Robert.“

Zum letzten Mal hatte er in der Heimath, bei Mutter und Schwestern

verweilt.[139] Sieben Monate später waren die Kirchen der Stadt schwarz

verhangen, und Ferdinand Freiligrath sang über den Tod des „Kölner

Kindes“ Blum:

„So redet Köln! Und Orgelsturm entquillt dem Kirchenchore,

Es stehn die Säulen des Altars umhüllt mit Trauerflore,

Die Kerzen werfen matten Schein, die Weihrauchwolken ziehen,

Und tausend Augen werden naß bei Neukomm's Melodien.

So ehrt die treue Vaterstadt des Tonnenbinders Knaben --

Ihn, den die Schergen der Gewalt zu Wien gemordet haben!

Ihn, der sich seinen Lebensweg, den steilen und den rauhen,

Auf bis zu Frankfurts Parlament mit starker Hand gehauen!“

Zwei Tage bevor Blum auf diese amtlichen Reisen sich begab, hatte

Hecker im Badischen Oberlande losgeschlagen. Der Fünfzigerausschuß

hatte schon am 10. April einen Aufruf an die Deutschen in der

Schweiz und Frankreich erlassen, in dem er sie beschwor, nicht mit

bewaffneter Hand nach Deutschland zurückzukehren, da das Parlament

„einzig und allein“ zu berathen habe. Schon damals ging nämlich das

Gerücht, daß Handwerksburschen aus der Schweiz und Frankreich mit

Kanonen (!) an die deutsche Grenze zögen. Dieser Aufruf war ebenso

erfolglos geblieben, wie die zweimalige Sendung von Bevollmächtigten

des Fünfzigerausschusses -- Venedey und Spatz am 14. April nach

Straßburg und zu Hecker, Soiron und Buhl ins badische Oberland am 15.

April. Nun, da der Aufstand losgebrochen war, erließ der Ausschuß am

28. April, immer noch in Blum's Abwesenheit[140] einen „Aufruf an das

badische Volk“, der mit prophetischem Blick den Sieg der Reaction als

die Folge solcher Bestrebungen verkündete, aber ebensowenig fruchtete,

wie jene Delegationen. Diese Verhandlungen würden Blum also gar nicht

berühren, wenn nicht Biedermann an zwei Stellen seiner „Erinnerungen

aus der Paulskirche“[141] behauptete, Blum habe „sich darauf betreffen

lassen, daß er die Schilderhebung Hecker's im Stillen begünstige

und ihr den Sieg wünsche. Damals war es, wo er sich nur ungenügend

und mit einer an ihm nicht gewohnten Heftigkeit vertheidigte.“ Die

„heftig auffahrende Entgegnung Blum's, welche der tödtlichen Kälte

des Angriffs von Mathy gelungen, zeigte nur um so deutlicher, wie

gut der sicher geführte Streit getroffen habe.“ Das soll „in einer

Verhandlung im Fünfzigerausschuß[142]“ vorgekommen sein. Da Hecker

erst am 12. April losgeschlagen hat, Blum aber nun vom 14. bis 26.

April abwesend war, und an der hier einschlagenden Sitzung vom 28.

April nicht theilgenommen hat, so könnte diese Begegnung zwischen Mathy

und Blum nur in die Zeit nach dem 28. April bis 18. Mai fallen[143].

Gleichwohl enthalten die offiziellen Berichte, die gerade von da ab

fast vollständig stenographisch vorliegen, kein Wort der Bestätigung

dieses angeblichen Vorkommnisses. Auch Freytag in seiner Biographie

Mathy's erwähnt gar nichts von dieser Begegnung[144]. Vor Allem aber

müßte gewiß die vertraulichste Aussprache Blum's aus jener Zeit, müßten

die Briefe an seine Frau ein Wort enthalten, welches bestätigte, daß

er „die Schilderhebung Hecker's im Stillen begünstigt, ihr den Steg

gewünscht“ habe. Und was finden wir statt dessen? Am 3. Mai schreibt

er an die Gattin: „Hecker und Struve haben das Land verrathen nach dem

Gesetz -- das wäre Kleinigkeit; #aber sie haben das Volk verrathen

durch ihre wahnsinnige Erhebung#; es ist mitten im Siegeslauf

aufgehalten; #das ist ein entsetzliches Verbrechen#“. Entschiedener

konnte gewiß Blum oder irgend ein Anderer nicht Partei nehmen gegen den

Hecker'schen Aufstand.

Auch eine andere noch wichtigere Verhandlung des Fünfzigerausschusses

hatte sich in der Hauptsache wenigstens abgespielt während Blum's

amtlicher Abwesenheit in Köln und Aachen: jener Versuch des Bundestags,

durch Einsetzung eines Triumvirates wieder Einfluß auf das deutsche

Verfassungswerk zu gewinnen. In einem Briefe Blum's an Jacoby aus

Köln (ohne Datum) hatte selbst Blum sich diesem Projecte günstig

ausgesprochen. Dasselbe that die große Mehrheit des Ausschusses, da sie

so wenig wie Blum die geheimen Absichten des Bundestages kannte. Eben

als Blum wieder zu den Arbeiten des Ausschusses zurückkehrte, hatte der

Ausschuß mit 26 gegen 13 Stimmen der Einsetzung des Triumvirates --

einer Art von provisorischer Bundesexecution zur Vertretung der äußeren

Sicherheit Deutschlands und Vollziehung der Parlamentsbeschlüsse

im Innern -- beschlossen. Der Bundestag aber hatte diesen Beschluß

des Fünfzigerausschusses, wie Heckscher am 4. Mai wiederholt sagte,

„verfälscht“, indem er -- unter dem Anschein, die Beschlüsse des

Ausschusses zu vollziehen -- gerade das Gegentheil dieses Beschlusses

auszuführen, „die Vollziehungsgewalt in der innigsten Vereinigung

der Regierungen unter sich wie mit der Bundesversammlung auszuüben“

versuchte und beschloß: daß das Triumvirat bis nach Beendigung der

Nationalversammlung, bis zur Neugestaltung des Bundes bestehen

solle, ohne daß die Volksvertretung bei der Wahl der drei Männer

mitzureden habe. Diese „Fälschung“ brachte die größte Entrüstung bei

den Fünfzigern hervor und warf das ganze Triumvirat noch vor seiner

Einsetzung über den Haufen. Noch größere Erbitterung entstand aber im

Ausschuß, als nun vollends am 10. Mai Abegg das geheime Promemoria des

hessen-darmstädtischen Bundestagsgesandten von Lepel an's Licht zog,

welches empfahl, durch Corruption der Wahlen oder durch Bestechung von

Parlamentsmitgliedern den Regierungen einen Einfluß auf das künftige

Verfassungswerk zu sichern, welcher ihnen nach dem damaligen Stand der

Dinge entzogen sei; und als festgestellt wurde, daß der Bundestag am 4.

Mai über dieses Promemoria verhandelt und sogar beschlossen hatte, es

den Regierungen „zur gutfindenden Kenntnißnahme einzusenden, da es,

theilweise wenigstens, Bemerkungen enthalte, deren Berücksichtigung

sich empfehlen dürfte,“ -- da brach die lauteste Entrüstung aus.

In den entschiedensten Worten verlangten Heckscher, Lehne, Blum, daß

man Aufklärung vom Bundestag über die Echtheit dieser Schriftstücke

fordere, ehe man weiter berathe. Blum sprach von einem „unwürdigen

Verfahren“. „Ist das vorgelegte Actenstück echt, so ist es Thatsache,

daß man eine constituirende Nationalversammlung nicht will, daß man dem

Volke das Recht abzuschneiden meint, sich selbst seine Grundverfassung

zu geben ... wenn man diesen Beschluß in Nacht und Dunkel gefaßt und

gehüllt hat, dann steht uns ein Protest gegen diese Schöpfung des

Triumvirates bevor, die man unter einer falschen Larve hat aufdringen

wollen, dann steht das Vaterland in Gefahr, und wir müssen thun, was

das Vorparlament für einen solchen Fall bestimmt hat. Die Prüfung

dieses Documents also und die darüber zu fordernde Erklärung ist auf

den Beschluß, der heute gefaßt werden soll, von dem unermeßlichsten

Einfluß“[145]. Dieser Antrag wurde zum Beschluß erhoben. Der Bundestag

gab die Erklärung ab, daß die Documente echt seien. Er hatte einen

Ausdruck des Bedauerns nur dafür, daß ihre Mittheilung durch einen

„Mißbrauch des Vertrauens“ möglich geworden sei.

Am 12. Mai verhandelte der Ausschuß über diese Antwort. Die bittersten

Worte fielen über den Bundestag und dessen Vertheidiger im Ausschuß.

„Wen Gott verderben will, den verblendet er“, rief Heinrich Simon. „Die

Regierungen werden mit der constituirenden Nationalversammlung sich

vertragen müssen“, sagte Blum, „aber nicht in dem #Metternich#'schen

Sinne, sondern in einem offenen ehrlichen Sinne. Wenn aber die

Verwandtschaft dieses Promemoria mit dem Metternich'schen Systeme

hervorgehoben worden ist, so ist dies um so weniger abzusprechen, als

ausdrücklich Phrasen von den geheimen Wiener Conferenz-Beschlüssen

darin vorkommen. Das sind also die Anhänger der constitutionellen

Monarchie![146]“ Auch die schriftliche Erklärung des hessischen

Ministers Heinrich von Gagern, daß er Herrn von Lepel desavouire und

dessen Promemoria keineswegs die Ansichten der hessischen Regierung

ausdrücke, rettete den Bundestag nicht vor dem vernichtenden Urtheil,

das der Fünfzigerausschuß am 12. Mai über ihn und sein Verhalten

aussprach. Die Zustimmung des Ausschusses zur Einsetzung eines

Triumvirates wurde ausdrücklich zurückgenommen.

Es war die letzte große That des Fünfzigerausschusses: der Bundestag

war nun vollends moralisch vernichtet; Niemand in Deutschland glaubte

damals, daß er je wieder aus der Grube sich erheben würde, in die er

mit Schanden gefahren.

Robert Blum: Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk · 第 39 / 85 题