Blum.“

Am bittersten aber schreibt Blum über diese heillose Verwirrung, welche

einige der besten Freunde angerichtet hatten, am 9. Mai an die Gattin:

„Liebe Jenny. Du meinst, meine Freunde hätten gethan, was sie können.

Ja, das haben sie, d. h. um mich vom Reichstag auszuschließen und

mich dazu zu blamiren. Als man mir aus Reußen die Wahl antrug,

schrieb ich nach Leipzig und sagte: sie möchten über mich verfügen,

Leipzig oder dort, nach ihrem Ermessen und Bedürfniß, sie könnten in

meinem Namen Antwort und Erklärungen abgeben, wie sie wollten. Nach

Reußen schrieb ich #zusagende# Briefe, legte sie nach Leipzig ein und

sagte, man möge sie absenden oder zurückhalten nach Ermessen. Diese

Briefe sind ohne Berathung, ohne Plan, ohne daß man nur sich darüber

ausgesprochen hat, abgeschickt worden. Das einzige aber, was ich

mir am 23., 24. und 25. April nach einander erbat, eine #umgehende#

Antwort über ihre Absichten und ihre Pläne, hatte ich am 1. Mai noch

nicht, habe ich #heute# noch nicht. So brachten mir die #Zeitungen#

erst die Kunde, ich sei in Reußen gewählt und Knoch und A. schrieben

mir dasselbe. Darauf ging ich am 1. Mai in die Versammlung hier und

das verdarb nun Alles. Denn jetzt erst hörte ich, daß man mich auch

durch die Leipziger Wahl schleppe. Unsinniger Weise aber hatte man

mich in Reußen #dreimal zusagen# lassen. Wäre die Sache günstig

in Leipzig, so müßte ich durch die unbegreifliche Absendung der

zusagenden Briefe dort den Freunden #wortbrüchig# werden. Aber es

ist in Reußen ebenfalls nichts, denn es muß dort wegen falscher

Anordnungen auf's Neue gewählt werden, und bin ich in Leipzig

durchgefallen, so falle ich dort nun auch durch, da die Abstimmung

sich ändert und das böse Beispiel Leipzigs wirkt. Aber das ist

nicht genug. Während man in Leipzig noch zu siegen meint, schreibt

man auch einen Bettelbrief an's Voigtland und giebt sich dadurch

selbst das Zeugniß, daß man an den Sieg nicht glaubt. Jetzt wird man

mich wahrscheinlich noch mit Uebereilung in einigen Wahlbezirken

vorschlagen und ebenfalls durchfallen lassen, und dann kehre ich

mit 3-4 Niederlagen geschändet zurück und man lacht mich aus. Man

läßt Biedermann wählen und erst dann denkt man daran, daß es gut

gewesen wäre, mich zu rufen. Der Vaterländische Verein ist zu Grunde

gerichtet, ist eine Beute Semmig's[149] geworden, weil man sich mit

leerem Formenkram herumschlägt, selten sich bespricht, dann um halb

10 Uhr anfängt und sich bis nach Mitternacht um Nichts streitet.

Die fähigsten Menschen „haben keine Zeit“ und gehen gar nicht hin,

andere gehen hin, sind aber laß und pomadig. Und hätte man nun noch

den Verein aufgelöst oder gesprengt, so war's doch ein ehrenvoller

Tod; aber nein, man läßt ihn elendiglich an Auswüchsen und an der

Schwindsucht sterben zum Hohn und Spott der Gegner. Kurz, Alles was

seit langen Jahren so sehr mühsam gepflanzt wurde und nun mächtig

aufgeblüht war, das ist in wenig Wochen völlig zu Grunde gerichtet,

und man hat sich die Frucht vor der Nase wegpflücken lassen. --

Was ich in diesen Tagen an Aerger und Wuth verschlungen habe,

das ist unermeßlich. Friese hat mir mit großer Treue #alle Tage#

geschrieben, was ich sehr dankbar anerkenne; aber er hat mir

#seine# Ansicht geschrieben, vielleicht hat er meine Aufforderung,

einen festen Plan zu entwerfen, gar nicht gekannt, sondern in

liebenswürdigem Diensteifer gerade #die# Briefe fortgeschickt, die

nicht fortgeschickt werden durften. -- Nun, die Welt geht auch

ohne mich fort und ich will mich freuen, wenn ich erst die Rückkehr

überwunden habe und dann friedlich im Garten sitze. Die armen Kinder!

wahrscheinlich kommen sie nirgend hin; geh nur einmal mit ihnen auf

die Messe, laß sie auf dem Caroussel fahren und kaufe jedem eine

Apfelsine. Ich war allerdings trüb gestimmt und bin es noch, nicht

wegen dem schweren Stande hier, sondern weil durch das sündliche

Verfahren in Leipzig der Rückhalt weggezogen wird, weil man aus

dem schlechten Feldzuge nicht auf ein sicheres Lager blicken kann.

#Fallen# im Kampfe, das ist nichts, es ist sogar schön, aber ohne

alle Schuld zu Grunde gerichtet werden, das ist abscheulich. Wenn ich

nicht gewählt werde, wie das sehr wahrscheinlich ist, so schickst Du

mir natürlich nichts, ich reise dann sofort ab, um nicht trauriger

Zeuge der Eröffnung sein zu müssen. -- Lebe recht wohl, bleibe

gesund, lasse den Kindern den Zügel nicht zu sehr schießen, bald

werde ich ja wiederkommen und helfen erziehen. Nochmals lebe wohl,

empfiehl mich allen Bekannten als bald Ankommenden und nimm bis dahin

herzlich Gruß und Kuß von

Deinem

9. Mai 1848. Robert.“

Auf der Rückseite:

„Eben erhalte ich die Kunde der Wahl. Lege der Sendung etwas

Visitenkarten bei.

Robert Blum: Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk · 第 42 / 85 题