ALBERT H. RAUSCH
SÜDLICHE REISE
1 . 9 . 2 . 0
EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN
ALLE RECHTE, BESONDERS DAS
DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN
AMERIKANISCHES COPYRIGHT 1914
BY EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN
DRITTE AUFLAGE
VON DIESEM WERK WURDEN
15 EXEMPLARE AUF BÜTTEN GEDRUCKT
UND VOM VERFASSER GEZEICHNET
INHALT
WIDMUNG SEITE 3
RAVENNA » 9
FLORENZ » 37
ROM » 65
NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN » 105
PALERMO » 121
TUNIS / WÜSTE » 151
HELLAS (ABEND IN SEGESTA / TAGE
IN SYRAKUS / CAPRI) » 191
WIDMUNG: AN MARIA-VICTORIA
Es ist Nacht. Das Fenster steht offen, die feuchte Luft weht auf den Tisch
und bewegt den Strauß von Pflaumenblüten neben deinem Bilde. Du blickst mir
ins Antlitz, und ich erwidere ruhig deinen Blick.
Die Frucht ist reif. Du kannst fordern, was dir gehört. Auch dieses Buch
ist eine Heimkehr zu dir. In die größte Entfernung der Seele dringt dein
Ruf. Selbst in die schöpferische Abgeschiedenheit weht der Hauch deines
stummen Lebens. Du forderst nie und rechtest nie um einen Inhalt, der dir
gehört. Du bist nur da, eindringlich und natürlich, ohne Anfang, ohne Ende.
Haben wir es nicht an uns selbst verspürt, daß Abgründe Seele von Seele
scheiden? Ist dieses Wissen nicht unsere Geschichte geworden? Hat es uns
nicht von dem fruchtlosesten aller Kämpfe befreit und uns eine Klarheit des
gemeinsamen Lebenszustandes gegeben, die uns vor Enge und Irrtum bewahrt?
Welche wirkenden Kräfte unsrer Seele müssen wir eindämmen oder ersticken,
um einander die Treue zu wahren? Ist irgendein Leben in uns, das wir
einander nicht eingestehen dürfen? Haben wir nicht in den Jahren unsres
Wachsens die grenzenlose Verehrung für alles Lebendige gelernt? Das
schlichteste Leben eines Dinges hat uns das erhöhte Leben der vereinten
Dinge gezeigt, im scheinbar Gewöhnlichsten hat sich das Außergewöhnliche
offenbart. Nichts blieb gesondert, alles war in einen unergründlichen
Zusammenhang von Beseelung gerückt, der uns die Schönheit der Welt
offenbarte.
Ziele und Zwecke? Wie fern ist unser Schicksal von einem Ziel, wie fern
unser Leben von einem Zweck, da wir längst wissen, daß alles Lebendige
ununterbrochen in sich selbst kreist, daß jede Ruhe ein Schein ist, und daß
wir weiter müssen, unaufhörlich weiter.
· · ·
Es sind Erhöhungen meines einfachen Lebens, die ich für dich aufgeschrieben
habe. Es ist eine große Leidenschaft des Erlebens, die ich zu dir trage.
Es ist meine Seele, in tausend fremden Bildern und Wellen gespiegelt,
übergossen von Licht, geweitet in einer Ferne, die dich vielleicht
beklemmen könnte, wenn sie dir nicht selbst so sehr aus den vielen Stunden
vertraut wäre, wo du Zeiträume durchmaßest, welche die ungeübte Seele nicht
erträgt.
Wie du die Zeit in dir verwandelt hast! Wie unbegreiflich frei du bist von
den Zeitmaßen einer Frau! Was hat es geändert in den Zeitläuften
deiner Seele, Gattin und Mutter zu sein? Wie ein Morgenwind über die
unergründliche See hinfährt und vielleicht die Welle zu einem flüchtigen
Lächeln kräuselt, haben dich die äußeren Wandlungen deines Lebens
getroffen, hat das Stundenhafte dieser Dinge das Unbegrenzbare deines
inneren Daseins angerührt: es hat sich nichts gelöst in dir und nichts
gebunden: der Erscheinungen kleine Zahl hat sich um ein kleines vermehrt.
Die große Kraft deines Lebens aber blieb unberührt und keusch wie zuvor.
In dieser großen Kraft ruht unsere Gemeinschaft. Über ferne Meere ziehst du
die Seele deines Freundes zurück, der ein Abenteurer ist und bleiben muß,
solange ihn die Götter lieben.
Tausend verschiedene Leben sind in mir und wollen erfüllt sein, tausend
Gesichter trage ich vor mir her und kann von jedem sagen: es ist mein
Gesicht und aus mir selbst entsprungen.
Aber alle sind nur auf den einen, stillen Spiegel deines Lebens gerichtet,
der ihre Vielheit in dem Abgrund seiner Ruhe aufnimmt, so daß mir nur die
eigne Einheit aus der Tiefe entgegenstrahlt.
RAVENNA
So war die Anfahrt an Ravenna:
Grün dehnte sich rings in der schweren Luft: Korn- und Weizenfelder, von
vielen frühen Gewitterregen aufgetrieben. Feuchter Dunst lag über der
reglosen Fläche. Mitten in die Acker waren Ölbäume gepflanzt. Das dünne
Silber der Zweige warf eine bezaubernde Leichtigkeit in die Schwüle. Von
Stamm zu Stamm rankte Weinlaub in niedrigen Bögen, die fast die Spitzen der
Ähren berührten. Die Sinne ermüdeten an dem ununterbrochen gleichen Bild,
die Augenlider schlossen sich leicht und zuckten nur ein wenig weiter
auf, wenn unverhofft ein zerbröckelndes Bauernhaus, ein Garten voll weißer
Lilien oder eine Oase hochroten Mohnes auftauchte.
Das Licht wurde leiser, unwahrscheinlicher, aber im Steigen der Sonne ein
wenig goldner. Ganz fern, wo der Himmel an die Erde rührte, zogen lange
Regenstreifen den Viertelkreis ihres feinen Staubes. Kurze Pappelalleen
tauchten in gelben Wiesengründen auf und verschwanden, selten nur stand
am Rand eines Feldes ein Lorbeerstrauch, noch seltener hob sich aus
abgeschlossenen Parken eine Zypresse. In dem blaugrauen Schleier des
Himmels formten sich kleine, runde Wolken, die Luft wurde heiß, der
Goldstrom der Regenstreifen begann zu ermatten. Plötzlich schimmerte die
Ahnung eines Turmes in dem ruhigen Niederfluß des Lichtes, unkörperlich,
mit schwachen Umrissen. Das Bild eines zweiten Turmes schob sich
daneben, nicht minder undeutlich, dann die Giebel schmuckloser,
unendlich einförmiger Häuser. Ebene und Stadt waren eines, ohne Grenze
ineinandergeschoben und aufgelöst in der Traurigkeit des teilnahmlosen
Himmels, der dieses Land nicht liebte.
Nun schimmerten Kanäle auf, einige breit und fortlaufend, andere
willkürlich hier und dort zwischen die Felder gezogen. Das Wasser leuchtete
braun über dem Untergrund irgend einer Fäulnis, manchmal auch weiß und
leblos wie über bleiernen Böden. In der Ferne, wo das Meer liegen mußte,
hatten sich die Wolken vollkommen geschlossen, die Stadt lag brütend
und gleichgültig in unaufhaltsamem Siechtum: eine stumme, erschütternde
Anklage.
Ich stand wie gelähmt auf dem kleinen, verstaubten Platz, ehe ich mich
entschließen konnte, einen Wagen zu nehmen, und sah im Kreise umher, ob
nicht irgend ein freundliches Bild, ja nur der Ausschnitt eines Bildes, den
Fremdling willkommen heißen wolle: Aber da war nichts als grauer und gelber
Staub über einem ausgetretenen Pflaster, graue und gelbe Häuserwände mit
blinden, leblosen Fenstern und hoffnungslos erstorbenen Blendbögen, graue
und gelbe Ziegeldächer, von vielen schmutzigen Regengüssen gedunkelt, und
ein paar verwahrloste Menschen mit grauen und gelben Gesichtern, in denen
quälerisch das Wort geschrieben stand, das der Fluch dieser ganzen Stadt
ist und jeden Menschen so rasch aus ihren Mauern forttreibt: Fieber ..
Langsames Fieber, das sich im Blute einnistet und immer wieder aufsteht,
wenn es die feuchte Hitze des Sommers und der Morastatem des Herbstes aus
dem trügerischen Schlaf zum Leben ruft. Wie blöd waren die Blicke, die an
mir haften blieben, wie verständnislos und mißtrauisch gegen den
Fremden, der nur hierher kommt, um das heimliche Leben in seinen Winkeln
aufzusuchen, das diese hoffnungslosen Gassen überblüht. Alles ist
verwahrlost, was der Blick streift, es gibt keine Mauer mehr, an der nicht
der Kalk oder das Gestein losbröckelte, keine Flucht von Fenstern, deren
Glas nicht gesprungen wäre, kein Tor, das nicht klaffte oder sich in
unverrosteten Angeln drehte. Was will es bedeuten, daß zuweilen das Auge in
stillen Blumenhöfen und Binnengärten versinkt, wo blasse Rosensträucher
in grauen Tonschalen wuchern und ihre Blüten über schmale Treppen fallen
lassen .. wo reglose Stachelpalmen die matte, taube Luft durchstechen und
uralter Efeu sein schwarzes Laub über verfallende Mauern wirft? Vielleicht
auch leuchtet plötzlich ein Geranienbeet an dem leeren Behälter
des versiegten Springbrunnens auf und wirft dir den Frevel seines
leidenschaftlichen Blühens in das Gesicht. O Kranksein dieser zerrütteten
Stadt! Immer wieder fiel es mich an, während mein Wagen auf dem
abgescheuerten Pflaster dahinfuhr. Zuweilen trat eine Frau aus dem
angelehnten Tor und goß einen Eimer voll Spülwasser in die kaum noch
erkennbare Rinne: dann schrak das Pferd ein wenig auf und ging schneller,
die Räder aber ließen lange noch die feuchten Spuren hinter sich, zwei
braune Geleise, die matter und matter wurden, bis der Staub sie aufgesogen
hatte. Schon fingen die Augen an zu brennen von dem blendenden Licht,
das immer noch durch den grauweißen Filter des Wolkendunstes rann, sich
manchmal etwas verdichtete und fast den Schatten eines Hauses zeichnete: da
hielt der Wagen vor dem Eingang von San Vitale.
*
O Name voll Duft und Keuschheit, dessen Musik das Ohr entzückt.
Blasse Rosen an den schmalen Säulen der Eingangshalle streuten in ihrem
weichen Geruch die Ahnung kommender Süßigkeit, dann öffnete sich eine Türe,
ein paar Stufen führten abwärts .. Unwillkürlich hob sich der Blick, von
der geheimen Gewalt schwebender Bogenwölbungen nach oben gelenkt; und
siehe: aus der stillen Tiefe einer seitlichen Halbkuppel wehte ihm ein
überirdisches Grün entgegen, durchsichtig wie der sommerliche Abendhimmel,
wenn die ersten scheuen Sterne sprühen. Jede Schwere war in diesem Leuchten
gelöscht. Es nahm den Pfeilern die Mühe des Tragens und den Kuppelwänden
das Bewußtsein des Getragenwerdens. Dienst und Gegendienst aller Teile hob
es in die fließende Zartheit seines Duftes empor, die mit der Verheißung
der Gottnähe alles Aufstreben krönte. Nun erst wagte das Auge die Schau
in den Umkreis. Von allen Seiten des oberen und unteren Umganges floß die
Helle zusammen, der Sinn einer jeden Wölbung war, das Licht zu fangen und
der beherrschenden Mitte des heiligen Kreises zu geben, über dem sich,
fast schwebend und wie von unsichtbaren, goldnen Seiten emporgehalten, die
allerlösende, allstillende Kuppel hoch und sieghaft aufhob. Aber dieses
Licht war nicht weiß, nicht grau, nicht gelb wie der fiebernde Äther: es
war millionenmal gebrochen und verinnerlicht in allen Farben, die aus
dem Mosaik der Wände aufblühten, es war gemildert und gereinigt in den
Schatten, welche die Bögen und seitlichen Halbkreise der sieben Nischen ihm
abrangen. Auch der Marmor der Tragsäulen, das Geflecht und die Blumen der
Kapitäle gaben ihm neue, geläuterte Strahlung, und selbst vom Fußboden
hob es sich wieder in sanfter Tönung auf. Es hatte Stimme bekommen, es
war Gesang geworden und rieselte in die Stille, die ganz gesättigt war von
Traum und Leben. Die große, erlauchte Mitte aber gab dieses Licht an den
halbgeöffneten Altarplatz weiter, der sich nach Sonnenaufgang zu aus dem
Bann der Kreise hinausschob und in die Feierlichkeit einer strahlenden
Apsis mündete. Wie diese Helle lockte, wie heiter sie zu sich hinüberlud.
Sie spielte den Jubel ihres Lichtes gegen die dunkle Schönheit der
Mitte aus und wußte dennoch, daß sie nur eine Dienerin war in dem Traum
unlöslicher Einheit. Ich trat langsam näher: jeder Schritt auf diesem Boden
zwischen den roten und grauen Täfelungen der Pfeiler, zwischen dem warm-
und stilleuchtenden Marmor der Säulen, war scheu, fast furchtsam: denn
jedes Weitergehen war das Verlassen einer Schönheit, in der sich gerade die
Sinne gefangen hatten, und brachte eine neue, die der früheren feindlich
war. Und als die Augen eben schon das wallende Licht über dem Altare, die
Wände und Kuppeln mit allem Übermaß der schillernden Mosaikbilder, mit
allen Aus- und Ineinanderströmen undeutbarer Farben in einer Schau zu
nehmen versuchten: mußte der Blick noch einmal anhalten vor dem blühenden
Steinfiligran der Altar-Schranken, in dem das reine Gold der Morgenluft
flimmerte. War die Sonne aus den Wolken gebrochen? Über meine Füße fiel
der Schatten einer Säule: so mußte draußen die Sonne scheinen. Als ich
die Augen wieder aufhob von den Blumen der Steinranken, von den
Clematissternen, den offnen Lilien und Diclytraherzen, bebten die Lider vor
der weißgoldnen Welle, die aus den Fenstern wallte und sich in die Mitte
ergoß, vorbei an dem Glanz der Bilder, die alle Wände und Deckengewölbe
dieses Raumes schmückten und durch vierzehn Jahrhunderte die ungebrochene
Kraft ihrer Schönheit bewahrt hatten. Welche Glut des Glaubens hat die
Erfinder dieser Gemälde beseelt, wenn sie den Ruhm Gottes und das Wunder
der Entsühnung in einer solchen Saat von Farben ausgießen konnten: wenn sie
die Gabe hatten, aus all diesen Sternen, diesen kleinen Bögen und Punkten,
diesen Zacken und Vierecken, diesen Kreisen und Kreuzen, aus dem Gewühl
dieser Blumen und Girlanden einen solchen Jubel von Anbetung zu schaffen,
daß kaum noch die Frage aufsteigt, wer die menschlichen Gestalten sind,
deren Legenden in der flammenden Buntheit der Ornamente ihre Sprache
verloren haben. Was sind sie anders, als selbst ein Ornament, eine kaum
erbebende Melodie in der unteilbaren Gewalt der Toneinklänge? Was bedeutet
es, daß wir wissen: hier throne Christus in der Kuppel der Apsis und dort,
über der linken Seitenwand, opfere Abraham seinen Sohn Isaak? Nur zwei
Mosaikbilder sind in die Wand eingefügt, die fremd im Jubel dieses
Gotteshauses bleiben und grausam unvermittelt den wehen Hintergrund
erschließen, auf dem die mittelalterliche Geschichte Ravennas seit dem
Untergang der Goten ruht: Es sind die Gemälde des kaiserlichen Hofstaates,
auf der einen Seite Justinian mit seinem Gefolge, auf der anderen Theodora
mit ihren Frauen. Wie ausgebrannt ist das langgezogene, regungslose Antlitz
der kaiserlichen Hure, die sich in ihrer Jugend den Soldaten preisgab und
als Geliebte des slawischen Abenteurers den Thron erklomm .. wie liegen
ihre kranken Sinne offen um diesen blutenden Mund und die übergroßen,
unersättlichen Augen. Sie schreitet der Kirche zu, ihre Hände tragen ein
goldnes Weihgefäß. Je tiefer der Blick sich in das Scheinbar-Tote
dieser Mosaiksteine einsieht, desto erschreckender wird das Leben in
den halbverwüsteten Gesichtern deutlich und das Fieber, das in diesen
strengverhüllten Körpern auf- und niederfliegt. Die Kleider sinken, lüstern
und schamlos, der Heiligenschein um den Kopf der Kaiserin taucht in den
schwachen Dunst von hellem Blute, nackte, hagere Hüften zeigen ihre heiße
Blässe, fallende Schultern und erschöpfte Brüste, auf denen nur das Mal der
Warze brandrot flackt. Armselige, mißbrauchte Leiber, an denen nichts mehr
blühend ist und dennoch nichts gestillt. Wer bist du, Nachbarin Theodoras
zur Linken, in deinem karminfarbigen Gewand mit den breiten Goldborten und
dem hellen Überwurf der Schultern, den deine rechte Hand festhält? Bist du
vielleicht Eudoxia, die Gemahlin Belisars? Welche Nächte mußt du gesehen
haben, wenn du es wagen darfst, dich so an die Kaiserin zu lehnen .. Und
du, Nächstfolgende im hyazinthblauen Kleid und rostbraunen Überhang, du,
mit den wundervollen Brauen und der schmalen Nase, mit der übersatten
Frucht des Mundes und den schweren Lidern über der glühenden Ruhe
der Pupillen? Noch ist eine Beherrschtheit in dir (oder ist es eine
Grausamkeit, die es gewohnt ist, ihre Opfer zu verachten?), aber deine Hand
ist krank und kündet auch dein Schicksal. Vielleicht wolltest du nicht mit
hinabgezogen werden .. aber deine unwillkommne Tugend hätte leicht an
einer zarten seidnen Schnur enden können. Nur der einen, der allerletzten
begleitenden Frau, ist ein Hauch nicht ganz ertöteten Gefühls in dem
traurigen Gesicht stehen geblieben. Sie hat sich abgewandt, ihre Augen
suchen irgend eine fremde ausgelöschte Ferne.
San Vitale! Heller Ruf des silbernen Hornes im Morgenwind .. Der Traum des
besudelten Purpurs zerstob. Nur das eine wollte nicht zum Schweigen kommen:
daß Theodora die goldne Schale zum Altare trägt. Was war der Glaube dieser
Frau, der um ihr Haupt den Schein der Heiligen wob? Die halbverschüttete
Sehnsucht ihrer Seele? Die letzte Raserei der Sinne, die in Kasteiung
endet? Da stieg das letzte der Gesichte auf: wie sie den schlaffen Körper
über die scharfkantigen Stufen vor dem Tisch des Herrn emporwirft, ohne
auf die Schnitte und Risse zu achten, und die müden Brüste gegen die
aufstachelnde Kälte des Marmors preßt. Die Hände, von der Überzahl der
Ringe gelähmt, umklammern die Peitsche, die Schläge prasseln nieder, über
den Rücken, an dem sich die Rippen abzeichnen. Langsam rieselt das Blut ..
Die Nüstern stehen gebläht .. Duft und Dunst des eignen Blutes, als Opfer
dem Gekreuzigten gebracht, der aus dem glühenden Mosaik durch den Rauch
zu süßer Kerzen niederlächelt .. Letzter Kuß der verirrten Lippe auf den
üppigen Mund des Gottes-Sohnes .. Und viele Stunden später das Erwachen im
tiefgedämpften Licht des Badegemaches, wo in den silbernen Becken die Düfte
der weißen Nelkenkörner verpuffen und die Sklaven auf das erste befehlende
Wort der Herrin warten, deren Haupt wie leblos im Schoß Eudoxias ruht ..
O Qual eines kaiserlichen Namens! Theodora, die Gottgeschenkte, Name einer
Büßerin, die das Kreuz der Liebe trug und alle, deren Leben sie berührte,
an ihrem verachteten Leid mitleiden ließ .. Unmerklich hatte sich das Bild
vor mir geändert. Nur das Herz blieb sehend .. das letzte der Gesichte
losch aus. Nur die Seele der Farbe gab noch eine Antwort und verkündete
nichts anderes mehr als die Inbrunst des Künstlers, der das Nebeneinander
dieser Gestalten, den Fluß der Gewänder, das Lorbeergrün des Fußbodens
und das weiche Gold des angedeuteten Himmels in die Rhythmen seines
schöpferischen Geistes zwang: unbekümmert um die Tragödien des Blutes, die
in diesen Menschen wohnten. Sein Name ist vergessen: aber seine Liebe zur
Schönheit ist ewig in ihrer zeugenden Kraft.
*
Die Pförtnerin öffnete ein schmales Tor. Ich trat über wenige flache Stufen
ins Freie. Warmer Duft schlug mir entgegen, Duft von Erde, in welcher noch
der letzte Regen verdunstet, von Gras und von Rosen, die an einer
hellen Ziegelmauer emporwuchsen, blaßrot und klein wie die Blüten der
Mandelsträucher. In dem matten Sonnenlicht, das zwischen den flachen
Firsten fremder Dächer und einer vergißmeinnichtblauen Bucht des Himmels
stand, klang die gedämpfte Musik von San Vitale weiter. Jenseits des
freien Platzes, der halb Garten, halb Hof, halb Schuttstätte war, lag
das Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia über der Grundfläche eines
lateinischen Kreuzes, ohne einen anderen Schmuck als die Rundbogen blinder
Arkaden und den gezackten Fries unter dem Ansatz des Daches, wundervoll
lebendig in dem satten Sepia der Ziegelsteine. Ich vergaß es, daß der Tag
schon der Mittagshöhe zulief, daß noch viele Schönheiten meiner warteten:
ich saß, die Arme über den hochgezogenen Knieen verschränkt, das Auge halb
durch die Bläue, halb über den stumpfen Goldhauch der Mauern und Dächer
spielen lassend, auf dem niedrigen Grashügel und sann dem Leben der
Kaiserin nach.
Es war das Erbteil des mütterlichen Blutes, das sie so sehr zur Römerin
machte, aber vom Vater hatte sie das Königliche des Wesens, die
Inbrunst des Willens und die große staatsmännische Begabung. Es gibt ein
wundervolles Bild des großen Theodosius auf einem silbernen Schild, der bei
Merida in Spanien gefunden wurde. Das schmale Gesicht trägt die Züge einer
vergeistigten Schönheit. Der Mund, voll verschwiegner Sinnlichkeit in das
schmale Oval der Wangen gedrängt, ist nicht viel breiter als die Spanne
zwischen den beiden Nasenflügeln, die leichtgebläht über der unmerklich
schiefgezogenen Oberlippe stehen, der Lippe eines Mannes, dessen Sinne
verfeinerter Genüsse bedürfen. Enträtselt aber wird dieses Gesicht erst in
den weitgeöffneten Augen, deren durchsichtiger Glanz den dunklen Zug der
Brauen noch verdunkelt und nur im Leuchten der gemeißelten Stirne eine
Antwort findet. Alle Formen sind gebunden in der Zucht des Geistes, in dem
Wach-sein einer außergewöhnlichen Klugheit und eines unbeugsamen Willens.
Ja, vielleicht war der Glaube dieses Kaisers, sein leidenschaftliches
Eintreten für das athanasianische Bekenntnis, nur die Frucht einer
unerbittlichen Selbstschulung. Auch Galla hatte diesen Glauben des Vaters:
doch ganz in die Beseelung, ganz in die Sehnsucht eines leidenden Herzens
verwandelt: sie war eine Frau, unfähig, ihrer Natur zu entrinnen. Alle
andren Eigenschaften des Vaters aber lebten ungebrochen in ihr weiter: am
deutlichsten jene Gabe der unbedingten Herrschaft über sich selbst, die
ihrem Leben die kaiserliche Haltung gab. Daß sich über ihren Zügen (so
wie sie das Medaillon am Kreuz der Heiligen Helena zu Brescia zeigt) eine
Melancholie breitet, daß in der Dunkelheit der übergroßen Augen ein nicht
gelöstes Fragen steht, daß ein Schatten von Bitternis den vollen, stillen
Mund umspielt: wird auch den nicht erstaunen, der sich nur flüchtig in
ihrem Leben verlor. In seiner Erinnerung aber wird das andere, viel weniger
ausdrucksvolle Bildnis dieser Kaiserin beherrschend weiterleben, welches
die kleine Elfenbeinplatte im Domschatz zu Monza überliefert: Hier ist
Placidia ganz die Fürstin-Mutter, hochaufgerichtet, ihrer Würde tiefbewußt
neben dem kleinen, dumpfen Sohn, dessen kindliches Antlitz schon die
schlaffe, sinnliche Weichheit des Verwöhnten aufweist. Nichts an diesem
unbeseelten Bild der Kaiserin würde den Eindruck der Unnahbarkeit mildern,
wäre nicht die verräterische, rechte Hand, die nur Seele ist: von Müdigkeit
und Verlangen durchhaucht, so wie die elfenbeinerne Starrheit der offnen
Rose zwischen Daumen und Zeigefinger.
Galla Placidias Größe wuchs an dem Maß ihrer Schicksale. Die Kraft zu
tiefem Erleben und tiefem Ertragen war ihr eingeboren. Sie verlangte nach
Bewegung, nach Wechsel, sie ging gerne auf Reisen und liebte eine große
Führung des Lebens. Sie zog die Weltstadt Rom Ravenna vor, solange sie
keine Pflicht an den Hof band. Rom gab ihr weitere Möglichkeiten. Sie sah
gerne den Glanz der Feste und den ununterbrochenen Wettstreit des Schönen.
Wie alle vornehm Gesinnten hatte sie die Leidenschaft für große, heroische
Vergangenheiten. Nur wer viele Zusammenhänge erfaßt hat, kann so einfach
sein, wie sie war. Sie liebte die Perlen: den schlichtesten und kostbarsten
Schmuck zugleich. Als der Feldherr des Westgotenkönigs Athaulf in das
Peristyl trat und ihr gesenkten Hauptes die Gefangennahme verkündete, stand
sie ruhig und abweisend: die Wirklichkeit war machtlos gegen ihre Haltung.
Sie nannte die Dienerinnen, die ihr zu folgen hatten, und begab sich in das
feindliche Lager. Der junge König empfing sie so, wie es einer kaiserlichen
Prinzessin zukommt und geleitete sie in ihr Zelt. Er zeigte ihr die Pferde
und die Sänften, die bestimmt waren, sie auf den langen Wanderzügen des
Heeres zu tragen. Sie lächelte ein wenig und achtete nicht weiter auf ihn.
Sie hielt sich abseits mit ihren Dienerinnen und gewöhnte sich bald an die
Unruhe des Lagerlebens. Ja, sie faßte eine gewisse Liebe zu diesem freien
Zug durch die Lande. Ihr starkes Gefühl für die Wirklichkeiten ließ sie die
Änderungen bald nicht mehr schwer ertragen. Die vornehmen gotischen Frauen
aber, die im Lager weilten, waren durch das Liebenswürdige ihres Wesens
bezaubert. So kam es, daß sich an manchen Abenden in ihrem Zelt ein kleiner
Kreis versammelte, der ihren Erzählungen von Byzanz, von Ravenna und Rom
lauschte. Auch der König saß unter den Gästen und schaute unverwandten
Auges nach der schlanken, dunkeläugigen Prinzessin, die so anders aussah
als die Frauen seines Stammes. Sie gewahrte es und lächelte ihm zu, wie sie
einem jungen Römer zugelächelt hätte, der ihr zuviel von seiner Bewunderung
zeigte. Den König aber machte dieses Lächeln traurig. Sein Blut nahm es
auf .. er war ein Gote. Placidia liebte die Augen dieses jungen Mannes und
das blasse Gold seiner Haare, die er längst auf römische Art trug. Sie
war zu klug, um nicht zu wissen, daß die Goten ihre Heirat mit dem König
wünschten. Aber sie wußte ebenso genau, daß ihr Bruder, der weströmische
Kaiser Honorius, sich schon dem Gedanken dieser Ehe widersetzen würde. Und
dennoch tat er nichts, um sie zu befreien. Er blieb untätig in Ravenna,
indes sein Feldherr Constantius das Gotenheer nach Westen trieb. Vielleicht
lag ihm nichts an dem Schicksal seiner Schwester. Sie hatte zuviel
ursprüngliche Menschenkenntnis, um nicht auch diesem Gedanken
nachzugehen .. Sie war nicht minder einsam im Lager Athaulfs als sie es am
Hofe zu Ravenna gewesen wäre. Im Gegenteil: die stumme Liebe des Königs gab
ihr ein Gefühl von Sicherheit und Heimat. Es konnte der Römerin vornehmster
Schicht kaum faßlich scheinen, daß ein Mann solange schweigend eine Liebe
trug. Sie lernte hier ein Fühlen kennen, das ihr ein Wunder bleiben mußte.
Vielleicht lernte sie zum erstenmal an einen Menschen glauben .. vielleicht
das einzige Mal. Eines Abends sprach der König. Er hatte seine Lippen auf
ihre Hände gedrückt. Die Hochzeit wurde im königlichen Palaste zu Narbonne
gefeiert, im Anfang des Jahres 413. Der Kaiser in Ravenna fiel in Wut. In
Byzanz sprach man von einer unerhörten Schmähung des kaiserlichen Namens.
Placidia war glücklich. Die Liebe ihres Gemahls war ein Dienst. Es gab
keine Römerin, der ein Gleiches widerfuhr. Sie gebar einen Sohn, aber das
Kind starb früh in der Verwirrung der Kriegszüge. Schon waren die Goten bis
nach Nordspanien zurückgedrängt worden. Man lagerte bei Barcelona. Da wurde
der König ermordet. Im Stall, von einem gedungenen Knecht. Man sagte,
es sei auf Betreiben der römischen Kaiser geschehen. Placidia wurde von
Athaulfs Nachfolger und Feind aus dem Palast getrieben und mußte als
Gefangene vor seinem Triumphwagen herschreiten. Sie begriff nicht mehr. Das
Leben, kaum erblüht, stürzte im Abgrund ihrer Seele zusammen. Was sich
eben hatte öffnen und zum Fluge ausbreiten wollen, starb im Sturz. Nur die
Römerin blieb: abweisend und verschlossen, auch in der tiefsten Demütigung.
Honorius sandte das Lösegeld und ließ die Schwester zurückholen. Sie ging,
beladen mit der Schwere eines Schmerzes, den keiner am römischen Hofe
verstehen konnte. Man staunte sie an um ihres seltsamen Schicksals willen,
und der Duft einer großen Fremdheit und Entfernung gab ihrer dunklen
Schönheit doppelten Reiz. Sie aber vergrub, vergrub ohne Unterlaß
im Abgrund ihres Bewußtseins das Heilig-Gewesene und wurde ganz die
kaiserliche Frau, der ein frühes, qualvolles Geschick den einen Weg
gewiesen hatte, den sie zu gehen noch für würdig fand: den Weg der
Purpurgeborenen, die sich anschickte, dem Vorbild des großen Vaters zu
folgen und ihre natürliche Anlage des Herrschens im Dienste des wankenden
Staates fruchtbar werden zu lassen. Sie fühlte sich berufen, zumal sie bei
der Frühreife ihrer Einsicht die Unfähigkeit ihres Bruders in Ravenna
rasch erkannt haben mußte. Auch von dem byzantinischen Kaiser, ihrem Neffen
Theodosius II., war keine schöpferische Leitung der Geschäfte zu erwarten.
So fiel ihr selbst die große Aufgabe zu. Schon ihre zweite Ehe mit
Constantius, demselben Feldherrn, der ihren ersten Gemahl so weit nach
Spanien zurückgedrängt hatte, beweist, wie sehr sie zu seelischen Opfern
bereit war. Von dem Augenblick an, der ihr Klarheit darüber gegeben hatte,
daß diese Verbindung den herrschenden Umständen entgegenkam, vertrat sie
in seltener Selbstzucht die Bedeutung ihrer neuen Lage. Sie gebar ihrem
zweiten Gemahl eine Tochter und einen Sohn. Da Honorius keine Kinder besaß,
war nun zum wenigsten die Thronfolge gesichert. Aber sie dachte nicht an
eine Trennung der weströmischen Herrschaft von Byzanz. Im Gegenteil: sie
gerade wollte den Fortbestand der alten Reichseinheit. Die Erinnerung
an den Glanz der väterlichen Regierung bestimmte die Richtung ihrer
Staatskunst, und sie ließ es -- als nach wenigen Jahren auch ihr zweiter
Gatte starb -- um ihrer Überzeugung willen zum Bruch mit Honorius kommen,
dem ihre Abreise nach dem Hofe von Byzanz nur erwünscht sein konnte. Für
sie selbst aber war dieser Schritt die notwendige Folge dessen, was
sie anstrebte: eine Stärkung der kaiserlichen Hausmacht durch engen
Zusammenschluß, jenseits persönlicher Neigungen und Abneigungen. Sie hegte
wohl kaum ein Gefühl für ihren Neffen, noch für dessen Schwester Pulcheria,
die fast von Glaubenswahnsinn befallen war: aber sie brauchte diese beiden
Kinder ihres ältesten Bruders, um sich in Ravenna für ihren kleinen Sohn
Valentinian durchzusetzen. Auch ahnte sie voraus, daß mit dem Sterben des
kranken Honorius Wirren eintreten würden, denen sie allein nicht gewachsen
war. Sie hatte kaum in Byzanz das Land betreten, als man sie von dem
Tod ihres Bruders in Ravenna und von dem Ausbruch eines Aufstandes
benachrichtigte, den der Primiscerius Notariorum, Johannes, im Bunde mit
Aëtius angeregt hatte. Beide wollten -- gegen Placidias Absichten -- dem
weströmischen Reich eine deutlichere Sonderstellung geben, in Wirklichkeit
nur, um selbst darin die Herrschaft auszuüben, die sie der kaiserlichen
Frau nicht gönnten. Placidia kämpfte leidenschaftlich für ihre Rechte:
Es gelang, den Aufruhr zu bändigen. Eine byzantinische Flotte und ein
ostgotisches Heer eroberten Ravenna, Placidia kehrte mit ihren Kindern in
die Stadt zurück, von Theodosius II. mit der Führung der Geschäfte betraut,
solange Valentinian noch unmündig war. Abermals konnte sich die Kaiserin
ihrer staatsmännischen Einsicht und ihres Erfolges freuen: Die Macht
gehörte ihr, unwiderruflich, das Gesetz ihres Lebens erfüllte sich, wie sie
vorausgesehen hatte. Und wieder war es ihre Klugheit, die ihr weiterhalf:
Sie fühlte, daß die Macht besitzen nichts anderes heißen könne, als die
Macht erhalten. Es begann die größte Arbeit ihres Lebens: es galt, im
Schwanken des Parteilebens die unantastbare, sicherruhende Mitte zu
bleiben. Auch dies gelang. Es lag eine bannende Gewalt in der Erscheinung
dieser außergewöhnlichen Frau. Der Zwiespalt verstummte vor der Hoheit
ihres Zieles, und die Zügelung ihres Lebens zwang zu Verehrung und
Bewunderung. Sie hatte die Gabe aller großen Menschen: ihre Schmerzen
vor der Welt abzuschließen. Jeder mußte wissen, daß sie litt, aber sie
belastete niemanden mit dem Schatten eines Leides. Man sah nicht, wie sie
trug. Man spürte nur die Wirkung ihres stummen Tragens. Ferner und steiler
ward die Kluft, die sie von ihrer Umgebung trennte, einsamer der große
Traum, der sie von den Bedürfnissen des Tages schied. Freunde starben: sie
blieb. Ihre Tochter wurde von dem Erzieher geschändet und in ein Kloster
nach Byzanz verbannt, ihr Sohn ging langsam an seinen Lüsten unter, der
Mutter fremd, als ob sie ihn nicht geboren hätte.
Für wen hatte sie gekämpft, für wen geopfert?
Schon war die Höhe des Lebens überschritten .. und nirgends winkte
die Ablösung, nirgends der Friede. Es bedurfte noch eines Kampfes, des
bittersten, den eine Seele kämpft.
Sie saß in mancher Sommernacht am Fenster ihres Palastes und lauschte in
das leise Branden des lauen Meeres hinunter.
Was blieb? Nur sie .. Ihr Leben fiel in sich zurück. Sie mußte bis zum
äußersten Ende weitergehen, dem Purpur getreu, den ihr Körper und ihre
Seele trug.
Sie raffte die letzten Kräfte zusammen in einem übermenschlichen Verzicht
auf jede Ernte: und trat auch aus dem Bannkreis ihrer Mutterschaft in ihre
tiefste Einsamkeit.
Was blieb? Gott. Sie ließ Gott Kirchen bauen, eine schöner und inbrünstiger
als die andere .. den letzten Ruf ihres Herzens aber und ihr letztes
Aufschluchzen warf sie in die Schönheit ihres Grabmal-Himmels hinüber,
der in den Grundwassern der Seele spiegelt, dort, wo sie die einzige Liebe
begraben hatte: in der dunkelblauen Tiefe eines deutschen Königsnamens.
*
O Himmel voll Veilchenwiesen! Wie sich der Schmerz, zur Lust gedämpft, auf
Sammetflügeln wiegt ..
War eine Schwelle, über die ich eintrat in das Brausen dieses blauen
Gesanges, der über rotgoldnen Fahnen schwebt? Gold war am Anfang, vom
Fuße kühler Marmorwände aufsteigend, Gold, an die schweren Sarkophage der
Nischen emporgehaucht, Gold an der Decke, in lauen Tropfen niederfallend.
Dann losch es aus in der Wendung eines einzigen Schrittes, und rötliches
Glühen des Gesteines drang vor: Purpur des Abends auf fernen Inseln der
Meere .. im Geäder der Marmorbrüche gefangen. Rote Blumen gehen auf im
Grund der Himmelsau, tiefeingebettet in den Schoß der Mutterfarbe. Und
alles sinkt und steigt auf der Woge der überirdischen Musik. Silbern jubeln
die Flöten: weiße Sternblumen öffnen ihre Kronen .. die Harfen wehen:
Pfirsichblüten rieseln .. Nun singen Knaben: ein Duft von Veilchen zieht
vorüber. Fruchtkränze winden sich im Halbrund breiter Bögen: von tausend
Geigen der dunkelgrün gebundene Strich, an dessen Saum die goldnen
Funken knistern .. Aus starrem Lorbeer drängen sich die Rosen: das erste
Liebeslied bewegt die Lippe der Mädchen.
Kaiserliche Frau! was war dein Leben, wenn deine Seele diesen Traum trug?
War es so wenig, daß du alle Liebe aufsparen konntest für diesen einen
Abendgesang? Und woher nahmst du die Kraft, alle Sehnsuchten so rein und
glühend zu bilden, daß sie diese Lohe auswerfen, in der das Gefäß deines
Leibes verglühte? War Gott so tief in deinen Kämpfen? So tief der Himmel
schon in deiner Irdischkeit? In übersinnlichen Gesichten hat deine Seele
gelebt, indes du Wirklichkeiten schufst .. Eine wehende Kerze im Wind
Gottes war deine Seele, und du schienst seelenlos im kühlen Wägen deiner
Pläne. Wie sehr mußt du die Welt verachtet haben, an die du so gefesselt
schienst! Du letzte große Römerin und du erste große Wissende um die
Erkenntnis einer neuen Zeit. Entdeckerin der Seele, Künstlerin, die den
Gott aus sich in das Werk hinüberschuf .. So war der Gott, der in dir
brannte, wie jener Hirte im goldnen Bogen über der Tür deiner Grabkapelle:
Dunkel und schön, ein junger Herrscher, Apollos Bruder, um Christi tiefe
Schmerzen reicher. Blumenkränze schweben zu seinen Häupten im unendlichen
Blau. Die bunten Kreise fangen an zu schwingen, leicht, wie vom Wind
getrieben. Goldregenblüten rieseln auf Vergißmeinnicht. Tauben nisten im
Mandelgesträuch .. Frühling am See Genezareth .. O Duft des Morgenlandes ..
Noch einmal siegt das Blau. Ein dichter Mantel von Heliotrop, mit Smaragd
und Gold gefüttert, sinkt es auf Schultern und Sinne .. Nirwana der
Schönheit, die kein Geist mehr erträgt.
*
Es mochte Mittag sein, als ich zu dem Grabmal des Theoderich hinausfuhr.
Im Hafen ruhten kleine Schiffe auf dem Pfuhl eines grünlichen Gewässers,
Geruch von Tang und Fäulnis bannte den Atem. Verlumpte Arbeiter schliefen
in den Winkeln der Schuppen, wie unnütze Kranke in irgend eine Ecke
geworfen, wo sie liegen bleiben konnten, bis der Hunger oder das Fieber
sie fraß. Der Wagen warf sich von einer Seite auf die andere, die Räder
versanken in dem grauen, dünnen Staub, der bis zu den Schuhen aufwirbelte.
An einer Kreuzung versperrte ein Lastkarren den Weg. Die Pferde hatten
sich losgerissen und fraßen am Blattwerk einer niedrigen Hopfenhecke,
der Kutscher lag schlafend am Boden, das gelbe Gesicht zur Hälfte in
Taubnesseln vergraben. Es war unmöglich, weiterzufahren. Ich ging zu Fuß
die kurze Strecke bis zu meinem Ziel. Der Wärter öffnete das Gittertor,
am Ende eines langen Gartenwegs lag das Grabmal, grau und verwittert.
Die flache Kuppel stand in grausamer Nacktheit gegen das längst wieder
erblindete Licht des Himmels, an den Quadern des oberen Rundbaus war
schwarzes Moos angewachsen, über das Treppengeländer hingen Rosen,
blühendes Mitleid an diesem ganz verödeten Bau, der langsam in den feuchten
Feldern versinkt, indessen sich zwischen den Arkadenpfeilern des unteren
Geschosses die verwesenden Wässer der schmutzigen Regengüsse ansammeln.
Aus dem Innern des leeren Gewölbes schlägt modernde Luft. Keine Seele
mehr redet aus der Türmung dieser Mauern, hier ist nichts verinnerlichter
Ausdruck eines königlichen Lebens: nur der Machtgedanke eines Herrschers
findet seine Sprache in diesem Denkmal: die Gewalt, über Völker zu gebieten
durch den Krieg. Es wird keine Liebe wach vor diesem Stein, kein Wunsch,
sich in die Schicksale des Fürsten zu versenken, der hier begraben sein
wollte. Nur der Name bleibt und das Schaudern vor einer Zeit, die gewaltsam
und gesetzlos war, heroisch und dennoch unfruchtbar. Ein Schimmer von
Byzanz liegt über der Jugend des Gotenkönigs: er hatte bis zu seinem
siebzehnten Jahr am Hofe gelebt. Aber dieser flüchtige Schein verweht.
In seinen Taten ist die Einsamkeit der Empörer, in seiner Herrschaft die
Klugheit des Herrschgewohnten: Er ließ Paläste und Kirchen bauen, es war
sein Ehrgeiz, kein Barbar zu sein. Es ist schwer zu sagen, was er war, kein
Grieche, kein Römer, kein Gote .. von allem etwas und keines ganz. Die Sage
hat sich seiner angenommen. Sein Andenken ist kühl und blinkend geblieben,
wie das Metall ritterlicher Rüstung, ein Beispiel, ohne Sehnsucht, ohne
Heimweh. Es war kein Geheimnis über seiner Kraft. Er war zu königlich, um
ein Abenteurer zu sein, zu sehr sein eigner Feldherr, um das Rätsel des
Purpurs zu vertiefen.
Vielleicht werden einmal die gelben Rosen, die sich am eisernen
Treppengeländer emporziehen, über die Kuppel bis in die Gärten
weiterwachsen. Dann wird die Seele des Fremden tiefer ergriffen werden,
wenn die Natur das Allzudeutliche verhüllt. Man wird nicht mehr nachdenken,
man wird nur schauen und von den Rosen erzählen, die das Grabmal eines
frühen deutschen Königs zudecken: Rosen von Ravenna .. so wie man sagt: die
Veilchen von Parma, die Zypressen von Tivoli ..
*
Ich fuhr in die Stadt zurück. Im Wagen lag ein Strauß von Jasminblüten,
den eine alte Frau mir gereicht hatte. Ich nahm ihn mit zu dem dritten
Totendenkmal, dem meine Sehnsucht galt: Zum Sarkophage Guidarellis, des
jungen ravennatischen Kriegers, der in der Schlacht von Imola den Tod fand.
Die Hände wagen nicht, Blüten hinzustreuen. Der dort in seiner vollen
Rüstung auf dem Sarge ausgestreckt liegt -- Tullio Lombardi meißelte den
Stein -- scheint noch zu atmen. Er könnte fühlen, wenn er die Blumen sieht,
daß wir ihn schon gestorben wähnen. Wie bitter ist sein Mund. Die obere
Lippe, ein wenig zurückgezogen, läßt die Zähne sehen. Oder ist es ein
Lächeln, das diesen Mund geöffnet hält? die Ahnung eines Lächelns, das
in seiner Geburt starb? Welche Bilder dämmern noch hinter dieser Stirn?
Plötzlich fühlst du: er lebt nicht mehr, er ist schon tot .. und atmest
auf, wie wenn du mitten im Hinübergleiten gewesen wärst. Du legst deine
Blumen über seine gefalteten Hände -- und schreckst zurück: er lebt noch ..
er hat das Kühle der weißen Sterne an seinem Arme gespürt, sein rechtes
Auge hat die Blumen noch erkannt, indes im linken schon das Licht erloschen
ist. Da redest du zu ihm, du beugst dich über ihn, als ob du noch einen Zug
seines Atems erhaschen müßtest, Worte quellen im matten Glanz von Tränen,
leise, süße Worte, wie man sie tausendmal denen sagt, die sterben müssen
und nicht sterben wollen ..
›O nur Geduld, nur ein paar Atemzüge lang
Soviel Geduld, daß sich nicht Bitternis
In diesen Hingang mischt .. Wir lieben dich,
Wir helfen dir .. Ja, draußen ist der Wind,
Und auf dem Rasen läuft das goldne Gras ..
Der Duft? Von Rosen .. Alle Rosen blühn ..
Die Helle dort? Die Sonne in den Wipfeln
Des alten Erlenbaumes .. Nun wirst du eines
Mit alle dem .. Die Flügel? Große Flügel
Sind veilchenblau gespannt zu deinen Häupten ..
Blau .. nichts als Blau .. Leb wohl .. Zum letztenmal
Leb wohl .. Der Vogel rauscht ..‹
*
Über dem späten Nachmittag lag eine Müdigkeit. San Apollinare Nuovo und San
Giovanni in Fonte sah das Auge wie durch bunte Schleiertücher: Nachspiele
einer lodernden Glut .. Dann aber verlangten die Sinne nach der offenen
Ebene, nach der Ahnung des Meeres.
Ich ließ mich hinausfahren in das Land, in das einförmige, kranke Land.
Die Wolken waren schon bis an den Saum der weiten Fläche zum Regnen
geschlossen, die Felder lagen wartend, leblos ergeben an alles, was ihnen
geschah. Irgendwo mußte man schon das Heu geschnitten haben. Breitgeladene
Wagen, mit Kühen bespannt, zogen im hellen Staub der Landstraße. Wieder
starrten mich die gelben, durchfurchten Gesichter an, die kein Lachen
kannten .. Über Sumpfgräben gingen meine Augen: immer wieder sahen sie das
gleiche Bild: aufgeschossenes Schilfgras, gelbe oder braune Wasserlachen,
auf denen die Mücken tanzten, dann ein kurzes Stück trockengelegtes
Land, einen Kleeacker, ein Feld voll wilder Lilien .. und wieder Morast,
schmälere und breitere Rinnsale, zu Vierecken ausgezogen, oft abbrechend,
und weiter hinaus wieder bleiern aufglänzend. Einmal ging es über eine
Brücke, an der ein Ulmenbaum stand, dann hob sich die Straße ein wenig, und
an dem Rand einer niederen Böschung zur Linken wurde die Pineta
sichtbar: Dantes Pinienwald, breite, schwarze Wipfel vor dem Perlgrau der
langgezogenen Wolkenwände. Dante: Name, den ich nicht mehr mit irgend
einem Ort der Erde zu verknüpfen weiß: nur noch Symbol, in dem das Wunder
schläft, Luft, die wir atmen, ohne zu fühlen, daß sie da ist. Und dennoch
ergriff mich der Anblick des übrig gebliebenen Waldes. Ich mußte an Guido
Polenta denken, der den großen florentinischen Flüchtling in seinem Hause
aufnahm, und an jene Francesca Polenta, Malatesta von Riminis unglückliche
Gemahlin, für deren Liebe Paolo starb. Schatten, süße, traurige Schatten,
nur angedeutet in der Sehnsüchtigkeit ihres Lebens .. und darum ewig
gegenwärtig.
Vor San Apollinare-in-Classe ließ ich den Wagen halten. Die Einsamkeit des
Ortes bestrickte mich. Mitten im Feld, zwei Schritte von der Landstraße,
lag das Wunder einer christlichen Basilika. Unscheinbar außen, wie alle
Bauten aus der gleichen Zeit, doch groß und vornehm in ihrer Einfachheit.
Das Tor stand offen. Der Eintritt aus der freien Luft in die Halle blieb
ohne Übergang. Wie tief nimmt dieser Raum den Nahenden auf .. Etwas von
Pfingsten weht in der feierlichen Klarheit, Freude spielt im Ebenmaß der
Säulen von Bogen zu Bogen und klingt am Hochaltar zusammen, hinter dem das
Mosaik der Apsiswölbung aufsteigt. Hell glänzt das Kreuz auf goldnem Grund
inmitten lichter Bläue, zwischen Blumen und weißen Lämmern steht verkündend
der Heilige. Man möchte niedersitzen und lange ausruhen, man möchte die
Augen in das flache Feld hinauswenden, das langsam im Abend versinkt. Aber
die Fieber wachsen in den Sümpfen, wenn die Nacht kommt. Das Land kennt
nicht die Lust der Dämmerung. Die Fenster müssen sich schließen, der Mond
wirft giftige Dünste auf.
Der Wagen wendete. Aus den nordwestlichen Himmeln, von Ferrara her, quoll
schmutziges Abendrot. Die Ebene lag in leisem Glühen. Kein Lufthauch wehte.
Die ersten Tropfen fielen, laues Blut. Dann losch das Feuer. Noch zögerte
der Regen. Die Stadt war grau an die Erde hinabgedrückt, sinkend ..
sinkend. Es kam kein Rauschen in den Wipfeln, es fegte kein Wind über die
Straßen und warf die klaffenden Fenster zu: aus lahmen Kiefern spülte das
Dunkel die trübe Brühe des Regens auf die Dächer nieder. Die Dächer gaben
sie weiter an die zerbrochenen Rinnen, aus denen sie in breiten Güssen
auf die Straße stürzte. Erde, Stadt und Himmel waren nur noch eines: ein
brauner und grünlicher Morast, der nach dem Wüten der Julisonne schrie,
um einmal aus sich selbst befreit zu werden. Dann mußte der Staub kommen,
Staub und Sand, und die Stadt würde gelb wie frischgebrannter Lehm .. gelb
wie die ausgedorrte Steppe: dicht neben dem unerbittlich fliehenden Meer.
FLORENZ
Den Nachmittag und Abend des nächsten Tages verbrachte ich in Florenz.
Still blühend lag die Stadt in der Sonne, Anmut und Leichtigkeit.
Heimatlich begrüßt sie jedesmal den wiederkehrenden Freund, obwohl sie
stets voll Geheimnis bleibt, und sei es nur im Wechsel der Lichter, im ewig
neuen Wandern ihrer Wolken. Wolken von Florenz! milde Dämpfer zu üppigen
Goldes, selbst mit Gold gefüttert, das sich in breiten Säumen über die
Ränder neigt: euch folgt der Flug der Seele wie keiner eurer Schwestern,
ihr gebt den Bergen das unerschöpflich feuchte Blau, den Hainen
das fließende Grün, aus dem es kühl herüberwinkt in den Brand der
kornblumenfarbenen Tage.
Ich fuhr nach einem alten, kleinen Schloß, in dem ich einmal helle, süße
Tage verlebt hatte. Es liegt in den Hügeln von San Miniato, hoch über der
Stadt. Ich ließ den Wagen auf Umwegen über den Viale Petrarca und durch die
Porta Romana zur Höhe des Torre del Gallo hinaufgehen. Langsam wurde das
Bild der Stadt geboren, über hohen, grauen Gartenmauern, Villendächern
und unbewegten Pinienkronen. Zwischen blaß-blauen Glycinenranken stand das
goldbraune Gewühl der Häuser. Den herrischen Wuchs der Zypressen besiegend,
ragte der Turm der Signoria. Fensterscheiben blinkten in der Sonne,
Arkaden grüßten über dunklem Lorbeer. Schon stieg der leichte Rauch eines
verfrühten Herdfeuers aus wenigen Schornsteinen. Unwillkürlich lauschte
das Ohr nach einem Angelus .. Noch war es zu früh. Die Wärme, die aus
den Gärten aufwehte, wies noch auf Nachmittag. Bilder kamen und gingen im
Vorüberfahren ..
Niemand erwartete mich im Castello Acciajoli. Vielleicht war niemand zu
Hause. Ich zog die Schelle. Es dauerte eine Weile, bis der Diener öffnete.
Er erkannte mich wieder und führte mich in das Empfangszimmer. Wenige
Minuten später saß ich im Gespräch mit dem Hausherrn. Jahre waren
vergangen, seit wir uns gesehen hatten. Er war der einzige, der um
ein Erleben wußte, das hier seinen Anfang gefunden und fern, in einer
nordischen Stadt, sein Ende genommen hatte. Noch lag der Schein der Liebe
auf allen Dingen, zart, heimlich, wie ihn das ergriffene Herz damals
hingezaubert hatte. Ich ging zu jedem Baum, zu jedem Strauch, der noch wie
damals stand, wie damals blühte. Wie fröhlich war alles gewesen, wie
frei und einfach! Besonders die Abende waren schön. Die Mahlzeiten in dem
kleinen Speisezimmer, die vielen hellen Blumen auf dem Tisch, der rote Wein
in schlanken Henkelkannen und das Hin- und Herflittern der leichten Worte
zwischen Menschen, die zusammengehörten, so wie sie waren, gebunden durch
die gleichen Gewohnheiten, vertraut in der gleichen Anbetung der Schönheit
-- und nur geschieden durch jenes feinste Gefühl innerer Besonderheit, wie
es die große Übung des Erlebens entfaltet. Nichts war laut, nichts war
ein Übergriff. Was hier geschah, war selbstverständlich. Es gab viele
gemeinsame Spaziergänge in den Wiesen und Baumstücken, die zum Schloß
gehörten, an kleinen Bächen entlang, die hastig niederstürzen, sich
manchmal in uralten Steinbecken fangen und weiterfliegen, dem Arno zu. Dann
ein Ausruhen auf einer leichten Anhöhe in hohem Gras, bei Lorbeerbüschen
und Gaisblattranken. Wohin das Auge schweifte, standen die milden Ölbäume,
deren wundervoll belebte Seele der Nordländer so schwer versteht. Die
Akazien blühten hoch in der stillen Bläue oder im Bernsteinglanz der
Abendhimmel, die Nachtigallen sangen in jedem Gesträuch. Und über allem lag
die Liebe. Aus der Gemeinsamkeit des Genießens löste sich die Sonderheit
dieses Glückes, jenes Aufgelöstsein in Schweigen, das wortlose Untertauchen
in jeder beseelten Schönheit. Im Wehen eines Olivenzweiges, im Atmen eines
Rosenbeetes lag die Vertauschung der Seele und das Auswechseln der Sinne.
Milde war in allem: Toskanas Milde .. und eine reine, scheue Süße, wie Duft
von Veilchen oder Teerosen.