Diese Wahl war in Leipzig trotz aller Fehler der Freunde fast
einstimmig gelungen. Die Gegner vom Deutschen Verein hatten nur einen
Zählcandidaten aufgestellt; die radicalen Vereinchen wagten sich mit
keinem Candidaten an's Tageslicht.
So war denn Robert Blum, als Abgeordneter der Stadt seines
Manneswirkens, unter jenen 330 Männern, welche am 18. Mai im Römer
zu Frankfurt zusammentraten und nun in feierlichem Zuge, entblößten
Hauptes, über den Römerberg und die Neuekräme nach dem nördlichen
Hauptthore der Paulskirche zogen. Der reiche Schmuck und der
patriotische Jubel Frankfurts, welcher das Vorparlament schon auf
seinem Wege nach St. Paul begleitete, erreichte nun seinen Höhepunkt,
da die Deutsche Nationalversammlung zusammentrat. Von ihr hoffte
man in wenigen Monaten die Deutsche Staatsverfassung bescheert zu
erhalten. Auch die meisten Abgeordneten hatten sich auf keinen längeren
Aufenthalt in Frankfurt eingerichtet[150].
Am folgenden Tag (19. Mai) fand die Wahl des Präsidiums statt. Von 397
Abstimmenden wählten 305 Heinrich v. Gagern. Die Linke gab ihre 85
Stimmen für v. Soiron ab, da er im Vorparlament die Volkssouveränität
proclamirt, den Fünfzigerausschuß geleitet hatte. Geschickt wußte
Gagern den Gefühlen seiner Gegner Rechnung zu tragen, indem er auch
seinerseits die Souveränität des Volkes, die alleinige Befugniß
der Nationalversammlung zur Schaffung einer Deutschen Verfassung
verkündigte, als er das Präsidium übernahm. „Der Beruf und die
Vollmacht, eine Verfassung für das ganze Reich zu schaffen, hat die
Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit in unsere Hände gelegt,
daß es auf anderem Wege zu Stande kommen könne. Die Schwierigkeit,
eine Verständigung mit den Regierungen zu Stande zu bringen, hat das
Vorparlament richtig vorgefühlt und uns den Charakter einer constit.
Versammlung vindicirt. Deutschland will Eins sein, regiert vom Willen
des Volkes, unter Mitwirkung aller seiner Gliederungen. Diese
Mitwirkung auch den Staatsregierungen zu erwirken, liegt im Berufe
dieser Versammlung.“ Durch diese klugen Worte beseitigte Gagern einen
Sturm, der schon in der Eröffnungssitzung am 18. Mai ausgebrochen wäre,
wenn das Parlament damals schon -- eine Geschäftsordnung besessen
hätte. Die Bundesversammlung hatte nämlich das Parlament am 18. Mai
durch einen schriftlichen Glückwunsch begrüßt, der wohl nach Ansicht
des Herrn v. Schmerling, des damaligen Bundespräsidialgesandten,
die Stelle einer Thronrede vertreten sollte. Einige wollten diese
Höflichkeit vom Parlament erwidert sehen. Die Linke erklärte sich
durch Zitz entschieden dagegen, mit dem Bundestag Complimente zu
tauschen. Da wurde der Glückwunsch des Bundestags ironisch zu den Acten
gelegt von der „neuen Größe“, welcher der alte Bundestag grießgrämig
gratulirte. Aber die Worte Gagerns waren auch echt staatsmännisch,
weil sie den Rechtsboden und die Aufgabe des Deutschen Parlaments
klar bezeichneten. Bis zuletzt hatten die Regierungen versäumt, eine
Verständigung mit dem Parlament vorzubereiten. Seit dem 26. April
schon war der Verfassungsentwurf der siebenzehn Vertrauensmänner, mit
denen sich der Bundestag umgeben hatte, dem Bundestag, fast ebenso
lang den Regierungen bekannt. Dahlmann, Albrecht und Droysen hatten
ihn verfaßt; er enthielt die Grundgedanken der Reichsverfassung von
1849, namentlich die erbliche monarchische Spitze. Eine Vereinbarung
der Regierungen über diesen Entwurf bis zum Zusammentritt des
Parlaments wäre daher leicht gewesen. Wie rasch und freudig hätte
dann die monarchische Mehrheit des Parlaments die Verfassungsarbeit
fördern, wie leicht selbst den Boden der Verständigung mit der
Linken finden können in #den# Fragen, über welche überhaupt eine
Verständigung möglich war, und über welche sie in der That auch später
unter so viel schwierigeren Verhältnissen stattgefunden hat. Aber
nicht eine einzige Deutsche Regierung hat sich bis zum 18. Mai über
den Siebzehner-Entwurf geäußert. Die vertraulichen Briefe, die vom
Prinzen und vom König von Preußen in der Zwischenzeit an Dahlmann und
A. über den Entwurf einliefen, entzogen sich naturgemäß öffentlicher
Mittheilung und durften nur als die Ansicht höchstgestellter
Privatleute gelten. Mit Recht äußerte sich Dahlmann später einmal:
„Die Bundesversammlung sprach sich selbst das Todesurtheil, indem sie
über die Verfassung der Siebzehn, die ihr seit Wochen vorlag, kein
Urtheil wagte, ihr eigenes Verhältniß zur Nationalversammlung mit
keiner Silbe bezeichnete, sich begnügte, dem Parlament einen völlig
inhaltsleeren Glückwunsch zuzuschicken. Das hieß die Versammlung
herausfordern, ihre Machtvollkommenheit unbedingt festzustellen.“ Und
Bunsen schrieb: „Die Fürsten versäumten, sich zu verständigen, ehe das
Parlament zusammentrat, um ihm als Regierung gegenüberzutreten. War
dies Kurzsichtigkeit oder Hinterlist?“
Die Linke war sehr geneigt, dieses Verhalten der Regierungen von
der schlimmsten Seite aufzufassen. Bedenkliche Symptome anderer Art
schienen hierfür zu sprechen, die sie aufmerksam verfolgte. Die Linke
war (neben der rein landsmannschaftlichen Vereinigung der Oesterreicher
unter Schmerling) bei Beginn des Parlaments die einzige organisirte
Partei, unbestritten war in ihr Blum's Führerschaft. Sie versammelte
sich im „Deutschen Hofe“. Die Kosten für die Beschäftigung des
Parlaments hat in den ersten Wochen die Linke fast ausschließlich
getragen. Man kann daher ermessen, welche Arbeitslast ihrem Führer
in diesen Wochen zufiel, in denen er gleichzeitig in dem wichtigsten
Ausschusse des Parlaments, dem Verfassungsausschuß, eine hervorragende
Rolle spielte und der Commission angehörte, welche das Parlament zur
Untersuchung der Mainzer Wirren entsendete; nebenbei war dann noch
das Organ der Partei, die „Deutsche Reichstagszeitung“ zu gründen,
zu redigiren und mit Stoff und ständigen Mitarbeitern zu versorgen.
Nur eine so unverwüstliche Natur, wie die Robert Blum's, konnte
diese Arbeitslast bewältigen. Schon am 10. Mai hatte er an die Frau
geschrieben: „Diese Zeilen seien Dir nur ein Zeichen liebender
Erinnerung, denn ich muß von heute an eine Zeitung schreiben, die ich
der Partei gegründet habe. Bis unsere Leute, hoffentlich recht bald,
kommen, muß ich dies allein und das ist eine furchtbare Aufgabe.“ Am
19. schrieb er:
„Liebe Jenny. Der Sturm hat seit vorgestern wieder begonnen und Nacht
und Tag vermengen sich bei uns in der sonderbarsten Weise. Erwarte
daher jetzt keine #Briefe#, ab und zu ein Zettelchen sollst Du haben.
Georg (Günther), Schaffrath und ich -- wir wohnen jetzt zusammen
in einer prächtigen Wohnung mit schönem Garten und bezaubernder
Aussicht. Georg ist der unerbittliche Wecker, wenn wir morgens oft
nur zwei, höchstens drei Stunden geschlafen haben. Denn #frühestens#
kommen wir 1 Uhr nach Hause und stehen um 4 Uhr wieder auf. Geld
(Diäten vom Fünfzigerausschuß) haben wir noch nicht bekommen, sonst
würde ich Dir senden; indessen hoffe ich in den nächsten Tagen
darauf. Bis dahin wirst Du wohl reichen. Sieh in den Steuerbüchern
nach, wenn Steuern zu bezahlen sind, damit das nicht versäumt
wird; nur etwaige #Kirchensteuer#, d. h. für die römische Kirche,
bezahle nicht. Bleibe recht gesund und munter, wenn Ihr könnt, so
schlaft etwas für mich, denn ich erhalte jetzt meinen Bedarf nicht.
Herzlichen Gruß und Kuß Dir und den Kindern.