an. Wer Kronen trug, muß vor sich selber schweigen lernen. Auch der Tod
darf seine Einsamkeit nicht mehr durchbrechen. Der Schmerz zu leben, ist
unermeßlich groß. Wir haben es alle erfahren, und jedem blieb am Ende
die gleiche Weisheit: daß wir ein Spiel von tausend Schatten,
undeutbar-unergründlich sind. Was sind unsere Siege, was sind unsere
Niederlagen? Das Licht und das Dunkel, in dem unsere Kräfte zerflattern.
Vielleicht hat nichts zu verlieren, wer nie gelebt hat: Doch wer geboren
ist, muß fühlen, daß ihm das Schicksal die Erde bestimmt hat. So gab ich
mich hin an die Weihe des Lebens, groß und voll irdischer Leidenschaft: und
ging meine Wege, die meine Zeit mir gezeichnet. Ich liebte den Frieden und
war ein Träumer, ganz voll Schönheit. In meiner Sehnsucht war nichts von
Krieg. Krieg ward mir aufgezwungen. Ein großer Fürst hat keine Wahl. Süße,
stille Oasen im Brennen der Wüste waren die wenigen Friedensjahre meiner
Herrschaft .. immer seltner und karger, jemehr die Zahl meiner Jahre sich
häufte. Ich wuchs in die Seele des Krieges und lernte die Tücke. Ich
lernte die Feindschaft und die Seele der Falschheit .. und ich brauchte
die gleichen, vor meinem Ziele geheiligten Waffen. Sie trafen die reine
Sehnsucht des Herzens niemals: Ich wollte nichts als die Ordnung, da
Ordnung Schönheit und Einklang ist. Ich wollte schönes Leben erhalten und
schlafendes erschließen: Und ich mußte ringen um rohen Besitz, der längst
schon mein war! Nie gab es ein Ende, nie blieb ein Errungenes friedvoll.
Wie ein verfluchter Wandrer, gestachelt von Gram und Ungewißheit, zog
ich von Lager zu Lager, von Landschaft zu Landschaft. Von Palermo nach
Deutschland, von Deutschland nach Rom und zurück nach Sizilien -- und
wieder nach Rom und gegen die lombardischen Städte und hinab nach Apulien
und weiter nach Palästina und wieder nach Haus und wieder nach Deutschland
und endlos, endlos zuletzt durch Italien. Kaum war es mir vergönnt, im
Frieden meiner Hauptstadt zu leben: nur einmal -- o einzige, glückliche
Zeit -- sechs Jahre lang, ehe Gregor zum Kreuzzug trieb. Ich liebte
Sizilien. Es war meine Heimat und voll Schönheit. Es war deine Heimat,
o Mutter, und viele Frevel meines Vaters waren zu sühnen. Ich dachte
tausendfach Tränen zu trocknen. Was die Erde an Schönheit umfaßte, sollte
mein Land besitzen, jeder Fremdling sollte bis zu den entferntesten Küsten
die Kunde tragen, wie ich den Vater entsühnte und die Qual der mütterlichen
Seele stillte. Sechs Jahre nur blieben an Frieden: kaum Zeit genug, soviel
Ruhe zu sichern, daß ich die Saat meiner großen Träume ausstreuen konnte.
Dann trieb mich der Eifer des Pfaffen nach Akkon. Und niemals mehr wurde
Frieden. Maßlos wuchs der Gram meines Herzens. Drei Gattinnen starben
mir .. Ich verlor meine Söhne. Heinrich, dem ich ein Königtum gab, sann auf
Empörung. Ich mußte ihn strafen und in die calabrische Festung verbannen:
Dort fand er den unerwarteten Tod. Enzio schlug eine Schlacht für mich und
ward mir gefangen. Ich bot meine Schätze: Bologna blieb ohne Erbarmen. Sie
wußten, daß er mein Liebling war, von all meinen Söhnen der schönste, nur
Manfred vergleichbar. Und Freunde sah ich vor mir sterben, die selten nur
ein Kaiser findet. Hermann von Salza starb zu Salerno und Thaddäus von
Suessa fiel bei Vittoria. Der aber, den ich am unwandelbarsten treu
gewähnt, sann Verrat: Petrus von Vinea, der alternde Kanzler dem alternden
Kaiser. Der Bannfluch schreckte ihn! Noch wäre ich bereit gewesen, Frieden
zu schließen und wartete in Rieti auf den Papst: Aber Innozenz floh -- bei
Nacht -- auf genuesischen Galeeren und wandte sich nach Lyon. Dort hielten
die Pfaffen ein Konzil ab .. O wie sie meinen Namen zerrissen, wie sie sich
meiner Krone bemächtigten, all meiner Kronen, wie sie meine Würden von mir
streiften, so wie der Henker dem Verbrecher die Kleider bis aufs Hemd vom
Leibe streift. Ich war kein König mehr in Deutschland, kein Kaiser mehr,
Siziliens Los war der Entscheidung des Heiligen Vaters anheimgegeben -- Die
Bettelmönche ließ der Pfaffe los, wie eine Schar von Ratten, die Treue
zu vergiften. Bis an das Ohr des deutschen Sohnes wagte sich das
Geflüster -- --
Als mir die Kunde der Beschlüsse kam, ließ ich mir meine Kronen bringen --
ich trug sie nie -- und aus dem Glanz der Edelsteine brach meines Lebens
letzte Glut und Schönheit: Kampf bis zum Tod. Nicht mehr ein Kampf
um Ordnung: Ein Kampf des freien Gedankens gegen die Lüge, die Gottes
Unendlichkeit mißbraucht. Kampf meines klaren Glaubens gegen die Fäulnis
und den Betrug der Kirche. Ich fühlte den Gott auf der Erde, und ich
liebte die Erde. Nun riß es mich hin und überflutete mein Leben. Die Ahnung
entbundener Welt schlug noch wie Morgenrot in mein Gefühl, eine letzte
Entlastung des tausendfach müden, belasteten Lebens .. Da zerrann die
Klarheit im Zwielicht meines Sterbens. Ich war nicht glücklich, Mutter,
doch ich hatte Flügel. Ich trug nur Schwere und war leichten Geistes. Ich
wollte viel Macht, viel Glück, viel Schönheit: Schicksal und Sehnsucht
lösten sich auf ..«
*
Ich hatte Axel Arnedals empfehlende Karte zu Angelina Lancisi geschickt und
anfragen lassen, ob ich sie am Abend besuchen dürfe. Ich fand die Antwort,
als ich in den Gasthof zurückkehrte: Sie bat mich, bei ihr zu speisen.
Ich traf in der Villa außer der Besitzerin Margerita Avellino und Percy
Vantadour, einen jungen Provenzalen, der in den städtischen Archiven
arbeitete.
Die Fenster und Vorhänge des Speisezimmers waren noch dicht geschlossen.
Das Kupfer weniger Kerzen brannte in dem goldnen Halbdämmer.
»Es wird Ihnen in Palermo ergehen wie mir, sagte Percy Vantadour: Sie
werden beginnen, die neue Schönheit zu enträtseln und immer tiefer im
Geheimnis versinken. Ich kam vor zwei Monaten, mitten im Frühling hierher,
und dachte einige Wochen zu bleiben: Es ist Juni -- und ich bin noch immer
da. Ich kann auch nicht sagen, wann ich gehe. Ich liebe diesen Sommer,
ich liebe die Hitze des Steines, der fast den Fuß versengt, die Glut der
Gitterstäbe, den trocknen Geruch des Staubes und die monotone Helle der
Landstraßen, die sich im Zickzack an den kahlen Berghängen hinauf- und
hinunterziehn. Ich liebe das Bröckeln des Steines in der blauen Starrheit,
das Dorren der Ginstersträucher an den Hügeln, den Zerfall des Grases auf
allen Plätzen. Ich liebe die machtlose Bucht des Meeres, die kaum noch
Kühle gibt, da der gleißende Spiegel die Strahlen, die er löschen soll, nur
verdoppelt zurückwirft. Blumen, in die sich mein Gesicht vergraben möchte,
wenn früher Frühling ist, Blumen, die in den langen Wintern von Paris
selbst aus meinem Schlafzimmer nicht verschwinden, sind mir wesenlos in
dieser Landschaft. Ja, ich vermeide die Gärten. Ich sitze lieber in der
glitzernden Kühle der Kathedralen, in der Capella Palatina oder im Dom von
Monreale, am allerliebsten im Dom von Cefalù. Vielleicht nur deshalb, weil
diese Stadt so einsam ist: ein Haufen brauner und gelber Steinmassen über
dem Lasur des Meeres. Schon ihr Name atmet Backsteinöde.«
Als die Tafel aufgehoben war, gingen wir in das Nebenzimmer, dessen
Flügeltüren nach dem Brunnenhof geöffnet standen. Ein breiter Wasserstrahl
quoll in der Schale auf und floß durch flache Rinnen in seitliche Becken,
die einen stillen Abendhimmel spiegelten. Die Luft war wie von unsichtbaren
Händen angehalten, ein laues Seidentuch, das kaum die Wange streifte. Aus
hohen Terrakottavasen stürzten die Geranien auf den Boden. Wir waren alle
ins Freie getreten. Margerita Avellino hatte den Arm ihrer Freundin gefaßt,
Percy stand neben mir.
»Sagen Sie mir doch, Percy, begann nach einem kurzen Schweigen Margerita,
wann zum erstenmal ein Vantadour nach Sizilien kam und was er dort tat.«
Wir setzten uns vor den Brunnen, und Percy erzählte:
»Adelasia, die Mutter des zweiten Roger, war eine Gräfin Montferrat, und
brachte die geselligen Gewohnheiten ihres väterlichen Hauses und vor allem
die Liebe zu den Künsten mit nach Sizilien. Der Herrschaft Montferrat
benachbart lag die Heimat der Vantadour. Bernhard, mein Urahn, kam oft
auf das Schloß des Grafen. Er übte die Kunst des Gesanges und war gerne
gesehener Gast. Man nahm ihn als Freund und Vertrauten des Hauses auf.
Als nun Roger I. um 1112 gestorben war und Adelasia nur mit dem einzig
überlebenden Sohne zurückblieb, war nichts natürlicher, als daß sie so viel
wie möglich die Fühlung mit ihrer Heimat zu wahren suchte. Es liegt
immer im Sinn einer Mutter, dem Sohn die Liebe zum mütterlichen Land und
Geschlecht zu erwecken. Sie ließ viele Provenzalen an den Hof kommen, und
als einen der ersten den alten Freund Bernhard Vantadour.«
»Sie sagten eben, unterbrach Angelina, daß Adelasia früh mit ihrem
Sohne Roger allein blieb. Ist in dem Wesen dieses Königs ihr Einfluß zu
verspüren?«
»Gewiß! Herrschertum lag ihm vom Vater her im Blute, von dem Geschlecht
der Hauteville, in denen der Geist der Wikinger noch lebendig war. Aber die
große, innere Gesittung, die Zartheit seines Fühlens und sein bedeutender
Sinn für die Kunst waren mütterliches Erbteil. Roger war ein Fürst, der
sich in allem pflegte. Er soll sehr schön gewesen sein: und er wußte, was
schön sein hieß. Auch seine große Güte und das leichte Ergriffensein des
Gefühles kamen von Adelasia, die an dem Kummer einer großen Enttäuschung
starb.«
»Woran starb sie?« fragte Margerita, die ihren Arm um Angelinas Schulter
gelegt hatte und nichts als Lauschende war, fast wie ein Bildnis anzusehen
in ihrem weißen Seidenkleid, das von der linken Brust bis zur rechten Hüfte
einen schmalen Glycinenzweig als einzige Verzierung trug. Ihre kleinen
Füße spielten mit den Dolden eines Geranienbusches, und die dünnen goldnen
Armspangen über den blauen Adern ihres Handgelenkes klirrten leise bei der
geringsten Bewegung.
Percy sah sie an, ohne Antwort auf ihre Frage zu geben, die in gleichem
Tonfall wiederholt wurde:
»Woran starb sie?«
Percy zuckte leicht zusammen ..
Er wollte gerade antworten, als eine Uhr im Innern des Hauses neun schlug.
»Mein Gott, rief Angelina, wir müssen aufbrechen! Ich habe die Schiffer
um neun an die Piazza della Kalsa bestellt. Percy kann uns im Wagen
weitererzählen.«
Sie ging rasch voran ins Haus. Ich folgte ihr. Als ich mich zufällig im
Rahmen der Glastür umwandte, sah ich im Zwielicht die dunklen Gestalten
Margeritas und Percys noch einmal die Rundung des Brunnenweges
abschreiten. -- --
Vor der flachen Marmortreppe stand der Wagen mit zwei kleinen,
goldgeschirrten Rappen bespannt. Ein Diener hatte die weißen Mäntel der
Frauen über dem Arme und wartete.
Vier Schiffer hatten sich an der Piazza della Kalsa eingefunden und
geleiteten uns zu dem Landungssteg, an dem die große Barke lag.
»Wie ist das Meer?« fragte Angelina.
»Marchesa, es ist ganz ruhig, wie meistens um diese Jahreszeit,« antwortete
ein alter Mann, indem er sich verneigte und wie einen Befehl erwartend zur
Seite trat.
»Können wir bis gegen Solunt rudern und nicht allzuspät zurück sein?«
»Ohne jeden Zweifel ..«
Der Diener brachte Obst und Wein, ein junger Schiffer breitete Kissen und
Decken aus und drehte die Windlichter so, daß sie nicht blendeten. Ein
anderer reichte den Damen Nelkensträuße, ein vierter gab Percy und mir
weiße Kamelien für das Knopfloch. Die Ruder tauchten in die glatte,
glänzende Tiefe, die Barke drehte, und wir nahmen die östliche Richtung des
Kap Zaffarano. Die Luft war weich wie Rosenblätter, lautlos glitt das Boot.
Die braunen Männer summten im Takt der Ruder ein Lied, indes die Küste
unmerklich vor unsern Augen floh und die Kette der Hafenlaternen sich
dichter schloß. Wir lagen schweigend auf den Polstern, hingegeben an
die Glückseligkeit dieses traumhaften Schwebens, uns selbst entrückt und
willenlos dahingetragen, so leicht, so körperlos wie der Mond, der in
dünnen roten Wolkenflören aufging. Margerita hatte ihre Schulter an
Angelinas Brust gelegt. Sterne fielen.
Ich dachte an meine Heimat, an die Mutter, an die Freunde. Wie fern war
alles. Ich dachte an mich selbst, an Kampf und Sehnsucht meines
Lebens. Auch dies war fern. Nichts mehr war. Nur dies Schweben, dies
Hinabdämmern. -- --
Percy hatte die Augen geschlossen. Er sah aus, als ob er schliefe. Über
seinen Zügen lag der Duft des Mondes .. lag ein Lächeln, das nur die Seele
der Dichter kennt.
Angelina hob die Hand vor die Augen und sah nach der Küste.
»Wo sind wir?« fragte sie die Schiffer.
»Auf der Höhe des Kap Mongerbino. Es sind anderthalb Stunden verflossen
seit der Abfahrt.«
Der Mond stand silbern auf den Hügeln und löste das Gestein in bronzene
Schatten auf. Die Häuser eines kleinen Dorfes glänzten in grünem Atlas.
»Wenn wir die Barke hier ruhen ließen?« meinte Margerita.
Percy öffnete seine Augen und lächelte, während seine dunkle Stimme ganz
leise einsetzte:
»La barque dort, dormez mes longues peines,
Restons bercés par l'onde du silence ..
O douce nuit d'amour, nuit de clémence,
O nuit d'oubli .. Faut-il mourir, ma Reine?«
*
Am nächsten Tage war das Fest eines Heiligen. Ein Feiern wie am Sonntag lag
über Dächern und Straßen, als ich früh am Morgen nach der Martorana-Kirche
ging. Wundervoller Name: dunkelblaue Vokale, an goldnen Schnüren
aufgezogen, weicher, langer Bogenstrich auf der untersten Saite der Viola.
Zwischen Rosengebüsch und Palmenwedeln hebt der Glockenturm auf schwerem
Mauerwerk die leichten, goldumstrahlten Säulenbündel in die Höhe. Alles in
diesen Bögen ist Aufgang, Sehnsucht, frei wie ein Vogel in der klaren Luft
zu schweben: und doch zu ruhen.
Im Innern tragen alle Wände Mosaik, ein wenig verwildert, wie Blumen in
vergessenen Gärten. Es leuchtet keine verhüllte Tiefe auf wie in Ravennas
blauer Glut. Die Steine schillern, sie strahlen nicht. Sie bezaubern, sie
rühren nicht.
Auch San Cataldo sah ich an diesem Morgen, die Backsteinkirche, die ihre
karminroten Kuppeln auf dem flachen Dache trägt. Verschlossen ragt der
verlassene Bau auf kahler Steinterrasse. Die hohlen Fenster deuten in
violettes Dunkel. Erlösend haucht die Kühle, sobald der Fuß die Schwelle
überschritten hat und in das Säulenviereck tritt, auf dem die mittlere
Kuppel ragt. Schatten fliegen von den Wänden. Alle Fensterbögen sind nun
mit hellem, blauem Glanz gefüllt, besonders licht und süß das eine, das aus
der Apsiswölbung sich in die tiefe Flut des Himmels hinüberlehnt: Das ist
die letzte Hoffnung der Erde: Der Blick in das Paradies, in das Firdusi ..
Sehr spät am Nachmittag ging ich zur Cala, dem alten Hafen, hinunter. Auch
hier war Stille. Die müden Fischerbote lagen Reih' an Reihe in dem seichten
Wasser, von schwarzem und von grünem Moos bezogen. In dem Getakel saß das
heiße Gelb des wolkenlosen Abendhimmels. Die Sonne senkte sich nach den
Belliemibergen. Der Monte Pellegrino hing schon voll roter Schatten. --
Die Türen der verwahrlosten Häuser standen offen und ließen trübe, feuchte
Gänge sehen, ausgetretene, enge Treppen und kleine, schmutzige Höfe, in
denen Wäsche zum Trocknen aufgehängt war. Auch über dem Eisengitter der
brüchigen Balkone hing farbiges Zeug. Vor einer Schenke standen kleine
Tische und zerrissene Strohstühle. Halbgeleerte Gläser, in denen der Rest
des Weines verdunstete, verrieten, daß hier getrunken worden war. Vor einem
andren Hause lagen geöffnete Austernschalen, ein Bäcker hatte einen gelben
Kuchen ausgestellt, auf dem die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte zu
Ornamenten ausgelegt waren. Im Rahmen eines Fensters kämmte eine alte Frau
ihr Haar. Als sie mich gewahrte, trat sie zur Brüstung des engen
Balkones und ließ die grauen Strähnen von ihren Schläfen über das Gitter
niederhängen. Ich lachte ihr zu und winkte mit der Hand einen Gruß hinauf.
Aber sie blieb unbewegt. Sie ließ aus ihrem welken Mund langsam einen Faden
silbernen Speichels fallen, der im Sinken golden wurde, und blickte lange
auf den feuchten Fleck am Boden.
Dann kam ich an die Stelle, wo eine schmale Treppe ins Wasser führt.
Knaben badeten in der Pfütze. Ihre Lumpen hatten sie über den Rand eines
vermoderten Kahnes gelegt, auf den sie manchmal kletterten, um sich zu
trocknen. Sie hatten ein seltsames Spiel erfunden. Sie rieben Schlamm
auf ihren Körper und wuschen ihn um die Wette mit dem grünlichen Wasser
herunter. Wer zuerst sauber war, hatte gewonnen. Einer kam die Treppe
herauf und bat mich, Geld auszuwerfen, damit sie danach tauchen könnten.
Ich wies sie nach einer Stelle, wo das Wasser klarer war, und ging voran.
Sie liefen hinter mir her und stürzten sich an der nächsten Treppe hastig
in die Flut. Ich warf meine Soldi: Ein endloser Jubel brach aus,
helles ergreifendes Lachen, wie es der Norden nicht kennt. Ich mußte
an Hafenkinder denken, die ich in Hamburg gesehen hatte, in Brest, in
Liverpool, in Dublin -- an trübe, kranke, unheimliche Kinder -- und
sah dann wieder auf die braunen, schlanken Körper vor mir, die sich
im Sonnenlicht und Wasser dehnten und reckten, sich faßten und wieder
losließen, eben eine Gruppe bildeten und im nächsten Augenblick wieder in
die lauen Wellen auseinanderstoben.
Ich ging bis an das Ende der Mole, so weit es möglich war, und wandte das
Gesicht den Bergen zu, die eine kühle Nacht versprachen. Leuchtend hob sich
die Stadt über dem Viertel der Armen. Aber ich achtete nicht auf die weißen
Villen, nicht auf die Kuppel des Domes und Zinnen des Königspalastes: Ich
sah nur das öde, verfallende Meerkastell und die Schiffsmaste der einsamen
Cala, die so hilflos in das schwere, schwere Gold des Abends ragten. Ich
sah nur die spielenden Knaben, die sich auf den Kies gelegt hatten und mit
fühllosen Fingern an ihre schönen kleinen Körper tasteten, ohne zu ahnen,
daß es Menschen gibt, die um die Schönheit kämpfen müssen, wie ihre armen
Eltern um das geringe tägliche Brot.
*
Am Abend besuchte mich Percy Vantadour. Wir blieben lange bei Tisch sitzen.
In jedem Wort, das er sagte, war der Dichter, der unermüdliche Aufspürer
von Zusammenhängen, der Sucher der Gesetze, der Schöpfer der Schönheit. Die
Rede flog von seinem Mund, sie wurde Begeisterung und Gedicht, ohne daß
er es fühlte. Rhythmen kamen, Reimworte, die das Gewicht eines Satzes
unverhofft in den Hafen des Gleichklanges lenkten und an den nächsten Satz
weiter gaben. Er glitt in die Dinge, und prüfte mit allen Fibern der Seele
und der Sinne. Er tastete Formen herauf, wo Bruchstücke waren, er löste ein
falsches Ganze in rettende Teile auf. Doch über allem war die Liebe, die
sinnlose, leidende, jubelnde Liebe des Künstlers, die die ganze Welt voll
Leidenschaft aufgreift und der schöpferischen Flamme als Beute vorwirft.
*
Zehn Säulen aus Granit tragen im Mittelschiff die arabischen Hufeisenbögen,
über denen die Wände in das Deckengewölbe emporwachsen. Leuchter schweben
an goldnen Schnüren zwischen den reichen Kapitälen. Fünf Stufen führen
zum Chor hinauf, den eine unerwartete Helle so überirdisch füllt, daß das
Flammen der Kerzen auf dem Hochaltar dunkel erscheint. Tausend, zehntausend
bunte Kolibri flattern in der Luft, wiegen sich, halten an, kreuzen sich
im Flug, bleiben im Inneren der Bögen sitzen, an den Friesen der Decke,
auf den Rändern der Kanzel, in den Zacken und Ornamenten des hohen
Opferleuchters. Es schwirrt und flitzt von bunten Funken in einer Woge
aufgeregten Goldes. Es funkelt und sprüht vom Glanz der rastlosen Flügel,
es blendet und erweckt fast Schwindel: das ist die Capella Palatina, der
leidenschaftlichste Traum des großen Roger, in der Sprache von Millionen
bunter Glassteine gedeutet. Suche nicht zu ergründen, löse die einzelnen
Bilder nicht los, entziffre keine Inschrift, frage nicht nach den Namen
der schlanken Heiligen: bleibe ganz still im Flittern des Lichtes, sitze
irgendwo nieder und gib dich hin an den Glanz, bis du die Einheit spürst,
bis sich dein tiefes Erstaunen in tiefes Fühlen verwandelt, bis Wesen
erwacht, wo Schein dich traf. Spinne die schimmernden Fäden zurück bis in
Gallas schwermütig-dunkelnde Gruft zu Ravenna, gedenke noch einmal der tief
nach innen gedeuteten Sehnsucht des heilverlangenden Herzens, dessen Träume
ungewiß über der Schwelle zweier Zeiten schwebten: und schwinge dich dann
im Flug der umgewandelten Jahrhunderte bis in die breite Lichtung eines
grenzenlos-berauschenden Lebens hinüber, das dieses Gotteshaus als ein
Symbol in den Himmel des Herrn warf. Halte dich hoch in dem Licht mit den
Vögeln, wiege dich mit und netze die Schwinge der Seele im Taugeglitzer der
Blumentriften, die an den hohen Wänden blühen. Was dich umgibt, ist nicht
mehr abgeschlossner Raum: es ist die weite Lust der Erde, der Frühling des
Lebens, der schon in Sommer übergeht.
Alles, was lebt, Mensch, Tier und Ding, erhebt den Lobgesang der Welt,
die Gottes Schönheit spiegelt. Das Übersinnlichste in Ton und Farbe bleibt
einfach, nah und ganz Natur: Nicht eine Kraft ist im Symbol verflüchtigt.
Die Seele Rogers strahlt aus seinem Werk: die unbeschreibliche Freude, zu
leben. Die Freude, die keinen Grund hat -- so wie es eine Trauer ohne Anlaß
gibt -- die Freude, die aus dem hellen Blut des Helden weht, den seine
Götter lieben.
*
Meine Hände hoben die weißen Rosen empor: Mund, Stirn und Haare versanken
in dem kühlen Überfluß. O, Küsse dieser Rosen! Durst nach Schönheit mitten
in der Erfüllung: San Giovanni degli Eremiti: du Gift Palermos, das trunken
macht und brennende Fernen einflößt. Dich bekennt kein Wort: vielleicht
enthüllt dich der Herzschlag des Besiegten, der an dem Brunnen deines
Säulenhofes hinsinkt und über Rosen weint, die in den weißen Sonnenkringeln
laufen, die von den weißen Säulenbündeln stürzen und sich vom Rand der
Mauer in die Bogen niederlassen ..
Da ist ein Palmenwedel ausgebreitet und reicht bis an das Ziegelrot der
Kuppeln, da ist ein Lorbeerbaum und hilft dem atemlosen Anstieg violetter
Clematisblüten in die Kühle seines glänzenden Laubes, Efeu, fast schwarz,
speit das Blut der Geranien von sich. Am Ende des Gartens, im Schatten
von Limonengrün, führt zwischen hohem Gras und Schirling ein Pfad zu einem
ruhenden Wasserbecken: Von dort umfaßt der Blick den Turm der Kirche und
vier der roten Kuppeln im Rahmen eines einzigen Kreuzgangbogens. Gold
tröpfelt durch die Blätter der Zitronenbäume, die reifen Früchte atmen
scharfe Süße. Die Luft steht still, ganz blau und still. Die Hummeln
fliegen. Das Licht schlägt Wurzel in den weißen Säulen. Der weiße Rundgang
malt die malvenfarbigen Schatten seiner Bögen auf den Boden. Die Hitze
siedet und schlägt Wellen auf ..
Schließe die Augen, die müden,
Rufe den stillenden Traum:
Bald fährt ein Schiff dich nach Süden
Bis zu dem purpurnen Saum
Ewig dorrenden Landes,
Wo dir das Wunder ersprießt
Und sich im Rieseln des Sandes
Über dir schließt.
*