16. Im Parlament und Daheim.

(Juli und August 1848 bis zum Conflict über

den Malmöer Waffenstillstand.)

Auch die Einsetzung des Reichsverwesers hatte von neuem jenen Conflict

entzündet, der bei jedem entscheidenden Schritt der deutschen

Volksvertretung bei Ausübung ihrer verfassunggebenden Befugnisse und

der in ihrer Hand ruhenden Centralgewalt bisher entbrannt war. Schon am

30. Juni hatte der Bundestag auf die Kunde der Wahl des Reichsverwesers

durch das Parlament ein Glückwunschschreiben an den Erwählten erlassen,

in welchem ausgesprochen wurde, „daß die Bundesversammlung bereits

vor Schluß der Verhandlung über die Centralgewalt von den Regierungen

ermächtigt gewesen sei, für diese Wahl sich zu erklären.“ Blum brachte

die wichtige Sache am 1. Juli im Parlament zur Sprache.[188] „Wenn die

Bundesversammlung keine Prophetengabe hat, die ich bis jetzt an ihr

noch nicht bemerkt habe,“ sagte er, „so konnte sie über diese Wahl

im Voraus mit den Regierungen gar nicht reden. Wenn aber, was ich

annehmen muß, die Bundesversammlung ihre Nachrichten nicht schöpft aus

Privatcirkeln und Clubbs, so muß man glauben, es habe ein offizieller

Verkehr stattgefunden.“ Er bat deßhalb einen „möglichst naheliegenden

Tag“ zu bestimmen, um in dieser Angelegenheit eine Interpellation

einbringen zu können. „Zugleich aber stelle ich den Antrag, es möge von

der Versammlung ausgesprochen werden, daß jene Erklärung -- für deren

Bezeichnung kein Ausdruck stark genug sein dürfte -- eine unangemessene

und den Beschlüssen der Nationalversammlung widersprechende sei.“ Unter

„vielstimmigem Bravo“ erklärte Gagern sofort: „Ich habe auf die Frage

des Herrn Blum nur zu erklären, daß zwischen der Bundesversammlung und

mir nicht die geringste Communication über die Sache stattgefunden hat.“

Am 4. Juli brachte Blum von Neuem die Angelegenheit zur Sprache[189]

und stellte den Antrag: „von der Bundesversammlung eine amtliche nähere

Erklärung über den Sinn und die Bedeutung ihres Glückwunschschreibens

an den Reichsverweser und besonders über die darin enthaltene Erklärung

für diese Wahl zu erfordern.“ Er sagte zur Begründung dieses Antrags u.

A.:

„Wenn die Bundesversammlung im Auftrage der Regierungen für unsre

Wahl sich erklärt, so thut sie nichts Anderes, als was Dahlmann

gesagt hat, sie bringt durch das Fenster wieder herein, was wir durch

die Thüre durch zwei Abstimmungen hinausgeworfen haben, nämlich

die Mitwirkung und Zustimmung der Regierungen; wenn sie sich #für#

diese Wahl erklärt, so kann sie sich auch #gegen# die Wahl erklären,

und wir sind nicht sicher davor, daß wir nicht zum zweiten Male

wählen müssen, und sie widerspricht damit entschieden allen unseren

Beschlüssen, ja sie stellt unser ganzes Dasein in Frage.“ Mit Recht

forderte er eine Erklärung der Bundesversammlung, nicht blos des

„Bundestags-Präsidenten“, denn „wir haben hier nur den Abgeordneten

v. Schmerling bei uns, nicht den Bundestags-Präsidenten.“

Gleichwohl wich die Mehrheit, nach einer jener nichtssagenden und

so klugzurückhaltenden Erklärungen Schmerling's, der wichtigen

Principienfrage aus und ging über Blum's Antrag zur Tagesordnung

über. Aber von selbst drängte sich immer von Neuem diese Frage in

den Vordergrund. Als am 12. Juli der Reichsverweser im Parlament die

Annahme seiner Würde erklärt und feierlich versprochen hatte, das

Gesetz über die Einführung der provisorischen Centralgewalt zu halten

und halten zu lassen, begab er sich an den Sitz des Bundestages,

um die Auflösung dieser Versammlung zu vollziehen. Da erklärte ihm

Schmerling als Bundespräsidialgesandter, daß „die Bundesversammlung

die Ausübung ihrer verfassungsmäßigen Befugnisse und Verpflichtungen

in die Hände der provisorischen Centralgewalt lege, daß die Mitwirkung

aller deutschen Regierungen dem Reichsverweser zur Seite stehe und

sie ihre bisherige Thätigkeit als beendigt ansehe.“ Diese Erklärung

rüttelte weite Kreise des Parlaments aus der vertrauensseligen Stimmung

auf, welche man bisher den Alarmrufen der Linken gegenüber zur Schau

getragen hatte. Das linke Centrum brachte am 14. Juli den Antrag ein,

„daß der Seitens der Bundesversammlung am 12. Juli vollzogene Act der

Uebertragung ihrer Befugnisse auf die provisorische Centralgewalt für

nicht geschehen zu erklären“. Allein die Versammlung erklärte auch

diesen Antrag nicht für dringlich.[190] Um so energischer wurde am

14. Juli der Trotz der Krone Hannover gebrochen. Der allen Parteien

des Parlaments, mit Ausnahme der äußersten Rechten, verhaßte Monarch

hatte es gewagt, in einem von seinem Gesammtministerium unterzeichneten

Schreiben vom 7. Juli „Bedenken über die Form und den Inhalt“ des

Gesetzes über die provisorische Centralgewalt zu äußern. Darauf

forderte das Parlament mit großer Mehrheit „die unumwundene Anerkennung

der Centralgewalt und des Gesetzes darüber von der Staatsregierung

des Königreichs Hannover.“ Und die Krone Hannover beugte sich

diesem Beschlusse. Sie beauftragte ihren Bevollmächtigten bei der

Centralgewalt, v. Bothmer, alle Erklärungen in ihrem Namen vollgültig

abzugeben, und diese stellte nun die schriftliche Zusicherung aus, die

das Parlament erfordert hatte.[191]

Unmittelbar nach seinem Amtsantritt besetzte der Reichsverweser

einige der unentbehrlichsten Departements mit Ministern: dem preuß.

General Peucker gab er das Kriegswesen, Heckscher die Justiz,

Schmerling das Innere und Aeußere. In diesen Händen ruhten die

Geschäfte der deutschen Centralgewalt, als der Reichsverweser vom

15. Juli bis 3. August nach Oesterreich reiste, um dort den Staat

wieder nothdürftig zusammenzuleimen. Am 9. August war die Bildung

des deutschen Reichsministeriums abgeschlossen. Schmerling hatte den

Löwenantheil, das Innere, erhalten, dem polternden Heckscher war die

Gelegenheit geboten, sich durch Leitung der Auswärtigen Angelegenheiten

zu compromittiren, Duckwitz übernahm den Handel, Beckerath die

Finanzen, R. v. Mohl die Justiz, Peucker wie bisher den Krieg. Als

Unterstaatssecretaire waren u. A. im Innern Bassermann, im Finanzamt

Mathy thätig. Im Uebrigen zeigte sich bald, daß der Reichsverweser

für seine Regierungsgewalt dieselbe Unabhängigkeit forderte, wie das

Parlament für seine Beschlüsse über Verfassung und Gesetze. Preußen

machte nämlich am 17. Juli den Versuch, die Bevollmächtigten der

Einzelstaaten bei der Centralgewalt zu einem Rathe, mit einer der Größe

der einzelnen Staaten entsprechenden Stimmenzahl zu vereinigen, in

der Absicht, daß dieser Rath mit dem Reichsverweser sich über alle in

Folge des Beschlusses vom 28. Juni zu treffenden Maßregeln verständige

und deren Ausführung mit den Einzelstaaten vermittle. Da erklärte

jedoch die Centralgewalt am 30. August ausdrücklich, daß die bei ihr

bevollmächtigten Vertreter der einzelnen Staaten „die Befugniß, auf die

Beschlußnahmen der Centralgewalt entscheidend einzuwirken oder irgend

eine collective Geschäftsführung auszuüben“, in keiner Weise besäßen.

Es war also gewiß auch dem Parlament nicht zu verdenken, daß es

ängstlich über seinen Befugnissen wachte; und wenn man diesem zur Last

legte, „es habe vergessen, daß es noch Fürsten in Deutschland gebe“,

so war in dieser Hinsicht das Gedächtniß der Centralgewalt nicht viel

günstiger veranlagt.

Zum Zeichen seiner Oberherrlichkeit über alle deutsche Regierungsgewalt

hatte der Reichsverweser gleich bei Uebernahme seines Amtes durch den

Kriegsminister v. Peucker von den Bundesregierungen gefordert, daß

diese am 6. August die Bundestruppen die deutschen Farben anlegen

ließen und ihm, dem Reichsverweser, als Huldigung ein dreifaches

Hoch der Truppen und eine dreimalige Geschützsalve darbringen lassen

sollten. Die kleineren Staaten, auch Württemberg und Sachsen folgten

der Weisung. Baiern gehorchte in seiner Weise: das erste Hoch wurde

dem König, das zweite dem Reichsverweser, das dritte dem deutschen

Vaterlande dargebracht. Oesterreich schwieg wie gewöhnlich vollständig

und ließ einzig in Wien die dortige Besatzung dem „Erzherzog Johann von

Oesterreich“ das vorgeschriebene Lebehoch darbringen. Das Ganze war

offenbar eine raffinirte List Schmerling's, um Preußen zu demüthigen

oder in eine schiefe Stellung zur Nationalversammlung zu bringen. Das

letztere war vorherzusehen, da der preußische Stolz nimmermehr zu einer

solchen Komödie sein Heer hergeben, noch die Mannszucht der Truppen

verwirren konnte durch die Einsetzung eines neuen Kriegsherrn neben

dem König. So geschah es auch. Der König erließ am 29. Juli einen

Armeebefehl, in dem er seine Zustimmung zur Wahl des Reichsverwesers

aussprach, aber der Ernennung desselben durch das Parlament mit keinem

Worte gedachte. Dieser Befehl schloß mit den Worten: „Soldaten!

Ueberall wo preuß. Truppen für die deutsche Sache einzutreten und #nach

meinem Befehl# Sr. k. k. Hoheit dem Reichsverweser sich unterzuordnen

haben, werdet Ihr den Ruhm preuß. Tapferkeit und Disciplin treu

bewahren, siegreich bewähren.“ Nur die preußischen Garnisonen der

Bundesfestungen durften die Huldigungskomödie aufführen, die übrigens,

wenn es „zum Klappen“ kam, dem Reichsverweser auch nicht einen Mann

sicherte. Dafür aber schien Schmerling's ganzes Spiel zu glücken:

General Peucker war durch sein Huldigungsverlangen in Preußen unmöglich

geworden; Preußen hatte sich durch seine Weigerung bei einem großen

Theile des Parlaments unpopulärer als je gemacht. Von der Linken

erhoben sich Carl Vogt, Schlöffel und L. Simon zu einem Tadelsvotum

gegen die preuß. Regierung.[192] Sie hatten offenbar keine Ahnung, an

wessen geheimen Fäden sie tanzten. Ihre Anträge wurden jedoch von der

Mehrheit nicht für dringlich anerkannt und damit war Schmerling das

Spiel schließlich doch theilweise verdorben.

Die Debatten des Parlaments verlieren mit Einsetzung der Centralgewalt

viel von ihrer bisherigen Lebendigkeit. Natürlich, da nun vorläufig das

Hauptwerk gethan war, und es nicht mehr anging, wie früher oftmals,

Alles und noch einiges Andere bei Gelegenheit der Tagesordnung für

dringlich zu erklären. Dennoch haben auch die zweite Hälfte des Juli

und der August aus bestimmten Anlässen sehr aufregende politische

Debatten von großer grundsätzlicher Tragweite in der Paulskirche

gesehen. Den ersten Gegenstand dieser lebhaften Erörterungen bildete

der Antrag des Wehrausschusses, die Regierungen möchten den Bestand

ihrer Truppen bis auf ein Procent der Bevölkerung vermehren und

außerdem für Kriegsfälle noch 340,000 M. bereit halten, damit die

gesammte Streitmacht Deutschlands auf 910,000 M. anwachse. Die Linke

erklärte sich am 7. Juli, als der Antrag zur Verhandlung kam, gegen

denselben. Robert Blum berührte unzweifelhaft den Kernpunkt der Frage,

als er aussprach:[193]

„Wenn es sich darum handelte, einen Krieg zu führen, und für diesen

Krieg die nöthigen Mittel zu besprechen, ich würde nicht wagen, auf

diese Tribüne zu treten. Aber droht uns denn wirklich ein Krieg?“

Das sei nicht der Fall, meinte er, denn das Streben der Völker gehe

nicht mehr auf Eroberung, sondern auf Gründung und Sicherung der

Freiheit im Innern. Von Frankreich habe ja Deutschland eben erst

die Versicherung der Brüderlichkeit empfangen. Die 300 Bataillone

Nationalgarde, die man dort aufgestellt, seien nach den gegebenen

Zusicherungen nicht zu feindseligen Zwecken bestimmt. „Gehen Sie

hinüber,“ fuhr er fort, „fragen Sie, unter welchen Bedingungen man

die Bruderhand bieten wolle, und bieten Sie Ihre Hand, so werden Sie

die 300 Bataillone auflösen und das Nachbarvolk befreien von der

schweren Last, sie zu unterhalten.“

Diese vertrauensvolle Stimmung zur jungen französ. Republik, an deren

Spitze schon Louis Napoleon Bonaparte zu treten sich anschickte, jener

Republik, der schon Wochen zuvor der alte Arndt in der Paulskirche

geweissagt hatte, daß sie bald wieder ihren Herrn finden werde, war

in Blum erzeugt hauptsächlich durch die herzgewinnenden Phrasen des

französ. Gesandten in Frankfurt Savoye, „des ehemaligen Flüchtlings“,

dessen treue Ehrlichkeit Blum der Gattin in einem Briefe dieser Tage

preist. Wir Heutigen lächeln über dieses naive Vertrauen auf die

französ. Bruderhand. Und auch die Zeitgenossen lächelten. Der berühmte

Zeichner der Paulskirche Boddien eröffnete bei dieser Rede seinen

Caricaturenkampf, indem er Blum einem französ. General, der sehr

unhöflich lacht, die Bruderhand bieten läßt, während im Hintergrund

das ganze französ. Heer in ungeheurer Eile auseinanderläuft. Und in

gleichem Sinne entschied sich die Nationalversammlung: die Antwort

auf Blum's Rede war der Beschluß (am 15. Juli mit 303 gegen 149

Stimmen), daß der Bestand des Heeres auf zwei Procent der Bevölkerung

gebracht werden solle, bei allgemeiner Wehrpflicht und möglichster

Einfachheit der Ausrüstung, als ein Uebergang zur künftigen

Bürgerwehr. An kräftiger Betonung seines nationalen Standpunktes hatte

es Blum indessen auch bei dieser Gelegenheit nicht fehlen lassen.

Bei dem Angriffe eines äußeren Feindes hatte er sich zu den größten

Opfern bereit erklärt. „Es koste das Letzte, was wir aufzubieten

hätten“, hatte er gerufen, so dürfe man sich doch dem äußern Feind

gegenüber nicht wehrlos machen, „wir dürfen das nicht wollen, ohne

uns selbst auszustreichen aus der Reihe der Nationen“.[194] Es war

daher jedenfalls ein völlig ungerechter Vorwurf, wenn Mitte August

der „deutsche Verein“ in Leipzig dieser Rede und Abstimmung Blum's

undeutsche Gesinnung unterlegte.

Die zweite der rein politischen Fragen betraf die polnische

Angelegenheit und wurde am 24. Juli verhandelt. Schon das

Vorparlament und der Fünfzigerausschuß hatte sich mit dieser Frage

zu beschäftigen gehabt. Dort war das „schmachvolle Unrecht“, das

gegen Polen begangen worden, von der deutschen Versammlung feierlich

anerkannt worden, ja man hatte beschlossen, den nach der (deutschen?)

Heimath zurückkehrenden Polen auch in Haufen den Durchzug durch

Deutschland zu gewähren. Der Fünfzigerausschuß hatte vorsichtiger

das national-deutsche Interesse gewahrt. In beiden Versammlungen

hatte Blum seine polnischen Sympathien offen und beredt bekannt, aber

auch kein Wort gesprochen, das die deutschen Interessen verletzen

konnte. Nun schlug der Ausschuß einen Antrag vor, welcher in den

gemischten Landestheilen vor Allem das deutsche Interesse auf das

Sorgfältigste wahrte, den Polen dagegen auf Grund eines Beschlusses des

Parlaments vom 31. Mai die „ungehinderte volksthümliche Entwickelung

und Gleichberechtigung ihrer Sprache gewährleistete“. Diesen Antrag

konnte kein deutscher Abgeordneter bekämpfen. Aber er enthielt durch

die vorläufige Genehmigung der Demarcationslinie des General Pfuel

vom 4. Juni u. A. doch schon eine bestimmte Entscheidung über die

Nationalitätengrenze und deßhalb beantragte Blum, die Frage erst

noch durch die Centralgewalt untersuchen zu lassen. Die Rede, die

Blum bei dieser Gelegenheit hielt, stieg aber weit hinaus über diese

rein praktischen und nüchternen Gesichtspunkte. Sie zog das ganze

Verhängniß der unglücklichen Nation in ihren Bereich. Und so weit wir

vom Standpunkt des Redners entfernt sein mögen, so werden wir doch die

Tiefe seiner Ueberzeugung und die Kraft seiner Worte ebenso schätzen,

wie die Zeitgenossen sie schätzten, die sie hörten und anderer Meinung

waren als er Blum sagte:

„Es giebt wohl kaum eine eigenthümlichere Stellung, als diejenige

ist, wo ein freigewordenes oder freiwerdendes Volk entscheiden soll

über das Schicksal eines dem Untergang scheinbar gewidmeten Volks.

Wir haben wahrscheinlich wichtigere Beschlüsse gefaßt, als der

heutige ist, wir werden vielleicht wichtigere fassen, aber wir werden

schwerlich irgend einen fassen, bei dem die Gerechtigkeit so laut und

so gewaltig an unser Herz schlägt mit ihren Aufforderungen, und bei

der möglicherweise ein Zwiespalt entsteht zwischen den Forderungen

der Gerechtigkeit und denjenigen, die das Nationalgefühl macht.

Erregt schon das Unglück an und für sich eine lebendige Theilnahme,

giebt es nach dem Ausspruche eines von allen Parteien und allen

Richtungen verehrten Polenhelden keinen größeren Schmerz, als den

eines untergehenden Volkes, weil der Gesammtschmerz der ganzen Nation

sich vererbt auf die noch lebenden Glieder bis zum Letzten hinab und

der Letzte ihn in seiner Gesammtheit tragen muß, wie Kosziusko in

der Schweiz ausgesprochen hat; so wird diese Theilnahme noch erhöht

dadurch, wenn man auf das Volk selbst einen Blick wendet und nicht

blind für seine Mängel und Fehler -- denn wer hätte die nicht? --

dennoch genöthigt ist, ihm in der Geschichte einen der ehrenvollsten

Plätze anzuweisen. Meine Herren! vergessen wir es doch ja nicht, wie

lange Polen einen Wall gebildet zwischen der nordischen Barbarei

und der westlichen Bildung, vergessen wir es doch ja nicht in dem

gegenwärtigen Augenblick, wie viel wir ihnen zu danken haben in den

früheren Jahrhunderten; und wenn wir jetzt nur zu leicht geneigt

sind, die Schattenseite dieses Volkes zu betrachten, vergessen

wir doch ja nicht, daß dasselbe seit undenklicher Zeit in seinem

Schooße den Einwanderern gewährt hat, wonach wir in Deutschland in

diesem Augenblick noch ringen: daß die Gewissensfreiheit nirgends

so geschützt war, als in Polen, und daß selbst die verachteten und

von der ganzen Welt zurückgestoßenen Juden eine Heimath dort fanden.

(Mehrere Stimmen: Bravo!) Ich würde Ihnen noch manche geschichtliche

Erinnerung darbieten können aus vergangenen Zeiten Polens, ich will

aber darauf verzichten: Denen aber, die so sehr bereit sind, heute

das polnische Volk in den möglichst tiefen Schatten zu stellen, ihm

alle Tugend abzusprechen, und alle Laster ihm anzuhängen (Unruhe

auf der Rechten), muß ich zurufen, sie sollen nicht vergessen,

daß wir einen großen Theil der Schuld davon tragen. Das Volk ist

seit achtzig Jahren zerrissen, geknebelt und unterdrückt, und wir

haben es beraubt seiner inneren Kraft und seines Landes und seiner

Selbstständigkeit und seiner Freiheit. Und wenn nach achtzig Jahren

Derjenige, den wir zu unsern Füßen niedergetreten haben in den

Schmutz, schmutzig erscheint, dann wälzen Sie die Schuld nicht

auf ihn. Es mag sehr richtig sein, daß in den Jahren so langer

Unterdrückung, so langer systematisch gepflegter Demoralisation,

d. h. geistiger Zerstörung, so wie äußerlicher, Manches sich an

dieses Volk angehängt hat, von dem es früher nichts gekannt hat;

es mag sein, daß es gesunken ist von Stufe zu Stufe; dann aber ist

es um so mehr unsere Aufgabe, dazu beizutragen, daß es sich wieder

erhebe, weil wir Theil haben an seinem Versinken. So paart sich

mit der Theilnahme an dem Volke das Bewußtsein der Schuld unserer

Väter, die wir tilgen müssen. Denn ein Volk geht nicht dahin, wie ein

Mensch, ein Volk bleibt immer dasselbe, und sühnen muß #das Volk#,

was das Volk, wenn auch ohne seine Zustimmung, in seinen damaligen

einzigen Vertretern gesündigt hat. Ein Mann, den Sie wahrscheinlich

nicht zu den Wühlern und Anarchisten zählen werden, ein Mann, der

kaum jemals auf der linken Seite irgend eines Hauses gesessen hat,

dessen staatsmännischen Verstand und dessen tiefe Gedankenfülle bei

Auffassung der europäische Ereignisse aber alle Parteien anerkannt

haben, hat es gesagt, „daß das der Alp sei, der unsere Geschichte,

unsere Politik des achtzehnten Jahrhunderts, den Begriff der

Nationalität, der Sittlichkeit, den Friedenszustand, die Zukunft

und das ganze Völkerrecht drücke, das Unrecht, das an Polen begangen

worden sei.“ Dieser Mann -- es ist der alte #Gagern#, dessen Namen

sie mit Ehrfurcht begrüßen werden -- er hat „keinen andern Schmerz

über sein Dasein gekannt, keine andere Ursache es zu bereuen, als

daß er in dieser Zeit der durch und durch falschen Handlungsweise

-- Seitens der Diplomatie und alten Herrschaft -- gelebt hat.“ Er

sagt es Ihnen sehr deutlich, daß „die Schuld, die begangen worden

ist, nicht bloß auf Diejenigen kommt, die sie unmittelbar begangen

haben, sondern auch auf Diejenigen, die sie fortsetzen dadurch, daß

sie ihre Kraft nicht anwenden, um sie zu sühnen.“ Und er sagt Ihnen

endlich, „daß es in Europa keinen Frieden, kein Völkerglück, keine

Sicherheit der Zustände, keine auf der Gerechtigkeit fußende Zukunft

und keine Freiheit geben könne, bis die Schuld gesühnt sei, die man

an Polen begangen habe.“ (Vielseitiger Beifall.) Was ist bis jetzt

zu dieser Sühne geschehen? Die Polen haben in einem langen Zeitraume

der Unterdrückung zu verschiedenen Zeiten den Versuch gemacht, sich

frei zu machen, und das Joch wieder zu brechen, welches man auf ihren

Nacken gelegt hatte. Je nachdem die Zeitumstände waren, hat man das

Heldenmuth und Revolution genannt; je nachdem die Zeitumstände waren,

hat man sie bewundert und hat sie geschmäht. Ich will kein Urtheil

darüber fällen, auf welchem Punkt wir gegenwärtig angelangt sind,

aber sagen muß ich, daß es nach den Resultaten der letzten Monate

auf jeden Fall Veranlassung giebt einzugestehen, daß das seit 80

Jahren unterdrückte Volk vielen andern in Europa mit dem Beispiel der

Vaterlandsliebe und des nie zu vernichtenden Muthes vorangegangen

ist, welches, wenn es nachgeahmt worden wäre, in unserm Vaterland

uns höchst wahrscheinlich nicht auf die tiefe Stufe des Elends hätte

sinken lassen können, auf welcher wir am Schlusse des vorigen und am

Anfange dieses Jahrhunderts uns befunden haben. Auch jetzt, wo aufs

Neue der Frühling dahinzog über die Völker, haben die Polen Theil

nehmen wollen an dem werdenden Tage. Sie haben geglaubt, daß auch

für sie die Stunde der Wiedergeburt geschlagen habe, und in diesem

Glauben haben sie die Hand gelegt an diese Wiedergeburt, wo und wie

sie konnten, und wenn Sie ihnen sagen wollen, oder sagen müssen:

daß sie hin und wieder übereilt oder unbesonnen gehandelt haben,

dann erkennen Sie wenigstens an, daß der Trieb, der sie geführt hat,

ein edler war, und daß es um so edler ist, die letzte Kraft dem

Vaterlande zu weihen, jemehr dieses Vaterland unterdrückt ist, und

je geschwächter die Kraft selbst ist, die man in die Wagschale legen

kann. Ich will hier nicht anklagen! denn klagte ich an, ich würde

in den Fehler verfallen, den ich dem Ausschuß-Berichte demnächst

vorwerfen will; wie sehr auch das Herz geneigt ist, für Polen Partei

zu nehmen -- und es ist eine schöne Seite des menschlichen Herzens,

daß es Partei nimmt für das Unglück, selbst dann Partei nimmt, wenn

es möglicherweise das Unglück zu hoch, seine Gegner zu tief stellen

sollte -- ich will doch nicht anklagen, ich will der Mahnung des

Vorsitzenden gedenken, die so hochwichtige europäische Frage mit

schonender Milde zu behandeln. Ich will nicht hinweisen auf die

Gefahren, die uns von Rußland drohen, und nicht ausführen, wie wir

denselben einen Damm entgegenstellen können, indem wir zugleich unsre

Schuld und unser Gewissen sühnen. Ich will nur fragen, wenn wir hier

die Angelegenheiten der europäischen Politik, Angelegenheiten von

dem gewaltigsten Gewichte nicht bloß für unser Vaterland, sondern

für das gesammte Europa, entscheiden, nach welchem Principe handeln

Sie denn da? Ist es die territoriale Auffassung der Dinge, die

Sie bestimmt, wie das z. B. hinsichtlich Schleswig-Holsteins, der

Slaven und Triests der Fall gewesen zu sein scheint? Warum sind Sie

dann nicht von demselben Principe ausgegangen, wenn es sich darum

handelt, ein anderes Volk zu beurtheilen, dem eine Anzahl Deutscher

einverleibt ist, wie uns eine Anzahl Dänen und Slaven und Italiener,

und wie sie heißen mögen? Oder ist es der Nationalgesichtspunkt,

der Sie leitet? -- Nun, dann seien Sie auf der andern Seite so

gerecht, und wenn Sie Posen durchschneiden, um die Deutschen zu

reclamiren, so schneiden Sie auch Schleswig durch, geben Sie die

Slaven los, die zu Oesterreich gehören, und trennen Sie auch Südtyrol

von Deutschland. -- Ja, ich sage mehr: Wenn Sie ein so lebhaftes

Nationalgefühl haben, und durch dasselbe allein sich leiten lassen

wollen, so befreien Sie die deutschen Ostseeprovinzen von der

Herrschaft Rußlands, und befreien Sie die 600,000 unglückseligen

Deutschen im Elsaß, die sogar unter der Herrschaft einer Republik

schmachten. (Anhaltender Beifall.) Entweder das Eine, oder das

Andere ist richtig, denn sich die Politik zurechtmachen in der Art

und Weise, wie sie Einem eben für den Augenblick paßt, das ist

nach meiner Ansicht gar keine Politik. -- Ich will aber auch hier

mild sein, und sagen: es ist möglich, daß nach einer 80jährigen

Unterdrückung für die Polen auch die Nothwendigkeit eingetreten

ist, einen Theil ihres Bodens abzugeben; es ist möglich, daß es

eine Nothwendigkeit ist, eine Linie zu ziehen; es ist möglich,

daß die Freiheit wie die Gerechtigkeit Dieses gebieten können --

dann können Sie diese Frage nur entscheiden, wenn Sie mit all der

Gründlichkeit, die eine schöne Eigenthümlichkeit unsers Volks ist,

diese Nothwendigkeit nachweisen. Ich suche vergebens in diesem

Berichte auch nur im Allerkleinsten einen Nachweis, und muß bekennen,

ich begreife es nicht, wie ein solcher Bericht in einer deutschen

Volksvertretung nur hat gemacht und vorgelegt werden können. Nichts

ist darin, als Angaben auf Zeitungsgeschwätz hin, nicht eine einzige

Nachweisung ist darin, wo eine vernünftige Grenze in Polen ist,

nirgends ist eine Nachweisung über das wahre Bevölkerungs-Verhältniß,

oder über die topographische Lage der Dinge, nicht eine Tabelle

oder Karte, die belehrte, gar nichts. In Bausch und Bogen sollen

Sie entscheiden, ohne Kenntniß der Dinge, über eine Frage, die uns

in größere Verwickelungen stürzen kann, als es in dem europäischen

Leben noch gegeben hat! Muß man einen Schnitt machen in das Land, so

kann man diesen Schnitt nur machen in Uebereinstimmung mit Denen,

die diese Territorial-Verhältnisse festgestellt haben; wenn man

das Beispiel von Krakau wiederholt, so wundere man sich wenigstens

nicht, wenn die europäischen Verträge, die für uns keine Geltung

haben, wo sie uns oder der übertriebenen Eroberungslust unserer

jungen und zweifelhaften Freiheit unbequem sind, auch von Andern

nicht mehr geachtet und nicht mehr als bestehend anerkannt werden;

wundern wir uns nicht, wenn in dem Augenblicke, wo wir Alle auf das

Innigste betheiligt sind, daß das Gewordene sich befestige, bei

uns und bei unsern Nachbarn die Partei kommt und Volksleidenschaft

auf ihrer Seite, die als erste Verkündigung ihres Sieges von der

Tribüne herab erklärt: „Polen soll befreit werden, wenn nicht durch

unsere Vermittelung, durch unsere Waffen.“ Dann geben Sie die

Zukunft der Welt preis dem ungewissen Schicksale eines langen und

blutigen Krieges, dann vernichten Sie vollständig den Wohlstand des

Volkes, der jetzt so tief erschüttert ist, und so nothwendig hat,

sich wieder zu erholen. Ich will nichts von Ihnen als den Ernst und

die Prüfung, die uns nothwendig ist, eine Prüfung, die man selbst

als nothwendig erkannt hat, wo man tiefer betheiligt ist bei diesen

Angelegenheiten, als wir es für den gegenwärtigen Augenblick sind.

Die preußische Regierung, welche die Theilung Polens ausgeführt

hat, hat die Nothwendigkeit anerkannt, die Akten wieder aufzunehmen

und näher anzusehen, was damals geschehen ist; sie hat im Vereine

mit ihren Vertretern eine neue Untersuchung angeordnet und einer

Commission der dortigen Volksvertreter übertragen, oder mindestens

übertragen lassen; sie wird die Berichte dieser Commission erwarten

und sie wird, ich zweifle nicht, darnach handeln. Mehr verlange ich

auch nicht. Man kann die Völkerschicksale nicht anhalten: haben die

Polen uns ein Stück Boden, und haben sie uns so und so viel deutsche

Bewohner abzugeben, wohlan, so mögen sie dieses Schicksal tragen, wie

manches andere harte Schicksal, das sie haben tragen müssen; aber man

zeige ihnen nicht mit Shrapnells, sondern mit #Gründen der Vernunft#

und der Nothwendigkeit, daß sie es #müssen#; man zeige es ihnen im

Angesichte von Europa, und erst dann, wenn sie mindestens wieder

angefangen haben, ein Volk zu sein, nicht jetzt, wo sie gebunden

sind an Händen und Füßen, und wo wir nicht mit ihnen unterhandeln,

sondern ihnen nur abnehmen können, was wir haben wollen. Man thue

ihnen, den Schwachen und Unglücklichen, gegenüber, was man gegenüber

von Rußland und Frankreich that, weil sie stark und gewaffnet sind;

man wende ihnen zu, was ihnen gebührt: die Schonung, die das Unglück

in so hohem Grade in Anspruch nimmt, und man behandle sie eher

milder, als härter denn andere Völker; das ist das Einzige, was ich

beantrage. Beauftragen Sie die Gewalt, die Sie geschaffen haben,

mit #eigenen# Augen zu sehen, nicht mit den trüben Augen, die die

gegenseitigen Parteischriften hervorgerufen haben; gedenken Sie an

die Worte des Dichters, „daß von der Parteiengunst und Haß entstellt

das Charakterbild der Zustände in der Geschichte schwankt.“

Lassen Sie Ihren verantwortlichen Minister Ihnen gegenübertreten,

von dieser Tribüne herab Ihnen sagen: „Das ist nothwendig,“ und

wenn er das sagt und mit Gründen belegt, dann werden Sie ruhig der

Nothwendigkeit gehorchen können. Indem ich also nichts von Ihrer

Gerechtigkeit verlange, als eine #Untersuchung der Sache#, schließe

ich mit den Worten einer Herrscherin, die betheiligt war bei der

Theilung Polens. Sie sagte: „In dieser Sache, wo nicht allein das

offenbare Recht himmelschreiend gegen uns ist, sondern auch alle

Billigkeit und die gesunde Vernunft wider uns ist, muß ich bekennen,

daß zeitlebens ich nicht so geängstigt mich befunden und mich sehen

zu lassen schäme. Bedenke der Fürst, was wir aller Welt für ein

Exempel geben, wenn wir um ein elendes Stück von Polen unsere Ehre

und Reputation in die Schanze schlagen.“ Das schrieb Maria Theresia

an Kaunitz. (Stürmisches Bravo von der Linken.)“

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Blum's Antrag verworfen, derjenige

des Ausschusses angenommen wurde. Bemerkenswerth war die dreitägige

Debatte (die am 27. Juli endigte) weniger durch die meisterhafte Rede

Janisczewski's -- obwohl sie die maßvollste und hinreißendste Rede

für die Sache der Polen war, die je in deutschen Parlamenten gehalten

worden ist -- als durch den Verfall an Disciplin, der sich schon da

auf Seiten der Linken offenbarte. Wilhelm Jordan, der noch bei der

namentlichen Abstimmung über die Person des Reichsverwesers als der

Erste seine Stimme für Itzstein abgegeben, sagte sich entschieden los

von dem Standpunkt der Linken. Wer die deutschen Bewohner von Posen

den Polen hingeben wolle, sagte er u. A., der sei mindestens ein

unbewußter Volksverräther. Blum verlangte infolge dieser Rede noch

am nämlichen Abend im Club des „deutschen Hofes“ die Ausstoßung des

bisherigen Genossen. Doch drang er mit diesem Antrag nicht durch. Und

als Blum's Amendement im Parlament mit 333 gegen 139 Stimmen verworfen

wurde, entfernten sich die meisten Abgeordneten der Linken, weil sie,

nach Blum's Erklärung, über den Stand der Dinge nicht ausreichend

belehrt seien. Diese Secession war nicht so bösartig, wie die Hecker's

und seiner Freunde im Vorparlament, da die Ausscheidenden sich schon

an der Schlußabstimmung wieder betheiligten. Aber von dem schönen

Pflichtgefühl „die Mehrheit zu ehren“, das Blum damals verkündigt

hatte, war die Linke doch schon ein ganzes Stück abgekommen.

* * * * *

Noch weit stürmischer waren die Verhandlungen über die Amnestie

der Männer, die sich an den bisherigen Aufständen, namentlich dem

Badischen betheiligt hatten, und über die Gültigkeit der Wahl Hecker's

zum Parlament, welche der badische Wahlkreis Thiengen vollzogen hatte.

Beide Fragen wurden von der Nationalversammlung mit großer Mehrheit

verneint: die Amnestie wurde verworfen und Hecker's Wahl für „ungültig

und unwirksam“ erklärt. Aber die dreitägigen Debatten darüber (7. bis

10. August) waren die ordnungslosesten und widerwärtigsten, welche

die Paulskirche je gesehen, hauptsächlich infolge des Ungeschicks der

Leitung durch v. Soiron am 7. und 8. August. Die Linke wurde wirklich

ungerecht von ihm behandelt, das Wort ihr abgeschnitten, so daß diesmal

ihre zeitweilige Entfernung gerechtfertigt war. Selbst der milde

Löwe-Calbe konnte erst am dritten Tage zur Versöhnung sprechen. Von

da an war v. Soiron von allen Parteien als Vicepräsident aufgegeben.

Blum hat sich an beiden Debatten nicht betheiligt. Nur aus einer der

Abstimmungslisten ersehen wir, daß er zu den „Abwesenden“ der Linken

gehörte[195] und aus der andern, daß er gegen die Ungültigkeit der Wahl

Hecker's stimmte; mit ihm stimmten übrigens auch Biedermann, Uhland,

v. Wydenbrugk, Riesser u. A.[196] Denn sehr zweifelhaft lag hier die

Rechtslage.

* * * * *

Die Hauptarbeit des Parlaments bildete vom 3. Juli an bis zum December

die Berathung der sog. Grundrechte, jenes Abschnittes der künftigen

Verfassung, welchen der Verfassungsausschuß zuerst der allgemeinen

Discussion unterbreitete, da über die Freiheiten, die Grundrechte des

Volkes, leichter und schneller allgemeines Einverständniß erhofft

wurde, als über die Grundformen der künftigen Verfassung: die

Spitze des Reiches und dessen Verhältniß zu den einzelnen Gliedern

(Regierungen). Doch selbst die Hoffnung einer raschen Durchberathung

der Grundrechte erwies sich bekanntlich als eine durchaus trügerische.

Bis zum 12. September waren erst 16 Paragraphen berathen, erst am

13. October war die erste Lesung zu Ende gediehen. Gleich Anfangs

häuften sich die angeblichen Verbesserungsanträge in solcher Weise,

zeigten die Schleußen der Beredsamkeit sich so wohlversorgt, daß ein

kühler Statistiker der Versammlung prophezeihte, man werde nach dem

Maßstab der ersten vier Tage im Ganzen 4380 Reden über die Grundrechte

hören müssen, und im April 1850 damit zu Ende kommen! Robert Blum

hat äußerst wenig zur Verlängerung dieser Discussion beigetragen.

Bei den namentlichen Abstimmungen, welche diese Berathungen

bis zu seiner Abreise nach Wien (Mitte October) herbeiführten,

stimmte er für Aufhebung des Adels und der Todesstrafe; gegen die

unbedingte Unabhängigkeit der Kirche vom Staat; gegen das Verbot von

Volksversammlungen unter freiem Himmel bei dringender Gefahr für die

öffentliche Sicherheit und Ordnung; für unentgeltliche Aufhebung der

aus dem grund- und schutzherrlichen Verbande herstammenden Leistungen

und Abgaben, soweit sie nicht erweislichermaßen als ein Theil des

Kaufpreises bedungen worden sind; für unentgeltliche Aufhebung der

Jagdgerechtigkeit; für Aufhebung der Fideicommisse aller Art. Es kann

hier nicht die Aufgabe sein, den Werth dieser Grundrechte zu prüfen,

die, wie das ganze Verfassungswerk der 1848er Nationalversammlung, fast

überall leider nur auf dem Papier Geltung erlangten. Doch gegenüber der

oft gehörten Behauptung, daß die heutige deutsche Reichsverfassung und

-Gesetzgebung in den Freiheiten, die sie dem Volke gewähre, noch weit

hinter den Grundrechten von 1848/49 zurückstehe, zeigt eine einfache

Prüfung der heutigen Gesetzgebung, daß die wirklich werthvollen und

inhaltreichen Freiheiten der „Grundrechte“ heute in Deutschland alle

errungen sind.[197]

Immer mehr wurde Robert Blum's Interesse übrigens von diesen

langathmigen Berathungen abgelenkt, immer dringlicher erheischten die

Sächsischen Zustände seine aufmerksame Beobachtung, sein persönliches

Eingreifen.

Schon oben ist an der Hand der eigenen Briefe Blum's geschildert

worden, in welcher Verwirrung sich seine Partei bereits zur Zeit der

Parlamentswahl in Leipzig befand. Nun mag man immerhin annehmen, daß

ein Theil dieser Wahlverwirrung auf Mißverständnisse und Versäumnisse

Einzelner zurückzuführen ist. Indessen sehr bald traten tiefere

Spaltungen in dem großen Verbande der Sächsischen Vaterlandsvereine zu

Tage, die sich bei Blum's Wahl nur nothdürftig ausgeglichen hatten.

Die Meinungsverschiedenheit der Gemäßigteren (unter Wuttke, Bertling,

Rüder, Cramer in Leipzig, den Dresdnern Bromme, Blöde, Minckwitz,

Herz u. s. w.) im Gegensatz zu den „Entschiedeneren“ (unter Jäkel

und Ruge, so lange dieser vor seiner Wahl ins Parlament in Leipzig

blieb, Binder, Ludwig u. A.) erwies sich auf die Dauer als unheilbar.

Die „Entschiedenen“ wollten die Herstellung der Republik baldigst in

Angriff nehmen. Jede Regierungshandlung, jeder Gesetzesvorschlag des

freisinnigen Märzministeriums fand an ihnen unerbittliche Tadler. Oft

vergebens warnten die Maßvolleren vor allzu extremen Beschlüssen.

Gleich wohl beanspruchten und etablirten die unaufhörlichen

Beschlüsse, Mißtrauensvoten, Ermunterungs- und Entrüstungsadressen der

Vaterlandsvereine, die bis zum September wenigstens der Regierung und

andern Parteien gegenüber leidlich geschlossen auftraten, geradezu

eine Art Vice- oder Contreregierung. Sie übten einen Druck auf die

legitime Regierungsgewalt, welchem kein Minister sich ganz zu entziehen

vermochte. Bei jedem Schritt, den man in den Regierungskreisen that,

warf man ängstlich die Frage auf: was werden die Vereine dazu sagen?

Und die letzteren zauderten nie lange, den bangen Zweifel der Regierung

zu lösen, freilich selten in ganz erwünschter Weise. So kräftig als

möglich suchten die „Deutschen Vereine“ die Regierung zu stützen, gegen

ungerechte Angriffe zu vertheidigen, ihre Anschauungen zur Kenntniß der

Regierung zu bringen.

Bei den Ergänzungswahlen zum Landtage hatte die Partei der

Vaterlandsvereine einen ebenso vollständigen Sieg erfochten, als

bei den Parlamentswahlen. Einer der Ihrigen, der schlichte brave

Weber Rewitzer aus Chemnitz wurde zum Präsidenten der zweiten Kammer

erwählt. Der Sächsische Landtag wurde am nämlichen Tage eröffnet, wie

das Frankfurter Parlament. Am 21. Mai trat er in die Berathung seiner

Geschäfte, deren Hauptgegenstand das neue Wahlgesetz bilden sollte.

Schon am 22. Mai gaben die Vertreter der Ritterschaft in beiden Kammern

die hochherzige Erklärung ab, daß sie bereit seien bei Feststellung

des neuen Wahlgesetzes und auch sonst die Privilegien ihres Standes

zu opfern. Damit war die größte Schwierigkeit, die einer zeitgemäßen

Umwandlung des Sächsischen Wahlgesetzes und einer veränderten Stellung

der beiden Kammern zu einander im Wege gestanden wäre, von Anfang an

beseitigt. Aber unbegreiflicher Weise nutzte die Regierung die Gunst

der Lage nicht aus, sondern schlug in ihrem Wahlgesetzentwurf nur eine

Reform des Wahlgesetzes für die zweite Kammer vor, ließ die erste

Kammer völlig unverändert und wollte die entscheidendste Principfrage:

ob Ein- oder Zweikammersystem? dem nächsten Landtag überlassen.

Diese Halbheit fand Tadel bei allen Parteien. Nachdem die Linke in

ihrem Verlangen auf Einführung des Einkammersystems mit 31 Stimmen

unterlegen war, beschloß die Kammer, daß das Wahlgesetz der Regierung

ohne eine gleichzeitige Reform der ersten Kammer nicht annehmbar

sei, und demgemäß zog Oberländer am 7. Juli den Entwurf mit der

Erklärung zurück: die Regierung werde unter Benutzung der dargelegten

Ansichten sofort an die Ausarbeitung eines neuen Wahlgesetzes gehen,

dessen Berathung die letzte Arbeit der Stände, in ihrer gegenwärtigen

Zusammensetzung bilden solle.

Durch diese Vorgänge in Dresden war der Agitation der Parteiführer

in den Vereinen, den Versammlungen und in der Presse von neuem der

reichste, dankbarste Stoff zugeführt. Läßt sich doch am Wahlgesetz,

an den Befugnissen der Abgeordneten und der Zusammensetzung

parlamentarischer Körperschaften mit am besten die Natur eines

Staates erkennen. So pries denn jede Partei schleunigst ihr Ideal von

Wahlgesetz und Kammerwesen dem Lande. Ungestüm verlangte die Presse

und Agitation der Vaterlandsvereine das Einkammersystem. Die Frage

war um so wichtiger, als schon am 3. Juli die Regierung -- die erste

in Deutschland -- die Centralgewalt anerkannt, zugleich aber auch

ausgesprochen hatte, daß das künftige deutsche Verfassungswerk mit ihr

vereinbart werden müsse, die Annahme der Frankfurter Beschlüsse von

der Zustimmung der Sächsischen Kammern abhängig sei. In diesen ruhte

also vielleicht einmal die wichtigste Entscheidung der Deutschen Frage.

Mit Nachdruck hatte sich Tzschirner, der Führer der äußersten Linken

in Dresden, gegen diese Erklärung der Regierung erhoben und von der

Regierung verlangt, daß sie alle Beschlüsse der Nationalversammlung

ohne Weiteres für rechtsverbindlich erachte. Das war seit dem Ausgange

der Bewegung im März die Ansicht aller Liberalen im Lande gewesen,

von den Vaterlandsvereinen an bis zu den deutschen Vereinen. Zur

Zeit, als die Regierung zum ersten Male ihren Vereinbarungsstandpunkt

bekannte, und unter Hinweis auf den § 2 der Verfassungsurkunde

begründete,[198] wäre es noch leicht gewesen, die Zustimmung einer

großen Mehrheit in beiden Kammern und des Königs selbst -- da dieser

sich damals noch zu jedem Opfer für die Deutsche Sache bereit zeigte

-- für die entgegengesetzte Meinung (die Tzschirner's) zu erlangen und

dadurch dem Lande später die schwersten und blutigsten Kämpfe, dem

Ministerium die größten Schwierigkeiten zu ersparen. Aber schon bei

Vorlegung des Decrets der Regierung über Anerkennung der Centralgewalt

folgte ein Theil der Linken des Landtags dem Leitmotiv Schaffrath's

in seiner Frankfurter Rede über die Centralgewalt, dem ja auch

Blum sich in seiner Rede vom 24. Juni angeschlossen hatte[199] und

verlangte geradezu, daß die deutsche Verfassung, wenn sie in Frankfurt

beendet sei, den einzelnen Ständeversammlungen zur Berathung und

Beschlußfassung im Einzelnen vorgelegt werden müsse. Damals erhob

selbst v. d. Pfordten noch Widerspruch gegen diese ungeheuerliche

Forderung des souveränen Particularismus. Aber noch rascher als bei

ihm vollzog sich ein völliger Umschwung der Meinungen bei dem Theil

der Linken und der äußersten Linken, die bisher an der Souveränität

der verfassunggebenden Nationalversammlung festgehalten hatte. Je

weniger Aussicht sich zeigte, daß ihre extremen Ansichten in Frankfurt

verfassungsmäßige Anerkennung finden würden, um so mehr verleugneten

sie die Souveränität des Parlamentes, verlegten sie die ganze

Machtvollkommenheit des Volkes in die Landtage der Einzelstaaten, da

sie hier noch die Mehrheit hatten. Bald ging auch Tzschirner und seine

Fraction ins Lager der Particularisten über. Unleugbar hat die Linke

in Frankfurt hierzu Anregung und Leitung gegeben. Daß Blum sich zu

dieser Entfesselung der unreinen Leidenschaften des Particularismus

mit hergab, ist, wie schon früher bemerkt wurde, zweifellos und

wird sogleich urkundlich belegt werden. Darin besteht seine größte

Verschuldung.

Zur Verhandlung über all diese wichtigen Fragen hatten die

Vaterlandsvereine Sachsens eine Generalversammlung zum 9. Juli

nach Dresden einberufen. An sie richtete Blum die nachstehende

Zuschrift,[200] die deutlich zeigt, wie wirksam inzwischen auch die

deutschen Vereine gearbeitet hatten, mit welch ernster Besorgniß das

Anwachsen der Gegner von Blum betrachtet wurde, mit welchen Mitteln er

sie zu bekämpfen sich anschickte:

Adresse: „An den Vorstand des deutschen Vaterlandvereins zu

Dresden.“ Text des Briefes: „An die Generalversammlung des sächs.

Vaterlandsvereins.

Lieben Freunde und Mitbürger!

Vor Allem Gruß und Handschlag aus weiter Ferne und dabei das

aufrichtige Bedauern, nicht in Eurer Mitte sein zu können an dem

Tage, wo Ihr gemeinsam berathet über das Wohl, das politische Leben

und den Fortschritt unseres schönen engeren Vaterlandes Sachsen.

Möge der Geist der Freiheit walten über Euch, damit Ihr Beschlüsse

faßt, welche ihre Freunde vermehren und stärken, ihre heuchlerischen

Feinde aber, welche so frech wieder das Haupt erheben, entlarven und

vernichten. -- An diesen Gruß und Wunsch knüpft sich eine directe

Frage, welche zu beantworten ich dringend bitte. Zwar soll der

Abgeordnete keine Instruction annehmen, sondern stimmen nach seinem

Gewissen; ich will auch eine solche nicht und könnte nicht um ein

Haarbreit weichen von meiner Ueberzeugung durch eine solche. Aber

wir sind nicht Abgeordnete von Gottes Gnaden, sondern durch des

Volkes freie Wahl, im Volke beruht unsere Stütze, unsere Kraft, unser

Lebensnerv, und deshalb ist es eben so sehr unsere Pflicht als unser

Bedürfniß, zu fragen: was das Volk will und denkt?

Dies geschieht denn nun hiermit: Als der Verfassungsentwurf der

Siebenzehn Vertrauensmänner mit der Mißgeburt eines deutschen Kaisers

in Sachsen bekannt wurde, erhoben sich von dort -- wie fast aus ganz

Deutschland -- sofort zahlreiche Stimmen gegen diesen verschrobenen

Gedanken; von Vereinen und Volksversammlungen kamen Eingaben an den

Fünfziger-Ausschuß wie an die Nationalversammlung gegen diesen Kaiser

und es ist sehr mäßig, wenn ich die abgegebenen Stimmen in dieser

Beziehung auf 20,000 schätze. -- Das stimmte mit den Ansichten der

sächsischen Abgeordneten (mit =Ausnahme= der Herren Biedermann,

Herrmann, Koch und Zöllner, deren politische Genossenschaft wir

entschieden ablehnen) vollkommen überein. Sie wollen keinen deutschen

Kaiser, keine neue Civilliste, keine neue schwere Belastung des

Volkes; sie wollen noch weniger ihr Vaterland aufs Neue den Stürmen

und Gefahren Preis geben, die ihm drohen wenn der fürstliche

Ehrgeiz nach dieser Gewalt ringt, oder wenn der Inhaber dieselbe

für dynastische oder Privatinteressen mißbraucht. Aber wie sie

kämpfen werden gegen jene unzeitgemäße Schöpfung, so würden sie

kämpfen mit aller Kraft gegen jeden Eingriff in die Verfassung des

Einzelstaates; dort soll und muß neben der gesetzlichen Freiheit die

volle Unabhängigkeit bestehen, die neben der Einheit möglich ist; die

Staatsform, für welche das Volk sich in seiner Mehrheit ausspricht,

auf gesetzlichem Wege ausspricht, darf nicht angetastet werden und

sollte -- was gar nicht denkbar ist -- die National-Versammlung

jemals sich mischen wollen in diese Verhältnisse, wir würden es

nimmermehr dulden, würden für Sachsens Selbstständigkeit in dieser

Beziehung mit aller Entschiedenheit in die Schranken treten.

Diese glückliche Uebereinstimmung der sächsischen Abgeordneten

mit ihren Vertretern war um so erfreulicher, als ein Zeichen

entgegengesetzter Meinung gar nicht zu Tage kam. Das ist seit einigen

Tagen anders: Eine Adresse aus Leipzig mit 9,600 Unterschriften aus

dem ganzen Lande bedeckt, ist bei der Nationalversammlung eingegangen

und spricht sich #gegen die Republik# aus. Dagegen wäre gar nichts

zu haben, wenn nicht diese Adresse in absichtlicher Zweideutigkeit

es unentschieden ließ, gegen #welche# Republik, ob gegen eine

#sächsische#, oder gegen eine #deutsche# man sich ausspricht.

Sind republikanische Bestrebungen in Sachsen entstanden, (was ich

nicht weiß) und ist die Adresse gegen #diese# gerichtet, so gehört

sie nicht in die Nationalversammlung, das haben die #sächsischen

Kammern# zu entscheiden; vorbereitet und bekämpft muß diese Frage

werden in der Presse, in Vereinen, Volksversammlungen u. s. w., die

Nationalversammlungen #geht das nichts an#. Bezieht sie sich aber auf

den #Gesammtstaat#, will sie also den #deutschen Kaiser#, so hätte

sie dies aussprechen sollen und müssen; es wäre dann gewiß nicht

die Unbegreiflichkeit vorgekommen, daß Namen, welche sich #gegen#

den deutschen Kaiser aussprechen, auch unter dieser Adresse stehen,

wie dies thatsächlich der Fall ist. -- Deshalb wende ich mich an

Euch, lieben Freunde und Mitbürger, und bitte Euch, bringt Klarheit

in diese dunkle Sache; fordert durch die Mittel der Oeffentlichkeit

eine offene Erklärung von den Urhebern und Unterzeichnern über ihre

Absichten; duldet eine Täuschung des Volkes nicht, welche hier zu

Grunde zu liegen scheint; laßt die Lüge, die große Krankheit --

nicht unserer, sondern der vergangenen Tage -- nicht aufs Neue ihr

Haupt erheben. Polizei und Censur haben die Lüge geboren, laßt die

häßlichen Eltern nicht überlebt werden von der häßlicheren Tochter;

laßt uns klar sehen über die Ansicht des sächsischen Volkes in dieser

Sache. Ihr seid die Vertreter von mindestens 25,000 Mitbürgern, deren

politisches Wollen und Streben uns innig verwandt ist; laßt uns und

die Welt nicht in Zweifel über den Sinn und die Bedeutung dieser

räthselhaften Erscheinung aus Sachsen.

Daß diese Adresse zu einer Demonstration gegen den Unterzeichneten

benutzt worden ist; daß man zugleich mit ihrer Ankunft in allen

hiesigen Zeitungen (d. h. in allen süddeutschen) die Nachricht

verbreitet hat, es sei das Vorkommen dieser Adresse eine moralische

Nöthigung für mich, mein Mandat niederzulegen, daß man die Adresse

mit dieser Meinung mittelst Placat an den Straßenecken Frankfurts

angeschlagen hat -- das bestimme Euch durchaus nicht. Diese Benutzung

der Adresse ist -- ich weiß das genau -- nicht aus Leipzig, nicht

aus Sachsen hervorgegangen. Es erfüllt mich mit hohem Selbstgefühl,

ja mit #Stolz#, daß man #solche# Mittel gegen mich, das Mitglied

einer nicht zahlreichen Minderheit in Bewegung setzt. Wie gefährlich

muß ich den Menschen sein, die mich mit #den# Waffen schwächen und

stürzen wollen. Es liegt vor Euch, lieben Freunde und Mitbürger,

wie und durch welche Mittel ich wirke: es ist die Aussprache

meiner Ueberzeugung durch das einfache gerade Wort. Wer #dagegen#

mit solchen Waffen streitet, der schadet nicht mir, sondern sich

selbst. Wenn meine Aufgabe vollendet ist, werde ich Freund und Feind

entgegentreten mit klarer Darlegung meines Thuns. Die #Zustimmung#

der Gegner #kann# ich mir nicht erwerben; aber die Achtung, welche

ein überzeugungstreuer, offener, ehrlicher Kampf fordern kann, die

wird mir kein ehrlicher Mann versagen können.

Zieht, lieben Freunde und Mitbürger meine Bitte in Betracht und thut,

was Eures Berufes ist. Von Herzen begrüße ich Euch Alle und jeden

Einzelnen in eigenem und der Genossen Namen! Der Himmel segne Euer

Bestreben und erhalte Eure Theilnahme Eurem treuergebenen

Robert Blum: Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk · 第 46 / 85 题