Achmet Fouad lag halbnackt in dem weißen Seidenburnus ausgestreckt, dem

Schlummer nah. Ich selbst, in allen Sinnen überwach, saß auf dem Polster

und lauschte in das Knistern der betäubenden Luft. Die Hitze schoß in

tausend Pfeilen durch die Tuchwände. Sie sprang vom Sand und dem siedenden

Glanz des erblindeten Wassers empor. Ich hörte, wie draußen einer ein Kamel

schlug, das sich nicht umlegen wollte. Der Stock sauste auf das verwollte

Fell nieder. Das Tier stieß einen wilden, bösen Schrei aus und glitt in

die Kniee. Lange noch drang sein Schnaufen zu mir herüber. Ich versuchte

zu rauchen. Die Kehle war zu trocken. Das Blut drängte in meine Augen und

begann in meinen Ohren zu sausen. Ich riß die Kleider von mir und warf mich

auf das Lager. Die Hitze drang wie Nadelstiche in meinen Leib, in allen

Poren schlug ein brennender Schmerz auf, krampfhaft kurz .. im gleichen

Augenblick schon in einer unerhörten Lust aufgelöst. Der ganze Körper

schien ertötet, entkörpert in der Arbeit der Glutwellen, die ihn von

allen Seiten anfielen. Der Atem wurde frei. Tiefe Müdigkeit sank auf die

Augenlider. --

Achmet stand lächelnd vor mir, als ich erwachte. Dunkles Orange wogte

im Zelt, er schlug den Vorhang etwas zur Seite, und ich sah wieder die

glänzende Wand des lasurenen Himmels, die über Palmengestrüpp emporwuchs.

Die Schatten der gesattelten Kamele fielen auf den gelben Boden, ein

Beduine fragte, ob wir bereit seien. Wir ritten tief in den Abend hinein.

Bei einem Sykomorengebüsch wurden die Zelte wieder aufgeschlagen. Die

Wachtfeuer brannten an der Erde, der blaue Rauch wirbelte in den roten

Dunst der Lüfte. Schwarz lagen die Kamele gegen den Purpur der Zelttücher,

der langsam blaßte, auf der welligen Weite war eine Saat von bleichen

Rosenblättern ausgestreut, die in jeder Minute weiterwelkte. Aus den

goldnen Brunnen der Sterne fiel der Tau. Flachen Leibes lag ich auf dem

Sand, den Kopf in die aufgestützten Arme gebogen. So lag vor tausenden

von Jahren der Nomade auf dem Boden der Wüste, wenn er in den kühlen,

durchscheinenden Nächten von seinen ruhlosen Wanderzügen ruhte, und

schuf an der Weite des funkelnden Himmels und der noch weiteren Weite des

wehenden Sandes den Raum seiner tiefen und kindlichen Seele. So barg er das

wilde Antlitz im Staub der einsamen, unentweihten Erde, so hob er das wilde

Antlitz nach den Sternfeldern, die den Wohnungen Gottes vorgelagert sind:

Da wuchsen die ersten Silben im Abgrund der Seele, Schauder und Wonne,

in einem dunkeln Klang gebunden: und das Gebet war geboren: der große

vermittelnde Gesang zwischen dem, was endlich ist, und dem, was ewig ist.

*

Achmets Finger rührten an meine Schläfe:

»Der Tag bricht an ..«

Ich hob mich aus dem tiefen Schlaf.

Das blasse Öllicht flackte in dem Messingbecken. Stimmen wurden vor dem

Zelte laut. Achmet schlug weit den Vorhang auf. Die Luft kam weich und

kühl von Osten. Ich löste mich aus den Decken und trat in das Freie. Die

Beduinen grüßten. Einige knieten schon am Boden. Über dem blauen Milchdunst

am äußersten Saum der Erde schleifte der trübe Rand eines purpurnen

Vorhangs, der an grauen Wolkenbändern aufgehängt war. Plötzlich teilte sich

dieser Vorhang der ganzen Länge nach und öffnete dem Auge einen Blick in

kühle, blanke, smaragdene Tiefen. Im gleichen Augenblick bauschten sich die

Wolkenstreifen, Ströme von hellem Blut stürzten in die grüne Klarheit

der Mitte. Am Boden aber leckten schon kurze Topasflammen nach oben,

weißglühende Dolche zuckten im Halbkreis nach und durchstachen das schon

gerinnende Blut: zwei-, drei-, vier-, fünfmal raste eine mörderische

Lohe bis in den Zenit hinauf -- und die große, weingoldne Sonne stand in

erdrückender Ruhe über dem verwüsteten Horizont.

Ein Kamel zerrte am Halfter und schrie auf. Ein zweites schrie, ein

drittes, ein viertes, ein fünftes .. dann schrieen alle. Vielleicht schreit

einer so, dem das Messer in die Eingeweide saust.

-- --

Wir ritten .. ritten ..

-- --

Wir ritten .. ritten .. ritten ..

-- --

Gegen Abend erreichten wir die Oase.

*

Gebadet und erquickt lagen wir am Rand der Quelle. Braune Kinder spielten

um uns. Frauen kamen und füllten die gelben Tonkrüge, die sie auf der

Schulter davontrugen. Die Sonne war am Untergehen und schüttete ihr letztes

Licht über die breiten Palmenwedel und Olivenwipfel. Dichtes, blühendes

Oleandergebüsch säumte den Abhang vor uns, jenseits der Böschung vor uns

standen Weizenäcker voll Kornblumen und Klatschrosen. Da mußte ich an das

heimatliche Land denken, an das grüne, wellige Land um Pfingsten .. an die

Feldwege nach Sonnenuntergang ..

Ganz leise, ganz beruhigt war das Gespräch mit Achmet. Ein Gespräch voll

Abend und süßer Traurigkeit. Keine Pläne mehr, kein Rechnen mit Meilen und

Stunden: nur das lautlose, wunschlose Übergehen von Wesen zu Wesen. Kein

Unterschied des Alters mehr, kein Unterschied der Rassen: was uns irgend

trennen konnte, war mit dem lauen Wind verweht, der in den Wipfeln ging.

Wir sprachen von unserer Kindheit, von unseren Müttern, von Freunden

und von Frauen. Es war alles so ähnlich, die selben Träume, dieselben

Bitternisse, dieselben Tröstungen. Nur die großen innern Ziele waren anders

gesetzt: weil das Schicksal des Vaterlandes verschieden war. Achmets Liebe

zu seinem Volke war ein dunkles, unterirdisches Lodern, das sein ganzes

Wesen ergriff und hinriß: eine Liebe voll Fanatismus und Sehnsucht sich

zu opfern, tragisch in ihrer Artung und zu jedem tragischen Ende bereit,

unklar und grandios. Er sprach von Enver Bey, dem Heldenhaften, der zart

und melancholisch war wie eine Frau, ein Brand von Liebe und Schmerz. Da

spürte ich zum erstenmal im Rhythmus der Sprache, im Fall der Töne, die

ganze Leidenschaft, die dieses tiefe, stille Herz verschloß, die innere,

geistige Schönheit, in der die Kraft lag, ein ganzes Leben läuternd zu

durchdringen. --

Wir verstummten vor der wachsenden Schönheit des Abends. Fern im Osten

hing zum erstenmal die gelbe, scharfgeschnittene Sichel des Mondes an einem

Himmel von Kupfer und Grünspan. An den Palmenschäften glänzten wie Buckeln

am Schilde die Stümpfe der abgefallenen Blätter, die langsam wiegenden

Wedel schlugen das ruhende Gold des Äthers. Wie sich ein helles leichtes

Zeltdach niederläßt, ließ sich die Nacht hernieder. Wir gingen Arm in Arm

zwischen Ölbaumgärten und gelben Feldern, auf schmalen Lehmwegen. Esel,

mit hochgefüllten Gemüse- und Blumenkörben beladen, trabten dem Stalle zu,

Kamele schlürften an einer Tränke langsam das Wasser, in einer offnen Türe

brannte die rötliche Ampel, in einem Hofe zupfte eine schläfrige Hand die

Zither. Schatten füllten die Winkel und Ecken und wehten dem Dunkel der

ruhenden Wipfel entgegen. Die Wege verloren sich, leuchteten über fernen,

blassen Hügeln noch einmal auf und sanken ganz in Finsternis.

»Wie wird dies alles fremd,« sagte ich leise zu Achmet ..

»Und weit, fügte er ebenso leise hinzu. Ich höre die Quellen fließen.«

Und er hielt ein im Schreiten.

»Ich höre das Kommen der Nacht .. Wie ein Flug von weißen Vögeln kommt

diese Nacht ..«

· · · · · · · · · · ·

Als ich die Augen aufschlug, lag schwere, dunkelgrüne Dämmerung über

den golden durchleuchteten Wänden. Das helle Plätschern eines dünnen

Brunnenstrahles kam über den bläulich-kühlen Flur, nach dessen Tiefe hin

die Türe offen stand, und flüchtiger Rosenduft war in das Atmen des

Wassers gesprengt. Die Sirene eines Schiffes durchbrach die heiße Stille ..

Tunis .. Radès .. die Villa Achmet Fouads.

Ich richtete mich empor und sah nach der Uhr. Es war um die achte

Morgenstunde .. Ich hatte nie so tief, so traumlos tief geschlafen. Meine

Glieder waren gelöst, gebadet in wunderbringenden Wassern .. leicht und

selig durchrieselt von genossenem Glück.

Kein Ton drang aus der Tiefe des Hauses. Grüne Fliegen summten,

ihre kleinen Schatten zuckten über die oberen Kalkwände. Ich begann

nachzusinnen .. aber die Bilder in meinem Gedächtnis verwirrten sich. Jahre

waren vergangen, viele, heiße, schattenlose Jahre.

Achmet trat auf die Schwelle.

Wir nahmen das Frühstück im Garten des Brunnenhofes. Zitronenfalter flogen

über den offenen Blumen, mit jedem Flügelschlag fiel eine Schuppe matten

Goldes in das tiefe Blau der Lüfte. Tausend kleine, weiße Flecken tüpfelten

den Boden unter den Büschen. Bäche von elfenbeinernen Blüten stürzten aus

dem harten Laub der Jasminsträucher. Ich sah zum ersten Mal diesen Garten.

Halbträumend trank ich den leichten Tee, wie einer, dem keine Zeit mehr

gesetzt ist. Draußen war ja keine Karawane mehr zur Abreise bereit, es

warten keine Kamele, die schon gesattelt standen und unruhig die geduldigen

Köpfe drehten, keine Beduinen, die kaum die roten Lippen über dem schwarzen

Barte zu einem Wort öffneten. Es wartete auch kein Schiff im Hafen .. Der

Tag war frei .. zeitlos frei ..

Aber morgen abend lag das Schiff an der schwarzen Mole, und eine Stunde

nach Sonnenuntergang trug es mich hinaus durch den Kanal des Bahira-Sees in

das offene, nächtige Meer.

Da schärften sich die verträumten Sinne .. Deutliche Bilder wuchsen

im goldnen Flimmern des Morgenlichtes herauf und blieben stehen: klare

Symbole, die den hellen Sinn des Lebens verkünden.

»Wo sind Sie?« fragte Achmet.

Ich sah ihn fast erschrocken an.

»In Griechenland.«

Er bewegte langsam, fast traurig den Kopf:

»Mir ist die griechische Seele fremd. Auch ihre Gleichnisse sind mir fremd.

Ich habe oft versucht, zu verstehen, ich habe mich abgequält darum, es

ist mir nie gelungen, da in meinem Wesen weder eine Stimme fragt, noch

antwortet. Wie oft habe ich mit Axel Arnedal in Rom den Vatikan und das

Kapitol durchwandert! Das Rätsel blieb, und ich habe es aufgegeben, an

Lösungen zu denken.«

Er lächelte -- wieder dieses gütige, halb überlegene Lächeln des

Orientalen, und blies den blauen Rauch seiner Zigarette langsam zwischen

den vollen Lippen in die Luft. Dann stand er auf und winkte mir mit

dem Kopf, ihn zu begleiten. Wir traten durch ein vergoldetes Tor in die

purpurne Verdorrtheit eines Palmengartens, der hinter dem Hause lag. In

allen Wipfeln hingen ziegelrote Geranien, ein Heliotropenbeet hielt die

Mitte des verbrannten Rasens, und ganz am Ende, wo die Lehmwände ein wenig

Schatten in ihrem Winkel fingen, gossen sich gelbe Rosen bis auf den Sockel

einer Antinousstatue.

»Ich weiß nicht, wie sie hierherkam, sagte Achmet. Als ich das Haus

mietete, fand ich sie dort.«

Der weiche Leib des Knaben blühte in dem gedämpften Gold, mild und von

innen, wie alter penthelischer Marmor. Auf den flachen Hügeln der Brust

schloß sich die Süße des Lichtes in weißem Feuer, während ein warmer,

violetter Schatten sich tief in die reife, ruhende Frucht des Geschlechtes

einsog. Aber das Auge war nichts als verflüchtigte Wehmut, der Mund verbarg

nicht seinen großen Überdruß. Jenseits der Mauer, den Hügel hinan,

blühte ein Feld von weißem Mohn. Dort ruhte der betrübte Blick, dem Meere

abgewendet, das in der Tiefe zwischen Olivenwipfeln blaute.

*

Am Nachmittag fuhr ich in die Sammlungen des Bardo hinaus, an dorrenden

Feldern vorbei, die Öde eines arabischen Friedhofs streifend, und dann

weiter unter den flüsternden Wipfeln der breiten Allee, immer die Berge

vor Augen, die so leicht in der heißen, spielenden Luft ruhten und doch in

allen Adern ihres Gesteins brannten. Ein Feuer von lilaroten Clematisblüten

loderte die weißen Kalkwände des Hauses empor .. ein weicher, violetter

Mantel sank die Kühle der Eingangshallen auf die Schultern ..

Ich sah das Weinstockmosaik mit den pickenden Vögeln und geflügelten

Eroten, welche die Trauben abernten .. ich sah ein andres mit dem Bildnis

des Vergil zwischen Clio und Melpomene .. ich sah die Seitenwand eines

gemeißelten Sarges mit den Grazien und Jahreszeiten, einen Hermaphroditen,

einen androgynischen Eros als Fackelträger, Kameen aus Jaspis, Achat und

Kornalin, punische Kleinodien aus den Gräbern von Karthago, Halsketten,

Ohrgehänge, Armbänder, Amulette und Ringe, wundervolle Ringe aus weißem und

rotem Gold, gehämmerte und ziselierte, von halberblindeten Steinen gekrönt.

Dies alles sah ich in seiner verwirrenden Fülle .. Da stand auf einmal

in der Helle einer offnen Türe jener geflügelte Bronze-Eros, der auf dem

versunkenen athenischen Schiff bei Mahdia gefunden wurde. Ich vergaß,

was mich noch vor wenigen Minuten entzückt hatte: ich war ganz Auge,

hingerissen von der unwiderstehlichen Macht hellenischer Schönheit,

hellenischer Jugend. Wie selig-erfüllt ruht dieser Gott auf breitem

Marmorsockel, er wiegt sich auf den schlanken Füßen, als ob er tanzen

wolle .. Die Flügel haben sich im Streichen der Luft geöffnet und lösen die

letzte verharrende Schwere in einer Ahnung beginnenden Fluges auf.

Noch tiefer aber ergriff mich das Leben einer kleinen Gemme, die unter Glas

auf blassem Sammet ruhte: Da hebt sich auf grauem Grunde das bläuliche

Weiß des Gesichtes, das Blut rinnt unter der klaren, angespannten Haut. Der

Jüngling lebt in seiner strengen Schönheit, für die der Künstler das Symbol

des Kriegsgottes fand. Er lebt so sehr, daß die Seele des Betrachters

nachschaffend in die steinernen Züge hinübergleitet und mitlächelt, wenn

sie das feine Lächeln in den schmalen Mundwinkeln spürt und in den grauen,

klugen Augen, wo sinnliche Zartheit mit dem Blitz des raschen Entschlusses

und gebietenden Willens kämpft.

*

Um fünf Uhr holte mich Achmet ab. Wir fuhren zum letztenmal durch die

südlichen Viertel der Stadt. Ich fühlte den Abschied, der mit dem Abend

leis und schmerzlich sank. Ich sah auf Achmet. Er saß gesenkten Kopfes zu

meiner Linken und spielte mit ein paar Jasminblüten, die ein Kind in den

Wagen geworfen hatte.

Wer war Achmet?

Ich wußte es nicht, und wir hatten vierzehn Tage wie Freunde gelebt. Ich

wußte nur: er hatte die Seele eines Kindes, weich und klar, ohne

Berechnung und ohne Zwiespalt. Er hatte die Seele des Orientalen, die über

unergründlich-sinnlicher Trauer lächelt ..

Zu Hause las ich Briefe, viele schöne Seiten von der Mutter, von deutschen

Freunden, die meiner Reise von ferne folgten, und ein langes Schreiben

von Axel Arnedal, das gar kein Brief mehr war, sondern eine sommerliche

Dichtung, in der ein Hauch von Schwedens grünen Buchenwäldern und weißen

Julinächten wehte. Da stiegen die Berge der deutschen Heimat auf, die

kühlen, schmalen Hügel, die sich so lautlos in das fruchtbare Land

hinlassen, die Eichenwälder, die Tannenforste und die Wiesen, auf denen das

blühende Gras um die Gruppen der Sternblumen zittert .. Die Kuckucksrufe

und das scheue Schreiten der Rehe am abendlichen Saum der Gehölze, die

goldgefüllten Lichtungen hinter feuchten, braunen Schneisen .. Die Bäche

mit dem weichen, singenden Schaum und das einsame Kreisen des Vogels, von

der grundlosen Tiefe des blauen Teiches gespiegelt .. Und die Wolken, die

schimmernd geballten Wolken, die über den Feldern von Weizen und Gerste,

von Mohn und Kornblumen aufsteigen.

Und als wir am Abend wieder auf dem Dache saßen, als die Glocke des

Himmels in maisgelber Glut stand und aus dem unterirdischen Rosenbett der

schlafenden Sonne ein Qualm von Purpurdüften aufwehte: als das Meer in

Karmesin und Henna brannte, so daß die müden Segelschiffe auf Flammen

zu lagern schienen: als auf die Häuser von La Goletta eine Streu von

Pfirsichblüten niederging und der Byrsahügel auf den Trümmerfeldern

Karthagos in einer Säule roten Rauches stand: da blieben die deutschen

Bilder über die Ferne des Meersaumes hingegossen und in ihrer zarten

Schönheit voll Sehnsucht neben die griechischen Gesichte hingelehnt, mit

denen sie langsam im Sinken des Abends verschmolzen.

In der Nacht aber, als alles tief im Hause schlief und mich der Abschied

wachhielt, stieg ich in den Garten hinunter und saß noch einmal im

wachsenden Mondlicht bei Antinous:

›So treibt noch einmal mich die Einsamkeit

Hinab zu dir, o Bildnis, halb verwaist ..

Die Mondnacht sinkt und macht die Landschaft weit:

Wie bin ich voll von dem, was Mondnacht heißt ..

Sieh, wie das Licht die lauen Tropfen füllt,

Die schon vom Tau auf allen Blüten stehn:

Ich werde deinen Garten nicht mehr sehn,

Wenn wieder Nacht den neuen Tag verhüllt.

Das Schiff entflieht -- es flieht dein Angesicht,

Das in so langer Schau fast meines war..

Von deiner Stirn, von deinem weichen Haar

Die abendliche Wehmut folgt mir nicht.

Und nähm ich dich und trüg dich fort von hier

Aus deinen Rosen, deinen Lorbeerhecken:

Dich würde so des Nordens Trübsinn decken,

Daß du verstummtest. -- Und was bliebe mir?

Das Land, mein Freund, das meine Heimat heißt,

Ist von der Sonne selten nur umworben,

Es liegt verhüllt und oftmals wie erstorben

Im Nebel, der um Fichtenwälder kreist.

Und selbst an Tagen, wo die Stirne freier

Sich in das Blau geklärter Lüfte hebt,

Bleibt irgendwo im Äther noch ein Schleier

Aus grauen Seidenfäden hingewebt.

Nie leuchtet klar der Berge fernes Rund

In deutlicher Umgrenzung: Dünste zittern

Wie hinter ewig zugeschlossnen Gittern

Und geben niemals frohe Götter kund.

Euch aber lachten aus den kleinsten Dingen

Die Himmlischen verheißungsvoll und heiter an:

All ihre Süße konnte euch durchdringen

Und eure Irdischkeit war nie ein Wahn.

Sie waren eins mit eurem tiefsten Wesen,

Sie lebten unter euch, einfach und mild,

Gott war an Mensch und Mensch an Gott genesen

Und einer stets des andren Ebenbild.‹

HELLAS

(ABEND IN SEGESTA / TAGE IN SYRAKUS / CAPRI)

Als es zum zweiten Male Abend wurde, stieg ich den Hügel empor, der zu dem

Tempel von Segesta führt. Kein Mensch war ringsum zu sehen, kein Bauer,

kein Hirte. Ich war von dem hochgelegenen Calatafimi zu Fuß das Flußtal

hinabgegangen, hatte die kleine Brücke überschritten und nahm den letzten

Aufstieg hinter dem Gehöft, in dem der Wächter wohnt. Alle Kuppen lagen

blau im Blauen, es war ein großes Stillestehn in Licht und Lüften, wie oft

um die Stunde, wenn sich der Tag im letzten Leuchten sammelt und auch im

engen Tal noch keine Schatten steigen. Sonne .. weiche flüssige

Sonne, soweit das Auge den Kreis der sanften Hügel umspannte .. gelbe

Ginsterbüsche im harten, braunen Gestein, stille Pappelwipfel mit

aufgeschlagenen Blättern und hoch in der Helle, von tausend bunten Faltern

umflogen, mitten im blühenden Distelfeld, der Tempel.

Da ließ ich mich auf die Stufen niedergleiten, das Antlitz ganz im

Abendgold gebadet. In meinen Knieen rieselte die Glut des uralten Gesteins,

aus dem heiligen Boden stieg die Welle der befruchtenden Wärme aufwärts,

gewürzt vom Duft der Disteln und der Thymiankräuter. Meine Schläfe glitt an

die stillbeglänzte Säule.

Nun wußte ich -- wunderbar geweitet, in Wissen und Gefühl übersinnlich

aufgelichtet -- daß alle Wege meiner Jugend in diesem Weg zusammenliefen.

Ich war in Meiner Heimat und bei Meinen Göttern, die ich aus dem begreifen

kann, was in mir selber ist:

»O meine Götter: wie süß ist meinem Herzen die Natur, aus deren Schoß ihr

leicht in eure Bilder stiegt! Wie seid ihr fremd dem unduldsamen Gott der

Juden, der wie ein Starrkrampf auf dem Volke lag -- wie einfach seid ihr

und wieviel näher als der Gott Christi! Soll ich mich denen anvertrauen,

die euch zerschlugen, euch, die ewigen Symbole des weiten, großen Lebens,

und schwankend Hingedachtes über die klare Fülle der gottdurchströmten

Irdischkeiten setzten? Ich glaube an die Welt: an Trieb und Tat und an das

ewig-erlösende Gesetz ihres Wechsels. Ich sehe nicht die Widersprüche

in einem Gott gelöst, den man die Liebe nennt: und was die Priester

Offenbarung nennen, dünkt mich ein Schein, nur eine tausendmal umgewandelte

und verdunkelte Sehnsucht, im Menschen selbst das Ewige zu spüren. Aber

die Gottheit kann sich nicht in Einem Mittler offenbaren, und die Tiefe der

Gottheit ist nicht deutbar in einem Gefühl, das trügerisch die Gegensätze

in einer künstlichen Entkräftung auslöscht. Der Sinn des Lebens dünkt

mich die unendliche Kette der Bewegung von Qual und Freude: der Sinn der

Gottheit aber die Befruchtung in Gut und Böse, jenseits der Liebe.

Große Götter: Ihr schürt die Kämpfe, aus denen die Jugend fließt -- ihr

seid in den Widersprüchen und schafft die Einheit, indem ihr das Ewige

im Irdischsten fühlbar macht: und ihr verlangt nicht die Verwüstung der

Formen, die ihr selber schuft, um einer qualvoll eingeengten Seele den Weg

in euer Licht zu öffnen. Ihr heiligt den Leib: und der heilige dient euch.«

· · · · · · · · · · ·

Es war um die siebente Abendstunde, als ich in Syrakus ankam. Da die Villa

Politi im alten Stadtviertel der Achradina schon geschlossen war, mußte

ich unten auf der Halbinsel Ortygia in einem Gasthof des Hafens wohnen.

Glühende Straßen entlang ging die Fahrt, durch weißen Kalkstaub, der so

dicht und hoch lag, daß weder das Rollen der Räder noch das Stampfen der

Hufe zu hören war. Ununterbrochen wogte eine leichte Wolke, vom Purpur der

Lüfte angestrahlt, auf dem Boden des Wagens über meinen Schuhen, und, wo

ein andres Fuhrwerk uns entgegenkam, glitten wir in einen roten Sprühregen

feiner Nadelspitzen hinüber. Erlösend winkten ferne die dunkelgrünen

Baumwipfel des Ufers und die Maste der wenigen Segelschiffe auf dem

glatten, hellblau spiegelnden Meer.

Ich verbrachte den Abend unter den Bäumen am Ufer. Halb war es ein Sinnen,

halb war es ein Träumen, das mich wiegte, leise und schmeichelnd wie der

Nachtwind die schwarze, seidene Flut. Mit jeder flachen, schaumlosen Welle

ringelten gelbe Hafenlichter in die Tiefe, auf dem Schiff, das noch in

der Nacht nach Malta hinabfuhr, sangen Matrosen ein fremdländisches Lied.

Abermals tauchte die steile Insel in meinem Erinnern empor, steinern und

rosa aus dem Email des Meeres gegen den Himmel getürmt, so wie ich sie

eines Abends vom Rande des nahenden Schiffes aus gesehen hatte .. und

die Schatten kamen auch wieder, mahnend und tröstend mit dem Feuer ihrer

leidenschaftlichen Seele: La Valette und Posa, St. Priest und Créqui.

Viele Menschen wandelten am Ufer und genossen das Fächeln des Windes

nach dem glühenden Tag. Es war mir seltsam, daß ich unter diesen dunklen,

forschenden Blicken auf- und niederging, während ich gedacht hatte, den

Abend in irgend einem verlorenen Gartenwinkel der Villa Politi hoch über

dem Meere zu verträumen. Ich sah hinüber in der Richtung, wo die alte

griechische Festung mit ihren blumenüberwucherten Steinbrüchen und

Trümmerfeldern lag, und folgte dem Fall der Sterne, die schmale Furchen

durch das weiche Dunkel zogen und ihr kühles Silber auf die stummen Wipfel

gossen. Erst als um Mitternacht das Schiff nach Malta lautlos und einsam

aus dem Hafen fuhr, erhob ich mich und ging nach Hause.

*

AN AXEL

Was mir aber aus unseren früheren Tagen an Erinnerung blieb, glich der

Schönheit blauer Buchten, zu denen kaum ein Pfad hinunterführt. Ich sah

dich immer von weitem, auch wenn du neben mir gingst, und suchte keinen

Weg, der in dein Inneres führte. Du warst kein Mensch, auf den man

Wünsche legte. So leicht auch das Gewebe deiner Seele war, so bunt

und so beweglich: der Wille, der die tausend ausgespannten Fäden

zusammenhielt, blieb fast abwehrend deutlich. Mein Staunen wuchs, so

oft ich darüber nachdachte, einen wie großen Spielraum du den Dingen

lassen konntest, ohne nur einen Augenblick lang die Herrschaft über

ihre Vielheit zu verlieren. Ich wußte nicht, daß eine Sehnsucht in dir

war, die einen Menschen forderte: ich wußte nicht, daß du den Austausch

suchtest mit einer Seele, die du nicht besaßest. Aber was du suchst,

ist weniger ein Mensch: es ist ein großer Glaube, der einen Menschen

hält und deinem Glauben gleichkommt.

Alle Widersprüche des Lebens versinken in deiner rastlosen Sehnsucht

nach Schönheit: mir aber erschließt sich die Einheit des Seins im

Schaffen der Schönheit. Wir mußten uns begegnen: das bindende Gefühl

wächst aus der Mitte unseres Wesens.

Ich konnte nie die Liebe von der Freundschaft scheiden, denn der Sinn

der Liebe ist mir nicht die Zeugung. Wenn ich auch tausend Gesetze im

Wesen der Natur vermute und verspüre: so habe ich doch nie einen Zweck

verspürt, und ich weise es immer leichteren Sinnes von mir, daß irgend

ein Ding eine Bedeutung haben könne, die den Rahmen seines einfachsten

Wesens durchbricht.

Südliche Reise · 第 10 / 12 段