kam auf deutsche Dinge und hielt sich lange dort. An den Namen gemeinsamer
Freunde spann sich das Gespräch weiter, leicht und fast kühl, da es
einfachen Wirklichkeiten galt, bis sich unmerklich ein leises Heimweh
einschlich. Denn im Reden über so viele, die vor Jahr und Tag mit uns
hier oben zusammengesessen hatten, wurde die Zeit lebendig, die trennend
zwischen heute und damals stand, die Schwere alles Zwischenerlebens schob
sich über das Spiel der Erinnerung, die fast Gedicht geworden war. Wir
verstummten. Wir schauten durch das Gitter des offenen Fensters in die
Ebene hinunter, den Baumwipfeln der grünen Bandita entlang. Dann kamen
plötzlich die Fragen: Entsinnen Sie sich noch jenes Vormittags, als wir zu
Gino gingen? Wie hieß die Frau mit den Rubinohrringen, welche die Arie
der Armida sang? Spielt Octavio noch so schön Klavier? Was ist an der
Geschichte wahr, die man von dem Abbate Celli las? Ohne Aufhören fiel Frage
auf Frage, Antwort auf Antwort, während wir in dem Haus umhergingen. Wir
stiegen die Treppen in das Obergeschoß empor, wo die Schlafräume lagen.
Da war mein altes Zimmer! Nichts war verändert: dieselben alten Bilder,
dieselben Leuchter, und dasselbe dunkle Himmelbett. Wie stiegen die
Morgende des Erwachens auf, wenn der Diener eintrat und die Läden
zurückstieß, wenn plötzlich das ganze, in helles Sonnenlicht getauchte
Land in den Fensterrahmen trat: die Wipfel der Pappeln, die im frischen
Morgenwind schwankten und ihr flüsterndes Blattwerk spielen ließen, die
schweren wiegenden Zypressen über den Dächern von San Miniato, die
ganze östliche Stadt, die im dünnen blauen Dunst des Sommertages zu dem
Hügelkranz von Fiesole emporwuchs. An der Mauerwand aber schlug der warme
Duft der Erde empor, und wehte bis auf die Kissen ..
Wir gingen zurück in das untere Stockwerk. Ich war traurig geworden, und
fühlte mich erst leichter, als wir in dem großen Arbeitsraum des Hausherrn
saßen, wo so viele ausgelassene Gespräche und Erzählungen die Abende
verkürzt hatten. Als ob der Freund meine Gedanken erraten hätte, fragte er,
indem er sich in einen hohen, roten Seidensessel setzte:
»Haben Sie manches Mal an die Gräfin d'Ys gedacht?«
Da war mit einem Male das Lachen geboren -- und mit ihm jener
göttlich-leichte Frühlingsabend, als uns Octavio Poggiolini die reizende
Geschichte erzählte ..
· · ·
Wir saßen im Kreis um den Kamin. Ein kleines Feuer brannte auf dem
eisernen Rost, denn der helle Mondabend war kühl und etwas feucht. Die
Champagnergläser waren aus dem Speisezimmer herübergetragen worden und
standen neugefüllt, die Damen zerlegten Orangen auf dünnen Glastellern,
einige der Herren rauchten. Man hatte nur ein paar gelbe Wachskerzen
angezündet, da der Schein der Flamme reichlich Helle gab und außerdem durch
das Fenster ein breiter Streifen Mondlicht in blaßgrünem Dreieck über
den Boden fiel. Octavio Poggiolini saß nahe am Feuer und hatte die
Beine übereinandergeschlagen. Auf seinem Gesicht stand die Vorfreude des
Erzählens. Vielleicht gab dies Marita Branconi einige Bedenken, denn sie
sagte, als er eben beginnen wollte:
»Ist die Geschichte sehr unanständig?«
»Was denken Sie? fiel ihr Octavio ins Wort, sehr unanständig! Im Gegenteil!
Sie ist ganz einfach das Loblied auf die Klugheit!«
Aber Marita ließ sich nicht beirren:
»Haben Sie die Geschichte selbst erlebt?«
»Nein, ich berichte, was man mir gesagt hat.«
»Dann ist es vielleicht doch besser, wir Frauen gehen solange ins
Musikzimmer.«
»Um Gottes Willen, rief Octavio, nein! Ich hätte keine Freude mehr am
Erzählen. Es ist durchaus eine Geschichte für Frauen, zumal für solche, die
leider nur als flüchtige Gäste in meiner schönen Vaterstadt weilen.«
Damit wandte er sich zu der jugendlichen Gräfin Voss und ihrer noch
jugendlicheren Schwester Katarina von Pleß, die ihn lächelnd ansah und mit
dem langen Blick ihrer blauen Augen ermutigte:
»Es ist natürlich die Geschichte einer Frau, die Sie erzählen wollen?«
»Gibt es überhaupt Geschichten ohne Frauen?«
Marita lehnte sich tiefer in ihren Sessel zurück, um sich einen besseren
Halt zu geben, während Katarina sich ein wenig bückte und aus dem
getriebenen Messingeimer ein neues Holzscheit in die Flammen warf, so
daß einen Augenblick lang das schmale Diamantband aufleuchtete, das sie
ziemlich tief am Hals über dem Ausschnitt des Kleides trug.
Octavio begann:
»Vor etwa sieben Jahren verlobte sich Isabella Giramonte ziemlich
unerwartet mit dem Grafen d'Ys. Es war eigentlich niemandem klar, warum
das schöne, noch sehr junge Mädchen diesem Manne ihre Hand reichte: er
sah nicht schlecht aus, war ebenfalls noch nicht viel über die Mitte
der zwanzig hinaus und hatte reiche und ausgedehnte Besitzungen in der
Normandie. Isabella war wenig vermögend, man sagte, die Spiellust des
Vaters habe den größten Teil des mütterlichen Vermögens verschlungen. Nun
ist es ja wahr, daß die Giramonte von jeher leidenschaftliche Spieler
mit Geld und Schicksalen waren, ich glaube aber (nach dem, was man mir
zugetragen hat), daß die Mitgift von Isabellas Mutter -- Sie wissen doch,
daß sie die Tochter eines gewissen Herrn von Didier aus Rouen war -- bei
weitem nicht die Höhe erreichte, die Giulio Giramonte erwartet hatte .. und
daß er also wahrscheinlich das Vermögen nicht für groß genug hielt, um es
vor den Möglichkeiten des Spieltisches zu schonen. Kurz, wie dem auch sei:
den beiden Eltern konnte Isabellas Vermählung mit dem Grafen Roger d'Ys nur
angenehm sein, ganz Eingeweihte wollen sogar wissen, die Verlobung sei ein
lange vorbereiteter und gut berechneter Schachzug der Mutter gewesen, die
aus Rache gegen gewisse italienische Enttäuschungen ihres eigenen
Ehelebens die halbfranzösische Tochter unter allen Umständen gegen jeden
italienischen Bewerber an ihr eignes Vaterland zurückspielen wollte. Daß
Isabella in Wahrheit aber viel mehr zu der Art des italienischen Mannes
neigte, wurde als belanglos übergangen: blonde und schwarze Mischung hatte
noch immer die besten Ehen gegeben, und außerdem gehörten die Grafen von
Ys und Dieuleveuille zum französischen Uradel, während die Giramonte
weit weniger vornehm waren, die Didier aber sogar nur zur napoleonischen
Aristokratie zählten. Die Frage des Blutes aber hatte jederzeit Isabellas
Mutter tief bewegt. Nun wäre dies alles eigentlich vollkommen gewesen, wenn
nicht Roger d'Ys einen so großen Fehler besessen hätte (oder vielleicht
eine so große Tugend, je nachdem man es nimmt), daß das Glück der
Ehe dadurch ernstlich bedroht werden konnte. Er war nämlich von einer
Schlichtheit des Verstandes, wie sie sich eigentlich nur der Uradel
gestatten darf: und das Schlimme (oder das Gute, je nachdem man es nimmt)
war, daß seltsamerweise der Ausdruck seines Gesichtes davon gar nichts
verriet. Sein Gesicht war hübsch, in seinen blauen Augen lag viel feine
Güte, und sein Mund war einer der edelsten Frankreichs. Die Nase war
wohlgebildet und durchaus nicht zu klein (was bei sehr blonden Gesichtern
ja des öfteren vorzukommen pflegt), vor allem aber erschien die
feingemeißelte Stirn unter der seidnen Welle goldnen Haares als das
deutlichste Merkmal sehr vornehmer Geburt. Nun hätte ja Isabella, die
stets in äußeren Vorzügen ziemlich viel Ersatz für gewisse innere Mängel zu
finden wußte (dank ihres väterlichen Blutes) vielleicht das geringe Maß
an Geistigkeit an ihrem Gemahl noch ertragen: zumal sie ein offenes Haus
führte, so daß ihr gar nicht einmal allzuviel Zeit blieb, in dem geistigen
Reich des Grafen zu Gast zu sein: aber es gab eine noch tragischere Frage
in dieser Ehe, die ich allerdings nicht ohne Bedenken aufzurollen wage.
Ich werde mich sehr vorsichtig ausdrücken, vor allem werde ich zu erklären
versuchen. Roger d'Ys war der letzte seines Stammes, unweigerlich. Wenn
er ohne Nachkommen blieb, fielen Vermögen und Güter an eine Seitenlinie
niederer Gattung, die sich besonders dadurch im hohen Adel mißliebig
gemacht hatte, daß sie einige Söhne ohne Bedenken als Offiziere in das
republikanische Heer hatte eintreten lassen. Roger d'Ys gab sich nun ohne
Zweifel auch redlich Mühe, dieser entsetzlichen Möglichkeit vorzubeugen ..
und Isabella zeigte ein selbst bei Frauen nicht gewöhnliches Verständnis
für die Politik ihres Gatten, obwohl sie kraft eines gesunden Spürsinnes
für Dinge, in denen sie nur eine einmalige Erfahrung besitzen
konnte, längst und schmerzlich erkannt hatte, daß die Natur in ihrem
Verfeinerungsbedürfnis an der Männlichkeit des letzten Grafen d'Ys und
Dieuleveuille entschieden zu weit gegangen war. Sie hatte geradezu eine
Sünde begangen. Sie hatte kaum noch einen Menschen, sondern eine vollkommen
schöne Statue gebildet: die ganz erfüllt in dem Wunder ihres eigenen
Ebenmaßes lebt und kaum noch etwas davon weiß, daß das Leben nicht die
edle Beschränkung, sondern die leidenschaftliche Fülle, nicht die kühle
Vornehmheit des l'art pour l'art: sondern die zielbewußte Arbeit des l'art
pour l'oeuvre verlangt!
Aber Isabella war schon im dritten Jahr ihrer Ehe angelangt, ohne daß eine
Hoffnung auf Nachkommenschaft bestanden hätte. Die Gräfin-Mutter war auf
das Schloß gekommen und hatte ihr ernsthaft ins Gewissen geredet, auch der
Pfarrer war einige Male bei ihr gewesen, und selbst der uralte Erzbischof,
dessen Rufe zu dem Heiligen Geist in der französischen Aristokratie eine
nicht unberechtigte Berühmtheit genossen, hatte ihr sagen lassen, daß er
Gott den Herrn bitten werde .. Ihre eigene Mutter aber, weniger gläubig
und mit einem stärkeren Sinn für die Wirklichkeit begabt, war mit ihr
zu einigen großen Ärzten gefahren, von denen nicht ein einziger verfehlt
hatte, ihr die Versicherung einer geradezu mustergültigen Vollkommenheit zu
geben -- -- und sie war genau so klug, als sie gekommen, nach Château d'Ys
zurückgekehrt. Es ging auf den Winter zu, und sie begann zu kränkeln.
Wie viele Edelleute aus der Normandie hatte Roger die Gewohnheit, wegen
gewisser Jagden, die er geben mußte, weil es die Sitte seiner Familie so
verlangte, ziemlich lange auf dem Schloß zu bleiben und die Wohnung in
Paris erst im November zu beziehen. Er wäre ja gerade in diesem Jahre
gerne geneigt gewesen, seiner Frau zuliebe schon Ende Oktober in die Stadt
überzusiedeln, aber die Gräfin-Mutter fand den Grund nicht ausreichend,
zumal gewisse klerikale Wahlen bevorstanden, deren Ergebnis außerordentlich
durch den Erfolg der Feste und Gelage auf Château d'Ys bedingt war.
Da erklärte Isabella ohne jeden Umschweif, daß sie sich gewiß diesen
geheiligten Sitten nicht widersetzen wolle, daß sie aber die Rolle, die
sie bei solchen Gelegenheiten zu spielen habe, der wesentlich gewandteren
Gräfin-Mutter zurückgeben und ohne jeden Widerspruch Anfang Oktober auf
einige Wochen nach Florenz fahren werde. Diese Reise scheine ihr die
einzige Möglichkeit zu bieten, ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen,
das sie bei den herrschenden Umständen ein wenig verloren habe. Die
Gräfin-Mutter war außer sich und trug von diesem Tage an bis zu einem
gewissen anderen Tag, der aber in dieser Geschichte erst viel später
vorkommt, eine offene Feindschaft zur Schau, ja sie soll allen Ernstes
die Frage erwogen haben, im äußersten Falle bei dem Heiligen Vater eine
Ungültigkeitserklärung der Ehe zu erlangen. Es steht nicht fest, ob sie
ihrem Sohne gegenüber einen ähnlichen Gedanken geäußert hat: wenn sie
es aber getan hätte, wäre sie ohne Zweifel auf den heftigsten Widerstand
gestoßen. Denn Roger liebte seine Gemahlin über alle Maßen, und es war
eigentlich nur die obenerwähnte allzugroße Schlichtheit seines Geistes,
die es ihm unmöglich machte, Isabella gebührend gegen die Oberhoheit seiner
Mutter in Schutz zu nehmen. So fand er auch -- trotz seines wirklichen
Schmerzes über Isabellas Vorhaben -- in diesen bedeutungsvollen Tagen weder
das richtige Wort noch die richtige Haltung, er sagte sich nur, daß es
das beste sei, Isabella ohne Widerspruch gehen zu lassen und es ganz ihrem
eigenen Gefühl anheimzugeben, wann sie sich wieder an der Seite ihres
Gatten einfinden würde. Er teilte diesen Entschluß, den er in einer
ziemlich schlaflosen Nacht gefaßt hatte, seiner Mutter mit, die sich in
Voraussicht der kommenden Dinge schon von Paris nach Château d'Ys begeben
hatte. Aber sie warf nur einen Blick gegen den Himmel und führte ihre
weiße, schmerzliche Hand nach der gefesselten Fülle des Busens, als wolle
sie sagen, daß sie sich zwar vollkommen unschuldig an einem solchen Sohne
fühle, sich aber mit der Demut einer wahren Christin auch in diese Prüfung
Gottes füge wie schon in so viele andere, von denen sie mehr ahnen ließ als
verriet. Am meisten aber litt Isabella. Doch hütete sie sich, dies merken
zu lassen, sie schien vielmehr ganz erfüllt von dem Gedanken ihrer Rückkehr
und fast schon ihrer Umgebung entrückt. Während sie jedoch scheinbar eifrig
und sorgfältig die Vorbereitungen zu ihrer Abreise traf, ging sie tief mit
sich zu Rate und überlegte, wie sich ihr zukünftiges Leben gestalten würde.
Gerade weil sie ein wirklich ehrliches Gefühl für ihren Gemahl hegte, war
es nicht leicht, das Rechte zu erkennen. Sie war nun einmal die Gräfin d'Ys
und Dieuleveuille, und sie mußte es unter allen Umständen bleiben. Aber sie
fürchtete sich vor dem Augenblick, wo vielleicht in ihren Empfindungen für
den Gatten etwas wie eine Windstille eintreten würde, weil er .. nun ja,
einmal weil er sich in seiner unschattierten Geistigkeit so unerhört gleich
blieb, sodann aber auch, weil .. ja, wie soll ich dies nun wieder sagen ..
weil das rein Bildmäßige seiner Erscheinung, das allzustrenge Verharren in
seiner Schönheit, das allzugeringe Aus-sich-Herausgehen eines Tages eine
empfindliche Lähmung ihrer Freude an ihm mit sich bringen würde. Und sie
folgerte ganz richtig, daß etwas ähnliches ja eigentlich schon eingetreten
sein müsse, da sie so außerordentlich klare Vorstellungen von dieser
Verschiebungsmöglichkeit des Gefühles hatte. Sie würde nicht einen
Augenblick lang solchen Gedanken nachgegangen sein, wenn sie ein Kind
gehabt hätte. Sie sehnte sich leidenschaftlich nach einem Kind, nicht, weil
sie damit gewissermaßen ihre Pflicht gegen das Geschlecht des Grafen d'Ys
erfüllt hätte: sondern weil sie zu den Frauen gehörte, die auch in der
Mutterschaft eine Erfüllung ihres eigenen Lebens zu sehen vermögen. Und
wie es ja fast immer zu geschehen pflegt, daß gerade Frauen mit starkem
Sinnenleben die besten Mütter werden, weil ihre Liebe nur das sichtbar zu
Greifende, bedingt Wirkliche zu fassen vermag und unbestimmten Inhalten
abhold ist: so hätte Isabella in einem Kinde einen gewissen Ersatz gefunden
für manches, das ihrem ehelichen Leben fehlte. Aber selbst an diesen
heißgehegten Wunsch legte ihr großer Verstand eine Bresche: Wie würde ein
Kind von Roger d'Ys geworden sein? Noch weiter in ihrer Verfeinerung konnte
die Natur nicht gut gehen, und wenn Isabella auch der gesunden Art ihres
eigenen Blutes Kraft genug zutraute, bei der letzten Entscheidung über
äußere und innere Gestalt des werdenden Wesens ein sehr bedeutsames Wort
mitzureden: so faßte sie trotz dieser Zuversicht zuweilen eine große Furcht
an, sobald sie an die Verwirklichung ihres Wunsches dachte: denn es waren
ihr zu viele Beispiele bekannt geworden -- und ganz besonders seit ihrem
Aufenthalt im Schoße derer von Ys und Dieuleveuille -- daß das Unbegabte
über das Begabte den Sieg davonzutragen pflegt. Ja, diese Erfahrung schien
ihr manchmal in so hohem Maße ein allgemein gültiges Gesetz einzuschließen,
daß es Stunden gab, wo sie ihre Kinderlosigkeit als ein Werk der Vorsehung
empfand. Aber was sollte dann aus ihrem Leben werden? Sie war noch nicht
einundzwanzig Jahre alt! Welche Zeiten lagen vor ihr!
Eben in diesen Tagen, als die Qual zu groß in ihr wurde und allein
der Gedanke an den Stumpfsinn der nahenden Jagdgesellschaften sie fast
trübsinnig machte, beschloß sie, nach Florenz zu fahren. Wie der übermüdete
Schwimmer, der nicht mehr gegen den Strom ankann, die erste Weidengerte
des Ufers erfaßt, so klammerte sie sich an diesen Namen: Florenz -- und an
einem der ersten Oktobertage traf sie in unserer geliebten Vaterstadt ein.
Ihr Gemahl hatte sie natürlich nach Paris begleitet und ihr als Zeichen
seiner Liebe einen großen Rosenstrauß mitgegeben, zu dem er selbst jede
einzelne späte Blüte im Schloßpark zusammengesucht hatte: Als sie aber nun
im offenen Wagen an der Seite ihrer strahlenden Mutter, die natürlich von
den inneren Zusammenhängen keine Ahnung hatte, durch die Via Tornabuoni
über den Ponte Santa Trinità hinauf nach dem Boboli fuhr, hinter dem
die Villa der Eltern lag, hatte sie vollkommen vergessen, warum sie aus
Frankreich entflohen war. Sie fand es ganz selbstverständlich, daß sie in
ihrer Vaterstadt weilte, ja, sie konnte es kaum noch begreifen, daß sie
weit über zwei Jahre die Trennung von der heimatlichen Erde ertragen hatte,
zumal in der Umgebung, in die sie ihre Heirat gestellt hatte. Und noch ehe
der Wagen vor der Haustür hielt, war sie sich klar darüber, daß kein Herbst
und kein Frühling mehr vergehen würde, ohne daß sie einige Wochen in
der Heimat zubrachte. Mochte die Gräfin-Mutter wegen der mißratenen
Schwiegertochter jede Woche zweimal zum Erzbischof laufen: sie würde
sich nicht daran kehren. Sie würde sich überhaupt nicht mehr an all diese
lächerlichen Zustände in Château d'Ys kehren. Sie würde sich durchsetzen,
ganz unzweideutig. Vor allem würde sie sehr viel auf Reisen gehen. Drei
Monate auf dem Schloß und drei in der Stadt müßten vollkommen genügen, über
die andere Hälfte des Jahres würde sie selbst bestimmen. All diese Dinge
wurden ihr im Fluge klar und mit einer Entschiedenheit, wie sie nur die
klare, helle Luft unserer Stadt zu erzeugen vermag.
Sie schrieb noch am selben Abend einen glückseligen Brief an ihren Gemahl,
in dem zu lesen stand, daß der Mond im glänzenden Laube der Pappeln spiele,
daß aus dem Garten der Duft später La Francerosen in ihr Zimmer dringe, und
daß zwischen den dünnen, wehenden Ölbaumzweigen das Wasser des Arno silbern
aufleuchte. Allein schon der Anblick der Ölbäume habe ihre Seele gelöst,
schrieb sie gegen den Schluß hin, und sie sei des festen Glaubens, daß sie
in der Heimat so weit genesen werde, um gesund und hoffnungsfroh zu ihm
zurückkehren zu können.
Daß aber am gleichen Abend der wunderschöne Graf Primoli sich unversehens
bei ihren Eltern als Gast angesagt hatte und bis gegen Mitternacht
geblieben war (was man eigentlich unter ganz vornehmen Leuten nicht mehr
tut): das schrieb sie nicht. Sie schrieb auch nicht, daß dieser Primoli
gefragt hatte, ob er seine Schwester mit ihr bekannt machen dürfe, die
gerade bei ihm zu Besuch sei. Vor allem aber schrieb sie nicht, daß eine
geradezu übersinnliche Erleuchtung sich plötzlich ihres ganzen Wesens
bemächtigt hatte, als dieser Primoli ihr die Hand beim Abschied küßte ..
eine Erleuchtung, so gewaltsam und divin, daß sie plötzlich an den alten
Erzbischof und die Macht seiner hierarchischen Gebete denken mußte.
Nach etwa drei Wochen aber schrieb sie den längsten und schönsten Brief,
den ihr Gemahl jemals von ihr bekommen hatte. Der Brief war so schön, daß
Roger d'Ys die Wahlen und die Jagden und seine vom nahen Weltuntergang
überzeugte Mutter im Stich ließ und geradeswegs nach Florenz fuhr, wo er
in dem kleinen Mauergarten der Villa seiner Gemahlin zu Füßen sank und ihr
fast unter Tränen gestand, er habe seit ihrer Abreise keine frohe Stunde
mehr gehabt, und er fühle, daß ihre Nähe ihm teurer und wertvoller sei als
alles andere auf der Welt. Während er dies aussprach, hatten seine Wangen
sich gerötet, und seine hyazinthblauen Augen hatten einen innerlichen
Glanz bekommen. Sein feiner Mund stand ein wenig geöffnet, die weißen,
gleichmäßigen Zähne wurden sichtbar -- und er sah so schön aus, daß
Isabella gerne ihre Lippen länger auf den seinen ruhen ließ, als sie sonst
zu tun pflegte. Sie hatte nun wirklich keinen Zweifel mehr, daß an jenem
Abend, als Diomede Primoli ihr so lange die Fingerspitzen und die zarten
blauen Adern des Handgelenkes geküßt hatte, der heilige Geist über sie
gekommen war und ging mit dem glückseligen Lächeln einer Märtyrerin durch
die herbstliche Sonne am Arm ihres Gatten dem Hause zu. Roger wich fortan
nicht von ihrer Seite, und es verbreitete sich allenthalben die Kunde ihres
Glückes. Kinderlose Ehepaare nahmen sie sich zum Muster, und einmal, als
Monsignore Zacconi in der Annunziata eine lange Predigt damit geschlossen
hatte, daß es kein wahres eheliches Glück ohne Kinder gebe (obwohl er
doch hier eigentlich nicht gut mitreden konnte) stellten ihn bei einem
Abendessen, das die Marchesa Prioressa gab, einige Damen und Herren sehr
unverblümt zur Rede über diese seltsame mittelalterliche Ansicht und
verwiesen frohlockend auf Isabella und Roger, die Arm in Arm an einer
Säule standen und aufmerksam mit zuhörten, wie der Graf Primoli von der
Einrichtung seines Hauses erzählte. Ich muß hier zufügen, daß er sich
geradezu eines Rufes als Renaissancekenner erfreute, und daß selbst aus
entlegenen Ländern Besucher zu ihm kamen und seine schönen Möbel- und
Schmuckstücke betrachteten. Seltsamerweise war Graf d'Ys noch nicht bei ihm
gewesen, was eben gerade den Anlaß dazu gegeben hatte, die Teestunde des
nächsten Nachmittags zu einem Besuche festzusetzen. Isabella wurde in
demselben Augenblick, als Roger sie um ihre Ansicht fragte, von der
Herzogin von Levanto in ein Gespräch über französische Geflügelzucht
gezogen und somit einer Antwort überhoben. Roger indessen zweifelte nicht
eine Minute daran, daß seine Gemahlin einverstanden sei und sagte zu.
Diomede hatte alle Zimmer mit Blumen schmücken lassen, insbesondere aber
sein Schlafgemach, das schöner als alle anderen Räume war. Das köstlichste
Gebäck der Pasticceria Giuco wurde aufgetragen, alle Messer und Löffel
wiesen die bezauberndsten Goldschmiedearbeiten der Frührenaissance auf,
in einer Räucherpfanne, die aus dem Nachlaß der Päpstin Johanna stammte,
verpuffte in goldenen Wolken ein wenig Würze von Rosmarin: Kurz, der Graf
d'Ys mußte zugeben, daß er niemals zuvor in einer Umgebung so ausgewählten
Geschmackes von einem so liebenswürdigen Gastgeber empfangen worden sei.
Ja, er äußerte lebhaft und mehrere Male hintereinander den Wunsch, doch
noch des öfteren während seines florentinischen Aufenthaltes den Grafen
besuchen zu dürfen, worauf dieser entgegnete, er wüßte nichts, was ihm
angenehmer wäre. Auch Isabella meinte, es gäbe ja nichts Schöneres als
das Verweilen in diesem Hause, wo jeder Winkel den Kunstsinn und die feine
Gesittung seines Bewohners verrate. Diomede wandte lächelnd ein, daß sie
übertreibe, aber Roger wiederholte wörtlich, was seine Gemahlin gesagt
hatte und verlangte auch, die oberen Gemächer zu sehen, während Isabella,
eine Ermüdung vorschützend, sich im Garten ausruhte. Wohl eine halbe Stunde
lang verweilten die Herren im Schlafgemach. Roger, dem es zum ersten Mal
in seinem Leben klar wurde (obwohl er einige Bücher von d'Annunzio gelesen
hatte) was dieser Raum einem Menschen bedeuten konnte, wollte sich nicht
trennen von den unzähligen Schönheiten, die hier das Auge ergötzten, sei
es, daß er vor einem Engel der Verkündigung stehen blieb und andächtig in
die verheißungsvollen Züge emporstarrte, sei es, daß er in den kostbaren
alten Brokatbänden blätterte, die auf dem Nachttisch lagen, sei es, daß er
staunend und neidisch das Bett betrachtete, von dem eine seltsame Macht auf
ihn auszuströmen schien. Diomede trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die
Schulter:
»Ist es nicht wundervoll?«
»Wundervoll, erwiderte Roger wie im Traum, und so breit, so bequem, beinahe
feierlich. Ich wünschte, es wäre mein.«
»Nichts leichter als dies, mein Teurer, entgegnete Diomede, genau das
gleiche Bett ist noch bei Rondinelli zu haben. Wenn Sie es kaufen wollen,
werde ich Ihnen gerne behilflich sein.«
»Tausendmal Dank, rief Roger entzückt, Sie überschütten mich mit
Freundlichkeiten. Ich werde es kaufen!«
In den nächsten Tagen konnte der Graf d'Ys keinen anderen Gedanken
mehr fassen, als Möbel zu kaufen, alte, echte Renaissancemöbel für sein
normännisches Schloß. Und er war bitter enttäuscht, als Primoli den Kopf
schüttelte und etwas nachlässig sagte, während er sich in dem Schaukelstuhl
zurücklehnte und die Beine übereinanderschlug: