aufgeschichtet, nur in die langen Risse des Gesteines waren blaue Schatten
eingezwängt. Das Grün der tiefen, westlichen Hänge stand breit und dunkel
an den funkelnden Wänden und trug eine Welle von spätem Ginster zu den
Graten empor. An einer Wende der Straße verschwand das Bild, der Wagen
lief im Schatten, und das rückwärts gewandte Auge hing an den heiß
überschütteten Klüften der Forte San Michele. Links in der Tiefe, am Fuß
der üppigen Gärten, lag die weiße Grande Marina mit den vielen, kleinen
Ruderbooten. Die schmale Mole war verlassen, fern an der Punta Capo, unter
dem Berg, der die Trümmer des Tiberiuspalastes trägt, schwammen, trunken
vom Licht, kleine Segelboote, die von Sorrent oder Amalfi herkommen
konnten .. Meine Augen folgten dieser Richtung: Die Berge der
Sorrentinischen Halbinsel standen steil, kahl und flammend
übereinandergeschichtet, hier und da schimmerte der lichte Flecken eines
Hauses neben einer einsamen Zypresse. Unten schlug das Ufer die weichen
Falten der sanfteren Abhänge auseinander, die ganz voll feuchten,
veilchenfarbenen Dämmers hingen. Unmittelbar im Norden aber türmte Neapel
die strahlenden Fronten und Dächer gegen Camaldoli hinan, eine weiße,
steinerne Saat zwischen Posilipp und Vesuv. Pozzuoli schob seine Villen
über den Spiegel des Meeres, Bajä ließ sich nach rückwärts erraten
hinter dem steilen Misen .. Wie faßte mich wieder die Liebe zu diesen
unsterblichen Ufern, wie riefen die Gärten, die Villen herüber! Nun mußten
ja alle Oleanderbüsche blühen, alle Rhododendren und Myrten, alle Rosen
und Nelken .. Die Weingärten mußten reifen über dem wilden Mohn .. O Villa
Patrizi! Villa Ricciardi! Floridiana! Villa Vergils ..
Wieder bog der Wagen um eine Ecke. Da war plötzlich nichts mehr als eine
hohe, umschattete Mauerwand, voll Ginsterblüten, die steinige, staubige
Straße, und über der Brüstung das helle, aufglänzende Meer. In der Luft
lief eine leise Bewegung, die erste Ahnung des Abends.
Und bei der nächsten Kehr wehte auch das süße Ischia empor, wie ein
Gestade, das seine ersten Atemzüge wagt. Auf Silberdünsten schwamm es, fast
körperlos, ganz um den Saphirhügel des Epomeo emporgedrängt, ein solcher
Überfluß von duftigem Blau, daß selbst das Meer vor dieser Fülle bleich und
zart erschien.
Wir hatten die ersten Häuser von Anacapri erreicht. Ich fuhr fast bis an
das Dorf Caprile, und nahm den seitlichen Pfad, der nach dem grünen Weg
zur Migliera führt. Nun war ich wieder in meinen Obstgärten, die ich noch
blühend gesehen hatte, ich ging unter Nußbäumen und Feigenbäumen dahin
und hatte keinen anderen Gedanken mehr als an die Tage, die nun kommen
mußten .. an alle Nachmittage, die wir hier oben verträumen würden, wo die
Seele im tiefen Grün ausruht, und die Winde leichter das Feuer der Lüfte
kühlen. Ich träumte mich ganz hinüber in die Abgeschiedenheit dieses
Lebens, das hier oben zur Erfüllung werden sollte .. in die blaue Stille
hellenischer Tage. Der Abend in dem Priorate der Maltheser fiel mir ein,
als wir den langen Laubgang bis an die Lichtung der Mauer hinuntergegangen
waren. Unwillkürlich wandte ich mich um und hob die Hand vor die Augen: Der
Golf von Neapel war leer, auch in der Höhe von Ischia war kein Schiff
zu sehen .. Da ging ich weiter. Die Gärten wurden spärlicher, die bunten
Häuser von Anacapri mit ihren leichten Kuppeln waren hinter grünem Laub
zusammengerückt, von der weißen Wölbung der Kirche überragt. Das Auge
sah frei auf die vielen Gehöfte hinunter, die sich zwischen Oliven und
reifenden Äckern zum Strande hinabzogen. Silbergraues Flittern lief durch
die hängenden Zweige, die Gräser begannen zu beben, der Dunst am Fuß von
Ischia wurde leichter, fast durchsichtig. Das Steingeröll verminderte
sich, Ginster und Myrten brachen zwischen den scharfen Kanten hervor. Nach
wenigen Schritten stand ich auf der einsamsten Höhe der Insel, umbraust vom
warmen, sommerlichen Wind, der die Fülle seines Glanzes um meine Schultern
schlug. Weit hinaus flogen die Blicke von dieser einsamen Warte .. weit
hinaus in die Ferne eines heroisch-gedachten Lebens. Die Arme brauchten
sich nur auszubreiten und den fließenden, wallenden Äther zu fassen: so
rührten die Finger an die Füße der Götter, die dicht über dem wehenden
Haare des Hauptes hingleiten.
Als ich mich umwandte und auf tieferen Pfaden unterhalb Capriles der alten
Windmühle zuging, sah ich, wie weit hinter Ischia, da, wo die flachen
Ponzainseln leuchteten, die Sonne lange, gleißende Goldbarren durch das
Wasser zog, aus dem helle, fast unsichtbare Dämpfe emporstiegen. In jedem
Augenblick blitzten die Goldströme anders auf, bald weiß wie schmelzendes
Silber im Messingtiegel, bald rötlich wie Lava aus unterirdischen Höhlen.
Da schien es mir, aus diesen Horizonten müsse das Schiff des Freundes
auftauchen, leicht wie eine gleitende Wolke, von korallenfarbigen
Abend-Schwänen gezogen .. Aber die Weite blieb leer. Nur die Goldflüsse
wallten und dampften. Durch gelbe Weizenfelder, zwischen niedrigen, grauen
Steinmauern ging ich zu der Stelle zurück, wo der Wagen wartete .. In jedem
Garten blühten die Rosen, die Kakteen und Geranien. Alle Türen der Häuser
und Hütten standen geöffnet, hier und da wurde schon Gesang wach, wie er
sich mit dem sinkenden Abend löst. Bauern kamen aus dem Feld zurück und
trugen Körbe voll Kirschen auf den Schultern, Frauen gingen mit schlanken
Tonkrügen zum Brunnen, Kinder trieben die Ziegen zum Stall. Der erste Rauch
schlug aus den Schornsteinen in die kupferne Luft. Über den lila-dämmernden
Hügeln von Sorrent schwebte der weiße Vollmond im reinsten Äther, eine
taghelle Nacht verheißend. Um Ischia und Procida wehten schon die purpurnen
Schleier über feuchtem Schwertlilienblau.
Auf der Höhe von Castellamare aber lag das weiße, schlanke Schiff.
*
Der Tisch war im Garten gedeckt, vor einem Heliotropenbeet. In einer
dünnen Kristallvase stand der weiße Camelienstrauß, den Axel aus Neapel
mitgebracht hatte, über die weiße Decke waren Rosen gestreut. Der Wind, der
sich kurz vor Sonnenuntergang aufgemacht hatte, war wieder eingeschlafen,
blaßgrüne Streifen Mondlichtes fielen über den Rasen auf die Steinfliesen,
zwischen den starren Blättern der Palmen und dem hängenden Gezweig des
Eukalyptusbaumes funkelten die dünnen, smaragdenen Sterne.
Axel war schmäler geworden. In seinen Zügen stand die Arbeit vieler
Gedanken. Er erzählte ruhig von den Wochen, die seit unserer Trennung
verflossen waren. Plötzlich brach er ab. Er hob das Glas und ließ es an
meines klingen:
»Es ist Zeit zu schweigen. Die Stunde kommt, wo wir anfangen müssen zu
leben!«
Die Früchte wurden aufgetragen.
Aus den Gärten erhob sich Mandolinenspiel.
Vom Meer herauf kam ein Gesang, ähnlich wie das Lied der Matrosen auf dem
Schiff, das in der Nacht nach Malta fuhr.
Als die letzten Gäste von den Nachbartischen aufgestanden waren, ließen wir
die Lampen vor uns löschen: Ein Gewebe von lavendelblauem Atlas hing über
dem Garten. Die Büsche atmeten im verwandelten Licht, jeder Strauch, jeder
Wipfel war verdeutlicht und vergeistigt zugleich. Das Wesen der Dinge
begann in der Tiefe der Formen zu leben. Aus den Glycinenblüten rieselte
die Helle nieder. In jedem Tropfen Duft ein Tropfen Licht.
Wir gingen langsam bis zum Meer hinunter, entblößten Hauptes, so wie
wir von der Tafel aufgestanden waren. Unwillkürlich lenkten sich unsere
Schritte nach der Piccola Marina, der einsamen, verlassenen Bucht, in der
die Stille Capris tief gesammelt ist. Wo die zwei wilden Lorbeerbüsche aus
flachen, weichen Kieseln aufwachsen, setzten wir uns auf den Boden. Bis an
die Füße spielte der raunende Schaum. In jeder flachen Welle zerrann das
Mondlicht. Wir fingen die Flut in den hohlen Händen und ließen das Wasser
an den Fingern niedertröpfeln. In jeder Perle glühte das Mondlicht. Auf der
Höhe des Meeres aber war die silberne Harfe aufgestellt: In den Saiten sang
das Mondlicht:
›Ich verwandle die Welt, ich erlöse die Welt.
Das Meer bleibt das Meer, und der Fels bleibt der Fels.
Aber ich töte was starr ist und wecke was schön ist.
Wollt ihr mich fangen, es wird nicht gelingen!
Wollt ihr mich sagen .. was ist mir das Wort?
Weiße Vögel tragen mich nieder vom Hause der Götter,
Von ihren Schwingen trieft meine Flut,
Sie nisten auf Wolken und schlafen auf Hügeln
Ihr hängender Flügel trocknet im Frühlicht.‹
*
Es war um Mitternacht, als wir nach Hause kamen. Wir blieben lange auf der
Terrasse. Der Mond war hinter die Hügel getreten. Auf der Höhe des Meeres
wallte sein ruhiges, grünes Licht und zog ihm nach, den Fuß der steilen
Küste schon mit schmalen Bändern umsäumend. Hell glühte der Wein in der
Schale.
Axel goß den ersten Tropfen in das Gewühl der Rosen, die am Geländer
hingen. Funkelnd floß das Blut auf die Blüten und tropfte weiter zu dem
warmen, durstigen Boden.
»Den Göttern, die wir lieben ..«
Ich neigte mein Glas:
»Den Göttern, die uns lieben.«
Da schlug die Antwort von der Erde auf: Eine Welle leidenschaftlich
gebundener Düfte: Rosen, Levkoyen, Heliotropen, den Duft der hängenden
Glycinen überholend .. und immer wieder Rosen .. Rosen ..
Druck von F. E. Haag, Melle i. H.
VOM SELBEN VERFASSER:
DAS BUCH DER TRAUER
GEDICHTE AUS DEN JAHREN 1902-1907
NACHKLÄNGE · INSCHRIFTEN · BOTSCHAFTEN
GEDICHTE AUS DEN JAHREN 1908-1909
FLUTUNGEN
NOVELLEN AUS DEN JAHREN 1902-1909
VIGILIEN
(TRAUM DER TREUE · MISSA SOLEMNIS · TRISTAN / MIT EINEM
VORSPIEL: CYPRIANS TOD)
DICHTUNGEN AUS DEM JAHRE 1907
DIE GEDICHTE DES GRAFEN PLATEN
AUSGEWÄHLT UND HERAUSGEGEBEN / MIT EINER VORREDE:
DIE GEISTIGE HALTUNG PLATENS
DIE JUGEND UNSERER ZEIT
DREI AUFSÄTZE / 1909
SONETTE (DIE TOSKANISCHEN / DIE HESSISCHEN)
AUS DEM JAHRE 1911
JONATHAN / PATROKLOS
AUS DEM JAHRE 1914 (MAI-JUNI)
KASSIOPEIA
HYMNEN, ELEGIEEN, ODEN
AUS DEN JAHREN 1909-1919
DIE SEELE LOTHRINGENS
AUS DEM JAHRE 1917
IN VORBEREITUNG:
DIE PROSADICHTUNGEN:
LES PRÉLUDES
EROS ANADYOMENOS
DIE TRÄUME VON SIENA
DEUTSCHLAND
BERLIN
[ Hinweise zur Transkription
Die Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben. Das
Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende vor die Widmung verschoben.
Darstellungsweise gesperrter Schrift: _gesperrt_
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,
im Inhaltsverzeichnis:
")" eingefügt
(TAGE IN SYRAKUS / CAPRI))
Seite 15:
"." eingefügt
(an einer zarten seidnen Schnur enden können.)
Seite 24:
"hate" geändert in "hatte"
(erfüllte sich, wie sie vorausgesehen hatte)
Seite 31:
"langezogenen" geändert in "langgezogenen"
(Wipfel vor dem Perlgrau der langgezogenen Wolkenwände)
Seite 45:
"be-bevorstanden" geändert in "bevorstanden"
(klerikale Wahlen bevorstanden, deren Ergebnis)
Seite 69:
"über sieht" geändert in "übersieht"
(Wer sie aus Dünkel oder Gleichgültigkeit übersieht)
Seite 72:
"zusammsn" geändert in "zusammen"
(alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse)
Seite 74:
"«" eingefügt
(der flüchtige Reiz einer späten Gastmahlsstunde.«)
Seite 75:
"aplstischen" geändert in "plastischen"
(plastischen Ausdrucks genommen. So kommt es)
Seite 76:
"Morger" geändert in "Morgen"
(Ein hellblauer Morgen sprühte herauf)
Seite 79:
"grüb lerisch" geändert in "grüblerisch"
(in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch)
Seite 115:
"immernoch" geändert in "immer noch"
(Im schwachen Schein des immer noch unsichtbaren Mondes)
Seite 127:
"," geändert in "."
(Ich liebte Sizilien.)
Seite 130:
"Gesangss" geändert in "Gesanges"
(Er übte die Kunst des Gesanges)
Seite 131:
"wuße" geändert in "wußte"
(und er wußte, was schön sein hieß)
Seite 131:
"»?" geändert in "?«"
(»Woran starb sie?«)
Seite 135:
"Sreifen" geändert in "Streifen"
(auf dem die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte)
Seite 153:
"einam" geändert in "einsam"
(Ganz einsam aber stand der Leuchtturm)
Seite 164:
"«" eingefügt
(»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte)
Seite 185:
"Schneisen ." geändert in "Schneisen .."
(hinter feuchten, braunen Schneisen ..)
Seite 189:
"/" eingefügt
(ABEND IN SEGESTA /)
Seite 207:
"der" geändert in "des"
(hellgrünen Weingerank des nachbarlichen Gartens)
Seite 210:
"Ruderboten" geändert in "Ruderbooten"
(Grande Marina mit den vielen, kleinen Ruderbooten)
Seite 213:
"ein" geändert in "eine"
(Vollmond im reinsten Äther, eine taghelle Nacht verheißend)
Seite 213:
"." eingefügt
(purpurnen Schleier über feuchtem Schwertlilienblau.)
Seite 215:
"‹" geändert in "›"
(›Ich verwandle die Welt, ich erlöse die Welt.) ]