Dein J.“

Nicht diese pöbelhaften Briefe bewogen Blum und Günther, endlich

doch ihrem alten Organ in der Heimath, den Vaterlandsblättern, die

Freundschaft aufzusagen. Aber in Manchem hatte Blum mit den Leitern

des Blattes (Rüder und Cramer) die Fühlung verloren. Sie waren ihm zu

„ministeriell“ geworden. Er hielt Jäkel, abgesehen von seinen radicalen

Verschrobenheiten, für einen weit energischeren Agitator als seine

bequemer gewordenen alten Freunde. Jäkel schien vor Allem brauchbarer

als -- Popanz; mit ihm meinte Blum dem Frankfurter Parlament weit

besser graulich machen zu können, als mit seinen maßvolleren Leipziger

Freunden, die mindestens nichts Schreckliches an sich hatten. So sollte

denn zunächst eine öffentliche Absage von den Vaterlandsblättern

erscheinen. Sie lautete:

„#Erklärung.# Seit unserer Entfernung von Leipzig (März resp. Mai d.

J.) haben unsere Namen auf dem Titel dieser Blätter keinen anderen

Sinn, als daß wir materiell bei der Herausgabe derselben betheiligt

waren und sind. Da unsere Abwesenheit von Leipzig allem Anscheine

nach noch lange dauern kann, da uns von verschiedenen Seiten aus

Mißverständniß eine Mitverantwortlichkeit für den Inhalt dieser

Blätter zugeschrieben wird; da wir diese um so weniger übernehmen

können, als wir mit der Haltung derselben in der Angelegenheit

der Vaterlandsvereine und gegen das sächsische Ministerium nicht

allein durchaus nicht einverstanden sind, sondern im entschiedensten

Widerspruche stehen, so ziehen wir unsere Namen als Mitherausgeber

der „Vaterländischen Blätter“ hiermit zurück.“

Energisch warnten da Cramer und vor allem Rüder[229] den Freund vor

diesem Schritte. Rüder schrieb von Leipzig am 9. October:

„Lieber Freund! Du wirst eine gestern von Cramer im Einverständniß

mit mir abgesendete Warnung erhalten haben, die Namenstreichung

auf den Vaterlandsblättern betreffend. Unsere Remonstration ist

nur gegen die Form der Erklärung gerichtet und wir wünschen die

Aenderung nur in Deinem Interesse. Ich gebe Dir namentlich Eins zu

bedenken. Während Jäkel's Verein jetzt erkennt, daß es auf der früher

betretenen Bahn nicht fortgehen kann, daß die Agitation gegen die

Minister nicht fortgesetzt werden kann, während eine Vereinigung

der Vereine jetzt angebahnt ist, werft Ihr durch Eure Erklärung

wieder Zwietracht in die Vereine und stellt Euch gegenüber dem

sächsischen Ministerium auf eine Stelle, auf welcher nur noch Weller

und Genossen stehen. Dies würde Euch sehr verdacht werden. Lies die

Verhandlungen der ersten Kammer vom 6. October und erwäge, ob man

nach der Haltung, welche Pfordten und Oberländer dabei eingenommen,

es verantworten kann, sie wegzujagen. Du tadelst es, daß wir das

Ministerium zu stützen suchen, und ich halte die Art, wie Oberländer

in der „Reichstagszeitung“ angegriffen worden, für eine unwürdige.

Objectiv mag man die Angriffe ausdehnen so weit man will, aber es muß

ohne hämische persönliche Ausfälle geschehen. Wir haben eben noch

keine Veranlassung gehabt, aus diesem Grunde irgend einen Artikel

zurückzuweisen. Mit freundschaftlichem Gruße Dein Rüder.“

Schon infolge der Warnung Cramers hatte Blum, nach nochmaliger

Rücksprache mit den Freunden (Günther, Joseph Schaffrath u. A.),

die Absage an die Vaterlandsblätter zurückgehalten und dagegen die

Annäherung an Jäkel aufgegeben und diesem geschrieben, daß dessen

Stellung gegenüber der Haltung der Linken in den Septembertagen jede

Ausgleichung ihrer Standpunkte unmöglich mache. Dieser Brief war

eingelegt in einen an Blum's Gattin vom 10. October:

„Liebe Jenny! Deine Mittheilungen über Jäkel, verbunden mit

einem Briefe ähnlichen Inhalts, welchen derselbe direct an Georg

geschrieben hat, veranlassen mich zu der anliegenden Antwort. Laß

ihn rufen und gieb sie ihm selbst. Es scheint allerdings, daß wir

durch Dummheit zu Grunde gehen sollen und zwar durch die unserer

„Freunde“. Machten unsere Gegner nicht noch größere, so müßten wir

schon zu Ende sein. Morgen (Sonntag) will ich mit einigen Freunden in

den Taunus gehn, in das wildeste, tiefste Gebirge, um Kriegszustand

und Belagerung und Soldaten auf einen Tag zu vergessen; es wird einem

übel dabei.

Wie steht's mit dem Schillerfeste? Es wird wohl nichts? Dann muß ich

leider bleiben und selbst zu Weihnachten bleiben, denn es wird mir

wahrlich sauer[230].“

Damit hatte Blum den unheilbaren Bruch mit dem revolutionären

Radicalismus der Heimath vollzogen. Er wußte, daß nun von dorther aller

Schimpf und aller Haß auf seinen Namen geschleudert werden würde und

doch hatte er sich noch niemals so todtmüde, so kampfessatt gefühlt wie

jetzt.

Dieses tiefe Bedürfniß nach einer Ruhepause in jenem unablässigen

Kampfe, der dem rüstigen Kämpfer nur völlige Ermattung und

Niedergeschlagenheit, beinahe Hoffnungslosigkeit eingetragen hatte,

sollte mit einem Male in eigenthümlicher Weise befriedigt werden:

durch seine Reise nach Wien. Die untrüglichen Zeugnisse von der

Stimmung Blum's vor Antritt der Wiener Reise, welche in seinen Briefen

vom 3., 4. und 10. October niedergelegt sind, bewahrheiten aber

zugleich nachdrücklich die Ansicht, daß der Führer der Frankfurter

Linken „vor- wie rückwärts keine Hoffnung“ sah, mit der bisherigen

Parteitaktik weiter zu kommen, daß ihm namentlich auch ein Anschluß an

die „Demokraten, die ihn angefeindet und geächtet aus Unverstand“, in

tiefster Seele zuwider war, und daß er daher diese Reise wohl antrat

mit dem stillen Vorsatze, mit einem neuen realpolitischen Plane und mit

neuer Kraft zu seiner Partei zurückzukehren. Sein Tod aber breitet über

die Antwort auf diese Frage das Schweigen des Grabes.

Die Antwort, die der Tod nicht geben kann, giebt indessen ziemlich

deutlich sein Verhalten vor seiner Abreise nach Wien.

Robert Blum: Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk · 第 50 / 85 题