Mutter -- gab, die Rede auf Marc Anton gebracht. Das Gespräch hielt uns
bis Mitternacht, und als wir alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse der
Trinità de' Monti schlenderten, sagte Axel ungefähr folgendes:
»Ich habe neulich eine halbe Stunde lang die Büste dieses Mannes betrachtet
und nicht eine Spur geistigen Lebens gefunden, die das übertrieben-Weiche
dieser Züge zusammenhält und verschönt. Da ist nichts als Fleisch, sorgsam
in Locken gelegtes Haar und ein Mund, dem eigentlich die Anmut fehlt,
obwohl er schmal und sanft von Wange zu Wange zieht. Das Kinn versinkt, die
Augen liegen tief und schimmern feucht. Sie müssen sehr schön gewesen
sein, ganz ohne Seele, nur Sinnlichkeit. Ich kann mir nicht denken, daß sie
schwarz waren. Ich empfinde sie grau, sehr matt und sehr verschleiert. Mit
seiner Sinnlichkeit allein bezwang dieser Mann das Volk nach Caesars Tod.
Seine Worte waren wie das Geschmeide, das eine schöne Frau sehr schön
zu tragen weiß. Er ließ sie funkeln und schillern, er wand sich in ihrem
kühlen Flitter und machte das dumpfe Volk befangen. Die Worte perlten: und
schimmerten im Glanz von Tränen. Sie bluteten: und ließen die Wunde des
Herzens ahnen: Wo eine Preisgabe sondergleichen war, sah die Menge noch die
Beherrschung des vornehmen Mannes, dem Stand und Sitte nicht gestatten,
den ganzen Schmerz zu zeigen. Vielleicht war es ein schlimmer Übergang
in seinem Leben, als er erkannte, daß eine Sinnlichkeit, die gleichmäßig
aufgeteilt ein ganzes Wesen beherrscht, selbst da noch eine große Macht
besitzt, wo jede Kraft der Seele versagt. Auch kam dieses Erkennen zu spät
und mußte gefährlich sein als Maß für die Haltung eines Mannes. Antonius
war vierzig Jahre alt, als Caesar starb. Octavian aber war achtzehn: Ein
wesenloses Alter an irgend einem Gegner, aber nicht wesenlos, wenn das
Gesicht dieses Gegners die Züge Octavians trug. Antonius fühlte nicht den
Unterschied. Er sah die Schönheit wohl: doch daß es die reine Schönheit
eines unbeugsamen Willens war, der eine tiefverschlossene träumerische Glut
in Zucht hält, sah er nicht. Was war ihm dieser Knabe? Der Bruder
seiner Gemahlin, vielleicht einmal der flüchtige Reiz einer späten
Gastmahlsstunde.«
Wir standen alle um den Sprecher, der plötzlich abbrach und mit der Hand
nach der Kuppel von San Carlo wies, als ein Schwarm von aufgestörten Tauben
silbertriefenden Fluges hinter der Wölbung verschwand. Perlmutterfarbene
Wolkenflocken schwebten über den Gärten der Villa Medici.
»Woher wissen Sie alle diese Dinge?« fragte eine Dame.
Axel lächelte unmerklich:
»Nur aus der Statue. Ich höre das Blut in den Adern klopfen. Ich kenne den
Klang der Stimme, wenn ich gefunden habe, wie die Augen aussahen. Ich lerne
es langsam wieder, das Wesen eines Menschen aus seinem Körper zu deuten.
Ich gebe mir Mühe, den tieferen Sinn des Leibes zu erfassen. Wir waren viel
zu lange krank an Seele und Vergeistigung. Wir messen Werte nur noch mit
diesen Gewichten. Aber die Sprache des beseelten Körpers ist uns
verloren gegangen. Rom wies mir den Weg zur Umkehr. Rom führte mich nach
Griechenland. Wie eine tiefe Beschämung fiel es auf mich, als ich vor
Jahren zum erstenmal das Kapitol, den Vatikan und die Thermen durchwanderte
-- und an unsre armen Körper dachte, an denen nichts mehr gilt als das
Gesicht. Die Verhüllungen unseres Leibes haben uns den Sinn des plastischen
Ausdrucks genommen. So kommt es, daß wir anfangs fast hilflos vor den
Marmorbildern stehn, bis unerwartet die Erleuchtung in uns kommt: die
Wehmut einer Schulter, das Müde einer Hüfte, die atmende Glückseligkeit
einer Brust lassen uns begreifen. Dann beginnt die Arbeit, mit der wir die
lange Verwahrlosung sühnen. Und langsam, langsam ernten wir die wundervolle
Frucht.«
Schon während der letzten Worte hatte Axel die Blicke nach dem Aufgang der
spanischen Treppe gerichtet. Nun winkte er uns leise an das Geländer und
deutete nach dem schmalen Altan, der die mittleren Stufenläufe aufnimmt: An
der Mauer lagen in tiefem Schlaf zwei halberwachsene Kinder. Ihre
Gesichter -- deutlich erkennbar im bläulichen Mondlicht -- spiegelten tiefe
Beruhigung, das Hemd über der dunklen Brust stand ein wenig offen. Keiner
von uns sprach.
Da mußte ich an alle die Vielen denken, die Nacht für Nacht im Schutz der
Kirchentüren schlafen, Arme und Alte, in zerrissene Kleider gehüllt,
die Glücklichen unter ihnen in einen zerlumpten Mantel, den sie irgendwo
erbettelt oder fortgenommen haben. Wie oft sah ich sie plötzlich vor mir
liegen, wenn ich unachtsam die nächtigen Stufen einer Kirche emporstieg ..
O Armut Roms! Die am Tage über die alten blinden Bettler klagen und nicht
mehr wissen, wo ein Almosen frommt und wo nicht, mögen des Nachts an
die Kirchentreppen gehen und stumm den Schlafenden die stumme Wohltat
erweisen. -- --
Schweigend verließen wir die Terrasse der Trinità de' Monti und gingen
nach der Via Veneto zurück. Auf dem freien Platz vor San Isidoro nahm ich
Abschied, um nach der Piazza Barberini hinabzusteigen. Der Tritonbrunnen
warf mir das Silber seines Wassers entgegen, als ich in das Innere des
Hauses trat.
Ich konnte lange nicht schlafen. So fing ich an, in der Geschichte der
frühen römischen Kaiser zu lesen, bis zu Caligula hinauf. Schon flog die
blasse Röte des Morgens durch die Luft, als ich das Licht löschte; in
einem fernen Hof fing eine Magd schon an zu singen, eine jener langgezognen
römischen Melodien, die um einen ruhenden Ton kreisen und wie ein müder
Brunnenstrahl immer von neuem in sich zurückfallen. Die harten Blätter
der Platanen raschelten im leichten Frühwind, eine Schafherde kam die Via
Sistina heruntergezogen und verschwand in der Via Quattro Fontane.
*
Ein hellblauer Morgen sprühte herauf. Es war kühler geworden. Die
Tramontana wehte; in allen Fensterscheiben, in allen Wipfeln flog der Glanz
der Frühe auf und nieder. Von den Blumenständen sprangen die Farbflecken
auf: hochrot und gelb, weiß und blau. Die weißen Tücher auf den Tischen vor
den Trattorien flatterten über die Kanten empor, die Schreie der Ausrufer
hallten doppelt laut und deutlich durch die klare Luft aus den Straßen
herauf, der Tritonbrunnen warf seinen Strahl von einer Seite auf die
andere.
Ich verließ das Haus sehr zeitig. Da der Morgen an den Tag meiner ersten
Ankunft in Rom gemahnte, ließ ich mich auf großen Umwegen über die Piazza
delle Terme, durch die vielvertraute Via Cavour, an den Treppenschnüren von
Santa Maria Maggiore vorüber, und durch den Spezereiduft der Via Baccini
bis zur Piazza Aracoeli fahren. Hier stieg ich aus. Wie so oft schon, blieb
ich am Sockel des Löwen lehnen, der zwischen dem Aufgang zum Kapitol und
der unvergleichlichen Treppe zur einsamen Kirche Santa Maria in Aracoeli
ruht. Diese Stufen fließen in das Licht empor. Sie sind Welle geworden, die
golden an die schlichtgewölbte Eingangstüre der nackten Fassade anschlägt.
Keine Verzierung schmückt die leblose Fläche dieser hohen Wand: nur die
zarte Narzisse einer gotischen Rosette öffnet zur Linken des Torbogens
ihren achtzackigen Stern und blüht vor dem Hochaltar der Mutter Gottes,
die bei den Römern als Juno Capitolina an der gleichen Stelle im Haus der
weißen Säulen wohnte. Es müßten Kinder kommen an einem solchen Morgen,
Kinder in weißen, flüsternden Kleidern, Blumen mit ihren kleinen Armen
an die kleinen Brüste drücken -- Kamelien und Azaleen -- und die Stufen
hinaufflattern, indes die Blüten hinter ihnen niederrieseln .. Ihre dünnen,
silbernen Stimmen müßten sich zum Gesang erheben, so daß eine Woge von Weiß
vor den Thron der einsamen Frau strömte, die fern vom Glanz prunkvoller
Kirchen hier über allen Giebeln thront.
*
Ich ging zum Kapitol hinauf.
Ich blieb lange bei Caligulas Traurigkeit.
Von seinem Vater Drusus konnte Helle in seinem Leben sein. Man sagt auch,
daß er als Knabe fröhlich war. Von seiner Mutter Agrippina, der Enkelin
des ersten Augustus, hatte er das Trübe, Gequälte. Ihr Schicksal warf einen
schweren Schatten. Sie war voll Größe, voll Herrschsucht und Mißtrauen.
Sie wagte, die Feindin des Tiberius zu sein und büßte mit Verbannung.
Man tötete ihre beiden ältesten Söhne. Das ertrug sie nicht. Sie gab sich
selbst den Hungertod.
Trüb und hart ist das Auge Caligulas, wie es die Büste zeigt, trüb und hart
die selbstquälerische Stirne, unwillig, doch unberührt der Mund.
Ein Wüstling? Nie. Ein Gelähmter, Zurückgebliebener, verstört durch das
unerhörte Schicksal seiner Mutter, das seinem harmlos-heiteren Geist den
Glauben an die gute Ordnung der Dinge nahm. Grausam: aus Mißverständnis.
Willkürlich: aus zerstörtem Glauben. Voll Größenwahn: weil im Erstarren
seines Willens die Masse für die schöpferische Tat verloren gingen.
Verloren: da er sich selbst nie besaß.
In eines Mannes Sinken wird das Sinken eines Volkes klar .. Ewiges Gesetz
des Verbrauchten, Stoff, der sich selbst vernichtet.
Seele Roms!
Wunderbare Trauer Roms!
»Rom sank und sinkt ..«
*
Eine Stunde später stand ich vor der Büste des jugendlichen Augustus in der
Sala dei Busti des Vatikan. Ich war zu Fuß gegangen, das linke, eintönige
Tiberufer entlang und an den Palästen der Falconieri und Farnese vorbei.
Oft genug hatte das Auge das frische Grün des Janiculushügels gesucht, ehe
es wieder am bräunlichen Schillern der Flußwellen unter den Brückenbögen
haften blieb. Ich durchquerte den Borgo Vecchio, um auf den Petersplatz zu
gelangen. Die trübsten Toreingänge und Kaufgewölbe hatten an diesem Morgen
einen Schimmer von Helle aufgefangen, der grünliche Beschlag der Wände
schien weniger krank und modernd, der stickige Atem der Kramläden war
in dem schmalen Streifen Bläue verflogen, der hoch über den engen
Giebelfluchten stand. Nur das unergründliche Gemisch der römischen Gerüche
war geblieben: ein widerwärtiger Duft vom Blut der frischgeschlachteten
Tiere, die an gebogenen Hölzern vor den Türen hingen, die scharfe Süße
alter Orangen und Zitronen, Parfüme von Zimt und Pfeffer, von Nelken und
Öl, von dem Bodensatz geleerter Weinfässer, die vor den Kellern lagen, und
dem süßen Fäulnisarom halbwelker Rosensträuße, die jemand auf die Straße
geworfen hatte. Schmutzige Kinder lagen auf den Pflastersteinen, Weiber in
hellen Blusen schrieen sich über die Straße unverständliche Worte zu und
fuhren sich mit den hölzernen Stricknadeln in das geölte Haar, in der Stube
eines Barbiers lehnte am abgeschabten Plüschsessel ein braungebrannter
Bersagliere und log den Umstehenden Kasernengeschichten vor. Der
Hahnenbusch auf seinem Helm ging wie ein Wedel durch die Fliegenschwärme ..
Der Kopf des jungen Octavian zeigt die Verwandtschaft mit Caligula. Was
aber bei dem Urenkel krankhafte Übertreibung und Verfall war, ist hier
von wundervoll bewußter Kraft gemäßigt und gebunden. Nichts als ein großer
Wille steht in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch, vom Schicksal für eine
Aufgabe vorbereitet, die der Neunzehnjährige wohl gläubig ahnen, doch
nicht entwickeln konnte. Berufensein und leidenschaftliche Sehnsucht nach
Erfüllung bestimmen den Ausdruck dieses jugendlichen Gesichtes. Der Geist
hat die Herrschaft, nicht das Gefühl, noch viel weniger die Sinne. Herrisch
geht über das rechte Auge die abgebrochene Braue, und über die Braue die
unerbittliche Falte des Grüblers. Dieses Antlitz hatte keine Träume,
es hatte einen Traum. Daraus wuchs das Spiel der Kräfte: Einsicht und
Machtbegabung mischend. Das Lebensgesetz, das tiefe, unbewußte Künstlertum
des römischen Staatswesens hat sein Symbol in diesen Zügen: zu herrschen
durch die Kraft, die sich selbst das Gleichgewicht zu halten weiß: die alle
Gegensätze aufsaugt, in dem sie alle einem Endziel dienstbar macht.
*
Auf der steilen Strada delle Mura, die das Stadtviertel des Trastevere
abschließt, ging ich der Villa Doria Pamphili zu. Ein Verlangen nach Grün,
nach stillen Wiesenflächen trieb mich aus der Stadt. Schon stand die Sonne
hoch, der Wind war in die oberen Lüfte gezogen und spielte in den Kronen
der Bäume. Unter den Pappeln einer kleinen Osteria, die zwischen hellen
Kleefeldern ein wenig abseits vom Wege lag, hielt ich kurze Rast. Ich ließ
mir Brot und Wein bringen und sprach mit der Bäuerin, die über einer großen
irdenen Schüssel Bohnen schälte. Ihr Mann hatte Artischocken in die Stadt
getragen zu einem Wirt an der Piazza Navona, der sie auf eine besondere Art
zuzubereiten verstand. Er zahlte gut, weil ihn die Fremden gut bezahlten.
Die Fremden! Sie lachte mir in das Gesicht, als sie die Worte wiederholte.
Ich nickte. »Aus welchem Land ich sei .. Warum die Deutschen so gerne
nach Rom kämen .. Warum sie so selten im Wagen fahren und so oft auf den
schlechtesten Feldwegen spazieren gehen. Im Februar seien des öfteren zwei
junge Leute gekommen, um Veilchen auf den Wiesen der Villa Doria Pamphili
zu suchen, ganze Hände voll Veilchen. Einmal habe sie ihnen einen kleinen
Bastkorb verkauft, da sie die Blüten nicht mehr in Händen halten konnten ..
In wenig Tagen werde der Mohn in den Kleefeldern vor dem Hause aufgehen,
dann müsse ich wiederkommen. Gegen abend, wenn die Kuppel von St. Peter
zwischen den beiden Pappelbäumen hart über dem Scharlachrot stehe ..«
Im Inneren des Hauses schrie ein Kind. Sie stellte die Schüssel auf den
Tisch und lief davon. Der Geruch der frischgeschnittenen Bohnen wehte auf,
ein Geruch von Erde und Regen, im festen, kühlen Grün gemischt. Ich trank
meinen Wein aus und ging auf der schattenlosen Straße bis zum Park der
Villa weiter.
Dieses Grün nimmt dich hin, es macht dich leicht und trägt dich empor in
das ruhige, ruhige Blau über seinen Wipfeln. Du hebst die Arme auf, die
stille Seligkeit zu fassen, die unaussprechlich bleibt und doch so nah, so
greifbar wirklich ist. Dann gehst du weiter und weißt kaum wie, Wege öffnen
sich und schließen sich im schweren Laub, öffnen sich wieder und weisen in
eine runde, goldne Helle, ganz fern .. unerreichbar fern .. Lässig wandelst
du hinab im Spiel der Sonnenkringel.
Das Rund des Ausgangs erweitert sich, wo nur Licht war, steht wieder
Landschaft, eine Wiese steigt zu stillen Steineichen hinan, Sternblumen und
Salbei blühen im hohen Gras. Geblendet trittst du in die Lichtung. Bienen
schwirren. Die Statuen am Giebelsims der Villa glänzen. Die Blumenvasen
oder Feuerpfannen auf dem höchsten Geländer des Daches glänzen. Ein neuer
Lorbeerweg führt zu einer neuen Lichtung. Vögel flattern. Auf dem Spiegel
eines Teiches gleiten hochmütige Schwäne. Pfauenaugen tanzen über den
Halmen. Vor dir liegt wieder offnes Land, die braune Campagna, und hinter
ihr Frascati, der Monte Cavo mit den Häusern von Rocca di Papa über den
alten Kastanienwäldern. --
Glocken drangen durch die Stille. Es läutete Mittag. Die Stunde war
gekommen, nach San Pietro in Montorio hinabzusteigen und Rom enthüllt im
Wüten des Lichtes zu sehen.
Das Auge, noch eben gehütet von der Sanftmut des unbewegten Grüns,
stürzt in ein Gelb, ein Rot, ein Weiß hinab, so jäh, daß sich die Wimpern
schmerzend schließen. Es hilft dir nichts, daß du im Laub des fernen
Pinciohügels Beruhigung suchst: eh noch dein Blick auf diese Höhe gelangt,
haben ihn tausend aufreizende Lichtspeere getroffen, die aus der Tiefe
schießen, feindlich und wild. Aus allen Glasfenstern springt dir
die erhitzte Helle entgegen, aus den Bleirinnen der Dächer, aus den
Kupferplatten und Goldbändern der Kuppeln, aus dem Marmor der Säulen und
Friese, aus den Schuppen der Tiberwellen, aus Höfen und Winkeln, aus
jeder kochenden Wand. Ganz Rom ist nichts anderes mehr als ein sinnloses,
steinernes Gleißen, hart und verräterisch. Rom wirft sich zum Kampf auf
gegen das spähende Auge, wie die belagerte Stadt sich vor den Blicken der
Spione wehrt. Sein rätselvoller Dämmer droht zu zerstieben, seine purpurne
Macht zu verblassen: Zerbrochene Mauern, zerbröckelnder Kalk, Dächer,
von Ruß geschwärzt, mit fehlenden Ziegeln, Höfe voll Unrat und Verwesung,
verstaubte, erblindete Fenster mit geborstenen Rahmen, trostlose Stuben mit
armen, zerlumpten Betten, Balkone mit klaffenden Eisengeländern, durch die
ein Kind auf die Straße stürzen kann, zerschlagene Schornsteine, aus denen
die Funken im niederwehenden Rauch auf die Dächer fallen, durchlöcherte
Dachrinnen, die das schmutzige Regenwasser nicht mehr halten können. Wer
nennt, was er sieht?
Und was will zuletzt all dieses Zerfallende und Zerbröckelnde noch vor
einem Himmel heißen, der seine Gnade unerschöpflich ausgießt und das
Verwahrloste immer wieder in den tiefen Schutz seiner Bläue aufnimmt?
Luft schon ist Hülle hier, Luft schon heilt die Wunden. O Rom! wage, dich
preiszugeben! Noch mit deiner Schwäche wirst du siegen, mit deinem
Elend noch Entzückung streuen. Unverwundbar bleibt die Herrschaft deiner
Schönheit.
Ich wende die Augen nach Süden: Ich sehe den Monte Testaccio, den
Scherbenberg, auf dem die uralten, zertrümmerten Weinkrüge der Römer wieder
zu Staub geworden sind. Ich sehe die einsame Pyramide des Cestius und ferne
die Kuppel St. Pauls. Ich sehe die träumenden Hügel des Aventin, San Sabas
wehmütig wiegende Erlenwipfel über dem Dach, San Alessios Türme, und
ich errate die Gärten, die unter dem Priorate der Maltheser zum Fluß
hinabsteigen.
Ich wende die Augen nach Osten: Feldwege kreuzen im Licht, vor
Lorbeergesträuch und Pinien hebt sich die Villa Celimontana, und hinter ihr
San Stefano Rotondo. Ruhig im Golde, fern und gelassen, breitet der Palatin
seine Mauern, seine Zypressen wachsen hoch in die Bläue wie die Statuen am
First des Lateran. Bläue bricht aus den Fensterhöhlen des Kolosseum, Bläue
aus den Wipfeln des Esquilin.
Ich wende die Augen nach Norden, die Kuppel des Quirinals überfliegend, die
Zypressen der königlichen Gärten und die schmale Säule Trajans. Wie flammt
die Villa Medici neben den Türmen der Trinità! Wie mögen meine Brunnen
rieseln im heißen, stummen Mittag, wie mag das Gold ihrer Tropfen schwer
und gesättigt in die dunkelgrüne Tiefe des untersten Beckens fallen ..
*
In keiner aller früh durchwanderten Städte ging ich so oft am Abend in die
armen Viertel hinunter wie in Rom. In keiner saß ich stiller, träumender
bei Taglöhnern und Dirnen. In den finsteren, nur halb ausgebauten Straßen
am Testaccio, durch die Marmorata, am Tiber entlang bis zur Bocca della
Verità und weiter über die Piazza Montanara im alten Ghettoviertel ging ich
in mancher warmen Nacht. Die Freunde schüttelten die Köpfe und warnten.
Ich fühlte, daß mir nichts geschehen konnte. Der späte Wanderer, der mich
ansprach, mußte fühlen, daß ich ein Gleicher unter Gleichen ging. Wenn ich
mich vor einer kleinen, trüben Schenke hinsetzte, fragte mich keiner, woher
ich komme und was ich hier zu suchen habe. Nie bot sich eine Dirne an,
nie bettelte eine um Geld. Einmal, als ich am Flußbett niederstieg, sprang
einer auf, der im Gesträuch gelegen hatte. Noch ehe er den Mund öffnen
konnte, fragte ich nach dem Pfad, der zum Boothaus hinabführt. Seine Züge
wurden freundlicher:
»Sie wollen rudern?«
»Ich will zu Giuseppe Pangi.«
»Er ist vor einer halben Stunde in die Kneipe zur Carolina gegangen. Wenn
es Ihnen recht ist, kann ich Sie hinausfahren.«
»Nein. Ich kenne Sie nicht.«
»Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich bin genau dasselbe, was Pangi
ist.«
»Sind Sie Soldat gewesen?«
»Jawohl! Drei Jahre lang in Caserta.«
»Wollen Sie mich bis zum Ponte Palatino fahren?«
Er reichte mir die harte Hand und führte mich durch Cichoriensträucher
den steilen Abhang hinunter. Die Ketten des Bootes klirrten auf den hohlen
Brettern, die Ruder schlugen in den Schlamm des Ufers. Auf träger Welle
gewannen wir die Mitte des Stromes. Meine Augen suchten den steilen Anstieg
des Aventin. Die Wipfel ragten schwermütig in die schwüle Luft, die graue
Watte des Himmels hing unbewegt über den schwarzen Bäumen. Auf der anderen
Seite des Flusses, hinter dem Landungsplatz des Großen Hafens, hob sich die
monotone Front des Armenhauses. Hinter einigen Fenstern brannte schwaches
Licht.
»Kranke, sagte der Schiffer, sie fühlen den Scirocco und können nicht
schlafen. Vielleicht sind sie morgen tot.«
Ich hieß ihn bald zurückfahren. Wir gingen nebeneinander der Stadt zu. An
der Bocca della Verità bog ich ab, um nach dem Judenkirchhof zu gehen. Der
Fremde begleitete mich. Fast schon im Feld, hart an einem halbverseuchten
Bach, aus dem ein fauler Atem aufsteigt, liegt dieser Friedhof mit seinen
vielen Zypressen. Mein Gesicht rührte an die eisernen Stangen des Tores;
bleich und wesenlos dämmerten die weißen, schmucklosen Mäler durch die
Nacht. Dürstend stand das Schwarz der Bäume im Dunst der bleiernen Luft.
Wir wandten uns nach der Bocca zurück. Zerbröckelnd in der Asche ihres
Gesteins lag Santa Maria in Cosmedin, die süße Kirche, in deren Namen schon
der Orient funkelt: Byzanz, die Stadt aus Gold und Lapislazuli. Wie müd
ist dieser Brunnen in der Mitte des offenen Platzes, wie müd der runde
Sonnentempel mit seinen korinthischen Säulen, wie müd sind die fleckigen
Wände dieser armen Häuser. Lastfuhrwerk zieht hier am Tag entlang,
Frachtkähne treiben im Strom, Geschrei kommt vom Großen Hafen herüber,
Staub weht -- des Nachts geht achtlos kaum ein Wandrer hier vorüber. Hier
war der Rindermarkt der Alten und etwas weiter, wo noch der Bogen der
Geldwechsler steht, der Kaufplatz für die feinen Speisen der Tafel. Wie
müd vom wesenlosen Hin und Her so vieler Tritte sind diese Straßen, wie
abgebraucht und elend. Erbarmungslose Nacht über kranken Mauern! Kein
Silberstreifen Mond, kein Tau von Sternen schenkte leise Linderung. In
jedem Augenblick konnten die ersten Tropfen fallen.
Wir traten in eine Schenke, nahe der Piazza Montanara. Meine Stirne
war feucht. Die Zunge war kaum vom Gaumen zu lösen. Das Kreuz begann zu
schmerzen .. Scirocco ..
Fremde Gesichter starrten mich an. Ein Mädchen schlief an der Schulter
eines großen Bauernburschen, eine andere malte gedankenlos Figuren in
das Verschüttete ihres Weinglases. Viele Schiffer standen am Schanktisch,
hinter dem eine alte, ernste Frau teilnahmlos und fast feindlich saß.
Giuseppe Pangi kam mir entgegen. Er gab mir die Hand:
»Sie waren auf dem Wasser?«
Ich deutete auf meinen Begleiter, der schweigend neben mir saß.
»Warum hast du mich nicht gerufen?« fuhr Giuseppe den andren an.
»Ich wurde nicht darum gebeten!«
Giuseppe sah nach mir. Ich lachte:
»Es wäre für die kurze Fahrt nicht der Mühe wert gewesen. Sie wissen, daß
ich es nicht vorherbestimmen kann, wann ich nachts herunterkomme ..«
Umsitzende waren auf das Gespräch aufmerksam geworden. Einige traten
heran. Plötzlich fragte ein Kerl, aus welchem Lande ich sei. Wütend sprang
Giuseppe auf: »Geht es dich etwas an, du frecher Hund? Willst du dich
unterstehen, einen Fremden auszuforschen, der noch kein Wort zu dir
gesprochen hat? Habe ich jemals gefragt? Und ich rudere ihn seit Wochen auf
den Fluß hinaus?«
Ich unterbrach ihn und wandte mich an den Frager, der mich prüfend maß:
»Warum wollen Sie wissen, aus welchem Lande ich bin?«
»Ich will es Ihnen sagen: wenn Sie ein Deutscher sind, dann sollen Sie
verrecken! Ich bin ein Kutscher, und ein Deutscher hat mich heute um fünf
Lire betrogen ..«
»Ich bin ein Deutscher«, sagte ich ruhig und stand auf.
Ich fühlte, wie sich zwei Parteien bildeten. Giuseppe trat hinter mich:
»Schmeißt den Kerl hinaus, der die Fremden beschimpft, an denen wir unser
Geld verdienen, den Lump, die Saufeule!«
Ein fürchterlicher Lärm hob an, die Wirtin jammerte und schlug die Hände
ein über das andere Mal auf die breiten Hüften .. Die Tür flog auf -- man
hörte einen Augenblick lang das Aufklatschen des Regens -- dann war tiefe
Stille.
Ich ließ Wein und Zigarren bringen. Sie saßen alle um mich, Pferdeknechte
und Bauern, Steinklopfer und Gärtner, Schiffer und Maurer -- und ich
erzählte von meinem Land: von Arbeit und Lohn, von Achtstundentag und
Sonntagsruhe, von Heer und Flotte, von Verwaltung und Gericht .. von allem,
was einem Wunsch oder einem Bedürfnis ihres einfachen Lebens entgegenkam.
Sie warfen Fragen dazwischen, sie stellten Vergleiche an, selbst die Wirtin
hatte sich herangesetzt und hörte mit zu.