Robert.“

In diesen Briefen ist schon ausgesprochen, wie verworren unterdessen

die Verhältnisse in Sachsen geworden waren.

Die Dictatur, welche Jäkel seit dem 3. September in den

Vaterlandsvereinen übte, war um so unerträglicher für jeden Freund

der Erhaltung des Staates, als auch Minister Oberländer schon am 4.

September der Deputation, welche ihm die Beschlüsse des souveränen

Volkes überbrachte, mannhaft erklärt hatte, daß er sich in der Frage

des Wahlgesetzes von seinen Collegen nicht trennen werde, auch wenn

er in einzelnen Fragen anderer Ansicht sei als sie. Die Demagogen

von Jäkel's Schlag mußten daher erkennen, daß ihre bisher gehegte

und öffentlich ausgesprochene Hoffnung, sie würden an Oberländer ein

Ministerium ihrer Mache angliedern können, durchaus hinfällig sei. Sie

mußten Anfang October aber auch die weitere Erfahrung machen, daß ihre

Partei selbst im Landtag nur eine unbedeutende Minderheit darstellte.

Am 27. September hatte im Landhaus zu Dresden die Berathung des

neuen, von Jäkel und seinen Freunden als unannehmbar bezeichneten

Wahlgesetzes begonnen. Am 3. October war es bereits, gegen zehn Stimmen

der äußersten Linken, angenommen. Noch ehe diese Landtagsverhandlung

die volle Schwäche der Fraction Tzschirner dargethan, hatte der

Leipziger Dictator auch an Blum und Günther „Fractur geschrieben“, um

unter allen Umständen endlich Blum zu seinen demagogischen Umtrieben

herüberzuziehen. Bot doch das Verhalten der Linken während der

Septembertage dem revolutionären Unverstande eine reiche Quelle der

Unzufriedenheit. Am 23. September schrieb er darüber an Blum:

„Lieber Blum! Nur wenige Worte. Daß Du nebst Günther mit Ablauf

dieses Quartals von der Redaction der „Vaterlandsblätter“

zurücktrittst, wird hier allgemein (!) erwartet. Das Blatt ist

zu scheußlich, zu charakterlos. Unzählige (!) Schreiben, die bei

dem Centralausschusse aus der Provinz eingegangen, sprechen ihre

Verwunderung darüber aus, wie Eure Namen noch auf diesem reactionären

Blatte stehen können.“ Um Blum zu zeigen, welche Schreckmittel der

rothe Dictator noch im Hintergrunde verwahre, fuhr er also fort:

„Sodann mache ich Dich darauf aufmerksam, daß doch endlich die

Actiengeschichte mit der vor zwei Jahren projectirten Buchhandlung

abgewickelt werden möge. Ich habe darüber neuerdings manche Klage

hören müssen. Die Leute können sich nicht erklären, warum sie gar

keine Nachricht erhalten, was mit ihrem Gelde angefangen worden

ist.“ -- Also neben seiner zwölfstündigen parlamentarischen Arbeit

sollte Blum sich in Frankfurt auch sofort an die Rechnungslegung

über den zweijährigen Geschäftsbetrieb der Actienbuchhandlung

machen, um dem für den Fall des Ungehorsams gegen Jäkel deutlich

vorbehaltenen Vorwurf der Veruntreuung anvertrauter Gelder zu

entgehen. Nach einem Gedankenstrich fährt Jäkel fort: „Auch hat es

hier im Allgemeinen einen übeln Eindruck gemacht, daß die Linke in

Frankfurt nach dem ehrlosen Beschluß der Nationalversammlung in der

Waffenstillstandsfrage nicht ausgetreten ist. Man (!) wird nachgerade

diese Parlamentsspielerei, wobei nur Schande herauskommt, müde, daß

die Linke den Zeitpunkt versäumt hat, durch einen entschiedenen

Schritt die deutsche Bewegung in eine neue Phase zu führen, dürfte

ihr in ganz Deutschland ungeheuer geschadet haben. Es fällt mir nicht

ein, Euch gute Lehren geben zu wollen“ -- Gott bewahre! -- „aber

_relata refero_“ -- der reine Tacitus, _sine studio et ira_! --

„Das allgemeine Urtheil der Entschiedenen stimmt so ziemlich dahin

überein: Diesmal hat's die Linke verdorben! -- Ich wünschte darüber

Deine Ansicht zu hören und bitte Dich daher, mir, wenn Du einmal ein

Viertelstündchen Zeit hast, einige Zeilen zu schreiben. Dein treuer

Jäkel.“ -- Das Wichtigste war in einer unverfänglichen Nachschrift

untergebracht: „Schreibe mir auch ein Wort darüber, ob Du die Wahl in

den Ausschuß des Vaterlandsvereins annimmst, sage dies auch Günther.“

Blum antwortete dem „treuen“ Jäkel nicht. Er hatte seine Gründe zum

Schweigen. Infolge dessen schrieb der entrüstete Monopolist der

„entschiedenen“ Gesinnung im Königreich Sachsen am 27. September von

Leipzig an Blum's Schwager:

„Lieber Günther! Ich bin Dir noch auf Deinen letzten Brief die

Antwort schuldig. Was Du mir dort ans Herz legtest, die moralische

Unterstützung der Linken durch Agitation im Großen, (!) es ist

geschehen, und namentlich habe ich meine Stellung im Centralausschuß

dazu benutzt.

Aber was hilft uns hier alle Rührigkeit und Tapferkeit, wenn ihr

in Frankfurt im gegebenen Augenblick nicht zu handeln versteht?

Ihr gebt uns immer guten Rath, wir sollten feststehen, die Courage

nicht verlieren und dergleichen. Es wäre vortrefflich, wenn ihr

selbst zur rechten Zeit Muth hättet. Warum tratet ihr nach dem

schmachvollen Waffenstillstandsbeschluß nicht aus dem Parlamente

aus und constituirtet ein eigenes? O ihr klugen Staatsmänner, daß

ihr die centnerschwere Wichtigkeit dieses Augenblicks verkanntet!

Ihr härtet Deutschland eine neue Seele gegeben und, gehoben und

getragen von der Kraft der ganzen Nation, eine ungeheure Macht

in euren Händen vereinigt. Jetzt habt ihr Ohnmacht und Schande,

und das Vertrauen des Volkes zu euch ist, wenn noch nicht ganz

vernichtet, so doch mächtig, unheilbar erschüttert. Als gestern

Abend in einer Gesellschaft radikaler Männer ein Artikel aus der

Deutschen Allgemeinen vorgelesen wurde, welcher berichtete, welche

Beleidigungen sich die Linke bei einem Versuch zur Leichenfeier für

die Gefallenen habe gefallen lassen müssen, brachen alle Anwesende in

Beifallklatschen und Bravorufen aus. „Mit Füßen müssen sie getreten

werden,“ meinten Einige, „dann werden sie wohl merken, wie viel Uhr

es geschlagen hat.“ Und es wird kommen, ihr werdet mit Füßen getreten

werden, wenn ihr's in diesem Augenblicke nicht schon seid. O ihr

habt viel, sehr viel versäumt. Ich bin kein Sanguiniker. Aber ich

habe die feste Ueberzeugung, daß, wenn ihr damals den entscheidenden

Schritt gethan hättet, derselbe gelungen, herrlich gelungen wäre.

Ihr schlagt Deutschland, namentlich Nord- und Mitteldeutschland,

viel zu gering an. Ueber Sachsen seid ihr offenbar ganz falsch

unterrichtet. Und warum? Wenn ein Joseph, ein Schaffrath hierher

kommen, verkehren sie mit den alten abgedankten Liberalen, diesen

Weibern in Männerkleidung, diesen mitleidswürdigen Schwachmaticis.

Da bekommen sie freilich ein trauriges Bild von Sachsen. Ich sage

Dir aber: Baden kann nicht besser, nicht glühender republikanisch

sein, als Sachsen. Bei der elenden Vermittlungspolitik, die früher

von dem leitenden Ausschusse der Vaterlandsvereine beobachtet

wurde, konnte dies freilich nicht zum Vorschein kommen. Jetzt aber,

wo wir offen die Fahne der entschiedensten Gesinnung aufgepflanzt

haben, bricht die langverhaltene Gluth mit doppelter Macht hervor.

Alles fällt uns zu: Alles unterwirft sich dem Centralausschuß;

allenthalben stürzt man die alten, aus abgelebten Liberalen

zusammengesetzten Ausschüsse und zieht uns dann mit fliegenden

Fahnen zu. Die Minoritätsvaterlandsvereine sind von 26 auf etwa 15

zusammengeschrumpft, und täglich erfolgen neue Abfälle. Wir zählen

50-60 Vereine, zu denen wir immer noch neue hinzugründen. Die Leute

gehorchen uns mit Freuden; denn sie fühlen das Bedürfniß, unter

einem bestimmten Befehl zu stehen. Wie regieren wir aber auch! Du

kennst mich und kannst Dir daher denken, welche Energie unsere

Erlasse durch die Provinz (die übrigens Dresden und Leipzig #weit#

voraus ist) strömen. Die Entschiedenheit, die von uns ausgeht und

die uns von allen Seiten entgegenkommt, kann nicht größer sein. Daß

bei #solchen# Leuten die Linke durch ihr neuliches Benehmen nichts

gewonnen hat, brauche ich kaum zu bemerken. Im Gegentheil, sie muß

sich ganz energisch aufraffen, wenn sie nicht binnen Kurzem #allen#

Boden in Sachsen verlieren will. Wer stützte die Linke hier? Wir,

die Partei des Vaterlandsvereins, und wir lassen sie fallen, wenn

sie fortfährt, sich schwach zu zeigen. Wir wollen nicht unsere alten

schwatzenden Kammern in Frankfurt aufleben sehen, wir wollen, daß

man auch #handelt#, wenn es Zeit ist, und im Nothfall für die gute

Sache sein Leben einsetzt. Die Ereignisse, wenn sie geschehen sind,

#auszubeuten#, ist keine Kunst. Aber Ihr sollt sie mit #herbeiführen#

helfen, Ihr sollt Geschichte #machen#, und Ihr hättet allerdings

welche gemacht, wenn Ihr Euch als eigenes Parlament constituirt und

damit die Zügel der Revolution in die Hände genommen hättet. Ich

habe Blum schon vor einem Monat geschrieben: wir seien entschlossen,

Niemanden mehr zu schonen, der nicht ganz entschieden auftrete. Ich

weiß nicht, ob er das richtig verstanden hat; aber auf gut deutsch

heißt es: Wir lassen uns für Euch todtschlagen, so lange Ihr die

Freiheit mit Kraft anstrebt; #wir schlagen Euch aber selbst zuerst

todt#, sobald Ihr schwankt und durch Aengstlichkeit große Dinge

verpfuschen wollt. Gestern habe ich's im Vaterlandsvereine offen

ausgesprochen, daß Volksführern, die erst zur Revolution reizen und

dann das Volk in der ernsten Stunde des Kampfes verlassen, die Kugel

vor den Kopf gehört, und der brausende Beifall der Versammlung gab

mir Recht. So steht es hier, lieber Freund! Glaubt nicht, daß das

Volk sich beliebig gängeln läßt; es stellt auch Anforderungen an

seine Führer und wenn diese nicht erfüllt werden, so zerfleischt es

sie. Wäre ich in Frankfurt gewesen und hätte an der Spitze des Volkes

gestanden, es hätte wahrlich der Linken und ihren Stimmführern nicht

so hingehen sollen. Ich würde ein Wort mit ihnen gesprochen haben,

das sie vielleicht gefügig gemacht hätte. Entweder, oder! Gestorben

muß es sein. Also entweder für uns, oder durch uns! -- Nimm Dir aus

diesen abgerissenen Gedanken das Beste heraus. In den nächsten Tagen

rücken Preußen hier ein, die berüchtigten Schweidnitzer. Das Uebrige

kannst Du Dir denken.

Robert Blum: Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk · 第 49 / 85 题