15. Im Parlament.

(Bis zur Einsetzung der provisor. Centralgewalt.

Mai bis Juli 1848.)

Für Robert Blum waren die letzten Wochen des Fünfzigerausschusses

Wochen schmerzlicher persönlicher Sorge gewesen. Lange Zeit nämlich

war es höchst zweifelhaft, ob der Führer des radicalen Fortschritts in

Sachsen, der Vicepräsident des Vorparlaments und Fünfzigerausschusses,

der Mann, nach dessen Bestimmung zwanzig der sechsundzwanzig

Sächsischen Parlamentssitze besetzt wurden, überhaupt ein Mandat für

die Nationalversammlung erhalten werde! Dieser kaum glaubliche Fall

war lediglich verschuldet durch die Saumseligkeit und Unfähigkeit

der Parteileitung in Leipzig. Denn die „entschiedenen“ Republikaner

des „Republikanischen Klubs“ in Leipzig unter dem Schriftsteller

Oelckers, der „Demokratische Verein“ unter Semmig, der „Volksverein“

unter dem Improvisator Langenschwarz, welcher das Prinzip des rohesten

Demagogenthums vertrat, und alle die übrigen kleinen Abbröckelungen

von Blum's Vaterlandsvereinen waren bis jetzt ohne alle Bedeutung. Die

Broschüre Semmig's „Was thut Noth und was thut Blum?“, die der Bekenner

des großen Grundsatzes „Sociale Reform, aber keinen Communismus“ schon

im März 1848 Blum mit der Absicht der Vernichtung entgegengeschleudert

hatte, war spurlos an der Weltgeschichte vorübergegangen; nicht minder

die neuesten Improvisationen des Herrn Langenschwarz. Selbst der

„Deutsche Verein“, der mit seinem scharf ausgeprägten Programm der

„constitutionellen Monarchie auf breitester demokratischer Grundlage“

und mit seiner Forderung eines „Bundesstaates mit volksthümlichem

Parlament, das ganze Deutsche Vaterland umfassend“, und durch das

Gewicht der Namen seiner Begründer[147] an die besten Kreise der

Leipziger Bürgerschaft und des ganzen Landes sich wendete, stand

damals erst in den Anfängen seiner Wirksamkeit und Ausbreitung.

Aber mit bitterer Sorge mußte Blum in die Zukunft seiner Partei in

Sachsen blicken, wenn jetzt schon, da er kaum einen Monat die Leitung

aus der Hand gegeben, die Führer selbst seine Wahl zum Parlament so

erschwerten, wie dies aus den nachstehenden Briefen erhellt. Der Typus

jener Märzfreisinnigen, welche sich vorläufig unter den Fittichen eines

möglichst populären Volksmannes am sichersten fühlten, und die Deutsche

Einheit auf dem trockenen Wege von Resolutionen, Programmen und

Vereinsgründungen zu verdienen bestrebt waren, der Advocat Dr. Gustav

Haubold in Leipzig, später Vormund von Blum's Kindern, erhob sogar die

Zumuthung gegen Blum, dieser möge ein „politisches Glaubensbekenntniß“

aufstellen. Aus diesen Stimmungen schrieb Blum am 3. Mai an die Gattin:

„Noch immer habe ich von unsern Leuten keine Silbe und weiß nichts über

die Wahl; das ist auch schönes Pack. Aber ich werde mir's merken, komme

ich wieder nach Haus, so werde ich thun, was ich muß, aber mich um

keine Versammlung, keine Veranstaltung und keinen Menschen bekümmern;

ihr Verfahren gegen mich ist zu schmachvoll.“ Am nämlichen Tage

antwortete er Haubold:

„Mein lieber und geehrter Freund! Dein Brief vom 26. v. M. hat mich

sehr erfreut, weil er mir den Beweis bringt, daß Du mir auch in

der Ferne die Theilnahme erhalten hast, die Du mir dort geschenkt.

Bewahre sie mir auch ferner, selbst dann, wenn ich Deinen jedenfalls

wohlgemeinten Rath nicht befolge. Dies ist aber der Fall hinsichtlich

eines Glaubensbekenntnisses. Es ist jetzt zu spät dazu, aber ich

konnte und mochte es auch nicht geben, als es noch Zeit war. Ich

werde mich allezeit zu allen Wahlen anbieten und geschieht dies

irgend, wo man mich nicht kennt, stets den Leuten sagen, was ich

will, damit sie wissen, was sie an mir haben. Aber #jetzt#, in

#Leipzig#, #durfte# ich das nicht thun. Ich will nicht von 16

Jahren meines bürgerlichen, nicht von 8 Jahren meines öffentlichen

und publicistischen Lebens reden, obgleich auch das genügt; aber

#nach# unsern Wirren im März, #nach# der ungehemmten Aussprache in

unzähligen Volksversammlungen, #nach# dem Vorparlament #und der

ungeheuer schwierigen Stellung, welche die nicht revolutionäre

Linke dort hatte#, und #nach# dreiwöchentlichem Wirken im

Fünfzigerausschuß, müßte ich mich selbst herabsetzen, wenn ich den

Leipzigern ein Glaubensbekenntniß gäbe. Wenn mein #Leben# und #Thun#

keine Gewährleistung giebt, wie soll denn mein #Wort# eine geben?

Wenn ich im Leben geheuchelt hätte, würde mir das zweideutige Wort

oder der Bruch des geraden Wortes schwer werden? Gewiß nicht! Wer

ein Glaubensbekenntniß von mir braucht, um sich durch dasselbe zur

Wahl bestimmen zu lassen, der soll mir die Ehre anthun, mich nicht zu

wählen; ich würde es für mein größtes Unglück halten, der Vertreter

solcher Leute zu sein. Nun, ich werde in Leipzig in die Verlegenheit

nicht kommen, wie die Sachen zu stehen scheinen. #Wegen der Republik

sollen die Leute ruhig sein, die bekommen sie nicht; aber die ganze

alte Sauwirthschaft bekommen sie wieder in neuer Auflage#, weil sie

das Michelthum wieder bewährt haben und sich von dem Popanz der

Republik ins Bockshorn und der Reaction in die Arme jagen lassen.

Die constituirende Versammlung wird entsetzlich werden, und der

Spießbürger zu spät einsehen, wie er genasführt wurde. -- Nimm mir,

lieber Freund, die Weigerung nicht übel, ich achte und ehre Deine

Absicht, ich danke Dir für Deine Aussprache, aber Du wirst selbst

einsehen: es geht nicht, es war nicht möglich....

Ueber unsre Sitzungen nichts, die Zeitungen bringen das; sie bringen

zuviel darüber im Vergleiche zum Werthe, daher nur noch die besten

Wünsche u. s. w.

Robert Blum: Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk · 第 40 / 85 题