Was fragt meine Erkenntnis nach Regeln, wie sie eine bedingte

Einsicht erfand, um letzte Möglichkeiten in den Zwang einer

nützlich-unfruchtbaren Ordnung zurückzudrängen? Es heißt nicht den

Göttern dienen, wenn man die Natur verletzt, und es heißt nicht den

Menschen dienen, wenn man die Ursprung-Triebe, die aus der göttlichen

Wurzel schlagen, mit der Waffe des blinden Gedankens erschlägt.

Will wirklich der ordnende Geist sich anmaßen, Eros zu zügeln?

Es ist ein anderes, ob ein fanatischer Pfaffe wider die Ewige

Natur wettert und seinem unduldsamen Gott den seelischen Pachtzins

einschachert, oder ob der große, der einfache Mensch, der aus

schlichten und tiefen Ursprüngen lebt, mit der Kraft seines lauteren

Willens dem Trieb eine Grenze setzt und das glühende Feld des Geistes

öffnet. Und es ist ein anderes, ob der beschränkte Erzieher dem Knaben

befiehlt, die Lust der Sinne zu töten: oder ob der Knabe aus einem

tieferen, eingeborenen Wissen heraus das Göttliche des Körpers begreift

und die Lust -- die wundervolle, in keinem Gleichnis auszuschöpfende

Lust -- in solche Maße dämpft, daß sie wie süßer, silberner Morgenwind

die Schönheit des Leibes beseelt und erhöht.

Ich sehe die Flamme: und niemals das Scheit, aus dem sie emporschlägt.

Hat ein Licht die Kraft, zu verschönen, so gilt es mir heilig.

*

In der Frühe des Sonntags stand ich auf und trat an das offene Fenster.

Von allen Hügeln gegen Floridia, Cannicattini und Belvedere wehte das

kaum geborene Licht, über den Ebenen des Anapo- und Kyaneflusses wob ein

blaßgrüner Schimmer. Aber die Luft war blau -- blau wie Ehrenpreis und

nicht vom Hauch einer Wolke getrübt. Die kühle Belebung, welche den

Aufgang der Sonne umgibt, floß über dem Spiegel des Meeres. Ich lag mit

aufgestützten Armen in dem Fenster und konnte nicht tief genug die leichte

Berauschung dieses griechischen Morgens in mich auftrinken, der den

allerfrühsten Zeiten anzugehören schien, als sich die korinthischen Siedler

auf der schmalen Halbinsel Ortygia niederließen und in dem lichten Duft

der Hügel, der Olivenhaine und Weingärten die heimatliche Landschaft

wiederfanden .. Ein Schwarm von weißen Vögeln, der vom Rande eines

schlafenden Bootes aufflog und landeinwärts in der Richtung der Epipolae

schwenkte, mahnte, daß es Zeit sei, sich anzukleiden und in die alte Stadt

hinaufzufahren. Es war sieben Uhr, als ich an das Tor der Villa Landolina

klopfte, die zwischen weißen Mauern, unfern der Latomia di Santa Venere

liegt. Eine junge Frau, die öffnete, sah erstaunten Auges auf den

Rosenstrauß, der mir im Arme lag. Ich fragte nach Platens Grab. Sie wies

mir den Weg so weit, daß ich ihn nicht mehr verfehlen konnte. Ich ging

abwärts und aufwärts, einen schmalen Pfad entlang, bis an die Ausbuchtung,

in der das Denkmal des Dichters steht. Der alte, schlichte Stein, den der

Graf Landolina seinem Gaste setzen ließ, ruht rechts an einer Mauer unter

wildem Efeu- und Lorbeergestrüpp. Dort ließ ich die Rosen niedersinken,

eine nach der anderen, manche mit den Fingern zerpflückend, so daß ein

Regen gelber und roter Blütenblätter über den einsamen Marmor rieselte, auf

dem die Schrift schon verwittert. Dann setzte ich mich auf einen Baumstamm

und sah in die Bläue, die zwischen den Wipfeln des tiefliegenden Gartens

floß. Eine Woge von Grün schlug aus dem Abgrund auf: Pappeln, Lorbeer,

Zypressen, Oliven. Bis in die Kronen hinauf schlangen sich die blauen

Samtwinden, die mich so oft auf der Höhe des Palatin entzückt hatten .. In

allen Zweigen lief das Rauschen des Morgenwindes, es war ein beständiges

Flittern und Blitzen von Silber in den Lüften, wo sich ein glänzendes Blatt

regte, sprühte das weiße Licht auseinander, durch die ferneren Wipfel aber,

die einen dunklen Saum auf den Abstieg des ruhigen Himmels zogen, wallte es

in leichten, stillen Strömen .. und ganz am Ende des Horizontes versank das

Auge im Lächeln des Meeres. So hingehaucht, so überirdisch zart war dieser

Streifen hellblau gespannter Seide, so weit hinausgerückt, daß keine Grenze

mehr andeutete, wo die silberne Kugel des Himmels in die Flut stieg.

Auf dieser fernen Bläue hatten die letzten schweifenden Blicke des großen

Toten geruht .. von dort herüber war die letzte versöhnende Schönheit in

die Neige seines Lebens geflossen. Welcher Trost, zu wissen, daß das Meer

bis an sein Grab hinüberlächelt, daß der Wind des Meeres, der Wind der

blauen Weiten, die hütenden Zypressen wiegt .. der süße Wind, in dem die

Götter ihre Lieblinge grüßen. Trug er nicht selbst ihre zuckende Flamme am

Saum der Stirn? Wenn er im Morgenlicht über die Felsengrate der Achradina

ging und über der funkelnden Höhe des Meeres die Sonne erwartete, küßten

sich Flamme und Flamme und wehten durch die winterlichen Lüfte in den Schoß

der Himmlischen zurück.

*

AN AXEL

Nun ist auch dieser Weg gegangen, nach dem es mich hinverlangte, seit

ich Platens Schicksal und Schönheit begreifen lernte. Schon daß die

Menge ihn nie verstehen konnte, erweckte mir eine Liebe. Denn von

je ergriff mich die einfache, dienende Hingabe eines Menschen an

die Schönheit, die stumme, unbeirrte Anbetung, die das niedrige

Zweckbewußtsein der Massen aufstört und verwirrt.

Ich sah, wie sich im Leben Platens langsam die griechische Sehnsucht

entfaltete und unter Kämpfen in die lautere Gelöstheit seiner letzten

Jahre aufstieg. Ich sah ein Werden aus erschütterten Tiefen herauf.

Platen war meiner Seele Beispiel. Wie er dem Gott in sich durch Wehen

und Kämpfe treu blieb, gab mir den unerschütterlichen Glauben an den

Sinn des Lebens, gab mir den Trost seiner menschlichen Nähe und das

über seinen Tod hinaus fruchtbare Mitgefühl. Platen war kein Grieche:

er wurde es, indem er nur er selbst zu werden trachtete. Platens Seele

war nordisch und krank an dem unheilvollen Zwiespalt zwischen Körper

und Seele, dem er erlegen wäre, wenn nicht der Gott in ihm solange die

kämpfenden Kräfte genährt hätte, bis der innere Sieg errungen war und

der Flug zur letzten Erfüllung beginnen konnte. Die Leidenschaft

dieses Hinfluges bleibt das Erschütterndste in dem Leben dieses großen

Heimatsuchers: so stürzen gefangene Vögel sich über das brandende Meer

in den Aufgang der Sonne, sobald sie die ersten befreiten Flügelschläge

spüren, und wer ihnen nachschaut, muß weinen. Die Frucht seines Lebens

aber war in dem, was er an Wissen von dem Wesen der Seele mit seiner

letzten Sehnsucht schöpferisch verband. Darin liegt der neue Reichtum,

mit dem er griechische Schönheit füllte: die unbegrenzte Möglichkeit,

in der er griechische Formen weiten konnte.

Als mit der Lehre Christi die Seele bis zur Krankheit überwucherte und

zu einem Brand wurde, der das Gefäß des Leibes zerfraß, blieb neben

allem gefährlichen Irrtum ein Gewinn: Konnte auch der Urstoff der

Weltseele nicht vergrößert werden (das Göttliche ist nicht dehnbar),

so wurde doch die Wirkung seiner Einzelkräfte durch viele Übung in

eine tiefere Bewußtheit gerückt. Es traten Dinge befruchtend in die

menschliche Erkenntnis, die vorher unbewußt -- nicht unfruchtbar, doch

undeutbar -- im allgemeinen Spiel der Grundkräfte gebunden lagen. Wo

vorher dumpfe Ahnungen gewesen waren, gab es nun Namen und Begriffe,

der Menge zur Qual, wenig Erwählten zum Gewinn. Christus hatte die

Natur des Künstlers: er war Bildner, Stoff und Werk zugleich. Das

Mißverstehen seiner Jünger hat -- wie es noch jedesmal im gleichen

Fall geschah -- die Form des Meisters zerschlagen, und was für ihn, den

_Einen_ galt, in blindgewordener Liebe aus seinem Gehäuse gerissen und

zerstückt vor die hungernde Meute der Bedrückten geworfen, die einen

neuen Trostgedanken brauchte. Christi Lehre ist nicht mehr Christi

Einheit: Was ein unglaubhaft auf sich selbst gelenkter schöpferischer

Wille zu einem neuen, großen seelischen Beispielswerte umschuf, mußte

den Zusammenhang mit seiner reinen Herkunft verlieren, mußte zur

Krankheit werden, wenn es in willkürlichen Wiederholungen entkräftet

wurde.

Nur der künstlerische Geist konnte dazu berufen sein, der neuen

Schönheit, die in Christi Erscheinung selbst ihr erstes Sinnbild fand,

durch das Kunstwerk eine uns verfälschte Deutung zu geben: ohne den

Geist zu verletzen, dem _alles_ Lebendige heilig ist. Nur der Künstler

vermochte so tief in das Geheimnis des »Gott-Sohnes« zu dringen (kraft

seiner eigenen Gott-Gebundenheit), daß er den alten Göttern

weiterdienen konnte, ohne das Beispiel des neuen Verkünders zu

verleugnen. Der Geist, der die Schönheit als letzte Klärung des

Lebens sucht, muß die Einheit des Irdischen und Göttlichen suchen: die

lebenvernichtende Lehre aber zerstört die Gottheit selbst, indem sie

das vornehmste Sinnbild zerstört, durch das sich das Ewige verkündet,

den Leib, die Form. Es gibt nur Unterschiede des Ausdrucks, nicht des

Wesens, in den Werken, die das Walten göttlicher Kräfte verkünden, und

nur die Leidenschaft der Hingabe an das zu schaffende Werk gibt das

reine Maß für die Gottergriffenheit des Künstlers: Es ist nicht weniger

Göttlichkeit in der hinreißenden Süße eines Satyrtorsos oder im Rücken

und Unterleib eines Hermes -- wie sie Praxiletes schuf -- als in

dem rauschenden Flügelschlag, der Platens Sizilianische Hymne oder

Morgenklage trägt. Daß wir aus vielen Irrtümern heraus das Gefühl

dieser Gleichordnung wieder lernen mußten, bleibt die Schuld einer

erkrankten Zeit, welche Leib und Seele auseinanderzerrte und einem

zügellos gewordenen Geist die Herrschaft anvertraute, an der die

einfache Einheit des Menschen zerschellte.

Aber es bleibt ja der ewige Trost: daß es niemals einen Sieg des

Denkens gibt, sondern einzig den Sieg der Tat! Wie sich die menschliche

Sehnsucht auch wende: die letzten Rätsel löst nur das Gebilde: das

wesenhaft Gestalt-Gewordene: was es auch sei: die Frucht, die aus dem

Geist erblüht, den wir _Hellas_ nennen.

Hellas lebt und wird leben: durch die umbildende Kraft seiner Seele,

die sich den sprödesten Stoff der Jahrhunderte dienstbar macht .. und

durch den Glauben der Künstler, daß im heiligen Maß des Werkes die

höchste Menschlichkeit als Offenbarung Gottes strahle.

Laß uns dieses Maß preisen, an dem wir die Klarheit und Durchleuchtung

des Lebens gewinnen! Beherrschung -- und nicht Askese -- sei uns

Gesetz. In der freien Bestimmung der Kräfte laß uns die Grenzen finden,

ohne die keine Furchtbarkeit denkbar ist.

Rückwärts geht mein Erinnern: aus der mystischen Lapisglut Ravennas kam

ich, ergriffen von dem Schauder einer Schönheit, die schon die Grenze

des Daseins überfliegt .. Lange wiegte der spielerisch-schillernde

Glanz, den Palermos Doppelseele ausstrahlt, den unsicheren Geist, der

dürstend und ungestillt zu dem Saum der Wüste hinabfloh, wo Traum

und Tod in einem Strom von Purpur rauschen: bis er, befreit und ganz

genesen, in das stille, silberblaue Leuchten emportauchte, das Hellas

heißt!

Es gibt keinen Ausweg: Alle müssen hier landen, die aus der Krankheit

ihrer Zeit in das einfache Leben zurückwollen: in die Freude.

· · · · · · · · · · ·

Der Hafen von Sorrent lag hinter uns. Das Schiff machte eine Wendung,

umfuhr in einem kurzen Bogen den Bagno della Regina Giovanna -- und vor

uns stiegen die gezackten Berge Capris aus dem stahlblau rauschenden,

sprühenden Meer. Heller Wind flog über die geklüfteten Firste herüber, die

im leuchtenden Gold der Luft standen, scharf gepreßt und in jeder

rötlichen Kante sichtbar. Die weißen Villentupfen sprangen aus dem starren

Niederstieg der Felsen, langsam nur schob sich das lösende Grün kleiner

Bäume und Büsche zwischen die Massen des Gesteins. Die Insel lag ganz in

die Glut des Hochsommers gebettet, lodernd in ihrer unbegreiflichen Fülle,

ein helles zitterndes Feuer zwischen Kornblumenblau und Kornblumenblau.

Rosa und gelb winkten die Häuser der Grande Marina, die Wäsche auf den

flachen Dächern flatterte, weiß stieg die Straße zum San Costanzohügel über

kurzem Gestrüpp hinan .. Nun wurden am Strande die Boote gelöst und glitten

uns langsam entgegen .. Gesang der braunen Schiffer wehte im Wind herüber:

die Spagnola .. immer wieder das alte, wiegende Lied. Ich hätte vom

Geländer in die Wogen hinunterspringen mögen, hinschwimmen an das Land,

das meine leidenschaftlichste Liebe bleibt .. Vom Gesang hätte ich mich

hinübertragen lassen mögen, kein Fremder, kein dreimal Wiederkehrender: ein

ewiger Gast, dem diese Küste längst zur Heimat geworden war, diese früheste

griechische Siedlung Campaniens, die ganz erfüllt in ihrer eignen Schönheit

lebt. Auf jedem Wipfel hatte liebkosend meine Sehnsucht ausgeruht,

auf jedem Kieselstein des Strandes, auf jedem sonnigen Dach und jedem

Blumenstrauch. Gab es einen Winkel, den ich nicht kannte? einen Hügel, von

dem ich nicht morgens und mittags und abends das ewige Meer grüßte? Gab es

Gärten, deren Geheimnis ich nicht hinter den wehrenden Mauern erspähte? Gab

es eine Blume, die ich nicht suchte? Und wenn ich durch wilde Kakteen und

über das Geröll steiler Hänge klettern mußte: es war mir keine Mühe zu

viel, zu der Blüte zu gelangen und das Auge an ihrem fremden Glanz, an der

seltnen Form ihres Kelches zu entzücken. O all meine Blumen Capris! Ich

komme wieder zu euch! Ich laufe euch nach! Ich suche euch alle auf! Ich

weiß, wo ihr blüht, die kleinste Wiese kenne ich und die verborgenste

Trift: Ihr kleinen, roten Orchideen auf der halben Höhe des Monte Tiberio,

ihr weißen Strandrosen an dem Faraglioniweg, Ginster über der Bucht der

Piccola Marina, wilde Erika am Solaro, Schwertlilien und Gladiolen in den

Grundstücken unter der Punta Tragara, Rhododendren in dem verwahrlosten

Garten einer verlassenen Villa bei der Certosa, Mimosen an der Mauer der

Villa Mezzomondo, und im Garten der Villa Discopoli ein Gewühl von Rosen

und Bougainvillien .. Und wenn auch für manche von euch vielleicht schon

die Zeit der Fülle vorüber ist: eine letzte Blüte habt ihr mir offen

gelassen zur Erinnerung an den Überschwang des Frühlings! .. Und ihr, meine

Bäume, meine schwarzen Steineichen und meine grauen Oliven, ihr wißt es,

wie oft ich euer ernstes und mildes Laub in die Ferne meiner nordischen

Winter zauberte und über meinem Einschlafen eure Zweige flüstern ließ ..

Und ihr, meine Wege, meine glühenden, gewundenen Mauerwege mit den

lilafarbigen Schatten, mit dem Niedersturz der Geranien an jeder Biegung

und den unerwarteten Treppen, auf denen die goldengrünen Eidechsen sitzen:

ihr Wege zum Meer hinab und ihr Wege vom Meer herauf, in dem braunen Brand

der Hänge, zwischen Wicken und Seerosen, o ihr Wege an Wänden rubinfarbener

Kakteen entlang, auf grüne, tiefe Gärten mündend, ich komme, ich komme!

Meine Füße sind ungeduldig bis sie wieder auf euren steinernen Fliesen

hinauf- und hinabgehen, meine Arme breiten sich aus, bis sie wieder

emporgreifen in den Purpur eurer hängenden Blüten und die weichen Büschel

vor das glühende Antlitz pressen ..

Stimmen riefen von der Tiefe der Wassers, die Kähne der Fischer schaukelten

in den blanken Höhlen der Wogen, die Hitze prallte von der blauen Flut

zurück, als wir vor Anker gingen. Ich stand an der Treppe. Die nackten,

braunen Schultern der rudernden Männer brannten im Licht.

»Signore! Signore! Buon giorno! Io! Io!«

»Buon giorno, Girolamo! Ritorno, ritorno!«

Die Lippen des jungen Schiffers spalteten sich im Lachen, die Augen

flammten auf, als mich die dunkle, derbe Hand von der untersten Stufe der

Landungstreppe in den Kahn hinüberzog. Der Duft des verbrannten Rückens

schlug über mein Gesicht, ein Duft gesunden, wilden Blutes, vermengt

mit dem bitteren Salzgeruch der See. Frage um Frage sprühte zwischen den

blitzenden, feuchten Zähnen hervor, eine die andere überstürzend, von

selbstgegebenen Antworten abgelöst.

»Fahren wir heute mittag hinaus? Vielleicht sind Sie zu müde.«

»Fahren wir heute abend? Ja, wir fahren, um sechs.«

»Wollen sie bei den Faraglioni baden? Ich rudere Sie an die Stelle, die Sie

besonders lieben ..«

»Morgen gehen wir in die Grotte.«

»Bleiben Sie lange hier?«

»Sie müssen den ganzen Sommer bleiben.«

»Wie gesund Sie aussehen, Sie sind so braun wie wir ..«

Und dann ein Schrei an das Land -- ein heftiges Winken mit dem Arm:

»Sebastiano! Sebastiano!«

Und wieder das Flehen der Augen zu mir:

»Fahren wir heute mittag hinaus?«

Und dann ganz dicht vor meinem Munde, die Augen fast in meinen Augen:

»Wenn Sie fahren: nur ich! nur ich! Sie versprechen es: nur ich! ..«

O Jubel einer menschlichen Stimme! Leidenschaft im kleinsten Wort,

göttliche Gesundheit und reinigende Kraft in diesen biegsamen Leibern!

Wilde Männlichkeit: einfach und groß wie das Leben der Woge, die auf den

Strand rauscht, wie das Brausen der Winde auf den steilen Garten bei Tag

und bei Nacht ..

*

Überall bekannte, lächelnde und grüßende Gesichter, als ich von der

kleinen Piazza her die glatt gepflasterte Straße nach dem Gasthof

hinunterschritt .. Am Fuß der kleinen Treppe, die ins Vestibül hinaufführt,

dieselben bettelnden Kinder, die den roten Soldo gerne mit dem weißen

Stück Zucker vertauschen, und in der Halle die liebgewordenen,

vertrauten Dinge .. der gleiche dunkle Türhüter und die gleiche alte

Korallenverkäuferin mit ihrem gebrannten und gefurchten Gesicht. Aber die

Teppiche waren aufgenommen und die bunten Fliesen mit Wasser besprengt. Man

gab mir zu ebner Erde Zimmer, die auf eine breite Terrasse mündeten und den

Blick auf Garten und Meer hatten. Ich trat an das Geländer und versank im

ersten Schauen .. Nein, es war kein Frühling mehr in diesem Bilde. Es war

der Sommer, in seine höchste Kraft gesteigert, doch fern der dorrenden Öde,

wie ich sie schon in den Blumengärten Palermos getroffen hatte. Hier war

das Grün noch Grün und die Farbe der Blüten noch frisch, eine Lust, kein

Fieber. Doch es war anders, als ich es je zuvor gesehen hatte .. Wo sonst

an der hellen Mauer des Zitronengartens, hinter dem das Meer aufsteigt,

die großen Kugeln der Sternblumensträucher sich weiß und gelb aus der Bläue

wölbten, hing nun ein dichtes, rotes Rosengeschlinge, wo einst die bunten

Inseln der Schwertlilien, Tulpen und blassen Federnelken im glänzenden Grün

des weichen Rasens schimmerten, quollen nun die Beete von Heliotropen und

Verbenen aus hartem Gras hervor, und der alte, hängende Eukalyptusbaum

stand einsamer und herrischer im hellen Licht. Wie war das Licht auf allen

Dingen verwandelt! Das Gold war verhärtet und das Blau verdichtet. Schärfer

und deutlicher stand jedes einzelne Blatt in den Lüften, die sich weniger

schmiegten und trockner brannten. Auch das Meer war anders: unsäglich

still, hochaufstehend und dicht unter die breiten Wipfel der Feigenbäume

gerückt, die über dem hellgrünen Weingerank des nachbarlichen Gartens

ausgespannt lagen. Das Meer war gesättigt: schwer von der Frucht der

Himmelsglut in der Tiefe seines Schoßes: dunkelblauer, warmer Wein in dem

brennenden Pokal der roten Bucht. Kein Segel, kein fernes Schiff schwamm

in den Weiten. Die Stille des Mittags -- ein unbegreifliches Anhalten aller

Atemzüge -- stand brütend auf der funkelnden Flut. Es war kein Zittern in

den Lüften über den vielen, weißen Villen, über all den vertrauten Gärten

und Hügeln: es war ein langsames, glattes Niedersinken dichter, blauer

Seidentücher, in denen das Netz der goldnen Fäden lief. Die Schatten in

den Winkeln, in den Arkaden, über den Fensterbögen und Kuppeln lagen

stumm, fast leblos: dicker, violetter Samt, mit den Händen zu fassen und

fortzunehmen .. Da traf ein übersüßer Hauch meinen Mund: nicht länger

als das Zucken eines Augenlids -- und dennoch lang genug, um im Flug das

andere, leichtere Frühlingsbild aufzuwecken und eine flüsternde, singende

Bewegung in dieses Stillestehn zu zaubern. Ich lehnte mich rückwärts über

die Brüstung und hob den Kopf nach den Balkonen über mir: Und siehe: da

blühten noch die letzten silbernen Trauben der Glycinen, der angebeteten

Glycinen, die an den Wänden niederstürzen und sich im Sturz in ihren eignen

Atemzügen wieder auffangen. In hellen Sträußen hatten sie im Frühling auf

meinem Tisch gestanden und ihren Duft über jeden Gedanken geworfen, der

sich dort in der Stunde der Mittagsruhe zum Wort wandelte. Und nachts, wenn

der Wind sich vom Meer aufmachte und in den Ästen wühlte, war auf der Welle

des Mondlichtes ihr beruhigter Hauch bis auf das halbentschlafene Gesicht

geweht, um den Träumen die Wege zu weisen ..

*

Es hielt mich nicht länger: ich mußte hinüber in die Ölbaumhänge und dann

auf steilem, gelbem Pfad am Rand der Klippe zu meiner Wiese hinauf. Nur

eine sonnige Mauerecke noch hoch oben in Anacapri liebe ich ebenso wie

diese schmale, kaum von Menschen betretene Trift die unter den Steinwänden

der Punta Tragara liegt, zwischen Himmel und Meer, losgelöst von den Massen

des Felsgestades, eine duftende, hellgrüne Wolke, auf der es sich leise

über der nahen Erde hinschwebte .. Durch die silbernen Dünste der Frühe,

durch den weichen Purpur des Abends und das smaragdene Licht der Mondnächte

war ich auf dieser Wolke gefahren, nun kam ich zum erstenmal im hohen

Mittag hastig und heiß den Mauerweg hinab gelaufen. Ich ließ den braunen

Säulenhof der Certosa rechts liegen, streifte nur flüchtig die weiße Villa

Carmela mit ihren scharlachsprühenden Granatbäumen und schlüpfte zwischen

hohen Büschen in das Filigran der Ölbaumzweige, unter denen der kleine

Erdpfad beginnt. Längst war das Lupinenfeld abgeblüht, hellgelbe Quasten

hingen an den Kaktusblättern, zwischen fetten Halmen züngelten die dünnen

Flammen der letzten Gladiolen, ein Teppich von goldenen Wicken deckte

den Boden zur Rechten und zur Linken. Plötzlich wehte ein fremder Duft ..

Salbei? Ich brach eine violette Staude und hielt sie an das Gesicht ..

Es war nicht der Duft des Salbeis, den ich gewittert hatte. Meine Augen

suchten, indes ich stehen blieb .. Da, und dort weiter hinauf und zwischen

den schleifenden Ästen der Olivenbäume bis zur hellblauen Höhe hinan:

Myrten .. Myrten .. Myrten, von Millionen weißer Flocken übersät, die

ersten Myrten, die ich blühend sah. Ich kniete hin und bog das Gesicht

über die schwarzgrünen Sträucher, ich fuhr mit leisen Fingern über die

traumvollen, keuschen Blüten, die hoch auf den glühenden Felsen im Wind des

Meeres ihr Leben erschlossen und ihren Duft zu den Göttern wehen ließen ..

Solange der Weg noch aufstieg, liefen die Büsche mit am Rande empor,

zwischen Thymian und Glockenblumen. Ganz oben aber, wo die Wiese an einer

Baumpflanzung aufhörte, zog sich ein breiter Saum von blutendem Mohn. So

lag ich im roten Dämmer der Schlafblumen, mitten im offnen Licht, und sah

hinab auf das einsame Meer. Wo sonst der Schaum in flachen Halbkreisen an

den Strand spülte, von Bucht zu Bucht, bis zur Piccola Marina und weiter

hinaus zur Punta Ventroso, lag nun die Flut so still, wie wenn sie nie

von Wind und weichem Getriebensein gewußt hätte. Da stand in metallenem

Pfauenblau das verwischte Grün aller Türkisen und in diesem wieder die

matten, ausgewaschenen Töne der Hortensia. Eine runde Lache schob sich

langsam in die andere, wurde oval .. und trat wieder in die Form des

Kreises zurück, ausgewechselt im Spiel der Farben, bald heller, bald

dunkler aufleuchtend, flüssiger Achat. In der Ferne aber wuchs die Flut

in den Himmel hinauf, der dunstlos, wolkenlos das unerbittliche Blau der

Wölbung schloß. Die Augen fielen mir zu. Vor den Lidern begann ein leises,

dunkelrotes Wogen. In den Schläfen sang das Blut.

*

Als um die vierte Nachmittagsstunde noch keine Nachricht eingetroffen war,

die Axels Ankunft meldete, beschloß ich, nach Anacapri zu fahren und in den

schönen Ölbaumhängen den Abend zu erwarten.

Südliche Reise · 第 11 / 12 段