Nasstenka.“

Lange las ich diesen Brief, las ihn immer wieder, und Tränen traten mir

in die Augen; schließlich entfiel er meiner Hand und ich vergrub mein

Gesicht in den Händen.

„Nun, Herr, sehen Sie denn gar nichts,“ hörte ich nach einer Weile

Matrjonas Stimme.

„Was, Alte?“

„Nu, ich hab’ doch das Spinngewebe von überall runtergeholt, können

jetzt heiraten, wenn Sie wollen, können Gäste einladen, wenn’s Ihnen

einfällt, mir soll’s recht sein ...“

Ich sah sie an. Sie ist eine rüstige, noch _junge_ Alte, aber ich weiß

nicht, weshalb ich sie plötzlich mit erloschenem Blick, mit tiefen

Runzeln im Gesicht, alt und schwächlich vor mir zu sehen glaubte ... Ich

weiß nicht, weshalb es mir plötzlich schien, daß auch mein Zimmer um

ebensoviel Jahre älter geworden sei wie sie. Die Farbe der Wände sah ich

verblichen, an der Zimmerdecke sah ich noch mehr Spinngewebe, als sich

bisher dort angesammelt hatten. Ich weiß nicht, weshalb es mir, als ich

durch das Fenster hinausblickte, schien, als ob das Haus gegenüber

gleichfalls gealtert sei, trübseliger und baufälliger geworden, die

Stukkatur von den Säulen abgebröckelt, die Karniese rissig und

geschwärzt und die hellbraunen Wände fleckig und schmutzig.

Vielleicht war der Sonnenstrahl daran schuld, der plötzlich durch die

Wolken brach, um sich gleich wieder hinter einer noch dunkleren

Regenwolke zu verstecken, so daß alles noch trüber, düsterer wurde ...

Oder hatten meine Augen in meine Zukunft geschaut und etwas Ödes,

Trauriges in ihr erblickt, etwa mich selbst, wie ich jetzt bin, nur um

fünfzehn Jahre älter, in demselben Zimmer, ebenso einsam, mit derselben

Matrjona, die in all den Jahren doch um nichts klüger geworden ist ...?

Aber die Kränkung nicht verzeihen, Nasstenka, dein helles seliges Glück

mit dunkeln Wolken trüben, dir Vorwürfe machen, damit dein Herz sich

quäle und gräme und kummervoll poche, während es doch nichts soll als

jauchzen vor Seligkeit, oder auch nur ein Blatt der zarten Blüten, die

du zur Trauung mit ihm in deine braunen Locken flichst, mit rauher Hand

berühren ... o nein, Nasstenka, das werde ich nie, nie! Möge dein Leben

Glück sein und so hell und lieb, wie dein süßes Lächeln, und sei

gesegnet für den Augenblick der Seligkeit und des Glücks, den du einem

anderen einsamen, dankbaren Herzen gegeben hast!

Mein Gott! Einen ganzen Augenblick der Seligkeit! Ja, ist dann das nicht

genug für ein ganzes Menschenleben? ...

Sämtliche Werke 15 · 第 15 / 38 题