Dasselbe erzählt Fröbel in seinen „Briefen“ (S. 51, 56 fg.). --

Wie Herr v. Helfert bereits aus den Tagen der Octoberrevolution eifrig

Alles zusammengetragen hat, was Bosheit und Unverstand Blum nach jenen

Tagen mit Unrecht schuld gegeben, und wie wir ihn hierbei sogar auf

eigenen Verdächtigungen ertappten, so läßt er sich von nun an angelegen

sein, das Bild des Sterbenden durch all den Unglimpf zu entstellen, den

eine feile und tendenziöse Presse und die Schriften der frohlockenden

Feinde Blum's in einem Menschenalter auf seinen Namen gehäuft haben. So

versteht der Edle von Helfert das _de mortuis nil nisi bene_.[352]

Am 9. November fünf Uhr früh wurde Blum aus gesundem, tiefem Schlafe

geweckt und zur Anhörung des Urtheils in eine dritte Zelle abgeführt,

in der er allein war. Tief bewegt, doch standhaft und gefaßt vernahm

er hier den blutigen Spruch. Nur das Eine konnte er nicht fassen:

daß man auf Grund #solcher# Thatsachen ihn zum Tode verurtheile, und

gegen das Unverletzlichkeitsgesetz das Urtheil zu vollstrecken wage.

Er äußerte diese Zweifel gegen den Offizier, doch wurde ihm erwidert,

daß es voller Ernst sei mit dem Urtheil wie mit der Vollstreckung.

Von da an hat Blum, so schwer es ihn ankam, an die Möglichkeit dieses

Justizmordes zu glauben, sich in sein Schicksal ergeben. Der Auditeur

verließ Blum. An seiner Stelle trat ein Geistlicher ein, Pater Raimund

vom Schottenstift. Er war in tiefer Nacht geweckt worden, als eine

Ordonnanz am Stift klingelte. Er habe Einen zum Tode vorzubereiten,

hieß es. Erst im Stabsstockhause nannte man dem Pater den Namen

Robert Blum's. Er wußte aber, wie wir sehen werden, schon vorher,

wem es gelte. Er fand Blum bereits ruhig und gefaßt. „Sie wissen

vielleicht“, sagte ihm Blum, „daß ich Deutschkatholik bin; ich glaube

daher, daß Sie mir die Ohrenbeichte erlassen werden.“ „Der Geistliche,

glücklicherweise ein Mann von Bildung und Einsicht, stimmt vollkommen

bei; Blum bittet ihn noch um einige Zeit, da er noch an seine Frau

und Kinder und seine Mutter schreiben wolle. Nachdem dies geschehen,

sprachen Beide noch viel mit einander, Blum, sehr gefaßt und ruhig,

ist erfreut, in dem Geistlichen einen Achtungswerthen zu finden und

sagt ihm zuletzt ungefähr: „Es hat mich sehr gefreut in Ihnen zum

Unterschiede von leider so vielen Pfaffen, die man in Deutschland

findet, einen ehrenwerthen, wahrhaft christlichen Mann kennen gelernt

zu haben. Ich möchte Ihnen gern ein Andenken hinterlassen, allein ich

habe jetzt nichts hier als meine Haarbürste. Wollen Sie diese von mir

annehmen, so machen Sie mir noch eine Freude.““[353]

Indessen nicht blos von geistlichen Dingen war in jener ernsten Stunde

zwischen beiden Männern die Rede. Der Pater war der Träger der letzten

Möglichkeit einer Rettung Blum's, die menschlichem Ermessen denkbar

war.

Als nämlich die politischen Freunde Blum's in Frankfurt von seiner

Verhaftung hörten, was etwa den 6. der Fall war, erklärte Karl

Vogt mit seinem richtigen realistischen Instincte den vertrautesten

Parteigenossen rund heraus, daß er Blum für verloren halte, wenn

derselbe nicht in den Besitz einer Summe Geldes gesetzt werde, die

den muthmaßlichen Durchschnittspreis der Ehrlichkeit seiner Wächter

erreiche. Wenige Stunden darauf stand Karl Vogt an der Spitze einer

kleinen Deputation vor Rothschild und bat ihn, gegen gute Procente

die Summe von etwa 3000 Gulden in Robert Blum's Hände nach Wien

gelangen zu lassen. Der alte Amschel schüttelte den Kopf und fand

das Geschäft bedenklich. War er doch österreichischer Freiherr. Der

jüngere aber fand die Procente des Wagnisses werth und sagte zu.

Während die Quittung ausgeschrieben wurde, blieb Vogt allein zurück

und bat um Auskunft, auf welchem Wege denn das Geld an den gefangenen

Blum besorgt werden solle. Der Börsenkönig wollte lange nicht heraus

mit der Sprache. Endlich sagte er flüsternd: „Durch den Prior des

Schottenklosters in Wien.“[354] Allein auch diese Hülfe kam nun zu

spät. Wer hätte es gewagt, für den zehnfachen Preis dem Fürsten

Windischgrätz eine Beute zu entreißen, die man sich in Schönbrunn nun

keinesfalls mehr hätte entgehen lassen! In diese Erkenntniß fand Blum

sich rasch. Das Geld ist bald nach seinem Tode auf demselben Wege nach

Frankfurt zurückgelangt und zu den Sammlungen für die Wittwe und Waisen

Blum's gezogen worden.

Der erste bestimmte Wunsch, den Blum an den Geistlichen richtete, war

der nach Schreibmaterial, um seine letzten Scheidegrüße an seine Lieben

aufzusetzen.

Der Wunsch wurde sofort erfüllt und Blum schrieb zuerst jenen

unvergeßlichen Brief an seine Gattin, in welchem die ganze Gemüths- und

Gefühlstiefe, die ganze Seelengröße des Mannes sich ausprägt. So oft

dieser Brief auch gedruckt oder in anderer Weise vervielfältigt worden

ist, er kann wohl nie zu oft mitgetheilt und gelesen werden. Er lautet:

„Mein theures, gutes, liebes Weib, lebe wohl! wohl für die Zeit, die

man ewig nennt, die es aber nicht sein wird. Erziehe unsere -- jetzt

nur #Deine# Kinder zu edeln Menschen, dann werden sie ihrem Vater

nimmer Schande machen. Unser kleines Vermögen verkaufe mit Hilfe

unserer Freunde. Gott und gute Menschen werden Euch ja helfen. Alles,

was ich empfinde, rinnt in Thränen dahin, daher nur nochmals leb'

wohl, theures Weib! Betrachte unsere Kinder als theures Vermächtniß,

mit dem Du wuchern mußt, und ehre so Deinen treuen Gatten. Leb' wohl,

leb' wohl! Tausend, tausend, die #letzten# Küsse von Deinem

Robert.

#Wien#, den 9. November 1848.

Morgens 5 Uhr, um 6 Uhr habe ich vollendet.

Die Ringe hatte ich vergessen; ich drücke Dir den letzten Kuß auf

den Trauring. Mein Siegelring ist für Hans, die Uhr für Richard,

der Diamantknopf für Ida, die Kette für Alfred, als Andenken. Alle

sonstigen Andenken vertheile Du nach Deinem Ermessen. Man kommt! Lebe

wohl! wohl!“

An Carl Vogt schrieb er:

„Ein Sterbender empfiehlt sich Dir und allen deutschen Freunden

meiner armen Familie. Sie hatten nur mich als Ernährer. Tragt Eure

Liebe für mich auf sie über, dann sterbe ich ruhig. Allen ein

tausendfaches Lebewohl!

Blum.

#Wien#, den 9. November früh ½6 Uhr.“

An C. Cramer in Leipzig schrieb er:

Lieber Freund!

„Es ist 5 Uhr und um 6 werde ich erschossen. Also nur zwei Worte:

Lebe wohl, Du und #alle# Freunde. Bereite meine Frau langsam

vor[355] auf das Geschick des -- Kriegs. Schreibe Günther meinen

letzten Gruß. Ich sterbe als Mann -- es muß sein. Lebt wohl! Lebt

wohl!

#Wien#, den 9. November 1848.

Robert Blum: Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk · 第 56 / 85 题