Ein empfindsamer Roman
aus den Erinnerungen eines Träumers
„... Oder ward er nur erschaffen, um eine kleine
Weile lang Deinem Herzen nah zu sein? ...“
Iwan Turgenjeff.
Die erste Nacht.
Es war eine wundervolle Nacht – eine Nacht, wie wir sie vielleicht nur
sehen, wenn wir jung sind, mein lieber Leser. Der Himmel war so tief und
nachthell, daß man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen mußte,
ob denn wirklich unter einem solchen Himmel böse und launische Menschen
leben können? Das ist nun freilich eine Frage, auf die man nur in jungen
Jahren verfallen kann, nur in sehr jungen sogar, mein lieber Leser! Doch
möge der Herr sie öfter in Ihrer Seele erwecken! ... Während ich noch in
dieser Weise an die verschiedensten Menschen dachte, mußte ich mich
unwillkürlich auch meiner eigenen löblichen Aufführung an diesem Tage
erinnern. Schon vom Morgen an hatte mich eine wunderliche Stimmung
bedrückt. Ich hatte die Empfindung, daß ich, der ohnehin Einsame, von
allen verlassen wurde, daß alle sich von mir zurückzogen. Natürlich hat
jetzt ein jeder das Recht, mich zu fragen: ja, wer sind denn diese
„alle“? Lebe ich doch bereits das achte Jahr in Petersburg und habe
trotzdem noch so gut wie keine einzige Bekanntschaft zu machen
verstanden. Wozu brauchte ich auch Bekannte? Ich bin sowieso schon mit
ganz Petersburg bekannt. Eben deshalb schien es mir aber, als ob alle
mich verließen, als ob sich jetzt ganz Petersburg aufmachte, um in die
Sommerfrische zu gehen. Mir wurde es fast unheimlich, allein zu bleiben,
und drei Tage lang strich ich tief bekümmert in der Stadt umher,
entschieden unfähig zu begreifen, was in mir vorging. Auf dem Newskij,
im Sommergarten, an den Kais war kein einziges von den Gesichtern zu
sehen, denen ich tagtäglich zu bestimmter Stunde an derselben Stelle zu
begegnen pflegte. Die Betreffenden kennen mich natürlich nicht, aber ich
– ich kenne sie. Ich kenne sie sogar ganz genau: ich habe ihre
Physiognomien studiert und freue mich, wenn sie froh sind, und fühle
mich verstimmt, wenn sie betrübt sind. Ja ich kann sogar sagen, daß ich
einmal fast eine Freundschaft geschlossen hätte: das war mit einem alten
kleinen Herrn, dem ich jeden Tag, den Gott werden ließ, zur selben
Stunde an der Fontanka begegnete. Er hatte eine so wichtige,
nachdenkliche Miene und sein Unterkiefer bewegte sich immer, ganz so als
kaue er etwas, der linke Arm schlenkerte ein wenig und in der rechten
Hand hatte er einen langen Knotenstock mit einem goldenen Knopf. Auch er
hatte mich bemerkt und nahm seitdem innigen Anteil an mir. So bin ich
überzeugt, daß er, wenn er mich einmal nicht zur gewohnten Stunde an der
gewohnten Stelle der Fontanka treffen sollte, sich gleichfalls
entschieden verstimmt fühlen würde. Deshalb fehlte denn auch nicht viel,
daß wir uns grüßten, namentlich wenn wir beide bei guter Laune waren.
Vor kurzem noch, als wir uns ganze zwei Tage nicht gesehen hatten und
dann einander am dritten Tage begegneten, hätten wir schon beinahe an
die Hüte gegriffen, besannen uns aber zum Glück noch rechtzeitig, ließen
die Hände sinken und gingen mit sichtlich anteilnehmender
Zuvorkommenheit aneinander vorüber.
Ich bin auch mit den Häusern bekannt. Wenn ich so gehe, dann ist es, als
laufe jedes, sobald es mich erblickt, ein paar Schritte aus der Front
und sehe mich aus allen Fenstern an und sage gewissermaßen: „Guten Tag,
hier bin ich! und wie geht es Ihnen? Auch ich bin, Gott sei Dank, ganz
frisch und munter, aber im Mai wird man mir noch ein Stockwerk
aufsetzen.“ Oder: „Guten Tag! Wie geht’s? Denken Sie sich, ich werde
morgen neu angestrichen!“ Oder: „Bei mir gab’s Feuer und ich wäre um ein
Haar niedergebrannt – ich habe mich dabei so erschreckt!“ Und so weiter:
in dieser Art. Unter ihnen habe ich natürlich meine Lieblinge, sogar
gute Freunde. Eines von ihnen will sich in diesem Sommer von einem
Architekten operieren lassen – umbauen, und ähnliches. Werde da
unbedingt täglich hingehen, damit man mir den Freund nicht etwa
vollkommen umbringt! Gott behüte ihn davor! ... Doch niemals werde ich
die Geschichte mit dem einen kleinen allerliebsten hellrosa Häuschen
vergessen! Es war das solch ein reizendes Häuschen, so freundlich sah es
mich immer an und so stolz war es auf seine Reize unter den plumpen
Nachbarn, daß mein Herz jedesmal lachte, wenn ich an ihm vorüberging.
Plötzlich, in der vorigen Woche, wie ich in die Straße einbiege und nach
meinem kleinen Liebling hinsehe – höre ich ein jammervolles Wehklagen:
„Man tüncht mich gelb!“ Diese Barbaren! Diese Bösewichter! Nichts hatten
sie verschont. Weder die Pfeiler noch die Karniese! Mein kleiner Freund
war in der Tat gelb wie ein Kanarienvogel. Ich war nahe daran, vor Ärger
selbst die Gelbsucht zu kriegen, so gallig machte mich der Fall, und bis
jetzt bin ich noch nicht imstande gewesen, ihn wiederzusehen, meinen
entstellten armen Kleinen, den die Unbarmherzigen in der Farbe des
Reichs der Mitte angestrichen haben.
Also folglich – jetzt begreifen Sie wohl, mein verehrter Leser, auf
welche Weise ich mit ganz Petersburg bekannt bin.
Ich sagte bereits, daß mich volle drei Tage eine seltsame Unruhe quälte,
bis ich endlich ihre Ursache erriet. Auf der Straße fühlte ich mich
nicht wohl (der eine war nicht zu sehen, der andere nicht, der dritte
und vierte auch nicht – „wo mag wohl jener geblieben sein?“) – und auch
zu Hause fühlte ich mich so anders, daß ich mich selbst kaum
wiedererkannte. Zwei Abende versuchte ich vergeblich, zu ergründen, was
mir nun eigentlich in meinen vier Wänden fehlen mochte. Warum fühlte ich
mich mit einem Male so unbehaglich im Zimmer? Prüfend schaute ich mir
meine grünen, verräucherten Wände an, musterte die Decke, an der
Matrjona mit großem Erfolge das Spinngewebe behütete, besah mir meine
Einrichtung, insbesondere jeden Stuhl, und fragte mich in Gedanken, ob
nicht hier der Grund liege (denn wenn bei mir auch nur ein Stuhl nicht
so steht, wie er gestern stand, dann bin ich nicht mehr ich selbst). Ich
blickte nach dem Fenster – doch alles war umsonst ... mir ward deshalb
nicht leichter zumute! Ja ich kam sogar auf den Gedanken, Matrjona zu
rufen und ihr in väterlichem Tone einen gelinden Vorwurf wegen des
Spinngewebes und der allgemeinen Vernachlässigung zu machen; aber sie
sah mich nur verwundert an und ging fort, ohne ein Wort zu erwidern, so
daß das Spinngewebe auch jetzt noch wohlbehalten an der Decke hängt.
Erst heute morgen erriet ich endlich, um was es sich handelte. Also: sie
zogen ja alle in die Sommerfrische und ließen mich im Stich! – das
war’s: sie kniffen aus! Verzeihen Sie das triviale Wort, aber es war mir
in dem Augenblick nicht um einen klassischen Ausdruck zu tun ... Es
hatte doch wirklich alles, was in Petersburg lebte, die Stadt bereits
verlassen, oder verließ sie noch täglich und stündlich. Wenigstens
verwandelte sich in meinen Augen jeder ältere Herr von solidem Äußeren,
der sich in eine Droschke setzte, in einen ehrwürdigen Familienvater,
der nach den alltäglichen Geschäften in der Stadt hinausfuhr, um den
Rest des Tages im Schoße seiner Familie zu verbringen. Jeder Mensch auf
der Straße hatte jetzt ein völlig anderes Aussehen, eines, das jedem
etwa sagen zu wollen schien: „Wir sind ja nur so, sind nur noch kurze
Zeit hier, in zwei Stunden bereits fahren wir hinaus ins Grüne!“ Oder
öffnete sich ein Fenster, an dessen Scheiben zuerst schlanke, weiße
Fingerchen getrommelt, und beugte sich das hübsche Köpfchen eines jungen
Mädchens hinaus, um den Blumenhändler herbeizurufen, – da stellte ich
mir vor, daß diese Blumen auch „nur so“ von ihr gekauft wurden und
durchaus nicht deshalb, um sich an diesem Blumentopf mit den paar
Knospen und Blüten wie an einem Stück Frühling in der dumpfen Stube zu
erfreuen, und daß sehr bald alle die Stadt verlassen und auch die Blumen
mitnehmen würden. Doch damit noch nicht genug, ich machte vielmehr in
meinem neuen Entdeckerberuf solche Fortschritte, daß ich bald schon
allein nach dem Äußeren unfehlbar festzustellen vermochte, welchen
Villenort ein jeder gewählt hatte. Die Bewohner der fashionablen
Inseln[1] oder der Villen an der Peterhofstraße zeichneten sich durch
auserlesene Eleganz sowohl im Gang und in jeder Geste, wie in den
Sommerkostümen und Hüten aus und besaßen prachtvolle Equipagen, in denen
sie zur Stadt gefahren kamen. Die Einwohner von Pargolowo und dort
weiter hinaus „imponierten“ einem auf den ersten Blick durch ihre
vernünftige Gediegenheit, und die von der Krestowskij-Insel durch ihre
unverwüstlich heitere Gemütsverfassung. Traf es sich, daß ich einer
langen Prozession von Frachtfuhrleuten begegnete, die, die Leine in der
Hand, gemächlich einhertrotteten ... neben ihren hochbeladenen
Lastwagen, auf denen ganze Berge von Tischen, Betten, Stühlen,
türkischen und nichttürkischen Diwans schaukelten und auf deren Gipfel
oft noch eine Küchenfee mit etwas verzagten Mienen thronte, oder auch,
wenn sie sich sicherer fühlte, das herrschaftliche Gut mit Argusaugen
bewachte, damit nur ja nichts unterwegs verloren ginge, – oder sah ich
auf der Newa oder der Fontanka ein paar mit Hausgerät beladene Boote
nach den Inseln oder stromaufwärts nach der Tschornaja-rjetschka ziehen,
– die Boote wie die Fuhren verzehn-, verhundertfachten sich in meinen
Augen –: so schien es mir, als mache alle Welt sich auf und ziehe in
Karawanen hinaus, und als verwandle Petersburg sich in eine Wüste, so
daß ich mich zu guter Letzt entschieden beschämt und gekränkt fühlte,
und natürlich auch betrübt, denn nur ich allein hatte keine Möglichkeit
und wohl auch keinen Grund, in die Sommerfrische hinauszuziehen. Und
doch war ich bereit, auf jeden Lastwagen zu springen, mit jedem Herrn,
der sich in eine Droschke setzte, mitzufahren; aber nicht einer von
ihnen, kein einziger forderte mich dazu auf. Es war, als hätten sie mich
plötzlich alle vergessen, als wäre ich ihnen allen im Grunde doch
vollkommen fremd.
Ich spazierte oft und lange umher, so daß ich meiner Gewohnheit gemäß
wieder einmal vergessen hatte, wo ich eigentlich ging, bis ich mich
schließlich an der Stadtgrenze fand. Da ward mir im Augenblick fröhlich
zumute und ich trat hinter den Schlagbaum und ging weiter zwischen den
besäten Feldern und Wiesen, ohne Müdigkeit zu verspüren, fühlte aber,
daß mir eine Last von der Seele genommen wurde. Alle, die an mir
vorüberfuhren, sahen mich so freundlich an, daß es fast wie ein Gruß
war; alle schienen sie über irgend etwas froh zu sein. Und auch ich
wurde so froh, wie ich noch nie in meinem Leben gewesen ...
Ganz als befände ich mich plötzlich in Italien – so mächtig wirkte die
Natur auf mich, den halbkranken Städter, der zwischen den Häusermauern
fast schon erstickt war.
Es liegt etwas unsagbar Rührendes in unserer Petersburger Natur, wenn
sie im Frühling erwacht und plötzlich ihre ganze Macht offenbar und alle
ihre vom Himmel verliehenen Kräfte entfaltet: wenn sie sich mit jungem
weichem Laub umhüllt und mit bunten Blumen und zarten Blüten schmückt
... Dann erinnert sie mich unwillkürlich an ein sieches Mädchen, auf das
man zuweilen mit Bedauern, zuweilen mit einer seltsam mitleidigen Liebe
blickt oder das man zuweilen auch überhaupt nicht bemerkt, das dann aber
plötzlich, auf einen Augenblick und ganz unverhofft, nahezu märchenhaft
schön wird, so schön, daß man bestürzt und berauscht vor ihr steht und
sich verwundert fragt: welche Macht hat in ihren traurigen, verträumten
Augen dieses Leuchten erweckt? Was hat das Blut in ihre bleichen
abgezehrten Wangen getrieben und läßt nun diese zarten Züge tiefe
Leidenschaft widerspiegeln? Weshalb hebt sich ihre Brust? Was hat so
plötzlich Kraft, Leben und Schönheit in das Antlitz des armen Mädchens
gebracht, daß es in süßem Lächeln erglänzt und zu sprühendem Lachen
fähig wird? Und man sieht sich im Kreise um, man sucht jemand, man
beginnt zu ahnen, zu erraten ... Doch der Augenblick ist vergänglich und
vielleicht morgen schon werden wir wieder dem zerstreuten, verträumten
Blick begegnen, wie früher, und werden wieder das blasse Gesicht
wahrnehmen und dieselbe Ergebung und Schüchternheit in den Bewegungen
und sogar so etwas wie Reue, sogar Spuren eines lähmenden Kummers und
Ärgers über dieses kurze Aufleben ... Und es tut einem leid, daß die
Schönheit so schnell und unwiderruflich verwelkt ist, daß sie so
trügerisch und vergeblich vor einem geleuchtet hat – leid, weil man
nicht einmal Zeit gehabt, sie liebzugewinnen ...
Und doch war meine Nacht noch schöner als der Tag.
Ich kehrte erst spät in die Stadt zurück und es schlug bereits zehn, als
ich mich meiner Wohnung näherte. Mein Weg führte am Kanal entlang, wo zu
dieser Stunde gewöhnlich keine lebende Seele zu sehen ist. Freilich lebe
ich auch in einem sehr stillen entlegenen Stadtteil. Ich ging und sang,
denn wenn ich glücklich bin, muß ich unbedingt irgend etwas vor mich
hinsummen, wie eben jeder glückliche Mensch, der weder Freunde noch gute
Bekannte hat, noch einen Menschen, mit dem er seine frohen Augenblicke
teilen kann. Da nun, in dieser Nacht, hatte ich plötzlich ein
überraschendes Abenteuer.
Nicht weit vor mir erblickte ich eine Gestalt in Frauenkleidern: sie
stand und stützte die Ellbogen auf das Geländer des Kais und sah, wie es
schien, aufmerksam in das trübe Wasser des Kanals. Sie trug ein
entzückendes gelbes Hütchen und eine kokette kleine schwarze Mantille.
„Das ist ein junges Mädchen und sicherlich ist sie brünett,“ dachte ich.
Sie schien meine Schritte nicht zu hören, denn sie rührte sich nicht,
als ich langsam mit angehaltenem Atem und laut pochendem Herzen an ihr
vorüberging. „Sonderbar!“ dachte ich, „jedenfalls muß sie ganz in
Gedanken versunken sein“ – und plötzlich zuckte ich zusammen und blieb
wie gebannt stehen: ich hörte dumpfes Schluchzen ... Ja! ich täuschte
mich nicht: das junge Mädchen weinte – nach einer Weile klang es wieder
wie ein Aufschluchzen, und dann wieder. Mein Gott! Das Herz krampfte
sich mir zusammen. Wie befangen ich auch sonst Frauen gegenüber bin,
diesmal – es waren aber auch so seltsame Umstände! ... Kurz, ich
entschloß mich im Augenblick, trat auf sie zu und – würde unbedingt
„Meine Gnädigste!“ gesagt haben, wenn ich nicht gewußt hätte, daß diese
Anrede in allen russischen Romanen, die die höheren Gesellschaftskreise
schildern, mindestens tausendmal vorkommt. Das allein hielt mich davon
ab. Doch während ich noch nach einer passenden Anrede suchte, kam das
junge Mädchen wieder zu sich, sah sich um, erblickte mich, schlug die
Augen nieder und huschte an mir vorüber. Ich folgte ihr sogleich, was
sie jedoch zu fühlen schien, denn sie verließ den Kai, überschritt die
Straße und ging auf dem anderen Trottoir weiter. Ich wagte nicht, ihr
dorthin zu folgen. Mein Herz zitterte wie einem gefangenen Vogel. Da kam
mir ein Zufall zu Hilfe.
Auf jenem Trottoir tauchte plötzlich in der Nähe meiner Unbekannten ein
Herr auf – ein Herr in zweifellos soliden Jahren, jedoch mit einer
Gangart, die sich nicht gerade als solid bezeichnen ließ. Er ging
wankend und stützte sich mitunter an die Häuser. Das junge Mädchen
schritt indes gesenkten Blicks weiter, ohne sich umzusehen, und so
schnell, wie es alle jungen Mädchen tun, die nicht wünschen, daß jemand
sich ihnen nähere und sich erbiete, sie in der Nacht nach Hause zu
begleiten. Der wankende Herr hätte sie auch niemals eingeholt, wenn er
nicht mit einer gewissen Schlauheit auf etwas Nichtvorherzusehendes
verfallen wäre: ohne ein Wort oder einen Anruf, raffte er sich nämlich
plötzlich auf und lief ihr möglichst leise nach. Sie ging wie der Wind,
doch der Herr kam ihr schnell näher und holte sie ein – das Mädchen
schrie auf, und ... ich dankte dem Schicksal für den Rohrstock, den ich
in meiner Rechten hielt! Im Augenblick war ich auf der anderen Seite, im
Augenblick begriff auch der Herr, um was es sich handelte, und die
Vernunft siegte in ihm: er schwieg, trat zurück, und erst als wir fast
schon außer Hörweite waren, protestierte er in ziemlich energischen
Ausdrücken gegen meine Handlungsweise. Doch wir hörten ihn kaum.
„Nehmen Sie meinen Arm,“ sagte ich zu der Unbekannten, „dann wird er es
nicht mehr wagen, Sie zu belästigen.“
Schweigend legte sie ihr Händchen, das von der Aufregung und dem Schreck
noch zitterte, auf meinen Arm. Oh, du ungerufener Herr! Wie segnete ich
dich in diesem Augenblick! Ich warf einen schnellen Blick auf meine
Begleiterin: sie sah reizend aus und war brünett, wie ich es mir gleich
gedacht hatte. An ihren dunkeln Wimpern glänzten noch Tränen – ob vom
Schreck oder von dem Kummers, über den sie am Kai geweint, das lasse ich
dahingestellt. Aber ihre Lippen versuchten schon, zu lächeln. Auch sie
sah mich heimlich an, errötete, als ich es bemerkte, und senkte den
Blick.
„Sehen Sie, nun, warum liefen Sie vorhin von mir fort? Wäre ich bei
Ihnen gewesen, so wäre nichts geschehen ...“
„Aber ich kannte Sie doch nicht! Ich dachte, daß Sie ebenso ...“
„Ja, kennen Sie mich denn jetzt?“
„Ein wenig. Aber – weshalb zittern Sie?“
„Oh, da haben Sie gleich alles erraten!“ versetzte ich entzückt, denn
ich glaubte aus ihrer Bemerkung entnehmen zu dürfen, daß sie, die so
schön war, auch klug war. „Wie Sie gleich auf den ersten Blick erkennen,
mit wem Sie es zu tun haben! Es ist wahr, ich bin Frauen gegenüber
befangen, und ich leugne auch nicht, daß ich mich im Augenblick erregt
fühle, ebenso wie Sie vor ein paar Minuten, als jener Herr Sie
erschreckte ... Auch ich fühle jetzt so etwas wie einen Schreck: die
ganze Nacht erscheint mir wie ein Traum, mir, der ich es mir niemals
habe träumen lassen, daß ich jemals in die Lage kommen könnte, mit einem
jungen Mädchen in dieser Weise zu sprechen.“
„Was? Wirklich?“
„Mein Wort darauf; und wenn mein Arm jetzt bebt, so kommt das nur daher,
daß er noch nie von einer so reizenden kleinen Hand, wie die Ihrige,
berührt worden ist. Ich bin jetzt des Umgangs mit Frauen vollständig
ungewohnt; das heißt, ich will damit nicht etwa sagen, daß ich früher
einmal einen solchen Umgang gewohnt gewesen bin. Nein, ich lebe von
jeher allein und für mich ... Ich weiß nicht einmal, wie man mit ihnen
spricht. Auch jetzt zum Beispiel weiß ich nicht, ob ich Ihnen nicht
irgendeine Dummheit gesagt habe. Ist das der Fall, so sagen Sie es mir,
bitte, ganz offen. Ich werde es Ihnen nicht übelnehmen ...“
„Nein, nein, gar nicht, im Gegenteil. Und wenn Sie schon einmal
verlangen, daß ich aufrichtig sein soll, dann will ich Ihnen sagen, daß
solche Befangenheit den Frauen sogar sehr gefällt. Und wenn Sie noch
mehr wissen wollen, dann will ich gleich gestehen, daß sie auch mir
gefällt, und ich werde Sie nicht früher fortschicken, als bis ich bei
unserem Hause angelangt bin.“
„Sie sind ja so reizend, daß ich gleich meine ganze Befangenheit
verliere,“ rief ich entzückt, „und dann – lebt wohl alle meine Chancen!
...“
„Chancen? Was für Chancen, und wozu? Nein, das gefällt mir nun wieder
gar nicht!“
„Verzeihung, es war mir auch nur so ... entschlüpft, ganz gegen meinen
Willen! Aber wie können Sie auch verlangen, daß in einem solchen
Augenblick nicht der Wunsch erwachen soll ...?“
„Zu gefallen etwa?“
„Nun ja, versteht sich. Aber seien Sie – oh, um Gottes willen, seien Sie
großmütig! Bedenken Sie, wer ich bin! Ich bin schon sechsundzwanzig
Jahre alt – und noch habe ich mit keinem Menschen Verkehr gehabt. Wie
sollte ich da plötzlich nach allen Regeln der Kunst eine Unterhaltung
anzuknüpfen verstehen? Aber Sie werden mich um so besser begreifen, wenn
alles offen vor Ihnen liegt ... Ich verstehe nicht zu schweigen, wenn
das Herz in mir spricht. Nun, gleichviel ... Glauben Sie mir, ich kenne
keine einzige Frau, keine einzige! Ich habe überhaupt keine
Bekanntschaft. Ich träume nur jeden Tag, daß ich endlich irgend einmal
irgendwo doch irgend jemand treffen und kennen lernen werde. Ach, wenn
Sie wüßten, wie oft ich schon auf diese Weise verliebt gewesen bin ...“
„Aber wie denn das, in wen denn?“
„Ja, in niemand, einfach in ein Ideal, das ich im Traum vor mir sehe.
Ich ersinne in meinen Träumen gewöhnlich ganze Romane. Oh, Sie kennen
mich noch nicht! Doch was sage ich! – natürlich habe ich mit zwei oder
drei Frauen gesprochen, aber was waren denn das für Frauen? Das waren ja
nur solche Wirtinnen, daß ... Aber ich will Sie lieber fröhlich machen
und Ihnen etwas erzählen: Ich habe schon mehrmals die Absicht gehabt, so
ganz ohne weiteres irgendeine Aristokratin auf der Straße anzureden.
Selbstverständlich, wenn sie allein ist, und ebenso selbstverständlich
mit aller Ehrerbietung, aber doch mit Bangen, und um ihr dann voll
Leidenschaft zu sagen, daß ich so allein umkomme, und um sie zu bitten,
daß sie mich nicht fortjage und daß ich sonst keine Möglichkeit habe,
auch nur je irgendeine Frau kennen zu lernen. Ich würde ihr sagen, daß
es sogar die Pflicht jeder Frau sei, die bescheidene Bitte eines so
unglücklichen Menschen, wie ich einer bin, nicht abzuschlagen. Daß
schließlich alles, um was ich sie bitte, nichts weiter sei, als daß sie
mir erlaube, ihr brüderlich zwei Worte sagen zu dürfen, daß sie mir nur
etwas Teilnahme zeigen und mich nicht gleich im ersten Augenblick
davonjagen solle, daß sie mir vielmehr aufs Wort glauben und daß sie
anhören möge, was ich ihr zu sagen wünsche, und sollte sie mich auch
auslachen, gleichviel! – aber daß sie mir wenigstens etwas Hoffnung
geben und mir zwei Worte sagen müsse, nur zwei Worte, damit würde ich
mich zufrieden geben, und sollten wir uns auch nie wiedersehen! ... Aber
Sie lachen ... Übrigens rede ich ja auch nur deshalb ...“
„Seien Sie mir nicht böse. Ich lache, weil Sie ja Ihr eigener Feind sind
... wenn Sie es versuchten, so würde es Ihnen schon gelingen, und wäre
es auch auf der Straße: je einfacher, desto besser. Kein einziges
Mädchen, wenn sie nur nicht schlecht oder dumm ist oder in dem
Augenblick gerade sehr geärgert über irgend etwas, würde es übers Herz
bringen, Sie fortzuschicken, ohne Ihre zwei Worte anzuhören – wenn Sie
so bescheiden darum bitten ... Doch nein, was sage ich! Natürlich würde
sie Sie für einen Verrückten halten! Im übrigen habe ich da nach meinem
Empfinden geurteilt. Ich weiß doch auch ein wenig, wie die Menschen
sind.“
„Oh, ich danke Ihnen,“ rief ich, „Sie wissen nicht, was Sie mir mit
Ihrer Antwort gegeben haben!“
„Gut, gut! Aber sagen Sie mir, woran haben Sie es erkannt, daß ich ein
Mädchen bin, mit dem man ... nun, das Sie für würdig halten ... Ihrer
Aufmerksamkeit und Freundschaft ... Mit einem Wort, keine Hauswirtin,
wie Sie sagten ... Warum entschlossen Sie sich, sich gerade mir zu
nähern?“
„Warum? Warum! Sie waren allein, jener Herr benahm sich so dreist und
jetzt ist es Nacht: da werden Sie doch zugeben, daß es meine Pflicht war
...“
„Nein, nein, vorher, dort, auf der anderen Seite, am Kai. Da wollten Sie
sich mir doch schon nähern?“
„Dort, auf jener Seite? Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf antworten
soll ... Ich fürchte ... Ja sehen Sie, ich war heute so glücklich: ich
ging und sang, ich war draußen vor der Stadt ... ich habe mich noch nie
so glücklich gefühlt. Sie dagegen ... aber vielleicht schien es mir nur
so ... verzeihen Sie, daß ich Sie daran erinnere – es schien mir, daß
Sie weinten, und ich ... ich vermochte das nicht mitanzuhören ... es
preßte mir das Herz zusammen ... Mein Gott, konnte ich Ihnen denn nicht
helfen? Durfte ich nicht Ihren Kummer teilen? War es denn Sünde, daß ich
brüderliches Mitleid mit Ihnen empfand? ... Verzeihen Sie, ich sagte
Mitleid ... Nun gleichviel, mit einem Wort – konnte es Sie denn
beleidigen, wenn ich da unwillkürlich das Verlangen empfand, mich Ihnen
zu nähern? ...“
„Schon gut, hören Sie auf, sprechen Sie nicht weiter ...“ unterbrach
mich das Mädchen. Sie sah verwirrt zu Boden und ich fühlte, wie ihre
Hand zuckte. „Es ist meine Schuld, daß ich überhaupt davon anfing. Aber
es freut mich, daß ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe ... So, jetzt
bin ich gleich zu Hause, ich muß hierher in die Querstraße, nur noch
zwei Schritte ... Leben Sie wohl, und ich danke Ihnen ...“
„Ja, sollen wir uns denn wirklich niemals wiedersehen? ... Soll das denn
schon das Ende sein?“
„Sehen Sie, wie Sie sind!“ sagte sie lachend, „anfangs wollten Sie nur
zwei Worte reden, und jetzt! ... Übrigens will ich nichts verschwören
... Vielleicht werden wir einander noch begegnen ...“
„Ich werde morgen wieder hier sein,“ sagte ich schnell. „Verzeihen Sie,
ich fordere bereits ...“
„Ja, Sie sind recht ungeduldig ... fast fordern Sie bereits ...“
„Hören Sie, hören Sie!“ unterbrach ich sie, „verzeihen Sie, wenn ich
Ihnen wieder irgend so etwas sage ... Aber sehen Sie: ich kann nicht
anders, ich muß morgen hierherkommen. Ich bin ein Träumer, ich kenne so
wenig wirkliches Leben, und einen solchen Augenblick, wie diesen, erlebe
ich so selten, daß es mir ganz unmöglich wäre, ihn mir in meinen Träumen
nicht immer wieder zu vergegenwärtigen. Von Ihnen werde ich jetzt die
ganze Nacht träumen, die ganze Woche, das ganze Jahr! Ich werde
unbedingt morgen hierherkommen, gerade hierher, wo wir jetzt stehen, und
um dieselbe Zeit, und ich werde glücklich sein in der Erinnerung an die
heutige Begegnung. Schon jetzt ist mir diese Stelle hier lieb. So habe
ich noch zwei oder drei andere Stellen in Petersburg, die mir lieb sind.
Ich habe einmal sogar geweint, ganz wie Sie vorhin, als plötzlich eine
Erinnerung in mir erwachte ... Vielleicht haben Sie heute dort am Kai
gleichfalls nur deshalb geweint, weil eine Erinnerung über Sie kam ...
Verzeihen Sie, ich habe wieder davon gesprochen! Sie waren dort
vielleicht einmal ganz besonders glücklich ...“
„Nun gut,“ sagte das Mädchen plötzlich, „also hören Sie: ich werde
morgen auch hierherkommen, um zehn Uhr. Ich sehe, daß ich es Ihnen doch
nicht verwehren kann ... Aber Sie wissen noch nicht, um was es sich
handelt – ich muß nämlich sowieso unbedingt hierherkommen. Denken Sie
deshalb nicht, daß ich Ihnen ein Stelldichein gebe. Ich muß vielmehr aus
einem ganz besonderen Grunde und in meinem eigenen Interesse
hierherkommen, damit Sie’s wissen. Aber ... nun gut, ich will ganz
aufrichtig sein: es tut nichts, wenn auch Sie kommen. Erstens könnte es
wieder eine Unannehmlichkeit geben, wenn ich allein bin, wie heute, aber
das ist nicht so wichtig ... Nein, kurz, ich würde Sie gern wiedersehen,
um ... um ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen. Nur, sehen Sie, Sie
werden mich doch jetzt nicht verurteilen? Denken Sie deshalb nicht, daß
ich so leicht ein Stelldichein gebe ... Ich würde es auch nicht tun,
wenn nicht ... Nein, das mag noch mein Geheimnis bleiben! Aber zuvor
eine Bedingung ...“
„Eine Bedingung?! Sagen Sie, sprechen Sie es aus – ich bin mit allem
einverstanden, bin zu allem bereit!“ rief ich förmlich begeistert. „Ich
stehe für mich ein – ich werde gehorsam, werde ehrerbietig sein ... Sie
kennen mich –“
„Gerade deshalb, weil ich Sie kenne, fordere ich Sie auch für morgen
auf,“ sagte das Mädchen lachend. „Ich kenne Sie bereits ganz genau. Aber
wie gesagt, kommen Sie nur unter einer Bedingung: seien Sie so gut und
erfüllen Sie meine Bitte, ja? Sie sehen, ich rede ganz offen: Also: daß
Sie sich nicht in mich verlieben ... Das darf nicht geschehen, auf
keinen Fall. Zur Freundschaft bin ich herzlich gern bereit, hier, meine
Hand darauf ... Aber verlieben, nein, nur das nicht, ich bitte Sie!“
„Ich schwöre Ihnen,“ rief ich und ergriff ihre Hand.
„Schon gut, schwören Sie nicht, ich weiß ja doch, daß Sie fähig sind,
sich wie Pulver zu entzünden. Verübeln Sie es mir nicht, wenn ich Ihnen
so etwas sage. Aber wenn Sie wüßten ... Ich habe auch keinen Menschen,
mit dem ich ein Wort sprechen oder den ich um Rat fragen könnte.
Natürlich sucht man im allgemeinen seine Ratgeber nicht auf der Straße,
aber Sie sind eine Ausnahme. Ich kenne Sie schon so gut, als wären wir
zwanzig Jahre Freunde. Nicht wahr, Sie sind doch kein Ungetreuer, Sie
werden Ihr Versprechen doch halten? ...“
„Sie werden sehen, Sie werden sehen ... nur freilich, wie ich die
nächsten vierundzwanzig Stunden überleben soll, das weiß ich nicht!“
„Schlafen Sie so fest wie möglich. Und nun, gute Nacht – und vergessen
Sie nicht, daß ich Ihnen schon mein Vertrauen geschenkt habe. Aber es
war so hübsch, was Sie vorhin sagten, und Sie haben recht, man kann
einander doch wirklich nicht über jedes Gefühl Rechenschaft geben, und
wenn es auch nur brüderliches Mitgefühl ist! Wissen Sie, das sagten Sie
so lieb, daß mir sogleich der Gedanke kam, mich Ihnen anzuvertrauen ...“
„Ja, aber worin denn?“
„Morgen sag’ ich’s Ihnen. Bis dahin mag es noch mein Geheimnis bleiben.
Um so besser für Sie: das Ganze wird so wenigstens wirklich wie ein
Roman aussehen. Vielleicht werde ich es Ihnen schon morgen sagen,
vielleicht aber auch morgen noch nicht ... Ich werde mit Ihnen vorher
noch von anderem sprechen: wir müssen uns erst näher kennen lernen ...“
„Oh, was mich betrifft, so erzähle ich Ihnen morgen meinetwegen alles
von mir! Aber was ist das nur? Mir kommt es vor, als geschehe ein Wunder
mit mir ... Wo bin ich, mein Gott?! So sagen Sie doch, sind Sie nun
wirklich nicht ungehalten darüber, daß Sie mich nicht gleich zu Anfang
fortgeschickt haben? Es waren nur zwei Minuten: und Sie haben mich für
immer glücklich gemacht. Ja, glücklich! Wer weiß, vielleicht haben Sie
mich sogar mit mir selbst versöhnt und alle meine Zweifel aufgehoben ...
Vielleicht habe ich Augenblicke ... Ach nein, morgen erzähle ich Ihnen
alles, dann werden Sie alles erfahren, alles ...“
„Gut, abgemacht! Und Sie erzählen zuerst.“
„Einverstanden.“
„Dann also auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen!“
Wir trennten uns. Ich lief noch die ganze Nacht umher: ich konnte mich
nicht entschließen, nach Haus zurückzukehren. Ich war so glücklich ...
ich dachte nur an dieses Wiedersehen!
Die zweite Nacht.
„Da hätten wir’s also glücklich überlebt!“ sagte sie zum Gruß und
drückte mir lachend beide Hände.
„Ich bin schon seit zwei Stunden hier. Sie wissen nicht, wie ich den Tag
verbracht habe.“
„Ich weiß, ich weiß ... Doch zur Sache! Was meinen Sie wohl, weshalb ich
hergekommen bin? Doch nicht, um solchen Unsinn zu reden, wie gestern!
Nein, hören Sie mich an: wir müssen hinfort klüger sein. Ich habe mir
das reiflich überlegt.“
„Warum denn, warum denn klüger? Ich meinerseits bin ja gern dazu bereit:
nur ist mir sowieso schon in meinem Leben nichts Klügeres geschehen, als
gestern ...“
„Wirklich? Aber hören Sie – erstens bitte ich Sie, meine Hände nicht so
zu drücken; und zweitens teile ich Ihnen mit, daß ich heute lange über
Sie nachgedacht habe.“
„Nun, und? Was war das Ergebnis?“
„Das Ergebnis? Ich kam zu der Einsicht, daß wir von neuem anfangen
müssen, denn zum Schluß sagte ich mir doch, daß ich Sie ja noch gar
nicht kenne und daß ich mich gestern recht wie ein Kind, wie ein ganz
kleines Mädchen benommen habe. Dabei stellte es sich aber heraus, daß an
allem natürlich nur mein gutes Herz schuld war, das heißt, ich habe zum
Schluß vor mir selbst ordentlich groß getan, wie das ja zu guter Letzt
immer geschieht, wenn wir uns über uns selbst Rechenschaft geben. Und
deshalb, um den Fehler wieder gutzumachen, habe ich mir vorgenommen,
zunächst alles über Sie ganz genau in Erfahrung zu bringen. Da ich nun
aber niemand kenne, bei dem ich mich nach Ihnen erkundigen könnte, so
müssen Sie selbst mir alles erzählen, aber auch alles und ganz
ausführlich. Nun also: was für ein Mensch sind Sie? Schnell – so fangen
Sie doch an, erzählen Sie Ihre Geschichte!“
„Geschichte?“ rief ich erschrocken, „meine Geschichte? Aber wer hat
Ihnen denn gesagt, daß ich eine Geschichte habe? Ich habe keine
Geschichte ...“
„Ja – Wie haben Sie denn überhaupt gelebt, wenn Sie keine Geschichte
haben?“ fragte sie lachend.
„Oh, ganz ohne jede Geschichte! Also, ich habe eben gelebt, für mich
allein, wie man bei uns zu sagen pflegt, eben ganz allein, immer allein,
vollkommen allein – wissen Sie, was das heißt, ‚allein‘?“
„Aber wie denn: allein? So, daß Sie niemals jemand gesehen haben?“
„O nein, gesehen – das schon. Aber trotzdem war ich immer allein.“
„Ja wie, ich verstehe Sie nicht. Sprechen Sie denn mit keinem Menschen?“
„Strenggenommen – mit keinem einzigen.“
„Aber was sind Sie denn für ein Mensch, erklären Sie mir das doch. Nein!
Warten Sie, ich errate es schon von selbst: Sie haben ganz sicher auch
eine Großmutter, genau wie ich. Die meinige ist blind, wissen Sie, und
nun läßt sie mich ihr Lebtag nicht von sich fort, so daß ich fast schon
zu sprechen verlernt habe. Als ich ihr nämlich vor zwei Jahren einen
kleinen Streich spielte und sie einsehen mußte, daß sie kein Mittel
hatte, solchen Streichen vorzubeugen, da rief sie mich zu sich und
steckte mein Kleid mit einer Stecknadel an das ihrige – und so sitzen
wir denn seitdem tagaus tagein nebeneinander. Sie strickt ihren Strumpf,
obschon sie blind ist; ich muß neben ihr sitzen, nähen oder ihr aus
einem Buch vorlesen – ... oh, oft kommt es mir selbst ganz sonderbar
vor, daß ich nun schon zwei Jahre lang in dieser Weise angesteckt bin
...“
„Mein Gott, das muß allerdings furchtbar sein! Aber ich, ich habe keine
solche Großmutter.“
„Dann begreife ich nicht, wie Sie immer zu Hause sitzen können?“
„Hören Sie, Sie wollten ja wissen, wer ich bin?“
„Allerdings!“
„Im Ernst?“
„Natürlich!“
„Gut. Ich bin also: ein – Typ.“
„Was? Ein Typ? Was für ein Typ?“ fragte das Mädchen verwundert und
lachte dann so herzlich, als habe sie ein ganzes Jahr lang nicht
gelacht. „Aber ich sehe schon, es ist riesig lustig, sich mit Ihnen zu
unterhalten! Warten Sie: dort ist eine Bank, setzen wir uns! Hier geht
kein Mensch vorüber, niemand kann uns hören. So, nun fangen Sie an mit
Ihrer Geschichte! Denn, daß Sie keine haben, glaube ich Ihnen nicht. Sie
haben eine, Sie wollen sie nur nicht erzählen. Aber zuerst sagen Sie
mir, was ist ein Typ?“
„Ein Typ? Ein Typ ist ein – Original. Das ist so ein komischer Kauz,“
erklärte ich, und mußte gleichfalls lachen. „Es gibt nun einmal solche –
wie soll ich sagen – Charaktere. Sie wissen doch, was ein Träumer ist?“
„Ein Träumer? Natürlich! Ich bin selbst eine Träumerin! Manchmal, wenn
man so neben Großmutter sitzt – was kommt einem da nicht alles in den
Sinn! Fängt man erst einmal an, zu träumen, so spinnen sich die Träume
bald von selbst weiter und da kommt es denn vor, daß ich in der
Phantasie einfach einen chinesischen Prinzen heirate ... Mitunter ist es
auch ganz gut – zu träumen. Nein, übrigens, weiß Gott! Namentlich wenn
man auch noch sein anderes hat, woran man denken kann ...“ schloß das
Mädchen unvermittelt und diesmal ziemlich ernst.
„Vortrefflich! Wenn Sie einmal einen chinesischen Prinzen geheiratet
haben, dann werden Sie mich vollkommen verstehen! Also hören Sie ...
Doch erlauben Sie: ich weiß noch nicht einmal, wie Sie heißen.“
„Endlich! Es fällt Ihnen wirklich früh ein, danach zu fragen!“
„Mein Gott, ja ... Ich dachte gar nicht daran, ich war auch so schon
glücklich ...“
„Ich heiße – Nasstenka.“
„Nasstenka! Nur Nasstenka?“
„Nur! Ist Ihnen denn das noch zu wenig, Sie Unersättlicher?“
„Zu wenig? Oh, im Gegenteil, es ist viel, sehr viel, Nasstenka, Sie
gutes kleines Mädchen, Sie, die für mich gleich am ersten Abend zur
Nasstenka geworden sind!“
„Das meine ich auch. Nun?“
„Nun ja, also, Nasstenka, dann hören Sie mal zu, was für eine komische
Geschichte das ist.“
Ich setzte mich neben sie, machte eine pedantisch ernste Miene und
begann, als wäre es eine Vorlesung:
„Es gibt, Nasstenka, wenn Sie das noch nicht wissen, es gibt hier in
Petersburg recht merkwürdige Winkel. Es ist, als schiene dorthin niemals
_die_ Sonne, die für alle Petersburger leuchtet, sondern eine andere,
neue, die gleichsam nur für diese Winkel geschaffen ist, und es ist auch
ganz so, als schiene sie auf alles andere in der Welt mit einem ganz
anderen, einem besonderen Licht. In diesen Winkeln, liebe Nasstenka, ist
es, als rege sich ein ganz anderes Leben, eines, das gar nicht dem
gleicht, das uns sonst umgibt, sondern eines, das es nur, wie man meinen
sollte, in einem tausend Meilen fernen Reich geben könnte, nicht aber
hier bei uns in unserer ernsten, überernsten Zeit. Doch gerade dieses
Leben ist nur eine Mischung von etwas rein Phantastischem, glühend
Idealem, und zugleich doch – leider, Nasstenka! – trübe Alltäglichem und
glatt Gewöhnlichem um nicht zu sagen: bis zur Verzweiflung Gemeinem.“
„Pfui! Großer Gott! Das ist mir mal eine Einleitung! Was werde ich da
wohl noch zu hören bekommen?“
„Sie werden zu hören bekommen, Nasstenka – mir scheint, ich werde
niemals müde werden, Sie Nasstenka zu nennen – Sie werden hören, daß in
diesen Winkeln seltsame Menschen leben – Wesen, die man Träumer nennt.
Ein Träumer ist – wenn man es genauer erklären soll – kein Mensch,
sondern, wissen Sie, eher so ein gewisses Geschöpf sächlichen
Geschlechts. Gewöhnlich lebt der Betreffende irgendwo in einem von aller
Welt abgeschlossenen Winkel, als wolle er sich sogar vor dem Tageslicht
verbergen, und wenn er sich einmal in seine Behausung zurückgezogen hat,
dann wächst er mit ihr zusammen, ungefähr wie eine Schnecke mit ihrem
Haus, oder er gleicht wenigstens in der Beziehung jenem merkwürdigen
Tiere, das beides zugleich, nämlich sowohl Tier als auch das Haus des
Tieres ist und das wir Schildkröte zu nennen pflegen. Was meinen Sie
aber, weshalb liebt er so seine vier Wände, die unfehlbar hellgrün
angestrichen, öde, trübselig und in einem nahezu unstatthaften Maße
verräuchert sind? Weshalb ist dieser komische Mensch, wenn ihn jemand
von seinen wenigen Bekannten besucht – übrigens endet es immer damit,
daß auch diese wenigen ihn bald vergessen – weshalb ist er dann immer so
betreten und verwirrt? Weshalb hat er ein Gesicht, als habe er in seinem
einsamen Winkel geradezu ein Verbrechen begangen, als habe er Papiere
gefälscht oder Gedichte fabriziert, um sie an eine Zeitschrift zu
senden, natürlich mit einem Begleitbrief, in dem er mitteilt, daß der
Verfasser gestorben sei und daß er es als Freund für seine heilige
Pflicht halte, des Verstorbenen Werke zu veröffentlichen? Weshalb, sagen
Sie mir das, Nasstenka, weshalb will das Gespräch zwischen den beiden
nie so recht vorwärts kommen und weshalb fällt von den Lippen des
plötzlich hereingeschneiten Freundes, der doch sonst stets zu Scherz und
Lachen und Gesprächen über das schöne Geschlecht oder über andere
angenehme Themata aufgelegt ist, kein einziges Scherzwort? Weshalb fühlt
sich dieser neue Freund bei seinem ersten Besuch – denn ein zweiter
pflegt in diesem Fall nicht zu folgen – weshalb fühlt auch er sich
befangen und weshalb wird er trotz seiner Fähigkeit, geistreich zu sein
– das heißt, vorausgesetzt, daß er sie wirklich besitzt – immer
einsilbiger beim Anblick der verzweifelten Miene des andern, der sich
übermenschlich, doch leider vergeblich anstrengt, das Gespräch zu
beleben und zu zeigen, daß auch er eine Unterhaltung zu führen imstande
sei und über das schöne Geschlecht zu plaudern? um so wenigstens durch
seine Bereitwilligkeit zu allem und jedem die Enttäuschung des Gastes zu
mildern, der nun einmal das Pech hat, dorthin geraten zu sein, wohin er
nicht gehört! Weshalb greift schließlich der Gast nach seinem Hut und
empfiehlt sich schnell mit der Entschuldigung, das ihm plötzlich etwas
überaus Wichtiges eingefallen sei, das nicht den geringsten Aufschub
dulde? und weshalb befreit er seine Hand so schnell aus der heißen des
anderen, der mit tiefster Reue im Herzen noch gutzumachen sucht, was
sich nicht mehr gutmachen läßt? Weshalb lacht dann der fortgehende
Freund, sobald die Tür sich hinter ihm geschlossen hat, und weshalb
schwört er sich, nie wieder diesen Sonderling aufzusuchen, obschon der
im Grunde gar kein so übler Bursche ist? und weshalb kann er seiner
Phantasie nicht das kleine Vergnügen versagen: den Gesichtsausdruck des
Sonderlings während der Zeit seines Besuches wenigstens entfernt mit
demjenigen eines Kätzchens zu vergleichen, das, von unartigen Kindern
unter heimtückischen Lockungen eingefangen, tüchtig gepeinigt worden und
das endlich unter den Stuhl in einen dunkeln Winkel geflüchtet ist, um
sich dort erst einmal das Fell durchzulecken, sein mißhandeltes
Schwänzchen mit beiden Vorderpfoten zu waschen und zu putzen und dann
noch lange feindselig auf die Natur der Dinge und das Leben überhaupt
und ebenso auch auf den Brocken zu blicken, den ihm eine mitleidige
Küchenseele von den Leckerbissen der herrschaftlichen Tafel zuwirft?“
„Hören Sie,“ unterbrach mich Nasstenka, die die ganze Zeit verwundert
mit großen Augen und halboffenem Mündchen zugehört hatte, „hören Sie:
ich begreife ganz und gar nicht, was das alles soll und weshalb Sie
gerade mich so sonderbare Dinge fragen? Alles, was ich verstehe, ist
nur, daß Sie diese Geschichte zweifellos selbst erlebt haben.“
„Ganz zweifellos,“ versetzte ich mit ernster Miene.
„Nun, wenn es wahr ist, dann fahren Sie fort,“ sagte Nasstenka, „denn
jetzt möchte ich sehr gern wissen, wie das endet.“
„Sie wollen wissen, Nasstenka, was er in seinem Winkel denn eigentlich
tat, unser Held, oder richtiger, ich, denn der Held des Ganzen bin doch
ich, ich selbst mit meiner eigenen bescheidenen Person. Sie wollen
wissen, weshalb ich mich durch den unerwarteten Besuch des Bekannten so
aus dem Gleichgewicht gebracht fühlte und wie ein ertappter Sünder
errötete, als die Tür sich auftat und weshalb ich den Gast nicht zu
empfangen verstand und eine so unglückliche Rolle als Hausherr spielte?“
„Nun ja, selbstverständlich will ich das! Aber hören Sie: Sie erzählen
ja sehr schön, doch ließe sich das alles nicht irgendwie weniger „schön“
erzählen? Denn sonst reden Sie ja, als hätten Sie ein Buch vor sich, aus
dem Sie ablesen!“
„Nasstenka!“ versetzte ich mit wichtiger und strenger Stimme, während
ich mir nur mit Mühe das Lachen verbiß, „liebe Nasstenka, ich weiß, daß
ich schön erzähle, aber verzeihen Sie, anders verstehe ich nun einmal
nicht zu erzählen. Jetzt, liebe Nasstenka, jetzt gleiche ich dem Geiste
des Königs Salomo, der tausend Jahre in einer Truhe unter sieben Siegeln
gefangen war und nun von allen sieben Siegeln befreit worden ist. Jetzt,
liebe Nasstenka, wo wir uns nach so langer Trennung wiedergefunden haben
– denn ich kenne Sie ja schon lange, lange, Nasstenka, weil ich nämlich
schon lange jemand suche ... worin zugleich der Beweis dafür liegt, daß
ich gerade Sie gesucht habe und daß es uns vom Schicksal vorbestimmt
gewesen ist, gerade hier zusammenzutreffen – jetzt haben sich tausend
Klappen in meinem Kopf geöffnet und ich muß mein Herz in einen Strom von
Worten ausgießen – oder ich ersticke an ihnen. Deshalb bitte ich Sie,
mich nicht zu unterbrechen, Nasstenka, und geduldig und ergeben
zuzuhören: wenn nicht – dann verstumme ich ...“
„Nein, nein, nein! Das sollen Sie nicht! Erzählen Sie! Ich werde kein
Wort mehr sagen!“
„Ich fahre also fort: es gibt, liebe Freundin Nasstenka, es gibt für
mich an jedem Tage eine Stunde, die ich ungemein liebe. Das ist die
Stunde, in der die Geschäfte, Büros und Kanzleien schließen und die
Menschen alle nach Hause eilen, um zu Mittag zu speisen,[2] sich
hinzulegen und etwas auszuruhen, und in der die Menschen unterwegs Pläne
schmieden für den Abend, die Nacht und die ganze übrige freie Zeit, die
ihnen noch verblieben ist. In dieser Stunde pflegt auch unser Held – Sie
müssen mir schon erlauben, Nasstenka, von mir in der dritten Person zu
erzählen, denn in der ersten würde das alles viel zu unbescheiden
klingen – also, in dieser Stunde pflegt auch unser Held, der gleichfalls
seine regelmäßige Tagesarbeit hat, mit den anderen Menschen eines Weges
zu gehen. Ein seltsames Gefühl des Vergnügens spricht aus seinem
blassen, ein wenig erschlafften Gesicht. Nicht teilnahmlos sieht er auf
die Abendröte, die am kalten Petersburger Himmel langsam erlischt. Nein,
ich lüge, wenn ich sage, daß er sie sieht: er sieht überhaupt nicht,
sondern er schaut, und er schaut gleichsam unbewußt, als wäre er müde
oder als wären seine Gedanken gleichzeitig mit irgendeinem fernen,
anderen, eigenartigen Gegenstande beschäftigt, so daß er schon sehr bald
für seine Umgebung kaum noch einen flüchtigen Blick hat, und auch diesen
nur bei irgendeinem Zufall, der ihn ablenkt. Er ist beinahe zufrieden,
denn er hat bis morgen die lästige Arbeit getan, er ist froh wie ein
Schüler, der von der Schulbank kommt und sich nun wieder seinen
Lieblingsspielen und Streichen widmen kann. Wenn Sie ihn von der Seite
beobachten, Nasstenka, werden Sie sogleich bemerken, daß das frohe
Gefühl auf seine angegriffenen Nerven und auf seine krankhaft überreizte
Phantasie bereits günstig eingewirkt hat. Seine Gedanken hüllen ihn
gleichsam ein. Sie glauben, er denke an sein Mittagessen? An den Abend,
der ihm bevorsteht? Was ist es wohl, was er so scharf ins Auge faßt? Ist
es etwa jener Herr, der so höflich und doch so pittoresk die Dame grüßt,
die in prächtiger Kalesche an ihm vorüberfährt? Nein, Nasstenka, was
gehen ihn alle diese kleinlichen Nebensachen an! Er ist jetzt reich in
seinem eigenen, seinem ureigensten, besonderen Leben: ganz plötzlich ist
er reich geworden und der letzte Strahl der erlöschenden Sonne hat nicht
vergeblich so lebenswarm vor ihm geglüht und in seinem erwärmten Herzen
eine Fülle von Eindrücken wachgerufen. Jetzt bemerkt er kaum mehr den
Weg, auf dem ihm noch kurz vorher jede geringste Kleinigkeit auffallen
konnte. Die Göttin Phantasie hat bereits ihr goldenes Netz um ihn gewebt
und füllt es nun aus mit den bunten Mustern eines unwillkürlichen und
wunderlichen Lebens: und vielleicht – wer kann es wissen? – vielleicht
hat sie ihn von dem massiven Granittrottoir, auf dem er nach Hause geht,
mit launischer Hand bereits in den siebenten weltfernsten Himmel
entführt? Wenn Sie jetzt versuchen wollten, ihn plötzlich anzureden und
ihn zu fragen, wo er sich im Augenblick befinde, durch welche Straßen er
gegangen – dann würde er ganz entschieden weder das eine noch das andere
anzugeben vermögen und wahrscheinlich vor Ärger errötend irgend etwas,
das ihm gerade einfällt, verlegen antworten. Deshalb fährt er auch
plötzlich so zusammen und blickt sich erschrocken um – nur weil eine
alte Frau ihn mitten auf dem Trottoir anhält und ihn nach einer Straße
fragt, die sie nicht zu finden weiß. Mit ärgerlich gerunzelter Stirn
schreitet er weiter, ohne es zu bemerken, daß von den Vorübergehenden
mehr als einer bei seinem Anblick lächelt und mancher ihm sogar
nachschaut, und daß ein kleines Mädchen, das ihm ängstlich ausweicht,
plötzlich nach Kinderart laut auflacht, da ihren verwundert
aufgerissenen Augen sein breites traumverlorenes Lächeln und die halben
Gesten seiner Hände so komisch erscheinen. Doch schon hat dieselbe
Phantasie in ihrem spielenden Fluge die alte Dame und die neugierig
Vorübergehenden und das lachende kleine Mädchen und die Bauernkerle, die
auf ihren Booten Abendrast halten, unten auf der Fontanka – nehmen wir
an, daß unser Held sich in dem Augenblick an dem Kanalkai befindet –
schon hat sie alles mutwillig in ihr Netz eingewebt, wie die Spinne die
Fliegen, und mit der neuen Beute betritt der Sonderling seine Behausung,
er setzt sich an den Tisch und ißt und beendet die Mahlzeit und kommt
nicht früher zu sich, als bis Matrjona, seine ewig trübselige wortkarge
Wirtin, nachdem sie alles vom Tisch abgeräumt, ihm seine Pfeife reicht:
da erst, wie gesagt, kommt er zu sich und gewahrt mit Verwunderung, daß
er bereits gegessen hat, ohne daß es ihm zu Bewußtsein gekommen wäre. Es
dunkelt im Zimmer; in seiner Seele ist es leer und traurig. Ein ganzes
Reich von Träumen ist rings um ihn eingestürzt – geräuschlos, lautlos,
spurlos wie eben nur ein Traum vergehen kann, er wüßte nicht einmal mehr
zu sagen, was er gesehen hat. Aber ein dunkles Empfinden, das in seiner
Brust sich zu regen beginnt, erweckt allmählich einen neuen Wunsch,
umschmeichelt verführerisch seine Einbildungskraft und ruft unmerklich
wieder eine ganze Schar neuer Phantome heran. Stille herrscht in seinem
kleinen Zimmer: die Einsamkeit und das Nichtstun liebkosen die
Phantasie, sie glüht leise auf, eine leise Bewegung hebt in ihr an, wie
ein leises Wallen, ähnlich dem Wasser in der Kaffeemaschine der alten
Matrjona, die nebenan in der Küche ruhig wirtschaftet und sich ihren
Köchinnenkaffee braut: wie lange noch und es beginnt zu brodeln ... Da
fällt auch schon das Buch, das mein Träumer zwecklos und unbesehen aus
der Reihe herausgegriffen hat, aus seiner Hand, noch bevor er bis zur
dritten Seite gelesen. Die Einbildungskraft ist wieder erwacht: und
plötzlich ist eine neue Welt, ein neues bezauberndes Leben um ihn herum
entstanden. Ein neuer Traum – neues Glück! neues, verfeinertes, süßes
Gift! Oh, was liegt ihm an unserem wirklichen Leben! Nach seiner
allerdings sehr einseitigen Auffassung leben wir anderen, Nasstenka, ein
Leben, das langsam ist, träge und schlaff. In seinen Augen sind wir alle
so unzufrieden mit unserem Schicksal und quälen uns so sehr mit unserem
Dasein! Und es ist ja auch wahr, sehen Sie nur, wie auf den ersten Blick
alles zwischen uns aussieht, wie kalt, düster, unfreundlich, als wäre
alles böse, feindselig ... Die Armen! denkt mein Träumer. Und es ist
kein Wunder, daß er so denkt! Sie sehen nicht diese Zauberbilder, die so
berückend, so verschwenderisch, so uferlos breit aus dem Nichts vor ihm
erstehen, Bilder, auf deren Vordergrunde die erste Person, versteht
sich, er selbst ist, er, unser Träumer mit seinem teuren Ich. Sie sehen
nicht, was für Abenteuer, was für eine unabsehbare Reihe von
Geschehnissen er erlebt! Sie fragen: Wovon er denn träumt? Wozu das
Fragen? – doch einfach von allem, von allem ... vom Schicksal eines
Dichters, der anfangs nicht anerkannt wird, dann aber überall
Begeisterung erweckt; von seiner Freundschaft mit E. Th. A. Hoffmann,
der Bartholomäusnacht, Diana Vernon, einer heroischen Rolle bei der
Einnahme der Stadt Kasan durch den Zaren Iwan Wassiljewitsch, von einer
Bühnengröße, einer Sängerin, von Johannes Huß vor dem Konzil, von der
Auferstehung der Toten in „Robert der Teufel“ – kennen Sie die Musik?
sie duftet nach dem Friedhof – von Minna und Anderem, von der Schlacht
an der Beresina, vom Vortrag eines Gedichts bei der Gräfin W. D., von
Danton, Kleopatra ei suoi amanti, einem Häuschen in Kolomna, vom eigenen
Winkel in Petersburg, in dem neben ihm ein liebes Geschöpf sitzt, das
mit offenem Mündchen und großen Augen an einem Winterabend ihm zuhört –
genau so, wie Sie mir jetzt zuhören, mein junges Täubchen ... Nein,
Nasstenka, was ist ihm, dem leidenschaftlichen Nichtstuer, was ist ihm
jenes irdische Leben, das wir, Nasstenka, so gern einmal leben möchten?
Er hält es für ein armes, ein armseliges Leben, das Mitleid verdient,
und ahnt nicht, daß auch für ihn vielleicht einmal die Stunde schlagen
wird, wo er für einen Tag dieses wirklichen Lebens gerne alle seine
phantastischen Jahre hingeben würde, und nicht für einen frohen Tag,
nicht für einen Tag des Glücks hingeben, nein, er wird nicht einmal
wählen dürfen in dieser Stunde der Trauer und Reue und des unabwendbaren
Wehs. Doch vorläufig ist diese furchtbare Zeit noch nicht angebrochen –
er wünscht nichts, weil er über allen Wünschen steht, weil er ja alles
hat, weil er schon übersättigt und selbst der Künstler seines Lebens
ist, das er sich zu jeder Zeit nach eigenem Wunsch gestalten kann. Und
so leicht, so natürlich ersteht diese phantastische Märchenwelt! als
wären das alles gar nicht bloße Hirngespinste! Wirklich, man ist oft zu
glauben versucht, daß dieses ganze Leben nicht eine Schöpfung des
Gefühls, nicht eine wesenlose Luftspiegelung und trügerische Einbildung,
sondern wahrhaftig Wirklichkeit, etwas wirklich Seiendes, ein greifbar
Vorhandenes sei! Weshalb, sagen Sie mir das, Nasstenka, weshalb hält man
in solchen Augenblicken des unwirklichen Erlebens oft den Atem an?
Weshalb – woher kommt es, daß, wie durch eine unerforschliche
Zaubermacht, der Puls schneller schlägt, daß Tränen den Augen
entströmen, daß die bleichen Wangen des Träumers zu glühen anfangen und
sein ganzes Sein von überwältigender Lust erfüllt wird? Weshalb vergehen
ganze Nächte, die er in unerschöpflicher Freude und beseligendem Glück
schlaflos verbringt, wie ein einziger kurzer Augenblick? Und wenn die
Morgenröte rosig durch die Fensterscheiben schimmert und die erste
Dämmerung mit ihrem ungewissen phantastischen Licht in das trübselige
Zimmer schleicht, und unser Träumer sich ermüdet und erschöpft auf das
Bett wirft, und einschlummert – weshalb hat er dann ein Gefühl, als
vergehe er vor Entzücken mit seinem ganzen krankhaft erschütterten
Geiste, und das mit einem so peinvoll süßen Schmerz im Herzen? Ja,
Nasstenka, so täuscht man sich und glaubt als Fremder unwillkürlich, daß
eine wirkliche, eine körperliche Leidenschaft unsere Seele errege!
Unwillkürlich glaubt man, daß in unseren körperlosen Träumen etwas
Lebendiges, Greifbares sei! Und was ist das doch für ein Betrug! Da ist
zum Beispiel die Liebe mit ihrer ganzen unerschöpfbaren Freude und ihrer
nimmermüden Pein in des Träumers Brust erwacht ... Ein Blick auf ihn
genügt, um einen jeden von der Echtheit des Gefühls zu überzeugen.
Werden Sie es da glauben, liebe Nasstenka, wenn Sie ihn so sehen, daß er
diejenige, die er in seinen verzückten Träumen so rasend liebt, in
Wirklichkeit niemals gekannt hat? Aber hat er sie denn nun auch
_wirklich_ nur, _nur_ in berückenden Phantasiebildern gesehen? Und hat
er diese Leidenschaft wirklich _nur_ – geträumt? Sind sie denn wirklich
nicht durch Jahre ihres Lebens Hand in Hand gegangen – zu zweien, ohne
sich um die Welt zu kümmern, das eigene Leben mit dem des anderen
vereint? War sie denn wirklich nicht zu später Stunde, als er Abschied
von ihr nahm, weinend an seine Brust gesunken, ohne auf den Sturm zu
achten, der unter dem rauhen Himmel tobte, ohne den Wind zu spüren, der
die Tränen an ihren schwarzen Wimpern trocknete? War das denn wirklich
alles nur ein Traum im Wachen gewesen – auch der verwilderte einsame
Garten mit den grasbedeckten moosigen Wegen, auf denen sie so oft zu
zweien wandelten und Hoffnungen aufbauten und sich sehnten und einander
liebten, einander so liebten, ‚so bang und süß‘, wie es im alten Liede
heißt? Und dieses alte, verwitterte Herrenhaus, in dem sie so lange
einsam und traurig leben mußte, mit dem alten finsteren Mann, der, ewig
schweigsam und verdrossen, die Liebenden wie ein Schreckgespenst
ängstete, sie, die ohnehin schon wie scheue Kinder ihre Liebe
voreinander verbargen? Wie quälten sie sich, wie fürchteten sie sich,
wie schuldlos und rein war ihre Liebe und wie – das versteht sich von
selbst, Nasstenka – wie böse waren die Menschen! Und, mein Gott, hat er
sie denn später wirklich nicht, fern von der Heimat, unter einem fremden
südlichen Himmel, in einem Palazzo – unbedingt in einem Palazzo – in
einer wundervollen ewigen Stadt bei rauschender Musik im Ballsaal
wiedergesehen? Sind sie dann nicht auf den Balkon hinausgetreten, den
Myrten und Rosen umrankten, und hat sie dort nicht ihre Maske abgenommen
und ihm zugeflüstert: ‚Ich bin frei!‘ – und hat er sie da nicht in seine
Arme geschlossen, wie toll vor Entzücken, und haben sie sich nicht
wirklich aneinander geschmiegt und im Augenblick alles Leid vergessen
und die Trennung und alle Qualen und das düstere Haus und den alten
Grafen, den verwilderten Garten in der fernen Heimat und die Bank, auf
der sie ihm den letzten leidenschaftlichen Kuß gegeben, um sich dann aus
seinen Armen zu reißen ... Oh, Sie werden doch zugeben, Nasstenka, daß
es da nur natürlich ist, wenn man zusammenfährt und wie ein ertappter
Schüler verwirrt errötet, als hätte man soeben einen aus dem
Nachbargarten gestohlenen Apfel in die Tasche gesteckt, wenn plötzlich
die Zimmertür aufgestoßen wird und irgendein langer, gesunder Bursche,
so ein guter, immer fröhlicher Junge, über die Schwelle tritt und mit
lachendem Gruß ausruft, als wäre nichts geschehen: ‚Freund, ich komme
soeben aus Pawlowsk!‘ Mein Gott! Der alte Graf war gestorben und sie war
frei! Unfaßbares Glück brach für uns an. Das sagte und brachte man uns
aus Pawlowsk!“
Ich hielt inne, da meine leidenschaftliche Rede zu Ende war. Ich weiß
noch, daß ich schreckliche Lust hatte, laut, schallend aufzulachen,
gleichsam irgend etwas aus mir herauszulachen, denn ich fühlte, daß in
der Tat so ein feindliches Teufelchen sich bereits in mir zu regen
begann und mir schon im Halse saß, und daß es mir im Kinn und in den
Augenlidern zuckte ...
Natürlich erwartete ich nichts anderes, als daß Nasstenka, die mich mit
ihren klugen Augen groß ansah, nun in unbändig lustiges Kinderlachen
ausbrechen würde, und ich bereute schon, daß ich so weit gegangen war
und etwas erzählt hatte, das ich lange mit mir herumgetragen und deshalb
wie aus einem Buch ablesend erzählen konnte. Ich hatte mich seit Jahr
und Tag darauf vorbereitet, einmal vor mich selbst wie vor einen Richter
zu treten und über mich ein Urteil zu fällen: und da hatte ich mich nun
wirklich einmal nicht zu bezwingen vermocht und dieses Urteil
gesprochen, jedoch, offen gestanden, ohne zu erwarten, daß ich
Verständnis finden würde. Aber zu meiner Verwunderung schwieg sie eine
Weile, dann drückte sie mir leise die Hand und fragte mit einer seltsam
zartfühlenden Teilnahme:
„Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so verbracht?“
„Mein ganzes Leben, Nasstenka,“ antwortete ich, „solange ich auf der
Welt bin, und ich glaube, so werde ich es auch beenden.“
„Nein, das geht nicht, das darf nicht geschehen,“ protestierte sie,
sichtlich beunruhigt, „und das geschieht auch nicht! Dann wäre es ja
ebensogut möglich, daß auch ich mein ganzes Leben bei meiner Großmutter
verbringen muß! Hören Sie, wissen Sie auch, daß es gar nicht gut ist, so
zu leben?“
„Ich weiß es, Nasstenka, gewiß weiß ich es!“ rief ich, ohne meine
Gefühle noch länger zu unterdrücken.
„Und jetzt weiß ich auch besser als je zuvor, daß ich alle meine besten
Jahre verloren habe! Ich weiß es, und diese Erkenntnis schmerzt mich
mehr als je, denn Gott selbst hat Sie, mein guter Engel, mir geschickt,
um mir das zu sagen und zu beweisen. Jetzt, wo ich neben Ihnen sitze und
mit Ihnen rede, mutet es mich schon wunderbar an, an meine Zukunft zu
denken, denn in dem Leben, das noch vor, mir liegt – sehe ich wieder
Einsamkeit, wieder nur dieses muffige, modernde, nutzlose Leben. Und was
werde ich dann noch träumen können, das schöner ist als das Leben,
nachdem ich doch in der Wirklichkeit hier neben Ihnen so glücklich
gewesen bin! Oh, seien Sie dafür gesegnet, Sie liebes Mädchen, daß Sie
mich nicht gleich nach dem ersten Wort zurückgestoßen haben und ich
jetzt doch schon sagen kann, daß ich wenigstens zwei Abende in meinem
Leben gelebt habe!“
„Ach nein, nein!“ rief Nasstenka und Tränen glänzten in ihren Augen.
„Nein, so soll es nicht kommen! Wir werden nicht so auseinandergehen!
Was sind zwei Abende!“
„Ach, Nasstenka, Nasstenka! Wissen Sie denn überhaupt, daß Sie mich für
lange Zeit mit mir selbst versöhnt haben? Wissen Sie, daß ich jetzt
nicht mehr so Schlechtes denken werde, wie in manchen früheren Stunden?
Wissen Sie, daß ich mich vielleicht nicht mehr darüber grämen werde,
Verbrechen und Sünde in meinem Leben begangen zu haben, denn ein solches
Leben ist Verbrechen und Sünde! Und denken Sie nicht, daß ich irgendwie
übertrieben habe, um Gottes willen glauben Sie das nicht, Nasstenka! Es
kommen Augenblicke, in denen ich solch eine Seelenangst empfinde, solch
einen Gram ... In diesen Augenblicken will es mir scheinen – und ich
fange schon an, daran zu glauben –, daß ich niemals mehr fähig sein
werde, ein wirkliches Leben zu beginnen, denn ich habe schon oft die
Empfindung gehabt, als hätte ich jedes Gefühl verloren, und jede
Aufnahmefähigkeit der Sinne in allem, was Wirklichkeit, was wirkliches
Leben ist! weil ich mich schließlich selbst verflucht habe! weil meinen
phantastischen Nächten schon Augenblicke der Ernüchterung folgen, die so
furchtbar sind! Und währenddessen hört man, wie rings um einen die
Menschenmassen lärmend im Lebensstrudel sich drehen, man hört und sieht,
wie Menschen leben – wirklich leben, in der Wirklichkeit und im Wachen
leben, und man sieht, daß ihr Leben nicht nach ihrer Willkür entsteht,
daß ihr Leben nicht wie ein Traum verflattert, daß ihr Leben sich ewig
erneut und ewig jung ist und keine Stunde der anderen gleicht, während
die schreckhafte Phantasie, diese unsere Einbildungskraft, so trostlos
und verzagt und bis zur Gemeinheit einförmig ist, eine Sklavin des
Schattens, der bloßen Idee, eine Sklavin der ersten besten Wolke, die
plötzlich die Sonne verdeckt und in wehem Leid das Herz zusammenpreßt,
das echte Petersburger Herz, dem seine Sonne so teuer ist! Und erst im
Leiden, was für eine Einbildung! Man fühlt, daß sie endlich doch müde
wird und sich in der ewigen Anspannung erschöpft, diese scheinbar
_unerschöpfliche_ Phantasie, denn man wird reifer und männlicher und
wächst über seine früheren Ideale hinaus: sie stürzen ein und es bleibt
nur Staub und Schutt von ihnen übrig. Und wenn es dann kein anderes
Leben gibt, muß man aus demselben Schutt die Bruchstücke zusammenlesen
und aus ihnen sich das neue Leben aufbauen. Und dabei verlangt und sehnt
sich die Seele doch nach etwas ganz anderem! Und vergeblich wühlt der
Träumer wie in einem Aschenhaufen in seinen alten Träumen und sucht in
der Asche nach einem, wenn auch noch so kleinen Fünkchen, um es
anzublasen und um mit dem von neuem angefachten Feuer das kaltgewordene
Herz zu erwärmen und alles in ihm wieder zu erwecken, was ihm einst so
lieb war, was die Seele rührte und das Blut in Wallung brachte, was den
Augen Tränen entströmen ließ und eine so herrliche Täuschung war! Wissen
Sie auch, Nasstenka, wie weit ich damit schon gekommen bin? Wissen Sie,
daß ich bereits das Jubiläum meiner Empfindungen zu feiern gezwungen
bin, Gedenktage dessen, was früher so schön war und dabei in
Wirklichkeit doch nie gewesen ist – denn diese Jahres- und Gedenktage
gelten alle denselben wesenlosen törichten Träumereien – und daß ich das
tun muß, weil selbst diesen törichten Träumen nicht mehr neue folgen,
die sie verdrängen würden: denn auch Träume müssen verdrängt werden! Von
selbst hören sie nicht auf und so überleben sie sich nur. Wissen Sie,
ich suche jetzt mit Vorliebe zu bestimmten Stunden jene Stellen auf, an
denen ich einmal glücklich gewesen bin, in meiner Art glücklich, und
dort versuche ich dann, das Gegenwärtige in der Phantasie nach dem
unwiederbringlich Vergangenen zu gestalten oder das Vergangene mir zu
vergegenwärtigen: und so irre ich oft wie ein Schatten ziellos und
zwecklos in den Petersburger Winkelgassen umher. Und was für
Erinnerungen das dann sind! Da erinnere ich mich zum Beispiel, daß ich
hier genau vor einem Jahr gerade in derselben Stunde auf demselben
Trottoir gegangen bin, ebenso einsam und mutlos traurig umherirrend, wie
jetzt! Und man erinnert sich, daß auch die Gedanken damals ebenso
traurig waren, und wenn es früher auch nicht besser war, so ist es einem
doch, als sei es irgendwie besser gewesen, als habe man ruhiger gelebt,
und man meint, daß es nicht dieses dunkle Grübeln gegeben habe, daß
einen jetzt verfolgt ... daß ich nicht diese Gewissensbisse gekannt, die
so peinvoll und unermüdlich quälen und mir weder am Tage noch in der
Nacht Ruhe und Frieden gönnen! Und man fragt sich: wo sind denn deine
Träume geblieben? Und schüttelt den Kopf und murmelt: wie schnell die
Jahre vergehen! Und wieder fragt man sich: was hast du mit deinen Jahren
angefangen? Wo hast du deine beste Zeit begraben? Hast du überhaupt
gelebt? oder nicht? Sieh, sagt man zu sich selbst, sieh, wie kalt es in
der Welt wird. Es werden noch einige Jahre vergehen und dann kommt die
grämliche Einsamkeit, kommt mit der Krücke das zitterige Alter und
bringt dir Kummer und Leid. Verbleichen wird deine phantastische Welt,
verwelken und sterben werden deine Träume und wie das gelbe Laub von den
Bäumen, so werden sie von dir abfallen ... O Nasstenka! Wie wird es dann
so öde sein, allein zu bleiben, ganz allein, und nicht einmal etwas zu
haben, worum man trauern könnte – nichts, gar nichts ... Denn alles, was
man verloren hat, alles das war doch nichts, war eine Null, eine reine
Null, war ja nichts als ein Träumen!“
„Nun aber hören Sie auf, rühren Sie mich nicht noch mehr!“ rief
Nasstenka und wischte das dumme Tränchen fort, das ihr über die Wange
rollte. „Jetzt hat das ein Ende! Wir werden nun nicht mehr allein sein,
denn was mit mir auch geschehen sollte, wir werden doch immer Freunde
bleiben. Hören Sie. Ich bin ein einfaches Mädchen, ich habe wenig
gelernt, obschon die Großmutter mir von einem Lehrer Unterricht erteilen
ließ, aber glauben Sie mir, ich verstehe Sie sehr gut, denn alles, was
Sie mir da erzählt haben, habe ich selbst erlebt, wenn ich neben
Großmutter angesteckt saß. Natürlich hätte ich das nicht so gut zu
erzählen verstanden, wie Sie, ich habe das nicht gelernt,“ fügte sie
etwas kleinlaut hinzu, da meine pathetische Rede ihr offenbar einen
gewissen Respekt eingeflößt hatte, „aber ich bin sehr froh, daß Sie mir
alles mitgeteilt haben. Jetzt kenne ich Sie, kenne Sie durch und durch.
Und wissen Sie was? Ich will Ihnen nun auch meine Geschichte erzählen,
alles, bis aufs Letzte, Sie aber müssen mir dann einen Rat geben. Sie
sind ein sehr kluger Mann, ich weiß es, aber werden Sie mir nun
versprechen, daß Sie mir nachher auch wirklich Ihren Rat geben?“
„Ach, Nasstenka,“ antwortete ich, „ich bin zwar noch nie ein Ratgeber
gewesen, und nun gar ein kluger, wie Sie es von mir verlangen, aber ich
sehe jetzt, daß es, wenn wir immer so leben würden, sogar sehr klug wäre
und daß der eine dem anderen unzählige kluge Ratschläge erteilen könnte.
Nun also, meine reizende Nasstenka, was für einen Rat brauchen Sie?
Sagen Sie es mir ohne Umschweife. Ich bin jetzt so heiter, so glücklich,
so mutvoll, daß ich wahrscheinlich nicht auf den Mund gefallen sein
werde, wie man zu sagen pflegt.“
„Nein, nein!“ fiel mir Nasstenka schnell ins Wort. „Ich brauche keinen
klugen Rat, sondern einen von Herzen kommenden, einen aufrichtig
brüderlichen, einen, der so ist, wissen Sie, als hätten Sie mich schon
ein Leben lang lieb!“
„Gut, Nasstenka, abgemacht!“ rief ich. „Aber wenn ich Sie auch schon
ganze zwanzig Jahre geliebt hätte, ich könnte Sie deshalb doch nicht
inniger lieben, als ich es jetzt tue!“
„Geben Sie mir Ihre Hand!“ sagte Nasstenka.
„Hier haben Sie sie!“
„Also schön, dann lassen Sie uns jetzt meine Geschichte beginnen.“
Nasstenkas Geschichte.
„Die eine Hälfte meiner Geschichte kennen Sie bereits, das heißt, Sie
wissen, daß ich eine alte Großmutter habe ...“
„Wenn die zweite Hälfte nicht länger ist als diese ...“ wandte ich
lachend ein.
„Schweigen Sie und hören Sie mir zu. Ganz zuerst eine Abmachung: Sie
dürfen mich nicht unterbrechen, sonst machen Sie mich schließlich noch
verwirrt. Also, hören Sie jetzt artig zu.
„Ich habe eine alte Großmutter. Zu der kam ich schon als ganz kleines
Mädchen, denn meine Eltern starben früh. Ich nehme an, daß Großmutter
einmal reicher war, denn sie spricht immer von den früheren besseren
Tagen. Sie selbst hat mich denn auch Französisch gelehrt. Später nahm
sie einen Lehrer. Als ich fünfzehn Jahre alt war – jetzt bin ich
siebzehn – hörte der Unterricht auf. Damals war es also, daß ich ihr
meinen Streich spielte. Was ich nun eigentlich verbrach, das werde ich
Ihnen nicht sagen; genug, daß es durchaus kein schlimmer Streich war.
Immerhin hatte er zur Folge, daß Großmutter mich eines Morgens zu sich
rief und sagte, sie könne mich, da sie blind sei, nicht beaufsichtigen,
und damit nahm sie dann eine Stecknadel und steckte mein Kleid an das
ihrige und erklärte mir, daß wir so unser Leben verbringen würden, wenn
ich mich nicht besserte. In der ersten Zeit war mir jede Möglichkeit
genommen, mich freizumachem: was ich auch tat, arbeiten und lesen und
lernen – alles mußte ich an Großmutters Seite tun. Einmal versuchte ich
es mit einer List und beredete Fjokla, sich auf meinen Platz zu setzen.
Fjokla ist unsere Magd, und die ist taub. Sie setzte sich also auf
meinen Platz, als Großmutter in ihrem Stuhl eingeschlummert war, und ich
lief schnell in die Nachbarschaft zu einer Freundin. Das ging aber
schlecht aus. Großmutter wachte auf, bevor ich zurück war, und fragte
irgend etwas, natürlich im Glauben, daß ich neben ihr säße, denn sie ist
ja blind. Fjokla aber, die Großmutter wohl sprechen sah, konnte sie
nicht verstehen, da sie doch nichts hört; also denkt und denkt sie, was
sie wohl tun soll, steckt dann schnell die Stecknadel ab und kommt mir
nachgelaufen ...“
Nasstenka begann zu lachen. Natürlich lachte ich auch. Doch wurde sie
gleich wieder ernst.
„Hören Sie, nein, lachen Sie nicht über Großmutter. Ich lache nur
deshalb, weil es so komisch war ... Was soll man denn machen, wenn
Großmutter wirklich so ist. Trotz allem habe ich sie doch lieb. Nun ja,
mich erwartete aber doch eine schöne Strafpredigt: ich mußte mich sofort
wieder hinsetzen und wurde von neuem angesteckt und dann: o Gott – nicht
rühren durfte ich mich!
„Nun also – ja, da habe ich noch zu sagen vergessen, daß wir, oder
vielmehr, daß Großmutter ein kleines Haus besitzt. Es ist ein
Holzhäuschen mit nur drei Fenstern in der Front, ein ganz kleines und
ebenso alt wie Großmama. Oben aber ist noch ein Zimmer; und in dieses
Zimmer zog ein neuer Mieter ein ...“
„Dann hatten Sie also auch früher schon einen Mieter?“ fragte ich
beiläufig.
„Nun, natürlich doch,“ versetzte Nasstenka, „und zwar verstand der
besser zu schweigen, als Sie. Allerdings konnte er kaum noch die Zunge
bewegen. Es war das nämlich ein altes Männlein, harthörig, hager, stumm,
blind, lahm, so daß er selbst es schließlich nicht länger aushielt in
der Welt und starb. Da ward das Zimmer frei und wir mußten uns nach
einem neuen Mieter umsehen, denn die Miete für das Zimmer und
Großmutters Pension sind fast unser ganzes Einkommen. Der neue Mieter
war aber ein junger Mensch und kein Petersburger. Da er von der Miete
nichts abzuhandeln versuchte, nahm ihn Großmutter, als er aber gegangen
war, fragte sie mich: ‚Nasstenka, ist der Mieter jung oder alt?‘ Lügen
wollte ich nicht und so sagte ich: ‚Ganz jung ist er gerade nicht,
Großmama, aber er ist auch kein alter Mann.‘
„‚Und wie sieht er aus? Hat er ein angenehmes Äußere?‘ fragte sie
weiter.
„Ich wollte wieder nicht lügen. ‚Ja, Großmutter,‘ sagte ich, ‚er hat ein
angenehmes Äußere.‘ Großmutter aber seufzte: ‚Ach, du meine Güte! Das
wird dann wohl eine von Gott gesandte Prüfung sein! Ich sage dir das
deshalb, mein Enkelkind, damit du ihn dir nicht zu oft ansiehst. Das ist
mir jetzt mal eine Zeit! Solch ein armer Zimmermieter und dabei ein
angenehmes Äußere! Das war in der alten Zeit ganz anders!‘
„Großmutter spricht nämlich immer von der alten Zeit. Jünger war sie in
der alten Zeit und die Sonne schien wärmer in der alten Zeit und die
Sahne wurde nicht so schnell sauer in der alten Zeit – alles war in der
alten Zeit besser! Da saß ich denn und schwieg, dachte aber bei mir:
weshalb bringt denn Großmutter mich selbst darauf, indem sie fragt, ob
er gut aussieht und jung ist? Aber das war nur so ein flüchtiger
Gedanke, ich begann wieder die Maschen zu zählen und strickte weiter,
und darüber vergaß ich dann alles.
„Eines Morgens aber – tritt plötzlich der Mieter bei uns ein: er wolle
sich erkundigen, wo die neue Tapete bliebe, die man ihm für das Zimmer
versprochen habe. Ein Wort gab das andere. Großmutter ist doch
geschwätzig, und da sagt sie denn zu mir: ‚Geh, Nasstenka, in mein
Schlafzimmer und hole das Rechenbrett.‘ Ich sprang sogleich auf, das
Blut schoß mir ins Gesicht, ich weiß nicht, weshalb – dabei aber vergaß
ich ganz, daß ich angesteckt war; statt nun die Nadel heimlich
abzustecken, damit der Mieter sie nicht sähe, riß ich so, daß
Großmutters ganzer Sessel in die Höhe ruckte. Als ich aber sah, daß der
Mieter jetzt alles begriff, wurde ich noch viel röter und blieb wie
gelähmt stehen: und plötzlich brach ich in Tränen aus – so schämte ich
mich und so bitter war es, daß ich in die Erde hätte versinken mögen!
Großmutter aber ruft mir zu: ‚Was stehst du denn, geh doch!‘ Ich aber
weinte nur noch mehr ... Da erriet der Mieter, daß ich mich vor ihm
schämte, und verabschiedete sich und ging schnell fort!