Indessen nur wenige grundsätzliche Entscheidungen fällte die
Generalversammlung der Vaterlandsvereine zu Dresden. Sie forderte ein
Wahlgesetz mit dem Einkammersystem, directe Wahlen, ohne Censur und
ohne Standesunterschiede. Im übrigen aber folgte sie dem so heftig
getadelten Beispiel der Regierung in der Wahlgesetzfrage, indem sie
alle Fragen, die zu einer Trennung der Partei hätten führen können,
hübsch vertagte. Vertagt wurden vor Allem sämmtliche Anträge der
„Entschiedenen“ unter Jäkel's Führung: der Antrag auf sofortige
Berufung einer constitutionellen Versammlung; der Antrag, sich für
die demokratische Republik zu erklären und nach ihrer Herbeiführung
mit allen humanen Mitteln zu streben. Zum Trost für die ungeduldigen
Republikaner wurde erklärt, diese Frage solle öfters zur Besprechung
gebracht werden, um aufklärend und bildend für diese beste Staatsform
zu wirken. Heftiger wollte man vorläufig nicht drängen, da der
Lieblingsminister der Vaterlandsvereine, Oberländer, am 7. Juli erklärt
hatte: „Die Reform der öffentlichen Zustände dem Volke zu verschaffen,
ist die Regierung fest entschlossen. Sollte das Ministerium hierbei
auf der einen oder anderen Seite unüberwindliche Schwierigkeiten
finden, so würde es seine Mission als beendigt betrachten müssen.“
Diese Haltung der Vaterlandsvereine machte ihrer politischen Klugheit
Ehre und gewann ihnen von neuem die Sympathien weiter Kreise im Lande.
Um so schonungsloser aber donnerte nun Jäkel und sein Generalstab gegen
die „Halben“ und „Lauen“. Immer unhaltbarer erschien die Verbindung
aller der Elemente, die bisher der gemeinsame Name „Vaterlandsverein“
gedeckt hatte. An Blum wandten sich beide hadernde Theile wiederholt um
Schiedsspruch, gewissermassen um eine Offenbarung _e cathedra_. Beide
sprachen ihre gegenseitige Verachtung in ihren vertraglichen Briefen an
Blum mit größter Entschlossenheit aus. Doch Blum hielt sich keineswegs
für unfehlbar und schwieg daher vorläufig. Mehrmals reisten Joseph
und Schaffrath nach Leipzig und Dresden, um sich über die Sachlage
zu unterrichten, aber auch sie kehrten ohne feste Meinung zurück. Im
Allgemeinen waren ihre Sympathien mehr bei den Gemäßigten. Daß Blum
in Sachsen nothwendiger sei als je, daß die Einheit des Vereins, wenn
irgend möglich, erhalten werden müsse, erklärten sie bestimmt. Daran
ließ sich nun vollends nicht mehr zweifeln, als mit Blum's Rede in
der Polenfrage auch Prof. Wuttke, bisher der Führer der gemäßigten
Richtung des Vaterlandsvereins, sich verdrossen von Blum und dem Verein
abwandte. So schreibt denn Blum schon am 22. Juli an die Gattin: „Nach
Sachsen komme ich jedenfalls in den nächsten vier Wochen, denn man
schreibt mir von allen Seiten, daß es nothwendig sei und ich sehe das
selbst ein“. Aber er verspricht sich nicht einmal viel von seiner
persönlichen Einwirkung auf die Partei, wie er am 2. August der Frau
mittheilt:
„Ich habe bei meinen Freunden angefragt wegen meiner Reise, ob sie
möglich ist. Ob sie zweckmäßig ist, das weiß ich freilich nicht,
denn nach allen Nachrichten ist in Sachsen Alles, Alles geändert; man
weiß nicht mehr, was man will, und nicht was man soll; an den besten,
ehernsten, geprüftesten Menschen wird man irre. Es ist wirklich
furchtbar: wir stehen jetzt nicht einmal mehr auf dem Standpunkte
vom Januar d. J., sondern auf dem von 1837. Wie man jetzt noch halb,
unentschieden, zweideutig sein kann, das ist mir unerklärlich. Es
gilt nur siegen oder sterben, und wer das erstere will, muß zeigen,
daß er zum letzteren bereit ist. Wahrlich, aber ich finde in Leipzig
keinen Menschen mehr, der dazu entschlossen scheint. Man scheint mir
es leicht machen zu wollen, Leipzig zu entbehren; denn wenn es ist,
wie ich's von hier aus ansehe, dann werde ich freudig den Staub von
meinen Füßen schütteln. Indessen wir wollen sehen[201].“
Am 7. August schon ist die Reise nach Leipzig fest beschlossen. „Ich
denke, daß ich vier Tage, vielleicht sogar bis Montag den 21. dort
bleiben kann“, schreibt er der Frau. „Das ist allerdings der äußerste
Zeitpunkt. Sollte man irgend einen Empfang veranstalten wollen, so
wirke dagegen wo und wie Du kannst, ersuche auch meine Freunde darum,
daß sie in gleichem Sinne wirken“. In der Nacht vom 11. bis 12. August
schreibt er nochmals an die Gattin, daß er Montag den 14. komme und:
„Empfangen will ich nicht sein, weil ein allgemeiner Empfang nicht
denkbar ist, ein Parteiempfang aber besser unterbleibt, bis ich sehe,
wie Alles steht“.
Seine Ankunft in Leipzig verzögerte sich indessen noch bis Dienstag den
15. August. An diesem Tag endlich sah er die langentbehrten Seinigen
wieder, die Gattin, die Kinder, denen er Kuchen und Geschenke von der
Frau hatte besorgen lassen, da er in Frankfurt keine Zeit zum Einkauf
hatte. Was er in Frankfurt monatelang entbehrt um des Vaterlandes
willen, ermaß er hier erst, da er sich wieder umringt sah von seinen
fröhlichen Kindern, im Frieden des eigenen Hauses. Und die Größe
der Opfer, die er gebracht, würdigen wir erst in ihrem vollem Maße,
wenn wir von ihm hören, wie leidend er die Gattin wieder sah nach
ihrem langen Krankenlager. Ihr mochte er nur mit tiefem verhaltenen
Schmerz ins Auge blicken. Am 29. August, nach seiner Rückkehr nach
Frankfurt, schrieb er darüber an Mutter und Schwestern: „Jenny hatte
sich mühsam und eben wieder etwas erholt, war aber noch keineswegs
wieder gekräftigt. Meine Vermuthung, daß sie die Auszehrung habe,
bestätigt sich, und ich weiß wahrlich nicht, ob ich es preisen oder
beklagen soll, daß ich hier bin. Zeuge einer Krankheit zu sein, die mit
furchtbarer Langsamkeit den Menschen aufreibt, ist entsetzlich; fern zu
sein, ist um so entsetzlicher, als bei der Zunahme der Kraftlosigkeit
die Kinder natürlich verwildern und den Vater doppelt bedürfen“.
Glücklicherweise war diese Befürchtung irrig. Aber für die Schätzung
der Pflichterfüllung, die Blum dem Vaterland leistete, ist dieser
Umstand von entscheidender Bedeutung.[202]
Natürlich durfte Blum auch in Leipzig nicht hoffen auf ein idyllisches
Stillleben im Familienkreise. Tag und Nacht nahmen die politischen
Freunde den Volksmann in Beschlag mit Versammlungen, Volksfesten,
Ehrenbezeugungen aller Art. Was immer das Herz des Mannes mit Stolz
und Freude erfüllen kann, hat damals Leipzig seinem Abgeordneten
geboten. Noch heute leben jene Festestage, die Robert Blum von der
ganzen Bevölkerung der Stadt dargebracht wurden, in der Erinnerung
des Volkes, namentlich der gewaltige Fackelzug, der an seinem
bescheidenen Hause in der Eisenbahnstraße vorüberwallte, über eine
Stunde lang, mit zehntausend Fackeln. Noch unvergessener ist die Rede,
die Blum am 16. August 1848 im Garten des Schützenhauses vor zehn-
bis zwölftausend Hörern hielt. Er gab hier einen Rechenschaftsbericht
über sein Verhalten im Vorparlament, im Fünfzigerausschuß und der
Paulskirche. Kaum konnte ein Redner besser und klüger sprechen, der
den Zweck verfolgte, die in sich verfeindeten Freunde wieder zu
einigen und alle Kreise der Bürgerschaft Leipzigs, welche während der
langen Abwesenheit des Abgeordneten seinen Gegnern ihr Ohr geliehen,
wieder zu sich heranzuziehen in dem alten Vertrauen. Auch seine Gegner
mußten zugestehen, daß diese Rede durch ihre maßvolle Ruhe und ihre
loyale Erklärung, sich den Beschlüssen der Mehrheit des Parlamentes
unterzuordnen, alle ihre Erwartungen übertroffen habe. Blum sagte:
„Ich beginne damit, daß ich nach langer Abwesenheit einen herzlichen
Gruß an Sie richte, #den# Gruß, den man den #Seinen# bringt (Stimmen:
es lebe Blum!) bei endlichem Wiedersehen. Denn was wäre unser Sein
und unser Wirken, wenn wir uns nicht als eine Familie mit den Bürgern
betrachten wollten, die wir zu vertreten die Ehre haben? Eine
gewaltige Zeit ist in unserm Vaterlande dahingegangen, seit wir uns
nicht gesehen. Ein Theil des sächsischen Volkes hat mich gesendet zu
dem Vorparlamente in einer Zeit, die einzig in ihrer Art dasteht und
noch unermeßlich ist in ihren Folgen. Vom ersten Augenblicke an habe
ich mir die Richtschnur für mein Thun gezogen, die, wie ich meine,
der Wichtigkeit der Aufgabe entsprach, und ich kann mir das Zeugniß
geben, derselben treu geblieben zu sein. Diese Richtschnur war Nichts
anderes, als eine Feststellung und Sicherung der Rechte, die das
deutsche Volk zwar im Sturme erobert, aber doch nicht so, wie in
andern Ländern mit dem Umsturze alles Bestehenden. Groß stand es da
in der Art und Weise, wie es die Revolution auf dem Wege des Gesetzes
geltend zu machen strebte; auf dem Wege nicht des alten, sondern
des neuen Gesetzes, welches seine Vertreter, die es direct und ohne
ängstliche Formen gewählt, schaffen und feststellen sollten.
In #diesem# Gesetze sehen meine Genossen und ich die Bürgschaft
der Einheit unsers Vaterlandes, basirt auf die einzig dauernde
Grundlage der Freiheit, durch welche die Größe und Kraft eines
Volkes allein wachsen und gedeihen kann. Nur durch die Freiheit
glaubten wir die Einheit und mit ihr das Vertrauen, die Wiederkehr
des Geschäftsverkehres, der Arbeit und des Wohlstandes herstellen
und so eine neue Ordnung an die Stelle des alten Zustandes gründen
zu können. Dies zu erzielen, erachteten für den Staat und das Wohl
des Staates wir vor allem die Feststellung der Grundrechte des
deutschen Volkes im Vorparlamente für nothwendig, wie alle Völker sie
festgestellt haben bei ihrer Erhebung. Es war daher der erste Beruf
derer, die man die Linke nennt, dem deutschen Volke vor allem diese
Rechte zu sichern vor jedem Wechselfalle und auf sofortige Berathung
dieses Gegenstandes zu dringen. Allerdings kann man nicht läugnen,
daß die Gründe gewaltig und gewichtig waren, welche eine Verhandlung
zu verschieben riethen, die nicht nur Tage, sondern Wochen bedurfte,
wenn die Materialien mit Umsicht und Sorgfalt geordnet werden sollten
und man konnte nicht verkennen, daß das Vorparlament sich für
permanent erklärte, bis eine gewählte Volksversammlung es ablöse.
Der Vorschlag fiel durch, und ich bekenne, daß es mich mit Freude
und Stolz erfüllt, zu den 193 gehört zu haben, die für die Permanenz
stimmten; es ist jetzt nicht mehr blos mein Urtheil, sondern das
Urtheil Deutschlands geworden, daß Vieles nicht so gekommen wäre,
wenn die Versammlung zusammenblieb; daß die Sonderinteressen der
Dynastien und der Partikularismus nicht ihr Haupt erhoben haben
würden, wie jetzt; daß man früher binnen 6 Wochen erzielt haben
würde, wozu man jetzt so viele Monate gebraucht und doch am Erfolge
zweifeln muß. Dieser Sinn lag in dem Antrage auf -- Permanenz; man
beschäftigte sich indessen nur mit der Berufung der constituirenden
Versammlung.
Es handelte sich nun darum, daß die Wahlen zu dieser Versammlung so
allgemein als möglich wurden, damit eine #wahre# Volksvertretung
nach Frankfurt komme; in diesem Sinne habe ich für das Wahlgesetz
gewirkt, welches zwar für unsere Verhältnisse so freisinnig wie
möglich war, welches uns aber doch gelehrt hat, daß man in solchen
Dingen auch an das Einzelnste denken muß. Die engherzige Auslegung
der Bestimmungen dieses Wahlgesetzes in einzelnen Staaten, die
Verkürzung des Wahlrechtes für einen großen Theil unserer Mitbürger
hat uns reiche Erfahrungen machen lassen; sie werden nicht verloren
sein für das Wahlgesetz für die Reichsvertretung und man wird
hoffentlich in demselben dem #ganzen# Volke gerecht werden. -- Vom
Vorparlament wurde mir die Ehre zu Theil, in den Ausschuß gewählt
zu werden, welcher über die Ausführung der Beschlüsse desselben
wachen, die allgemeinen Wahlen befördern und die baldigste Berufung
der constituirenden Versammlung vermitteln sollte. Dieser Ausschuß
stellte sich zur Aufgabe, mit gleicher Entschiedenheit gegen die
Reaction wie gegen die Anarchie einzuschreiten und ist dieser Devise
getreu geblieben bis an sein Ende. Er hat mit Unerschrockenheit
der Reaction sich entgegengestellt, wo sie sich blicken ließ und
hat den drohenden Bürgerkrieg verfolgt, bis in sein Waffenlager.
Ich habe, wie die Verhandlungen zeigen, beiden Richtungen die
Unterstützung angedeihen lassen, die in meiner Kraft stand. Wir haben
allerdings vergebens versucht, der engherzigen Auslegung des Wortes
„#selbstständig#“ entgegen zu treten, vergebens versucht, andere
Wahlen zu erzielen, wo man dieselben gegen das Wahlgesetz beengt und
beschränkt hatte; der Drang des Augenblicks war so groß, daß man hin
und wieder durch die Finger sehen mußte, um nur das Ganze zu Stande
zu bringen. Der Fünfziger-Ausschuß hat mir, wie Ihnen bekannt sein
wird, die Ehre zu Theil werden lassen, mich als Commissär nach Köln,
Koblenz, Aachen u. s. w. mit andern Mitgliedern zu senden, wo schwere
Gewaltthaten, die niemals zu rechtfertigen oder zu billigen sind, die
Ruhe und den Verkehr störten; ich habe mich bestrebt, nach Kräften
die Einheit, das Recht, den Frieden zu befördern und diejenigen,
welche mich gesandt hatten, waren mit mir zufrieden. -- Wir haben,
allerdings eine kleine Minderheit, bis zu dem letzen Mittel dagegen
gekämpft, daß die Eröffnung der National-Versammlung vom 1. zum 18.
Mai verschoben wurde, da jeder Tag ein verlorener war und Gefahren
für das Vaterland herbeiführen konnte; es war vergebens.
In der National-Versammlung war es ebenfalls die früher angedeutete
Richtschnur, die meine Freunde und mein Wirken bestimmte: daß
dieses Jahrhunderte lang zerrissene, zersplitterte und dadurch tief
gesunkene Deutschland #Eins# werde; Eins auf der Grundlage der
Freiheit, und daß des schwer gedrückten Volkes Last, so weit es die
großen Bedürfnisse einer Revolution zulassen, gemindert und gelindert
würde. Und ich wiederhole, ich glaube nicht, daß wir in irgend einem
Schritte von diesem Pfade gewichen sind. Was die Einheit unseres
Vaterlandes zu stören drohte, das haben wir bekämpft. Als man in
mehren Staaten constituirende Versammlungen berief, namentlich in den
zwei größten Staaten unseres Vaterlandes, haben wir darin Gefahr für
die Einheit gesehen, wir haben gefürchtet, daß, wenn man in Berlin
und Wien etwas Anderes beschließe als in Frankfurt, mindestens in
langen Verhandlungen die Zeit verloren, oder gar ein Zerwürfniß
herbeigerufen werden könne, was ewig beklagenswert sein würde. Aus
dieser Ansicht entspann sich die Verhandlung über den Raveauxschen
Antrag, in Folge dessen die Nationalversammlung die Bestimmungen
der Einzelverfassungen, welche mit der allgemeinen Verfassung in
Widerspruch stehen, für ungültig erklärte. Gefährlich für die
Einheit erachteten wir es, wenn es einzelnen Staaten gestattet sei,
Friedensschlüsse nach eigner Willkür abzuschließen, weil dann leicht
das Interesse dieser einzelnen Staaten dem der Gesammtheit vorgezogen
werde, oder der Friede geschlossen werden könne, bevor es Zeit sei.
Daran knüpfte sich die Verhandlung über die schleswig-holsteinische
Angelegenheit und der Antrag,
daß kein Friedensschluß und kein Waffenstillstand ohne die
Genehmigung der National-Versammlung geschlossen werden dürfe;
ein Antrag, der leider damals durchgefallen ist, obgleich man fast
mit Nothwendigkeit darauf eingehen #mußte#, da es keine andere
Vertretung Deutschlands gab. Für nicht weniger gefährlich hielten
wir die Centralgewalt, so wie sie geschaffen worden ist, mit einem
unverantwortlichen Reichsverweser an der Spitze. Wir fürchteten,
daß ein solcher fürstlicher Reichsverweser in souveräner Stellung
den alten Streit zwischen Hohenzollern und Habsburg wieder erneuern
könne; daß das Institut, welches den Mittelpunkt der Einheit bilden
sollte, den Anlaß zum Zwiespalte zu geben geeignet sei. -- In diesem
Augenblicke ist es nicht mehr nöthig zu sagen, daß die Furcht wohl
begründet war. Sie haben in den letzten Wochen gesehen, wie stark
diese Eifersucht ist, und Erscheinungen sind zu Tage gekommen, die
man vier Monate nach der Revolution für unmöglich hätte halten müssen.
Wir wollen hoffen, daß der Gedanke der Einheit stark genug ist,
diese Sondergelüste zu bewältigen; aber das muß ich aussprechen daß
ich glaube, eine Centralgewalt, wie ich sie gewollt, war nicht im
Stande, die Eifersucht in dieser Weise rege zu machen. Wir wollten
nicht mit Kartätschen schießen, wo uns die Handwaffe zu genügen
schien; in dem Vertrauen, daß es den Regierungen ernst sei um die
Freiheit und Einheit, wollten wir die Centralgewalt beauftragt sehen
mit der Vollziehung der Beschlüsse der National-Versammlung, wir
wollten keine Regierung mit Ministern und Unterministern, sondern nur
einen Vollziehungsausschuß, der die Regierungen völlig unangetastet
ließ, sofern sie ihren Versprechungen treu blieben. Erst dann, wenn
die Verfassung fertig geworden war, wenn die Regierungen einsehen
konnten, #was# die Einheit von ihnen forderte, und was ihnen
bleiben sollte; wenn sie Ruhe und Sicherheit hatten, hinsichtlich
der Gewährleistung des Bleibenden, dann wollten wir eine wirkliche
Staatsgewalt für das Ganze schaffen. Wir sind unterlegen und haben
jetzt im Interesse unseres Vaterlandes #einen# Wunsch nur: daß die
Mehrheit diesen Schritt niemals bereuen möge! dann werden wir gern
gestehen, daß wir uns geirrt haben.
Allein leider können wir uns nicht verhehlen, daß die Sondergelüste
gewaltig sich regen; nicht blos in einem großen deutschen Staate,
auch rückwirkend auf Frankfurt, in der National-Versammlung.
Ich habe die Ehre, dem Verfassungsausschusse anzugehören und
mit Schmerz muß ich es sagen, auch dort thut sich bereits die
gewaltige Wirkung der Sonderbestrebungen kund. Sie werden sich
Alle erinnern, daß in den Tagen des März schon die süddeutschen
Staaten zusammentraten, um an die Neugestaltung Deutschlands
Hand zu legen; daß man damals als das Mindeste der Einheit die
Vertretung Deutschlands nach Außen, das Militärwesen, die Zölle,
die Posten, Münze, Maß und Gewicht u. s. w. in die Hand des Reichs
gelegt wissen wollte. -- Die sächsische Regierung, die sich
zuvorkommend und bereitwillig, wie so oft bei den Forderungen der
Neuzeit, diesen Vorschlägen anschloß, gab denselben die Verstärkung
ihrer Zustimmung und mit derselben wurden sie in den Märztagen
nach Berlin gebracht und von dort haben wir bald die Nachricht
zurückerhalten, daß man diese Grundlage als nothwendig anerkenne.
Das ist ganz anders geworden. Man will das Militärwesen Sache des
Einzelstaates sein lassen. Ja, man will so weit gehen, die Abtretung
der Vertheidigungsmittel, der Festungen, abhängig zu machen davon,
daß man sie erst #bezahlt#, ehe man sie zum Schutze Deutschlands
verwenden kann. Dies sind Erscheinungen, die ihren Wiederhall in der
National-Versammlung finden werden, wie sehr auch die Minderheit
dagegen kämpfen mag. Daß es aber nur eine Minderheit ist, ist um so
trauriger, als 3 Staaten ihre Heere behalten sollen, Oesterreich,
Preußen und Bayern, während man die kleineren entwaffnen will.
Wenn ich es auch niemals für ein Glück gehalten habe, daß die
kleineren Staaten große Heere halten, so kann ich doch, wenn die
Einheit wirklich nur ein schöner Traum gewesen sein sollte, es
nimmermehr zugeben, daß die kleineren Staaten den Abrundungs- und
Vergrößerungsgelüsten der größeren, oder dem fast nothwendigen
Bestreben einer den großen Staaten gegenüber ohnmächtigen
Centralgewalt nach eigener Macht wehrlos preisgegeben werden. Sie
haben so viel Recht wie die großen und sollen nur sie Opfer bringen,
dann werde ich ihr Recht vertreten, wie die großen das ihrige
vertreten lassen. (Lauter Beifall.)
So viel also über das Bestreben nach Einheit.
Was die Freiheit des Volkes betrifft, so haben wir die Vermehrung
der Militärmacht für gefährlich gehalten. Nicht daß wir im Soldaten
etwas Anderes sehen als im Bürger, im Gegentheil, keinen innigeren
Wunsch kenne ich, als den, welchen ich schon im März in diesen
Räumen ausgesprochen, daß recht bald die Scheidewand falle, die
zwischen dem Soldaten und uns noch gezogen ist. Aber ich habe nicht
vergessen, daß gleich von Anbeginn der Bewegung an der laute Ruf
erschallte, daß die stehenden Heere vertauscht werden sollten mit
einer Volksbewaffnung, und daß diese Volksbewaffnung so schnell wie
möglich in's Leben treten möge. Allerdings, so lange Deutschland
von irgend einer Seite bedroht ist, schrecken wir nicht zurück vor
dem Gedanken, daß die stehenden Heere im Nothfalle vermehrt werden
müssen bis zu dem Punkte, wo der letzte waffenfähige Mann eintritt;
allein wir schaffen nicht für den Augenblick und die stehenden Heere
müssen #gesetzlich#, wenn nicht abgeschafft, doch vermindert werden
bis auf den Punkt, wo es gewissermaßen die Rahmen sind, in welchen
die Volksbewaffnung eintritt, wie in der Schweiz und in Nordamerika,
und in diesem Sinne habe ich gegen die Vermehrung der stehenden Heere
gestimmt. Daß stehende Heere häufig ein Werkzeug der rohen Gewalt und
der Tyrannei sind, darüber zu sprechen ist überflüssig: auch wäre
es ungerecht, dem Soldaten die Schuld beizumessen, wenn er am Bürger
Schweres verübt hat; wir müssen nur trachten, daß der Unterschied
zwischen Soldaten und Bürger wegfällt, und daß dem Soldaten sein
heiliges Recht gewährt werde wie uns; jetzt entzieht man ihm
dasselbe, behandelt ihn gar noch wie eine Maschine, verkümmert ihm
das Petitions- und Versammlungsrecht und zeigt damit, daß man den
Soldaten im alten Zustande lassen und zu den alten Gewaltzwecken
mißbrauchen will. Und dies ist ein neuer mächtiger Grund, gegen
die Vermehrung des alten Soldatenthums zu stimmen. Endlich werden
auch die Kosten des Heeres weit geringer, wenn jeder Waffenfähige
geübt wird in den Waffen, aber nicht mehr mißbraucht wird zum
Soldaten#spiel#, zu Parademärschen und Manövern, die dem Müssiggänger
zum Vergnügen dienen: sondern zu Uebungen, welche Ausbildung und
Wehrtüchtigkeit zum Zwecke haben.
Ich hielt ferner dafür, daß die Centralgewalt auch der
Freiheit gefährlich sei -- weil man die Spitze derselben mit
einem #unverantwortlichen# Herrscher besetzte. Eine ganz neue
Staatsweisheit hat uns zwar gesagt, wir hätten verschwiegen oder
übersehen, daß dessen Räthe verantwortliche Minister seien; allein
auf dieser Stufe politischer Kindlichkeit stehen wir nicht, daß wir
dieses übersehen hätten. Die Verantwortlichkeit der Minister versteht
sich von selbst und nicht die Unverantwortlichkeit selbst war es,
gegen die wir kämpften, sondern der Kaiserembryo, welcher darin lag;
die Schöpfung einer neuen Fürstengewalt, die wir nicht an der Spitze
des Staates haben wollten (Beifall). Wenn dieser Gegenstand nützliche
Folgen gehabt, so ist es die, daß nach Ernennung des Reichsverwesers
die Kaiser-Idee gestorben ist. Selbst in den Köpfen derer, die sie
geschaffen haben, ist sie als beseitigt zu betrachten.
Gestatten Sie mir hier eine Abschweifung. Durch den Vorschlag des
Vollziehungs-Ausschusses hat man uns republikanischer Tendenzen
beschuldigt; wir hatten dieselben zwar für den vorliegenden Fall
nicht, aber ich hege die Ansicht, daß nur die republikanische
Regierungsform für den Gesammtstaat gut und heilsam ist. Wir wollen
das Vaterland nicht auf's Neue den Stürmen preisgeben, welche seine
Kaiser Jahrhunderte lang über dasselbe heraufgeführt haben; wir
wollen nicht, daß das Kaiserthum mißbraucht werde zur Erwerbung und
Verstärkung einer sogenannten Hausmacht, oder daß die Hausmacht
dazu diene, die Einzelstaaten zu knechten; wir wollen nicht, daß
die höchste Stelle im Staate der Zielpunkt sei für den Ehrgeiz, und
trachten deshalb diese Spitze so schlicht als es irgend möglich ist,
hinzustellen; so hinzustellen, daß sie nur das #Nöthige# thut, in
dem Wechsel der Versammlungen gar keine Veranlassung findet, in das
einzugreifen, was außer ihrem Bereich bleiben muß. -- Wir wollen
also die Republik an der Spitze des Gesammt-Staates (Bravoruf). Aber
indem wir dieselbe wollen, weisen wir es entschieden zurück, daß
wir jemals die Hände an die Umgestaltung der Verhältnisse in den
Einzelstaaten legen wollen, das hielten wir für ein Unglück und für
eine Thorheit. Unser Vaterland ist der Art construirt, daß seine
Stämme selbstständig bleiben müssen; darin beruht sein schönstes
Leben. Und es giebt keinen Menschen in Deutschland, der, wenn er
es könnte, die Thorheit begehen würde, in die Verhältnisse der
einzelnen Staaten zu Gunsten republikanischer Formen einzugreifen.
Wer möchte verkennen, daß die Verschiedenheiten so ungeheuer sind,
daß es schwer fällt, die einzelnen Grundpfeiler für einen gemeinsamen
Bundesstaat aufzustellen. Wie sollte man dem Ganzen eine Form
aufzwingen wollen, die nur aus der freien Entwickelung der Theile
hervorgehen kann? Nein, meine Mitbürger! Es ist eine Lüge, die uns
an die Schöpfung einzelner Republiken hat denken lassen; wir würden
die Ersten sein, die sich dem Bestreben einer ganz republikanischen
Nationalversammlung, in die einzelnen Staaten einzugreifen,
widersetzten. (Vollster Applaus.)
Was das von mir bezeichnete Streben betrifft, die Lasten des Volkes
zu erleichtern, so ist besonders unsere Abstimmung vielfach im
Vaterlande angefochten worden, nach welcher wir nicht sofort 6
Millionen zum Baue einer Flotte bewilligen wollten. Daß Niemand die
Vertheidigung Deutschlands gegen einen übermüthigen Feind weniger
hemmen möchte, als wir, das bedarf keiner Versicherung; aber wir
glaubten den Antrag stellen zu müssen, daß man von Seiten der
Bundesversammlung erst Rechnung ablegen solle über die ungeheuern
Summen, welche zum Festungsbau geliefert wurden und die nach
Versicherung Sachkundiger noch sehr bedeutende Baarschaften übrig
gelassen haben mußten. Diese Baarschaften schienen uns #zuerst# zur
Vertheidigung Deutschlands angewendet werden zu müssen und eine
Besteuerung des Volkes erst gerechtfertigt, wenn sie erschöpft waren.
Das war der Grund, warum wir für den Augenblick gegen die Bewilligung
gestimmt haben, und wir werden auch ferner darauf dringen, daß der
Schleier gehoben werde, welcher auf dem Haushalt des Bundestages
ruht. Die Volkswohlfahrt war auch ein Grund, besonders im Hinblick
auf die kleinen Staaten, daß wir gegen die Vermehrung des stehenden
Heeres stimmten.
Zwar hat man gesagt, die einzelnen Staaten trifft es nicht so
schwer, sie haben nur im Verhältniß ihrer Bevölkerung das Heer zu
vermehren. Allein das ist falsche Darlegung: die kleinen Staaten
trifft es außerordentlich, es trifft sie fast allein. Die großen, z.
B. Preußen, haben viel mehr Truppen als Prozent ihrer Bevölkerung,
Bayern besitzt gegenwärtig 72,000 Mann und hat also nur 18,000 zu
stellen, wenn es sie auf 2 Prozent der Bevölkerung bringen soll,
d. h. nur um ein Fünftel hat es sein Militär zu vermehren, während
unser Sachsen dasselbe #verdreifachen# muß. Meine Genossen und ich,
wir wollen nicht, daß die kleinen Staaten ebenfalls an den Rand
des finanziellen Verderbens geführt werden, an dem Oesterreich
und Preußen stehen. Und die Militärvermehrung führt dazu. Wir
haben ferner erst in der vorigen Woche dagegen gestimmt, daß dem
Präsidenten der National-Versammlung eine jährliche Besoldung oder
vielmehr Entschädigung für Repräsentations-Aufwand von 24,000 Gulden
bewilligt werde; nicht weil wir knickern um diese höchste Stelle,
welche das Volk zu vergeben hat, oder weil wir die Verdienste des
Präsidenten gering achten, sondern weil wir meinen, daß die neue
Zeit den unsinnigen Repräsentations-Aufwand nicht mehr braucht,
daß gerade der Präsident an Einfachheit und Sparsamkeit vorangehen
sollte, daß jedenfalls die Hälfte, 12,000 Gulden genügte, und daß die
hohe Bewilligung jetzt doppelt gefährlich sei, wo 6 neue Minister,
12 überflüssige Unterminister und eine Anzahl anderer Reichsbeamte
zu besolden sind, die ihre Ansprüche alle nach dieser Bewilligung
richten werden.
Daß ich im Verfassungs-Ausschusse für die Freiheit, wie für
die Erleichterung des Volkes gewirkt, geht aus den zahlreichen
Minderheits-Gutachten hervor, die ich mit wenigen Freunden
unterschrieben und wofür wir im Ausschuß wie in der Versammlung
gekämpft haben. Ebenso ist von uns der Antrag ausgegangen, die
Hindernisse zu entfernen, die dem Handel und Verkehr entgegenstehen,
die Flußzölle und alle Hemmungen im Innern. Dieser Antrag ist noch
nicht zur Berathung gekommen, er liegt dem volkswirthschaftlichen
Ausschusse vor und es wird hoffentlich nicht lange Zeit vergehen,
bis er zur Verhandlung kommt. Das sind in weiten und einfachen Linien
die Gegenstände, mit denen wir uns bis jetzt beschäftigt, ich werde
dankbar sein, wenn man mich an Vergessenes erinnert und einzelne
Punkte aushebt, worüber ich Aufschluß geben soll.
Werfen wir nun noch einen Blick auf die auswärtige Politik, wie sie
von meinen Gesinnungsgenossen und mir aufgefaßt wird. Was diese
Angelegenheit betritt, so haben wir in unserm Vaterlande eine
unglücklichere Stellung als irgend ein anderes Volk nach Osten und
Westen einnimmt. Wir haben fremde Völkerstämme, die seit langer
Zeit mit uns verbunden sind und es im Interesse der Grenzen, der
Sicherheit und der Vertheidigung Deutschlands bleiben müssen. Andere
sind durch das Loos des Kriegs, der Eroberung oder einer gewissen-
und herzlosen diplomatischen Landeszerbröcklung mit uns vereint,
die es nicht nothwendig bleiben müssen. Was die Ersten betrifft, so
haben diese fremden Volksstämme lange unter der Unterdrückung der
Deutschen geseufzt, so daß der Name deutsch und tyrannisch bei ihnen
gleichlautend geworden ist. Es ist kein Wunder, wenn sie uns hassen,
denn wir haben diesen Haß nicht verschuldet aber verdient; es ist ein
fluchwürdiges Erbtheil der Freiheitsfeinde. Wir müssen diese fremden
Stämme zu versöhnen suchen und wir haben dahin getrachtet dies zu
thun. Gerade von unserer Seite ist der Antrag ausgegangen, daß die
Nationalversammlung die Erklärung gebe, daß außer dem Genusse aller
Rechte, die wir uns selbst sichern, den fremden Stämmen auch ihre
Sprache und Nationalität gesichert sei. Die Nationalversammlung hat
diese Erklärung fast mit Stimmeneinheit gegeben und das wird zur
Beruhigung dienen und besser wirken als die Waffen. Wenn jene Stämme
sich aussöhnen mit ihrem Loose, dann würden sie die Verbindung segnen
und preisen, und wahrlich, sie werden nicht dem schlechtesten Theile
von Deutschlands Bewohnern angehören. Für diese Stämme nehmen wir
also die Rechte der Freiheit in Anspruch, wir erkennen ihnen das
Recht zu, sich selbstständig zu entwickeln und mit uns Eins und frei
zu werden. Den Völkern aber, welche nicht mit uns verbunden sein
müssen, die eine Unterdrückungspolitik uns zugeführt, erkennen wir
das Recht der Befreiung, der #Trennung# zu. Das heißt aber nicht, daß
wir nur mit vollen Händen zum Fenster hinauswerfen, was wir besitzen,
oder die Interessen des eigenen Landes verkennen, um andern zu
dienen. Wir wollen nur auf dem Wege des Friedens und Vertrauens die
Geschicke unseres Vaterlandes sich entwickeln sehen und die große, so
selten von Nationen geübte Tugend: #Gerechtigkeit# üben, ohne welche
keine dauernde, keine Freiheitsschöpfung gedeihen kann.
Wir halten diese Politik jetzt für um so nothwendiger, als wir
unser Vaterland nicht in einen Krieg stürzen mögen, der das Elend,
welches da und dort herrscht, vergrößert und mit der Freiheit
den Wohlstand vernichten kann auf sehr lange Zeit. Wir halten es
für leichtfertig und verbrecherisch, wenn man in dem Augenblick,
wo die innere Grundlage des Staates völlig erschüttert ist und
umgestaltet werden muß, auch die Verträge übermüthig zerreißt,
auf welchen die Beziehungen der Nationen zu einander beruhen wir
halten es für schmachvoll, wenn ein Volk in seinem ersten Aufstreben
zur Freiheit in die Fußtapfen der alten Tyrannei tritt und mit
bloßer #Gewalt# Länderscheidungen ohne Prüfung und Kenntniß der
Dinge vornimmt. Die letztere haben wir verlangt und werden sie
ewig verlangen zur Ehre des deutschen Stamms. Wir sind ferner
überzeugt, daß der Volkswohlstand nicht gedeiht, so lange der
sogenannte bewaffnete Friede dauert und die Länder von unermeßlichen
Heeren ausgesogen werden, und deshalb wollen wir eine Verbrüderung
angebahnt sehen zwischen den freien Völkern des Westens, zwischen
Deutschland, England und Frankreich, gegen den Osten, der jetzt noch
freiheitsfeindlich ist. Nicht daß man ein Bündniß um jeden Preis
schließen soll, dies wäre Thorheit! Nein, nur die Bedingungen soll
man herbeiführen, den gestörten diplomatischen Verkehr herstellen
und so die Möglichkeit anbahnen. Die Länder können und werden nicht
aufblühen, so lange der Friede nur auf den Spitzen der Bajonette
und der gegenseitigen Beobachtung, dem allgemeinen Mißtrauen ruht.
Die Freiheit erobert nicht und will nicht erobern, die Herrschgier
und Tyrannei nur will erobern und immer mehr Macht erwerben nach
Innen und nach Außen. Die Freien brauchen sich gegenseitig nicht zu
bewaffnen, sie nehmen nur die freie innere Entwickelung in Anspruch
für sich, und in dem Augenblicke, wo sie sich verbunden, ist wirklich
der ewige Friede gesichert, wie man sich jetzt auch anstrengt, es zu
verhindern, von diesem Augenblicke an datirt uns eine bessere Zeit in
der Wahrheit und Wirklichkeit.
Soll ich schließlich noch darüber sprechen, daß ich auf der #Linken#
sitze? (Zuruf: Nein, nein!) Ihretwegen thue ich's nicht, es hieße
Sie beleidigen; aber ich thue es, weil wir jetzt überall zum
ganzen Volke sprechen. Müßte ich doch meinem ganzen Leben und den
Genossen meiner politischen Laufbahn treulos geworden sein, wenn
ich nicht auf der Linken säße. Auch ist es kein Geheimniß, unter
welchen Einflüssen die Wahlen zur Nationalversammlung zu Stande
gekommen sind und aus welchen Elementen ihre Mehrheit besteht. Ja,
ich sitze auf der Linken, wo, das sage ich kühn, wo das Herz des
Volkes und wo das Herz für das Volk schlägt. (Applaus.) Es ist Einem
wahrlich nicht leicht gemacht, auf der Linken zu sitzen, es gehört
Stärke und Ueberzeugungstreue dazu, sitzen zu bleiben. (Applaus.)
Es blühen daselbst keine Reichsministerien und keine Staats- und
Unterstaatssecretariate (Applaus), auch keine Lorbeern, sondern eher
Niederlagen, und diese selbst dürfen nicht einmal den natürlichen
Eindruck machen, daß sie ermatten, sondern sie müssen zu immer neuen
Kämpfen anspornen. Nicht einmal Lob und Anerkennung gebührt uns, denn
die Presse, obgleich sie frei geworden ist, ist zum größten Theil
noch in #den# Händen, in welchen sie sich unter dem alten Systeme
allein befinden konnte, und diese sind uns nicht hold. Vergessen Sie
nicht, daß außerdem drei Viertheile der Artikel schon der Zahl nach
#gegen# uns geschrieben werden und nur ein Viertheil #für# uns ist.
Aber man muß auch die Auswüchse der Preßfreiheit ertragen, und wir
ertragen sie freudig, im Bewußtsein, daß wir unsere Pflicht thun,
und indem wir zum gesunden Menschenverstande das Vertrauen hegen,
daß die Gemeinheiten feiger und niedriger Gesinnung spurlos an ihm
vorüber gehen. (Beifall.) Selbst dem Hohne vieler Krautjunker bieten
wir Trotz und verlachen ihre Forderungen (großer Beifall); besteht
doch oft ihre einzige erbärmliche Fähigkeit darin, daß sie eine Kugel
abschießen können. Ja, ich sitze auf der Linken, mit hohem Stolz sage
ich das, denn noch nie hat die Rechte, die Mehrheit, die Geschichte
fortgeschoben, stets die Linke oder die Minderheit: Für die Aufhebung
der Sclaverei hat sie 22 Jahre lang gerungen, ehe sie zur Mehrheit
wurde; ein Gleiches war es mit der Emancipation der Katholiken, der
Reformbill, den Korngesetzen u. s. w. Die Linke hat eine reiche
Entschädigung für Alles, was sie duldet, in dem neidenswerthen Loose,
daß der Gedanke der Zukunft wie ein Kind geboren wird in ihrem
Schooße, und sie sich groß fühlt in ihm, ehe die Welt ihn erkennt;
sie weiß, daß der Mensch nicht lebt für diese Welt; daß dem Gedanken
eine Zukunft werden muß, und daß ihr Thun nicht verloren ist, wie
sich auch die Erfolge des Augenblicks gestalten.
So, meine Mitbürger! habe ich Ihnen gesagt, was ich bisher gethan
und ich werde so fortfahren (Applaus), die nächste Zeit wird mir in
Frankfurt auch Gelegenheit geben, für das Wohl unserer Vaterstadt
zu wirken, indem ich die beantragte Veränderung der Schutzzölle
bekämpfe, die nach meiner Ueberzeugung den Handel und die Blüthe
Leipzigs fast vernichten und zu Grunde richten würde. Ich will der
Freiheit, die das Lebenselement für jede Regung des politischen wie
des socialen und mercantilen Lebens ist, auch auf diesem Gebiete das
Wort reden und auch hier das Monopol bekämpfen, nicht weil es für
Leipzig, sondern weil es für die Freiheit geschieht. (Beifall.)
So also werde ich fortfahren, fest hinblickend auf das Ziel, wie
der Weise nach dem Sterne geblickt hat, der ihm das Heil der Welt
zeigen sollte. Ich werde festhalten an der Einheit, die ruht auf der
Freiheit, an der einzig haltbaren Grundlage und an der Beförderung
des Volkswohls nach meinen Kräften.
Kein Mensch ist fehlerfrei und auch ich kann irren. Freudig und
dankbar nehme ich jede Belehrung an. Aber die Grundzüge meines
Handelns stehen fest und ich werde nicht von ihnen wanken. Handelt
die Mehrheit der National-Versammlung nach meiner Ansicht dagegen,
so werde ich dem mich widersetzen bis zum letzten Augenblicke und
bis zum letzten parlamentarischen Mittel. Das ist ein schlechter
Soldat, der nicht die letzte Kugel forttreibt in Feindes Brust, ehe
er sich zurückzieht. Aber das ist auch ein schlechter Soldat, der
sich zurückzieht vom Schlachtfelde, weil er eine Niederlage erhalten
hat. (Allgemeiner Applaus.)
Es ist in Frankfurt kein Geheimniß, daß man die Linke dahin treiben
will, die Paulskirche zu verlassen. #Die Linke wird sie nicht
verlassen#, sie wird bleiben und aushalten, wie auch der Würfel
fallen möge, mag sie auch unterliegen, sie wird immer auf's Neue
kämpfen für ihre Ansicht. Aber sie wird und #muß# sich auch fügen
der Mehrheit und ihren Beschlüssen. Was einmal die Mehrheit gewollt
hat das ist Gesetz, und die Linke wird dasselbe anerkennen als
heiligen Willen der Nation, deren Vertreter es gegeben. So ist
die Stellung der Linken, und wenn auch verschiedene Fractionen
darin vorkommen, so sind dieselben doch in Wollen und Streben, in
Grundsätzen und in Zielpunkten eins. Daß ich von der einen dieser
Fractionen zur andern übergegangen, ist ein Irrthum; ich habe noch
dieselbe Parteistellung, die ich von Anfang an hatte: die Linke hat
mir die Ehre erwiesen, mich mit zu dem Vorstand zu wählen, der ihre
taktischen Bewegungen, wie ihre Clubverhandlungen leitet, und ich
bin das heute noch. (Großer Beifall.) Und so scheide ich von Ihnen,
geehrte Mitbürger, mit der offenen Darlegung meines Bekenntnisses und
mit der heiligsten Versicherung, das Wohl des Volkes, die Freiheit
und Einheit des Vaterlandes zu vertreten nach Kräften und, wenn es
die Zeit erfordert, freudig Gut und Blut dafür aufzuopfern.“
So tief die Wirkung dieser Rede, dieser Feste war, so hat doch Robert
Blum's Reise nach Leipzig ihren wahren eigentlichen Zweck, den
nämlich: die mehr und mehr aus einander fallenden demokratischen und
fortschrittlichen Elemente Leipzigs und des Landes sämmtlich, wie
ehedem, unter Blum's Führung zu vereinigen und an seinen guten Namen
zu fesseln, nicht erreicht. Am wenigsten durfte Blum die Hoffnung
nähren, die Gegner überzeugt, die in Leipzigs höheren Bürgerkreisen
so erfolgreiche Agitation des „Deutschen Vereins“ durch seine Rede
lahm gelegt zu haben. Denn die Führer des „Deutschen Vereins“ in
Leipzig sprachen in einer im Tageblatte veröffentlichten „Erklärung“
vom 18. August offen aus, warum sie mit dem Vertreter Leipzigs im
Parlament unzufrieden seien und die Versammlung im Schützenhause nicht
besucht hätten. Der Vorwurf „undeutscher Gesinnung“, der hier gegen
Blum erhoben wurde, war gewiß unberechtigt, aber im Uebrigen traf die
kurze Erklärung scharf und schneidend die Fehler seiner Parteipolitik.
Blum's sehr umfangreiche Entgegnung („Offener Brief“) aus Frankfurt
vom 25. August 1848 widerlegt mit Glück, was zu widerlegen war, den
ungerechten Vorwurf undeutscher Gesinnung. Aber dem Unparteiischen
wird kaum entgehen, daß Blum in diesem Federkriege eine Niederlage
erlitten hat. Daß ihm selbst nicht ganz wohl dabei war, verrieth seine
leidenschaftliche persönliche Sprache im „Offenen Briefe“, die ihm
sonst, auch in der Rede im Schützenhause, so fern lag.[203]
Aber noch weit peinlicher als dieses Anwachsen gegnerischer Kräfte
mußte ihn berühren der sichtliche Zerfall der Disciplin und Einigkeit
im eigenen Lager. Noch einmal hatten sich in den Augusttagen alle
politischen und socialen Schattirungen, welche die „Vaterlandsvereine“
in sich zusammenfaßten, um den beliebten Führer geschaart und aus
seinen Mahnungen die Erkenntniß zu einträchtigem Zusammenhalten
gewonnen. Aber unheilbar klaffte schon auf der Generalversammlung der
„Vaterlandsvereine“ zu Dresden, am 3. und 4. September, der Riß aus
einander. Das liberale Ministerium hatte auf fortwährendes Drängen der
Vereinspresse Anfang September endlich den neuen Wahlgesetzentwurf
fertig gestellt. Derselbe gelangte am 4. September vor die Kammer,
sein Inhalt war aber den Führern der Vaterlandsvereine durch
Oberländer vorher mitgetheilt worden. Der Entwurf behielt beide
Kammern bei. Die Wahlfähigkeit zur zweiten war schon mit dem 21.
Jahr und der „Selbstständigkeit“ des Wählers vorhanden. Die erste
sollte nach einem Census gewählt und aus „Capacitäten“ gebildet
werden, zu welchen u. A. auch die Volksschullehrer gerechnet wurden.
Trotz dieser weitgehenden Concessionen an den Zeitgeist beharren die
Vaterlandsvereine bei ihren Beschlüssen vom 9. Juli und griffen den
Entwurf und das Ministerium heftig an. Damit war aber Jäkel noch
nicht zufrieden. Er hielt jetzt den Moment gekommen, die Republik
auszuspielen. Der radicale Unverstand, der jede Regierung als solche
haßt, jede ihrer Absichten, auch ohne sie zu kennen, mißbilligt, und
der deshalb auch das liberale sächsische Märzministerium mit seinem
souveränen Mißvergnügen verfolgte, erfocht unter Jäkel's Führung am
3. September über die gemäßigteren Elemente mit nur einer Stimme
Mehrheit einen verhängnißvollen Sieg: die Generalversammlung strich
die „Aufrechterhaltung der constitutionellen Monarchie“ aus dem
Programm der sächsischen „Vaterlandsvereine“. Die Folge war natürlich
das Ausscheiden der mit einer Stimme besiegten, um nicht zu sagen
vergewaltigten Minderheit. Auf Seite dieser Minderheit standen die
langjährigen persönlichen Freunde Blum's: Bertling, Minckwitz, Bromme,
vor Allem Cramer und Rüder, deren Namen täglich neben dem Blum's als
„Herausgeber“ der „Vaterlandsblätter“ auf deren Titelblatt standen, und
die „Vaterlandsblätter“ selbst. Sofort bestürmten ihn diese Freunde,
energische Einsprache gegen die Dresdener Beschlüsse zu erheben, die
Jäkel mit dem ihm eigenen bornirten und rohen Fanatismus terroristisch
durchführte.[204]
Der bittere Mangel an politischer Einsicht und der verschwenderische
Ueberfluß an unfreiwilliger Komik, der diesen Strudelkopf auszeichnete,
mußte Blum aus jedem Briefe Jäkel's, aus jedem seiner Worte, aus jeder
seiner Thaten erkennbar werden. So schrieb dieser große Sieger des 3.
September am 5. von Leipzig aus an Blum: „Die Freiheit hat gesiegt,
glänzend gesiegt“ -- mit #einer# Stimme! „Diese Generalversammlung wird
maßgebend für #die Zukunft Sachsens# sein! Der in Leipzig zwischen
der Bewegungspartei und der Stillstandspartei ausgebrochene Zwiespalt
hatte endlich den Leuten die Augen geöffnet, in welchem Zustande
der Fäulniß sich der sächsische Vaterlandsverein befinde -- wie es
schien“ (wie bescheiden!) „war man durch meine Denkschrift belehrt.
Die beantragte Permanenz der Versammlung“ (die so lange dauern sollte,
bis das Volk ein vernünftiges Wahlgesetz erlangt habe)[205] „setzten
wir mit 139 gegen 114 Stimmen durch. Wir hatten diese Frage in die
Versammlung geschleudert, um eine Muthprobe zu machen und die Stärke
und Ausdauer unserer Partei kennen zu lernen. Da die Probe gelungen
war, so konnten wir getrosten Muthes die Abänderung des Grundgesetzes
beantragen. Unser Antrag war sehr gemäßigt (!); er verlangte nur die
Weglassung des ebenso überflüssigen, als einfältigen Passus: „In
Sachsen will der Verein mit dem Volke (!)“ -- das Ausrufungszeichen ist
von Jäkel selbst -- „die Beibehaltung und zeitgemäße Fortbildung der
constitutionellen Monarchie.“ Da geberdete sich die Rechte, die von dem
Dresdener Ausschuß und den Leipzigern aus dem Bertling'schen (früher
Wuttke'schen) Verein commandirt wurde, als stände die Republik vor den
Thoren. Aber es half ihnen Alles nichts. Wir schnitten den alten dummen
Zopf weg, mit 120 gegen 119 Stimmen um Nachts ein Uhr, nachdem wir zehn
Stunden ununterbrochen verhandelt hatten.“
So geht es noch bogenlang weiter. Man sieht den Herrn ordentlich
vor sich in dem historischen blauen Frack mit gelben Knöpfen,
carrirten Hosen, einem ungeheueren Hecker-Hut mit rother Feder auf der
Siegerstirn. Dann erzählt der blutrünstige Marat von Leipzig von dem
grauenvollen Autodafé, das er über die „vormaligen Abgötter des Volkes“
gehalten, und mit der Barmherzigkeit eines Großinquisitors versichert
er: „Einige, die ich als gute Kerle kannte, dauerten mich. Aber es kann
nichts helfen. Wir sind entschlossen, #Niemanden# mehr zu schonen,
der nicht ganz entschieden für die Bewegung ist.“ Und nun kommt die
Nutzanwendung für den „lieben Blum“: „Ob #Ihr in Frankfurt# eine
Erklärung in Bezug auf das in Dresden Vorgefallene erlassen wollt, muß
ich Euch überlassen. Keinesfalls könnt Ihr Euch für die Ausgetretenen
erklären; Eure ganze Popularität stände auf dem Spiele, denn unter
unserer Partei gab sich der entschlossenste Geist kund, nach #allen#
Seiten #auszuschlagen# (!). Nur so können wir die Reaction besiegen!“
Blum antwortete nicht. Vielleicht hoffte er nebenbei, daß der Mann
an seiner eigenen _vis comica_ zu Grunde gehen werde. Jedenfalls
aber nahmen nun wieder die Angelegenheiten des Parlaments Blum's
Thätigkeit und sein Interesse so vollständig in Anspruch, daß der
häusliche Familienzwist der Vaterlandsvereine wirklich recht klein
erschien gegenüber der großen nationalen Ehrenfrage, die aus dem
Waffenstillstand von Malmö sich aufdrängte.
17. Der Waffenstillstand von Malmö.
Die Frankfurter Septembertage.
Der schwere und in mannigfacher Hinsicht so folgenreiche Zwiespalt,
der aus Anlaß der schleswig-holsteinischen Sache zwischen der Krone
Preußen und dem Frankfurter Parlament ausbrach, gehört bei Allen zu
den bekanntesten Ereignissen des Jahres 1848, so daß hier eine kurze
Aufzählung der wesentlichsten Thatsachen genügt.[206]
Schon zu Anfang April war es zwischen den Dänen, welche die
Einverleibung Schleswigs in Dänemark, die Vergewaltigung des
Verfassungsrechts beider Herzogthümer durchsetzen wollten und den
schleswig-holsteinischen Truppen, die den Befehlen der provisorischen
Regierung der Herzogthümer dienten, und verstärkt waren durch
Freiwillige aus ganz Deutschland, zu heftigen Kämpfen gekommen. Die
Deutschen mußten sich hinter die Eider zurückziehen. Am 11. April
flatterte der Danebrog wieder in der Stadt Schleswig.
Da rückte am 10. April, nachdem alle gütlichen Aufforderungen an die
Dänen vergeblich gewesen, General Wrangel mit seinen Preußen über
die Eider. Schon am Ende des Monats stand er an der Grenze Jütlands;
Schleswig war von Dänen gesäubert. Am 2. Mai drang er in Jütland
ein, um für den Raub deutscher Schiffe Kriegsvergeltung zu üben und
besetzte die Festung Friedericia. Da erfolgte die Einmischung der
neidischen Großmächte England und Rußland, der prahlerischen Schweden;
Rückzugsbefehle trafen Ende Mai von Berlin ein. Die Dänen drangen
sofort nach; am 5. Juni kämpfte General Bonin bei Düppel, von der Tann
bei Hoptrup mit seinen Freiwilligen, Ende Juni stand das deutsche Heer
abermals auf der Königsau, an der Grenze Jütlands.
Nun mischte noch erfolgreicher als zuvor die auswärtige Diplomatie
sich ein. Sie fand leider in Berlin günstigen Boden für ihre
anmaßlichen Drohungen. Denn dem König erschien die ganze Wirthschaft
in Schleswig-Holstein zu revolutionär. Er glaubte auch seiner Garden
nothwendiger in der Hauptstadt zu bedürfen, und die Aussicht, daß die
deutsche Demokratie mit Freuden zu einem Kriege gegen Rußland treiben
könne, erfüllte ihn mit peinlichster Sorge. So begannen denn Ende Juni
Waffenstillstandsverhandlungen zu Malmö, die am 19. Juli in Bellevue
bei Kolding zu einem vorläufigen Einverständniß führten. Drei Monate
lang sollten die Waffen ruhen, die Herzogthümer von beiden Truppen
geräumt, die schleswig-holsteinische Armee in eine schleswigsche und
holsteinische Hälfte getheilt, die provisorische Regierung durch eine
von Preußen und Dänemark gemeinsam zu ernennende Behörde ersetzt werden.
Preußen hatte den Krieg Namens des Deutschen Bundes begonnen. Da der
Band am 11. Juli sein Dasein beschlossen hatte, bedurfte es nun der
Zustimmung des Reichsverwesers und Parlaments für die Rechtswirksamkeit
der Verabredungen von Bellevue. Schon am 9. Juni hatte das Parlament
diesen Anspruch erhoben und beschlossen, es werde keinen Frieden
genehmigen, der die Rechte der Herzogthümer und die Ehre Deutschlands
schädige. Das Reichsministerium, Schmerling voran, ermunterte lebhaft
diese Haltung. Stand dem verschlagenen österreichischen Staatsmann doch
der so beliebte Conflict mit Preußen nun näher vor Augen als jemals.
Dennoch ertheilte der Reichsverweser den Verabredungen von Bellevue
am 7. August mit einigen Aenderungen seine Zustimmung, und entsendete
seinen Unterstaatssecretair Max von Gagern, den Bruder des Präsidenten,
zum Theilnehmer an den ferneren Verhandlungen. Dänemark weigerte sich
einfach, mit Gagern zu verhandeln, auch Preußen ließ diesen Anspruch
fallen, und am 26. August kam in Malmö der eigentliche Waffenstillstand
zu Stande, der für die deutschen Waffen erheblich ungünstiger war,
als das Abkommen vom 19. Juli. Dänemark erhielt für sieben Monate
Waffenruhe, d. h. für den ganzen Winter, wo die feindliche Flotte uns
nichts hätte anhaben können und das ganze feindliche Land uns offen
lag; „Deutschland sei geradezu in den April geschickt“, erklärte
Dahlmann bitter; alle seit dem März erlassenen Gesetze und Verordnungen
wurden außer Kraft gesetzt; zum Präsidenten der gemeinschaftlich
ernannten Regierung wurde der verhaßteste Dänenfreund, Graf Carl
Moltke, berufen.
Am 4. September ward der Wortlaut des Vertrags dem Parlament von
Heckscher mitgetheilt. Der Abschluß war schon seit dem 30. August
bekannt geworden. Aber hier erfuhr man zum ersten Mal den offiziellen
Wortlaut mit allen Zusätzen. Die tiefste Entrüstung ergriff die
weitesten Kreise des Parlaments. Selbst Fürst Lichnowsky trat mit Takt
und Wärme für den Antrag von Waitz ein, daß ein besonderer Ausschuß
schon am folgenden Tage Bericht erstatten solle, ob man nicht die
Maßregeln zur Vollziehung des Waffenstillstandes hemmen solle, bis das
Parlament endgültig Beschluß gefaßt habe.
Dahlmann erstattete den Bericht am 5. September. Schon am Tage vor der
amtlichen Mittheilung des Vertrags an die Versammlung hatte er seine
berühmten fünf Fragen vorgelegt und geschlossen: „Vor noch nicht drei
Monaten wurde hier beschlossen, daß in der schleswig-holsteinischen
Sache die Ehre Deutschlands gewahrt werden sollte -- die Ehre
Deutschlands!“ Nun begründete er im Namen des Ausschusses den Antrag,
die zur Ausführung des Waffenstillstandes ergriffenen militairischen
und sonstigen Maßregeln einzustellen, und schloß mit den unvergeßlichen
Worten: „Unterwerfen wir uns bei der ersten Prüfung, welche uns naht,
den Mächten des Auslandes gegenüber, kleinmüthig bei dem Anfange, dem
ersten Anblick der Gefahr, dann, meine Herren, werden Sie Ihr ehemals
stolzes Haupt #nie# wieder erheben! Denken Sie an diese meine Worte:
#Nie!#“[207]
So stand in der That die Frage. Das Redeturnier, das nun folgte,
war das ernsteste und glänzendste, das St. Paul je gesehen. Aber
durchaus ungleich waren Licht und Schatten vertheilt für die beiden
Lager. Schmerling mochte innerlich aufjubeln, als der Kriegsminister
von Peucker, der Preuße, zu dem früher schon geernteten Zorn seiner
Regierung nun auch den Zorn des ganzen deutschen Volkes erntete, da
er mahnte, geduldig zu tragen den Schlag, der zu Malmö der deutschen
Einheit versetzt worden, und über all die Verachtung zu quittiren,
welche der deutschen Centralgewalt dort bekundet worden war. Und
selbst die Vertheidiger Preußens und der Reichsgewalt, wie Bassermann,
hatten kein Wort der Rechtfertigung für den schimpflichen Vertrag; sie
begnügten sich, bei der vorhandenen Nothlage vor dessen Verwerfung zu
warnen. Radowitz, der mit diplomatischen Winkelzügen diplomatische
Niederlagen zu verdecken suchte, war niemals so geistesarm und
unbedeutend wie an diesem Tage. Nur Lichnowsky trat auch heute ganz
und voll für seine preußische Regierung ein. Aber auch er, der kühnste
Degen Preußens im Parlament, erging sich heute nur in Rechtsmeinungen:
Preußen habe unleugbar von der Centralgewalt die freieste Vollmacht
erhalten, habe demgemäß gehandelt; den Waffenstillstand verwerfen,
heiße die Brandfackel der Revolution in Deutschland umhertragen;
das Parlament könne wohl über Krieg und Frieden, nicht aber über
einen Waffenstillstand entscheiden, welcher dem künftigen Frieden
nicht eine Zeile vorschreibe. Wie viel günstiger stand das Terrain
der Redeschlacht für die Gegner des Vertrags von Malmö! Das Tiefste
und Wahrste hatte schon Dahlmann gesagt. Aber auch Heinrich Simon,
Zimmermann von Stuttgart, Wesendonck verliehen beredte Worte der
tiefernsten Klage der Volksseele, daß die glorreichste Erhebung der
Nation so traurig enden solle. Und nächst Dahlmann sprach Robert Blum
auch heute das Beste.[208]
Er verglich in treffendster Weise die günstigeren Bedingungen des
Vertrags von Bellevue mit den schweren Nachtheilen des Abkommens von
Malmö. Zur Rechtfertigung dieser Wandlung habe man nur die Furcht
vor dem Kriege anzuführen. Und doch habe man vor wenig Wochen noch
gesagt, durch Vermehrung des deutschen Heeres um 340,000 Mann könne
man der ganzen Welt trotzen! Preußen habe im Namen eines „Gespenstes“,
des Bundestags, verhandelt, nicht Namens der Centralgewalt. Das
sei bedenklich. „Es muß sich entscheiden“, schloß er, „ob Preußen
in Deutschland aufgehe, oder ob Deutschland preußisch werde. Ich
möchte nicht so begeisterungslos sein im Anblicke der Gefahr, die
möglicherweise oder wirklich droht, hier vorzuschlagen, die kleine
Schande zu tragen, um die große zu vermeiden. Im Gegentheil, eine
Nation wird nimmer mit Schande und Schmach bedeckt werden, wenn sie
Muth hat, den Gefahren zu trotzen, die sich ihr entgegenthürmen.
(Stürmisches Bravo.) Es ist ein Erfahrungssatz, so alt wie die Welt,
daß der Mensch und der Staat soviel gilt, als er Muth hat, und wäre
über die deutsche Nation, durch die Verhältnisse, wie sie vorliegen,
in der ersten Zeit ihres Emporstrebens das Verhängniß der Vernichtung
ausgesprochen -- es wäre unendlich schmerzlich -- aber ertragen
möchte ich es noch lieber, als mit Schmach und durch schmachvolle
Nachgiebigkeit fortzuleben. Sie mag am Völkergrabe das Bewußtsein sich
eintauschen, daß die Nachwelt sage: sie sei zu Grunde gegangen, aber
mit Ehre.“
Die Entscheidung ließ sich vorhersehen. Mit vierzehn Stimmen Mehrheit
ward die Genehmigung des Waffenstillstandes verworfen, mit einer
Mehrheit von siebzehn Stimmen beschlossen, daß die Maßregeln zur
Ausführung des Waffenstillstandes einzustellen seien. Obwohl die
Sitzung des Parlaments erst um sieben Uhr Abends schloß, stellten
noch am nämlichen Abend sämmtliche Reichsminister ihre Aemter dem
Reichsverweser zur Verfügung. Dahlmann wurde mit der Leitung und
Bildung des neuen Ministeriums beauftragt. Er hat es bekanntlich
nicht zu Stande gebracht. Seiner ganzen Natur und Staatsanschauung
widerstrebte es, zu Genossen seines Ministeriums die Führer der Linken
zu berufen, an deren Seite er den Sieg vom 5. September erfochten,
namentlich Robert Blum. Und auf der Rechten und dem rechten Centrum
fand er Keinen, der mit ihm hätte ankämpfen wollen gegen Preußen, das
den Malmöer Waffenstillstand schon am 2. September ratifizirt hatte.
So gab er denn nach mehrfachen gegründeten Anfragen und Mahnungen
der Linken und selbst des Präsidenten von Gagern am Abend des 8.
September seinen Auftrag als unausführbar an den Reichsverweser zurück.
Viel kostbare Zeit war in diesen Tagen verloren worden und Vogt hatte
Recht, als er aussprach, daß Dahlmann, wenn er einmal die Bildung eines
Ministeriums zur Vollziehung des Parlamentsbeschlusses übernommen, auch
die Verpflichtung gehabt hätte, diesen Beschluß wirklich durchzuführen
wenn auch nur mit einem Ministerium von zwölf Stunden.