Es war fast ein Uhr, als ich aufbrach. Alle boten ihre Begleitung an.

Ich bat einen oder zwei, mich bis zur nächsten Haltestelle der Wagen zu

bringen. Ich fürchtete, der Hinausgeworfene könne irgendwo im Dunkel auf

mich lauern. Aber es ließ sich niemand blicken.

»Porco d'un Napoletano!« sagte Giuseppe, während er in weitem Bogen

ausspuckte ..

*

Ich ging mit Axel dem Palatin zu. Am Eingang der Via San Teodoro nahm uns

blauer Schatten auf. Wir blieben bei den Pferden stehen, die Tag für Tag

vor einer Stallung dieser Straße an niedrigen Wassertrögen geputzt werden.

In den großen Augen der Tiere schwamm das Gold des Abendlichtes. Axel

streichelte die Nüstern eines schlanken, braunen Füllens und legte den Kopf

an die weiche Seide des dünnen Halses. Der Knecht ließ Bürste und Striegel

sinken. Er sah mich an, wie wenn er meine Bestätigung suchte und sagte

strahlenden Auges:

»O l'aspetto! la testa d'un bel cavallo e la faccia d'un bel Signorino ..«

Wir traten schweigend durch die schmale eiserne Schranke des Eingangs auf

den Grasweg, der zur Höhe des Palatin führt. Die späte Sonne lag auf den

Mauerzinnen. Das schwere Grün regloser Wipfel grüßte aus hoher Bläue. Durch

kühle Bogengänge gelangten wir auf die Höhe, wo die Trümmer der Paläste

liegen. Wir standen vor Blumenvestibülen, die den Schritt müder Kaiser in

ihre Stille gelockt hatten, vor abgebrochnen Säulen, auf denen einst die

goldnen Ziegeldächer ruhten. Unwillkürlich lenkten wir die Schritte nach

den abgelegenen Mauern, die ganz von Maréchal Niel-Rosen bedeckt sind.

Schon hatten einige Blüten die süße Streu ihrer Blätter auf das gebleichte

Gras geschüttet. Wir wandelten auf und nieder, verloren uns für Augenblicke

zwischen Gebüsch und Trümmern und trafen uns wieder vor dem Glanz einer

Blume, vor dem Rätsel eines zartgemeißelten Säulenknaufs oder dem dunklen

Aufbruch einer Zisterne. Axel hatte einen Grashalm durch den Mund gezogen

und stand bloßen Hauptes gegen den Schatten einer Zypresse.

Alle Weiten waren süß und still im Abendlicht. Alle Büsche und Wipfel

hatten das dunkle Gold der Lüfte fest an sich gezogen. Wir fühlten

nicht mehr, daß Lärm von staubigen Landstraßen heraufdrang, Knarren der

Wagenräder von hellgelben Feldwegen, die sich hinter dem Aventin und tief

in der Campagna verloren. Wir waren so abgeschieden wie auf einer einsamen,

spät umsonnten Waldwiese, die die Nacht kommen fühlt. Wir ließen uns im

Grase niedersinken bei hohen, gelben Ginsterbüschen und suchten über uns

das weiche Schweben breiter Pinienkronen, das Flattern einer Lerche, die

singend aufstieg. Wir sahen nach den Oleanderbäumen hinüber und fanden

die weißen und roten Knospen weiter aufgeschlossen als am Tage zuvor. Wir

suchten das Gerank der Winden und staunten, wie hoch es in die Baumwipfel

hineinwuchs. Wundervolle Winden gibt es auf dem Palatin: Kelche aus

seidenem Samt, tiefblau und weiß, und manche mit purpurnen Zungen auf

violettem Grund. Sie hängen aus Efeugebüsch nieder, sie drängen sich aus

der grünen Wildnis feuchtwarmer Ecken ans Licht und säumen die Ränder des

Weges. Süß ist ihr Hauch und krankhaft zart wie der Nachduft einer feinen

Salbe. Sie trinken ihr Leben aus der Tiefe des Tages. Wenn Dämmerung naht,

schließen sie langsam die Blumen und sterben. Sie ertragen die Hand

der Menschen nicht. Die scheueste Berührung läßt Wunden und tötet ihren

Schmelz. -- --

Später gingen wir bis hinter den Palast des Septimius Severus und sahen

nach der Appischen Straße hinunter. Mohnfelder wuchsen die stillen Hügel

hinan, schwere Gespanne zogen heimwärts. Der Fremde, der dort unten den

Abend kommen fühlt, schreitet rascher aus und bannt ein Grauen am letzten

Sonnenglanz der Kuppeln. O Heimweh vor den Toren Roms! Wie wehtest du uns

an, als über den Villen von Frascati bleiche Rosenkränze aufblühten und die

Erlenwipfel über San Sabas Hof sich leise regten. Axel sah mich lange an.

Seine Brauen waren hochgezogen, das ganze Gesicht in unendlicher Bewegung

angespannt:

»Fühlen Sie es auch?« fragte er, fast ohne den Mund zu öffnen ..

Ich senkte die Stirn.

Er atmete tiefer.

»Wir müssen zurück in unsere nordische Seele. Dieses Land nimmt uns die

Fröhlichkeit. Es macht uns feierlich. Wir sind zu weich. Wir fühlen zu

viel Schönheit und haben keine Waffen. Es hilft uns nichts, daß wir schöne

Strophen schreiben, um unser Übermaß an Fühlen zu bannen: die Künste

steigern nur, sie mildern nicht. Sie vertiefen alles und lösen

nichts.« -- --

Wir wandten uns und gingen die Terrasse entlang nach rückwärts, um den

Ausgang zu erreichen, der zur Via di San Gregorio hinunterführt. Der Abhang

lag im Schatten. Zwischen Rosengebüsch und Lorbeersträuchern traten wir auf

das Mohnfeld, das sich bis zur Straße hinabzieht. Dann durchquerten wir

den Konstantinbogen und gingen dem Forum zu. Ein Wärter, der uns kannte,

öffnete eine schmale Seitenpforte. Vor einem kleinen Wasserbecken setzten

wir uns nieder. Rosen umblühten den Rand der Einfassung. Die Abendröte

spiegelte tief in dem unbewegten Gewässer.

Und Axel Arnedal begann von Schwedens Buchenwäldern und weißen

Sommernächten zu erzählen ..

Wir beschlossen den Tag auf dem Aventin in San Sabas stillem Orangenhof.

Zwischen den niedrigen Hecken der Obst- und Weingärten führt der Feldweg

zur Kirche empor. Brennesseln wuchern am Rain, Königskerzen, Winden und

Schirling. Tiefe Furchen zeigen den Lauf der Karrenräder. Gesang der

arbeitenden Mädchen schwingt über der grünen Einsamkeit. Eine ferne

männliche Stimme antwortet, noch weiter hebt eine andre die neue Frage

auf .. und kaum noch vernehmbar zittert im letzten Lichtsaum der Gegensang.

Taubenschwärme fliegen aus den Beeten auf. Wasserträger kommen von den

Brunnen, am Ende des Pfades winkt die kleine Kirche. Die Säulenbögen

des oberen Geschosses stehn in stillem Glanze. Übervoll vom Dufte der

Orangenblüten ist der kühle, feuchte Hof. Die Seele des inneren heiligen

Raumes, ergreifend schlicht und unbeholfen, enthüllt die frühesten

christlichen Jahrhunderte. Die hierher beten kommen, sind arme Bauern, die

rings ihr Feld bestellen und Gott um Regen oder Sonne anflehen.

Wir blieben lange und gingen erst nach Sonnenuntergang. Vor uns, im blassen

Grün der Lüfte, schwebte die überirdisch-süße Säulenapsis von San Giovanni

e Paolo.

*

Tivoli: Wenn das Auge lange genug auf dem blauumdufteten Grün der

Bergkuppen geruht hat, wenn es vollgesogen ist vom honiggelben Überfluß der

Ginsterblüten, vom Regenbogenschimmer des aufwirbelnden Kaskadenstaubes,

mag es tief in der dunklen Stille des Gartens versinken, der an den Treppen

der Villa d'Este niedersteigt.

Hier ist vollkommenes Abgeschiedensein wie auf dem Palatin. Auch Schritt

und Stimme fremder Besucher vermögen nicht mehr die versunkene Seele

aufzuscheuchen. Aber es ist ein anderes Alleinsein, in das du hier

untertauchst: weniger weit, weniger unbestimmt. Du fühlst dich deiner

eigenen Zeit und ihren Träumen näher, das Raunen dieser Stille ist dir

vertrauter. Wie süße, zu keiner Melodie gebundene Musik webt es über den

Wipfeln. Ein Windhauch hebt die Töne auf, ein andrer verwischt sie

und trägt sie weiter in das hellgrüne Leuchten einer Wiese oder in den

Schattengang der ewig unbewegten Zypressen. Aus den Wassern steigt das

unwirkliche Lied und versinkt in den Wassern, wie der kurzgebrochene Lauf

einer silbernen Windharfe. Nur wo das Lorbeerdickicht jeden Atemzug der

Lüfte bannt, wo feuchter Dunst in schwarzen Hecken steht und Asfodelen

blühen, müssen die Klänge verstummen. Verwitterte Steingesichter sehn dich

klagend an, zwischen Unkraut zerbröckelt der graue Rand geschweifter Vasen.

Es hält dich nicht länger im Brüten dieser Einsamkeit. Leichter erträgt

sich das Wunder des Gartens am Rande der breiten Steinbecken, in die das

kristallene Bergwasser einströmt: grün wie die Bäche, die aus Gletschern

stürzen. Steineichen lassen die Äste auf der Flut schleifen. Gold der Lüfte

tröpfelt zwischen den Zweigen. Dein schwankendes Antlitz lächelt aus dem

bewegten Grunde zurück. Bläue wiegt sich im schaukelnden Spiegel. Helle,

feierliche Bilder werden geboren: Von den Treppen steigt im Morgenlicht

die Prozession. Scharlach unter gelben Baldachinen, weißwehende Gewänder

blumentragender Frauen. Die Weihrauchfässer dampfen .. die Litaneien ziehen

dem Zuge nach.

Ippolito d'Este, der Kardinal, wußte, was er zuweilen dem Volk von Tivoli

schuldig war. Aber dann blieben die Gärten wieder verschlossen .. die

tiefen, kühlen Gärten mit dem Geheimnis ihrer anderen Feste ..

Ganz am Ende der südwestlichen Mauer ist ein kleiner, halbrunder Ausbau.

Dort saß ich lange mit Axel und betrachtete das Land, das sich hinter

Ölbaumhügeln und Weingärten dehnte. Schirlingsträucher, hoch wie ein Mann,

schossen im Mauerwinkel empor und hoben den feinen Schattenhauch ihrer

Blumen aus dem Schaft .. ganz in der Tiefe zog die Straße, weiß und

verstaubt, nach Rom. Da die mattsinkende Sonne einen Abend von Purpur

und Lila versprach, ließen wir den Wagenlenker die Richtung von Nemi

einschlagen. Axel deutete im Vorüberfahren nach der Zypressenallee der

Villa Adriana und fragte:

»Wissen Sie, ob Antinous mit dem Kaiser nach Rom kam und dort am Hofe

gelebt hat?«

»Ich weiß es nicht. Doch glaube ich, daß Antinous schon gestorben war, als

Hadrian in die Hauptstadt zurückkehrte.«

»Wie qualvoll muß ihm diese Heimkehr gewesen sein, wie traumlos! Er

hatte seinen Gott verloren, die Schönheit, welche ihm Welt und Kaisertum

erträglich machte ..«

Axel hatte sich mir zugewandt. Sein weiches Profil stand gegen das getrübte

Orange des westlichen Horizontes. Leidenschaftlich fuhr er fort:

»Ich habe nie ohne Ergriffenheit gelesen, daß das Volk dem Liebling seines

Kaisers Altäre baute, ja daß die christlichen Priester noch bis in das

fünfte Jahrhundert gegen diese Kulte eifern mußten« -- --

Schon flog ein bleiches Grün am Rande der Himmelswölbung empor, als wir

den Hügel von Frascati umfuhren. Von den Kuppen war der letzte Sonnenglanz

gewichen, sie standen basaltblau gegen die graue Seide des oberen Äthers.

Kein Hauch ging in den Wipfeln. Erstarrt in seiner Armut lag Albano, ein

Haufen bröckelnden Gesteines, Ariccia, etwas heller auf der Höhe, Genzano,

leicht von safrangelbem Schimmer überflogen .. erblindet aber, leblos, im

schwarzen Grunde fiebernd, der Nemi-See. Ob die Mittagsonne goldne Nägel

in das Blei des brütenden Gewässers schlägt, ob Abendblau von allen Hügeln

fließt, ob Veilchenpurpur aus dunstigen Sonnenuntergängen fliegt wie nun,

da wir im Garten der Villa Cesarini standen und in die Tiefe sahen: immer

wohnt hier der Tod. Schrecklich ist dieses Wasser, ohne Frische, ohne

Atemzüge, leblos von der erschütterten Flanke eines Kraters aus vergiftetem

Grunde heraufgespült. Es ist kein Friede über dieser Landschaft. Hier ist

nichts ausgeruht und nichts voll Wonne an die Abendkühle hingegeben.

Hier ist nur Tod, metallener Tod: Stahl die Berge, Messing und Kupfer der

Himmel, Quecksilber die Flut.

Axel trat von der Mauerbrüstung zurück. In seinen Zügen lag eine Abwehr wie

von bitter Gekautem:

»Ich hasse dieses Gewässer. Es graut mich vor allem, was krank und

verdorben ist. Ich bin lüstern nach dem, was strahlt und weht« -- --

Im Brande der Campagna fuhren wir Rom entgegen. Hinter dem Wagen wogte die

rote Wolke des Staubes, die Lüfte glühten wie Pechnelkenbeete. Wir flogen

dahin, vorbei an flammenden Herden, an flammenden Brunnen, an blutigen

Tümpeln und blutigen Mauern, an entzündeten Gehöften und Brückenbögen, an

ausgeglühten Wasserleitungen und halbverkohlten Pinien .. mitten hinein in

die lichtgrünen Golfe über den Dächern der Stadt, in den beruhigenden Hafen

hinter den langezognen Sandbänken aus Rosa und Heliotrop.

*

Axel war gekommen, um mit mir auszufahren.

Ich war gerade aus dem Sabinergebirge zurückgekehrt, wo ich ausländische

Freunde auf ihrem Landgute besucht hatte.

Ihr Haus lag auf einem kleinen Hügel unter hohen Ulmenbäumen, in Feld

und Garten standen Kastanien, Steineichen und Birken. Ich hatte weiße

Wolkenberge über blaugrünen Bergrücken aufsteigen sehen, ich hatte

schäumende Waldbäche rauschen hören. In allen Gärten längs des Weges hatten

Löwenmäuler und Lilien geblüht, Federnelken und Moosrosen. Geruch von

Wiesentriften und kühlem Moosboden war mir an jeder Wende der Straße

entgegengeschlagen, und nur die hellbraunen Bergkuppen, wo über

Ginsterfeuern die nackten kleinen Städte wuchsen, hatten immer wieder daran

erinnert, daß dies römisches Land war.

Ich war bis nach dem steilen Subiaco hinaufgefahren, um die berühmten

Klöster zu sehen und hatte lange in dem wildblühenden Säulenhof von Santa

Scolastica gesessen, während mir ein Mönch die Geschichte der Heiligen

erzählte. Noch länger aber hatte ich auf dem heißen Grasweg geruht, bei

Glockenblumen und Löwenzahn, und das unersättliche Auge am Wechsel der

Wolkenschatten auf den Hügeln vollgesogen. Im Wehen des Windes war

das Rauschen der Aniowellen zu mir herufgeklungen, und einmal hatten

raschverwehte Glockenklänge den Weg durch die glänzenden Lüfte bis zu

meinem Ohr gefunden. Um mich her weideten braune Füllen, junge Esel waren

an einem Olivenbaum festgebunden und fraßen an dem kurzen, harten Gras.

Kinder standen im Kreise um mich her, seltsam still und ernst. Als ich

bergab stieg, folgten sie mir scheu bis zu dem Wagen, der an der schattigen

Landstraße wartete.

Am Abend aber nahm mich das Haus der Freunde auf, gefüllt vom Zauber des

ländlichen Sonntags und tief in Ströme reinen Abendgoldes eingetaucht.

Alle Gespräche waren heiter und leicht beim gemeinsamen Mahl. Der Wein

des Landes duftete aus flachen Gläsern, Risotto, Maccaroni und Fleisch

von Hühnern dampften auf den Schüsseln, Kirschen und Nespeln lagen im

geflochtenen Bastkorb. Dann kam der starke schwarze Kaffee, der blaue Rauch

der schweren Zigarren und die Vertiefung des Gespräches. Und alles löste

sich am Ende auf in der silbernen Sonate von Scarlatti, die aus den dünnen,

eingeschlafenen Saiten aufstieg. Es war spät geworden. Die Sterne standen

im offnen Fenster, die Birkenwipfel fingen an, sich im Nachtwind zu regen,

Leuchtkäfer flogen -- Tausende von grünen Funken -- im Dunkel duftender

Rosmarinsträucher, und mitten in das Rieseln und Lachen der Alegrettoläufe

fiel lautes Schluchzen träumender Nachtigallen. -- --

Dies alles hatte ich erzählt, während Axel einige welke Blätter aus einem

Kamelienstrauß entfernte und eine Blüte in das Knopfloch steckte. Er setzte

sich auf das Fensterbrett und fragte:

»Wollen Sie wirklich morgen reisen?«

»Bestimmt. Ich fahre am Nachmittag nach Neapel und nehme abends den Dampfer

nach Palermo.«

»Ich verstehe Sie und verstehe Sie doch nicht. Es liegt soviel Grausamkeit

in der Art Ihrer Beschlüsse ..«

Es wurde an die Türe geklopft. Man meldete, daß der Wagen bereit stehe.

Wir fuhren nach den Thermen, um noch einmal zusammen den Epheben von

Subiaco zu sehen. Ich kenne keinen Torso, der mich tiefer ergreift. Kopf

und Hände fehlen -- der Leib allein offenbart die grenzenlose Leidenschaft,

das inbrünstige Hinverlangen nach dem ersehnten Ziel. Der Marmor blüht in

dunkelgoldner Fülle, die Poren atmen warm und gesund, die Lust des Tieres

und die stille Beseelung des ganz von einer inneren Sehnsucht ergriffenen

Menschen ist in dem Rhythmus der stürmischen Bewegung vermengt, die um so

tiefer hinreißt, je weniger sie bedingt gedeutet werden kann.

Axels Hände lagen auf den Hüften der Statue.

»Ich kann nicht anders, sagte er leise. Ich muß berühren, was ich liebe.

Mit meinen Fingerspitzen muß ich fühlen, was ich besitzen will. Ich bin wie

Kinder und Blinde, die erst im Tasten ganz erkennen.«

Niemals mehr werde ich diese schmale, starke Hand mit den flammenden

Smaragdringen auf dem stummdurchglühten Stein vergessen.

*

Der Schattenweg, der zu Santa Sabina hinaufführt, nahm uns in seine hohen

Mauern auf. Wir gingen langsam in den breiten Windungen empor. Kaum war

etwas Grünes zu sehen: eine kurze Rasenböschung zur Rechten, verdorrt

und staubig, sonst nichts als brauner Stein und blaue Luft .. später

eine Baumpflanzung, ein freier Platz, unsäglich einsam, mit kurzem Gras

bewachsen, und zwischen vier korinthischen Säulen der Eingang zu der alten

christlichen Basilika. Hier weht im Schwung der schönen Halbkreise, die

dem Raum jugendliche Belebung und das Maß der klaren Mitte schenken, die

einfach-freie Seele des antiken Tempels. Das ganze Gotteshaus ist Frühling.

Über seinen Dächern müßten blühende Kirschbaumäste schwanken, durch die

offenen Fenster müßte ihr süßer Rauch statt Weihrauches wehen, wenn die

Kerzen der Frühmesse am Altare flammen. Bienen müßten im Mittag zwischen

den weißen Kelchen schwirren, und Schwalben, die leichten Schwalben des

Aventin, sich über dem Abendgesang der Kinder wiegen.

*

Wenige Schritte von Santa Sabina liegt die Villa der Maltheserritter.

Eine Pförtnerin öffnete das Tor.

Wir schritten entblößten Hauptes den tiefen, von dunklem Laub gewölbten

Gartenweg hinab zur goldnen Lichtung, in der Sankt Peters ewige Kuppel

stand.

Abwehrend liegt das Priorat des großen Ordens am steilsten Abhang des

Aventin. Sein Garten steigt zwischen dichten Mauern in kleinen Terrassen

die Böschung hinunter und öffnet seinen stillen, grünen Schoß der

Abendsonne. Alles in diesen Laubgängen, in diesen Blumenbeeten deutet auf

Abend, auf Frieden und Entlastung, auf lange, klare Gespräche, auf Sammlung

und Traum. Wenig Fremde kommen hierher: wenige wissen von dem Geist, der

hier um Baum und Blume schwebt, von der stillen Heiligkeit, die kaum ein

ungebetener Schritt stört. Wer hierher geht, weiß im voraus, wo er ist.

Und was er erwartet, fließt aus dem Einklang seiner Seele mit der Seele des

Bodens, auf dem er wandelt: Wie tief ist das Gefangensein im Dämmer dieser

Hecken, im Sonnenlicht, das um die alten Steinbänke spielt. In einem

kleinen Brunnen singt der scheue, silberne Strahl Rosen und Schwertlilien

das nie verstummende Lied, so zart-erinnerungsvoll im windverwehten Fall

der Töne wie das Flötenlied eines Hirtenknaben hinter verlorenen Halden.

Aber die schwache Melodie überschwebt nur den tiefer wogenden Gesang, den

sie im Ohr des Lauschers weckt: Hymne der Liebe, welche den großen Gedanken

im Herzen erregt und die große Tat.

Arm in Arm wandeln die wieder erwachten Schatten der Ritter die stillen

Pfade herauf: La Valette und der Marquis von Posa, St. Priest und Créqui,

die Helden von St. Elmo. Malta steigt auf, steinern und rosa aus dem Email

des Meeres gegen den Himmel getürmt, lodernd wie der Glaube seiner Hüter.

Da fällt das Heimweh über dich: das namenlose uralte Heimweh des

Vaterlandslosen nach seinem Vaterland: nach den Reichen des Geistes, der

dich selbst beseelt und mit den Widerständen einer entgötterten Zeit ringt.

Du weißt es, daß Tausende wie du im Dunkel glühn und leiden, du weißt

es, daß tausend Sehnsuchten, der deinen gleich, die helfend-verbündete

Sehnsucht suchen, daß ein Wille nach Zusammenschluß in all diesen

Zerstreuten lebt, die einzeln unfruchtbar, als Ganzes eine unbesiegbar

schöne Macht bedeuten müßten. Wenn einer käme, vom gleichen Geist erfüllt,

zum Herrschen geboren und zum Wirken berufen, und seine Stimme zur Sammlung

durch alle Länder schickte, Befreiung und Schönheit eines klaren, einfachen

Lebens verkündend: wenn die Gefesselten sich um ihn scharten: so könnte

ein Sturmwind durch die verängstete Menschheit fahren, forttreiben, was

im Innern krank und verkrüppelt lebt und reinigen, was in verfaulter Luft

geatmet hat. Wenn ein solcher käme und schüfe wieder Gleichgewicht! Setzte

den Leib als unbedingtes schönes Maß und gäbe dem Geist die Herrschaft in

der vorgeschriebenen Umgrenzung .. vertiefte die Irdischkeit und ließe das

Feuer des schöpferischen Willens das Wirkliche so rein durchglühen, daß

in der einfachsten menschlichen Tat die Gottheit fühlbar würde und Gestalt

annähme! Wenn sich ein Orden derer formte, die das große Beispiel gäben:

die aus der Arbeit an sich selber den Glauben an ihre Fruchtbarkeit nähmen,

und dem Geiste getreu lebten, der nur dem Werk und nie dem Wirkenden dient!

NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN

Südliche Reise · 第 5 / 12 段