Robert.“

Schon am 19. Mai, aus Anlaß der Wahlprüfungen, hatte Raveaux darauf

hingewiesen, daß Preußen, trotz der Abmahnung des Fünfzigerausschusses,

die preußische Nationalversammlung gleichzeitig mit dem Deutschen

Parlament einberufen und die Abgeordneten, die beiden Versammlungen

angehörten, aufgefordert habe, nur eines der beiden Mandate anzunehmen.

Die Frage wurde, ihrer großen Wichtigkeit halber, auf den 22. Mai

vertagt. Indessen auch an diesen Tagen gelangte nur Raveaux zur

eingehenden Begründung seines Antrags, den er dahin erläuterte, daß

neben dem Deutschen Parlament kein Einzelstaat seine Landesvertretung

die Verfassung Deutschlands berathen lassen dürfe. Siebenzehn

Abänderungsanträge waren eingegangen, die auf Blum's Antrag verlesen

wurden. Deßhalb beschloß die Mehrheit, die Sache an einen Ausschuß zu

verweisen. Von der Minderheit, welche die rasche Erledigung der Frage

für nothwendig hielt, gab ein großer Theil seinen Namen zu Protocoll,

damit, wie Eisenstuck von Chemnitz sagte, „das Deutsche Volk die Männer

kennen lerne, die schnelle Hülfe, Einheit und Kraft bringen.“ Leider

steht auch Blum's Name unter den Namen dieser Tendenzprotestler[151].

Die Zwischenzeit bis zur Berichterstattung über den Raveaux'schen

Antrag füllte die Linke mit der Besprechung der Mainzer Angelegenheit.

Seit Jahren waren hier Reibereien zwischen den Bürgern und der

preußischen Besatzung an der Tagesordnung. Nun hatte sogar die

Mainzer Bürgerwehr auf die Preußen Feuer gegeben. Da drohte der

Vicegouverneur von Mainz, General von Hüser, die Stadt zu beschießen,

wenn nicht binnen wenigen Stunden die Bürgerwehr entwaffnet sei.

Das Mittel wirkte; am Mittag des 22. war die Entwaffnung vollzogen.

Aber Zitz, dreifach gekränkt als Mainzer, als Democrat und als

Bürgerwehrcommandant, donnerte schon am 23. im Parlament gegen die

preußischen „Ausnahmemaßregeln“ und formulirte Anträge, welche die

preußischen Truppen einfach durch das caudinische Joch geschickt

hätten, wenn sie angenommen worden wären. Die Nationalversammlung,

ja selbst die Linke, goß jedoch Wasser in seinen Feuertrank. Carl

Vogt stellte den Antrag, eine Commission nach Mainz zu senden zur

Untersuchung der dortigen Verhältnisse. Hergenhahn, Blum und Vogt

gehörten zu den Mitgliedern dieser Commission. Am 26. Mai erstattete

Hergenhahn dem Parlament Bericht Namens des Ausschusses. Danach schien

die schwere Schuld der Unruhen auf Seite der Bürger zu liegen. Denn von

den Bürgern waren nur fünf (und zwei von diesen nur leicht) verletzt,

während vier preußische Soldaten getödtet, 25 verwundet waren, darunter

drei durch Stiche im Rücken! Deßhalb ging der Antrag des Ausschusses

nur dahin: einen Theil der preußischen Garnison zu verlegen, ein

hessisches Bataillon nach Mainz zu ziehen und die Neubildung

der Mainzer Bürgerwehr, in Formen, welche dem Festungsreglement

entsprächen, durch ein hessisches Landesgesetz zu vollziehen. Blum und

Vogt schwiegen bei diesem Referat. Man konnte glauben, sie stimmten ihm

zu. Eine Minderheit des Ausschusses war sogar für einfache Tagesordnung.

Diesen Ausgang hatte Zitz nicht erwartet. Abermals suchte er die

Mainzer Wirren ausschließlich dem Uebermuth und der Zuchtlosigkeit der

Preußen zuzuschreiben und erging sich dagegen im Lobe der dortigen

österreichischen Garnison. Kein Geringerer als Schmerling antwortete

ihm. Er wies das Lob der Oesterreicher auf Kosten der Preußen zurück

und erklärte mit kühner Offenheit, seine Landsleute würden sich in

gleicher Lage gerade so benommen haben, wie die Preußen, das hoffe er

„zu ihrer Ehre“. Und mit weitsehendem Blick fügte er hinzu: „Mainz muß

in Vertheidigungsfähigkeit erhalten werden, da es demnächst bestimmt

ist, auch uns in Frankfurt gegen feindliche Ueberfälle zu schützen.“

Nach Schmerling bestieg zum ersten Male Robert Blum die Tribüne

des Deutschen Parlaments. Er führte aus[152], daß der Ausschuß 234

Eingaben von Einwohnern der Stadt Mainz absichtlich ungeprüft gelassen

habe, um an Ort und Stelle selbst sich ein Urtheil zu bilden. Auch

Zitz dürfe sich daher auf dieses Material nicht beziehen. Aber der

Augenschein habe in ihm persönlich die Ueberzeugung begründet, daß die

Erregung der Mainzer Bevölkerung sich hauptsächlich an zwei Ereignisse

geknüpft habe: den Berliner Straßenkampf und die Nachricht, der

Prinz von Preußen solle zurückgerufen werden. Da seien Excesse der

Bürger gegen das preußische Militair vorgekommen, aber der preußische

Commandant habe die Excedenten nicht vor die Gerichte gezogen, sondern

zugelassen, daß seine Soldaten sich selbst Recht genommen durch

Gewalt. Die Maßregel, die der Commandant jetzt getroffen, die Drohung

der Beschießung der Stadt, sei vielleicht weniger geboten gewesen

durch die „militairische Stellung, als durch die Nothwendigkeit einer

wilden und zügellosen Gewalt entgegenzutreten und sie in den wankenden

Schranken zu halten, die noch da sein mögen.“ „Wie die Sache sein

mag, darüber ist kein Zweifel, daß die Stimmung in Mainz derart ist,

daß die Menschen, die einander entgegenstehen, miteinander nicht mehr

leben können. Die erste Pflicht bei einem ausgebrochenen Streite ist

die, die Streitenden zu trennen und dann das Rechtsverhältniß wieder

zwischen ihnen herzustellen... Sie müssen dafür sorgen, daß die im

höchsten Grade gespannte Erbitterung nicht zu neuen, zu schrecklicheren

Blutscenen Veranlassung gebe, als bisher. Und dies können Sie nur, wenn

Sie die Bürgerschaft zum Auswandern, oder das Militair zum Auszuge

bringen.“ (Lebhaftes Bravo).

Mit einem Standpunkt, der seinen heißblütigen Freunden so offen die

Meinung sagte und sich so gänzlich frei hielt von jenen Schmähungen

preußischer Waffenehre und Mannszucht, die sich Zitz erlaubt hatte,

hätte die conservative Mehrheit wohl sich vertragen können[153]. Aber

schon war durch Zitz' Auftreten Alles verdorben. Trotz des Tobens

der Linken und der Gallerien fanden doch die Worte jenes schneidigen,

schönen Aristokraten, der nach Robert Blum die Tribüne betrat, die

Worte des Fürsten Lichnowsky, brausenden Wiederhall in der Versammlung,

als er die innigen Beziehungen zwischen den in Mainz ersehnten „rothen

Hosen“ und den landesverrätherischen „rothen Mützen“ hervorhob, die

1793 die Festung Mainz dem Feinde überlieferten, und als er rief: „Ist

denn kein Deputirter aus Schleswig hier, um dafür einzustehen, wie

sich preußische Truppen benahmen?“ Weder Welcker's noch Heckscher's

Vorschlag, daß das Parlament die fernere Schlichtung der Sache in die

Hand nehmen möge, fand Zustimmung. Denn alle Besonnenen erblickten

in diesem Verhalten die Gefahr, das Parlament in einen Convent

hinüberzuspielen und wohl auch die andere Gefahr, einen Conflict

mit Preußen heraufzubeschwören. So wurde der Antrag auf einfache

Tagesordnung mit großer Mehrheit angenommen.

Blum hatte in seiner Rede ungefähr denselben Gedanken ausgesprochen,

der in Heckscher's und Welcker's Antrag hervortrat; er hatte daher wie

diese mit der Minderheit gestimmt. Aber trotzdem beginnt schon von

diesem Tage an das Mißtrauen der „äußersten Linken“ gegen den Führer.

Hatte er doch Zitz' Beweismaterial gering geschätzt, die Mainzer

Excesse getadelt. Das wollte ein Volksmann sein?

Die tiefe Erregung des Hauses über die Mainzer Angelegenheit hatte sich

noch nicht gelegt, als am folgenden Tage (27. Mai) die Verhandlungen

über den Raveaux'schen Antrag von Neuem alle Leidenschaften

entzündeten. Der Ausschuß brachte aus seinen viertägigen Berathungen

nicht einmal einen Mehrheitsantrag vor das Haus. Während die mehr

rechts Stehenden (Vincke, Simson u. A.) eine motivirte Tagesordnung

vorschlugen, „in dem begründeten Vertrauen“, daß alle Staaten

Deutschlands ihre mit dem deutschen Verfassungswerk in Widerspruch

stehenden Verfassungsbestimmungen „abändern werden“, und während Andere

den Einzelstaaten die Aufhebung solcher Widersprüche zur Pflicht

machen wollten, traten die der Linken angehörigen Ausschußmitglieder

(Schaffrath, Kolb, Moritz Hartmann) entschieden mit dem Antrag hervor,

daß das bedeutsame „einzig und allein“, welches das Vorparlament

der Nationalversammlung gewonnen, ausdrücklich wiederholt werde und

daher alle Gesetze, Verfassungen und Verträge nur soweit gültig

seien, als sie mit der von der Nationalversammlung zu errichtenden

Deutschen Verfassung übereinstimmten. Nachdem Oesterreich bereits

am 9. April erklärt hatte, daß es sich an die künftigen Beschlüsse

der Nationalversammlung nur insoweit gebunden erachte, als diese mit

seinem Landesinteresse im Einklang stehen würden, nachdem Preußen für

den 22. Mai eine „constit. Nationalversammlung“ nach Berlin berufen

hatte, und Hannover den denkbar schlechtesten Willen kundgab, die

verfassunggebende Befugniß des Frankfurter Parlaments anzuerkennen,

zog der Antrag der Linken unleugbar am klarsten und entschiedensten

die natürlichen Folgerungen aus den Beschlüssen des Vorparlaments und

der von diesem geschaffenen, allseitig anerkannten Rechtslage. Keiner

der Anträge prägte die große nationale Aufgabe des Parlaments schärfer

aus, keiner zeigte sich unnachgiebiger gegen alle Hintergedanken

und Querabsichten des dynastisch-antinationalen Particularismus.

Rücksichtslos und hart gegen die Einzelregierungen mochte man diese

Haltung der Linken schelten: dem nationalen Politiker zeigt sie sich in

diesen Tagen noch in schönster Reinheit und Kraft.

Die Gegensätze zu vermitteln, hatte Werner von Coblenz den Antrag

eingebracht: „Die Deutsche Nationalversammlung, als das aus dem

Willen und den Wahlen der deutschen Nation hervorgegangene Organ

zur Begründung der Einheit und politischen Freiheit Deutschlands,

erklärt, daß alle Bestimmungen einzelner deutscher Verfassungen,

welche mit dem von ihr zu gründenden allgemeinen Verfassungswerke

nicht übereinstimmen, nur nach Maßgabe des letzteren als gültig zu

betrachten sind, ihrer bis dahin bestandenen Wirksamkeit unbeschadet.“

Der Antrag vereinigte in sich die beiden Hauptansichten und sprach

dennoch correct die Souveränität des Parlaments aus. Es erging jedoch

diesem Vermittlungsantrag wie jedem Versuch einer Versöhnung, bevor

große Gegensätze sich ausgesprochen, bevor sie erkannt haben, daß bei

gleicher Kraft gegnerischer Meinungen nur beiderseitige Nachgiebigkeit

den Frieden ermöglicht: er wurde Anfangs kaum beachtet. Ungestüm

brachen die besten Redner den ganzen Vormittag ihre Lanzen für ihre

extremen Ansichten. Nach der Mittagspause noch trat Graf Arnim für

die Meinung der Rechten, Robert Blum für den Antrag Schaffrath in die

Schranken. Arnim meinte, es sei unmöglich, daß man die Unterwerfung

unter eine Verfassung fordere, deren Berathung noch gar nicht begonnen

habe.

Mit Recht entgegnete ihm Blum[154], daß der Inhalt der Verfassung für

#die# Frage gleichgültig sei, die dem Parlament „die feierlichste,

gewichtigste und gewaltigste“ sei, ob sie nur Vorschläge zu machen

oder eine Verfassung zu gründen habe. Dann wies er auf die Einberufung

so vieler constitutioneller Versammlungen in den Einzelstaaten hin

„und fand in ihnen eine Absicht und Bedeutung, welche die Geschichte

bestätigt hat“[155].

Er sagte:

„Unsere Arbeit ohne diese Erklärung ist ein Haus ohne Fundament,

ein Baum ohne Wurzel. Was nützt es uns, wenn wir hier Monate lang

Verfassungen bauen und am Ende es sich fragt, welchen Werth und

welche Geltung sie haben? Wenn wir #ein# Deutschland hier bauen, so

versteht es sich von selbst, daß wir #allein# bauen müssen; denn

wenn man an zwei Orten baut, so baut man eben zwei Deutschländer und

nicht eins (Gelächter), abgesehen davon, daß am Ende jede der heute

entdeckten 38 Nationen dasselbe Recht hat, für sich zu bauen.“ Sehr

glücklich entgegnete er auf den Einwurf, die Nationalversammlung sei

nur ein Geschworenengericht, das Volk aber ein Appellhof, das in

letzter Instanz entscheidet: „Ich gehöre zwar der Linken an, aber

bekennen muß ich, wir haben uns vor diesen ultra-revolutionären

Ansichten entsetzt. Nur einmal in der Geschichte ist es dagewesen,

daß man das Volk entscheiden ließ über die Verfassung. Das war

1793, und diese Verfassung war wegen ihres ultra-revolutionären

Charakters nicht lebensfähig. Wenn daher die Linke ihr Mißfallen

gegen den Sprecher äußern sollte, so thut sie es darum, weil sie

so revolutionär nicht sein will (Bravo und Händeklatschen)“. Und

am Schlusse gab er eine Schilderung der deutschen Zustände beim

etwaigen Mißlingen des Verfassungswerkes, die man als Motto vor die

Geschichte der Jahre 1849 und 50 setzen könnte: „Wenn die einzelnen

Volksstämme aufhören müssen zu hoffen, daß hier die Möglichkeit

gegeben sei zu einer Einheit Deutschlands, dann wird im allgemeinen

Bankbruch jeder Einzelstaat genöthigt sein für sich zu sorgen, dann

heißt es, um die Zeit nicht ungenutzt dahingehen zu lassen, für jeden

derselben: _Sauve qui peut!_ (Bravo! Unruhe auf der Rechten. Eine

#Stimme#: Zur Ordnung!) Zur Ordnung? Weßhalb denn?“ -- #Präsident#:

„Es ist kein Grund vorhanden, den Redner zur Ordnung zu rufen, ich

muß aber bedauern, daß er eine Befürchtung ausgesprochen hat, die ich

nicht theile.“ #Rob. Blum#: „Das sind eben verschiedene Ansichten.“

#Wigard#: „Eine subjective Ansicht.“ (Allgemeine Unruhe. Einzelne

#Stimmen#: „Die Galerie räumen!)“ #Präsident#: „Ich bitte, dem Redner

das Wort zu lassen.“ #Blum#: „Ich bin am Schlusse, und der Schluß

lautet nicht anders, als: Entscheiden Sie! (Bravo!)“

Schließlich aber wandten sich doch alle Redner dem

versöhnlich-entschiedenen Antrag Werner's zu, auch Raveaux, auch

Beckenrath, Heckscher und Schaffrath erklärten unter allseitigem

Beifall im Namen der Linken, auch diese werde für den Werner'schen

Antrag stimmen. Fast einstimmig wurde dieser Antrag angenommen. Da ging

ein gewaltiges Hoch-, Bravo- und Hurrahrufen durch das ganze Haus,

ein anhaltendes Händeklatschen erhob sich in der Versammlung und auf

den überfüllten Galerien[156]. Jeder fühlte sich gehoben durch diesen

Beschluß, der noch einmal die Nationalversammlung zur souveränen

Schöpferin der Verfassung erklärte.

Dieser schöne Tag des Parlaments, der an seinem Schlusse eine seltene

Einmüthigkeit der Parteien herbeiführte, sollte für Blum noch ein recht

unangenehmes Nachspiel herbeiführen. Blum hatte die Gefahr, welche die

Einberufung einzelstaatlicher Constituanten in sich berge u. A. durch

folgende Mittheilung anschaulich zu machen gesucht[157]:

„Ein deutscher Minister hat mir gestern Folgendes mitgetheilt: Die

Sachsen-Meiningische Regierung hat vor Kurzem an andere Regierungen

ein Rundschreiben erlassen mit der Aufforderung, man solle das

Plenum des Bundestags vollständig besetzen und für jede einzelne

Stimme einen Gesandten hersenden. Darauf hat man von Seiten der

preußischen Regierung geantwortet, die Bestimmung, die man dem also

zusammengesetzten Plenum geben wolle: die vollendete Verfassung der

Nationalversammlung zu berathen, darüber zu verhandeln und endlich

zu beschließen, sei nicht zu erfüllen. Selbst dieses Plenum werde

der Nationalversammlung gegenüber ohne Macht sein; das einzige

Gegengewicht gegen die const. Nationalversammlung sei das, daß

man möglichst viele constit. Ständeversammlungen in Deutschland

berufe. -- Meine Herren! Ich habe Ihnen für die Genauigkeit dieser

Mittheilung nichts einzusetzen, als das Ehrenwort, welches ich

Ihnen hier gebe, daß sie mir so gemacht worden ist; ich kann in die

diplomatischen Archive nicht hineinsehen; aber es wird nicht gar

schwer halten, anzufragen, ob ein derartiges Ansinnen gestellt und

eine derartige Antwort gegeben worden ist.“

Schon in der nächsten Sitzung (29. Mai) behielt sich bei Verlesung des

Protocolls der tapfere, gerade preußische General v. Auerswald vor, auf

diese Aeußerung Blum's zurückzukommen, da sie „Folgen“ hervorgerufen

habe[158]. Am 1. Juni verlas der Präsident ein Schreiben Auerswald's,

in welchem es u. A. hieß[159]:

„Der Unterzeichnete, wenn schon dieser Mittheilung keinen Glauben

schenkend, welche offenbar den guten Willen der preußischen Regierung

gegen die Nationalversammlung, gegen das von ihr vertretene Deutsche

Volk verdächtigte, ja welche der preußischen Regierung Mangel an

Treu und Glauben, dem deutschen Volke gegenüber vorwarf: war dennoch

bemüht, sich jede mögliche Aufklärung über das von dem Abg. Blum

behauptete Factum zu verschaffen. Das Resultat dieser Bemühungen

ist eine, unter dem 1. d. Mts. von dem K. Preuß. Minister der ausw.

Angelegenheiten, Herrn v. Arnim, zu Berlin gegebene Erklärung

folgenden Inhalts: „Die preußische Regierung hat weder bei der ersten

von Frankfurt abgegangenen Einleitung zur Berufung der Deutschen

Nationalversammlung, noch bei irgend einer anderen Gelegenheit einer

deutschen Regierung in Beziehung auf das Verfassungswerk jemals

irgend einen Rath, geschweige denn den Rath ertheilt, die Frankfurter

Nationalversammlung durch Landtage in den einzelnen Staaten zu

schwächen oder zu paralysiren. Wenn dessen ungeachtet in Frankfurt

behauptet wird, Preußen habe sich durch derartigen Rath eines

Verraths an der Deutschen Sache schuldig gemacht, so muß eine solche

Behauptung als verleumderisch bezeichnet werden; Diejenigen, die sich

nicht scheuen, dergleichen Behauptungen vorzubringen, werden zur

Führung des Beweises durch Vorlagen der angeblich zu Grunde liegenden

Actenstücke aufzufordern sein.““ --

Robert Blum bestritt[160] mit Grund, daß die Schreiben des Herrn v.

Auerswald und v. Arnim seine Aeußerungen richtig wiedergeben und bat,

wenn eine Verhandlung der Sache gewünscht werde, auf das Eintreffen der

stenographischen Berichte zu warten. Er erklärte unter dem Widerspruch

Vincke's und Bally's, daß im Uebrigen eine Privatmittheilung des

einen Ministers der Privatmittheilung eines andern Ministers

gegenüberstehe; denn auch „wenn einzelnen Mitgliedern von einzelnen

Ministern etwas mitgetheilt wird, so bleibt dieses nach meiner Ansicht

immer Privatmittheilung, die constitutionelle Nationalversammlung

verhandelt durch ihren Präsidenten, nicht durch einzelne Mitglieder

(Bravo!).“ Und er schloß unter „stürmischem“ Beifall: „Wenn erklärt

wird, es sollten für die Sache Beweisstücke vorgelegt werden, so will

ich Ihnen ganz einfach den Weg andeuten, wie diese zu erhalten sind:

die Nationalversammlung möge nur beschließen, von beiden Ministerien

die Acten einzufordern, dann werden Sie die Beweise haben!“ Präsident

Gagern erklärte es als einen „billigen Wunsch Blum's, daß vor

Weiterverhandlung der Sache die stenographischen Berichte über die

Sitzung vom 27. Mai abgewartet werden möchten.“ Als diese wenigstens in

einigen Exemplaren eingetroffen waren, ergriff Blum in der Sitzung vom

8. Juni, nachdem die Versammlung gegen die Abmahnung Eisenmanns eine

Verhandlung der Frage beschlossen, zuerst das Wort[161], um nunmehr

zu constatiren, daß er die ihm in Arnim's Schreiben an Auerswald

beigemessenen Ausdrücke über Preußen nicht gebraucht, nicht einmal

behauptet habe, Preußen habe Meiningen einen „Rath“ ertheilt. Er habe

auch nur behauptet, daß er wortgetreu referire, was ihm ein glaubhafter

deutscher Minister erzählt, und zwar vor zwei Zeugen erzählt habe, die

Mitglieder des Parlaments seien[162]. Den Minister könne er nicht

nennen. „Ist die Sache unrichtig mitgetheilt worden, so bedaure ich

dieses. Ich bedauerte es um so mehr, weil ich es gewesen wäre, der eine

unrichtige Mittheilung in Ihre Mitte gebracht hätte.“ Sehr geschickt

war die Schlußwendung Blum's: „es wäre gut gewesen, wenn der preußische

Minister an die Zurückweisung einer unrichtigen Beschuldigung irgend

einen Ausspruch für Beseitigung der vielfach aufgetauchten Besorgnisse

über die Stellung der constitutionellen Versammlung zu der allgemeinen

deutschen beigefügt hätte. Ich aber bitte Sie, meine Herren,

beschließen Sie die Einforderung der Acten. (Bravo!)“

Unter „vielfachen Zeichen des Unwillens“ beantragte nun Auerswald,

daß die Versammlung Blum ihre förmliche Mißbilligung ausspreche, „in

gerechter Würdigung der von ihm erhobenen ungegründeten Anklage.“

Der Präsident ließ ihn ruhig diesen Antrag begründen, ihn auch den

angeblichen Wortlaut der preußischen Note nach Meiningen auf Beschluß

der Versammlung vorlesen. Dann aber erhob sich Gagern mit um so

größerem Nachdruck unter allseitigem Beifall zu der Erklärung: „den

Antrag, den Herr v. Auerswald heute gestellt hat, kann ich nicht zur

Abstimmung bringen, weil, wenn in der Aeußerung des Herrn Blum etwas

gelegen hätte, was ich für ungeeignet oder beleidigend hätte halten

müssen, ich unmittelbar den Ruf zur Ordnung ausgesprochen haben würde.

Das ist nicht geschehen, und ich kann es jetzt nicht nachholen. Der

Beschluß kann kein anderer sein, als zur Tagesordnung überzuschreiten.“

Die Versammlung hätte am besten gethan, dieser Mahnung des Präsidenten

zu folgen. Sie hätte dann zwei Reden in ihren Berichten weniger, welche

weder den Rednern noch der Versammlung zu großer Ehre gereichen:

erstens die Rede des Fürsten Lichnowsky, die von persönlicher

Gehässigkeit gegen Blum überströmt und nicht gerade ritterlich gegen

Blum's Schweigen über seinen Gewährsmann ankämpfte, da doch Blum lieber

sich allen Angriffen der Rechten aussetzte, als daß er jenen Minister

compromittirte[163]. Und zweitens die berufene Rede des Abgeordneten

Schaffrath, in der er ausrief: „Ich hätte ruhig an das Volk appellirt

und hätte erwartet, ob es, ob das Volk dem Robert Blum mehr glaubt,

oder dem Herrn von Auerswald. Blum hat nichts zu beweisen, er ist ein

Volksmann, das ist genug.“ Ein tiefer Stachel persönlicher Erbitterung

blieb auf beiden Seiten aus dieser nutzlosen Verhandlung zurück. Am

gegründetsten war der Unmuth der Linken über den Versuch der Rechten,

die Redefreiheit des Parlaments zu verkümmern, den schon Gagern mit

Energie zurückgewiesen hatte.

Auch von zu Hause hatte Blum Nachrichten, welche ihm nicht zur Freude

gereichten: „Friese hat mir die traurigsten Geschäftsberichte gegeben,

die weit unter den allerschlechtesten Erwartungen bleiben und mir

große Sorgen machen“, schreibt er am 6. Juni der Frau. „Unter diesen

Umständen ist allerdings jetzt an eine Reise nicht zu denken, und wie

schmerzlich es mir ist, so muß es nun verschoben, wo nicht aufgehoben

werden. Nach Leipzig kann ich unbedingt nicht gehen zu Johanni; wie

die Sachen hier stehen, so kann Niemand nur einen Tag fort, ich am

wenigsten, namentlich jetzt, wo wir endlich an die wichtigen Fragen

kommen.“

Nach all dieser monatelangen Arbeit, Mühsal und Sorge that sich endlich

plötzlich eine unvergleichliche Pfingstfreude vor Blum und seinen

Parteigenossen auf: die ganze Rheinpfalz hatte die Linke eingeladen,

das fröhliche Fest dort zu verleben. So schrieb denn Blum am 9. Juni an

die Gattin:

„Liebe Jenny, keine Antwort sollst Du haben, sondern nur in zwei

Zeilen ein Zeichen der Erinnerung. Ich habe heute furchtbar zu thun

und muß morgen früh verreisen, um in unserem Rücken eine Sicherheit

zu Stande zu bringen. Das soll die Pfalz sein, wohin morgen früh

hundert Mann von uns ziehen. Daher heute nur die besten Wünsche

für Dein und der Kinder beständiges Wohl. Mögen Eure Feiertage so

fröhlich wie möglich sein. Wäre doch eine Eisenbahn bis Leipzig!“ u.

s. w. Am Sonnabend den 10. Juni früh 9 Uhr fuhr Blum mit dem Gros der

Linken nach Mannheim[164]. Viele Genossen waren schon vorausgeeilt,

manche folgten. In Mannheim begrüßte Itzstein die Partei und ward von

dieser als „Vater“ gefeiert.

Im „Europäischen Hof“ wurde zu Mittag gegessen, wurden „beim goldenen

Becher herzliche Empfindungen getauscht.“ Hier begrüßte eine

Deputation aus Neustadt die „Männer der Linken“, hierher erging „von

den schönsten Frauen und Jungfrauen Frankenthals“ eine Einladung,

auch diese Stadt zu besuchen. Blum kam dem Verlangen schriftlicher

Zusage -- die „schönsten Frauen und Jungfrauen Frankenthals“

liebten es, sicher zu gehen -- in der für solche Fälle ziemlich

ungewöhnlichen Form eines Wechsels nach. Dieser lautete: „Am Dienstag

den 13. Juni Nachmittags 4 Uhr liefere ich gegen diesen Solawechsel

an die liebenswürdigsten Damen von Frankenthal dreißig Männer der

Linken. Mannheim, 10. Juni 1848, Robert Blum“[165].

In Ludwigshafen begann der eigentliche Festzug. Der Bahnhof und

viele Häuser waren mit Fahnen geschmückt. Im „Deutschen Hause fand

ein erhebender Austausch der Gesinnungen statt“. Mit dem letzten Zuge

ging der Weg weiter nach Neustadt. Auf jeder Station ertönte den

Reisenden ein Lebehoch von der zahlreich versammelten Bevölkerung

der Umgegend. In Neustadt war der Empfang wahrhaft großartig: die

gesammte Bürgerwehr vor dem Bahnhof aufgestellt, auf dem weiten

Platze, der durch Pechkränze erhellt war; der Stadtrath an der Spitze

einer unübersehbaren Volksmenge; Hunderte von Böllerschüssen mischten

sich in die Klänge der Musik, des Gesanges. Blum beantwortete die

Begrüßung des Bürgermeisters, Jordan die des Bürgerwehrcommandanten;

die letztere defilirte vor den Gästen und ein großer Zug setzte

sich in Bewegung nach dem hochgelegenen Schießhause. Feenhaft war

die Scene, als bei der Ankunft der Abgeordneten bengalische Flammen

das Haus und die Bergkette erleuchteten und aus dem Grün der Bäume

der kräftigste Männergesang erschallte. Im Schießhause fand ein

Abendessen statt, an welchem so viel Einwohner Neustadt's Theil

nahmen, als der Raum zu fassen vermochte. Hunderte aber umdrängten

die Eingänge und weilten im Garten, um mindestens so weit an dem

kräftigen Austausch der Gesinnungen Theil zu nehmen, als es möglich

war. Erst spät führten Neustadt's Einwohner die Gäste in die

Wohnungen, welche man auf's Zuvorkommendste ihnen bereitet hatte, um

auszuruhen zu neuem Tagewerke.

Mit dem frühen Morgen war Neustadt wieder auf den Beinen, denn die

Gäste sammelten sich um 6 Uhr im Garten des Schießhauses, von wo sie

in Begleitung vieler Freunde die weitere Reise antraten. Es war ein

imposanter langer, reich mit Blumen und Grün bekränzter Wagenzug,

auf welchem die Reisenden dahin rollten, geleitet von den besten

Wünschen und dem jubelnden Lebehoch der zurückbleibenden Menge.

Schon in Edesheim begann die ehrende Begrüßung; eine Ehrenpforte war

errichtet mit der sinnreichen Inschrift: „#Der Rückblick führt zum

Fortschritt!#“ andererseits: „#Für uns Euer Wirken! Für Euch unsere

Kraft!#“ und in der Nähe derselben empfing die Bürgerwehr und die

Ortsobrigkeit die Reisenden mit festlichem Gruß, welcher dankbare

Erwiderung fand. -- So ging der Zug nach der Bundesfestung Landau, wo

zwar zahlreiche Volksmassen denselben begrüßten, aber jede festliche

Veranstaltung unterblieben war, da man irrthümlich annahm, der Zug

werde Landau nicht berühren.

So ging es denn über Eschbach nach der Ruine Madenburg, auf welcher

die halbe Einwohnerschaft von Landau und eine große Volksmasse

aus naher und ferner Umgebung versammelt waren. Diese Tausende

von Menschen, der Schmuck zahlreicher Fahnen, der Donner der

Freudenschüsse und die Klänge der Musik und des Gesanges nahmen auf

diesem wunderbar herrlichen Punkte und unter den weiten Trümmern

eines Baues der Vergangenheit einen besonderen Festcharakter an.

Blum eröffnete den Reigen der Sprecher mit einer tiefen Eindruck

machenden Rede; eine große Anzahl der Abgeordneten folgte ihm und

drei bis vier Stunden mögen wohl dahingegangen sein, während welcher

die Massen trotz der glühenden Mittagssonne voll Andacht dem Worte

der Freiheit lauschten. Ein Frühstück war den Reisenden in der Ruine

auf einem herrlichen Punkte bereitet und manches zarte Frauenantlitz

setzte sich während desselben dem sengenden Sonnenstrahle aus, um die

Gäste mit dem Schirme zu schützen, damit nicht wahr werde, was Vogt

scherzweise verkündete, daß die Linke hier „zusammenschmelzen“ müsse.

Doch erlitt sie einen Verlust: Der Vertreter eines der kleinsten

Staaten hatte ein schattiges Plätzchen gefunden und war daselbst

eingeschlafen; er erwachte erst, als die Burg verödet und der Mond am

Himmel stand, so daß er erst am folgenden Tage wieder zu den Freunden

gelangte.

Von Eschbach ging nun der Zug nach dem Bade Gleisweiler, dessen

schöner Garten mit Menschen überfüllt war und wo dem jubelnden Gruße

mehrfache Ansprache vom Balkon des Gasthofes herab folgte; dann

wurde die Reise bis nach Edenkoben fortgesetzt. Hier war der Empfang

auf der königlichen Villa, gewiß einem der herrlichsten Punkte der

schönen Haardt, und die Gäste wurden hier von der aufgestellten

Bürgerwehr u. s. w. herzlich begrüßt. Bis zum kühlen Abend tagte

man oben auf dem Berge, dann geleitete die Bürgerwehr von Rodt

und Edenkoben die Gäste in feierlichem Zuge nach der Stadt. Ein

Abendessen machte hier den Beschluß des anstrengenden Tages; man

hatte die Frauen davon ausgeschlossen, aber sie füllten in schönem

Kranze die weite Gallerie und warfen einen Regen von frischen Rosen

auf Blum, welcher die Stellung und Aufgabe der Frauen in der Neuzeit

in einem Trinkspruche schilderte, welchen er den Schönen widmete.

Montags früh weckte eine glänzende Reveille der Bürgerwehr die

Reisenden, welche sich im Garten des Gasthofes zum Lamme sammelten

und von hier aus um acht Uhr zu Fuß den Weg fortsetzten, geleitet

von der gesammten Bürgerwehr von Edenkoben. Der Zug schwoll von nun

an von Stunde zu Stunde, indem sich die Bewohner der Ortschaften

ihm anschlossen, durch welche er kam, um an der Volksversammlung

in Neustadt Theil zu nehmen[166]. In Maikammer reichte man den

Reisenden den Ehrentrunk in kostbarem Wein und nach wechselseitigen

Begrüßungsreden wechselte die Bürgerwehr von Maikammer mit der von

Edenkoben ab und gab ihnen das Geleit bis Hambach. Auf dem berühmten

Schlosse waren abermals Tausende versammelt; allein man besuchte

dasselbe nicht, indem die Zeit drängte, zog vielmehr durch Mittel-

und Oberhambach, wo abermals die herzlichste Begrüßung Seitens der

Ortsbehörden und der Bürgerwehr stattfand, nach Neustadt.

An der Gemarkungsgrenze Neustadt's war abermals die Bürgerwehr,

die Turnerschaft Neustadt's und mehrerer Nachbarorte u. s. w.

aufgestellt. Die 16 Jahre tief verborgene Hambacher Fahne wurde vom

kräftigsten Manne getragen, und zahlreiche Fahnen von Liederkränzen

und Turnern reihten sich um dieselbe. Nachdem der Bürgermeister hier

nochmals die Gäste begrüßt hatte, setzte sich der lange Zug nach der

Stadt in Bewegung, umgeben von Tausenden, die zur Volksversammlung

gekommen waren. Diese Volksversammlung fand auf dem weiten Platze vor

dem Bahnhofe statt, wo eine sehr geräumige Tribüne für die Gäste,

eine noch weit größere für die Frauen errichtet war, die denn auch in

dicht geschaarten schönen Reihen der Versammlung beiwohnten, während

eine ungeheure Volksmasse den weiten Raum füllte. Dr. Hepp, der

ringsgeehrte und gefeierte Kämpfer für die Freiheit, eröffnete hier

die Reihe der Sprecher mit einer Hinweisung auf die Gäste, ihr Thun,

ihre Aufgabe u. s. w. Nach ihm sprachen Blum, Zimmermann, Dietzsch,

Vogt, Eisenstuck, Wesendonk, Günther, v. Trützschler, Dr. Schilling

und mehrere andere. Die Lage Deutschlands, die Ermahnung, fest zu

halten an der noch lange nicht vollendeten Revolution, die Darlegung

der Nothwendigkeit eines Schutz- und Trutzbündnisses mit Frankreich,

die Vorzüge der republikanischen Staatsform und dergleichen bildeten

den Inhalt der Reden, die fast alle mit jubelnder Zustimmung

unterbrochen und abgenommen wurden. -- Obgleich die Sonne wahrhaft

versengend herabbrannte, so verminderten sich die Massen in dem

Zeitraume von 10 bis 2 Uhr nicht nur nicht, sondern es zogen vielmehr

fortwährend neue zu und besonders der Zug von Mannheim brachte

Hunderte neuer Theilnehmer.

Nach der Volksversammlung vereinigte ein Mittagessen die Gäste mit

so viel Pfälzern, als der Raum zu fassen vermochte, bei welchem

abermals das ernste Wort mit Scherz und Heiterkeit wechselte. Bei

Tafel war besonders Professor Vogt aus Gießen der Unwiderstehliche.

Wie Heinrich der 72. seit 30 Jahren auf dem Princip, so ritt Vogt auf

den deutschen und besonders Heidelberger Hofräthen herum, und zwar

mit einer solchen Fülle von Humor und so meisterhaften Variationen,

daß er sich das größte Verdienst um eine die Verdauung befördernde

Zwerchfellerschütterung erwarb. --

Um 4 Uhr endlich ging die Reise fort; die Pflicht gebot es, wie

gerne die Reisenden auch noch in dem lieben Neustadt geweilt

hätten. Die Straßen waren jetzt überfüllt mit Menschen und nur

mühsam konnte sich der Zug hindurch winden, Alles drängte sich um

die Volksvertreter, und suchte ein Wort, einen Druck der Hand zu

erhaschen; auch wurde ihnen im Vorbeiziehen noch eine mit zahlreichen

Unterschriften versehene Adresse überreicht, welche ihre Zustimmung

zu den Grundsätzen der Linken ausspricht, gegen jede Schmälerung der

Volksrechte protestirt und sich für die Republik erklärt.

Eine zahlreiche, berittene, mit Schärpen geschmückte Ehrenwache

geleitete die Reisenden auf dem Zuge nach Dürkheim. Zweimal wurde

derselbe unterbrochen, in Moßbach, wo Ortsbehörden und Bürgerwehr

sich aufgestellt hatten und die Reisenden mit einem Ehrentrunke

begrüßten, und in Deidesheim, wo ein Gleiches geschah. An beiden

Orten waren wieder wahrhafte Massen Volkes versammelt, es wurden

mehrere Reden gewechselt und besonders rief man Blum stürmisch auf

den Tisch, welcher als Tribüne diente. Der Menschen Herzlichkeit

und Freundlichkeit und der unvergleichlich kostbare Wein fesselten

die Reisenden ziemlich lange und so geschah es, daß sie erst spät,

aber in der heitersten Stimmung nach Dürkheim kamen, wo sie der

Bürgermeister und der Obrist der Bürgerwehr eben so herzlich, als

das dichtgeschaarte Volk jubelnd begrüßte. Ein Abendessen in den

„Vier Jahreszeiten“ machte dem Tage ein Ende; Hunderte von Zuhörern

drängten sich im Saale selbst und auf den Gallerien, denen der Raum

die Theilnahme nicht mehr gestattete. Auch hier wehte dieselbe

freie, schwunghafte, kräftige Gesinnung, welche die Pfälzer so

ehrenvoll auszeichnet, und die sich auf der ganzen Reise so vielfach

ausgesprochen hatte. Hier erstattete Vogt einen prophetischen Bericht

über die Reise, wie ihn die „deutsche Zeitung“ wahrscheinlich

erstatten wird, der eine wirklich erschütternde Wirkung hervorbrachte.

Der Vormittag des Dienstags war einem Besuche der Limburg, der

herrlichen Ruinen einer Kirche und eines Klosters gewidmet. Dort

hatte sich eine große Volksmenge aus Dürkheim und der Umgegend

gesammelt, Freudenschüsse und eine Parade der Bürgerwehr empfing

die Gäste und das weite Schiff der Kirche, am Boden jetzt mit

grünem Rasenteppich geschmückt, gedeckt nur von der azurblauen

Himmelswölbung, diente zum Sammelplatze für das Volk; von einer

gefallenen Säule der alten Kirche und der alten Satzung wurde das

neue Evangelium des Lichtes und der Freiheit verkündet. Hier, wie

schon früher, hörte man mit besonderer Theilnahme den jugendlichen

Giskra, welcher mit lebendiger Einbildungskraft die Berge, den

Himmel, schöne Mädchen, Wein und Freiheit zu einem glänzenden Bilde

zu verweben weiß. Geleitet von der Bürgerwehr und dem versammelten

Volke zogen die Gäste nach mehrstündigem Aufenthalt wieder

bergabwärts und fuhren nach eingenommenem Mittagsessen in den „Vier

Jahreszeiten“ unter herzlichem, tausendstimmigen Lebewohl von den

schönen Bergen ab und dem Rheine zu.

Noch als ich 1864 zum ersten Male in der schönen Pfalz war, traf ich

überall die lebendigste Erinnerung an diese Pfingstreise der Linken

und besonders an Robert Blum. „Hier hat er gestanden, gesprochen“

-- erzählen noch heute die Alten, die damals jung waren. Und auf

dem Eschbacher Schloß -- von wo der Blick umspannt die Vogesen von

Straßburg an und die Höhen des Schwarzwaldes von Baden-Baden bis zu

dem fernen Kaiserstuhl von Heidelberg und dem ferneren Melibocus der

Bergstraße, stand einst auf steinerner Platte eingegraben, daß hier

auf den Trümmern des gebrochenen Bischofsitzes, Robert Blum gesprochen

habe zum Volke über seine heiligsten Rechte und Ziele. Der Stein

ist zerschlagen von der Wuth einer baierischen Soldatenschaar. Neue

Trümmer haben sich zu den Trümmern gesellt, die einst Melac's Wüthriche

gebrochen. Die Gebeine des gefeierten Redners und Volksmannes modern

an den Ufern der Donau. Das erzählt das Eschbacher Schloß von der

Pfingstfahrt der Linken.

Schon am 14. Juni war wieder die volle parlamentarische Arbeit

zu thun. Es galt, sechs Millionen für die Deutsche Flotte zu

verwilligen. Niemand in der Versammlung hätte die Summe geradezu

versagen mögen. Wiesner allein meinte, bei „dem nahen Frieden mit

Dänemark“ möge man die neue Steuer bis nach Einführung einer neuen

deutschen Heerverfassung verschieben. Die Linke dagegen war zwar für

die Bewilligung, doch wahrte sie auch hier die höchsten Rechte der

Versammlung: nach Eisenstucks Antrag sollte die Summe nur mit Vorbehalt

ihrer Verwendung durch die künftige Centralgewalt bewilligt werden.

Unter dem „allgemeinen Bravo“, welches diesen fast mit Stimmeinheit

gefaßten Beschluß begleitete[167], erwog man freilich nicht, daß es

leichter sei, „die Bundesversammlung zu veranlassen, die Summe von

sechs Millionen Thalern auf bisher verfassungsmäßigem Wege verfügbar zu

machen,“ als diese Summe wirklich zu beschaffen.

Die Verhandlungen über die „Errichtung einer provisorischen

Centralgewalt“ begannen am 19. Juni. Den Beginn dieser größten Arbeit,

welche das Parlament bis dahin beschäftigt hatte, zeigte Blum am

18. der Gattin mit den Worten an: „Liebe Jenny, Du mußt glauben,

ich sei sehr nachlässig geworden, aber wir schlagen dieser Tage

die Entscheidungsschlacht und schlafen jetzt höchstens 3 Stunden

täglich.“ Blum war Mitglied des „Prioritätsausschusses“, welcher die

Anträge betreffs der provisorischen Centralgewalt vorbereitet hatte.

Elf von den dreizehn Mitgliedern des Ausschusses schlugen eine neue

Auflage des vom Fünfzigerausschuß abgelehnten Triumvirates oder des

„Directoriums der drei Onkel“ unter dem Namen „Bundesdirectorium“

vor. Diese drei Männer sollten von den Regierungen gewählt, von

der Nationalversammlung (ohne Berathung über die Persönlichkeiten)

bestätigt werden. Die Heeresleitung, die völkerrechtliche Vertretung

Deutschlands sollte ihnen zustehen, die Entscheidung über Krieg und

Frieden im Einverständniß mit der Nationalversammlung. Seine Gewalt

sollte das Directorium durch der Nationalversammlung verantwortliche

Minister üben. Die Minderheit des Ausschusses, Blum und Trützschler,

hatten dagegen den Antrag[168] gestellt: „Die Nationalversammlung wählt

mit absoluter Mehrheit eines ihrer Mitglieder zum Vorsitzenden eines

Vollziehungsausschusses. Dieser Vorsitzende wählt nach freier Wahl

vier Genossen, die gemeinschaftlich mit ihm den Vollziehungs-Ausschuß

bilden. Der Ausschuß hat die Beschlüsse der Nationalversammlung

auszuführen und die Vertretung Deutschlands nach Außen zu übernehmen.

Derselbe ist der Nationalversammlung verantwortlich und muß sich

zurückziehen, wenn die Mehrheit der Versammlung gegen ihn ist.“ Dann

erfolgt die Neuwahl auf dieselbe Weise. „Der Vollziehungs-Ausschuß

besteht so lange, bis die deutsche Bundesgewalt durch die

Nationalversammlung bestimmt (!) eingesetzt ist[169].“ „Man hatte

hier ein vollständiges Spiegelbild der französischen _Commission

exécutive_, nur mit dem Unterschiede, daß in Frankreich kein Thron mehr

stand, in Deutschland aber alle die alten Herrscher aufrecht geblieben

waren[170].“ Bassermann war es, der die Undurchführbarkeit dieses

Vorschlages treffend nachwies. In den allgemeinen Bemerkungen über

Blum's politische Stellung[171] ist dieser Ansicht in der Hauptsache

beigetreten worden. Nichtsdestoweniger erscheint die Begründung des

Minoritätsantrags durch Blum vom höchsten Interesse. Denn diese

„glänzende Vertheidigung, die auf das Gefühl der Massen trefflich

berechnet war“[172] und auch den Gegnern ein achtungsvolles Schweigen

abnöthigte, gehört zu den besten Reden Blum's und gewährt den tiefsten

Einblick in seine und seiner Partei politische Denkweise, in die

eigenthümliche Kraft und Ueberzeugung seiner Sprache. Und wenn er für

eine unausführbare Idee kämpfte, so war der Vorschlag der Majorität,

wie sich schon während der Verhandlungen selbst herausstellte, nicht

minder unausführbar. Gerade gegen die Schwächen dieses Gegenantrages

richtete sich Blum's stärkste Beredsamkeit. Er sagte am zweiten Tage

der Verhandlungen, am 20. Juni, Folgendes[173]:

„Diese Versammlung, meine Herren, erscheint mir oft wie der

Prometheus: seine Riesenkraft war angeschlossen an einen Felsen und

er konnte sie nicht brauchen, -- die Riesenkraft der Versammlung

scheint mir zuweilen angeschlossen zu sein an den Felsen des

Zweifels, den sie sich selbst aufbaut. Zu verschiedenen Zeiten

ist sie sich dieser ungeheuren Kraft bewußt geworden, und der

Ausdruck derselben genügte, in den Augen der Nation sie wieder auf

den Standpunkt zu stellen, den sie einnimmt, den aber der Zweifel

auf der andern Seite ihr streitig zu machen suchte; so bei dem

Beschlusse über den Raveaux'schen Antrag, dem der Zweifel voranging;

so bei dem Zweifel, ob man einen Friedensschluß genehmigen könne

und dürfe[174], während es doch sonst Niemanden gibt, der ihn

genehmigen kann; so bei der Bewilligung der sechs Millionen für die

Marine, und so heute wieder, als Sie mit dem großartigsten Schwunge

einen Krieg erklärt haben[175], ohne sich zu fragen, ob Sie ein

Heer haben, und ob Sie eine Flotte haben, und ob Sie Mittel dazu

haben; aber Sie haben mit der kühnen Erklärung zu gleicher Zeit den

#Sieg# beschlossen, denn der Sieg lebt in #uns#, nicht da draußen

und nicht in materiellen Dingen! Eine neue große Entscheidung

schlägt an Ihr Herz, und Sie sollen noch einmal den Zweifel lösen,

ob Sie Ihre Gewalt fühlen und die unumstößliche Majestät, die in

Ihren Händen liegt, und ob Sie sie gebrauchen wollen. -- Sie sind

hierher gekommen, um dieses zerstückelte Deutschland in ein Ganzes

zu verwandeln; Sie sind hierher gekommen, um den durchlöcherten

Rechtsboden in einen wirklichen, in einen starken zu verwandeln; Sie

sind hierher gekommen, bekleidet mit der Allmacht des Vertrauens der

Nation, um das „#einzig und allein#“ zu thun. Genügt es dazu, daß

Sie Beschlüsse fassen und sagen: die Nationalversammlung beschließt,

daß das oder das geschehe? Durchaus nicht. Sie müssen sich das Organ

schaffen, durch welches diese Beschlüsse hinausgetragen werden in

das Leben, durch welches sie gesetzliche Geltung erlangen; dieses

Organ zu schaffen, ist der Gegenstand unserer Verhandlung. Was wird

dieses Organ sein? Bei dem ersten Anblick Dessen, was wir bedürfen,

eben nur das Organ, welches Ihren Willen verkündet. Man sagt uns,

der Vollziehungs-Ausschuß, der von einer sehr kleinen Minderheit

vorgeschlagen worden ist, sei eine republikanische Einrichtung, und

wir geben das sehr gern zu; wir verhehlen gar nicht, wir wollen die

Republik für den #Gesammtstaat#, wir wollen diese Einrichtung, und

nicht deßhalb, weil wir die Verhältnisse in Deutschland auflösen

wollen, sondern weil wir sie schützen wollen, weil wir glauben,

daß zwei gleichartige Richtungen nicht mit einander bestehen

können, weil wir in der republikanischen Form an der Spitze des

Gesammtstaates Sicherheit sehen für die Freiheit jedes einzelnen

Staates, seinen eigenen Willen auszuführen und zu erhalten, und

weil wir zu gleicher Zeit diese Spitze nicht den Zielpunkt niederen

Ehrgeizes sein lassen wollen. Allein es ist ein arger Irrthum, wenn

man dieses Streben nach einer republikanischen Einheit verwechselt

mit dem, was in den einzelnen Staaten geschieht oder geschehen

soll. Wir bauen den Gesammtstaat aus den einzelnen Theilen, die

vorhanden sind, wir erkennen die Thatsache dieses Vorhandenseins

ebenso wie die Formen an, und unser Bestreben ist dahin gerichtet,

in der großen Gesammtheit einer jeden Einzelnheit ihre Freiheit,

den Spielraum zu ihrer eigenthümlichen Entwickelung zu gönnen und

zu belassen. Schaffen Sie den #Vollziehungs-Ausschuß#, so sind

es die bestehenden Gewalten, die bestehenden Regierungen, welche

vom Vollziehungs-Ausschuß die Beschlüsse der Nationalversammlung

empfangen und diese Beschlüsse ausführen; sie werden in ihrem Wesen

und in ihrer Kraft nicht im Mindesten angetastet, sie bleiben

vielmehr im Vaterlande völlig auf dem Standpunkte, den sie sich zu

erhalten vermocht haben. Wenn die Regierungen das sind, was man

so vielfach behauptet, gutwillig in Bezug auf die Ausführung und

bereit, Opfer zu bringen zum Gedeihen des Ganzen, so ist diese

Einrichtung so einfach, daß es keine einfachere gibt; wenn sie aber

nicht gutwillig sind, was von anderer Seite auch vielfach behauptet

wird, und wofür man sich auf einzelne Erscheinungen stützt, die man

vielleicht überschätzt, dann -- wir haben keinen Hehl in unsern

Gedanken -- dann soll er die Bedürfnisse der Zeit stellen über die

Regierungen, dann soll er ihnen entgegentreten, dann soll er die

Nation nicht den Sonderinteressen aufopfern, sondern vielmehr die

Widerstrebenden -- geradezu herausgesagt! -- zermalmen. -- Wäre ein

solcher Fall denkbar, ich hoffe, er ist es nicht, dann wäre es eine

sonderbare Einrichtung, daß wir Denen die Vollziehungs-Gewalt oder

die provisorische Regierung, die es dann allerdings werden müßte,

in die Hand geben, gegen die sie handeln soll und muß. Man hat den

Vollziehungs-Ausschuß auch in anderer Beziehung angegriffen und

hat ihn ungenügend genannt, da er nur die Vertretung Deutschlands

nach Außen, nicht die Vertheidigung desselben enthält. Nun, es

muß in dieser Beziehung ein arges Mißverständniß herrschen, denn

die Vertretung eines Landes nach Außen besteht nicht blos im

diplomatischen Verkehr, sie besteht auch in der Entwickelung der

ganzen Kraft und Gewalt, die eine Nation hat, da wo sie nothwendig

wird. Der Vollziehungs-Ausschuß hat ferner einen großen Vortheil:

Er gewährt den Regierungen, was sie bedürfen, den Mittelpunkt,

in dem das Staatsleben für den Gesammtstaat in diesem Augenblick

zusammenläuft. Er ist ihnen, wenn sie wirklich das Beste der Nation

wollen, ihr Aufstreben fördern, nicht im Geringsten gefährlich. Er

sichert die Versammlung vor jedem Mißbrauch; denn die Versammlung

hat es in der Hand ihn zurückzuziehen, sobald er die Begrenzung

überschreitet, die sie ihm zu stecken für gut findet. Er sichert

die Regierungen auch durch die #Wahl#; denn wie die Versammlung

zusammengesetzt ist, haben Sie nicht zu besorgen, daß eine Meinung

aufkomme und an die Spitze gestellt werde, die den Regierungen

Besorgnisse erregt. Hat doch ein Mann, der in jenen Kreisen lange

Jahre gelebt und gewirkt hat, Ihnen ausdrücklich gesagt, daß er

ohne alle Besorgniß das Wohl des Gesammt- wie der einzelnen Staaten

in den Händen dieser Versammlung sehe. Der Vollziehungs-Ausschuß

sichert aber auch das Volk vor möglichen Uebergriffen, indem er als

ein Ausfluß der von ihm erwählten Versammlung, als ein Ausfluß der

Gewalt, der Träger seiner Majestät und Souveränetät dasteht, und das

Vertrauen des Volkes aus seinem Ursprunge schon für sich in Anspruch

nimmt. -- Das Directorium, welches man Ihnen vorgeschlagen hat,

sichert in dieser Beziehung Niemanden. Wird es stark, dann sind die

einzelnen Regierungen ihm preisgegeben; die Fürsten der kleineren

Staaten können sich als halb mediatisirt betrachten, sobald dieses

Directorium ins Leben tritt. Es sichert die Versammlung nicht;

denn die Versammlung, die ihre stillschweigende, wenigstens ihre

prüfungslose Zustimmung dazu geben soll, sie hat nicht mehr die

Macht, dasselbe zu entfernen. Die angebliche Verantwortlichkeit,

sie ist eine leere Phrase. Es gibt keine Verantwortlichkeit ohne

Gesetz; es gibt keine Verantwortlichkeit ohne einen Gerichtshof,

wo ich den Verantwortlichen belangen kann; und nicht einmal das

letzte kümmerliche Mittel, sich zwar nicht eine Verantwortlichkeit,

doch einen #Rückzug# zu erzwingen, die Steuerverweigerung, sie ist

nicht in Ihrer Hand. Und weil Sie keine Verfassung haben, und weil

Sie keine Grundlage haben, auf welcher diese Gewalt steht, und weil

Sie keine Schranken gezogen haben, innerhalb deren sie sich bewegen

muß, und weil Sie kein Mittel haben, sie in den Schranken zu halten,

deßhalb ist es die #Despotie#; deßhalb ist es die #Dictatur#, die

#schrankenloseste Dictatur#, die die Freiheit gefährdet, wie nie

etwas Anderes. Sie wollen ein solches Directorium schaffen, und

ich frage Sie: Dürfen Sie dasselbe schaffen? Haben Sie ein Mandat

dazu, mit irgend Jemand in der Welt zu verhandeln? Hat eine einzige

Wahlhandlung auch nur einen derartigen Vorbehalt nicht aufkommen,

sondern nur gewissermaßen als eine Ansicht aufdämmern lassen? --

Nirgends in der Welt. Berufen sind Sie durch die Allmacht des Volkes,

und Sie sind nur jenem Mandate treu, so lange Sie diese Allmacht

wahren. #Sie dürfen nicht verhandeln#; Sie müssen eher Ihr Mandat

niederlegen, als sich von der Aufgabe entfernen, die uns geworden

ist. Sie dürfen am wenigsten in dem Augenblick, wo das Volk seine

lang verkümmerten Rechte und seine lang verkümmerte Macht errungen

hat, mit Denen unterhandeln, die seit 30 Jahren niemals mit uns

unterhandelt haben, die selbst unsern Rath niemals hörten, wenn es

sich darum handelte, Deutschland als #ein Ganzes# zu vertreten.

Allein es wird auch der Unterhandlungen nicht bedürfen; wahrlich,

Diejenigen leisten den Regierungen einen sehr schlimmen Dienst, die

sie darstellen als etwas, was außerhalb uns, d. h. außerhalb des

Volkes steht; man sagt uns ja immer: „Die Regierungen sind jetzt

volksthümlich, sie sind aus dem Volke hervorgegangen, sie gehören

dem Volke an.“ -- Nun wohlan! Wenn das wahr ist, so vertreten wir

sie mit, wir vertreten nicht den Einzelnen, nicht den Stand, keine

Kaste; wir vertreten das Volk #und# die Regierungen, sie gehören

zum Volke; mindestens #sollen# sie zum Volke gehören. Wo das nicht

der Fall wäre, daß die Regierungen im Volke aufgingen, nun, dann

würde nichts vorliegen, als die Wahrung der alten Fürsten- und

Dynastien-Interessen, und wahrlich ein Volk von 40 Millionen,

es würde nicht unterhandeln können mit 34 Menschen, die ihr

Sonder-Interesse fördern wollen. So ist in unserm Vorschlage nach

meiner Ueberzeugung gewahrt, was Sie wahren wollen; das allseitige

Recht, die allseitige thatsächliche Stellung ist anerkannt, wenn Sie

sich darauf beschränken, zu erklären, was Sie bedürfen, und wenn

Sie warten in Beziehung auf die Ausdehnung der Gewalt, bis Sie sie

bedürfen.

Man hat vielfach in diesen Tagen darauf hingewiesen, es herrsche

die Anarchie, und sie trete hervor an diesem und jenem Orte in

Deutschland, und das ist wahr, leider ist es wahr; aber fragen Sie,

was ist denn diese Anarchie? Ist sie etwas Anderes als die Zuckung

der Ungeduld, die in dem gehemmten Leben sich kundgibt, die Zuckung

der Kraft, die nach Außen oder nach Innen sich geltend machen

will? In einer Weise, wie es die Weltgeschichte noch nie gesehen

hat, hat das Volk in Deutschland seine Revolution gemacht; es hat

mit wenigen Ausnahmen die Gewaltäußerungen gescheut, weil eine

revolutionäre Volksversammlung, eine revolutionäre Nationalvertretung

im Vorparlament zusammentrat und dem Gesammtausdruck seine Geltung

zu verschaffen suchte; es hat sich gemäßigt, weil aus jener

revolutionären Volksvertretung eine zweite, gleichartige, wenn auch

in anderer Beziehung auf einem Gesetze beruhende Volksvertretung

sich gestaltete; verhehlen wir es nicht, eine auf einem Gesetze der

Revolution beruhende Versammlung, die ihm versprach, seine Wünsche

zur Geltung zu bringen, seine Bedürfnisse zur Wirklichkeit zu machen.

Wollen Sie der Anarchie entgegentreten, Sie können es nur durch den

innigen Anschluß an die Revolution und ihren bisherigen Gang. Das

Directorium, das Sie schaffen wollen, ist aber kein Anschluß daran;

es ist Reaction, es ist Contrerevolution, -- und die Kraft erregt

die Gegenkraft. Man wirft mitunter schielende Blicke auf einzelne

Parteien und Personen, und sagt, daß sie die Anarchie, die Wühlerei,

und wer weiß was, wollen. Diese Partei läßt sich den Vorwurf der

Wühlerei gern gefallen; sie hat gewühlt ein Menschenalter lang, mit

Hintansetzung von Gut und Blut, mindestens von allen den Gütern,

die die Erde gewährt; sie hat den Boden ausgehöhlt, auf dem die

Tyrannei stand, bis sie fallen mußte, und Sie säßen nicht hier, wenn

nicht gewühlt worden wäre. (Stürmischer, anhaltender Beifall in der

Versammlung und auf den Gallerien.) Allein die Leute, die man in

dieser Beziehung ansieht, sie sagen Ihnen mindestens geradezu und

ungeschminkt, was sie wollen. Ich muß bekennen, ich habe das in dem

Commissions-Berichte nicht gefunden. Ja ich fürchte, daß die Dinge,

die hinter demselben versteckt sind, schlimmer sind als die Dinge,

die ausgesprochen wurden. Sie haben eine Abstimmung gehört in Ihrem

Kreise heute, als man Ihnen vorschlug, die Gewalt einer Krone zu

übertragen[176], -- man hat dieselbe verhöhnt, ausgelacht; was thun

Sie anders, als die Gewalt drei Kronen oder 34 Kronen zu übertragen?

Glauben Sie, daß die Abstimmung über Ihren Vorschlag anders werde?

Ein Nachtrag, dessen Urheber sich nicht einmal genannt hat, schlägt

Ihnen auch vor, den vor zehn Wochen auf dieser Stelle zur Leiche

erklärten Bundestag beizubehalten, und der Commissions-Bericht hat

es nicht gewagt, sich darüber auszusprechen, was mit demselben

werden solle. Oh! beschenken Sie doch das deutsche Volk mit Ihrem

Direktorium und lassen Sie den nach den Gesetzen der Natur, wenn er

Leiche geworden war, in Fäulniß übergegangenen Bundestag dazu! --

Sie werden sehen, was Sie aussäen damit, indem Sie behaupten die

Einheit zu säen. -- Man hat hingewiesen auf andere Länder und ein

Vorgänger vor mir hat Ihnen bereits insofern widersprochen, als

er Ihnen gesagt hat, daß Belgien, bevor es unterhandelte, seine

Verfassung, seine Grundlagen, seine Sicherheit sich geschaffen

hat. Thun Sie dasselbe, und Sie werden auch hoffentlich das Glück

Belgiens genießen. Man hat Sie hingewiesen auf einen andern Staat,

auf einen Staat, der großartig sich erhoben hat für die Freiheit

in der letzten Zeit. Man hat ein Gespenst heraufbeschworen, hat

Ihnen gesagt, dieser starke Staat erzittere vor einem unbedeutenden

jungen Menschen. Meine Herren! Es gab einen Staat in Deutschland,

der auch stark war, der auf dem historischen Rechtsboden stand,

auf Ihrem historischen Rechtsboden, der uns hier so oft vorgeführt

wird. Dieser Staat ward in seinen Grundfesten erschüttert durch den

Fuß einer #Tänzerin#[177]. (Bravo!) Es mag Manches fest scheinen im

deutschen Vaterlande, was, beim Lichte gesehen, nicht fester ist,

als der Zustand, den eine Phryne stürzte. Es ist nach meiner Ansicht

eine Gotteslästerung der Freiheit, wenn man ihr aufbürdet, daß sie

kranke an dem Erbe, welches sie von der Despotie unfreiwillig hat

übernehmen müssen. Es ist eine Gotteslästerung an der Menschlichkeit,

wenn man darauf hinweist, daß dieser Staat achtzigtausend seiner

hungernden Brüder hat ernähren müssen. Diese achtzigtausend Hungernde

kosten nicht so viel, als ihnen der gestürzte Thron gekostet hat,

und man kann noch eine Null hinzufügen und sie kosten immer noch

nicht so viel. Abgesehen davon, daß in dem Sumpfe, der sich um diesen

corrumpirten und corrumpirenden Thron ausgebreitet, neben aller

Sittlichkeit, Ehre und Tugend auch alle Mittel verschlungen wurden,

die nöthig waren, um die Hungernden zu ernähren. Auf dem historischen

Rechtsboden, auf welchem wir angeblich stehen, hat man in einem ganz

ähnlichen Falle die Hungernden lieber der Hungerpest preisgegeben.

(Bravo!) Dorthin, wo man das Gespenst hervorruft, wird die Freiheit

den Kranz des unverwelklichen Dankes niederlegen, wenn sie siegt; und

wenn sie unterliegt, wird auch der letzte sehnsüchtige Blick ihres

brechenden Auges sich dorthin wenden. Wollen Sie das Himmelsauge

brechen sehen, und die alte Nacht über unser Volk auf's Neue

heraufführen, so schaffen Sie Ihre Dictatur. (Stürmisches Bravo!)“

Wesentlich verändert war schon die Stellung der Parteien, als Blum

als erster Redner am 24. Juni zum zweiten Male über die provisorische

Centralgewalt das Wort nahm. Wohl hatte man nun fünf Tage lang über

dieselbe Frage nur Reden gehört, Reden von allen möglichen Standpunkten

aus, und noch keinen Beschluß gefaßt; aber soviel war doch Allen klar

geworden: Der Antrag der Ausschußmajorität, das Bundesdirectorium,

stieß auf unübersteigliche Schwierigkeiten. Soweit hatten die Debatten

und die Clubverhandlungen die Ueberzeugung der großen Mehrheit

geklärt. Nur was an die Stelle dieses Triumvirates zu setzen sei,

war der Mehrheit zur Stunde noch zweifelhaft. Die Linke ihrerseits

hatte inzwischen gleichfalls eine bedeutsame, ihrer ganzen bisherigen

Haltung direct zuwiderlaufende und darum verhängnißvolle Schwenkung

vollzogen. Sie sah bestimmt voraus daß, wie immer die Entscheidung

der Mehrheit falle, keinesfalls der Antrag Blum-Trützschler Annahme

finden werde, keinesfalls die provisorische Centralgewalt in die Hand

eines Abgeordneten und eines von diesem erwählten verantwortlichen

Vollziehungsausschusses, welcher der jeweiligen Parlamentsmehrheit

zu gehorchen habe, werde gelegt werden, sondern in Hände, die dem

Einflusse der Regierungen zugänglich, über und außer dem Parlament

stehen würden. Und da die Linke in einer solchen Entscheidung

den Bruch mit dem revolutionären Ursprung des Parlaments und die

Gefährdung und Verkümmerung seiner Befugnisse durch die fürstliche

Regierungsgewalt erblickte, so hatte sie sich schlüssig gemacht,

alle ihr zu Gebote stehenden Mittel aufzubieten, um die Mehrheit

#von außen her# zu bekriegen, da im Parlament selbst Hoffnung auf

Erfolg nicht war. Dieselbe Partei, welche bis dahin die Souveränität

des Parlaments über alle Gewalten Deutschlands gestellt, die etwa

abweichenden Meinungen der Einzellandtage schon in deren Entstehung,

bei Berufung dieser Landtage, zu vernichten beantragt hatte, ließ nun

schon am 21. Juni durch Schaffrath erklären: „Wenn Sie den Regierungen

ein Widerspruchsrecht und eine Mitwirkung zugestehen, so haben die

ständischen Kammern auch mit darein zu reden, und dann frage ich

Sie, ob Ihr Beschluß ausführbar ist? Dann werde ich vielleicht die

Versammlung #hier# verlassen und an einem andern Orte[178] gegen

diesen Beschluß sprechen, und ich hoffe, selbst wenn ich nicht dorthin

komme, daß meine Meinung dort die Majorität hat und dort siegen wird,

wenn wir #hier# unterliegen[179].“ Auch in der Rede Robert Blum's vom

24. Juni, so meisterhaft und staatsmännisch sie sonst angelegt ist,

klingt diese unheilvolle Wendung in der Politik der Linken durch.

Aber dem Directorialproject der Mehrheit gab sie den Todesstoß. „Die

Klarheit des Gedankengangs, die seltene Reinheit der Sprache und

Aussprache, die echte Kenntniß aller der Töne, die in den Herzen des

Volkes wiederklangen, das waren die glücklichen Gaben, die er diesmal

im vollsten Maße bewährte,“ so schreibt ein Gegner seines Standpunktes

über diese Rede[180]. Auch sie theile ich daher im Wortlaut mit.

„In der ernsten Entscheidungsstunde, wo über die wichtigste

Angelegenheit, die uns bis jetzt vorlag, Entschluß gefaßt werden

soll, glaube ich darauf verzichten zu können, auf Persönliches, was

gegen mich vorgebracht worden ist, einzugehen; ich glaube es um so

mehr zu können als ich mich auf ein Gebiet verlieren müßte, welches

zu betreten ich ewig verschmähen werde. Im Laufe einer fünftägigen

Verhandlung ist es klarer geworden vor unserm Blick über Das, was wir

wollen und was wir wollen müssen. Wie die Wolken sich theilen und

mehr den reinen Himmel zeigen, so sind die Gedanken mehr und mehr

herausgehülst worden aus dem, was sie umgab. Die Consequenzen und

Nothwendigkeiten haben sich herausgestellt in einer Entschiedenheit,

die keinen Zweifel mehr läßt, um was es sich handelt. Es ist von

dieser Seite der Reichsstatthalter verlangt worden, d. h. eine

Entscheidung über die Monarchie für den Gesammtstaat; es ist von

der andern Seite diese Entscheidung zwar nicht verlangt worden,

man hat sie aber hineingelegt, und wir sind weit entfernt, das

Prinzip abzuweisen, wenn wir auch bestreiten müssen, daß durch

die Ernennung eines Vollziehungsausschusses präjudicirt wird, wie

hier in Bezug auf die Monarchie. Indessen, ich ehre und anerkenne

diese gerade, entschiedene Forderung; ich mag die Halbheiten

nicht, sie mögen kommen, woher sie wollen, und der offene Gegner

ist mir lieber und ehrenwerther als Derjenige, mit dem ich nie und

nimmermehr weiß, woran ich bin. Ich sehe Ihre Monarchie viel lieber

erstehen, als Ihr Directorium oder ein ähnliches Ding, das in seiner

undurchsichtigen Hülle und in unverständlichen Wendungen nicht

heraussagt, was es sein soll und was es sein muß. Nur Eines habe

ich allerdings dagegen, es ist mir gefährlich und scheint mir auf

einem großen Irrthum zu beruhen: die Behauptung, Sie könnten eine

#constitutionelle# Monarchie schaffen; dies muß ich verneinen. Ich

habe dafür nichts Anderes entgegenzuhalten, als daß die Bedingung der

constitutionellen Monarchie, d. i. die #Constitution#, fehlt. Sie

haben keine Constitution, und Sie können folglich nur die absolute

Monarchie schaffen. Es hat Sie ein Redner mit eindringlichen Worten

an die Gelüste des Menschenherzens gemahnt, und behauptet, daß die

Gewalt gemißbraucht werde, wenn sie in schrankenlosem Maße dem

Herzen übergeben werde, Sie haben keine Schranke für die Gewalt,

die Sie schaffen wollen. Was man heraufbeschworen hat, um uns zur

Beruhigung darauf hinzuweisen -- die englische Verfassung und die

englischen Formen, sie sind für uns nicht vorhanden; Sie können eine

Staatenkammer schaffen, Sie können ein verantwortliches Ministerium

schaffen, Sie können schaffen was Sie für das Bedürfniß der Zeit

geeignet halten, wenn Sie eine Verfassung haben, wenn Sie Schranken

haben für ihre Gewalt. Sie können nichts schaffen als Worte und todte

Formen, so lange Sie diese Schranken nicht haben. Ob Sie es wagen

wollen in dem gegenwärtigen Augenblick, wo man mit aller Versicherung

der Liebe und Treue zu den Fürsten doch nun und nimmermehr die

Thatsachen hinwegleugnen kann, die uns auf jedem Schritt, auf

jedem Blick begegnen, und zeigen, daß die Dinge schwanken, daß das

Mißtrauen wuchert, nicht das Vertrauen, welches keine Regierung,

d. h. kein Ministerium besitzt, daß ein ewiges Werden vorhanden

ist und kein Sein; ob Sie es wagen wollen, in dem Augenblick eine

Gewalt zu schaffen, auf welche Sie dieses Mißtrauen des ganzen

Volkes concentriren, -- ob Sie nicht fürchten, daß dieselbe unter

diesem Mißtrauen erliegen werde, das muß ich Ihnen überlassen.

Ich bin der Ueberzeugung, daß bei der Gestaltung der künftigen

Verfassung ein Staatenhaus uns nothwendig ist; aber Sie werden sich

sehr täuschen, wenn Sie in dem alten Bundestag dieses Staatenhaus

zu finden meinen. Es ist darüber geklagt worden, daß man sich mit

ungerechten Beschuldigungen gegen die „andern“ Menschen wendet, die

in den Bundestag gekommen sind, und diese Klage mag gerechtfertigt

sein; aber, meine Herren, vergessen wir doch nicht, daß die Menschen

den Bundestag nicht anders machen #können#. Wenn Sie ein Kloster, ein

Jesuitenkloster haben, und die alten Mönche hinausschicken und neue,

junge, andersdenkende hineinsetzen, haben Sie dann etwas Anderes,

als ein Jesuitenkloster? Sie haben dasselbe, bis Sie die Satzung des

heiligen Lojola vernichtet haben, und Sie haben den alten Bundestag

mit seinen Ausnahmegesetzen und mit seinen Lepelschen Promemorias,

bis Sie die alte Bundesacte und die Stellung einer bloßen

Fürstenvertretung vernichtet haben. Verlangen Sie von dem Volke nicht

das Unmögliche, verlangen Sie nicht, daß es in einer Anstalt, die

30 Jahre lang gleichbedeutend war mit seinem Unglück, mit seiner

Knechtung und mit seiner tiefen Schmach, binnen drei Monaten eine

Anstalt seines Heils erblicken solle. Es wird eine spätere Zeit

geben, wo über das Prinzip der Monarchie und der Republik an der

Spitze des Gesammtstaats die Meinungen hier ausgetauscht werden.

Ich verzichte jetzt darauf, aber bemerken muß ich wenigstens, daß

die Stellung eines auf Zeitdauer ernannten wechselnden Präsidenten

wahrlich für den niedern Ehrgeiz weniger lockend ist, als die

Stellung eines Monarchen. Es ist wohl überflüssig, Sie auf die

blutigen und entsetzlichen Belege hinzuweisen, die unsere Geschichte

uns dafür giebt. Die Mehrheit der Commission sowohl, als die

verschiedenen Unter-Anträge, welche gekommen sind, wollen eine

Vereinbarung. Sie wollen die Regierungen als etwas Besonderes außer

dem Volke, und folglich außer uns Stehendes betrachtet wissen,

und mit ihnen unterhandeln. Man hat uns zugerufen, wir sollen den

Gebeugten nicht ganz niederdrücken; man hat uns gesagt, wir sollen

doch dieses „armselige Zugeständniß“ machen, wir sollen anerkennen,

daß wir allmächtig sind, aber freiwillig darauf verzichten. Meine

Herren! Es wird uns vielfach vorgeworfen, daß wir mit den Regierungen

auf einem weit schlechtern Fuße ständen, als Andere in dieser

Versammlung. Aber ich sage Ihnen offen, als die thatsächlichen Träger

der Gewalt in den einzelnen Staaten achte ich die Regierungen zu

hoch, als daß ich in solcher Weise mit ihnen unterhandeln möchte.

Die widerstrebende Kraft ehrt man durch Kampf, die überwundene ehrt

man durch Schonung. Eine Hingabe, eine Verständigung, die keine ist,

kommt mir vor wie der freie Wille Desjenigen, dem man ein Pistol

auf die Brust setzt und sagt: _la bourse ou la vie!_ Ich will die

Regierungen anerkannt wissen in der Gewalt, die sie noch haben,

und deshalb ihnen keine entehrenden Anerbieten machen. Entehrend

aber scheint es mir, wenn man hier von ihrer Gewalt und ihrer Kraft

spricht, und sie dann so behandelt, daß man ihnen zumuthet, binnen 14

Tagen sollen sie selbst sagen, wer die Gewalt tragen solle, die man

ihnen abnimmt. Ich will auf die Volkssouveränität nicht zurückkommen,

aber hinweisen muß ich darauf, daß der Antrag auf ein Directorium

nichts Anderes ist, als eine vollständige Aufwärmung der alten

Wirthschaft. In dem Directorium liegt nicht Das, was wir bedürfen,

nämlich der #Bundesstaat#, sondern der alte #Staatenbund# mit seinen

Sonderinteressen und seiner Zersplitterung. Dieses Directorium ist

meines Erachtens bereits verurtheilt. Ich komme nun auf den Punkt

der Verantwortlichkeit, und damit auf dasjenige Prinzip, worauf

meine Gesinnungsgenossen bestehen zu müssen überzeugt sind, auf

das eine Prinzip, hinsichtlich dessen sie den gesetzlichen Antrag

stellen werden, daß man mit seinem Namen dafür oder dagegen auftrete.

Wir haben die Verantwortlichkeit verlangt, und man hat uns gesagt,

sie sei nicht nothwendig, hat aber keine Gründe dafür vorgebracht,

sondern nur Worte und Redensarten, die völlig vormärzlich sind. Die

Regierungen, hat man behauptet, können und werden nicht ernennen,

was dem Volke nicht genehm ist, müssen Dasjenige thun, was man

verlangt. O, meine Herren, schwimmen Sie nicht auf diesem Meere des

Vertrauens! Es hat von jeher nur Wasser genug gehabt für die flachen

Fahrzeuge der Staatszeitungen und ihrer Genossenschaften. Dieses

bischen Fahrwasser war eingedämmt durch die Schleußen der Censur und

der Ausnahmegesetze, und mit der Sprengung derselben ist ein Sumpf

geworden. Es ist nicht wahr, es ist kein Vertrauen in Deutschland,

und Derjenige wahrlich muß blind sein, der es behauptet. Ich frage

Sie auch ferner, wann denn die Gewalt zu Stande kommen solle, die

Sie durch eine Vereinbarung schaffen wollen? Ich will Sie nicht auf

die Schwierigkeiten der Einigung über eine solche Wahl, nicht auf

den nothwendigen Aufenthalt hinweisen, den die Vorverhandlungen der

deutschen Fürsten selbst unerläßlich machen. Nur daran will ich

erinnern, daß die Fürsten einen Theil der innern Regierungsgewalt

nicht abtreten dürfen, und die Männer des historischen Rechtsbodens,

die uns trotzdem versichern, daß ihre Schöpfung binnen wenigen

Tagen fertig sein könne, mögen doch nicht vergessen, daß in den

Einzelstaaten die Zustimmung der Stände nothwendig ist. Ich kann und

will nicht behaupten, daß dies nach allen Verfassungen der Fall sei;

allein nach dem §. 2 der sächsischen Verfassung ist dem so, und was

Ihnen Schaffrath verkündigt hat, muß ich bestätigen. Unterliegt er

hier, als Mitglied der sächsischen Ständeversammlung, siegt er wo

anders; denn die sächsische Stände-Versammlung -- wie schlimm es auch

ist, zu prophezeien, ich prophezeie es doch -- gibt, wie ich glaube,

die Erlaubniß zur Gründung einer #solchen# Gewalt jetzt noch nicht.

(Mehrere Stimmen rechts: Oh! Oh!) Alle diese Schwierigkeiten, die

Sie bis jetzt vor Ihren Blicken gesehen haben, fallen nach unserer

Ueberzeugung weg, wenn wir einen Vollziehungs-Ausschuß ernennen. Es

bedarf nichts weiter, als der Wahl, und diese geht hier von uns aus.

Die Regierungen sollen nichts abtreten von ihren Regierungsrechten

im Innern, jener Ausschuß soll nichts haben, als die Vertretung

und Vertheidigung des Vaterlandes nach Außen; er ist durch die

Nationalversammlung gewählt, und deßhalb im Nothfall von ihr zu

entfernen; er ist der Nationalversammlung verantwortlich, und diese

Verantwortlichkeit sehe ich eben nur in der Entfernung. Man hat uns

zwar gestern darauf hingewiesen, es sei das Directorium oder der

Reichsstatthalter der Nachwelt verantwortlich. Das ist sehr wahr.

Aber Nero und Caligula, Philipp II. und sein Henker Alba waren der

Nachwelt auch verantwortlich. Hat sie dies aber gehindert, Thaten zu

vollführen, vor denen sich noch heute das Haar des Menschenfreundes

emporsträubt? Wir haben endlich die Competenz dieses Ausschusses

beschränkt, und zwar aus den Gründen beschränkt, die ich gegen die

Monarchie geltend gemacht habe, weil wir nämlich eifersüchtig und in

heiliger Liebe zur Freiheit über ihrer ärgsten Feindin, nämlich der

Gewalt, wachen und dieselbe so viel als möglich einschränken wollen,

bis die Freiheit diejenige Grundlage gewonnen hat, auf der sie

bestehen kann. Auch nur in dieser Beziehung weichen wir von unsern

Freunden, mit denen wir sonst innig verbunden sind, ab. Wir wollen

etwas weniger Gewalt geben, wo es möglich ist, sie zurückzuhalten;

wir wollen wenigstens die Noth an uns herantreten lassen, ehe wir

mehr geben. Schließlich ist dann auch unser Vorschlag wohlfeiler, und

wenn wir auch zugeben, daß bei dem, was nothwendig ist, es sich nicht

darum handelt, einen verhältnismäßig geringen Betrag an Kosten zu

sparen, so müssen wir doch, indem wir die Nothwendigkeit bestreiten,

auch diese Seite ins Auge fassen, besonders in dem Augenblicke,

wo das ganze Volk unter dem gewaltigen Eindruck der letzten Zeit

seufzt, und wo die Noth herrscht von einer Grenze des Vaterlandes bis

zur andern. Die Freiheit der Wahl durch diese Versammlung ist das

zweite Princip, für das wir die namentliche Abstimmung beantragen

werden. -- Meine Herren! Man hat uns im Laufe der Zeit vielfach

auf die Revolution hingewiesen; man hat uns ermahnt, ihren Schlund

zu schließen, und uns gesagt, wir eilten der Schreckensherrschaft

entgegen. Aber vergessen Sie doch nicht, daß wir in der Revolution

stehen, und lassen Sie den Mann, der von verschiedenen Seiten

hier citirt wurde, ich meine Mirabeau, Ihnen sagen: „Es ist die

kindischste Thorheit, sich dem einmal rollenden Wagen der Revolution

entgegenstemmen zu wollen; man kann nur muthig auf ihn springen und

ihn zu lenken suchen oder man muß sich von ihm zermalmen lassen.“

Gewiegte Diplomaten, gewissermaßen grau geworden in der Sphäre ihres

Berufs, haben wenige Wochen vor dem Februar verkündigt, der Thron

Louis Philipp's stehe fest wie Eisen, und wenige Wochen später war

er zersplittert. Glauben Sie nicht, daß, wenn Sie einen Deckel legen

da oben auf den Krater oder auf den Abgrund, den Sie schließen zu

können behaupten, er damit auch wirklich geschlossen sei. Man sagt:

die Weltgeschichte wiederholt sich nicht, und doch wiederholt sie

sich so sehr. Unsere Zustände werden von Tag zu Tag denen von 1789

ähnlicher. Sehen Sie die Meinung in den einzelnen Truppencorps bei

uns, sehen Sie dieses -- Drängen möchte ich sagen nach äußerem

Krieg, sehen Sie das Bestreben, die thatsächlich zerfallene Gewalt

wieder herzustellen, sehen Sie die furchtbare Besetzung der Grenze,

wohin sich die Liebe und die Sympathie des Volks wendet, weil dort

die Freiheit wohnt; dagegen die -- Vernachlässigung möchte ich fast

sagen, wenigstens die unbegreifliche Schutzloslassung der anderen

Seite, wo die Tyrannei wohnt, und wo sich des Volkes Haß und Furcht

hinwendet. Sehen Sie ferner die beständigen Mahnungen daran, diese

„junge“ Versammlung solle sich nicht übereilen, und denken Sie dabei

an den Abbé Maury, der seiner Zeit ganz Dasselbe sprach. Alsdann

werden Sie in diesen wenigen Zügen schon die außerordentliche

Aehnlichkeit unserer Zustände mit jenen erblicken. Unsere Aufgabe ist

es, aus der Geschichte zu lernen, nicht ihre Lehren zu mißachten, und

dann können wir es nicht verhehlen, daß die Schreckensherrschaft,

die man uns aufgestellt hat, nicht zu #Paris#, sondern zu #Pillnitz#

und #Coblenz# geboren worden ist, wo man den eitlen Versuch machte,

eine zu Grunde gegangene Gewalt wieder herzustellen. (Zuruf von der

Linken: Sehr wahr!) Wir können uns nicht verhehlen, daß das Veto

den 10. August und den 21. Januar heraufbeschworen hat; Ludwig XVI.

ist am #Veto# zu Grunde gegangen und die Nation hat es im ersten

Augenblicke gefühlt, daß dort der wunde Fleck lag, denn von dem

Ausspruche an hieß er nur Veto. (Links: Bravo!) Lassen Sie diese

Lehre der Geschichte nicht vorübergehen. Wahrscheinlich vermögen

wir noch der Revolution, die thatsächlich da ist, eine andere

Bahn zuzuweisen, wenn wir ihr gerecht werden. Man hat gestern die

Freiheit verglichen mit der Liebe zum Weibe, und eine Zeitung unseres

Nachbarstaates, eine französische, hat es jüngst behauptet, das

deutsche Volk sei zu alt geworden, um in kühnem Griffe, in männlicher

Umarmung sich die holdeste Braut: die Freiheit, zu erobern und sie

unzertrennlich an sein Herz zu drücken. Man hat gesehen, daß die

Schrecken einer einzigen Nacht die Haare bleichen, und den Menschen

zum Greise machen können. Wie sollte das Herz eines Volkes nicht

abstumpfen können unter einer dreißigjährigen Tyrannei, wie sollte

es nicht alt werden unter der Knechtschaft eines Menschenalters!

Aber auch das alte Herz kann lieben, und es liebt inniger, wenn auch

ruhiger als das junge, weil es das Bewußtsein in sich trägt, daß der

Liebesfrühling ihm nur noch #einmal# kommt. Es wird für die Erkorene

in die Schranken treten, nicht mit der Aufwallung des Jünglings, aber

mit der vollen Kraft des reifen Mannes. Ueberliefern Sie die Braut

des besonnenen deutschen Volkes nicht ihrem ärgsten Todfeind: #der

Gewalt!# (Von allen Seiten: Bravo! Klatschen auf den Gallerien.)“

Noch am nämlichen Tage fiel die Entscheidung: nicht im ursprünglichen

Sinne der Mehrheit, nicht in dem der Minderheit. Gagern that seinen

berühmten „kühnen Griff“, indem er sagte: „wir müssen die Centralgewalt

selbst schaffen“ -- damit sprach er eigentlich nur dasselbe aus,

was der Antrag Blum-Trützschler auch an die Spitze stellte. Der

„langanhaltende stürmische Jubelruf“[181], welcher das entscheidende

Wort Gagern's begleitete, daß die Centralgewalt vom Parlament selbst

geschaffen werden müsse, ward auch von der Linken erhoben. Sie bedurfte

gar nicht erst der Erläuterung, die Gagern diesen seinen Worten gab:

„Man wird mir nun nicht mehr den Vorwurf machen können, als habe ich

das Princip der Souveränität der Nation aufgegeben.“ Aber darüber

war nicht blos die Linke betroffen, darüber waren selbst Gagern's

nächste Freunde bestürzt gewesen, als er ihnen von seinem Plan Kunde

gegeben: daß er sich als den #einen Reichsverweser#, den er statt des

Directoriums vorschlug, den Erzherzog Johann von Oesterreich denke. Die

Linke und das linke Centrum hatten gehofft, Gagern selbst, der Träger

der Souveränität des Parlaments, werde die Stelle des Reichsverwesers

annehmen. Der Name des Erzherzogs wurde freilich von Gagern nicht

genannt. Aber alle Welt wußte, wer unter dem „Fürsten“ zu verstehen

sei, dem er die Würde des Reichsverwesers übertragen wollte. Galt doch

dieser „Fürst“ dem damaligen Geschlecht als der Einzige unter den

Dreien, die früher zu dem Triumvirat der „drei Onkel“ ausersehen waren,

als der Einzige, der für sich allein regierungsfähig sei.

Die Hauptlegitimation zu dem schweren Beruf, den man dem Erzherzog

zudachte, bildete ein Toast, den er nie gehalten hat. Seine Leistungen

als österreichischer Vicekaiser waren bei Lichte besehen von höchst

zweifelhaftem Werthe. Er übte schon damals kunstvoll die Tugenden, die

ihn in Frankfurt auszeichneten: die unvergleichliche Fähigkeit, Jeden

bürgerlich-treuherzig anzubiedern; nichts zu sagen in Worten, denen

Jeder die gewünschte Deutung unterlegen konnte; hinzuhalten, bis seine

Getreuen die Zeit des Handelns gekommen erachteten. Wer vom Standpunkt

des heutigen Geschlechts aus den Gang der Geschichte jener Jahre

überblickt, der muß mit Nachdruck aussprechen: der kühne Griff Gagern's

war ein ungeheurer Mißgriff, insofern er die Deutschen Geschicke in die

Hand eines habsburgischen Prinzen legte. Das Scheitern der deutschen

Bewegung und ihres Verfassungswerkes ist diesem Mißgriff in erster

Linie zuzuschreiben. Aber freilich, Biedermann hat Recht: „das Tadeln

ist hier leichter, als das Bessermachen“.[182] Niemand, am wenigsten

die Linke, konnte damals den Charakter des Mannes übersehen, sein

Verhalten der Nationalversammlung gegenüber im Voraus ermessen. Von

Blum insbesondere sollen höchst irrige Urtheile über den Reichsverweser

noch mitgetheilt werden. Er nannte ihn nur den „Reichsvermoderer.“

Er würde vielleicht jeden andern Fürsten an dieser Stelle auch so

genannt haben. Dahlmann, der das Ziel der ganzen Parlamentsarbeit, das

preußische Erbkaiserthum, schon seit April klar und fest in seinem

Verfassungsentwurf vorgezeichnet hatte, war verdrossener als je über

Gagern's kühnen Griff. Unentwegt durch das stürmische Hochrufen am

Schlusse von Gagern's Rede, hatte er nach ihm die Tribüne bestiegen und

sich trotz aller Unterbrechungen Achtung und Gehör erzwungen. Freilich

stimmte auch er später für den Erzherzog.

Schließlich war es doch auch nicht zum geringsten Theile die

allgemeine tiefe Ermüdung nach einer Woche aufregender Debatten über

die Centralgewalt, welche Gagern's Vorschlag so rasch zum Siege führte.

Schreibt doch selbst Blum, der nervenlose, unermüdliche Kämpfer, schon

am 22. Juni an die Frau: „das heißt leben, aber auch sich #aufleben#.“

Und am 25. Juni: „Liebe Jenny. Das waren schwere, schwere vierzehn

Tage; die schwersten, die ich je erlebt habe. Von Sonnabend den 10. bis

Mittwoch 14. in unermeßlicher Fest- und Reiseanstrengung, von Mittwoch

an bis heute in Arbeit. Berge von Stößen haben sich aufgehäuft, aber

bei einer halbtägigen Pause am Donnerstage, wo hier Frohnleichnamsfest

war, vermochte #Niemand# etwas zu thun, wir #mußten# ruhen und

flegelten uns im Garten herum.“ Die Wahl des Reichsverwesers erfolgte

indessen doch erst am 29. Juni. Jeder Paragraph des Gesetzes über

die provisorische Centralgewalt bot Anlaß zu heftigem Parteistreit,

namentlich die Unverantwortlichkeit des Reichsverwesers. Die

Weigerung Dahlmann's, des Berichterstatters, auf Biedermann's Frage

zu antworten: „ob hier eine ganz allgemeine oder nur eine politische

Unverantwortlichkeit gemeint sei?“ führte bei der Abstimmung sogar zu

einer Spaltung des linken Centrums. Einmal, als Heckscher die Linke

durch eine Bemerkung beleidigte, die wenigstens dahin gedeutet werden

#konnte#, daß die Linke ihre Anträge von der Gallerie beklatschen

lasse, ehe das Parlament sie kenne, drohte das ganze Parlament in

wildem Spektakel auseinanderzufahren. Die Sitzung (26. Juni) mußte

aufgehoben werden, da der Vicepräsident v. Soiron nicht die zur

Bändigung dieses Sturmes erforderliche Kraft besaß. Gerade in diesem

Augenblicke wäre das Ansehen des Parlamentes und seiner Beschlüsse

durch eine Terrorisirung der Minderheit und einen etwaigen erzwungenen

Austritt derselben schlimmer als je geschädigt worden. Deßhalb begannen

gleich nach der Sitzung am 26. Juni Vergleichsverhandlungen zwischen

den Parteien, die in der Nacht zu einem Abschluß führten. Heckscher gab

eine versöhnliche Erklärung, dann folgte Robert Blum, der Namens seiner

Partei erklärte:

„Wir ziehen zurück, was wir zurückziehen können; wir unterwerfen

uns der Entscheidung dieser Versammlung, sofern sie innerhalb der

Schranken des selbstgegebenen Gesetzes erfolgt. Wir erkennen die

thatsächlich bestehenden Regierungen an, und soweit sie der Neuzeit

treu sind und auf dieser Grundlage sich ihr Selbstbestehen erhalten,

mögen sie bestehen. Wir reichen die Hand zur Versöhnung, nicht für

jetzt nur; für immer Versöhnung auf dem Boden des Gesetzes und

Versöhnung auch auf dem Boden der Vereinbarung. Denn das ist das

einzige Mittel, wodurch man sich mit einander vereinbaren kann, wenn

die Vereinbarung heilig und unverletzlich ist. (Großer Beifall von

allen Seiten[183].“

Bei der Abstimmung über die Person des Reichsverwesers stimmte Blum

mit 81 seiner Freunde für Itzstein, 52 andere für Heinrich von Gagern.

27 Abgeordnete der äußersten Linken enthielten sich der Abstimmung.

Erzherzog Johann wurde gewählt mit 436 Stimmen. Unmittelbar nach der

Wahl erklärte Gagern: „Ich proclamire hiermit Johann, Erzherzog von

Oesterreich, zum Reichsverweser über Deutschland.“ Dreimaliges Hoch

der Versammlung und der Gallerie erhob sich, alle Glocken läuteten

und Kanonensalven erdröhnten. Und in dieses feierliche Getöse sprach

Gagern die Worte, die so wenig zur Wahrheit werden sollten: „Er bewahre

seine allezeit bewiesene Liebe zu unserem großen Vaterlande, er sei

der Gründer unserer Einheit, der Bewahrer unserer Volksfreiheit, der

Wiederhersteller von Ordnung und Vertrauen.“

Die Deputation, welche den Reichsverweser in die Paulskirche am

12. Juli einzuführen hatte, wurde durch das Loos bestimmt: durch

die Ironie des Zufalls wurde auch Blum ausgeloost. Aus diesen

Tagen der Kämpfe und der Einsetzung des Reichsverwesers schrieb

Blum die folgenden Briefe nach Hause, die gewiß noch heute nicht

ohne allgemeines Interesse sind, besonders wichtig aber für seine

Charakterzeichnung, seine Beurtheilung:

Der Schluß des schon oben angeführten Briefes vom 25. Juni an seine

Frau lautete: „Ueber die Reise der Linken schreibe ich nichts

mehr, Du hast sie ja gelesen; nur war das Bild schwach, weil sich

meine Feder sträubte, niederzuschreiben was mir selbst widerfuhr

und doch sich alle Huldigungen eben auf mich -- den Führer --

wendeten. Wenn Du besorgst, diese und besonders die der Frauen

möchten mich schwindlich machen, so kannst Du deshalb ruhig sein.

Zwar sind die Frauen allerdings fanatisch hier im Süden und ihre

Theilnahmsbezeugungen steigen bis zu Unglaublichem. Bei einer

lebendigen Verhandlung, einem entschiedenen Auftreten nimmt das

Klatschen, das Wehen mit Tüchern, das Zuwerfen von Blumen und

Kußhändchen, oder die Uebersendung von Bouquets oft gar kein Ende.

Und das geschieht offen, ohne Prüderie, Allen sichtbar, oft unter

rasendem Beifall der Gallerie und die ganze Nationalversammlung

platzt vor Aerger, denn es hat es noch keine andre Seite, noch

#Niemand# zu einem derartigen Zeichen gebracht als wir. Als ich

jüngst über die Centralgewalt sprach und am Schlusse sehr ernst

und feierlich wurde, schwamm das Frauenauditorium in Thränen und

schluchzend streckte man mir hundert Hände entgegen, als ich

herab kam. Das ist ein schönes Zeichen, aber vor Eitelkeit, d.

h. persönlicher bewahrt mich 1) jeder Blick in den Spiegel, der

mir sagt, daß ich nicht schön und 40 Jahre alt bin, 2) das klare

Bewußtsein, daß es nicht dem #Manne#, sondern dem #Parteiführer#

gilt und ich also stets mit meinen Getreuen theilen muß, wobei mir

sehr wenig bleibt. Kommt der Mangel an Zeit dazu, der mir jede

Bekanntschaft in Familien unmöglich macht und mich gegen die wenigen,

die ich gemacht habe, #zwingt unartig# zu sein, so bleibt die Sache

rein politisch und da ist sie allerdings ein gewaltiger Hebel, gegen

den Du nichts haben wirst. Ging es doch dem alten, häßlichen Mirabeau

gerade so; hoffentlich werde ich demselben in andrer Beziehung nicht

ähnlich“ u. s. w.

Am 19. Mai, am Tage nach der Eröffnung des Parlaments, hatte Blum ein

Schreiben von Haubold in Leipzig erhalten, das eine Anweisung auf

350 Thaler enthielt -- das Resultat einer verschwiegenen Sammlung

wohlhabender Leipziger Bürger, um den Abgeordneten Leipzigs für seine

finanziellen Opfer zu entschädigen. Blum antwortete darauf am 5. Juli

an Haubold:

Mein theurer und verehrter Freund!

„Dem Schreiben vom 17. vorigen Monats, welches ich wie Du weißt

erst jetzt erhalten habe, hat mich zu gleicher Zeit hoch erhoben

und tief beschämt: hoch erhoben, denn in dem Sturm der Revolution,

in dem wirren Treiben der Parteikämpfe, welche sie nothwendig mit

sich führt, ist die Anerkennung edler Menschen doppelt wohlthuend,

ermunternd und anspornend; -- tief beschämt, weil Du mir im Namen so

vieler edeln Männer eine so große und werthvolle Gabe bietest (groß

und werthvoll besonders durch den Sinn der Geber!) die nicht verdient

zu haben ich nur zu sehr fühle. #Ich habe nur meine Pflicht gethan#,

das mir vom Schöpfer verliehene Pfand verwendet zum Besten meiner

Mitmenschen, wie es meine Schuldigkeit war und die mir verliehene

Kraft gebraucht, wohin sie gehörte. Haben meine Mitbürger in der

Nähe und Ferne mich dafür weit über Gebühr ausgezeichnet, so wurde

mir diese Auszeichnung weniger durch eigenes Verdienst als durch

das fluchwürdige Bestreben des gestürzten Systems zu Theil, die

Pflichterfüllung für das Vaterland zu hintertreiben und zu ächten,

und diese in einem durch Bevormundung entarteten Geschlecht zur

Seltenheit zu machen. Die Neuzeit wird edlere Kräfte lösen und auf

den Schauplatz rufen; und dessen wird sich Niemand inniger und

herzlicher freuen, als ich.

Nehme ich nun die mir gebotene Gabe mit Beschämung und innigster

Dankbarkeit an, so betrachte ich dieselbe doch nur als ein Darlehen,

als eine heilige Schuld, die ich dem Vaterlande abzutragen habe. Und

ich kann sie nicht besser abtragen, als wenn ich dem Vaterlande, der

Freiheit, der Verbesserung der politischen und socialen Zustände

meine Kraft, mein Wirken, mein Leben, mein Gut und Blut widme, wo und

wie es nöthig ist. Das zu thun aber gelobe ich Dir und allen edeln

Männern und Mitbürgern hiermit auf's Feierlichste, und versichere,

daß es der schönste Augenblick meines Lebens sein wird, wo Du mir

die Hand reichen und sagen kannst: Blum, Du hast einen Theil Deiner

Schuldigkeit getilgt[184].

Wenn ich Dich nun bitte, der Dolmetscher meiner Gefühle zu sein,

wie Du der Vermittler warst bei der mir bereiteten Freude, so mache

ich noch eine hohe Forderung an Dein Herz. Bewahre mir, soweit Du

kannst, das Vertrauen und die Achtung meiner Mitbürger, welche

zu untergraben man leider! sehr bemüht ist. In Zeiten, wie die

unsrigen, wo die Woge der Bewegung steigt und fällt, mit derselben

aber die Parteien und ihre Führer und Glieder bald im Lichte,

bald im Schatten stehen, ist es nicht möglich #jeden einzelnen

Schritt# als Maßstab der Beurtheilung für einen Abgeordneten

anzunehmen; es ist ungerecht, unedel und unbillig auf Einzelheiten

hin Verdächtigungen und Schmähungen auszustreuen. Obgleich ich nun

#nie einen Schritt# gethan, dessen strengste Beurtheilung ich von

unbefangenen Beurtheilern zu scheuen hätte, so ist es doch keine

unbillige Forderung, daß man mein Wirken als #ein Ganzes#, in seiner

Gesammtheit beurtheile, daß man meine #eigenen# Worte und meine

#eigenen# Handlungen zu Grunde lege, nicht die Entstellungen und

Verdrehungen, die man in Sachsen gegen und über mich verbreitet.

So empfiehl mich denn herzlichst allen Betheiligten und bringe ihnen

meinen Gruß und Handschlag bis ich selbst Gelegenheit haben werde,

ihnen Rechenschaft über mein Thun abzulegen. Du aber erhalte mir

ferner Deine Liebe und Freundschaft und empfange den herzlichsten

Gruß von Deinem treu ergebenen Robert Blum.“

Um dieselbe Zeit (einige Tage früher, ohne Datum) schrieb er an die

Frau:

„Daß ich in Leipzig fehle, sehe ich allerdings sehr gut ein; aber es

geht nicht anders und es wird auch jetzt nicht viel verloren dort.

Sollte es nöthig sein, dort wieder Boden zu gewinnen, so kann das

bald geschehen. Leipzig ist doch sehr erbärmlich; diese kleinlichen,

gemeinen Häkeleien auf den Abgeordneten, sind in der ganzen Welt,

in keinem Blatte Deutschlands so, wie in Leipzig. Und diese

theewässerigen, fischblutigen, juchtenledernen Vaterlandsblätter,

die wir noch zur Hälfte von hier aus füttern, haben nicht soviel

Muth und Gefühl, daß sie diese Gemeinheit nur einmal geißeln. Wir

hier schämen uns unseres Blattes und unserer Freunde, daß sie dieser

Unverschämtheit der Biedermänner[185] gegenüber nichts, nichts thun,

und Günther und ich werden uns nächstens von den Vaterlandsblättern

lossagen. -- Friese's Krankheit hat sich, wie ich höre, wieder

gebessert; aber er wird nicht wieder zu fester Gesundheit

kommen[186], wie ich höre. Was meine Geschäftsverhältnisse betrifft,

so ist unser Buchhandel todt und es wird lange Zeit brauchen ehe

er wieder auflebt. Ich weiß nicht, was ich anfangen soll, wenn ich

zurückkehre; doch daran ist #jetzt# nicht zu denken“ u. s. w.

Am 5. Juli schrieb er der Gattin wieder:

„Liebe Jenny. Also Du bist immer noch krank[187]. Das dauert ja sehr

lange diesmal. Nun, Dein Bleistiftbriefchen beruhigt mich wenigstens,

daß es besser geht. Mache nur, daß Du gesund, und völlig wieder

dem Haushalt und den verwaisten Kindern zurückgegeben wirst. Uns

geht es ziemlich schlecht, die Mehrheit wird alle Tage frecher und

unverschämter, steckt mit den Regierungen unter einer Decke, spielt

in und mit der Versammlung Comödie und treibt ihren Verrath ziemlich

offen; es ist ganz 1789. Ob die Menschen niemals an 1793 denken?

Wie unangenehm die Stellung nur sein mag, so muß sie doch ertragen

werden und wir sind auch guten Muthes und donnern nur um so mehr

los. Die gemeinen, kleinlichen, erbärmlichen Umtriebe in Leipzig nur

ärgern mich, ärgern mich deßhalb, weil in keiner Stadt, in keinem

Orte (wir haben hier alle Zeitungen) eine solche Jämmerlichkeit zur

Schau getragen wird, wie dort. Wäre ich dort und es geschähe einem

Andern, ich würde dieses Gesindel geißeln nach Herzenslust; unsere

Leute aber regen sich nicht einmal gegen .... Lügen, die sie durch

die stenographischen Berichte klar beweisen können. Mögen sie! --“

In der Nacht vom 15. zum 16. Juli schreibt er an dieselbe:

„-- -- Leider bemerke auch ich, wie die Vierteljahre enteilen.

Bereits ist der längste Tag vorüber und ich habe vom Sommer nichts,

gar nichts gemerkt, als daß die Hitze in der Paulskirche und in den

Commissionslocalen unerträglich ist und mir oft nur alle 8 Tage Zeit

bleibt, einmal zu baden. Wir müssen wirklich große Opfer bringen an

Kräften und Wohlsein; und wenn sie nur nutzten! Aber gegenwärtig

geht es sehr schlecht, der Wahnsinn glaubt jetzt, der Reichsverweser

bringe die goldene Zeit und denkt nur an ihn. Aber der Rückschlag

wird und muß auch kommen und dann wollen wir thätig sein. Wenn der

Herbst kommt, wendet sich die Sache. -- Also werde gesund und bewahre

mir die armen Kinder! Aber die entbehren mich wohl gar nicht mehr?

Warum muß man so arm sein, daß man dieselben gar nicht sehen kann!

Doch ich komme jedenfalls in einiger Zeit einmal nach Hause und wenn

es auch nur auf einige Tage ist. Lebt alle recht wohl und nehmt Gruß

und Kuß von Eurem Robert.“

Am 19. Juli endlich schreibt er an dieselbe:

„Liebe Jenny! Eben komme ich vom Hofe und benütze die Minuten, die

mir bleiben, dazu, Dir wenigstens dieses Zettelchen zu schreiben.

Den Halloh, Spectakel und officiellen Jubel kannst Du aus den

Zeitungen lesen; aber wahrscheinlich hast Du trotz allem Jubel den

Reichsverweser und Vermoderer nicht gesehen und ich muß Dir also

melden, daß er ein so erdiges, abgelebtes, todtes, regungsloses

Gesicht hat, daß es den übelsten Eindruck macht und jedes Fünkchen

Hoffnung, welches sich an ihn knüpfte, vernichtet hat. Im

Privatverkehr ist er ein achtungswerther, liebenswürdiger Mensch, der

aber in jedem Worte zeigt, daß er eben nur in's Haus taugt, nicht

in's politische Leben. Es ist entsetzlich, daß man diesem Menschen

Deutschland vertrauen will; allein Bestand kann die Sache nicht

haben, oder vielmehr, er kann nur eine unbedeutende Puppe sein, die

aber hemmt auf Schritt und Tritt. Daß mich das Unglück getroffen hat,

ihn heute Morgen becomplimentiren zu müssen, wirst Du schon wissen;

es war ein schweres Opfer, welches der Partei gebracht werden mußte,

aber es hat mir auch wieder den Vortheil gebracht, den armseligen

Menschen in der Nähe zu sehen und mich zu überzeugen, daß er ein

wirklicher Vermoderer ist. Das Ministerium, welches wahrscheinlich

morgen an den Tag kommt, wird rein reactionär, aber die Ministerien

dauern jetzt nur vier Wochen. -- Wie werden unsre armen Kinder

verlassen sein jetzt! es wird mir doch manchmal recht sauer hier zu

bleiben, so ununterbrochen hier zu bleiben und ich muß mich förmlich

von dem Gedanken losreißen. Geht es so fort, so gehe ich jedenfalls

einmal auf 8 Tage nach Haus. -- Lebe wohl, liebe Frau, grüße die

Kinder und sei auch Du herzlichst gegrüßt von Deinem Robert.“

Robert Blum: Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk · 第 45 / 85 题