die Dinge der Umgebung anpassen, in die sie gehören. Da Sie mir ja selbst
erzählten, daß der Donjon Ihres Schlosses aus dem zwölften Jahrhundert
und der Rest des Bauwerkes aus dem dreizehnten stammt, da außerdem dieses
Schloß in der Normandie und nicht südlich des Apennin liegt, so dürften
florentinische Renaissancemöbel doch nicht ganz das Richtige sein.«
»Sie haben vollkommen recht, mein lieber Diomede, sagte Roger, und ich
kann Ihnen versichern, daß ich selbst schon einen ähnlichen Gedanken gehabt
habe. Aber sehen Sie: es dreht sich ja nur darum, Isabella eine Freude zu
machen. Ich merke es an allem, wie glücklich sie hier unten in ihrer Heimat
ist, in der heiteren, geistvollen Gesellschaft dieser Stadt, die man um so
lieber gewinnt, je länger man darin weilt: und ich dachte, vielleicht würde
sie das allerdings ganz andere Leben in der Normandie leichter ertragen,
wenn sie möglichst viel Dinge um sich sähe, die sie an Florenz erinnern!«
»Ganz im Gegenteil, fiel Primoli ein. Sie kennen die Seele der Frauen
schlecht! Ganz im Gegenteil! Da ja die Täuschung doch nur oberflächlich
bleiben kann, wird ihr Heimweh nicht gemildert, sondern nur verstärkt
werden. Und Sie werden genau das Entgegengesetzte von dem erreichen, was
Sie anstreben. Aber -- fügte er hinzu, und er gab diesem Aber einen ganz
besonderen Nachdruck, ohne jedoch das leicht Hingeworfene seiner Rede
deswegen aufzuheben -- wenn Sie der Gräfin eine Freude machen wollen, die
einen wirklich tiefen Sinn hat: so kaufen Sie doch eine von den unzähligen
kleinen Villen hier in den Colli und richten Sie sie so ein, wie es zur
Umgebung paßt.«
Der Graf d'Ys fuhr von seinem Sessel auf:
»Wundervoll! wundervoll! rief er laut, indem er die Hände Primolis ergriff,
Sie haben doch immer die besten Gedanken ..«
»Aber dieser Gedanke lag doch so nahe, so unsäglich nahe ..«,
beschwichtigte jener.
»Gewiß, gewiß .. Wenn ich es jetzt überdenke .. Natürlich lag er sozusagen
auf der Hand. Aber es geht ja bekanntermaßen oft genug so, daß man vor
lauter Bäumen den Wald nicht sieht.«
· · ·
Etwa eine Woche später verkündete Roger seiner Gemahlin, die schon zu Bett
lag, während er selbst noch ein wenig am Rand ihres Lagers saß, daß er die
alte Villa Giramonte gekauft habe. Isabella starrte ihn an. Sie wußte nicht
recht, ob sie vielleicht schon im Halbschlaf geträumt hatte, oder ob dies
alles Wirklichkeit war. Als aber Roger einen Kaufbrief aus seiner Tasche
nahm und auf die weißseidene Steppdecke legte, brach sie vor Freude und
Erschütterung fast in Weinen aus. Nur der Gedanke, daß ein solches Geschenk
sofort das Gegengeschenk erfordere, hemmte ihre Tränen: Sie gestand dem
Grafen, daß sie guter Hoffnung sei. Er konnte es kaum fassen, er rannte im
Zimmer umher, bestürmte sie ein über das andre Mal mit Fragen, ob sie sich
nicht täusche: aber sie lag mit geschlossenen Augen in den tiefen Kissen,
neigte ganz leicht und mit der Miene der Dulderin ihren schönen Kopf und
sagte wie im Traum:
»Die Heimat, mein Freund, das Glück, in dieser süßen, milden Luft zu
atmen .. überhaupt: alle die anderen Verhältnisse ..«
So entschlief sie. Er aber blieb lange vor ihr stehen und sah auf ihren
zarten, heiligen Körper nieder, indessen etwas wie ein Dankgebet aus seiner
Seele zum Himmel aufstieg. Und in der gleichen Nacht noch schrieb er einen
langen Brief an die Gräfin-Mutter, um sie in ihrem Groll zu versöhnen und
den Ausfall der Jagden und Wahlgesellschaften verschmerzen zu lassen.
Als Isabella am nächsten Morgen den gesiegelten Umschlag auf dem Tisch
liegen sah, nahm sie ihn stillschweigend zwischen ihre Fingerspitzen und
schaute fragend in das erstaunte Gesicht ihres Gatten. Sie las die Antwort
in seinem Blick.
»Nein, Geliebter, sagte sie, ich möchte noch nicht, daß man in unserem
Kirchensprengel für mich betet: vor allem aber möchte ich deiner Mutter
noch nicht die Gelegenheit zu neuer Gottwohlgefälligkeit geben. Ich möchte
ihr überhaupt erst mit dem fait accompli vor Augen treten: das heißt
in diesem Falle erst dann, wenn ich mein Kind im Arm halten kann. Mein
veränderter Zustand wird natürlich eine Menge von Änderungen mit sich
bringen, über die wir am besten sogleich reden. Ich denke, wir halten es
so: Vor allem werde ich vor meiner Niederkunft nicht mehr nach Frankreich
zurückkehren. Ich will erst als Mutter Château d'Ys wiedersehen .. und
Paris würden wir ja ohnehin für diesen Winter aufgeben müssen. Ich glaube,
wir bleiben am besten über Weihnachten hier, gehen dann vielleicht ein
wenig nach Rom oder an die Riviera und beziehen im April hier unser neues
Haus solange, bis alles vorüber ist. Rufen dich einmal für kurze Zeit die
Geschäfte zurück: so bedeutet das ja weiter nichts ..«
Roger wagte nicht zu erwidern. Gewiß hatte er sich das alles ganz anders
gedacht, aber die Entschiedenheit in Isabellas Sprache und die große
Klarheit ihrer Pläne ließ auch diesmal keinen Widerspruch aufkommen. Wozu
auch? Es galt jetzt, die junge Frau zu schonen, und er hatte ja schon
des öfteren sagen hören, daß Frauen in solchen Zuständen manchmal die
seltsamsten Launen haben.
Isabella aber wurde nur viel stiller, als sie sonst zu sein pflegte, und
die innere Lösung aller Verkettungen schien für sie einzig in der Frage zu
gipfeln, ob das Kind ein Sohn oder eine Tochter sein würde.
Und siehe: auch dieses Mal betrog sie ihre geheimste Hoffnung nicht:
sie genas im Juni in ihrer Villa zu Florenz einer wundervollen, kleinen,
schwarzen Tochter, von der man zwar durchaus nicht sagen konnte, daß sie in
irgend etwas der Blondheit derer von Ys und Dieuleveuille nahekam: es ließ
sich nur feststellen, daß sie ein äußerst vornehmes und wahrhaft gräfliches
Kind sei.
Isabella aber dankte dem Herrn für die Erhörung ihrer stummen Gebete: denn
von nichts war sie nun mehr überzeugt, als daß jene große Erleuchtung des
letzten Herbstes wirklich göttlicher Natur gewesen sei, und daß sie, um
Gott und den Menschen wohlgefällig zu sein, nur da fortzufahren brauche, wo
sie so glanzvoll begonnen hatte.
Und siehe: als sie den Herbst wieder mit Gemahl und Tochter im Frieden
ihrer florentinischen Villa zugebracht und sich zwischen Roger und Diomede
eine wirkliche Freundschaft entwickelt hatte, schenkte sie im nachfolgenden
Hochsommer ihrem Gemahl jenen wundervollen Knaben, dessen Schönheit in
gewissen Kreisen unserer lieben Vaterstadt schon heute anfängt, ebenso
sprichwörtlich zu werden, wie es noch vor drei Jahren diejenige des Grafen
Primoli war.
So war auch in Isabellas Mutterliebe die göttliche Dreiheit hergestellt:
und dies Ergebnis gewährte ihr eine solche innere Befriedigung, daß
sie sich willig dem französischen Schönheitsgesetz fügte, das es für
außerordentlich schädlich erklärt, wenn eine Frau mehr als zweimal die
Lasten der Mutterschaft erträgt. Sie führte fortan das Leben der wahrhaft
großen Dame -- zumal sie ja in dem Gefühl treu erfüllter Pflicht gegen
das Geschlecht derer von Ys und Dieuleveuille eine ausreichende Schwere
sittlichen Gleichgewichtes besaß -- und man empfand es in Paris wie eine
gewisse Erleichterung, als eines Tages ein bekannter Weltmann sich
die Bemerkung gestatten durfte, daß sogar die spröde Gräfin d'Ys dem
unentrinnbaren Einfluß der Pariser Luft zu erliegen scheine, insofern, als
sie sich des öfteren ganz zwanglos mit einem jungen Diplomaten deutscher
Herkunft im Theater und in den Salons zeige.
Mit diesem jungen Deutschen aber ist natürlich meine Geschichte schon
deshalb zu Ende, weil er mittlerweile vierzig »Elegieen einer geistigen
Liebe auf eine Florentinische Dame« geschrieben hat.«
· · ·
So ungefähr hatte uns damals Octavio Poggiolini erzählt, dem die Anmut und
das wundervolle Heidentum seiner Vaterstadt eingeboren waren. Und gleich
darauf, als er sein neugefülltes Glas geleert hatte, ließ er sich auf den
verblaßten Sammetschemel zu Füßen seiner rehbraunen Nachbarin Constanze
Torregiani nieder und hob die schwarzen Augen an den Falten des
himbeerfarbigen Seidengewandes bis zu ihren Blicken empor. Aber die Römerin
schaute streng und strafend nieder, und die Hände, die er gern ein wenig
auf seinem dichten, blauschwarzen Haar gefühlt hätte, dachten nicht daran,
den Löwenknauf des hohen Sessels zu verlassen. Da erbarmte sich Katarina
von Pleß seiner:
»Octavio, sprach sie, Octavio: Ihr sucht Euren berechtigten Lohn bei einer
Unerbittlichen. Ihr vergeßt, daß sie eine geborene Colonna ist und sich
noch nicht lange genug in Eurer Stadt aufhält, um von dem Geist erfüllt zu
sein, der hier seit Jahrhunderten geheiligt ist. Wenn sie aber des öfteren
Eure Geschichten gehört hat, wird sie Euch gnädiger gesinnt sein. Sofern
Ihr aber mit mir vorlieb nehmen wollt -- obwohl ich, wie Ihr wißt, nur eine
schlichte deutsche Frau bin und außerdem die Base jenes jungen Deutschen,
dessen geistige Liebe Eurer süßen Geschichte ein Ende setzte: wenn Ihr also
mit mir vorlieb nehmen wollt, so will ich Euch gerne gänzlich ungeistig
geben, was Euer ist: so wie Ihr der Muse gabt, was der Muse ist.«
»Ihr macht mich erröten, Herrin, entgegnete Octavio, da Ihr mich hoffen
laßt, was meine kühnsten Wünsche nicht erträumt hätten. Die deutschen
Frauen gelten hierzulande für unnahbar ..«
»Naht Euch getrost, versetzte Katarina mit einem sanften Lächeln, indem sie
das runde Kissen, worauf ihre kleinen weißen Seidenschuhe nur leicht geruht
hatten, ein wenig von sich schob, und mögen die Umsitzenden Zeugen sein,
wie man die Dichter ehrt. Sollten Euch aber -- was ich Euch durchaus
zutraue -- Gewissensbisse anfallen, Ihr könnet die Seele einer deutschen
Frau durch den Zauber Eurer Erzählung, zu dem sich die ganze Anmut Eurer
jugendlichen Erscheinung gesellt, mehr als erlaubt ist von den Bahnen der
Sittsamkeit entfernt haben: so laßt Euch zur Erleichterung im voraus sagen,
daß in meiner Ehe alle Angelegenheiten bereits so weit fortgeschritten
sind, daß es keiner Erleuchtung mehr bedarf, wie sie über Eure göttliche
Isabella Giramonte kam.«
Und mitten im lauten Jubel unseres Lachens küßte sie den schönen Octavio
auf den schönen, hingehaltenen Mund.
Dann fiel der Vorhang über dem Spiel. Der große Halbkreis löste sich
in kleine Gruppen auf, ich warf den Mantel über und trat ins Freie. Man
fühlte, daß der Tau schon im Fallen war, noch standen keine Tropfen an den
halbgeschlossenen Rosenblüten, aber das Gras war beschlagen und das Licht
des Vollmondes rieselte in feinem silbernem Dunst. Die Schlagschatten an
den Wänden schnitten große, bläuliche Dreiecke in das weiße Gestein. Tief
unten im Tal lag der ungewisse Schimmer der Häuser und Kuppeln.
»Kennen Sie Siena?« fragte mich plötzlich der Graf Arnedal, ein junger
Schwede, mit dem ich wenige Tage vorher in Deutschland bekannt worden war.
»Nein, noch nicht.«
»Sie müssen es mit mir zusammen sehen. Wenn Sie dort gewesen wären, würden
Sie begreifen, warum mir in einer Nacht wie dieser die Frage aufstieg.«
Er nahm meinen Arm und zog mich auf die taghelle Landstraße hinaus. Wir
gingen langsam bergauf. Er sprach von den Mondnächten Sienas, von dem
silbernen Rauschen seiner unzähligen Brunnen, bis wir selbst unerwartet
vor einem breiten, moosbewachsenen Becken standen, in dessen klare Flut
ein weißer, dünner Strahl sein Wasser goß. Wir tauchten die Hände ein: sie
schienen ganz im Mond gebadet .. wir schüttelten sie: tausend sprühende
Tropfen sprangen in den Behälter zurück. Von der Höhe wehte ein leichter
Lufthauch den Geruch der Akazienblüten, tief unter uns, in der Richtung
des Hauses, erwachte der milde, goldne Glanz einer männlichen Stimme
über leisen Lautenklängen. Wir lehnten am Brunnenrand und lauschten. Axel
Arnedal sah in den Glanz der jenseitigen Arnohügel:
»Wenn wir morgen nach Siena führen?«
ROM
Rom: Ewige Welt im Banne eines Namens .. Traumhaftes Anklingen
tiefgedämpfter Trommelwirbel über dem weichen Golde der Posaunen.
*
Eines möchte ich wieder erleben: Die frühe Morgenstunde, als ich zum
erstenmal über die Piazza delle Terme in die Stadt hinunterfuhr: jenes
Licht auf den gelben Häuserwänden, das Zerstäuben der Wassergarben über den
offenen Brunnenbecken, das Wehen der Palmen im frischen, blauen Ostwind,
den Duft des Sprühregens, der aus großen Gießfässern auf die Straße sprang,
die Musik der tausendfachen Rufe aus Höfen und Hallen, aus Winkeln und von
hohen Balkonen, den Flug des leichten Wagens, das frohe, helle Aufschlagen
der Hufe, das Bellen des kleinen Hundes, der neben dem Kutscher saß und mit
den Pfoten an einer hochroten Halsschleife spielte .. und dann den Eintritt
in das Haus der Freunde, die kühle Dämmerung des Marmorvestibüls, das
Schweigen der hohen, weißen Wände und den herben Geruch der Lorbeerbäume,
die in niedrigen Behältern neben einem schlanken Spiegel standen.
Warmes, braunes Halbdunkel, von Grün durchweht, füllte das Zimmer, in das
man mich führte: die Läden waren geschlossen, die Vorhänge gesenkt, nur
hier und da vom Gold der Luft gesprenkelt. An allen Wänden, an der Decke,
am Fußboden floß Gold: weich wie der Wein von Frascati in die glatten,
runden Gläser fließt. Narzissensträuße standen auf den Tischen, aus langen
Korridoren hallten Worte herüber, Schatten flogen und verschwanden.
Seitdem sind Jahre vergangen. Abschiede und Wiedersehen sind gewesen, und
nach jeder Trennung die Gewißheit neuer Wiederkehr.
Es gibt keinen Abschied von Rom. Mit allen nordischen Städten kann man zu
einem Ende ohne Widerruf kommen: Rom lächelt, wenn wir gehen. Es läßt
seine Brunnen weiterrauschen, seine Schwalben im hellen Abendrot über den
Ziegeldächern weiterkreuzen und streut den Samen des Heimwehs aus.
Rom ist die Heimat aller, die vom Wissen ruhen, vom Forschen genesen
wollen, das Vaterland der Kämpfer, die über ihrem Ziel den großen Sonntag
nicht vergessen. Lege deinen Kopf an den Schaft der abgebrochenen Säule
und laß dein Auge die Krone der hochschwebenden Pinie suchen, sitze am
schmalgefaßten Wasserbecken des Forums und folge dem Zug der Wolken in der
stillen Tiefe der Flut, strecke dich im hohen Grase des Palatin aus und laß
die Bienen über Glockenblumen und Asfodelen schwirren, trete tief in den
Gesang einer Kirche hinein, wenn aus der klaffenden Türe der Kerzenflimmer
dein Auge trifft: Du ruhst. Von allem ruhst du aus, fast wie ein Kranker,
den das Gefühl gesund macht, daß ihm nichts mehr geschehen kann, solange
das Bett ihn hütet. Niemand mehr hat eine Forderung an ihn, niemand kann
kommen und ihn mit Fragen quälen, die Stunden sind rechtlos geworden .. die
Tage .. vielleicht die Wochen. Er fühlt, wie sich die Kräfte seines Lebens
wieder sammeln und das ermüdete Blut leichter und fröhlicher machen.
O wunderbar geschlossene Seele Roms! Keine Gegensätze mehr sind im Krieg
miteinander, keine Welten mehr wollen sich umstürzen: mitten in das Rund
des lateinischen Tempels hat die christliche Sehnsucht ihrem neuen Gott die
Wohnung gebaut, Säulen, die um Altäre Jupiters und Apollos standen, tragen
das Dach der christlichen Basilika, du kaufst die griechische Gemme
bei demselben Juwelier, der dir die neueste Schöpfung des heimischen
Goldschmiedes vorlegt, in dem Antlitz eines kleinen Zeitungsträgers findest
du die Züge irgend einer geliebten römischen Büste wieder, in der Rede
eines Abgeordneten hörst du Worte, die ein Tribun sagen konnte, und seine
pathetischen Handbewegungen erinnern an die Geste des antiken Staatsmannes,
wie ihn Marmor und Bronze überliefert haben. Alles gilt vor allem in der
Seele dieser unergründlichen Stadt, und alles löst sich in allem auf. Auf
ununterbrochen sich kreuzenden Wegen schafft sich der Geist des Fremdlings
aus den Widersprüchen die innere Einheit der Stadt: und dieses rastlose
Zusammenfügen von Getrenntem gibt Bewegung und Anmut, es bewahrt vor
Erstarrung, indem es immer tieferes Erstaunen schenkt. So wird allmählich
schon das Schauen zum Erkennen: der geübte, selbst nur flüchtige Blick
rührt an das Wesen der Dinge.
Sitze nur einen Abend oder Nachmittag vor den großen Kaffeehäusern,
Aragno oder Faraglia, sieh, wie sich diese Gruppen bilden, wie sie sich
verschieben und auflösen, sieh das scheinbare Warten der Menschen auf
irgendein Ernsthaftes und die Freude an der Begrüßung des ersten, der
zufällig des Weges kommt. Dicht am Rande des Fußsteiges stehen alle diese
jungen Leute, den Fuß ein wenig vorgesetzt, die Hände in den Hosentaschen,
so daß sich der Rock über den Schenkeln emporschlägt. Der Hut ist nach dem
Nacken zurückgeschoben, das schwarze Haar fällt in dichter Welle auf die
Stirne. Sie pfeifen leise mit gespitztem Mund, wenn sie lachen, blinken
die breiten, gesunden Zähne auf. In der linken Brusttasche steckt das bunte
seidne Tuch, es hat die Farbe der Krawatte und der Strümpfe. Sie stehen und
warten. Sie schauen den Corso hinauf und den Corso hinunter, sie gehen
ein paar Schritte in eine Seitengasse: du kannst sicher sein, daß sie in
wenigen Minuten zurück sind. Sie mustern sich und prüfen die Kleidung, sie
glätten eine Falte und ziehen den Knoten einer Krawatte, während sie sich
in einem blanken Schaufenster bespiegeln. Sie sind glücklich in dem, was
sie sind: glücklich zu leben, zu jedem Abenteuer bereit, leichtsinnig bis
zur Göttlichkeit, voller Schulden, bezaubernd körperlich, leidenschaftlich
in jeder Empfindung, in der Gebärde ritterlich, traumlos und wundervoll
gedankenlos. Sie sind genau so lange da, als sie vor dir stehen, aber sie
sind nie gewesen, sobald sie nur um die nächste Ecke biegen und im Dunkel
verschwinden. Kein Wunsch in dir wird wach, zu wissen, was sie treiben,
was sie gelernt haben, ob sie Kaufleute oder Beamte sind. Sie können alles
sein. Was sie wirklich bewegt, was ihnen das Leben schön macht, sind die
stets gleichen Dinge: sie spielen, sie wetten auf die Rennpferde, sie
denken an ihre Weiber. Jedoch dies alles haben andere junge Leute in
anderen Städten auch. Aber sie sind Römer! Frage einen, was er ist, höre
den Tonfall der Antwort:
»Sono Romano.«
Da ist der Abgrund, der sie von der Umwelt scheidet -- und die Brücke,
die unbeschreiblich-schwanke, unfehlbar-sichere Brücke, auf der ihre Seele
zweitausendjahreweit in die Seele der großen Ahnen zurückflieht:
»Civis Romanus sum.«
Nimm ihnen die Kleider fort, wirf ihnen Toga und Tunika über, gehe zwischen
ihnen über das Forum: und du mußt mitten im Leben der alten Stadt sein.
Höre wieder auf ihre Sprache: Spiel, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe,
Sklavenaufstände, Huren ..
Nimm sie einzeln: Es bleibt nicht sehr viel. Es bleibt ein Ebenmaß, eine
Schönheit mittleren Grades: ein straffer, oft ein wenig gedrungener Körper,
hartgemeißelte Schläfen, ein klarer Ansatz der glänzend-schwarzen Haare an
Stirn und Nacken, die offene Flamme des dunklen, mandelförmigen Auges.
Nimm sie gleich darauf wieder zusammen, fühle ihre Einheit: und du
spürst die unbegreifliche Kraft einer Rasse, die sich über den trübsten
Schicksalen blühend erhalten konnte. Du spürst ganz Rom. Rom lebt dir aus
ihnen entgegen, sie sind die unfreiwilligen Mittler. Wer Rom erlebt,
muß sie erleben und in seine Liebe einbeziehen. Wer sie aus Dünkel oder
Gleichgültigkeit übersieht, nimmt seinen Lohn voraus: Sie hemmen, wo sie
gerne helfen möchten.
*
An einem späten Nachmittag, als ein Gewitter die Luft gereinigt hatte, ging
ich zur Villa Borghese hinauf. Abseits, im Grunde der Gärten, liegen die
beiden Brunnen, denen mein Kommen galt, umspielt vom Schatten hellgrüner
Akazien, die in den Sonnenglanz der stillen Abendlüfte greifen. Sie liegen
halbvergessen auf feuchtem, braunem Boden, der den Klang jedes Schrittes
auslöscht und Kühle haucht. Reicher tropfen die Schalenränder des ersten,
verträumter die des anderen. Gleich süß sind beide der Ruhe suchenden
Seele. Wie geht es sich leicht zwischen den Steineichen des schmalen
Pfades, der beide verbindet, wie bannt ihr wechselnder Anblick das immer
wieder entzückte Auge! Stehst du am einen und schaust nach rückwärts,
so siehst du am andern den Kranz goldner Perlen in die oberste Schale
tröpfeln, neue Perlen sammeln und an verdichteten Schnüren über smaragdenes
Moos zur zweiten Schale herabfallen, die ihn noch länger behält und ihn der
dritten gibt, wo er versinkt. Stehst du am andern, so hast du die Sonne zur
Seite und sieht nur ein silbergrünes Tropfen und viele zerrinnende Kreise
im unteren Becken. Hebt sich ein Windhauch, so rieseln die weißen Blüten
auf das Wasser, fangen das Gold eines Tropfens und lassen sich weiterspülen
in den traumhaften Tod. Kaum sah ich Menschen hier. Einmal lag ein Knabe
auf einer Steinbank und starrte in die Bläue. Jedesmal, wenn sich das Laub
im Winde regte, schien er zu warten, ob eine Blüte auf ihn niederfalle ..
und lächelte, wenn sie auf seine Wimpern sank. Fast eine Stunde lag er so,
vertieft in sich und in sein Spiel, ein junger Flurgott, der nichts
von seiner Herkunft weiß. Später trat er zum Brunnenrand und fing die
Silbertropfen mit dem Munde ..
Ein andres Mal kam ich mit einer Frau, die lange krank gewesen war. Sie
ging sehr langsam, in ihren Augen brannte Müdigkeit. Sie tauchte die
Hände in das Wasser, eine breite, goldne Welle floß über, ihre Rubinringe
flammten neben dem hellgrünen Moos auf .. Sie starb im gleichen Jahr. Im
Fall der Tropfen haben wir die letzten Worte zusammen gesprochen. O Brunnen
der Erinnerung! Es ist keine Liebe zu einem Menschen oder einem Ding, die
ohne Trauer wäre. Nun scheuchte mich der Schatten dieser Frau. Mit der
hohlen Hand fing ich die erblindeten Tropfen. Wo blieb das Gold? .. Schon
hob sich weiß der Mond und kündete kühl die silberne Nacht.
O Brunnen der Verwandlung.
O Wasser Roms.
*
Viele stehen Abend für Abend am Geländer des Pincio und warten auf die
Nacht. Ihre Augen sind geweitet, manche voll Grauen, manche voll Heimweh.
Noch tauchen Namen auf in ihrem Hirn. Sie wissen: Dort ist der Janiculus,
dessen Pinienkronen wie stille Inseln im korallenfarbigen Duft schwimmen.
Die Kuppel St. Peters erscheint vergrößert im silbergrauen Dunst. Noch
weiter rechts hebt sich der Monte Mario, neue Pinienkronen schließen
sich an, eine schwebende Brücke zwischen Land und Land über den goldnen
Wolkenbrüchen der Tiefe, in denen die Sonne versinkt. Ein Fremder tritt
zu der Gruppe und nennt Kirchen, die über dem Durcheinander der Dächer
aufsteigen. Wo ist der Fluß?, fragt einer laut .. Man kann ihn nicht sehen
von hier, die Häuser verbergen ihn, aber dort, wo das Castello San Angelo
auftaucht, muß er fließen. Und obwohl sie wissen, daß sie ihn nicht
erblicken können, spähen sie sehnsüchtig nach dem glänzenden Streifen aus,
der einen Weg in dem verwirrenden Bilde weist. Nun können sie suchen, wo
ihr Haus liegt, ihr Platz, ihre Straße. Das Wehe des Verlorenseins löst
sich auf im Gefühl der Beruhigung, daß sie irgendwo dort unten zu Hause
sind. So entrinnen sie dem Abendgrauen und wissen nicht, daß sie der
traumhaftesten Schönheit Roms entrinnen.
O, nicht mehr zu wissen, was diese Hügel, diese Türme, diese Dächer sind!
Rom sind sie -- Rom im Dunst von blassem Blut, im Schiefergrau barmherziger
Schleier, die das rote Niederrieseln langsam, langsam im dunkelnden
Gewebe töten. Nur fühlen, wie dies stumme Ganze sinkt, zusammenfällt, ein
Riesenschutt nachglühender Asche, wie sich auf den gelben und geschwärzten
Ziegeln das stumpfe Blau sammelt, ein Deckel von Basalt, und stehen bleibt.
So schließt der Abend seine Tore und hält die Stadt gefangen. Du bist
mit eingeschlossen, du mußt hinunter zu ihren Lichtern und ihren Stimmen.
Schatten wehen in deinem Rücken und treiben dich zur Treppe. Stufe um
Stufe nimmt dein Fuß, schon wachsen körperlose Wände über dir empor, graue,
erloschene Mauern streifen deine Flanke, Licht einer Lampe fällt aus nahem
Zimmer auf deine Hände, Laute werden deutlich, Worte erkennbar. Du bist am
Boden. Du wendest dich. Hoch über dem Gesims der Treppe stehn die schwarzen
Palmenwedel. Perlgrau glänzt der Himmel, in dem die Frühe eines Sternes
funkelt.
*