Am Sonnabend, als das Wetter etwas kühler geworden war, schickte mir

Angelina Lancisi ihren Wagen zu einem Ausflug nach Monreale. Ich fuhr sehr

früh am Nachmittag, da ich über die Höhe von San Martino und Baida zu Fuß

in die Stadt zurückkehren wollte. In den Baumwipfeln der vielen Gärten

längs der Straße spielte ein zarter Wind, über allen Dächern und Türmen war

duftige Belebung, aus dem Geriesel der Pappelblätter sprühten weiße Funken

in das Wehen der Bläue. Und im Rücken lag das Meer mit breiten, violetten

Wellen. Die zierlichen, hellbraunen Pferde liefen in kurzem Trab die gerade

Straße entlang. Der Staub dämpfte den regelmäßigen, knappen Aufschlag der

Hufe. Die beiden Kutscher saßen kerzengerade in ihren hellgrauen Livreen,

ohne zu sprechen. Kurz vor dem Dorfe Rocca begannen die Hügel. Alle Berge

waren nahegerückt, man konnte jeden Stein und jeden Busch in der fließenden

Klarheit der Lüfte erkennen. An dem Abhang, der nach dem Dorfe Bocca di

Falco hinüberführt, leuchtete das Bernsteingelb offener Kakteenblüten über

rotem Gestein und roter Erde. Zur Linken lagen dichte Orangengärten. Wir

fuhren an einer Mauer entlang, die ganz erdrückt war vom Überfluß roter

Geranien. Auf dem Domplatz von Monreale hielt der Wagen. Ich hieß die

Kutscher nach Hause fahren, da sich sofort eine Schar von Kindern und

Bettlern angesammelt hatte, und blieb allein auf dem schattenlosen

Sandviereck stehen. Die Blätter einer verdorrten Palme raschelten, die

vergoldeten Spitzen am Torgitter der Kathedrale züngelten gegen die

hellen Säulenschäfte empor. Einsam und schwer, an eine nordische Festung

gemahnend, ragten die ungleichen Türme über der Balustrade der Vorhalle.

Noch zögerte mein Fuß, voranzugehen: ich hatte fast eine Furcht vor der

neuen Erfüllung. Doch als ich endlich den Platz überschritt und in das

Innere trat, als ich die ersten trunkenen Blicke hob und senkte, war eine

süße, weiche Ruhe über mich gekommen, ein feierliches Stillesein der Sinne,

ein Jubel, der keine Sprache mehr verlangt, gedämpft in jenem sanften

Glücklichsein, das wie ein Augenschließen über allen trüben Dingen ist.

Und ich ging langsam, langsam durch den Dom von Monreale, so wie wir

manches Mal in der warmen Sonntagsfrühe durch die wogenden Kornfelder

unserer Heimat schreiten, auf ausgefurchten Feldwegen, die ihren blühenden

Rand in zitternde Fernen hinausziehen.

Alles ist Milde, Maß und Größe in dieser Kathedrale: und die Seele, deren

Sprache uns so weich umfängt, ist die Seele des Raumes. Der bunte Glanz

engt nicht mehr die Wände: das Licht dient nur dem Raum. Ein Wille,

geistig und wissend, bändigt hier den Überfluß: hinter dem Blitzen der

Mosaikgemälde funkelt die Inbrunst einer tiefbewegten Seele.

Rogers I. leidenschaftliche Größe, Rogers II. unersättliche Freude am

rauschend-Schönen findet die letzte, künstlerische Lösung in dem Gesetz

der ausgleichenden Masse, das die Seele Wilhelms II. beherrschte. Alle

Trunkenheiten sind in tiefes, klares Gefühl erhoben. Hoch an der Decke,

mit gnadenvoll gebreitetem Flügelschlag, der stilles, goldnes Feuer streut,

schwebt übersinnlich die Taube Gottes.

*

Seitlich vom Dom liegt der Kreuzgang des alten Benediktinerklosters.

Verbenen, Rosen, Heliotropen und Lilien blühten in dem Garten. Hellblauer

Wind war über den Blumen und trieb den Duft mit leisen, seidenen Schlägen

in die Hallen. Und Wind war in dem Strahl des arabischen Brunnens, der in

der Ecke zwischen stillen Säulen ruht. Wind war auf den flachen, warmen

Stufen, die zum Niederstieg an das Wasser winkten. Wer weiß, wie lange mich

das Wasser bannte? Es hauchte Kühle, hauchte Leben, und mein Gesicht war

ganz voll Sonne, so hingehalten, hingegeben an des Genießens Wonne. Und der

Wind trug meine Wünsche weiter -- die Augen die eben noch entzückt auf den

Kapitälen geruht hatten auf Blumen, Vögeln und menschlichen Gestalten, die

sich im unentwirrbar-reichen Ornament zu regen begannen, vergaßen die nahen

Schönheiten über dem Auftauchen fernerer Bilder und hielten das erträumte

Neue, das sie grüßten ..

O Hindämmern über das südliche Meer ..

Oleanderhaine winken,

Und es winken die Moscheen,

Alle Gläubigen versinken

Im Gebete und vergehen.

Auf den rosenroten Dächern,

Die den Abend kommen sehen,

Wird aus schweigenden Gemächern

Bald ein Hauch vorüberwehen.

In den tiefen Brunnenbecken

Werden leis die Sterne drehen,

Und auf seidnen Lagerdecken

Wird die Lust der Nacht erstehen.

*

Kinder wiesen mir den Weg nach Santa Maria delle Croci. Zwischen Felsgeröll

und Kakteenpflanzen ging der Pfad bergan. Aus allen Steinen hauchte Feuer.

Auf einem halbverbrannten Grasplatz lag die kleine Kirche, zu der ein paar

Stufen emporführten. Von der Treppe aus umspannte das Auge die heroische

Landschaft: Ebene, Stadt und Meer, reich, edel und freudig. Nicht ein Hauch

von Wehmut floß in dem silbernen Saum des hellen Horizontes. In braunen

Hügelfalten glänzten weiße Dörfer, seltene Pinien, noch seltnere Zypressen

ragten auf brauner Grassteppe. In der Fruchtschale der Ebene aber

leuchtete das gesättigte Grün der Orange- und Zitronengärten. Dicht

aneinandergedrängt hingen die goldnen Kugeln im Laube, zur Ernte reif.

Die sinkende Sonne mahnte zum Abstieg. Ich ging die Fahrstraße nach Rocca

hinunter. Arbeiter kamen aus der Stadt zurück, verbrannt und bis an die

Kniee mit weißem Kalkstaub bedeckt. Bauern fuhren auf Eselskarren nach

Hause. Sie saßen halb schlafend auf der Kante des Wagens und trieben

die Tiere durch das unermüdlich wiederholte, schläfrige Ahii, Ahii zum

Weitergehen an.

Von Rocca aus nahm ich den Feldweg nach Bocca di Falco. Ich erreichte

die ersten Häuser des Dorfes um die Stunde, wo die Frauen beginnen,

die Abendmahlzeit zu richten. Dünnes Rauchgewölk schwebte über den

Schornsteinen, aus den Türen und Fenstern drang Dunst von Öl und

Gebackenem: es war Sonnabend. Soldaten waren heimgekommen und standen bei

den Mädchen, frischgeputzte Pferde wurden an eine Tränke geführt, es war

kaum möglich, die kleine Piazza zu durchqueren, so viele Menschen hatten

sich hier angesammelt. In einer Ecke las ein junger Mensch mit lauterregter

Stimme eine Spalte aus der Tribuna vor ebenso erregten Hörern, aus einer

engen Seitengasse wurden weiße Ziegen ins Freie getrieben. Vor manchen

Häusern war ein Tisch gedeckt, in einer Schmiede flammte das Feuer der

Esse und warf unruhige Schatten über die harten, verrußten Gesichter der

Arbeiter .. Ein junger Kaplan wies mir den Weg nach Baida. Ich mußte die

Fahrstraße verlassen und über viele schmutzige Treppen durch niedrige

Bogengänge aufwärts steigen. Frauen saßen plaudernd auf den Stufen, Hühner

liefen hin und her und pickten Körner, in den Hausfluren lagen Hunde und

Katzen, Schweine wälzten sich auf breiten Misthaufen. Junge Lämmer waren an

den Pfosten der Haustüren festgebunden, in den Ställen brüllten Kälber

und Rinder. Oft schwankten weiße Rosen über die bröckelnden Mauern, einmal

schoß roter Phlox neben einem blauen Hoftore auf. Je höher ich stieg, desto

spärlicher wurden die Häuser, und als ich endlich bei einer rosenfarbigen

Villa den Ausgang des Dorfes erreicht hatte und auf den Weg nach dem

Kloster Baida trat, strömte der Glanz des Abends so warm und purpurn

über mein Gesicht, daß ich die Augen schließen mußte, die nach dem langen

Zwielicht soviel Helle nicht mehr faßten. Ganz langsam und gesenkten

Blickes ging ich weiter. Zur Rechten lief eine Mauer, zur Linken begann

ein Hügel. Obstfelder tauchten auf, Kleeäcker, ein Mohnfeld, eine

Rosenpflanzung und plötzlich -- nach einer kaum gefühlten Wende des Weges

-- das Kloster Baida, das weiße, im Frieden seiner Zypressen, dicht an die

duftblaue Halde des Berges gelehnt.

O, wie der Duft an diesen Bergen hing! Blau, blau und schiefergrau gedämpft

vom hellen Glanz des Gipfelsaumes, der noch im Lichte stand. Wie

diese schroffen Felsenhöhen die Schattenkühle in sich sogen, sich ganz

hinüberlegten in den Duft. In welche Milde all dies Ausgeglühte tauchte,

in welchen tiefgestillten Atemzug der großen und gedankenvollen Nacht. Und

ferne -- ach, fast übersehen -- das Meer, so unersättlich blau und still,

so still und blau das Meer .. wie auf die Ebene hingestrichen, ohne Segel,

ohne Schaum, ohne Flut. Ich saß, halb liegend, den Kopf in meine linke Hand

gestützt, am tiefen Rand der Mauer. Dies war der Ort zu ruhen, friedvoll zu

sein mit sich und seinem Los. Warum noch weiter gehen? Kein Wunsch mehr

zog mich in das weiße Haus. Sein Bannkreis war betreten und seine Schönheit

blieb viel süßer, wenn eine leichte Ferne noch die schlummervolle Seele

wachhielt: So ist Musik, die aus dem Innern eines Hauses an unser Ohr

schlägt: Sie wiegt und wiegt: wir aber fühlen tiefer, daß uns dunkle Hände

tragen:

Ruhe, ruhe, Seele! Halte Wacht über dem großen Gefühl! Ich denke an dich,

Geliebte, und an die Ruhe deines Herzens, in der mein Leben stille liegt.

Ich denke an den Tag, als ich ausfuhr: nun sind schon Wochen dahin, und

ich bin übersättigt von Schönheit. Wenig fehlt, und die letzte Schranke ist

überschritten, hinter der das Vergessen wohnt. Soll ich untertauchen? Soll

ich aufhören zu sein, was ich bin? Das Blut drängt hinüber, es drängt mein

entzündeter Wille, und meine Sinne drängen. Ich kann das Meer nicht mehr

sehen, ohne zu wissen, daß mich die Woge noch ferner entführt. Im Schlaf

sucht mein Auge die Palmen der Wüste und die Zisternen der Wüste. An den

Urgrund des Lebens will ich hinunter: in die endlose Ebene des Sandes und

die endlose Wölbung des Himmels, dahin, wo der Anfang der Seele mit dem

Anfang Gottes verschmilzt. Ich will in die Anfänge des ungestalteten

Gottes, der noch keine Form und noch keine Symbole gefunden hat, noch nie

von Menschen gedeutet, noch nie von Priestern verkündet ist.

In tausend Wesen habe ich Gott gespürt und konnte ihn nennen. Er war ein

Gott der Zeiten und glich der Seele der Zeit. Er war die Sehnsucht der

Menschen und abgewandelt wie die Seele der Sehnsucht. Ich fand ihn in dir

und sagte: Geliebte. Ich fand ihn im Freunde und sagte: Geliebter. Ich fand

ihn in allem, das sich selbst genügt und in der eigenen Erfüllung lebt und

sagte: die Schönheit.

In Ravenna fand ich den Gott, der als Seele den Leib überwuchert und mit

tränenverschleierter Stimme flüstert: Der Leib ist ein Staub und die Seele

das Feuer, in dem sich der Staub verzehrt.

In Florenz fand ich den Gott, der lächelnd verkündet: Seht, die Klarheit

ist alles! Seid hell wie der Himmel, den meine Güte euch wölbt. Seid gütig

und lernt das entwaffnende Lächeln. Ich heiße euch sanft sein und leicht,

daß ihr schwebt, wie mein Licht auf der Schwere der Erde.

In Rom fand ich den Gott, der als Seele zerbrochenen Lebens in die

Seele der Gegenwart weht und aus tausend vergessenen Schönheiten und den

rastlosen Zielen des äußeren Lebens die unbegreiflich versöhnende Schönheit

mischt. Und seine Stimme ruft aus dem Purpur: Ergründet nicht! Taucht nicht

in die Tiefen des Rätsels: Seid glücklich im Schönsein. Das Heil ist dem,

der blind bleibt!

In Neapel fand ich den Gott, der die Seele der Kinder bewohnt, in Gutem und

in Bösem. Den Gott, der die Pfaffen auslacht. Den Gott, der die gottlose

Menge bewegt und die harmlose Sünde behütet, indem er die Triebe aufgehen

läßt wie das Vogelfutter aus den winzigen Samenkörnern. Laßt doch mein Volk

in Ruhe, sagt er den Pfaffen! Das Volk ist mein und ich habe es lieber

als euch! Sühnt irdisch, wo irdische Frevel sind. Aber quält nicht mit der

Flamme des Geistes, was jenseits des Geistes ist und seiner und eurer nicht

bedarf! Laßt in der Einfalt, was in der Einfalt schön ist und heilig vor

meinem Auge ..

In Palermo fand ich den Gott, der in goldnem Wagen über den Häuptern fährt.

Den Gott, der die Taten segnet und Taten als Lohn für seine Liebe fordert.

Den Gott, der ein Fürst ist über den Fürsten: und sein Name ist Fülle und

Glanz.

TUNIS / WÜSTE

Ich fuhr mit demselben Dampfer nach Tunis, der mich von Neapel nach Palermo

gebracht hatte. Cesare Salvari, jener Matrose aus Messina, hatte mir an

einer geschützten Stelle des Deckes einen Liegestuhl hergerichtet, und ich

ruhte nun in der Mittagsglut des Hafens, den Blick in die Bläue gehoben,

die wie ein großes, seidnes Zelttuch über Mast und Stangen hing. Es war so

still, daß niemand ahnen konnte, das Schiff werde in einer Viertelstunde

fahren. Einige Pferde für Trapani waren schon früh verladen worden, das

wenige geringe Volk des Zwischendeckes hatte sich schon lange vor mir

eingeschifft, ein junger Mensch, der aus Kleinasien kam, war mein einziger

Reisegefährte.

Über den Häusern der Stadt flimmerte die Luft. Nicht eine einzige

Rauchsäule stieg auf. An den Abhängen des Monte Grifone schimmerten weiße

und gelbe Wände zwischen dem Grün der Orangengärten. Über dem Pellegrino

wob eine lilagraue Helligkeit, in der zuweilen das Licht silbern aufzuckte.

Das Schiff schwankte ganz leise in der Richtung seiner Länge, und dieses

Schaukeln weckte eine weiche, lässige Schläfrigkeit. Wundervoll war das

Rieseln der Wärme: wie das Rieseln unsichtbar feinen Sandes über dem

nackten Körper. Und obwohl von der See keine Kühle wehte, gab der Geruch

von Algen, Tang und Teer ein Gefühl von Frische und Weite. Kein Fahrzeug

war am weiten Horizont zu sehen. Leerer Himmel stieg in leere Luft. Das

Meer stand.

Die Stadt vor mir war längst nicht mehr Palermo: es war irgend ein

südlicher, sonniger Hafen, in dem mein Schiff eine kurze Ruhe hielt. Ich

hörte, wie die Brücke hochgezogen wurde, wie der Kapitän noch etwas ans

Land rief, wie die Sirene aufheulte und die fernen Bergwände das Echo

verschluckten. Dann war ein Gequirl von Wogen, ein Stampfen und Zittern

und Brausen, und wir fuhren. Ich mochte nicht aufstehen. Den Kopf zur

Seite gewandt, sah ich das Fliehen der Küste und der flach-hingebetteten

Häuser ..

»Ihr Abende auf dem Meer -- und ihr Abende in Angelinas Garten, ihr

Wagenfahrten am Corso der Via Libertà, du seltsames Maskenspiel südlicher

Menschen, die das Wesen von Puppen annehmen, wenn sie sich in der leisen

Betäubung des ewigen Auf- und Niedergleitens begegnen, ihr stillen

Morgengänge nach Acqua-Santa und Romagnolo: Lebt wohl! Lebt wohl für lange,

vielleicht für immer ..«

Die endlose Flucht der steilen Küste begann. Wir fuhren in weitem Bogen auf

das offene Meer hinaus, sobald wir Mondello und das Kap Gallo hinter uns

hatten. Das Ufer wich in immer tieferen Buchten, einmal schob sich ein Saum

von flachen, grünen Steppen in die Flut, dann zog der Golf von Castellamare

die Gestade an sich. Die Berge rückten zusammen und schienen sich zu

drehen, kahle, verbrannte Kuppen wuchsen hellbraun und lila aus der Masse

des tiefen Gesteines. Lila, wie ganz verblaßter Flieder, und lila wie der

nächtige Duft auf reifen Pflaumen, ein wenig feucht und kühl, und wieder

andere lilablau, wie späte Waldveilchen, schon halb entkräftet von zu

langem Licht. Dann plötzlich zeigte sich zwischen grauen Falten ein

hellgrünes Tal, verweilte wenige Augenblicke, und verschwand. Besonders

schön war dies: wie man im Golf die Küste weichen fühlte und, ganz an

dieses leichte Fernergleiten verloren, schon auf der anderen Seite neue

Berge kommen sah, viel steiler, viel zerrissener in den Abhängen, doch

still gerundet in den Kuppen, weich in der goldnen Luft entfaltet. Das nahe

Lila wich dem ferneren Indigo; einmal hob sich ein heliotropfarbener Kegel

in ungeahnter Milde über starren Graten. Lag irgendwo ein Haus in baumloser

und schattenloser Öde am Strand, so wuchs der Schauer der Einsamkeit. Ganz

einsam aber stand der Leuchtturm von San Vito. Hier lenkte das Schiff nach

Süden und gab die erste Mahnung an das Ziel. Wir waren in die Gewässer von

Trapani eingefahren. Ich schaute zwischen den Stangen des Geländers und den

flatternden Vorhängen in der Richtung des Monte San Giuliano, des Heiligen

Berges, auf dem das alte Heiligtum der Venus Erycina lag: Klar und

braun stand er plötzlich im Licht, doch über seinem Gipfel schwebte eine

rosenfarbige Wolke, ganz dünn, ein Schleier nur, ein süßer Dunst. So, wie

von Rosenopfern einst der Weihrauch der Altäre aufstieg, wenn die nackten

Chöre auf den Tempeltreppen sangen und die Kithara schlugen. In wildem Efeu

lag das weiße Haus, dessen vierfacher First nach allen Himmeln wies und die

flammende Schrift seiner Zinnen den fernen Meerfahrern hinhielt, so daß

die Matrosen von den Schiffen aufsahen und die Sehnsucht ihrer entwöhnten

Lenden doppelt brennend fühlten.

Um fünf Uhr warf das Schiff vor Trapani Anker. Ich ließ mich übersetzen

und fuhr in das Innere der gelben, sandigen Stadt, durch tote Straßen, über

leere Plätze ohne Grün und ohne Schatten. Aus glühenden Kasernenhöfen drang

das Schmettern der Trompetensignale, goldne Helmbuge blinkten über hohen,

weißen Mauern auf.

Ich kehrte bald zurück und trank den Tee an Bord. Die Pferde wurden

ausgeladen, schwarzes Gesindel, unheimlich und verwahrlost, trieb sich in

bunten Lumpen auf der Mole umher. Die Stunden gingen. Cesare trat zu mir.

Wir standen am Geländer und schauten auf Stadt und Meer. In das Gold der

Luft war ein Rosa geflogen. Der Monte San Giuliano hatte den Schleier um

seinen Gipfel dichter gezogen. Über den Dächern wob eine Stille, die ganz

voll Fremdheit war, verflüchtigend und entkörpernd. Alle Gestalten, die

über die schmale Brücke auf das Schiff gingen, schienen aus einem Dunst von

Blut zu kommen, in einigen Fenstern flammte dunkelrotes Feuer. Der Kapitän

ging vorbei und bat mich, zu Tisch zu kommen.

Wir waren zu dreien in dem großen Speisesaal. Alle Fenster standen

weitgeöffnet, das Wasser gurgelte leise an den Flanken, ein Geruch von Salz

und Tang kam manchmal über die Tafel, die mit Verbenen geschmückt war. Wir

aßen schweigend. Der Wein war schwer und dunkel, Conca d'Oro vecchio aus

Palermo, und Marsala, goldflüssig und gewürzt wie frischer Honig. Das

Obst fiel über die Ränder der großen silbernen Schalen auf das Tischtuch:

Bananen und Feigen, Limonen und Kirschen, Orangen und Nespeln. Als der

schwarze Kaffee gebracht wurde, schoß eine Purpurwelle durch die westlichen

Fenster, alle Wände, alle Stühle, die Blumen, die Tassen, die Vorhänge,

die Diwanreihen loderten auf, laute Rufe des Entzückens wurden über uns auf

Deck vernehmbar -- wir erhoben uns rasch und gingen nach oben.

Es war kein Flammen mehr, es war ein Wüten von dunkelrotem Feuer in diesem

Sonnenuntergang, am Boden beginnend, in flachen Wellen steigend und hart

über der schwarzen Silhouette der Stadt hinrauschend. Ein Bündel stahlblau

glänzender Dolche, stachen die wenigen Palmenwipfel über den glatten

Dächern in diesen Brand. Die breite Kuppel der Kathedrale ließ dünne

Blutbäche in den Bugen der Wölbungen niederrieseln, nirgends mehr war

das Erlösende eines milden Goldes. Schwärze und Purpur lagen fanatisch

ineinandergewühlt, durcheinandergeschleift, als das Schiff aus der Enge des

Hafens fuhr.

Und es kam kein Gold mehr. Auch nicht mehr jenes zarteste, durchsichtige

Apfelgrün, in dem so gerne der Tag noch über dem offnen Meere verweilt,

ehe die Nacht sinkt. Es kam nicht das süße Aufblitzen der Sterne, nicht

ihr silbernes Ruhen im blassen Aquamarin: es kam ein rasches, stummes

Verlöschen des Feuers, ein kaum zu fassendes Stillestehen des Lichtes

-- taubengrau und thymianlila -- und gleich darauf die Nacht, die tiefe,

dunkelblau gesättigte Nacht mit dem Gewühl der Sterne, die jeden Augenblick

aus ihrer weichen Fassung brechen konnten, um Luft und Meer und Schiff zu

begraben.

Ich lag auf dem obersten Deck in meinen Stuhl gestreckt, das Gesicht zum

Himmel gewendet. Am Boden neben mir saß Cesare und lehnte seinen Kopf

an den Sessel. Keine Stimme war lebendig auf dem Schiff, keine Mandoline

klang.

Da fühlte ich: Dies war nicht mehr die Nacht Siziliens: dies war die Nacht

über Afrika.

Die Bläue senkte sich, das Meer schwoll ihr entgegen, die Sterne drängten

nieder, zitternd in ihrer eignen Glut, Lichtbündel schossen in die Wogen --

doch plötzlich schien das Spiel zu ruhen.

Noch einmal tiefer hatte sich das Blau gebauscht, offne, stille Blumen

quollen langsam aus der Mündung eines ungeheuren Füllhorns, Lilienbüschel,

weiß und smaragdengrün, und sanken .. sanken auf das einsame Meer.

*

Es war halb fünf Uhr, als Cesare mich weckte. Ich warf den Mantel über und

trat einen Augenblick an die Türe. Blaßblaue Berge standen unendlich fern

in der dunstigen Luft, am Fuß von bräunlichem Rauch umlagert. Die Sonne

goß eine brütend-aufgelöste Wärme durch das Milchglas des verschleierten

Himmels, das Wasser blendete bis zum Schmerz.

»Scirocco, sagte Cesare, indem er die Hand vor die Augen hob und die Brauen

steil zusammenzog, um dem Blick eine größere Schärfe zu geben .. Aber ich

sehe den Hügel von Karthago, ein gutes Zeichen. Das Wetter wird hell und

trocken werden.«

Ich kleidete mich an und ließ das Frühstück auf Deck tragen. Die Luft war

unerträglich schwül, alle Glieder waren wie zerschlagen, obwohl ich vier

Stunden lang gut geschlafen hatte. Die Augen wagten kaum, sich zu öffnen.

Ein tauber, weher Druck zog die Lider herunter. Auch das Haar schmerzte,

und in den Ohren klopfte das Blut. Der ganze Körper war in ein Netz von

leichtem Fieber gespannt.

Die Anfahrt an die Stadt war nur ein Hinüberdämmern wie im Halbschlaf.

Bilder kamen und wechselten, traumhaft .. gleichgültig .. Bergspitzen und

Bergabhänge, braun und rosa, blaue, weiche Mulden und Streifen flachen,

gelben Landes drehten umeinander, während das Schiff kaum fühlbar

voranfuhr.

Ich lag wieder auf meinem Stuhl, Cesare saß mit untergeschlagenen Beinen

am Boden und nähte an einer Hose. Vom Zwischendeck kamen wilde,

unverständliche Laute herauf, schwarze Köpfe wurden zwischen Geländer und

Gestänge sichtbar, Weiber in hochroten Kopftüchern, mit großen Goldmünzen

im Ohr .. Kinder spielten Nachlauf und schrieen, wenn sie sich gefangen

hatten .. Nackte Heizer, schwarz von Ruß und den Dunst des Öles

ausströmend, kamen einen Augenblick zum Vorschein und wischten mit groben,

blauen Tüchern den Schweiß von ihren glänzenden Körpern. Sie leckten mit

der Zunge die vollen Lippen und ließen den Mund offen stehen, um die

Luft zu trinken. Die glühenden Augen starrten gegen das Land. Eine

unbeschreibliche Geilheit straffte diese harten Leiber, die Tag und Nacht

in die Glut der dumpfen Kesselräume gebannt blieben. Sie waren nur noch

Geschlecht, wie sie so dastanden in der bleichen Sonne, mit eingezogenem

Unterleib und breitherausgedrückten Brüsten. Wenn sie lachten, fletschten

die weißen Zähne wie im Maul eines gefangenen Tieres auf, und wenn sie sich

scherzend anstießen oder an den feuchten Armen packten, glich ihre Bewegung

dem plumpen Spiel junger Pantherkatzen.

»Sie haben Judenweiber in Tunis, sagte Cesare, als er auf meinem Gesicht

das Gemisch von Mitleid, Bewunderung und Ekel las. Sie können es nicht

abwarten, bis sie hinüberkommen. Sobald das Schiff landet und alle

Heizarbeit für die Weiterfahrt vorbereitet ist, gehen sie in die Stadt und

bleiben bis zum Abend. Wenn sie dann zurückkommen, sind sie mit Obst

und Zuckerzeug beladen, besonders mit goldgelben Lukkumwürfeln, die sie

manchmal den Gästen verkaufen. Betrunken sind sie nie. Eine Weile lang

flüstern sie noch heimlich zusammen und lachen in der Erinnerung an das

Erlebte, ist aber die Erregung ganz vorbei, so werden sie wieder schweigsam

und fleißig. Ich weiß, daß der jüngere von seinem geringen Lohn jede Woche

seiner Mutter in Neapel noch ein paar Lire schenkt ..«

Die braunen Gestalten waren verschwunden. Das Schiff ging rascher. Wir

näherten uns dem Hügel von Karthago, der steil und deutlich in das Meer

vorsprang. Weiße flache Häuser tauchten zwischen blühendem Grün empor, das

kleine arabische Dorf Sidi-Bou-Said zog sich am Berge hin.

Durch die Enge zwischen den Landzungen von La Goletta und Radès fuhr das

Schiff in den schmalen Kanal ein, der den Bahira-See durchschneidet

und geradeswegs dem Hafen zuläuft. Nun erst fiel die ganze Schwüle des

Sciroccomorgens über uns, doppelt quälerisch in dem weißen Dunst, der auf

dem unbewegten Wasser lag. Selbst Cesare, der schon so lange an

diesen Wechsel der Winde gewöhnt war, atmete schwerer und klagte über

Kopfschmerzen. Ich war ihm nach dem vorderen Teile des Schiffes gefolgt,

um die Anfahrt an die Stadt zu sehen. Ich saß auf einem Bündel

zusammengerollter Taue und schaute auf die weißansteigenden Dächer, auf

all diese flachen, scharfgezogenen Flächen, die sich senkrecht und wagrecht

bergan schoben und sich hart die schwarzen, abgeschnittenen Dreiecke ihrer

Schatten zuwarfen. Doch all diese Schatten dämpften nicht das übertriebene

Weiß der Wände, sie steigerten es und schienen selbst nicht da zu sein.

So blieb nur der Eindruck einer siedenden Helle: weiß wie silberne

Wasserdämpfe .. weiß wie berghoch aufgeschüttete Magnolienblätter .. weiß

wie der Glanz der Mondsteine ..

Das Wasser hatte grünliche Färbung angenommen und atmete Fäulnis. An den

Rändern einer kleinen Insel standen rote Flamingos und bargen die Schnäbel

im Brustgefieder, während sie die schwarzen Schwungfedern kurz und häufig

aufzucken ließen ..

*

Südliche Reise · 第 8 / 12 段