(Wiener Octoberrevolution 1848.)
Noch weniger als eine umfassende Geschichte der deutschen Bewegung
des Jahres 1848 kann und soll hier geboten werden eine eingehende
Darstellung jener Vorgänge im Kaiserstaat Oesterreich, welche im
October 1848 zu der Krisis in Wien führten. Hier können nur die
wichtigsten Ereignisse in andeutenden Strichen in Erinnerung gebracht
werden.[231]
Vor Allem kommt es hier darauf an nachzuweisen, wie die
staatsrechtlichen Verhältnisse Oesterreichs zur Zeit der
Octoberrevolution lagen. Dadurch allein tritt die Wiener
Octoberrevolution in das richtige geschichtliche Licht, wird sie vom
sittlichen und staatsrechtlichen Standpunkt gerecht beurtheilt, während
andererseits das Unternehmen des Fürsten Windischgrätz gegen Wien
die gebührende Beleuchtung empfängt. Namentlich für das Urtheil über
Robert Blum's Betheiligung an der Wiener Octoberrevolution und über
den gegen ihn verhandelten kriegsgerichtlichen Proceß ist eine Prüfung
der öffentlich-rechtlichen Verhältnisse des damaligen Oesterreich von
entscheidender Bedeutung.
Im März 1848 war in Oesterreich der Rechtsboden, auf welchem der
Kaiserstaat bis dahin fußte, vollständig zusammengebrochen. Kein
Land des damaligen deutschen Bundes war unvermittelter in völlig
neue Verhältnisse geschleudert worden, als Oesterreich. „Ueber die
Lebensfähigkeit des neuen Oesterreich, welches auf den Trümmern des
alten zu errichten versucht wurde, kann man verschiedener Ansicht
sein, daß aber in den Märztagen das alte Oesterreich vollständig, #mit
Recht und für immer zu Grunde ging, alle Machthaber seit 1848 ohne
Unterschied auf die Revolution# als ihre Basis fußen, darüber herrscht
kein Zwiespalt der Meinungen“. So bezeichnet Anton Springer[232]
die Rechtslage der österreichischen Staatsgewalt am Ausgange der
Märzrevolution, am Eingang in Oesterreichs neueste Entwickelung.
Keineswegs war dieses staatsrechtliche Chaos bis zum Herbst wesentlich
geordneteren Verhältnissen gewichen. Sicher war nur das Eine: seit
der Verkündigung des neuen österreichischen Staatsgrundgesetzes vom
25. April war das alte absolute Kaiserthum feierlich begraben, war
der Kaiser nur der unverantwortliche Herrscher, die Regierung dagegen
ausschließlich in den Händen seiner verantwortlichen Minister, der
Staat überhaupt eine constitutionelle Monarchie nach belgischem
Muster. Jede kaiserliche Entschließung, welche der Gegenzeichnung
der Minister entbehrte, war verfassungswidrig und rechtsungültig.
Sicher war ferner das Andere: daß diese Verfassung nicht galt für
die Länder der Stephanskrone und die italienischen Provinzen des
Kaiserstaates; sicher auch soviel: daß von all den Provinzen, für
welche die Verfassung gegeben war, keine einzige durch dieselbe sich
befriedigt erklärte. Aus diesem Grunde war am 22. Juli vom Erzherzog
Johann (dem deutschen Reichsverweser), dem Stellvertreter des Kaisers,
der verfassunggebende Reichstag in Wien eröffnet worden; seine Aufgabe
sollte sein, für die deutsch-slavischen Länder eine neue gemeinsame
Verfassung zu Stande zu bringen. Bis zum 7. September hatte diese
Versammlung indessen nur das eine Gesetz über die Aufhebung der
Feudallasten geschaffen. Am 7. October hatte der Kaiser mit dem Hof,
wie noch näher berichtet werden wird, allerdings wieder einmal Wien
verlassen. Aber Niemand achtete dessen vorläufig. Denn dem kaiserlichen
Hof war die Domicillosigkeit seit dem Frühjahr fast zur Gewohnheit
geworden. Mit Ausnahme der Minister Wessenberg und Bach blieben
Ministerium und Regierung in Wien, blieben sämmtliche Behörden des
Kaisers, die gesammte Diplomatie, die am kaiserlichen Hofe beglaubigt
war, blieb endlich der constituirende Reichstag. Am wenigsten konnte
durch die zeitweilige Verlegung der Residenz das Staatsgrundgesetz
irgend welche Abänderung erleiden. Unmittelbar nach der Flucht des
Hofes desertirten allerdings fast sämmtliche slavischen Abgeordneten
aus dem Reichstag auf Nimmerwiedersehen. Durch ihren Austritt sank vom
16. October an die Zahl der zurückgebliebenen Abgeordneten unter die
gesetzliche Beschlußfähigkeitsziffer. Erst vom 16. October an könnte
man daher die Gesetzmäßigkeit der Reichstagsbeschlüsse anzweifeln.
Indessen auch dieser Zweifel erscheint von sehr fragwürdiger
Berechtigung. Denn auch nach dem 16. October erschien der k. k.
Minister Kraus, der seit dem 7. alle Portefeuilles bis auf dasjenige
Hornbostl's und Wessenberg's in seiner Hand vereinigte, Tag für
Tag im Reichstagsrumpf, ohne gegen dessen Beschlußfähigkeit irgend
einen Einwand zu erheben. Selbst die Diplomatie, alle Vertreter
auswärtiger Mächte blieben auch nach dem 6. October in Wien, folgten
keineswegs dem Hofe nach Olmütz, zum besten Beweise dafür, daß sie in
Wien, in den dort verbliebenen Ministern und kaiserlichen Behörden,
in dem constitutionellen Reichstag die legitimen Regierungsgewalten
des österreichischen Kaiserstaates erblickten, nicht in Olmütz.
Jener Zweifel in der Beschlußfähigkeit des Reichstags erscheint
übrigens um so unbegründeter, als die Beschlußfähigkeitsziffer aller
parlamentarischen Versammlungen nur berechnet werden kann nach der
Zahl der jeweilig in Kraft stehenden Mandate. Mit dem Austritt der
slavischen Abgeordneten aber, mit deren Erklärung, daß sie nie wieder
an den Berathungen des Reichstags Theil nehmen würden, vollends mit
ihrem Versuche, in Prag einen parlamentarischen Sonderbund zu stiften,
waren die Mandate dieser Abgeordneten schlechthin erloschen und der
Wiener Reichstag stand mindestens im guten Glauben, wenn er sich nach
wie vor beschlußfähig erklärte. Selbst dann ließ sich noch dieser
gute Glaube nicht vollständig absprechen, als am 24. October das
kaiserliche Schreiben vom 22. in Wien bekannt wurde, durch welches der
Wiener Reichstag geschlossen und für den 15. November nach Kremsier
ausgeschrieben wurde. Denn auch dieses kaiserliche Patent ermangelte
der verfassungsmäßigen Gegenzeichnung aller Minister. Die Unterschrift
Wessenberg's genügte keineswegs. Doch kommt es auf diese Streitfrage
hier nicht an. Die Frage ist vielmehr nur: ob die kaiserliche Regierung
in Wien, vertreten durch den Minister Kraus und alle sonstigen
kaiserlichen Behörden in Wien, ob das Wirken des Reichstags in den
Tagen vom 6. bis 24. October zu Recht bestand oder nicht? Diese
Frage ist entschieden zu bejahen. Daraus folgt ohne Weiteres die
unumstößliche Rechtsgültigkeit ihrer amtlichen Handlungen.
Neben diesen nach wie vor in Wien verbliebenen Gewalten des
Gesammtstaates bestanden hier noch locale Behörden, die trotz
ihres revolutionären Ursprungs oder Namens auf keinem schlechteren
Rechtsboden standen, wie Alles Uebrige, was sich seit dem März in
Oesterreich mit dem Namen kaiserlicher Amtsgewalt schmückte. Dazu
gehörte nicht blos die „Studentenlegion“, die in den sog. „glorreichen
Revolutionen“ vom 15. und 26. Mai ihre feierliche Anerkennung
gegenüber der erstarkenden Reaction ertrotzt hatte, sondern sogar
der sog. „Sicherheitsausschuß“, ein aus 200 Menschen aller Gattungen
zusammengewürfeltes Collegium unter der Aegide des Dr. Fischhof,
welches die eigentliche Dictatur in Wien mit gesetzlichem Ansehen
übte. Ihm waren auch die Minister unterthan. Zu diesen rechtlich
unanfechtbar bestehenden Behörden gehörte ferner der Wiener
Gemeinderath, der ja nach Umständen die kleinsten Angelegenheiten einer
simpeln Stadtverwaltung neben den höchsten Interessen des Staates
souverän zu entscheiden hatte, je nachdem die Ereignisse ihm die
patriarchalische Rolle der Stadtväter oder der Spitzen der Haupt- und
Residenzstadt des Kaisers zutheilten. Endlich bestand in Wien zu Recht
die Nationalgarde, eine Bürgerwehr, die seit dem 15. Mai laut einer
kaiserlichen Proclamation das unveräußerliche Menschenrecht erworben
hatte, daß das Militair nur auf Verlangen der Nationalgarde aufgeboten
werden sollte.[233] Sie hatte das Recht der Wahl ihrer Offiziere und
des Vorschlags ihres Obercommandanten. Der unglückselige Mensch, der
Wien vom 13. October an commandirte, Wenzel Messenhauser, konnte mit
vollem Recht behaupten, daß seine Wahl nicht blos von allen localen
Gewalten Wiens, sondern auch vom Reichstagsausschuß und vom Ministerium
des Innern ausdrücklich genehmigt worden sei.[234]
Gewiß konnte kein Großstaat auf die Dauer bei so verworrenen
Rechtsverhältnissen bestehen; aber das ändert nichts an der Thatsache,
daß beim Ausbruche und im Verlaufe der Wiener Octoberrevolution alle
die genannten Behörden und Gewalten der Residenzstadt sich eines
unbestreitbaren Rechtsbodens erfreuten, daß dagegen das Unternehmen
des Fürsten Windischgrätz gegen Wien d. h. gegen die gesetzliche
Wirksamkeit dieser Behörden ein rein rechtswidriger Gewaltact war. Es
wäre nicht schwer gewesen, mit Hülfe der großen Mehrheit der Wiener
Bürgerschaft, die nach wie vor in unverbrüchlicher Treue an ihrem
Kaiserhause hing, die Forderungen der Neuzeit in maßvoller Weise
mit den unentbehrlichen Grundlagen eines kräftigen monarchischen
Staatswesens zu versöhnen. Aber es fehlte gerade auf Seiten der Krone
ebensosehr an klarem Verständniß für die berechtigten Forderungen
der Zeit, wie an gutem Willen. Schon zu Beginn des Sommers, als
der Hof noch überströmte an herzgewinnenden Versicherungen loyaler
Verfassungsmäßigkeit und Freiheitsliebe, wurde, wie wir sehen werden,
dem Fürsten Windischgrätz im tiefsten Geheimniß, selbst verschwiegen
vor allen Ministern, die kaiserliche Vollmacht ertheilt, alle
kaiserlichen Truppen, mit Ausnahme der italienischen Armee, gegen die
Hauptstadt oder wohin ihm sonst beliebte, zu führen, um die ganze
Bewegung und alle verfassungsmäßigen Errungenschaften seit dem März in
Blut und Eisen zu ersticken.
Diese unbelehrbare Treulosigkeit der habsburgischen Hauspolitik
führte in erster Linie die Katastrophe des 6. October in Wien
herbei. Schon seit Monaten waren in den Regierungshandlungen des
Ministeriums Wessenberg untrügliche Kennzeichen dafür hervorgetreten,
daß man in der Hofburg in Wien den Umsturz der Aprilverfassung und
der Märzerrungenschaften, die Wiederherstellung des alten absoluten
Kaiserthums, mit Hülfe des Heeres plane. Am 3. October enthüllte sich
der andere Theil dieser reactionären Politik. Schon vorher waren Briefe
aufgefangen worden, welche verriethen, daß die Regierung den in Ungarn
eingefallenen Banus von Kroatien Jelačić heimlich mit Geld und
Kriegsmaterial unterstützte. Durch die kaiserliche Verordnung vom 3.
October wurde der Banus, der Todfeind Ungarns, zum Oberbefehlshaber
aller kaiserlichen Truppen und zum kaiserlichen Statthalter in Ungarn
ernannt. Das war die offene Kriegserklärung an Ungarn. Und der
Volksinstinkt in Wien hatte Recht, wenn er darin nur das Vorspiel des
Umsturzes der Märzverfassung erblickte.
Eine bewaffnete Empörung bemächtigte sich innerhalb vierundzwanzig
Stunden -- dank der feigen Unthätigkeit und der rathlosen Führung der
Truppen -- am 6. October der Stadt, und ermordete in gräßlicher Weise
den Kriegsminister Latour, während seine Grenadiere Gewehr in Arm dem
furchtbaren Schauspiele zusahen. So empörend diese scheußliche That
des Pöbels auf der einen, die Muthlosigkeit der bewaffneten Macht auf
der andern Seite ist, so war das Empörendste an der ganzen Tragödie
doch die doppelzüngige Verlogenheit der Regierung. Der Deputation des
Reichstages, die nach der Revolution treuvertrauend zum Kaiser kam, um
ihm zu versichern, daß Wien dem Kaiser nach wie vor gehorsam sei und
nur verlange, daß der Kaiser die reactionären Minister entlasse und
die Verordnung vom 3. October gegen Ungarn zurücknehme, versicherte
der schlaue Biedermann, das werde geschehen. Und die Nacht darauf
entwich er mit dem Hofe nach Olmütz und hinterließ der Stadt seine
Kriegserklärung, die jedoch ohne Gegenzeichnung irgend eines Ministers
ein schlechthin rechtsungültiger Act war.
* * * * *
Aus den Adressen, welche der Reichstag und der Gemeinderath von Wien
in der ganzen Zeit vom 6. October an bis zur Bezwingung der Stadt
durch Windischgrätz am 30. October an den Kaiser gerichtet haben, aus
allen ihren Handlungen erhellt klar, daß die Wiener Revolution keinen
Augenblick auf die Beseitigung der Krone, auf die Verwandlung des
österreichischen Kaiserstaates in eine Republik zielte. Diese Bewegung
bezweckte nichts Anderes, als was die zwei Revolutionen im Mai bezweckt
hatten: die Sicherung der constitutionellen Verfassungsform und der vom
Kaiser gewährleisteten Freiheiten gegen die Staatsstreichgelüste der
Reaction, die uns gerade Herr v. Helfert, der keineswegs verschämte
Vertheidiger aller dieser geheimen Junker- und Hofintriguen, so
hübsch klargelegt hat. Erst nachdem Wien bereits capitulirt hatte und
die kaiserlichen Truppen durch die unbegreifliche Verzögerung ihres
Einmarsches in die bezwungene Stadt, Scenen hervorriefen, welche an den
Anfang des Pariser Communeaufstandes erinnern, erst da geberdeten sich
einige anarchische Banden als Republikaner. Dafür sind jedoch die sog.
revolutionären, in der That jedoch völlig legitimen Behörden Wiens um
so weniger verantwortlich zu machen, als auch Herr v. Helfert nicht
bestreiten kann, daß die bedrohliche Unbotmäßigkeit der Anarchisten in
erster Linie gerade gegen die Beschlüsse und Anordnungen der in Wien
damals bestehenden Behörden gerichtet war.
* * * * *
Daß die Frankfurter Linke versuchte, zu Gunsten Wiens einen Ausspruch
des deutschen Parlamentes herbeizuführen, war nur natürlich. Am
12. October brachte der Abgeordnete für Wien in Frankfurt, Joh.
Berger, den dringlichen Antrag ein, das Parlament wolle erklären,
daß die deutsche Stadt Wien sich durch ihren Kampf gegen die
„freiheitsmörderische Camarilla um das Vaterland wohl verdient gemacht
habe“.
* * * * *
Es war gleichfalls sehr natürlich, daß das Parlament diesen
excentrischen Antrag ablehnte, die Dringlichkeit desselben verneinte.
Nun zog Berger den Antrag selbst zurück. Schon vorher hatte jedoch
die „vereinigte Linke“ beschlossen, für diesen Fall von sich aus eine
Deputation nach Wien zu senden, um die verfassungstreue Majorität des
Reichstages und das Wiener Volk zu beglückwünschen. Noch in der Sitzung
des Parlaments schrieb Blum auf einen Zettel: „Wenn wir überhaupt eine
Deputation nach Wien senden wollen, müssen wir jetzt Beschluß fassen
und heute Abend wählen. Die Gewählten müssen morgen früh abreisen.“
Sämmtliche Abgeordnete der Linken setzten ihren Namen darunter, nur
der Blum's fehlte. Da trat Roßmäßler zu Blum und sagte: „Ich möchte
mir dieses merkwürdige Document aufheben, Du fehlst darauf“. Lächelnd
setzte Blum seinen Namen in die letzte freie Ecke. Er ahnte nicht,
daß er sein Todesurtheil unterzeichnete. Ich habe das „merkwürdige
Document“ oft bei Roßmäßler gesehen.
* * * * *
Am Abend war die Wahl der Deputation. Bald waren die Clubs des
„Donnersbergs“ und des „Deutschen Hofes“ einig über die Entsendung
von Julius Fröbel, Moritz Hartmann, Albert Trampusch. Aber sollte man
Robert Blum in Frankfurt entbehren können? Stimmengleichheit ergab
sich für ihn und Karl Vogt. Da zog Blum den Freund hinaus und beschwor
ihn, bei der Stichwahl zurückzutreten, damit Blum aus der dumpfen
Frankfurter Atmosphäre hinauskomme, um Zeit zu fruchtbarer Sammlung und
Erholung zu gewinnen, die der ganzen Partei zu Gute kommen werde. Vogt
trat zurück und Blum wurde gewählt.[235]
In der Nacht des folgenden Tages kam er in Leipzig an. Noch einmal
schlief er -- die letzte Nacht -- im eigenen Hause, noch einmal -- zum
letzten Mal -- herzte er die Kinder, umarmte er die Gattin -- dann ging
es am Frühmorgen des 14. October über Breslau nach Wien in einem wahren
Triumphzuge. Am 17. erreichte er mit den Genossen Wien.
Von den Behörden, dem Volke wurden die vier Abgeordneten feierlich
empfangen. Sie nahmen Wohnung in „Stadt London“.
Die Ereignisse hatten für Wien seit dem 11. October, ja selbst seit
Blum's Abreise von Frankfurt eine ungeahnte Wendung genommen. Seit
den blutigen Kämpfen des 6. October hatte der Oberbefehlshaber der
Wiener Garnison, General Graf Auersperg, sämmtliche Truppen aus ihren
Kasernen und aus der Stadt überhaupt herausgezogen und mit ihnen
in der Vorstadt Wieden und im Schwarzenberg'schen Garten ein Lager
bezogen. Am Morgen des 12. October hatte er auch diese Stellung
geräumt und Wien sich selbst überlassen. Die Freude der Wiener über
diesen unblutigen Sieg war indessen von kurzer Dauer. Denn alsbald
erfuhr man, daß General Auersperg seine Truppen mit denen des Banus
von Kroatien, Jelačić, vereinigt habe, der seit dem 8. October
auf österreichischem Boden stand, seit dem 10. sein Hauptquartier
bei Rothneusiedel aufgeschlagen hatte. Diesem Kroaten weiß Herr
v. Helfert nachzurühmen: „Es gibt in der ganzen neueren Geschichte
Oesterreichs keine liebenswürdig fesselndere Erscheinung, als die
des ritterlichen Banus Jelačić von Kroatien“. Wer die seltene
Anspruchslosigkeit des Herrn v. Helfert kennt, wenn es gilt, Männer
für groß zu erklären, die er groß zu sehen wünscht, der wird diesem
Urtheile vielleicht beipflichten. Andere, die einen anderen Maßstab für
historische Größe haben, sind geneigt in dem „liebenswürdig-fesselnden“
und „ritterlichen“ Banus einige der hervorragendsten Charakterzüge
Sir John Fallstaff's wiederzufinden. Auch Jelačić betrachtete
die Vorsicht als den besten Theil der Tapferkeit. Auch er war unter
Umständen eine Memme aus Instinkt und renommirte wie ein Herkules.
Auch er liebte den Sekt und betrachtete die Bezahlung von Schulden
als „doppelte Arbeit“. Aber in der Hauptsache stand er weit zurück
hinter dem fröhlichen altenglischen Zechbruder: kaum ein Abglanz
moderner Kultur war in diese wilde Seele gefallen. Wüste Sinnenlust
gehörte zu seinem täglichen Brode. Sein Kulturwerth ist erschöpft mit
der Charge, in der ihn der Frühmorgen des Jahres 1848 traf: er war
damals „Oberst im ersten Banal-Gränz-Regiment“.[236] Nun, im Herbst,
da jeder ehrgeizige General des verlotterten Kaiserstaates mindestens
ein kleiner Wallenstein zu sein glaubte, schickte sich auch der
„ritterliche“ Banus an, „gegen den Willen und das ausgesprochene Verbot
des irregeleiteten (!) Hofes“[237] seine „geschichtliche Bedeutung“
zu gewinnen und „ein Retter der Monarchie zu werden“. Er war von dem
magyarischen General Moga gründlich geschlagen worden, und befand
sich auf einer rathlosen Flucht, deren wahren Charakter auch Helfert
nicht zu verdunkeln vermag, wenn er zugesteht, daß Jelačić bei
der Kunde von der Wiener Revolution seine Generale zurückgelassen
und nur mit etwa tausend Mann ohne Gepäck nach achtzehnstündigem
Gewaltmarsch niederösterreichischen Boden gewonnen habe.[238] Es war
eitle Renommage, wenn der Banus der Deputation aus Wien, die, mit
einem Befehl des Ministers Kraus versehen, ihn zur Rückkehr auf den
ihm vorgeschriebenen Wirkungskreis (Ungarn) zu veranlassen suchte,
stolz erwiederte: „Als Soldat zeigt mir der Donner der Geschütze
meine Marschroute“ -- denn in Wien donnerte nichts dergleichen --
und der Banus erlaubte sich eine große poetische Freiheit, wenn er
hinzusetzte, „strategische Grundsätze“ hätten ihn über die ungarische
Grenze hinausgeführt.[239] Diese „strategischen Grundsätze“ hatten nur
die grundsätzliche Rettung seiner werthen Person zum Zwecke. Er half
sich nur aus persönlicher peinlicher Verlegenheit, indem er sich als
Retter der Monarchie aufspielte, und erst die Vereinigung der Truppen
Auersperg's mit ihm machte sein Erscheinen vor den Thoren Wiens zu
einem bedrohlichen Ereigniß für die Stadt.
Doch mit ihm durfte die Stadt hoffen, rasch fertig zu werden, zumal
Moga's Heer kräftig auf den geschlagenen Gegner drückte. Nur ein
einziges Wort der Wiener Behörden, namentlich des Reichstags, an die
Ungarn wäre nöthig gewesen, um diese über die ungarische Grenze zum
Entsatze der Stadt heranzuziehen. Aber dieses Wort wurde jetzt so wenig
als später gesprochen. Das waren die ersten Scenen des heraufziehenden
Verhängnisses, die Robert Blum in Wien mit erlebte. Am 17. schreibt er
an seine Frau, Anfangs fast im Tone des Touristen:
„Unter dem ersten Eindrucke dieser ungeheuren Stadt kann ich Dir
nur anzeigen, daß wir ohne, oder doch mit sehr geringer Gefahr hier
angelangt sind. Wien ist prächtig, herrlich, die liebenswürdigste
Stadt, die ich je gesehen; dabei revolutionär in Fleisch und Blut.
Die Leute treiben die Revolution gemüthlich, aber gründlich. (?) Die
Vertheidigungsanstalten sind furchtbar, die Kampfbegier grenzenlos,
Alles wetteifert an Aufopferung, Anstrengung und Heldenmuth. Wenn
Wien nicht siegt, so bleibt nach der Stimmung nur ein Schutt- und
Leichenhaufen übrig. Morgen erfolgt wahrscheinlich die Schlacht, d.
h. nicht in Wien, sondern außerhalb derselben zwischen Ungarn und
Croaten; sie wird durch etwa 10,000 Wiener unterstützt werden und
wir werden sie mitmachen, denn wir sind heut Ehrenmitglieder der
academischen Legion und sofort bewaffnet worden. Wir müssen also mit
unsern Kameraden, es wäre eine Schande, es nicht zu thun. Wir werden
hier überall mit Jubel empfangen, soweit dies die ernste Stimmung
zuläßt. Der Reichstag, der Gemeinderath, das Obercommando, die Aula
-- Alles nahm uns wahrhaft begeistert, als Boten der Theilnahme
Deutschlands auf. Alles ist hier bewaffnet, Alles drängt sich der
Erste zu sein, welcher dem Feinde entgegengeht.“ Doch wenige Zeilen
später heißt es: „Nur Eins fehlt: wahrhaft revolutionärer Muth in
den Behörden; man zerrt sich dort gar zu sehr mit Halbheiten herum,
und lawirt immer, um auf dem gesetzlichen Boden zu bleiben. Energie
dort im ersten Augenblicke, und die Sache wäre schon entschieden.
Hoffentlich bekommt man unter dem Kanonendonner auch dieses Fehlende
noch ... Wann ich zurückkomme, kann ich allerdings jetzt nicht
bestimmen, aber jedenfalls reise ich diese Woche noch ab, denn eine
Entscheidung erfolgt in den nächsten Tagen.“
Dieser Brief ist so widerspruchsvoll, wie die Eindrücke, die am ersten
Tage seines Wiener Aufenthaltes auf Blum einstürmten. Doch ist der
bezaubernde Eindruck, eine große Revolution in Waffen unmittelbar
mitzuerleben, entschieden vorherrschend; auch noch am folgenden Tage.
Auch am 18. Oct. glaubt Blum noch, die Entscheidungsschlacht stehe
unmittelbar bevor. Auch da ist er mit den Freunden entschlossen, sie
mitzukämpfen. In dieser Stimmung setzt er seinen Namen unter die
phrasenhafte Straßenproclamation des Dichters Moritz Hartmann, in der
die Frankfurter Deputation den Wienern „den Bruderkuß von vielen
Tausenden“ überbrachte und ihnen versprach, „wenn das Schicksal will,
die Gefahren mit ihnen zu theilen, mit der Wiener Bevölkerung zu stehen
und zu fallen“.
Aber schon am „19. October Morgens“ schreibt Blum der Gattin[240]
lakonisch: „In aller Eile, liebe Jenny, die Nachricht, daß ich
wahrscheinlich Sonntags (22. Oct.) mit dem ersten Zuge von Dresden
komme, doch kann es auch Montag werden, aber #wahrscheinlich# Sonntag.
Die Sachen gehen hier wieder langsamer, ja sind gewissermaßen
umgeschlagen. Gruß und Kuß Bl.“ „Dieser Entschluß stand“ also nicht,
wie Anton Springer meint, „im Widerspruch mit dem tapferen Wunsche,
für Wiens Freiheit zu sterben“, sondern er war, wie auch Springer
zugibt, „begreiflich“, eine nothwendige Folge des „Umschlags“ der
Dinge in Wien. Die Deputirten hatten sich eben in der Zwischenzeit
überzeugt, daß die Behörden der Stadt den Ungarn nicht die Hand reichen
würden, daß man dem Banus mit papiernen Redensarten und Gesetzesworten
zu Leibe rücken wolle, statt mit denselben Waffen, die er gegen die
Stadt trug, daß man also einen innerösterreichischen Rechtsstreit
auszufechten gedenke, statt einer geschichtlichen Feldschlacht, und
damit hielten sie ihre Sendung für erledigt. Der Behauptung Helfert's
(S. 129) „Blum hat in Wien vom ersten Tage an bös gewirkt; er war
die ganze Zeit in einer Aufregung; er bethörte auf der Universität
die jungen Leute, deren Uniform er trug und in deren Kreisen er, der
gereifte Mann, die leidenschaftlichsten Reden führte“, steht dieser
Brief vom 19. schlagend entgegen. Es steht ihr ferner entgegen das
völlige Schweigen der damaligen Wiener Presse über „bethörende“ (man
würde damals gesagt haben gesinnungstüchtige) Reden Blum's in der
Aula in den Tagen vom 17. bis 19. October. Auch führt Helfert, außer
dem wenig zuverlässigen Urtheil des typischen Angstmichels jener Tage,
Schuselka's, über Blum's angeblich permanente Aufregung, gar keinen
Gewährsmann für diese Behauptung an. Für die alberne Phrase, Blum habe
gesagt, er werde „nicht eher ruhen, bis noch zweihundert wie Latour
gefallen wären“,[241] hat Herr v. Helfert nur einen und obendrein sehr
traurigen Gewährsmann, „einen Studiosus _juris_, Franz Köcher“, einen
Menschen, der sich durch solche Lügen über einen Todten die Gunst der
Sieger zu erkaufen suchte; denn er wagte sich erst am 21. Novbr. in der
Wiener Zeitung (!) damit heraus, als in Wien nur diejenigen Zeitungen
erscheinen durften, die sagten, was Windischgrätz wünschte und zuließ.
Und von diesen Zeitungen wählte Köcher sich zu seinen Denunciationen,
die er in einem „offenen Schreiben einrückte“, noch das offizielle
Leiborgan des Fürsten![242]
Im Uebrigen bezeichnet Helfert allerdings einen der Gründe richtig, die
Blum zur Abreise entschlossen machten. „Er war mit dem unentschiedenen
Vorgehen des Reichstags und seines Ausschusses höchst unzufrieden und
sprach dies bei jedem Anlasse offen aus.“ Herr v. Helfert scheint
über diese Unzufriedenheit Blum's entrüstet zu sein. Wir müssen sie
durchaus begreiflich finden. Es giebt kaum etwas Kläglicheres, als die
unentschlossene und schwankende Haltung der Wiener Behörden jener Tage.
Wenn sie von ihrem Recht überzeugt waren -- und das waren sie -- so
hatten sie den rechtlosen Einbruch des Kroaten mit den Waffen Moga's
und ihren eigenen Streitkräften abzuweisen. Statt dessen erschöpfte
sich Alles, was sich in Wien Behörde nannte, in den windigsten Phrasen,
deren ungeheure Lächerlichkeit sonderbarerweise damals von Niemandem
empfunden wurde.
Der Gemeinderath war am 7. October neu gewählt worden. Der
Studentenausschuß, der bis dahin neben ihm die Stadt regiert hatte,
löste sich auf, nachdem er sein Dasein mit jenem Antrag an den
Reichsrath gekrönt hatte, die Armee solle in eine Volkswehr verwandelt
und den Soldaten das Recht zur Desertion verliehen werden. Diese
Eingabe begann mit den wundervollen Worten: „In jedem Augenblicke
der Säumniß spült die nagende Woge der Ereignisse einen Grundstein
der gesetzlichen Ordnung hinweg; wehe uns, wenn das ganze Gebäude
erschüttert zusammenbricht und Scilla und Charibdis (!) seine Trümmer
verschlingt.“ Der Gemeinderath seinerseits hatte seine Thätigkeit
damit begonnen, den obdachlosen Deserteuren, den eidbrüchigen
Grenadieren Geldprämien und den Wittwen und Waisen der „gefallenen
Freiheitskämpfer“ Pensionen auszuzahlen. Wenige Tage später befahl er
eine allgemeine Bewaffnung und nahm das Proletariat unter dem Namen
der Mobilgarde in seinen Sold. Er verbot aber ausdrücklich jeden
Angriff auf das Militair, überließ diesen Theil der Verantwortung,
wie überhaupt jede Verantwortung für die Ereignisse dem Reichstag.
Der Reichstag seinerseits wies die Sorge und die Vertretung für alle
Vertheidigungsmaßregeln vertrauensvoll ausschließlich dem Gemeinderath
zu und hütete sich mit peinlicher Aengstlichkeit vor jedem Schritt,
der ihm als eine Ueberschreitung seiner parlamentarischen Befugnisse
hätte ausgelegt werden können. Einzig und allein der Minister Kraus
zeigte sich als ganzer Mann. Er bewies zugleich durch sein Verhalten,
wie streng legitim er die Wiener Behörden und ihr Wirken betrachte. Er
erhöhte den Sold der mobilen Nationalgarde aus Staatsmitteln und hob
einstweilen die Verzehrungssteuer auf Lebensmittel auf, um die Einfuhr
größerer Proviantvorräthe nach Wien zu ermuntern. Er hatte, wie schon
erwähnt, am 12. Oct., im Einverständnisse mit dem Reichstagsausschusse
den von den demokratischen Vereinen vorgeschlagenen provisorischen
Obercommandanten der Stadt, Wenzel Messenhauser, in dieser
Würde bestätigt. Er hatte endlich dem ohnmächtigen Protest der
übrigen Behörden beim Banus den förmlichen Befehl der von ihm
selbst verwalteten kaiserlichen Regierung hinzugefügt, sofort den
österreichischen Boden zu verlassen.[243]
Am wenigsten war #der# Mann seiner Aufgabe gewachsen, der bei kühner
Entschlossenheit und einiger Anlage zum Feldherrn alle Fehler der
Behörden leicht überwunden und mit Hülfe der Ungarn der bedrängten
Stadt sicherlich den Sieg verschafft hätte: der Obercommandant Wenzel
Cäsar Messenhauser.[244]
Seine Wahl zum Obercommandanten dankte er vornehmlich seiner
grenzenlosen Gutmüthigkeit und Naivetät, welche den eigentlichen
Führern der demokratischen Vereine versprach, daß er ein willenloses
Werkzeug ihrer Oberleitung sein werde, und dann dem Aberglauben, daß
ein k. k. Offizier a. D. etwas von militairischer Führung oder gar von
Feldherrnschaft verstehen müsse. Außerdem brachte Messenhauser die
unleugbare Ehrbarkeit seines Wesens, unendlichen Enthusiasmus, die
größte Selbstlosigkeit, den redlichsten Willen und das unausrottbare
Bedürfniß mit, die verhaßte Kürze der „corporalsmäßigen Tagesbefehle“
durch gewaltige Proclamationen in dem blühenden Bombast seines
noch ungezähmten Deutsch zu ersetzen. Die Ausarbeitung dieser
Stilübungen nahm den Obercommandanten während der größten Zeit
des Tages in Anspruch. Er ist darin unglaublich fruchtbar gewesen.
Sein Generalstabschef Fenneberg meint, es seien damals in Wien an
Proclamationen mehr Rieß Papier verdruckt, als Kanonenkugeln abgefeuert
worden, obwohl letztere sich in die Tausende beliefen. Von seinem Amte
hatte Messenhauser (13. October) mit der ersten dieser Proclamationen
Besitz ergriffen, welche lautete: „In diesen Stunden, wo jeder Tag ein
Blatt der Weltgeschichte füllt, versenken wir trübe Erinnerungen auf
ewig in den Strom des Vergessens und wollen theure Errungenschaften
durch begeisterte Hingebung und kalte Besonnenheit gegen mächtige
Gefahren behaupten.“ Jede Gelegenheit hatte inzwischen der neue
Obercommandant zu gleich geschmackvollen Aeußerungen ergriffen. Den
General Auersperg belehrte er über die Natur der Bewegung vom 6.
October, „welche sonnenklar eine Volkssache sei,“ und theilte ihm
mit, daß „er, Messenhauser, in seinem diplomatischen Verkehre die
Richtschnur angenommen, offen vor dem ganzen Volke zu verhandeln“. Er
offenbarte der Nationalgarde, daß „auf den Fittigen der Minuten im
Felde Erfolg und Sieg ruhe“ und daß er, „der Mensch, das Individuum,
der Bürger Messenhauser gar keine Ansicht habe, sondern nur die
Ueberzeugungen der tagenden Völker vollstreckte“. An den Banus richtete
er „Noten in dem düsteren Charakter eines Ultimatums,“ und schließlich
schwang er sich in einem Tagesbefehle zu der selbstmörderischen
Erkenntniß auf: „Mit Redensarten schlägt man keinen Gegner.“ Es ist
traurig, wenn in so ernsten Tagen die komischen Personen die Hauptrolle
spielen. Zum Soldaten und Commandanten fehlte Messenhauser Alles: Ruhe,
Kenntnisse, Umsicht, Energie, Begabung. Nicht einmal „die Verhältnisse
der Oertlichkeit“ waren ihm bekannt (Helfert und Auerbach). Während der
wichtigsten Entscheidungsstunden des Kampfes wies er alle Meldungen ab,
um eine politische Kannegießerei ungestört fortzuführen. Seine größte
Schuld aber bestand darin, daß er von heldenmüthiger Vertheidigung
und von künftigen Siegen sprach, während er von Anfang an die Sache
Wiens für eine hoffnungslose gehalten haben will[245], und daß er „wo
möglich einen andern Ausweg, als den gewaltsamen Zusammenstoßes“ auch
dann noch anstrebte, als die Entscheidung längst auf die Schneide der
Waffen gestellt war. Seine Pflicht wäre gewesen, von Anfang an zu
capituliren oder zu resigniren. Zu Beidem fehlte ihm die Kraft, ja
er war es hauptsächlich, der durch seine zweideutigen Botschaften
vom Stephansthurm beim Herannahen der Ungarn an die Schwechat den
Wiederausbruch der Feindseligkeiten verschuldete, als die Capitulation
schon abgeschlossen war.
Diese traurige Beschaffenheit der Behörden, in deren Hand Gut und
Leben Hunderttausender ruhte, und deren Schwäche Blum schon am ersten
Tage durchschaute, wurde aber besonders verhängnißvoll durch die
Zudringlichkeit illegitimer Gewalten, die von Anfang an, ehrgeizig
und unzufrieden, sich zur Herrschaft, mindestens zur schonungslosen
Kritik über die Herrschenden, herandrängten. Schon am 19. October
waren Blum und seine Genossen Zeugen, wie Chaizes in der Sitzung des
demokratischen Centralvereins über den Reichstag schimpfte und ihm
rundweg das Vertrauen des Volkes kündigte, und Zeugen der schimpflichen
Ausweisung des Prof. Wuttke aus Leipzig. Schon da „erkannten sie die
ganze Hilflosigkeit der angeblichen Volksführer“.[246] Trotz der
ungeheuren Dürftigkeit der Prozeßacten des Kriegsgerichts wider Blum
-- seine Acten sind die kürzesten, die das „permanente Standrecht“
überhaupt geführt hat -- findet man doch auch aus dem Verhörsprotokoll
bestätigt, daß und warum Blum am 19. October zu seiner Abreise von Wien
sich fest entschlossen hatte: „Wir fanden die Verhältnisse anders als
wir geglaubt hatten.“ Wie herrlich hatte die Wiener Revolution aus der
Ferne ausgesehen -- wie kläglich und verworren erschien sie Blum in der
Nähe!
Am 20. October früh erhob Blum seinen Paß bei dem Sächs. Gesandten
von Könneritz. Er hatte gehofft, auch Fröbel werde dort einen Paß
erhalten. Aber da das Reich Schwarzburg-Rudolstadt nicht durch Sachsen
in Wien vertreten war, und Fröbel der diplomatischen Vertretung
Schwarzburgs nicht traute, so erwies sich diese Hoffnung als trügerisch
und Blum mußte warten, bis die Genossen einen Paß „auf drei Tage“ von
Messenhausers Generalstabschef Fenneberg erhielten. Diese Zögerung
wurde für ihn verhängnißvoll. Denn als sie nun die Stadt verlassen
wollten, stellte man ihnen vor, daß Wien bereits von allen Seiten durch
Militär umschlossen sei, und die Passirscheine Fennebergs ihre Inhaber
und deren Begleiter (Blum) ebenso wie die Abgeordneten-Legitimationen,
welche sie bei sich führten, den kaiserlichen Offizieren eher zur
Gefangennehmung und Mißhandlung als zum Durchlaß empfehlen dürften.
Ja man spiegelte den Abgeordneten geradezu vor, österreichische
Abgeordnete seien bereits angehalten worden.[247] Leider glaubten die
Frankfurter Deputirten diesen Angaben, die sicherlich falsch waren
-- mindestens hatte der Cernirungsring der Kaiserlichen damals noch
erhebliche Lücken und kein österreichischer Abgeordneter ist vor dem
24. October angehalten worden. Diese Vorspiegelungen wurden gemacht,
weil die Führer der Wiener Bewegung ungern „das moralische Gewicht“
entbehrten, „welches das Erscheinen und Verweilen dieser vier deutschen
Männer in Wien für die leicht erregbare Menge hatte, der man jetzt
vorsagen konnte, halb Deutschland stehe hinter ihnen.[248]“ Daß Blum
nur höchst ungern blieb, und auch am 20. nur auf Abreise sann, nicht
mehr an Betheiligung an der verworrenen Bewegung, daß er nicht blieb
aus revolutionärem Instinct und Behagen, wie Helfert insinuirt, das
erhellt zunächst daraus, daß er vom 20. bis 26. Oct. sich von jedem
persönlichen Antheil am Kampfe und Waffendienst fern hielt, und am
20., wie wir sehen werden, eine Stelle nur in demjenigen Corps
annahm, welches die Ruhe und Ordnung der Stadt wahren sollte. Dasselbe
erhellt aber auch aus einem Briefe Blums an seine Frau vom 20. October
Nachmittags, den Helfert kannte.[249] Er lautet:
„Meine liebe Jenny! Ob Du diese Zeilen erhältst, weiß ich nicht; da
aber mein Weg gut ist, versuche ich's wenigstens. Du erwartest mich
Sonntag oder Montag, und ich bin indessen hier fest eingeschlossen,
so daß Niemand mehr heraus kann. Gestern ist dies vollendet
worden und heute sieht man eifriger und sehnsüchtiger als je der
Entscheidungsschlacht entgegen. Wir sind also völlig in die Hand
des Kriegsglückes gegeben, und ob wir herauskommen, wann wir
fortkommen, wohin wir den Weg nehmen -- davon haben wir in diesem
Augenblicke noch keinen Begriff. Ob über Kärnten nach Triest, oder
über Salzburg nach Baiern, läßt sich nichts, nichts bestimmen. Sei
indessen unbesorgt, wir werden schon irgendwo durchkommen, und geht's
nicht, nun so kosten die nächsten Tage so edle Opfer, daß es sich
wohl lohnt, unter ihnen zu sein. Sobald die Entscheidung gefallen
und dann irgend ein Weg offen ist, gehen wir. Wiens Begeisterung
und Kampfesmuth ist unermeßlich, und man lebt jede Stunde ein
ansehnliches Stück Menschenleben, wenn man diese Züge geistiger
Größe sieht. Man achtet das Leben nicht im geringsten, geht auf
den Vorposten hin und her und wechselt Kugeln, wie man sich mit
Brotküchelchen wirft nach heiterm Mahle ... In Wien entscheidet
sich das Schicksal Deutschlands.... Siegt die Revolution hier,
dann beginnt sie von neuem ihren Kreislauf; erliegt sie, dann ist,
wenigstens für eine zeitlang, Kirchhofsruhe in Deutschland ... Sei so
unbesorgt als möglich, ich bin in sehr heiterer Stimmung und werde
es bleiben bei jeder Wandlung, denn die Sache ist groß. Hoffentlich
sehen wir uns wieder und bald. Die Kinder brauch' ich Dir nicht zu
empfehlen, sie sind ja Dein. Grüße und küsse sie recht herzlich“ u.
s. w.
Der verhängnißvolle Irrthum des Briefstellers besteht darin, daß
er annahm, in Wien entscheide sich das Schicksal Deutschlands. Das
war nicht der Fall und konnte nicht der Fall sein. Er kannte die
verschlungenen Verhältnisse des damaligen Oesterreich nicht, wenn er
das annahm. Dieser Irrthum aber ist es, der den energischen, tapfern
Mann endlich doch zu dem Entschlusse drängte, sich wenigstens am
Waffendienste für die Ruhe der Stadt zu betheiligen. „Wir glaubten
als Fremde, die in einer schwer bedrängten Stadt sich als Gäste
aufhielten, die Pflicht zu haben, und es unserer Ehre schuldig zu sein,
an den allgemeinen Lasten theilzunehmen, namentlich da man uns gesagt
hatte, daß man zur Aufrechterhaltung der inneren Ruhe und Sicherheit
auf unsere Namen Werth legt“, sagte Fröbel am 18. November in der
Paulskirche.
Die Heersäulen, welche vom 20. October an die Umschließung der Stadt
vollendeten, standen unter dem Oberbefehl des Fürsten Alfred zu
Windischgrätz. Das war nun schon der zweite General, der ohne jede
constitutionelle Berechtigung sich zum Bändiger der Hauptstadt, zum
Retter des Thrones aufwarf „und den Willen des Monarchen kurzweg
voraussetzte“. (Springer, S. 563). Schon am 11. October hatte der Fürst
in Prag eine Proclamation erlassen, in welcher er seinen Abmarsch
nach Wien ankündigte: „die Anarchie in Wien legt mir die Pflicht auf,
mich mit einem Theile der mir unterstehenden Truppen zum Schutze
des Monarchen und zur Wahrung der Einheit der constitutionellen (?)
Monarchie von hier zu entfernen.“ Kein Wort von einem Auftrag des
Kaisers war in dieser Ankündigung zu entdecken; Böswilligkeit konnte
man denen nicht vorwerfen, welche diese Worte so auslegten, als handle
Windischgrätz auf eigne Faust. Um dieses Urtheil von seinem Helden
abzuwenden, enthüllt uns der Haushistoriker der Familie Windischgrätz,
Herr v. Helfert, die ganze Geheimgeschichte der Unterhandlungen, die
zwischen dem Fürsten und dem Hofe seit dem Beginn der Bewegung des
Jahres 1848 gespielt haben. Diese Intriguen, welche zur großen Ehre
des Fürsten dienen sollen, enthüllen einen so tiefen Abgrund von
Treulosigkeit und doppelzüngiger Verlogenheit, wie er selbst in der
österreichischen Geschichte selten angetroffen wird. Herr v. Helfert
hat dabei nur zu rühmen. „Ein großer, eines Helden der classischen
Zeit würdiger Gedanke!“ ruft er aus, als die hochverrätherischen --
weil verfassungswidrigen und ungehorsamen Umtriebe des Fürsten die
erste feste Gestalt gewinnen. „Windischgrätz war fest entschlossen, die
der Revolution gegenüber gewonnene Stellung nicht wieder aufzugeben,
vielmehr die Kräfte bereit zu halten, um im geeigneten Zeitpunkte das
Werk ihrer vollständigen Niederwerfung zu Ende zu führen. Unmittelbar
nach den (Prager) „Junitagen“ (wo er die Revolution blutig niederwarf),
sandte er den Obristlieutenant Baron von Langenau in geheimer
Sendung nach Innsbruck“ (an den kaiserlichen Hof), „um sich für
unvorhergesehene (!) Ereignisse die nöthige Vollmacht zu erbitten; sie
kam in einem kaiserlichen Handschreiben, worin ihm für den eintretenden
Fall (!) „der unbeschränkte Befehl über alle kaiserlichen Truppen
der Monarchie, die italienische Armee allein ausgenommen, eingeräumt
wurde. Von da an blieb Windischgrätz mit dem kaiserlichen Hoflager in
unausgesetztem Verkehr, den die regierende (?) Kaiserin unmittelbar
führte“.[250] Windischgrätz setzt sich nun in Verbindung mit Generälen
von der Verfassungstreue seines Schlages und erhält die Zusage auf
eine Unterstützung von 15-20,000 Mann „für den Fall des Bedarfs“. „Bei
allen diesen Verhandlungen blieben das kaiserliche Handschreiben und
überhaupt die näheren Beziehungen Windischgrätz's zum Hofe strenges
Geheimniß; auch Latour“ -- der Kriegsminister, der seine Treue zu dem
falschen Kaiserhofe mit dem Tode besiegelte! -- „erfuhr davon nichts“.
Im Gegentheil beginnt nun vom 7. Juli an zwischen dem Kriegsminister
und dem Hochverrath spinnenden Fürsten ein Briefwechsel, der auf Seite
des Ministers zu begreiflicher Erbitterung, auf Seite des Fürsten zu
steigender Frechheit des Ungehorsams führt, zu einem Trotz und einer
Nichtachtung der von Wien erhaltenen Befehle, die einem preußischen
General sofortige schimpfliche Cassation, wenn nicht die Kugel auf dem
Sandhaufen eingetragen hätten. Was sagt uns Herr v. Helfert darüber?
„Doch Windischgrätz, der von der Höhe des Hradschin über die Grenzen
Böhmens und von den Verhältnissen des Augenblicks auf das, was eine
nahe Zukunft bringen konnte, hinausblickte, sträubte sich dagegen
mit aller Macht.“ Als Windischgrätz dem Minister, der die böhmischen
Truppen in Italien und für den Einfall des Banus in Ungarn nothwendig
brauchte, schließlich rund heraus erklärte: „er werde sich unter keiner
Bedingung zur Fortsendung der verlangten Truppenkörper hergeben; er
(Windischgrätz) bitte, ihn nicht in die Lage offener Weigerung zu
bringen, da er fest entschlossen sei, in jener Richtung ihm zukommenden
Befehlen nicht zu entsprechen“ -- da riß doch selbst dem greisen
Latour die Geduld. Er sprach nun von der Abberufung des Fürsten,
und bezeichnete dessen Verhalten als „ein seit dem dreißigjährigen
Kriege in der kaiserlichen Armee nicht vorgekommenes Beispiel offenen
Ungehorsams eines commandirenden Generals“.[251] Leider störte die
Ermordung Latours die einzige Lösung des Conflicts, die mit der
Ehre der Regierung verträglich, die einzige, die denkbar war, wenn
Oesterreich auf den Begriff eines Staates ferner Anspruch machen
wollte: die Cassation und Bestrafung des Rebellen in Generalsuniform.
Mit dem Ausbruch der Wiener Revolution ließ er die Maske fallen. Hatte
er doch, wie uns Herr v. Helfert versichert, (offenbar ohne zu ahnen,
welches Verbrechens er damit den Fürsten beschuldigt) „im stillen
längst seine Anstalten für den äußersten Fall getroffen“. Am 11.
erschien sein bereits erwähnter Aufruf „An die Bewohner Böhmens“, in
welchem zum großen Erstaunen der Tschechen deren loyale Gesinnung von
demselben Fürsten belobt war, der das Juni-Blutbad in der böhmischen
Hauptstadt angerichtet hatte. Am 15. brach Windischgrätz von Prag
auf, zog aber vorläufig in dem dunkeln Drange der Erkenntniß, daß
seine Innsbrucker Vollmacht doch wohl einigen staatsrechtlichen
Zweifeln begegnen könne, nicht nach Wien, sondern nach Olmütz,
wo er am nämlichen Tage bei Hofe eintraf, „von der kaiserlichen
Familie sehnlichst erwartet“. Auch die reinlichen Verhandlungen, die
hier gepflogen wurden, enthüllt uns Herr v. Helfert.[252] Kübeck
war für einen glatten Staatsstreich: Auflösung des Reichstags,
Belagerungszustand in der ganzen Monarchie, Bekleidung des Fürsten
Windischgrätz mit schrankenloser Dictatur. Fürst Felix Schwarzenberg
dagegen, der im Grunde ja dasselbe Ziel anstrebte, rieth auch jetzt
noch die constitutionelle Maske beizubehalten, nur den Reichstag in
eine „unbefangene Landstadt“ zu verlegen, und Windischgrätz stellte
seinerseits nur (!) die Bedingung, daß von dem neu zu bildenden
Ministerium kein wichtiger Schritt unternommen, namentlich keine
organisatorische Verfügung getroffen werde, zu deren zustimmenden
Mitwisser er zuvor nicht gemacht worden. Vor der Welt wurde nur
die Erhebung des Fürsten Windischgrätz zum Feldmarschall -- mit
Ueberspringung des Feldzeugmeisterranges -- und dessen unbeschränkte
Vollmacht zur Herstellung der Ordnung und Gesetzlichkeit im
außeritalienischen Oesterreich bekannt“. Natürlich, denn es wäre
eine zu eigenthümliche Beleuchtung der Wahrheitsliebe des Fürsten
gewesen, wenn man hätte bekennen wollen, „die Wahrung der Einheit
der constitutionellen Monarchie“, für die der Fürst angeblich nach
seiner Proclamation vom 11. von Prag aufgebrochen, bestehe in dem
absoluten Veto des Fürsten gegen jede wichtigere Handlung der Regierung
und in seiner schrankenlosen Dictatur! Vom Rechtsstandpunkte aus
war übrigens das kaiserliche Manifest, welches diese Vollmacht „vor
der Welt“ dem Fürsten übertrug, in nichts gesetzlicher, als der von
Kübeck angerathene Staatsstreich. Auch das Manifest entbehrte jeder
ausreichenden Gegenzeichnung. Und im Grunde etablirte es dieselbe
schrankenlose Dictatur, die Kübeck offen beim Namen genannt wissen
wollte.
Schon am 15. October war eine Deputation des Reichstags und
Gemeinderaths aus Wien in Olmütz erschienen, um den Kaiser um Abwendung
des Aeußersten, des Sturmes auf seine Hauptstadt, zu bitten. So
zweideutig wie immer wurde sie vom Monarchen beschieden. Viel klarer
sprach der gefürstete Dictator, der monatelang gegen die Befehle der
kaiserlichen Minister rebellirt hatte, am 18. zu Pillersdorff, als
dieser ihm auf dem Wege nach Wien in geheimer Mission entgegenkam:
„Mit Rebellen werde ich nicht unterhandeln“.[253] Es kann nicht
Wunder nehmen, wenn der Freiherr v. Helfert, nachdem ihm die
handschriftlichen Schätze des Windischgrätzer Hausarchivs überlassen
worden, dem Grundsatze _noblesse oblige_ folgt, und versucht, unsern
durch die Weltgeschichte verdorbenen Geschmack dadurch zu verbessern,
daß er den Fürsten Windischgrätz als den heldenhaftesten, edelsten,
leutseligsten, gutmüthigsten und mildesten Menschen hinstellt, den
etwa im letzten Jahrtausend die österreichische Erde hervorgebracht.
Freilich ist Herr v. Helfert, wie schon bemerkt, ungemein genügsam
in seinen Ansprüchen an große Männer. Und es kann ja sein, daß Fürst
Windischgrätz, wie Helfert in zorniger Erregung versichert, das Wort
nicht gesprochen hat, das ihm bis zum Erscheinen von Helferts Werk
zugeschrieben wurde: „Der Mensch fängt erst beim Baron an“. Es kann
sein, daß Fürst Windischgrätz den österreichischen Baron nicht so
hoch taxirte; wenn vielleicht auch damals diese Standeserhöhung noch
nicht so tief im Werthe stand wie vor einigen Jahren, wo jeder höhere
österreichische Beamte, Militair und Gründer der taxfreien Verleihung
des k. k. österreichischen „von“ fast nur durch Selbstmord entgehen
konnte. Aber all diese Rettungsversuche vermögen die Gestalt des
Fürsten in kein günstigeres Licht zu stellen, als ihm die Geschichte
nach seinen #Handlungen# angewiesen hat. Einige dieser Handlungen sind
ja leider in der Folge noch zu berichten.[254]
Am 20. October war Fürst Windischgrätz bis Lundenburg vorgerückt
und sein Aufmarsch gegen Wien nahezu vollendet[255]. Er erließ
am nämlichen Tage von Lundenburg aus eine Proclamation gegen die
Hauptstadt, in welcher es hieß: „Ihr werdet in mir den Willen und
die Kraft finden, Euch aus der Gewalt einer Handvoll Verbrecher
zu befreien.“ Im Uebrigen wurde Belagerungszustand, Standrecht,
die Suspension aller Civilbehörden verkündigt. Eine Deputation des
Gemeinderathes, welche am 22. Morgens in das fürstliche Lager kam,
ließ sich die Proclamation nebst dem kaiserlichen Manifest vom 16.
versiegelt in der ganzen Auflage nach Wien aufpacken und mitgeben, ohne
den Inhalt zu kennen; so erschreckt war sie über des Fürsten polternde
Drohungen. Am nämlichen Tage trafen die Frankfurter Abgeordneten
Welcker und Mosle, die der Reichsverweser als Friedensstifter
entsendet, in Lundenburg ein und wurden schließlich, nachdem sie
sich an der Tafel der Offiziere „ganz behaglich gefühlt“, auch
von Windischgrätz empfangen. Die Generale hatten erst große Mühe
gehabt, dem Gewaltigen begreiflich zu machen, daß die Reichsboten
nicht zu den verächtlichen Demokraten gehörten. Er behandelte also
die Herren, wie Welcker versichert, „mit größter gesellschaftlicher
Auszeichnung.“[256] Aber als Welcker beredt zu Ausgleich und Versöhnung
mahnte, erwachte im Fürsten doch wieder das Mißtrauen, daß man ihm am
Ende doch verkappte Demokraten von Frankfurt zugesendet habe und er
unterbrach den Sprecher brüsk mit den Worten: „Es scheint fast, als
wenn Sie für die Wiener Volks-Souveränetät Partei nähmen! Mein Monarch
selbst kann augenblicklich in Wien nichts thun, da (!) derselbe mir
unbedingte Vollmacht gegeben hat. Haben Sie etwa ein besseres Recht
sich einzumischen, als der Kaiser von Oesterreich?“ Endlich, als sich
Welcker auf seinen Auftrag vom Reichsverweser berief, schnarrte der
Fürst grob: „Ihre Vollmachten brauche ich nicht einzusehen. Oesterreich
bedarf der Paulskirche nicht; es wird den Kampf um sein Bestehen allein
ausfechten.“[257] So verfuhr der liebe menschenfreundliche Herr (nach
Herrn v. Helfert) mit den Boten seines Erzherzogs!
In Wien war die Proclamation des Fürsten am 21. Nachmittags am
Gebäude des Kriegsministeriums und einigen Straßenecken angeklebt und
herabgerissen worden. Diese Botschaft des Fürsten erzeugte bei einigen
Schwächlingen Furcht, vorwiegend aber ungeheure Erbitterung. Der
Reichstag beschloß, diese Proclamation für ungesetzlich zu erklären.
Jubelnd stimmte der Gemeinderath bei. In der Bevölkerung tobte der Zorn
in wilden Scenen aus. Zum ersten Mal waren werthvolle Sammlungen der
Stadt, geistliche Grabstätten gefährdet.
Am 23. berief Blum eine Volksversammlung in die Aula. Der Saal war
keineswegs blos von Studenten gefüllt. Auch einige gediegene Spitzel,
„die sich um das, was Blum zu sagen hatte, nicht viel zu kümmern
schienen“[258], aber doch später vor der Standrechts-Commission mit
den Früchten ihrer Erinnerung gegen Blum aufwarten konnten, scheinen
sich hier eingefunden zu haben. Noch heute ist das Urtheil über diese
Rede getheilt, weil ihr Wortlaut nicht feststeht. Am richtigsten
dürfte der Text der Rede in der „Wiener Zeitung“ sein; denn diese war
das offizielle Organ der damaligen Behörden und hatte daher unter
allen das größte Interesse, die vielbesprochene Kundgebung eines
hervorragenden Mannes so richtig und treu als möglich zu geben. In
der „Wiener Zeitung“ findet sich keine Stelle, aus welcher man Blum
ein Verbrechen oder die Anstiftung zu einem solchen zur Last legen
könnte. Aus dieser Quelle schöpfen aber die Herren nicht, die gern
Alles, was Blum betrifft, ins Schwarze malen, um den Justizmord, der
an ihm verübt wurde, zu beschönigen; namentlich Herr v. Helfert.
Sie citiren lieber die notorisch schwarzgelbe „Presse“ und die Blum
feindselige „Ostdeutsche Post“, weil hier Blum die monströsesten
Dinge in den Mund gelegt werden; Dinge, die er jedenfalls berichtigt
haben würde, wenn die beiden Blätter nicht am 25. October schon eines
sanften Todes verblichen wären.[259] In der „Presse“ erschien der
Angriff auf Blum „Robert Blum auf der Aula“ erst am 25., in der letzten
Nummer des Blattes, in der „Ostdeutschen Post“ am 24. Abends. Ferner
aber übersehen die leidenschaftlichen Ankläger Blum's auch, daß sie
viel zu viel beweisen, wenn sie behaupten, Blum habe damals in den
wildesten Ausdrücken zum „Mord aller Fürsten“ u. s. w. aufgefordert.
Die entscheidende Frage ist doch einzig und allein die: welche Worte
der Rede hat das Kriegsgericht später zur Anklage gezogen? Die Antwort
hierauf liefert das Vernehmungsprotocoll bei Blum's Verhör vor dem
Kriegsgericht. In diesem ist ein einziger Satz aus Blum's Aula-Rede,
und zwar nach der Version der „Ostdeutschen Post“, als aufrührerisch
bezeichnet. Er lautet: „Man möge an die Stelle des früheren Bandes der
Gewalt, welches die verschiedenen Nationalitäten des österreichischen
Kaiserstaates zusammengehalten, das Band gemeinsamer #Freiheit#
setzen“. Das Kriegsgericht verstand darunter die Republik! --
während die ganze Wiener Bewegung von Haus aus streng monarchisch
-- aber allerdings constitutionell-monarchisch war! Wenn daher Herr
v. Helfert am Schlusse #seiner# Darstellung dieser Volksversammlung
in der Aula behaglich berichtet: „Der gefeierte Demagog (Blum) war
von diesem Zeitpunkte seinem Verhängniß verfallen“[260], so hat er
offenbar abermals keine Empfindung für die klägliche Rolle, die er
dem Kriegsgericht zuweist. Dasselbe hat nur eine einzige, unleugbar
mißverstandene und sinnwidrige ausgelegte Stelle der Rede Blum's, und
diese eine Stelle, obendrein in der Fassung einer Blum feindseligen
Zeitung zur Anklage gezogen, und alles Uebrige, was Blum damals sagte,
unberücksichtigt gelassen.[261] Wenn also Herr v. Helfert behauptet,
Blum sei durch diese Rede seinem „Verhängniß verfallen“, so heißt das
nichts Anderes, als: der schmähliche Vorwand für den Justizmord war
hier gefunden! Wie wenig diese Rede gerade einen aufrührerischen,
die Hörer zu aufgeregtem Handeln anspornenden Inhalt gehabt haben
kann, geht wiederum am besten aus dem Bericht der offiziellen „Wiener
Zeitung“ über die Rede hervor, der sie „zu matt“ (!) war: „es waren
nur allgemeine Redensarten, wie wir sie auch hier von Eingeborenen
(!) öfters und vielleicht drastischer ausgesprochen hören“. Auch
diese Stelle war Herrn v. Helfert bekannt[262] und gleichwohl
entstellt er die Sache in so tendenziöser Weise. Wer die Rede (in der
Fassung der „Wiener Zeitung“) liest und sie mit andern authentischen
Reden Blum's vergleicht, wird sie allerdings in Inhalt und Form zu
seinen schwächsten Leistungen zählen. Blum fühlte sich eben, wie
der mitanwesende Berthold Auerbach treffend bemerkt, in der ihm
fremdartigen Umgebung nicht wohl; er beherrschte die Volksseele nicht,
an die er sich wendete; er hatte keine Fühlung mit den eigenthümlichen
Verhältnissen des Kaiserstaates, die scharf zu berühren waren, wenn die
Zuhörer besonders bewegt werden sollten. Schon diese eine Thatsache
hätte Blum's Richter, hätte noch mehr Herrn v. Helfert, der zwanzig
Jahre später schrieb, vor so gezwungenen Auslegungskünsten bewahren
sollen, zumal Zeugen jener Tage, wie der spätere Kampfgenosse Blum's,
L. Wittig[263], versichern: „Blum's Rede sei eine der ruhigsten und
besonnensten gewesen, die in Wien gehalten worden sei.“
„Noch an demselben Abend schrieb Blum im Club einen giftgetränkten
Aufsatz für den demokratischen Central-Ausschuß, der am nächsten Morgen
unter dieser Firma an den Straßenecken zu lesen war,“ berichtet v.
Helfert weiter. „Giftgetränkt“ muß Hrn. v. Helfert hauptsächlich der
Satz vorgekommen sein[264]: „Wir kämpfen nicht mehr für politische
Ansichten, wir kämpfen wie jenes schlichte Hirtenvolk in der Schweiz
gegen den Uebermuth der kaiserlichen Vögte, für unsere Freiheit, für
unsere Ehre, für unsern Herd, für unser Weib und unsere Kinder. Wer
ist der Feigling, der an diesem heiligen Kampfe #nicht# Theil nimmt?“
-- denn es ist der einzige, den Helfert anführt. Die Argusaugen der
Richter Blum's haben in diesem Aufruf nichts Giftiges oder auch nur
Verfängliches gefunden. Wie schade, daß Herr v. Helfert nicht damals
schon sie eines Besseren belehren konnte. Sie hätten eine #noch#
einfachere Anleitung bekommen, um das Wort Lessings wahr zu machen:
Thut nichts, der Jude wird verbrannt.
Zu gleicher Zeit erschien am 24. October im „Radikalen“ von Becher und
Jellineck unter der Ueberschrift „Belagerungszustand und Standrecht“
ein Artikel aus Blum's Feder, mit seinem Namen unterzeichnet, in
welchem er, allerdings in höhnischer und verletzender Form, aber
durchaus richtig und treffend das rechtswidrige Auftreten des Fürsten
Windischgrätz und die Verdrehungen seiner Proclamation geißelte. In
ruhigen Tagen würde Blum in dieser Form nicht geschrieben haben. Aber
es waren eben keine ruhigen Tage. Und die „Denkschrift“, welche der
sonst so zaghafte Gemeinderath Wien's am 24. an den Fürsten zu senden
beschloß, stimmt großentheils wörtlich, überall im Gedankengang überein
mit Blum's Artikel.[265] Wie Blum, wies der Gemeinderath nach, „daß von
Anarchie in Wien keine Spur, die Aufregung nur durch die feindlichen
Truppenbewegungen hervorgerufen sei, daß nicht eine kleine Fraction in
Wien herrsche, die Stadt vielmehr einig sei in dem Bestreben, Freiheit
und Ordnung zu erhalten.“ Die Denkschrift ging sogar weit hinaus über
das, was Blum zu sagen wagte. „Die Anwendung von Gewalt“, erklärte
der Gemeinderath, „könnte leicht der Beginn von Kämpfen werden, die
in der Folge nicht mehr den Parteien, sondern dem Throne Verderben zu
bringen im Stande wären!“ Und doch ist kein Mitglied des Gemeinderathes
aus diesem Grunde zur Verantwortung gezogen worden. Auch in Blum's
kurzen Proceßacten ist sein Artikel im „Radikalen“ vom 24. October gar
nicht erwähnt. Vielleicht deckt aber dennoch Herr v. Helfert geheime
Karten der damaligen Vorsehung von Lundenburg-Hetzendorf auf, wenn er
sagt[266]: „Wenn Blum lachte, da er seinen aberwitzigen (?) Artikel
zu Papier brachte, und wenn Becher und Jellineck vor boshafter Freude
grinsten, als sie den Artikel in die Druckerei ihres Blattes sandten,
so hatten die drei wohl keine Ahnung, daß es ihr eigenes Todesurtheil
war, das sie sich geschrieben hatten.“ Vermuthlich will Herr v. Helfert
an dieser Stelle nur seine Befähigung als fürstlich windischgrätzischer
Haushistoriker nachweisen?
Inzwischen hatte Fürst Windischgrätz selbst erkannt, daß er mit seiner
Proclamation vom 20. einen kühnen Mißgriff gethan habe. Auf die
Beschlüsse und Vorstellungen des Reichstags und einzelner Deputationen
erließ er daher am 23. October eine neue Proclamation vom Hauptquartier
Hetzendorf aus, die ihn zwar nicht, wie Herr v. Helfert von Adalbert
Stifter sagt, als „Beherrscher einer wundervollen Prosa“ erkennen
ließ, aber doch als einen General, der das Blut seiner Leute auch
um den Preis einiger Nachgiebigkeit noch schonen wollte. Er stellte
von selbst weit glimpflichere Bedingungen als am 20. „Im Verlaufe
des Belagerungzustandes habe ich befunden“, versicherte der Fürst in
seinem eigenthümlichen Deutsch, „folgende fernere Bedingungen zu
stellen“: Auflösung aller bewaffneten Corps, „Sperrung“ der Aula;
Auslieferung der academischen Legion, und von zwölf Studenten als
Geißeln, desgleichen „mehrerer, vom Fürsten noch zu bestimmenden
Individuen“; Suspension aller Zeitungen, bis auf die Wiener Zeitung,
die „auf die Wiedergabe amtlicher Nachrichten eingeschränkt bleibt.“
Binnen 48 Stunden gebot er Annahme der Bedingungen oder Eröffnung der
Feindseligkeiten. Durch neue Deputationen ließ er sich schließlich
zu einer theilweisen Milderung auch dieser Bedingungen bewegen. Er
verlangte nun blos noch die Auslieferung folgender Personen: „des
angeblichen polnischen Emissärs Bem, der sich unberufen in die Wiener
Angelegenheiten mischt[267], Pulszky's, eines demokratischen Schreiers
Namens Schütte, und der Mörder Latour's.“ Diese Liste ist bezeichnend
für das ganze, auch Blum gegenüber später beobachtete Verhalten und
die Sachkenntniß der diplomatischen Kanzlei des Fürsten. Die Grundlage
für diese Zusammenstellung und für die Beurtheilung der Gefährlichkeit
der Gegner bildeten eben nur Zeitungsgerüchte und dunkle Erinnerungen
der fürstlichen Kanzleibeamten. Sonst hätten sie wissen müssen, daß
mehrere der hier genannten Personen Wien längst verlassen hatten oder
an den Octoberereignissen ganz unbetheiligt waren. Besonders wichtig
erscheint aber auch, daß in dieser Proscriptionsliste der Name Blum's
nicht vorkommt. Sein Verhalten in Wien #kann# also den Augen des
Fürsten nicht als das todeswürdige Verbrechen erschienen sein, wie
Herrn v. Helfert.
Der Gemeinderath wagte gegen diese Bedingungen keine Einwendungen mehr.
Auch Minister Kraus nicht, den der Fürst zum Erscheinen in Hetzendorf
aufgefordert hatte, und der am 25. mit Brestel vom Gemeinderath vor
den Gewaltigen trat. „Wissen Sie“, schrie Windischgrätz den Minister
an, indem er ihn am Arme faßte, „daß ich Sie als Gefangenen erklären
und nicht in die Stadt zurücklassen sollte!“ Darauf Kraus in seiner
unerschütterlichen Ruhe: „Behalten Sie mich da! Einen größern Gefallen,
wenn ich nur mein persönliches Interesse befragte, könnte man mir
nicht erweisen. Oder meinen Euer Durchlaucht, ich sei zu meinem
Vergnügen in Wien?“ Schlagfertigkeit war des Fürsten Sache nicht. Er
schaute, statt eine Antwort zu geben, den unglücklichen Brestel an,
den er offenbar auch wie den Geh. Rath Welcker für einen verkappten
Demokraten hielt und sagte dann barsch zu Kraus: „Der Herr da ist Ihnen
wahrscheinlich zur Controle beigegeben“?[268] So leutselig behandelte
der menschenfreundliche Feldherr den Minister seines Kaisers. Herr v.
Helfert selbst dient als classischer Zeuge für diese Verhandlung, „die
in solchem Tone begonnen, keinen günstigen Erfolg haben konnte“. Die
Herren stellten dem Fürsten vor, es werde wohl nicht möglich sein,
die Führer des Proletariats ihm auszuliefern, so lange dasselbe unter
Waffen stehe. Sie erinnerten ihn also an dieselbe „goldene Regel der
Nürnberger“, deren Erwähnung in Blum's Artikel im „Radikalen“ Herr v.
Helfert als todeswürdiges Verbrechen betrachtet. Sie ermunterten den
Fürsten, unverweilt in die schlecht vertheidigte Stadt zu ziehen, und
die gewünschten Geißeln sammt den Rädelsführern, nach Entwaffnung der
Mobilgarde, selbst zu greifen. Das wies Windischgrätz aber weit von
sich. „Der Mann hatte von dem Werthe auch des niedrigsten Soldaten
übertriebene Vorstellungen. Schonung der Truppen erschien ihm als die
höchste Feldherrnpflicht, nicht weil er sich als Vater derselben fühlte
-- solche gemüthliche Beziehungen blieben ihm fremd --, sondern weil
er es nicht verantworten zu können glaubte, im Interesse bloßer Bürger
die Soldaten zu opfern. Er wollte sie nicht der Noth und den Gefahren
eines Straßenkampfes preisgeben. Dafür gab er Wien den Gefahren eines
Bombardements preis“.[269]
Es kann nicht die Aufgabe sein, an dieser Stelle die Geschichte der nun
beginnenden ernstlichen Kämpfe um die österreichische Hauptstadt zu
schreiben, obwohl dem Verfasser hierfür Material zu Gebote stand, das
selbst Helfert entbehrt zu haben scheint.[270] Diese Darstellung würde
über den Rahmen dieser Arbeit weit hinausgehen. Zudem ist die Aufgabe
wenig lockend, bei dem grellen Abstand der Kraft und Leistungsfähigkeit
der kämpfenden Gegner. Im Ganzen sind die Ziffern richtig, die Blum
am 20. seiner Frau meldete: 100,000 Bewaffnete in der Stadt, 72,000
draußen. „Aber freilich auf jener Seite geübte Soldaten, hier Bürger“,
hatte auch er schon hinzugefügt. Und nun noch die unvergleichlichen
Gegensätze der Bewaffnung, der Führung, des Kriegsmaterials, des
Kriegsplans und -Ziels auf den beiden Seiten! Der energischste Führer
der Wiener, General Bem, der „die Vertheidigung nach außen im Großen
zu dirigiren“ hatte und Jedem, welcher der sofortigen Ausführung
seiner Befehle Zögerung oder gar Widerstand entgegensetzte, in seinem
gebrochenen Deutsch das verständliche Wort: „Enken!“ entgegendonnerte,
war eben doch nicht Obercommandant, fühlte sich bei jedem Schritte
gehemmt, und ohne die Mithülfe der Ungarn verzweifelte auch er am
Siege. Der Obercommandant dagegen eröffnete die Feindseligkeiten
abermals mit einer Proclamation. Am 25. schrieb er in Folge der
Kundmachung des Fürsten vom 23.: „Nie hat ein übermüthiger Brennus sich
in so schauerlicher Hoffart als Feind des ganzen Menschengeschlechts
erklärt. Mitbürger! laßt Euch durch die vermeintliche Stärke des
Feindes nicht in Bangen versetzen: in den Mauern unserer Hauptstadt
ersteht auf das erste Alarmzeichen ein Heer doppelt so stark als das
seine. Ich blicke heiteren Auges auf die Entscheidung der nächsten
Tage. Wir werden siegen, unser Belagerungszustand[271] wird ein kurzer
sein.“ In demselben Sinne schrieb Blum am 23. an die Gattin. So wenig
übersah er die wirklichen Machtverhältnisse.
Die Truppen des Fürsten hatten inzwischen die Stadt überall eng
umschlossen, die Zufuhr von Lebensmitteln gründlich abgeschnitten.
Empfindlicher Mangel begann sich bald fühlbar zu machen. Die
Vertheidiger sahen sich schon auf die Bollwerke der Barrikaden in den
Vorstädten zurückgedrängt. Wenige der natürlichen Vertheidigungslinien,
wie die Brigittenau und den Prater hielten sie noch besetzt, als
am 26. Morgens der umfassende allgemeine Angriff begann. Bei der
geringen Ausdauer der ungeschulten Vertheidigungstruppen und der
wachsenden Gährung unter den meisterlosen Elementen der großen
Stadt, hatte der k. k. Major a. D. Ernst Haug mit Recht schon am
24. zur Bildung eines „Elite-Corps“ aufgefordert[272], zum Schutze
der Ruhe und Ordnung der Stadt. Blum hatte bisher unmuthig sich zur
Unthätigkeit verurtheilt gesehen. Als dieser Aufruf erschien, der ihm
die willkommene Gelegenheit bot, sich der gastlichen Stadt nützlich
zu erweisen, ohne doch kämpfend in die verworrenen Verhältnisse
einzugreifen, beeilte er sich mit Fröbel, unter Haug's Commando im
_Corps d'élite_ eine Volontairstelle anzunehmen. Auch Moritz Hartmann
ließ sich einreihen[273] -- und dennoch wurde ihm später nicht ein
Haar gekrümmt! Das Corps bestand aus Nationalgarden, Mitgliedern der
academischen Legion und Arbeitern. Die Mannschaften wählten die beiden
Deputirten zu Hauptleuten, Blum zum Hauptmann der ersten, Fröbel der
zweiten Compagnie. In dieser Eigenschaft traten sie ihren Dienst
an. Bei Blum meldete sich alsbald ein achtzehnjähriger schmächtiger
Student der Mathematik aus Breslau als Freiwilliger, der hierher geeilt
war, um eine leibhaftige Revolution mitzumachen. Er hieß #Eduard
Lasker#[274]. Blum glaubte, ihm wenig active Betheiligung am Kampfe
versprechen zu können. Aber schon am nämlichen Tage (26. Oct) verfügte
Messenhauser vertragswidrig über das _Corps d'élite_. Er ließ Blum's
Compagnie in die Gefechtslinie an der Sophienbrücke einrücken. Blum
hätte sich mit Grund weigern können, dem Befehle Gehorsam zu leisten.
Aber diejenigen, die in solcher Weise über ihn verfügten, hatten ihn
richtig beurtheilt, wenn sie annahmen, daß er sich lieber dem Vorwurf
aussetzen werde, in der Noth der Verhältnisse seine neutrale Stellung
als Fremder verkannt zu haben, als dem Verdachte der Feigheit. Seine
Betheiligung am Kampfe als Compagnieführer konnte der Sache Wiens
in den entscheidenden Stunden von großem moralischem Nutzen sein,
konnte die feige Kampfscheu jener verweichlichten Großstädter mindern,
die man schon seit vielen Tagen aus ihren Häusern und Verstecken
„herauskitzeln“ mußte, um sie an die Barrikaden zu bringen. Das waren
jedenfalls die bestimmenden Gesichtspunkte für Blum, als er ebenso
wie Fröbel sich dahin entschied, dem Befehle Messenhausers Folge zu
leisten, und mit seiner Compagnie in die Feuerlinie einzurücken. So
sehr wir es menschlich erklärlich finden, daß Blum sich nicht unthätig
verhalten wollte in Tagen, wo sich seiner Ansicht nach „das Schicksal
Deutschlands entschied“, und daß er seine Compagnie nicht verließ, als
sie in's Feuer commandirt wurde, und so sicher diese seine Betheiligung
am offenen Kampfe, wie wir unten sehen werden, durch die Capitulation
mit Windischgrätz vom 30. October als verziehen zu gelten hatte -- so
bleibt sie doch, in Anbetracht seiner Stellung in Wien als Fremder
und Abgeordneter, ein schwerer politischer Fehler. Hier verläßt ihn
jene größte Seite seines Charakters, die olympische Ruhe inmitten des
Aufruhrs aller Elemente, die kühle, objective Abwägung der wirklichen
Dinge.
Höchst muthig hat sich Blum im Kampfe gehalten. Wir haben dafür eine
Reihe bekannter Aeußerungen. Zunächst seiner Feinde. Selbst Herr v.
Helfert kann das nicht in Abrede stellen[275]. Auch der schwarzgelbe
Lyser nicht, welcher schreibt: „Von den Redacteuren, mit Scham und
Aerger muß ich es sagen, besaß nicht einer so viel Ambition als
Robert Blum traurigen Andenkens.“[276] Während nun aber Lyser Blum's
Tapferkeit, da sie für eine so schlechte Sache vergeudet wurde, als
„wahren Muth“ nicht gelten lassen will, sind die gleichzeitigen Blätter
voll von Lob über Blum's Kaltblütigkeit und Todesmuth im feindlichen
Feuer. Aber auch noch Jahrzehnte später urtheilten die Augenzeugen
nicht anders, erinnerten sie sich seiner tapferen Haltung im Gefecht.
So Eduard Lasker. So ein Offizier des Elite-Corps, der einen ganz
Deutschland theuren Namen trägt, der Bruder eines auch in diesen
Blättern oftgenannten Abgeordneten der Paulskirche; ohne daß ich nur
von seinem Leben Kenntniß hatte, bestätigte er mir brieflich aus freien
Stücken noch im September 1878 Blum's Tapferkeit. Eine Kanonenkugel riß
aus einer Barrikade einen Sandstein weg, auf den Blum eben seinen Arm
gestützt hatte und schleuderte ihn weit hinweg auf das Pflaster. „Wenn
der nicht so schwer wäre,“ sagte darauf Blum zu dem eben genannten
Hauptmann, „so könnte man ihn nach Hause schaffen und ein Andenken
daraus machen lassen.“ Als die Leute Blum's im heißen Feuer Zeichen
der Unruhe gaben, rief er: „Kinder, die Kugeln, die Ihr pfeifen hört,
thun Euch nichts.“ Und diese Ruhe bewies er in einer Lage, die den
erprobtesten Krieger hätte außer sich bringen können: „Robert Blum
stand den Kroaten gegenüber,“ berichtete Fröbel am 18. November dem
Parlament[277]. „Er hatte fünf Kanonen, aber den strengsten Befehl in
der Tasche, sie nicht zu gebrauchen.“ An seine Frau schrieb Blum am
30. October[278]: „Ich habe am Samstag (28. October) noch einen sehr
heißen Tag erlebt, eine Streifkugel hat mich unmittelbar am Herzen
getroffen, aber nur den Rock verletzt.“ Das ehrenvollste Denkmal hat
der Commandant des Elite-Corps selbst Blum's Kampfesmuth gesetzt,
freilich in einem so grauenhaften Deutsch, daß es Messenhauser selbst
geschrieben haben könnte. Leipziger Blätter nämlich veröffentlichten am
Tage der Todtenfeier Blum's folgendes Schreiben von „Ernst Haug, Major
und Chef des Generalstabs der Wiener Nationalgarde“ aus Leipzig vom 27.
November 1848:
„Von den Freiheitskämpfern Wiens, welche ein höher waltendes
Schicksal dem Blutbeile des Würgers von Hetzendorf entführt hat,
weilen mehrere in dem gastlichen Leipzig. Sie alle erkennen die
heilige Pflicht, dem Todtenopfer beiwohnen zu müssen, welches heute
dem Märtyrer Robert Blum von dem pietosen Sinne der Bewohner dieser
Stadt veranstaltet ist. Indem ich im Namen meiner Verbannungsgenossen
die Ehre habe diese Mittheilung zu machen, sehe ich mich besonders
berufen, die heldenmüthige Vertheidigung der Rosomowski'schen Brücke
#während 36 Stunden#, vom Hauptmann R. Blum commandirt, als eine
glänzende Kriegsthat zu erklären, welche nur einem Verbande (!) von
Muth und Kaltblüthigkeit wie ihn der edle Gefallene bewies, gelingen
konnte. Ich lege diesen Nachruf als eine Immortelle auf den Sarkophag
meines tapferen Kameraden R. Blum. Genehmigen Sie &c.“
Es ist daher gewiß unrichtig, wenn Springer[279] schreibt: „#Sobald#
die Frankfurter Deputirten merkten, daß das _Corps d'élite_ zum
Barrikadenkampf verwendet werde, gaben sie ihre Entlassung ein.“ Beide,
auch Fröbel, hatten zwei volle Tage im heißesten Feuer gestanden, ehe
sie aus den Reihen der Kämpfer für immer austraten.
Diese Thatsachen sind nicht blos wichtig für die Charakteristik
Blum's, insofern sie beweisen, daß er die Versicherung: Gut und Blut
für seine Ueberzeugung einzusetzen, nicht blos im Munde führte; noch
wichtiger sind sie für zwei in der Folge noch zu berührende Fragen.
Die Feinde Blum's werfen ihm nämlich vor, er sei nicht gestorben als
Held, sondern fassungslos; selbst von „zitternden Knieen“ wird geredet.
Wir werden diese niedrige Verdächtigung noch näher prüfen. Aber schon
jetzt leuchtet ein, wie wenig eine solche Behauptung Glauben verdient,
da derselbe Mann, der vor drei Flintenläufen gezittert haben soll,
hunderten von Feuerschlünden kaltblütig zwei Tage sich aussetzte! Das
Andere betrifft die verlogene Ausrede der k. k. Tendenzschriftsteller:
Fröbel sei begnadigt worden, weil er, im Gegensatz zu Blum, am
bewaffneten Widerstand nicht Theil genommen habe. Fröbel hat in seiner
Rede vor dem Frankfurter Parlament ausdrücklich bekannt, mitgekämpft
zu haben. Er sagt[280]: „Wir kamen an die äußersten Punkte der
Stadt, wo Barrikaden gebaut waren, an die gefährlichsten Orte, die
überhaupt möglich waren.“ Er spricht von „einer einige Tage andauernden
militairischen Laufbahn“ und fügt hinzu: „An der #Barrikade#, wo ich
stand, hatte man meinen Leuten Patronen ohne Kugeln ausgetheilt. Ich
selbst habe Kanonenpatronen abgeliefert, die mit Sägspänen gefüllt
waren.“ Niemand, am wenigsten ein Militair, wird bestreiten können,
daß diese Betheiligung Fröbels an den Ereignissen vom 26.-28. October
als eine Betheiligung am #Kampfe# anzusehen ist, selbst wenn seine
Mannschaft nicht einen Schuß abgegeben hätte. Denn auch die Reserve
wirkt mit zur Schlacht. Und Fröbel stand an der Barrikade, an den
„gefährlichsten Orten“. Aber er spricht noch deutlicher aus, daß er
mitgekämpft hat: „Nach solchen Thatsachen,“ berichtet er, „können
Sie wohl denken, daß wir von dem #Kampfe# abstehen wollten. Unsere
#Activität# hatte am 26. begonnen; am 28. Abends beschlossen wir,
unsere Demission einzureichen. Am 29. früh 6 Uhr ist dies von uns
schriftlich geschehen, und die Demission ist von dem Commandirenden
des Corps angenommen worden. Nachdem dieses vorüber war, haben wir
an dem, was #weiter# geschah, keinen Antheil genommen.“ Wenn Fröbel
für gut fand, vor dem Kriegsgericht auszusagen, daß er nicht am
Kampfe Theil genommen habe[281], so stand dieser Behauptung schon
der Eingang seiner Vernehmung entgegen, wo Fröbel zugestand, daß er
#nach# seiner Verwendung in der Jägerzeile (27. October) den General
Bem aufgefordert habe, ihm einen anderen Posten zu geben, da ihm diese
Position unhaltbar schien.[282] Mit einem Worte: man #wollte# eben
Fröbel begnadigen, Blum erschießen. Der sogenannte Prozeß gegen Beide
ist die widerlichste Komödie, welche jemals unter der Maske der Justiz
aufgeführt worden ist.