oder um etwas anderes ...“

„Sagen Sie – wie würden Sie an meiner Stelle schreiben?“

„Was?“

„Nun, diesen Brief an ihn.“

„Ich? – Oh, ganz einfach: ‚Sehr geehrter Herr ...‘“

„Muß man unbedingt so anfangen?“

„Unbedingt. Übrigens, haben Sie etwas dagegen einzuwenden? Ich denke

...“

„Nein, nein, schon gut! Weiter!“

„Also: ‚Sehr geehrter Herr! Entschuldigen Sie, daß ich ...‘ Übrigens

nein, Entschuldigungen sind überflüssig. Hier erklärt ja schon die

Tatsache alles. Also einfach: ‚Ich schreibe Ihnen. Verzeihen Sie meine

Ungeduld, aber ich war ein ganzes Jahr lang so glücklich, da ich immer

in meiner Hoffnung lebte – woher sollte ich jetzt wohl die Geduld

nehmen, auch nur einen Tag der Ungewißheit zu ertragen? Jetzt, wo Sie

schon zurückgekehrt sind und mich doch noch nicht aufgesucht haben, muß

ich annehmen, daß Sie Ihre Absicht inzwischen aufgegeben haben. In dem

Fall soll dieser Brief Ihnen nur sagen, daß ich nicht klage und Ihnen

keinen Vorwurf mache. Wie sollte ich auch, denn es ist doch nicht Ihre

Schuld, wenn ich Ihr Herz nur für eine kurze Zeit zu fesseln vermocht

habe. Dann ist es eben mein Schicksal ... Sie sind ein vornehm denkender

Mensch und Sie werden über meine ungeschickten Zeilen weder lächeln noch

sich ärgern. Aber trotzdem – vergessen Sie nicht, daß ein armes Mädchen

an Sie schreibt, daß sie ganz allein ist und keinen Menschen hat, dem

sie sich anvertrauen und der ihr Rat erteilen könnte, und daß sie auch

nie verstanden hat, ihr Herz zu bezwingen. Doch seien Sie mir nicht

böse, wenn es unrecht von mir gewesen sein sollte, auch nur für einen

Augenblick in meiner Seele Zweifel gehegt zu haben. Ich weiß, daß Sie

nicht einmal in Gedanken diejenige zu kränken vermögen, die Sie so

geliebt hat und noch liebt.‘“

„Ja, ja! So habe ich es mir auch schon gedacht!“ rief Nasstenka und ihre

Augen glänzten vor Freude. „Oh, Sie haben mich von allen meinen

Ungewißheiten erlöst! Gott selbst hat Sie mir gesandt! Ich danke Ihnen,

ich danke Ihnen!“

„Wofür? Dafür, daß Gott mich zu Ihnen gesandt hat?“ fragte ich und

betrachtete entzückt ihr freudestrahlendes Gesichtchen.

„Ja, meinetwegen dafür!“

„Ach, Nasstenka! Wir sind doch wirklich manchen Menschen nur dafür

dankbar, daß sie mit uns leben oder überhaupt nur leben. Ich zum

Beispiel bin Ihnen ganz unendlich dankbar dafür, daß Sie mir begegnet

sind und daß ich nun mein Leben lang an Sie werde denken können.“

„Nun, schon gut, genug! Aber jetzt – Sie wissen ja noch gar nicht alles

– also hören Sie: Damals verabredeten wir, daß er sogleich nach seiner

Rückkehr mir eine Nachricht zukommen lassen solle, und zwar durch meine

Bekannten: gute, einfache Leute, die von all dem nichts wissen; falls er

aber nicht schreiben könne, da sich in einem Brief doch oft nicht alles

sagen läßt, so sollte er gleich am ersten Tage um Punkt zehn Uhr abends

hierher kommen, wo wir uns dann treffen wollten. Daß er in Petersburg

bereits angekommen ist, das weiß ich; aber jetzt ist er bereits seit

drei Tagen hier und bis jetzt habe ich weder einen Brief von ihm

erhalten, noch ist er selbst gekommen. Am Tage ist es mir nicht möglich,

unbemerkt von Großmutter fortzugehen. Deshalb – oh, seien Sie so gut und

geben Sie jenen Leuten, von denen ich sprach, meinen Brief – sie werden

ihn weiterbefördern. Wenn aber eine Antwort von ihm eintrifft, so

bringen Sie sie mir um zehn Uhr abends hierher – ja?“

„Aber der Brief, der Brief! Zuerst muß doch der Brief noch geschrieben

werden! Sonst kann ich das allenfalls erst übermorgen besorgen.“

„Der Brief ...“ Nasstenka sah etwas verwirrt zu Boden, „der Brief ... ja

aber ...“

Sie stockte und sprach nicht zu Ende, wandte das Gesichtchen, das wie

eine Rose erglühte, von mir fort, und plötzlich fühlte ich in meiner

Hand einen Brief – einen geschlossenen und natürlich nicht erst ganz vor

kurzem geschriebenen Brief. Und zugleich – der Schalk rief eine

Erinnerung in mir wach – klang mir plötzlich eine reizende graziöse

Melodie im Ohr und –

„Ro–osi–ina!“ sang ich.

„Oh! ‚Ro–o–osi–i–ina!‘“ sangen wir beide, und ich war nahe daran, sie

vor lauter Wonne in meine Arme zu schließen, während sie noch heftiger

errötete und durch Tränen lachte, die wie Tautropfen silbern an ihren

Wimpern glänzten.

„Nun, genug, genug! Jetzt leben Sie wohl!“ sagte sie schnell. „Den Brief

haben Sie, und auf dem Umschlag steht die Adresse, dort geben Sie ihn

ab. Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen: morgen!“

Sie drückte mir fest beide Hände, nickte mir noch einmal zu und huschte

wie ein Schatten in ihre kleine Querstraße. Ich stand noch lange auf

demselben Fleck und sah ihr nach.

„Auf Wiedersehen: morgen! Morgen!“ fuhr es mir durch den Sinn, als sie

meinen Blicken entschwunden war.

Die dritte Nacht.

Heute war ein trauriger regnerischer Tag, so grau und trüb und lichtlos

– ganz wie das Alter, das mir bevorstand. Und jetzt bedrücken mich so

seltsame Gedanken, so dunkle Empfindungen, und Probleme, die mir selbst

noch völlig unklar sind, drängen sich in meine Gedanken – und dabei habe

ich doch weder die Kraft noch den Wunsch, sie zu lösen. Nun, das ist

auch eigentlich nicht meine Sache!

Heute haben wir uns nicht gesehen. Als wir gestern Abschied nahmen,

zogen schon dunkle Wolken auf und Nebel erhob sich. Ich sagte noch:

„Morgen werden wir einen trüben Tag haben“. Sie antwortete darauf nichts

– was hätte sie auch antworten sollen? Für sie war dieser Tag hell und

klar und kein Wölkchen würde auf ihr Glück einen Schatten werfen.

„Wenn es regnet, werden wir uns nicht sehen,“ sagte sie endlich, „dann

komme ich nicht.“

Ich dachte, sie werde den Regen heute gar nicht bemerkt haben, aber sie

kam doch nicht.

Gestern sahen wir uns zum drittenmal – es war unsere dritte helle Nacht

...

Indessen – wie doch Freude und Glück einen Menschen schön machen! Wie

atmet im Herzen die Liebe! Es ist, als wolle man sein ganzes Herz in ein

anderes Herz überströmen lassen, man will, daß alles froh sei! daß alles

lache! Und wie ansteckend ist diese Freude! Gestern war in ihren Worten

soviel Zärtlichkeit und in ihrem Herzen soviel Güte zu mir ... Wie

aufmerksam sie war, wie nett, wie freundlich und lieb! wie sie mich

ermunterte und mein Herz erquickte! Oh, wieviel süße Schelmerei vor

lauter Glück! Und ich ... Ich nahm alles für bare Münze und dachte, daß

sie ...

Mein Gott, wie konnte ich nur so etwas denken? Wie konnte ich so blind

sein, wo ich doch wußte, daß alles schon einem anderen gehörte und wo

ich mir doch hätte sagen müssen, daß all ihre Zärtlichkeit und Liebe ...

ja, ihre Liebe zu mir – nichts anderes war, als ein Ausdruck ihrer

Freude über das bevorstehende Wiedersehen mit ihm und ihr Wunsch, an

diesem Glücke auch mich teilnehmen zu lassen, oder es einfach auf mich

zu übertragen? ... Als er aber nicht kam und wir vergeblich warteten, da

ward sie doch traurig und bekümmert und verzagt. Ihre Bewegungen und

ihre Worte waren nicht mehr so leicht und gleichsam beflügelt, nicht

mehr so ausgelassen lustig. Doch sonderbarerweise verdoppelte sie dann

ihre Aufmerksamkeit und Freundlichkeit gegen mich, und es war mir, als

wolle sie alles, was sie für sich wünschte und worum sie bangte, weil es

vielleicht für sie nie in Erfüllung gehen würde, unwillkürlich

wenigstens mir schenken. Und zitternd für ihr eigenes Glück, voll Angst

und Sehnsucht begriff sie endlich, daß auch ich liebte, daß ich _sie_

liebte, und etwas wie Mitleid mit meiner armen Liebe ergriff sie. Denn

wenn wir selbst unglücklich sind, dann können wir das Unglück anderer

besser nachfühlen, und das Gefühl zerstreut sich nicht so, sondern

sammelt sich ...

Ich kam zu ihr mit vollem Herzen, nachdem ich die Stunde des

Wiedersehens kaum hatte erwarten können. Ich ahnte aber noch nicht, was

ich in dieser Stunde empfinden würde, und ebensowenig sah ich voraus,

wie anders alles enden sollte. Sie strahlte vor Freude, denn sie

erwartete die Antwort. Und die Antwort, die sollte er selbst bringen ...

daß er auf ihren Ruf unverzüglich zu ihr eilen würde – davon war sie

fest überzeugt. Sie war schon eine ganze Stunde vor mir zur Stelle.

Anfangs lachte sie über alles, fast über jedes Wort, das ich sprach. Ich

wollte weitersprechen, doch plötzlich – schwieg ich.

„Wissen Sie, weshalb ich so froh bin?“ fragte sie, „– und mich so freue,

Sie zu sehen? – weshalb ich Sie heute so liebe?“

„Nun?“ fragte ich und mein Herz bebte.

„Ich liebe Sie, weil Sie sich nicht in mich verliebt haben. Ein anderer

zum Beispiel hätte doch an Ihrer Stelle angefangen, mich zu beunruhigen

und zu belästigen und hätte geseufzt und den Kranken gespielt, Sie aber

sind so nett und lieb!“

Und sie drückte meine Hand so fest, daß ich fast aufgeschrien hätte. Und

dann lachte sie wieder.

„Mein Gott! was sind Sie doch für ein Freund!“ fuhr sie nach einer Weile

sehr ernst fort. „Ich glaube wirklich, daß Gott selbst Sie mir gesandt

hat. Was würde wohl aus mir werden, wenn Sie jetzt nicht bei mir wären?

Wie uneigennützig Sie sind! und mit wieviel Güte Sie mich lieben! Wenn

ich verheiratet bin, werden wir gute Freunde sein – wie Brüder. Ich

werde Sie fast ebenso lieben, wie ihn ...“

Das tat mir weh und im Augenblick empfand ich schmerzvolle Trauer, doch

zugleich regte sich auch so etwas wie ein Lachen in meiner Seele.

„Sie sind unruhig,“ sagte ich, „die Angst sitzt Ihnen im Herzen, denn

Sie fürchten innerlich doch, daß er nicht kommen wird.“

„Gott mit Ihnen! – wäre ich weniger glücklich, so würden Ihr Unglaube

und Ihre Vorwürfe mich wahrscheinlich zum Weinen bringen. Übrigens haben

Sie mich auf einen Gedanken gebracht, über den ich noch lange grübeln

kann. Doch das werde ich nachher tun; jetzt aber will ich Ihnen

gestehen, daß Sie die Wahrheit erraten haben. Ja! Ich bin irgendwie

nicht – ich selbst. Ich bin in der Tat eigentlich nichts als Erwartung

und fühle und höre und nehme alles nur so von ungefähr ... Doch genug

davon, reden wir nicht mehr von Gefühlen ...“

Da plötzlich hörten wir Schritte und aus der Dunkelheit kam uns ein

Fußgänger entgegen. Wir zuckten beide zusammen, sie hatte fast

aufgeschrien. Ich zog meinen Arm zurück, auf dem ihre Hand lag, und

machte eine Wendung, um unauffällig fortzugehen. Doch wir täuschten uns:

es war ein Fremder, der ruhig vorüberging.

„Was fürchten Sie? Weshalb zogen Sie Ihren Arm zurück?“ fragte sie,

indem sie wieder meinen Arm nahm. „Was ist denn dabei? Wir werden ihm

Arm in Arm entgegengehen. Ich will, daß er sieht, wie wir einander

lieben.“

„Wie wir einander lieben!“ rief ich.

– „Oh, Nasstenka, Nasstenka!“ dachte ich im stillen, „wie viel du mit

diesem Wort gesagt hast! Bei solcher Liebe, Nasstenka, kann das Herz

wohl erfrieren ... und die Seele ist dann tottraurig ... Deine Hand ist

kühl, Nasstenka, meine aber ist heiß wie Feuer. Wie blind du bist,

Nasstenka! ... Oh! wie unerträglich kann doch ein glücklicher Mensch

zuweilen sein! Aber dir böse sein: das könnte ich doch nicht! ...“

Schließlich war mein Herz so voll von alledem, daß ich sprechen mußte,

ob ich wollte oder nicht.

„Hören Sie, Nasstenka!“ rief ich, „wissen Sie, was heute den ganzen Tag

mit mir gewesen ist?“

„Nun, was, was denn? Erzählen Sie schnell! Warum haben Sie denn bis

jetzt geschwiegen!“

„Erstens, Nasstenka, als ich alle Ihre Aufträge erfüllt, den Brief bei

Ihren guten Leuten abgegeben hatte, da ... da ging ich nach Hause und

legte mich schlafen ...“

„Und das war alles?“ unterbrach sie mich lachend.

„Ja, fast alles,“ versetzte ich, mich schnell zusammennehmend, denn die

dummen Tränen wollten mir mit Gewalt in die Augen treten. „Ich erwachte

erst eine Stunde vor dem von uns verabredeten Wiedersehen, aber es war

mir, als hätte ich gar nicht geschlafen. Ich weiß nicht, was mit mir

war. Und als ich herkam, da war es, als käme ich nur, um Ihnen das alles

zu erzählen. Es war, als sei die Zeit für mich stehengeblieben, als

müßte eine Empfindung, ein einziges Gefühl von nun an ewig mich

beherrschen, als müßte ein Augenblick eine ganze Ewigkeit währen und als

sei das ganze Leben in mir stehen geblieben ... Als ich erwachte, da war

es mir, als erinnerte ich mich eines musikalischen Motivs, das ich

einmal vor langer Zeit gehört und inzwischen vergessen haben mochte. Und

es schien mir, als habe es sich schon mein Leben lang aus meiner Seele

hervordrängen wollen, und jetzt erst ...“

„Ach, mein Gott!“ unterbrach mich Nasstenka, „wie kommt denn das? Ich

begreife kein Wort.“

„Ach, Nasstenka! Ich wollte Ihnen diesen seltsamen Eindruck irgendwie

wiedergeben ...“ begann ich mit trauriger Stimme, in der sich aber doch

noch Hoffnung verbarg, wenn auch nur eine ganz entfernte.

„Schon gut, hören Sie auf, schon gut, schon gut!“ sagte sie schnell – in

einem Augenblick hatte sie alles erraten, die Schelmin!

Sie ward sehr gesprächig und lustig und sogar unartig. Sie nahm meinen

Arm, lachte, erzählte, wollte unbedingt, daß auch ich zu lachen anfinge,

und jedes verwirrte Wort von mir rief bei ihr ein helles und übermütiges

Lachen hervor ... Ich fing an, mich zu ärgern, und plötzlich begann sie

zu kokettieren.

„Hören Sie mal,“ hub sie an, „ein wenig ärgert es mich doch, daß Sie

sich gar nicht in mich verliebt haben. Da werde einer jetzt klug aus den

Menschen! Immerhin, mein unbezwingbarer Herr, müssen Sie doch wenigstens

das anerkennen, daß ich so harmlos und offenherzig bin. Ich sage Ihnen

alles, alles, gleichviel was für eine Dummheit mir gerade durch den Kopf

fährt.“

„Da! Hören Sie? Es schlägt elf,“ sagte ich, als fernher der erste

gemessene Schlag der Turmuhr erklang.

Sie blieb stehen, ihr Lachen war verstummt, sie zählte jeden Schlag.

„Ja, elf,“ sagte sie endlich etwas zaghaft und unschlüssig.

Ich bereute sogleich, daß ich sie unterbrochen und die Schläge hatte

zählen lassen. Und ich verwünschte mich ob der Bosheit, die mich

angewandelt. Es tat mir leid um sie, und ich wußte nicht, wie ich mein

Vergehen gutmachen sollte. Ich versuchte, sie zu trösten und Gründe für

sein Fernbleiben zu suchen. Ich führte verschiedene Beispiele an, bewies

und folgerte: und wirklich ließ sich niemand leichter überzeugen, als

sie in diesem Augenblick, wie ja wohl ein jeder unter solchen Umständen

mit Freuden jeden Trost anhören und selbst noch für den Schatten einer

Rechtfertigung dem anderen dankbar sein würde.

„Ja, und überhaupt,“ fuhr ich fort, indem ich mich immer mehr für ihn

einsetzte, und dabei selbst sehr eingenommen von der Klarheit meiner

Beweise war, „er konnte ja heute noch gar nicht kommen. Sie haben Ihre

Erwartung und Unruhe auch auf mich übertragen, Nasstenka, so daß auch

ich die Zeitschätzung ganz vergaß ... Bedenken Sie doch nur: er hat ja

kaum erst den Brief erhalten können! Nehmen wir jetzt an, daß er

verhindert ist, persönlich zu erscheinen, und daß er schreiben wird –

dann können Sie den Brief doch gar nicht früher bekommen, als morgen.

Ich werde in aller Frühe hingehen und Sie dann sogleich benachrichtigen.

Und überdies können wir ja noch tausend andere Wahrscheinlichkeiten

annehmen – sagen wir zum Beispiel: er ist nicht zu Hause gewesen, als

der Brief kam, und er hat ihn vielleicht bis jetzt noch nicht gelesen.

Es ist doch alles möglich.“

„Ja, ja!“ pflichtete mir Nasstenka schnell bei, „ich habe daran gar

nicht gedacht, natürlich ist alles möglich,“ bestätigte sie mit

bereitwillig nachgiebiger Stimme, aus der aber doch, wie eine ärgerliche

kleine Dissonanz, ein anderer ferner Gedanke herauszuhören war.

„Dann bleibt es dabei und wir machen es so: Sie gehen morgen möglichst

früh zu jenen guten Leuten, und wenn Sie dort etwas erhalten, so

benachrichtigen Sie mich unverzüglich. Sie wissen doch, wo ich wohne?“

Und sie nannte mir ihre Adresse.

Dann wurde sie mit einemmale so zärtlich zu mir, und dabei schien sie

doch eine gewisse Schüchternheit anzuwandeln ... Scheinbar hörte sie mir

auch aufmerksam zu ... als ich mich aber mit einer Frage an sie wandte,

da schwieg sie und kehrte verwirrt das Köpfchen von mir fort. Ich beugte

mich ein wenig vor, um ihr ins Gesicht zu sehen – und wahrhaftig: so

war’s: sie weinte.

„Nun, nun! Ist’s möglich? Ach, was für ein Kind Sie sind! Was für ein

kleines unvernünftiges Kind! ... Hören Sie doch auf! ... Worüber weinen

Sie denn?“

Sie versuchte, zu lächeln und sich zu beherrschen, aber ihr Gesicht

zuckte und ihre Brust wogte immer noch.

„Ich habe nur über Sie nachgedacht,“ sagte sie nach längerem Schweigen.

„Sie sind so gut, daß ich von Stein sein müßte, wenn ich das nicht

herausfühlte. Wissen Sie, was mir soeben in den Sinn kam? Ich verglich

Sie beide. Warum ist er – nicht Sie? Warum ist er nicht so wie Sie? Er

ist schlechter, als Sie und doch liebe ich ihn mehr, als ich Sie liebe.“

Ich antwortete nichts. Sie aber wartete, wie es schien, auf eine

Bemerkung von mir.

„Selbstverständlich ist es möglich, daß ich ihn vielleicht nicht ganz

verstehe, und ich kenne ihn ja auch noch gar nicht so gut. Aber wissen

Sie, es ist mir, als hätte ich ihn immer ein wenig gefürchtet. Er war

immer so ernst und so ... wie stolz. Natürlich, ich weiß ja, das war nur

der äußere Schein. In seinem Herzen ist sogar noch mehr Zärtlichkeit,

als in meinem ... Ich weiß noch, wie er mich damals ansah – wissen Sie,

als ich mit meinem Bündel zu ihm kam ... Aber doch ist es so, als

stellte ich ihn irgendwie gar zu hoch, und das ist dann doch wieder so,

als wären wir einander nicht gleich, nicht ebenbürtig?“

„Nein, Nasstenka,“ sagte ich, „das bedeutet nur, daß Sie ihn mehr als

alles andere in der Welt lieben, und sogar viel mehr als sich selbst.“

„Ja, nun gut, mag das so sein,“ entgegnete Nasstenka naiv, „aber wissen

Sie, was mir jetzt wieder in den Sinn gekommen ist? Nur werde ich jetzt

nicht mehr von ihm sprechen, sondern im allgemeinen – ich habe darüber

eigentlich schon lange nachgedacht. Hören Sie also und sagen Sie mir:

warum sind wir nicht alle wie Brüder zueinander? Warum kommt es einem

selbst beim besten Menschen immer vor, als verberge er etwas vor dem

anderen und verschweige es ihm? Warum sagt nicht ein jeder ganz offen,

was er gerade auf dem Herzen hat, wenn man weiß, daß man seine Worte

nicht in den Wind spricht? Jetzt schaut ein jeder drein, als sei er viel

kälter und schroffer, als er es in Wirklichkeit ist, und es ist fast,

als fürchteten die Menschen, sich etwas zu vergeben, wenn sie ihre

Gefühle ohne weiteres voreinander äußerten ...“

„Ach, Nasstenka! Sie haben gewiß recht, aber das geschieht doch aus sehr

verschiedenen Gründen,“ versetzte ich, während ich mich gerade in diesem

Augenblick mehr denn je zusammennahm und meine innersten Gefühle

verbarg.

„Nein, nein!“ widersprach sie mir mit tiefer Überzeugung. „Sie zum

Beispiel sind nicht so wie die anderen! Ich ... verzeihen Sie, ich weiß

nicht, wie ich Ihnen das erklären soll, was ich empfinde, aber es

scheint mir, daß Sie ... zum Beispiel jetzt, gerade jetzt ... ja, es

scheint mir, daß Sie mir ein Opfer bringen,“ sagte sie fast zaghaft und

ihr Blick streifte mich dabei flüchtig. „Verzeihen Sie mir, daß ich so

zu Ihnen spreche. Ich bin ein einfaches Mädchen und habe noch wenig

gesehen im Leben, und wirklich: ich verstehe mich oft gar nicht richtig

auszudrücken,“ fügte sie mit einer Stimme hinzu, die von einem

verborgenen Gefühl zitterte, während sie sich zu einem Lächeln zwang,

„aber ich wollte Ihnen doch sagen, daß ich Ihnen dankbar bin und daß ich

dies selbst weiß und empfinde ... Oh, möge Gott Sie dafür glücklich

machen! Das aber, was Sie mir damals von Ihrem Träumer erzählten, das

ist ja gar nicht wahr! – ich meine: das hat doch nichts mit Ihnen zu

tun! Sie werden gesund werden, und überhaupt – Sie sind doch ein ganz

anderer Mensch, als wie Sie sich selbst geschildert haben. Sollten Sie

aber einmal lieben, dann gebe Gott Ihnen alles Glück! Derjenigen aber,

die Sie lieben, brauche ich nichts mehr zu wünschen, denn mit Ihnen wird

sie ohnehin glücklich sein! Ich weiß es, ich bin selbst ein Weib, und

darum können Sie mir glauben, wenn ich es Ihnen sage ...“

Sie verstummte und wir tauschten einen herzlichen Händedruck. Auch ich

war zu erregt, um noch sprechen zu können. Wir schwiegen beide.

„Ja, heute wird er nicht mehr kommen,“ sagte sie endlich und hob den

Kopf. „Es ist zu spät ...“

„Er wird morgen kommen,“ sagte ich in festem, überzeugtem Tone.

„Ja,“ sagte sie munter, „ich sehe es jetzt selbst ein, daß es heute noch

zu früh war, und daß er erst morgen kommen wird. Nun, dann also auf

Wiedersehen: morgen! Wenn es regnet, werde ich vielleicht nicht kommen.

Aber übermorgen – übermorgen werde ich bestimmt kommen, und Sie – kommen

Sie gleichfalls unbedingt. Ich will Sie sehen, ich werde Ihnen dann

alles erzählen.“

Und als wir uns verabschiedeten, reichte sie mir die Hand und sagte,

indem sie mir mit klarem Blick in die Augen sah:

„Von nun an werden wir doch immer beisammen bleiben, nicht wahr?“

Oh! Nasstenka, Nasstenka! Wenn du wüßtest, wie einsam ich jetzt bin!

Als es aber am anderen Abend neun schlug, da hielt ich es in meinem

Zimmer nicht mehr aus: ich kleidete mich an und ging trotz des

Regenwetters. Ich war dort und saß auf der Bank. Nach einer Weile stand

ich auf und ging in ihre Gasse, dann aber schämte ich mich und zwei

Schritte vor ihrem Hause kehrte ich wieder um, ohne nach ihren Fenstern

hinaufgesehen zu haben. Ich kam in einer Stimmung nach Hause, wie ich

sie bisher noch nie erlebt hatte. Wie feucht, wie öde, wie langweilig!

Wäre das Wetter schön, sagte ich mir, dann würde ich die ganze Nacht

lang dort umhergehen ...

Doch bis morgen, bis morgen! Morgen wird sie mir alles erzählen.

Immerhin mußte ich mir sagen, daß er auf ihren Brief nicht geantwortet

hatte: wenigstens heute nicht. Doch übrigens, so ist es ja auch ganz in

der Ordnung. Was sollte er auch schreiben? – Er wird ja selbst kommen

...

Die vierte Nacht.

Mein Gott, daß es so enden würde, so!

Ich kam um neun Uhr. Sie war bereits da. Ich erblickte sie schon von

weitem: sie stand wie damals, als ich sie zum ersten Male sah, damals,

am Kai, und stützte sich auf das Geländer und hörte nicht, wie ich mich

ihr näherte.

„Nasstenka!“ rief ich sie an, kaum fähig, meine Erregung zu bezwingen.

Sie fuhr zusammen und wandte sich schnell nach mir um.

„Nun,“ sagte sie, „nun? Schneller!“

Ich sah sie verständnislos an.

„Geben Sie mir den Brief! Sie haben doch den Brief gebracht?!“ Ihre Hand

griff nach dem Geländer.

„Nein, ich habe keinen Brief,“ sagte ich langsam. „Ist er denn noch

nicht hier gewesen?“

Sie ward unheimlich blaß und sah mich lange starr an. Ich hatte ihre

letzte Hoffnung vernichtet.

„Gott mit ihm!“ sagte sie endlich mit stockender Stimme und zuckenden

Lippen. „Gott mit ihm, wenn er mich so verläßt ...“

Sie schlug die Augen nieder – wollte dann zu mir aufsehen, vermochte es

aber nicht. Eine Weile stand sie noch und meisterte ihre Erregung, dann

wandte sie sich plötzlich fort, stützte die Ellenbogen auf das Geländer

und brach in Tränen aus.

„Beruhigen Sie sich! Beruhigen Sie sich!“ suchte ich sie zu trösten,

doch hatte ich beim Anblick ihres Kummers nicht mehr die Kraft,

fortzufahren – und was sollte ich ihr denn auch sagen?

„Suchen Sie nicht mich zu trösten,“ sagte sie weinend, „reden Sie nicht

von ihm, sagen Sie nicht, daß er noch kommen wird, und es nicht wahr

sei, daß er mich so grausam verlassen habe, so unmenschlich grausam, wie

er es getan! Und warum, warum? Sollte denn wirklich etwas Schlechtes in

meinem Brief gewesen sein, in diesem unseligen Brief? ...“

Erneutes Schluchzen erstickte ihre Stimme. Ich glaubte, mein Herz müsse

brechen vor Mitleid.

„Oh, wie unmenschlich grausam das ist!“ begann sie wieder.

„Und keine Zeile, kein Wort! Wenn er doch wenigstens geantwortet hätte,

geschrieben, daß er mich nicht brauche, daß er mich nicht wolle! Aber so

– nicht eine Zeile, nicht ein Wort in den ganzen drei Tagen! Wie leicht

es ihm fällt, mich zu kränken, ein armes schutzloses Mädchen zu

verletzen, dessen einzige Schuld nur darin besteht, ihn zu lieben! Oh,

was ich in diesen drei Tagen durchgemacht habe! Mein Gott! Mein Gott!

Wenn ich denke, daß ich das erstemal ungerufen, ungebeten zu ihm

gegangen bin, daß ich mich vor ihm erniedrigt habe, geweint, daß ich ihn

um ein wenig, nur ein wenig Liebe gebeten ... Und jetzt das! ... Nein,

wissen Sie,“ – sie wandte sich mir wieder zu und ihre dunklen Augen

sprühten – „es ist ja nicht möglich! Es _kann_ doch nicht so sein! Das

ist doch unmenschlich! Entweder habe ich mich getäuscht – oder Sie!

Vielleicht hat er den Brief gar nicht erhalten? Vielleicht weiß er bis

jetzt noch nichts von ihm? Anders ist es doch nicht möglich, urteilen

Sie doch selbst, sagen Sie mir, um Gottes willen, erklären Sie mir – ich

kann es nicht begreifen – wie kann man einen Menschen so barbarisch roh

behandeln, wie er mich behandelt hat! Kein einziges Wort auf meinen

Brief! Selbst mit dem unwürdigsten Menschen geht man doch mitleidiger

um! Oder – oder sollte ihm jemand etwas über mich erzählt haben?“ wandte

sie sich plötzlich an mich. „Wie? was meinen Sie?“

„Wissen Sie was, Nasstenka: ich werde morgen zu ihm gehen, in Ihrem

Namen.“

„Und?“

„Und ich werde ihn einfach fragen und ihm alles erzählen.“

„Und dann?“

„Und Sie schreiben ihm einen Brief. Sagen Sie nicht nein, Nasstenka,

sagen Sie nicht nein! Ich werde ihn zwingen, Ihre Handlungsweise zu

achten, er soll alles erfahren, und wenn er ...“

„Nein, mein Freund, nein!“ fiel sie mir ins Wort. „Lassen Sie es gut

sein. Von mir wird er weiter kein Wort hören, kein Wort. Ich kenne ihn

nicht mehr, ich liebe ihn nicht mehr, ich werde ihn ... ver ... ges ...

sen ...“

Sie sprach nicht weiter.

„Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich! Setzen Sie sich hier auf die

Bank, Nasstenka,“ redete ich ihr zu und führte sie ein paar Schritte

weiter, auf die Bank zu ...

„Ich bin ja ruhig. Schon gut. Das ist nun einmal so. Diese Tränen – die

werden schon versiegen! Was glauben Sie denn – daß ich mich umbringen

werde, mich etwa ertränken werde? ...“

Mein Herz war zum Zerspringen voll. Ich wollte sprechen, aber ich konnte

nicht.

„Hören Sie!“ fuhr sie fort und sie ergriff meine Hand. „Sagen Sie: Sie

würden doch nicht so gehandelt haben? Sie würden doch nicht dem Mädchen,

das selbst zu Ihnen gekommen ist, weil es sein schwaches dummes Herz

nicht zu meistern verstand – mit einem Hohnlachen antworten? Sie würden

sie doch sicherlich geschont haben? Sie würden sich doch sagen, daß sie

allein stand? daß sie vom Leben noch nichts wußte und daß sie sich nicht

in acht zu nehmen und vor der Liebe zu Ihnen zu bewahren verstand, und

daß das Ganze nicht ihre Schuld ist ... daß sie nichts getan hat ... O

mein Gott! mein Gott!“

„Nasstenka!“ rief ich, unfähig, meine Erregung noch langer

zurückzuhalten, „Nasstenka, Sie martern mich! Sie zerreißen mein Herz,

Sie töten mich, Nasstenka! Ich kann nicht länger schweigen! Ich muß

endlich sprechen, muß es aussprechen, was hier aus meinem Herzen heraus

muß.“

Während ich das sagte, erhob ich mich von der Bank. Sie nahm meine Hand

und sah mich verwundert an.

„Was ist mit Ihnen?“ fragte sie schließlich.

„Lassen Sie mich alles sagen, Nasstenka!“ bat ich entschlossen.

„Erschrecken Sie nicht, Nasstenka, was ich Ihnen jetzt sagen werde, ist

alles Unsinn, ist unmöglich und dumm! Ich weiß, daß es sich niemals

verwirklichen wird, aber ich kann nicht länger schweigen – bei allem,

was Sie jetzt leiden, beschwöre ich Sie und bitte ich Sie, mir im voraus

zu verzeihen! ...“

„Aber was, was ist es denn?“ Sie hatte schon aufgehört, zu weinen, und

sah mich unverwandt an. In ihren erstaunten Augen lag eine seltsame

Neugier. „Was haben Sie nur?!“

„Es ist ja unmöglich, Nasstenka, ich weiß es, aber ich – ich liebe Sie,

Nasstenka! Das ist es! So, jetzt ist alles gesagt! ... Jetzt wissen Sie,

ob Sie so zu mir sprechen dürfen, wie Sie es soeben taten, und auch, ob

Sie das anhören dürfen, was ich Ihnen noch sagen will ...“

„Ja was ... was denn? ... Was ist denn dabei? Ich weiß es doch schon

lange, daß Sie mich lieben, es schien mir nur immer, daß Sie mich bloß –

so ... einfach irgendwie – liebhätten ... Ach Gott!“

„Anfangs war es auch einfach so, Nasstenka, jetzt aber, jetzt! ... mit

mir ist es ebenso wie mit Ihnen, als Sie damals mit Ihrem Bündelchen zu

ihm gingen. Nein, ich bin noch schlimmer daran, als Sie, Nasstenka, denn

er liebte damals niemand. Sie aber lieben ...“

„Was sagen Sie mir da! Ich ... ich verstehe Sie nicht. Aber, hören Sie,

warum denn das ... oder, nein, wozu denn das alles, und so plötzlich ...

Gott! Was für Dummheiten ich rede! Aber Sie ...“

Nasstenka geriet vollends in Verwirrung, ihre Wangen färbten sich

purpurn und sie sah zu Boden.

„Was soll ich denn tun, Nasstenka, was soll ich denn? Ich bin schuld,

ich habe da irgend etwas mißbraucht ... Oder nein! nein, Nasstenka, ich

habe keine Schuld, Nasstenka. Ich fühle das, ich spüre es, denn mein

Herz sagt mir, daß ich kein Unrecht tue, ich kann Sie doch damit nicht

kränken oder gar beleidigen! Ich war Ihr Freund; nun, und auch jetzt bin

ich Ihr Freund – ich habe nichts verraten und habe keine Treulosigkeit

begangen. Da sehen Sie, da rollen mir die Tränen über die Wangen,

Nasstenka. Mögen sie rollen, mögen sie – sie stören niemanden. Von

selbst werden sie wieder versiegen, Nasstenka ...“

„Aber so setzen Sie sich doch, setzen Sie sich!“ Und sie wollte mich

förmlich zwingen, mich hinzusetzen. „Ach, mein Gott!“

„Nein, Nasstenka, ich will nicht sitzen. Ich kann jetzt nicht mehr lange

bleiben und Sie werden mich auch nicht wiedersehen: ich werde Ihnen

alles sagen – und dann gehe ich. Sie hätten es nie erfahren, daß ich Sie

liebe. Ich hätte mein Geheimnis zu bewahren gewußt und hätte nicht

angefangen, Sie jetzt in dieser Stunde mit mir und meinem Eigennutz zu

quälen. Nein! Aber ich – ich habe es doch nicht ausgehalten! Sie fingen

an, davon zu sprechen, Sie sind schuld, Sie sind an allem schuld, ich

aber bin unschuldig. Sie können mich nicht so von sich stoßen ...“

„Aber nein, nein, ich schicke Sie ja gar nicht fort, nein!“ beteuerte

Nasstenka, und sie gab sich die größte Mühe, ihre Verwirrung zu

verbergen.

„Nicht? wirklich nicht? Und ich wollte schon von Ihnen fortlaufen. Ich

werde auch fortgehen, nur muß ich vorher alles sagen, denn als Sie hier

sprachen, als Sie hier weinten und vor mir standen mit Ihrer Qual, und

das, weil ... nun, weil – ich werde es aussprechen, Nasstenka –, weil

man Sie verschmäht, da fühlte ich, daß in meinem Herzen soviel Liebe für

Sie ist, Nasstenka, soviel Liebe! ... Und es tat mir so bitter weh, daß

ich Ihnen mit dieser Liebe nicht helfen konnte, daß mir das Herz darüber

schier brechen wollte, und ich, ich ... konnte nicht mehr schweigen, ich

mußte sprechen, Nasstenka, ich _mußte_ sprechen! ...“

„Ja, ja! schon gut! Sprechen Sie nur, sprechen Sie ruhig so zu mir!“

sagte Nasstenka plötzlich mit einer unerklärbaren Bewegung. „Es wird Sie

vielleicht in Erstaunen setzen, daß ich Ihnen das sage, aber ...

sprechen Sie nur! Ich werde es Ihnen nachher erklären. Ich werde Ihnen

alles erzählen!“

„Ich tue Ihnen leid, Nasstenka, Sie haben einfach nur Mitleid mit mir,

Kind! Nun! Was verloren ist, ist verloren. Was man gesagt hat, läßt sich

nicht zurücknehmen. Nicht wahr? Nun also, Sie wissen jetzt alles. Dies

wäre unser Ausgangspunkt. Nun gut: so weit wäre alles erledigt, jetzt

hören Sie weiter. Als Sie hier saßen und weinten, da dachte ich bei mir,

– ach, bitte, Nasstenka, lassen Sie mich sagen, was ich dachte! – ich

dachte, daß Sie ... daß Sie da irgendwie ... nun, mit einem Wort: daß

Sie auf irgendeine Weise aufgehört hätten, ihn zu lieben. Dann – das

habe ich auch gestern schon gedacht, Nasstenka, und auch vorgestern

schon – dann würde ich es unbedingt so gemacht haben, daß Sie mich

liebgewonnen hätten. Sie sagten doch, Sie selbst haben es doch gesagt,

daß Sie mich fast schon liebhätten. Nun, und – was nun weiter? Ja, das

ist nun fast alles, was ich sagen wollte. Zu sagen bliebe nur noch, was

dann wäre, wenn Sie mich nun wirklich liebgewönnen: nur das! Also hören

Sie, meine Freundin – denn meine Freundin sind Sie deshalb doch nach wie

vor –: ich bin natürlich nur ein einfacher Mensch, bin arm und gering,

doch handelt es sich ja nicht darum – ich weiß nicht, ich rede immer von

ganz anderen Dingen, aber das kommt nur von der Verwirrung, Nasstenka –,

nur würde ich Sie so lieben, Nasstenka, so lieben, daß Sie, auch wenn

Sie ihn, den ich nicht kenne, immer noch weiter lieben sollten, doch nie

merken würden, daß meine Liebe Ihnen irgendwie lästig wäre. Sie würden

bloß spüren, würden bloß in jeder Minute fühlen, daß neben Ihnen ein

dankbares, oh, so dankbares Herz schlägt, ein heißes Herz, das für Sie

... Ach, Nasstenka, Nasstenka! Was haben Sie aus mir gemacht!!!“

„Aber so weinen Sie doch nicht, ich will nicht, daß Sie weinen!“ sagte

Nasstenka und stand schnell von der Bank auf. „Gehen wir, kommen Sie,

weinen Sie nicht, so weinen Sie doch nicht!“ Und sie wischte mit ihrem

Tüchlein über meine Wangen. „So, gehen wir jetzt. Ich werde Ihnen

vielleicht etwas sagen ... Wenn er mich schon verlassen und vergessen

hat, so ... obschon ich ihn noch liebe – ich kann Ihnen das nicht

verheimlichen und will Sie nicht täuschen – aber hören Sie, und dann

antworten Sie mir. Wenn ich zum Beispiel Sie liebgewönne, das heißt,

wenn ich nur ... Oh, mein Freund, mein guter Freund! wenn ich bedenke,

wie ich Sie gekränkt und wie weh ich Ihnen getan haben muß, als ich Sie

dafür lobte, daß Sie sich nicht in mich verliebt hätten! O Gott! Ja wie

konnte ich nur das nicht voraussehen, wie konnte ich nur so dumm sein,

wie ... aber ... Nun ... nun gut, ich habe mich entschlossen, und ich

werde Ihnen alles sagen ...“

„Hören Sie, Nasstenka, wissen Sie was? Ich werde jetzt fortgehen von

Ihnen, das wird das beste sein. Ich sehe doch, ich quäle Sie nur. Da

machen Sie sich jetzt Gewissensbisse, weil Sie sich über mich lustig

gemacht haben, ich will aber nicht, daß Sie außer Ihrem Leid ... Ich bin

natürlich schuld daran, Nasstenka, also – leben Sie wohl!“

„Nein, bleiben Sie, hören Sie mich zuerst an: können Sie warten?“

„Warten? Worauf warten?“

„Ich liebe ihn; aber das wird vergehen, das muß vergehen, das kann gar

nicht – nicht vergehen; es vergeht schon, ich fühle es schon jetzt ...

Wer weiß, vielleicht wird es noch heute ganz vergehen, denn ich hasse

ihn, weil er sich über mich lustig gemacht hat, während Sie hier mit mir

geweint haben ... und Sie, Sie hätten mich auch nicht so verstoßen, wie

er es getan, denn Sie lieben wirklich, er aber hat mich überhaupt nicht

geliebt, – und dann weil ich Sie ... schließlich selbst liebe ... Ja,

liebe! so liebe, wie Sie mich lieben. Ich habe es Ihnen doch schon

einmal gesagt, Sie haben es schon gehört, – ich liebe Sie, weil Sie

besser sind, als er, weil Sie anständiger sind, als er, weil ... weil er

...“

Ihre Stimme versagte vor Erregung, sie legte ihren Kopf an meine

Schulter, beugte ihn aber immer mehr, bis er an meiner Brust lag: und

dann begann sie bitterlich zu weinen. Ich tröstete, ich streichelte sie,

ich redete ihr zu, aber sie vermochte sich nicht zu beherrschen; sie

drückte meine Hand und stammelte unter Schluchzen: „Warten Sie, warten

Sie noch ein wenig. Es wird gleich vergehen ... ich höre ja schon auf

... Ich will Ihnen nur sagen ... denken Sie nicht, daß diese Tränen ...

das ist nur so – von der Schwäche, warten Sie, bis es vergeht ...“

Endlich versiegten die Tränen, sie richtete sich auf, wischte noch die

letzten Tränenspuren von den Wangen und wir gingen. Ich wollte sprechen,

aber sie bat mich immer wieder, ihr noch ein wenig Zeit zum Nachdenken

zu lassen. So schwiegen wir denn ... Endlich nahm sie sich zusammen und

begann:

„Also hören Sie,“ sagte sie mit schwacher und unsicherer Stimme, aus der

aber plötzlich ein eigenes Gefühl klang und mein Herz so traf, daß es

wie in einem süßen Schmerz erzitterte. „Denken Sie nicht, daß ich

unbeständig und leichtsinnig sei, oder daß ich so schnell und leicht

vergessen könne und untreu werde ... Ich habe ihn ein ganzes Jahr

geliebt und ich schwöre bei Gott, daß ich niemals, niemals auch nur mit

einem Gedanken ihm untreu gewesen bin. Er aber hat das mißachtet: er hat

sich mit mir nur einen Scherz erlaubt – Gott mit ihm! Aber es hat mich

doch verletzt und mein Herz gekränkt. Ich ... ich liebe ihn nicht mehr,

denn ich kann nur das lieben, was gütig ist, großmütig, was mich

versteht und was anständig ist; denn ich selbst bin so, er aber ist

meiner unwürdig, – nun, noch einmal, Gott mit ihm! Es ist besser so, als

wenn ich später erfahren hätte, wie er eigentlich ist ... Also – jetzt

hat das ein Ende! Und wer weiß, mein guter Freund,“ fuhr sie fort, indem

sie mir die Hand drückte, „wer weiß, vielleicht war meine ganze Liebe

nur eine Gefühlstäuschung oder nur Einbildung, vielleicht begann das

alles mit ihm nur aus Unart, weil ich dieses eintönige Leben führte und

ewig an Großmutters Kleid angesteckt war? Vielleicht ist es mir

bestimmt, einen ganz anderen zu lieben, einen, der mehr Mitleid mit mir

hat und ... und ... Nun, lassen wir das, reden wir nicht mehr davon,“

unterbrach sich Nasstenka stockend und atemlos vor Erregung, „ich wollte

Ihnen nur sagen ... ich wollte Ihnen sagen, wenn Sie, obwohl ich ihn

liebe – nein, geliebt habe, – wenn Sie mir trotzdem sagen ... Ich meine,

wenn Sie fühlen und glauben ... Ihre Liebe sei so groß, daß sie die

frühere aus meinem Herzen verdrängen könnte ... wenn Sie soviel Mitleid

mit mir haben und mich jetzt nicht allein meinem Schicksal überlassen

wollen, ohne Trost und Hoffnung, wenn Sie mich vielmehr immer so lieben

wollen, wie Sie mich jetzt lieben, so – schwöre ich Ihnen, daß meine

Dankbarkeit ... daß meine Liebe Ihrer Liebe wert sein wird ... Wollen

Sie daraufhin meine Hand nehmen?“

„Nasstenka!!“ Ich glaube, Jauchzen und Tränen erstickten meine Stimme.

„Nasstenka! ... Oh, Nasstenka! ...“

„Schon gut, schon gut! Nun lassen Sie es genug sein!“ sagte sie schnell,

in augenscheinlicher Hast, und sich nur mit Mühe beherrschend. „Jetzt

ist alles gesagt, nicht wahr? Ja? Nun, und Sie sind jetzt glücklich und

ich bin glücklich, also wollen wir weiter kein Wort mehr davon sprechen!

Warten Sie ... schnell, erbarmen Sie sich – sprechen Sie von irgend

etwas anderem, um Gottes willen! ...“

„Ja, Nasstenka, ja! Genug davon, ich bin jetzt glücklich, ich ... Gut,

Nasstenka, gut, sprechen wir von etwas anderem, schnell, schnell! ja!

Ich bin bereit.“

Und wir wußten beide nicht, wovon wir sprechen sollten, wir lachten und

weinten und sprachen tausend Worte ohne Gedanken und Zusammenhang. Bald

gingen wir auf dem Trottoir auf und ab, bald über die Straße hinüber und

blieben stehen, bald kehrten wir wieder um und gingen zum Kai: wir waren

wie die Kinder ...

„Ich lebe allein, Nasstenka,“ sagte ich einmal, „aber ... Nun, ich bin,

versteht sich, Sie wissen es ja, Nasstenka, ich bin arm, ich bekomme

jährlich nur tausendzweihundert Rubel, aber das macht ja nichts ...“

„Natürlich nicht, und Großmutter hat ihre Pension, so braucht sie von

uns nichts. Wir müssen doch Großmutter zu uns nehmen.“

„Natürlich, die Großmutter müssen wir zu uns nehmen ... Aber meine

Matrjona ...“

„Ach ja, und wir haben ja auch noch Fjokla!“

„Matrjona ist eine gute Seele, nur einen Fehler hat sie: sie hat nämlich

gar kein Vorstellungsvermögen, Nasstenka, gar keines, Nasstenka, sie

begreift nur, was sie aus Erfahrung kennt. Aber auch das schadet nichts

...“

„Natürlich nicht, die können beide zusammen leben. Nur müssen Sie schon

morgen zu uns kommen.“

„Wie das? Zu Ihnen? Gut, ich bin bereit ...“

„Sie mieten einfach bei uns. Wir haben doch oben noch ein Zimmer: das

steht jetzt leer. Wir hatten eine Mieterin, eine alte Frau, eine Adlige,

aber sie ist ausgezogen und abgereist, und Großmama will nun, das weiß

ich, einen jungen Mann zum Mieter haben. Ich fragte sie: ‚Warum denn

gerade einen jungen Mann?‘ Darauf sagte sie: ‚Es ist doch immer besser,

man ist auch sicherer, und ich bin schon alt. Du brauchst deshalb nicht

zu glauben, Nasstenka, daß ich dich mit ihm verheiraten will.‘ Da wußte

ich denn, daß sie es gerade deshalb will ...“

„Ach, Nasstenka! ...“

Und wir lachten beide.

„Nun, genug, hören Sie auf. Aber wo wohnen Sie denn? Ich habe ganz

vergessen, zu fragen.“

„Dort, in der Nähe der ... Brücke, im Hause eines gewissen Barannikoff.“

„Das ist so ein großes Haus, nicht?“

„Ja, ein großes Haus.“

„Ach, das kenne ich, das ist ein schönes Haus. Nur, wissen Sie, ziehen

Sie aus und kommen Sie recht bald zu uns ...“

„Morgen, Nasstenka, gleich morgen! Ich schulde dort wohl noch ein wenig

für die Wohnung, aber das schadet nichts ... Ich bekomme bald mein

Gehalt ...“

„Wissen Sie, ich werde Stunden geben, um auch zu verdienen; ich werde

noch dazulernen, was mir fehlt, und dann kann ich Unterricht geben ...“

„Natürlich, das wird vortrefflich gehen ... und ich werde bald Zulage

erhalten, Nasstenka ...“

„Dann werden Sie also schon morgen unser Mieter sein!“

„Ja, und dann fahren wir in die Oper und hören den Barbier von Sevilla,

denn der wird bald wieder gegeben werden.“

„Ja, fahren wir!“ sagte Nasstenka lachend, „oder nein, lieber nicht zum

Barbier von Sevilla, sondern wenn etwas anderes gegeben wird ...“

„Gut, also zu einer anderen Aufführung. Natürlich, das wird auch viel

besser sein, ich dachte im Augenblick nicht daran ...“

Und wir sprachen und gingen: alles war wie ein Rausch – als hielte uns

ein Nebel umfangen und als wüßten wir selbst nicht, was mit uns geschah.

Bald blieben wir stehen und sprachen lange Zeit stehend auf einem Fleck,

bald gingen wir wieder und gingen Gott weiß wie weit, ohne es zu

bemerken, immer unter Lachen und Weinen ... Bald wollte Nasstenka

plötzlich unbedingt nach Haus und ich wagte nicht, sie zurückzuhalten

und wir machten uns schon auf den Weg; nach einer Viertelstunde aber

bemerkten wir plötzlich, daß wir wieder auf unserer Bank am Kai

angelangt waren. Bald seufzte sie tief auf und ein Tränchen rollte über

ihre Wange – ich sah sie erschrocken und verzagt an ... Da drückte sie

mir schon von neuem die Hand und wir gingen abermals und sprachen weiter

...

„Aber jetzt ist es Zeit, jetzt ist es wirklich Zeit, daß ich nach Hause

gehe! Ich glaube, es ist schon sehr spät,“ sagte Nasstenka endlich

entschlossen, „wir dürfen nicht gar zu kindisch sein!“

„Ja, Nasstenka, aber schlafen werde ich heute doch nicht mehr. Ich gehe

überhaupt nicht nach Hause.“

„Ich werde, glaube ich, auch nicht einschlafen. Aber Sie müssen mich

noch begleiten ...“

„Selbstverständlich!“

„Doch diesmal drehen wir nicht mehr um, hören Sie?“

„Nein, diesmal nicht ...“

„Ehrenwort? ... Denn einmal muß man doch wirklich nach Hause gehen!“

„Also: mein Ehrenwort, diesmal wird es ernst,“ sagte ich lachend ...

„Nun, gehen wir!“

„Gehen wir.“

„Sehen Sie den Himmel, Nasstenka, schauen Sie hinauf! Morgen werden wir

einen wundervollen Tag haben ... Wie blau der Himmel ist, und sehen Sie

nur den Mond! Diese kleine gelbe Wolke wird ihn gleich verdecken ...

sehen Sie, sehen Sie! ... Nein, sie gleitet am Rande vorüber ... Sehen

Sie doch, sehen Sie! ...“

Doch Nasstenka sah weder die Wolke, noch den Himmel – sie stand wie

erstarrt neben mir und dann schmiegte sie sich plötzlich mit einer

seltsamen Verzagtheit an mich, immer fester, als suche sie Schutz, und

ihre Hand erzitterte in meiner Hand. Ich sah sie an ... noch schwerer

stützte sie sich auf mich.

In diesem Augenblick ging ein junger Mann an uns vorüber – er sah uns

scharf an, zögerte, blieb stehen und ging ein paar Schritte weiter. Mein

Herz erbebte ...

„Nasstenka, wer ist das?“ fragte ich leise.

„Das ist _er_!“ flüsterte sie und klammerte sich zitternd an meinen Arm.

Ich hielt mich kaum auf den Füßen.

„Nasstenka! Nasstenka! Bist du es?“ erscholl es da plötzlich hinter uns

und zugleich trat der junge Mann wieder ein paar Schritte näher ...

Mein Gott, was klang aus diesem Ruf! Wie sie zusammenfuhr! Wie sie sich

von mir losriß und ihm entgegeneilte! ... Ich stand und sah zu ihm

hinüber, stand und sah ... Doch kaum hatte sie ihm die Hand gereicht,

kaum hatte er sie in seine Arme geschlossen, da befreite sie sich schon

von ihm und ehe ich mich dessen versah, stand sie wieder vor mir,

umschlang mit beiden Armen fest meinen Hals und drückte mir einen heißen

Kuß auf die Lippen. Dann, ohne mir ein Wort zu sagen, lief sie zu ihm

zurück, erfaßte seine Hände und zog ihn fort.

Lange stand ich und sah ihnen nach ... bald waren sie meinen Blicken

entschwunden.

Der Morgen.

Meine Nächte endeten mit einem Morgen. Der Tag war unfreundlich: es

regnete und die Tropfen schlugen in eintöniger Wehmut an meine

Fensterscheiben; im Zimmer war es düster, wie gewöhnlich an Regentagen,

und draußen trübe. Mein Kopf schmerzte, mich schwindelte und das Fieber

einer Erkältung schlich durch meine Glieder.

„Ein Brief, Herr, durch die Stadtpost, der Postbote hat ihn gebracht,“

sagte Matrjona.

„Ein Brief! Von wem?“

„Ja, das kann ich Ihnen nicht sagen, Herr, sehen Sie nach, vielleicht

steht es drin, von wem er ist.“

Ich erbrach das Siegel. Der Brief war von ihr.

„Oh, verzeihen Sie, verzeihen Sie mir!“ schrieb mir Nasstenka. „Auf

den Knien bitte ich Sie, mir nicht böse zu sein! Ich habe Sie wie

mich selbst getäuscht. Es war ein Traum, eine Täuschung ... Der

Gedanke an Sie macht mich jetzt krank vor Qual. Verzeihen Sie, oh,

verzeihen Sie mir! ...

Beschuldigen Sie mich nicht, denn was ich für Sie empfand, empfinde

ich auch jetzt noch: ich sagte Ihnen, ich würde Sie lieben, und ich

liebe Sie auch jetzt, ja ich empfinde für Sie jetzt noch viel mehr,

als Liebe. Gott, wenn ich Sie doch beide zugleich lieben könnte! Oh,

wenn Sie und er doch ein Mensch wären!

Gott sieht und weiß, was ich alles für Sie tun würde! Ich weiß, daß

Sie nun schwer zu tragen haben und daß Sie traurig sind. Ich habe

Sie gekränkt und habe Ihnen weh getan, aber Sie wissen doch – wenn

man liebt, gedenkt man der Kränkung nicht lange. Sie aber lieben

mich!

Ich danke Ihnen! Ja! Ich danke Ihnen für diese Liebe. Denn in meiner

Erinnerung wird sie mich durchs ganze Leben begleiten wie ein süßer

Traum, den man auch nach dem Erwachen nimmer vergessen kann. Nein,

nie werde ich vergessen, wie Sie mir so brüderlich Ihr Herz

offenbarten und in Ihrer Güte für Ihr ganzes Herz mein krankes,

verwundetes annahmen, um es mit Zartheit und Liebe zu pflegen und

wieder gesund zu machen ... Wenn Sie mir verzeihen, wird die

Erinnerung an Sie sich verklären durch das Gefühl ewiger

Dankbarkeit, die in meiner Seele niemals erlöschen kann. Und diese

Erinnerung werde ich heilig halten und nie vergessen, denn mein Herz

ist treu. Es ist auch gestern nur zu dem zurückgekehrt, dem es von

jeher gehörte.

Wir werden uns wiedersehen, Sie werden zu uns kommen, Sie werden uns

nicht verlassen, werden ewig unser Freund sein und mein Bruder ...

Und wenn wir uns wiedersehen, dann geben Sie mir Ihre Hand – ja? Sie

werden Sie mir entgegenstrecken, wenn Sie mir verziehen haben, nicht

wahr? Sie lieben mich doch unverändert?

Ja, lieben Sie mich, verlassen Sie mich nicht, denn jetzt liebe ich

Sie so tief, weil ich Ihrer Liebe würdig sein will, weil ich sie

verdienen will ... mein lieber Freund! In der nächsten Woche wird

unsere Hochzeit sein. Er ist voll Liebe zu mir zurückgekehrt, er hat

mich niemals vergessen ... Seien Sie nicht böse, daß ich von ihm

geschrieben habe. Aber ich will mit ihm zu Ihnen kommen, und Sie

werden ihn auch liebgewinnen, nicht wahr?

So verzeihen Sie mir denn und vergessen Sie mich nicht und behalten

Sie lieb Ihre

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