ließ eine viel spätere Stunde vermuten. Ich ruhte eine Stunde, nahm das
Frühstück unter einem Palmenbaum im Garten und ließ einen Wagen für den
ganzen Tag mieten. Nie habe ich schönere Wagen gesehen als in
Tunis: Halbverdecke auf Gummirädern, weich gepolstert und von einem
blendend-weißen Zeltdach überspannt .. und nirgends schönere Pferde:
mittelgroße, schwarze Tiere, knapp in Gang und Haltung, lebhaft, gepflegt
und gestriegelt, daß man sich im Glanz der kurzen Haare bespiegeln konnte.
Mein Kutscher war ein Süditaliener aus Cosenza, klug, feinfühlig und nicht
im geringsten geschwätzig. Neben ihm saß ein zehnjähriger arabischer Knabe,
der die Aufgabe hatte, mich in den Basaren zu führen, in die wir nicht
einfahren konnten. Wie ein kleiner König saß er da in seinen hellblauen
Hosen und seinem weißen Hemd. Den dunkelroten Fez hatte er tief in den
Nacken zurückgeschoben, so daß eine Welle glänzender Haare auf seine
gebräunte Stirne fiel. Er kaute trockene Feigen, die er aus der Tasche
zog. Jedesmal, wenn der Wagen anhielt, glitt er wie ein Wiesel auf die Erde
nieder, reichte mir die Hand zum Aussteigen und kauerte auf dem Trittbrett,
bis ich zurückkam.
Wir durchfuhren zunächst die südliche Stadt, die Rebat-Bab-Djazira. Da,
wo die Moschee des gleichen Namens liegt, sah ich einen langen Zug Kamele
kommen, die Kohlen nach dem Markte schleppten. Die Tiere gingen schwer,
unwillig, wie geschändet durch die aufgezwungene Last, mit einem Ausdruck
hilflosen Vorwurfs in den guten Augen, deren Blick mich schon in der
frühen Kindheit ergriffen hatte, wenn ich auf den Jahrmärkten den Gauklern
nachlief, die am Halfter ein müdes, graues Dromedar hinter sich herzogen,
auf dessen Rücken ein frecher Affe Nüsse fraß. -- Schweigende Treiber
schlürften in klappenden Schuhen neben den Tieren über die Pflastersteine.
Viele hatten kleine Jasminsträuße hinter die Ohren gesteckt, Gemüse- und
Obsthändler zogen die Djazirastraße entlang, Karrenschieber, aus deren
Wagen bunte Farbflecken aufleuchteten: Kirschen, Rüben, Salatbüsche,
Fenchelstiele. Als wir an der Kasba vorbeifuhren, der alten Zitadelle der
Stadt, verkündeten Trompetensignale, daß diese weißen Kalkmauern jetzt eine
Kaserne umschließen. »Zuaven«, sagte der Kutscher mit einer wegwerfenden
Handbewegung. Je weiter wir nördlich kamen, desto belebter wurde die
Straße. Frauen in dunklen Gewändern und mit verhülltem Gesicht führten
kleine Kinder an der Hand und gingen ruhigen Schrittes in der Mitte der
Straße. Männer in Gruppen, schweigsam oder leise redend, saßen auf den
Bänken vor den Häusern in der Sonne. Einige hatten die weißen Tücher vom
Kopfe fortgenommen, andere dicht gewickelt und tief in die Stirne gezogen.
Auch auf den grellen Dächern wurden weiße Gestalten sichtbar. Ihre blauen
Schatten brachen scharf an der Brüstung ab. Manchmal warf der breite Wipfel
eines Baumes eine grünliche Dämmerung in das Milchweiß der brütenden Luft.
Aber vergebens spähte das Auge nach einer Bewegung der Blätter. Nur der
Windhauch des Fahrens gewährte eine ganz leise Erfrischung. Sobald
der Wagen hielt, schien der Atem zu stocken. Wir kamen bis zu dem
nordwestlichen Tore Bab-Bou-Sadoun, wo viele alte Männer gesenkten Hauptes
saßen. Sie sahen kaum nach meinem Wagen auf. Auch beachteten sie nicht den
Staub, der beim Umwenden in die Höhe wirbelte und zu ihnen hinüberzog. An
dem Halfaouinplatze stand eine große Menge -- wie wartend -- umher. Viele
bunte Farben tauchten hier neben dem Weiß der faltigen Burnusse auf: Viel
Gelb und Ziegelrot an Wams und Weste, auch lichtes Blau und Zinnoberbraun.
Ich ließ den Wagen anhalten und trat an eines der vielen Cafés, die hier
im Kreis umherliegen. Ich hatte mich kaum gesetzt, als man auf ziselierter
Messingplatte die heißen, hochgefüllten Mokkabecher brachte, an deren Rand
der kupferne Schaum dünne, bunte Blasen trieb. Der Duft war so belebend,
daß ich auf Augenblicke die fürchterliche Glut der Luft vergaß. Aber kaum
hatte ich das heiße Getränk zu mir genommen, als ein Feuer in mir aufschlug
wie von zu scharf gewürzter Speise und perlende Feuchtigkeit am unteren
Augenlid hervortrieb. Ein Schwindel faßte mich an .. vor den Pupillen
stoben rotgoldne Funkengarben auseinander .. Ich netzte die Stirne mit
Wasser .. und erkannte wieder den Platz und den Wagen vor mir. Ich hieß den
Kutscher rasch nach den Basaren fahren. Wir durchquerten die Bab-Souika,
wo einiges Grün das Auge auf Minuten beruhigte, umfuhren halb die
Sidi-Mahrez-Moschee, und endeten am Kasbaplatz, wo ich den Wagen warten
ließ. Der Knabe folgte mir, und als wir in das Halbdunkel der ersten,
überdachten Basarstraßen traten, faßte er meine Hand, um mich in dem Gewühl
nicht zu verlieren. Seine nackten braunen Füße berührten nur leicht die
Steinfliesen, der feine Körper schwebte nur in den flüchtigen Hüften ..
Erquickende Kühle wallte in den endlosen Gängen. Der Boden war in der Frühe
begossen worden und hauchte noch den Geruch des Wassers aus, die weißen,
faltigen Burnusse der Schreitenden schlugen die Luft und ließen Frische
nachwehen: etwas wie einen Duft von grüner Bleiche und Mandelseife.
Ich blieb eine Weile an der Auslage eines Schneiders stehen und sah mit zu,
wie er ein Gewand aus weißem Kaschmir mit goldnen Borten benähte. Die Nadel
knisterte, wenn sie im Flug den Stoff durchfuhr, der aus den weichen Falten
ein elfenbeinernes Licht warf. Ein Gewühl von bunten Atlasresten war auf
dem Boden ausgebreitet: wollüstiges Bad der suchenden Hände. -- Auch bei
einem Schuster saß ich einige Minuten und ließ mir purpurne Prunkschuhe und
safrangelbe Pantoffel zeigen, die mit Silberfiligran umsponnen waren.
-- Ein Kupferschmied aber zündete mir auf einem alten, vierzehnarmigen
Tempelleuchter die braunen Wachskerzen an, so daß ein Hauch wie brennender
Honig an die Decke des niederen Gewölbes schlug.
Es war fast Mittag, als ich in den Souk-el-Birka zu den Juwelieren
hinüberging. Ich kaufte einen Talisman aus grünem Email und einen schmalen,
schwarzblauen Dolch, dessen Griff mit silbernen Nägeln und blassen
Turmalinen übersät war. Als ich gehen wollte, bat mich der alte Besitzer
des Ladens, noch einen Augenblick zu verweilen und rief seinem Sohn ein
paar arabische Worte in einen Nebenraum zu. Gleich darauf wurden zwei große
Kästen gebracht und auf einen maurischen Schemel gestellt. Der Alte türmte
Kissen aufeinander und lud zum Sitzen ein. Vater und Sohn standen dicht
nebeneinander und hoben die Hände in einer fast schmerzlichen Bewunderung
empor, als sich die roten Seidenetuis öffneten und auf weißem Samt die
unvergleichlichsten Gewebe goldnen Filigranes sichtbar werden ließen,
die je mein Auge erblickte. Mit einer Geste, als seien seine Finger nicht
heilig genug, die Kostbarkeiten zu berühren, hob nun der Alte den größeren
Schmuck in die Höhe und legte ihn über die crêmefarbige Seide einer
nachgeahmten Frauenbüste. Nun erst erkannte ich, was dieses Netz bedeutete.
Es war der kühle Panzer für die nackten Schultern und Brüste einer Frau. An
jeder Kreuzung zweier Goldfäden taute ein blasser Rubintropfen: da, wo
die dunkelroten Knospen der Brüste aus dem Gewebe drängen mußten, war eine
runde Öffnung gelassen, die ganz von spitzen, heißen Diamanten umsäumt
stand. Man fühlte das Atmen der blassen Haut unter dieser Hülle, das weiche
Schlucken der Kehle, wenn die Lust in die Glieder rieselte, die leichte
Blähung des Unterleibes über dem Geschlecht, und die flache Höhlung an
den Seiten der leidenschaftlich eingezognen Schenkel. Man spürte die blaue
Rohseide der Lagers, den irrenden Duft des Jasmines in den Decken, das laue
Feuchte auf den leicht geöffneten Lippen, die an den glatten Strich der
Schneidezähne rührten.
Die Juweliere sahen mich erwartend an. Der Sohn ließ seine weichen Finger
durch die Maschen spielen, wie wenn er das warme Fleisch unter dem kühlen
Geriesel abtastete, und sagte zu mir:
»Die schönste Jüdin von Tunis wird in diesem Schmuck noch heute abend
tanzen. Ihr Freund, ihr reicher Freund, der nur vorübergehend in der Stadt
weilt -- er lebt auf seinen Farmen im Innern des Landes -- hat ihn bei uns
arbeiten lassen. Wir haben Monate gebraucht, ihn herzustellen. Wir haben
nie etwas Ähnliches angefertigt. Es hat nicht seines Gleichen auf der
Welt« ..
»Wenn nicht das andere Stück, fiel der Vater ein, zeige das andere Stück --
die Wahl ist schwer.«
»Es ist für eine arabische Dame, erklärte er weiter, als der Sohn das
Haarnetz über seine Hand fallen ließ, so daß es sich wie eine flache
Mitra an sieben Platinkreisen entfaltete, die von den zartesten Brillanten
starrten und miteinander durch unwahrscheinlich dünne Silberschnüre
verbunden waren. Am linken Rand des weitesten Reifes war eine schmale Öse
für den Reiherbusch und an den inneren Wänden ein Spiel von goldnen Nadeln
angebracht, um die sprühende Haube über der Welle des Haares zu halten.
»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte, indem er sich dicht zu mir
hinüberneigte und mir in die Augen sah.
»Ich ziehe keines von beiden vor. Sie sind gleich wundervoll. Für meine
Gattin würde ich das Haarnetz kaufen, für meine Freundin den Panzer ..«
»Auf Ehre, ich sage das Gleiche, erwiderte rasch der Jude. Doch ob mir die
Gattin oder die Freundin lieber ist, sage ich nicht ..«
Wir betraten den Souk-el-Attârin, wo die kostbaren Essenzen verkauft
werden. Wie von Rosenhügeln kam uns ein Hauch aus der schmalen Lichtsäule
entgegen, die durch eine offne Dachluke fiel. Ich konnte der Bitte des
jungen Verkäufers nicht widerstehen, der mich zum Eintreten in seinen Laden
lud und mir Kaffee und Zigaretten anbot. Er kniete vor meinem Sitze nieder
und breitete auf einem seidnen Teppich von wundervoll geblaßtem Himbeergelb
und Erdbeerrot eine Menge zierlicher Flacons aus, die selbst verschlossen
eine heftige Süße verströmten. Die kleinen Behälter -- kugelrund oder eckig
abgeschliffen -- waren aus altem, etwas erblindetem Kristall und ganz
mit dünnen, goldnen Ornamenten übersät. Der Händler tupfte die Spitze der
gläsernen Stopfen auf dünne Watteflocken, die er in die Luft warf. Ich sog
geschlossenen Auges die endlos sich erneuende Welle auf: so wie man Töne
unergründlicher Melodien schlürft oder das Überraschende, nur Halbgelöste
im enharmonischen Wechsel der Akkorde. Ich dachte an nichts: kein Bild und
keine Vorstellung bannte das Unendliche des Genusses. Ich atmete nur, so
wie ich der Musik nur lausche, ohne ihr Überirdisches an Erscheinungen zu
deuten. Duft bleibt mir Duft: so wie mir Klang nur Klang bleibt: vollkommen
in sich: rein in Wesen und Ausdruck. Einmal fiel mein Blick auf den Knaben.
Er saß etwas abseits, mit vorgeschobenem Gesicht und leicht geblähten
Nüstern, ein kleines, braunes Reh, das gierig wittert. Der Verkäufer selbst
schien wie entrückt. Die vollen Lippen lüstern ausgezogen, so daß in der
Grube der feinen Mundwinkel ein bläulicher Flaum lag, trank er die immer
wechselnden Hauche und wurde nicht müde, immer neue Flacons zu öffnen und
neue Schneeflocken fallen zu lassen. Schließlich stand er auf, nahm alle
die kleinen Wattekugeln und warf sie in die Höhe: Da ging ein Regen von
Balsam nieder, ein Glockenspiel von fünfzigfach gemischter Süßigkeit.
Ich hatte die Schwüle, die Müdigkeit, die Kopfschmerzen vergessen und lag
halbtrunken auf dem Brokat der maisgelben Kissen, indes wir eine Mischung
besprachen, die ich für mich bereiten lassen wollte. Der Araber sah mich
lange an, sah meine Hände an und befühlte sie, langsam und prüfend,
mehrere Male. Er betrachtete meine Ringe und den bläulichen Halbmond der
Nagelwurzeln. Er tastete die Hügel der Fingerspitzen ab und befühlte die
Haare an den Schläfen. Dann sagte er langsam, während er neuen Kaffee
brachte und dem Kleinen ein Stück Lukkum reichte:
»Vous êtes artiste.«
»Parfaitement. Je suis poète.«
»Je l'ai bien deviné. Mais c'est difficile chez vouz. Votre extérieur
trompe. Vous cachez votre profession, vous ne voulez pas qu'on voie ce que
vous êtes. Mais vous êtes passionément artiste .. si fort que cela domine
votre vie. Vous êtes de race germanique.«
»Je suis Allemand.«
»Comme je vous connais! J'ai le flair des races! Depuis mon enfance! Je
sais exactement quel parfum il vous faudra. Pas pour le prendre: c'est
autre chose! mais pour vous exprimer. Il faudra envelopper le centre chaud
et mou d'un ruban simple et plutôt sec .. Il faudra beaucoup cacher sans
dissimuler.«
Damit ging er in den hinteren Raum des Ladens und holte einige größere
Flaschen, in denen smaragdene und amethystene Flüssigkeiten leuchteten. Die
Mischung wurde in ein köstliches rundes Gefäß aus altem Kristall gegossen
und in ein Bett von grünem Atlas gelegt. Zum Überfluß aber schenkte mir
der Händler ein zierliches Glas voll Jasminduft, der in dieser Stadt heilig
ist, so wie die Blume selbst.
Dann aber fingen wir an zu plaudern. Der blaue Rauch unserer Zigaretten
stieg in schmalen Bändern empor, vor der Türe wogte die leise Brandung
der Menge. Helle und Dunkel flog auf und nieder im Wechsel der Gestalten,
unaufhörlich wallte der Duft im gleitenden Luftzug ..
Und der Araber sprach von den Oasen des Landes, von Gafsa, von El Djem, von
Dougga. Ich lag flach auf dem Rücken und lauschte .. Immer wieder, wie
ein Becken, in dem sich der Strom seiner Rede sammelte, kehrte die Mahnung
wieder:
»Scheuen Sie nicht die Mühe .. gehen Sie in die Wüste ..«
*
Es verlangte mich zurück zum offnen Licht. Ein heller Wind schlug mir
entgegen, als ich mich dem Ausgang der Basare näherte. Die Decken der
Ladentische wehten, die seidnen Aushängefahnen wehten, die Gewänder
der Fußgänger wehten .. Und die reinste, tiefste Bläue wehte über den
schneeweißen Dächern, als ich ins Freie trat. Baumwipfel rauschten, der
leicht durchbrochene Schatten der Zweige tanzte auf dem Boden. Die Schwüle
war fort .. die belebende Hitze sprühte golden und leicht in den befreiten
Lüften.
Wir fuhren wieder nördlich, nach der Halfaouinstraße. Ich ging, von dem
Knaben geführt, in das Labyrinth der Gassen, die einsam und geheimnisvoll
im klaren Lichte lagen, eine endlose Monotonie von weißen Würfeln in
satter Bläue, nur selten durch das Grüne eines Wipfels oder das Bunte eines
Blumenstrauches unterbrochen. Die Türen waren geschlossen. Kaum ein Mensch
war sichtbar. Das Leben lag verschüttet im weißen Licht: abgestumpft,
unbewegt. Etwas, das nicht mehr will.
Wir waren aufs Geradewohl gegangen und kamen an der Synagoge heraus. Hier
schickte ich den Knaben fort, um den Wagen herbeizuholen und ging auf ein
kleines Café zu, an dessen Schwelle zwei Tänzerinnen saßen. Ich ließ kalten
Tee bringen und setzte mich in eine kühle Ecke. Die Frauen kamen zu mir.
Ihr Gesicht war so stark gepudert, der Mund so giftig-blaurot überstrichen,
daß mich ein Ekel faßte, als im Sprechen ein feuchter Glanz auf diese
Lippen trat. Aber die Augen hatten so viel Milde, ja fast eine Traurigkeit.
Die aufgedunsenen, kleinen Hände, die von unechten Ringen starrten, fuhren
zuweilen in das wirre Haar, das kein Öl ganz zu glätten vermochte
und stützten sich dann wieder auf die breiten, häßlichen Hüften. Den
Achselhöhlen entstieg der scharfe, beizende Geruch des Geschlechtes.
»Was treiben Sie heute nachmittag?« fragte die jüngere und legte die Hand
auf mein Knie.
»Ich fahre nach dem Belvedere-Park.«
»Was wollen Sie jetzt dort tun? Es ist alles verdorrt! Kommen Sie zu uns,
wir werden Ihnen die Zeit vertreiben ..«
»Womit?«
»Womit Sie wollen.«
Die ältere schob die Zunge zwischen die Lippen, die schmale, zugespitzte
Falte einer karminroten Zunge, auf der ein gelblicher Speichel stand. Sie
lachte und zeigte verdorbene Zähne.
»Ich will gar nichts,« erwiderte ich und zündete eine neue Zigarette an, um
die Fliegen fern zu halten ..
»Desto besser, sagten die beiden. Wir wissen schon ..«
Und sie sahen sich an wie solche, die glauben, verstanden zu haben.
»Hören Sie, begann wieder die jüngere, wir tanzen heute nicht. Wir können
am Nachmittag tun und lassen, was wir wollen. Kommen Sie in unser Zimmer.
Wir werden Opium rauchen.«
Die andere lüftete das Tuch und ließ ihre schlaffen, feuchten Brüste sehen.
»Geben Sie uns zwanzig Lire, einer jeden, und die Nacht gehört Ihnen .. Die
Nacht zu dreien ..«
Sie spreizte die Beine und zog die Knie höher. Die Brüste fielen ganz
aus den weißen Schleiern. Über der linken Warze stand ein bräunlicher
Blutfleck, die letzte schwindende Spur eines Bisses. Sie sah mich lange
an .. abwartend .. Ich lächelte und rauchte weiter ..
Da standen beide auf. Mit einem leichten Gruß, als ob nichts gewesen sei,
gingen sie auf ihre alten Plätze zurück.
Es währte noch eine Weile, bis der Wagen kam. Ich sah in die Luft, die
über den Steinen flimmerte, und lauschte einem Dudelsackpfeifer, der hinter
fernen Höfen zu spielen begann.
*
Das Gras auf den Wiesen des Belvedere-Parkes war schon verbrannt, aber die
Oleanderbäume schütteten die hellrote Flut ihres Blühens über das feste
Grün der Blätter. Es war ein Oleandergarten, durch den der Wagen langsam
bergan fuhr. O seltsamer Duft dieser Blüten: Duft, der mitten in der Süße
abbricht, der nicht zu Ende geht und da verflüchtigt, wo sich der tiefe
Atemzug ganz seiner Wonne bemächtigen will .. ein Duft wie Harfenklänge: er
weckt die Sehnsucht und löst sie nicht mehr aus.
Mit einem dünnen Palmblatt scheuchte der arabische Knabe die Fliegen, als
ich mich hoch oben am Pavillon zur Ruhe niederließ. Die Augen fielen mir
zu. Langsam versank der Abstieg von Dächern und Kuppeln vor mir. Als
ich erwachte, war nur die endlose Bläue über mir aufgerollt, weiße Vögel
wiegten sich auf blühenden Schwingen südlich über dem Meer gegen den
leichten Hauch der Hügel von Zaghouan. Der rote Duft der Oleanderblüten
stand aufrecht in dem Garten .. der Duft, der seine Seele in sich festhält,
im Schenken süß, noch süßer im Versagen ..
*
Gegen sechs Uhr abends kam ich nach Radès, zu Achmet Fouad, einem
türkischen Freunde Axel Arnedals. Ich fand genau den Menschen, den ich zu
finden erwartet hatte. Die erste Viertelstunde unseres Gespräches gab eine
Vertrautheit, als ob man sich schon lange gekannt hätte.
Jedes Wort, das der Vierundzwanzigjährige sprach, hatte seine Schwere und
Eindeutigkeit. Alle Gedanken wurden einfach und mit jener Würde gegeben,
die der nordischen und westlichen Jugend fremd ist. Schon die Stimme
war Ruhe, tief und tönend, jede Silbe im Kupfer ihres Klanges umhüllend.
Dieselbe Kraft, zu bannen und einzuschließen lag in den großen
mandelförmigen Augen. Die Brauen standen flach und stark gezogen an der
niedrigen Stirn. Über den kräftigen, schlanken Händen lag mildverteilt die
Sinnlichkeit des Orientalen.
*
Wir ruhten auf gelben Matten und sahen die Nacht herniedersteigen. Die
trockene Wärme des Daches strömte langsam in unseren Rücken.
Schiffe lagen im Hafen, fern und kaum zu erkennen im Widerschein des roten
Himmels. Auf einem Bett von Nelken ging der Abend schlafen. Silbern tauten
die Sterne am Rand der Blumen. Das Meer rollte den bronzenen und rollte den
stahlgrünen Samt. Im Norden blitzten die Lichter von Karthago auf. Keine
Barke zog aus. Achmet hob noch einmal den schweren, dunklen Kopf, hob die
Arme, wie wenn er das letzte Licht fassen wollte und ließ sich leise ganz
zu Boden gleiten, indessen mich tiefes Bangen auf den Knieen hielt. Eine
Stunde später brannten die Ampeln, und der Jasminstaub verpuffte in den
hohen Räucherpfannen. Der schwarze Diener ging zum letztenmal. Die Tür
stand offen. Palmenwipfel wiesen in die Tiefe des Gartens. Die Silberbäche
der Sterne stürzten an der nächtigen Kuppel nieder. Wie Nadelspitzen schlug
das Fieber des Duftes empor. Schon glitten Wolken vor dem sinkenden Auge.
Rosenfelder liefen im Morgenwind und trugen mich fort. Dann noch ein
allerletztes Dämmern .. ein Ruf ohne Antwort .. O Haschisch! wehes
Hanfkraut! Süßes Hanfkraut, das dieses Schweben schenkt ..
Und dann der tiefe, tiefe Fall durch weiße Sternenseen in ein warmes,
blaues Meer, das wiegt und wiegt .. und leise singt und weiterwiegt ..
Sehr mild und weichumrissen kamen die Gesichte auf goldnen Dünsten der
Frühe:
Aus einem Veilchenhügel wurde der rührende Leib des Mädchens geboren, von
der aufgehenden Sonne bestrahlt. Glückselig stand der Mund und trank
die Morgenluft. Auf den Spitzen der herben Brüste glühte das Silber des
Lichtes. Um die gereckten Hüften und die zarte Flucht des Schoßes lag es
wie ein dünner, schmiegsamer Panzer .. und es glänzte in den Kniescheiben.
Aus den Lüften schwebte der Knabe nieder, den Tau der Dämmerung aus den
Haaren schüttelnd und das feuchte Gesicht in den Händen trocknend. Er
umschlang die Schulter der Geliebten und glitt in ihren Leib hinüber. Sie
aber schloß die Arme über dem Kreuz seiner Hüften und trug halb schon
im Sinken, halb noch im ungewissen Gleichgewichte, die Last, von der sie
selbst getragen wurde. Die Lippen des Knaben aber hatten sich festgesogen
an der Mandelblüte der linken Brust und tranken das hellrote Blut, das im
Kreislauf in das schenkende männliche Geschlecht zurückrann. Da waren beide
Körper plötzlich ganz verwachsen, und jenseits des Geschlechtes, das Mann
und Weib scheidet, im Schoß der Lust bis in den Abgrund alles Werdens
untergetaucht.
Andere Bilder lösten sich aus dem wachsenden Licht: auf hellblauem Lager
die schlafend vereinigten Freunde, im Duft ihrer blonden und dunkleren
Jugend verloren .. auf purpurnen Betten die schmerzlichen lesbischen
Frauen .. Leda und der küssende Schwan, der die Schwungfedern an den
wartenden Schoß drängt, Danaë mit den offnen Schenkeln, in die der
Goldregen niederrieselt ..
Aus der Woge aber, die mich wiegte, sang eine Stimme -- und es sang aus dem
rauschenden Licht:
Ich bin die Lust. Ich bin ein Eines und bin so viele Viel, als niemals
eines Menschen Hirn zu träumen vermag. Jenseits von Tugend und Sünde
beginnt mein Leben, und ich lächle, wenn ihr mir Gesetze andichtet, da
ich gesetzlos bin und ganz mir selbst genüge. Ich frage nicht darnach, was
eurem Leben frommt und euren Zwecken dient. Ich habe keinen Zweck. Ich bin
nur da, ich war und werde sein. Ich treibe den Mann zum Weib und den Mann
zum Mann und das Weib zum Weib und den Menschen zum Tier und den Menschen
zum Ding und das Tier zum Tier und das Tier zum Ding und das Ding zum Ding.
Ich bin voll Geheimnis und weiß es selbst nicht, in wieviel Kräften ich
bin. Ich bin in den Giften und bin im Balsam. O daß ihr einmal sehen
lerntet und alles Lebendige gleichsetztet! Bin ich nicht aufgewachsen in
den Zellen eines kleinen Hanfkrautes? Wohne ich nicht in einem winzigen
Tropfen ausgepreßten Öles, der genügt, euren Willen zu brechen und eure
gefesselten Sinne zu entfesseln, sodaß ihr die Wahrheit fühlt? Eine arme
Pflanze des Feldes setze ich über den Hochmut eures Geistes! Ja, ich
kann euch töten mit den Körnern der Mohnblume! Ich kann in euer Blut
überspringen und mich so dehnen, daß das Gefäß eurer Adern zerreißt.
Wes nennt ihr die Liebe? Was eure Ordnung erhält und eure Art fortpflanzt.
Aber ich bin keine Gottheit der Ordnung und keine Gottheit der Art. Ich
bin die Gottheit, die als Anfang der Welt über den Wassern war. Ich befehle
euch nichts und verbiete euch nichts, da jedes Geschehen mir gleich ist, in
dem ich mich selbst erkenne. Ich lohne euch nicht und strafe euch nicht: Ob
ihr mich preist, ob ihr mir flucht: Ich lächle -- und bin.
· · · · · · · · · · ·
Morgengrauen. Aufbruch aus der kleinen arabischen Stadt, in der die
Karawane am Abend zuvor eingetroffen war. Ein langer, quälend langer Ritt
durch Steppe, Sand und Wüste, bis zu einem toten Gewässer, an dessen
Rand das Mittagslager aufgeschlagen wurde. Agaven, Aloë, Palmen und
das schreiende Gelb der Kakteenblüten. Schutt, bröckelndes, verlassenes
Gemäuer, angebrannte Grasflächen. Am Himmel die gleißende, zischende
Diamantscheibe der Sonne, deren überhitzter Glast ringsum die Bläue
auffraß. Dann das weiße Zelt mit dem dünn gefilterten Gold in dem groben
Gewebe. Teppiche und Kissen am Boden. Ein Gehen und Kommen der Beduinen,
bis alles hergerichtet war. Dann Ruhe .. beklemmende Ruhe ..