14. Im Vorparlament und Fünfzigerausschuß.

Unzweifelhaft, wurde oben gesagt, war das Ideal Robert Blum's

die Republik. Ebenso sicher aber ist, daß er dieses Ideal seines

Herzens vorläufig nicht erreichbar hielt, als er nach Frankfurt zum

Vorparlament zog. Aeußerungen, welche diese Ueberzeugung bekunden,

wurden oben angeführt. Auch die verschämt monarchische Färbung des

Programms der Vaterlandsvereine würde er nicht geduldet haben, wenn

er schon im März in Leipzig die Republik für Deutschland erreichbar

gehalten, seine politische Arbeit auf die Verwirklichung dieses seines

Ideals gerichtet hätte.

Unglücklicherweise änderte sich bei ihm diese Ansicht schon in den

ersten Tagen seines Frankfurter Aufenthaltes. Den Schreiern zwar,

die dort in den Bierhäusern das große Wort führten, den Struve,

Hecker, Ronge, Zitz u. s. w.[105] mißtraute er gründlich und sprach

dieses Mißtrauen offen und in Privatbriefen (die unten mitgetheilt

werden) rückhaltlos aus. Aber ganz anders als in dem nüchternen,

faßt spießbürgerlichen Sachsen machte sich hier die Leidenschaft und

Begeisterung der Bürger geltend: revolutionstrunken, freiheitglühend

erschien Blum der ganze deutsche Süden. Und wenn so kühle abstracte

Denker wie Johann Jacoby und Heinrich Simon, so geschäftskundige

Politiker wie Itzstein und Abegg, so reichbegabte patriotische Männer

wie Raveaux von Köln, und so rein materialistische Naturen wie Carl

Vogt ihren Glauben an die unmittelbare Verwirklichung der deutschen

Republik gleich entschieden und zuversichtlich offenbarten, so war es

dem Führer des radicalen sächsischen Fortschritts kaum zu verargen, daß

er sich fortan mit Begeisterung und Energie dem Streben hingab, dieses

vermeintlich höchste Ideal seines Lebens und Denkens zu verwirklichen.

Selbst von dem gegnerischen und um weitere dreißig Jahre gereiften

Standpunkt aus[106] wird zugegeben: „Wenn damals die Linke des

Vorparlaments siegte, wenn ihr gelang, was sie wollte, die sofortige

Verkündigung einer republikanischen Verfassung für Deutschland,

oder auch nur, was im Effect nahezu das Gleiche gewesen wäre, die

Permanenzerklärung des Vorparlaments -- die Regierungen und der

Bundestag hätten dies schwerlich zu hindern vermocht, vielleicht kaum

einen Versuch dazu gewagt, und eine Periode unabsehbarer Verwirrung

wäre auf unbestimmte Zeit über Deutschland hereingebrochen.“

Heute wird mit verschwindend kleinen Ausnahmen jeder Deutsche dieses

Urtheil unterschreiben. Ausgangs März 1848 aber stand für die Anhänger

der Deutschen Republik nur das Eine fest, was wir heute auch einräumen

müssen, daß die Proclamirung einer republikanischen Staatsverfassung

für Deutschland alle Formen rechtsgültiger Beschlüsse für sich gehabt

hätte, und weder das ernstliche Widerstreben einer Regierung, noch

des Bundestages herausgefordert haben würde. Sehr zweifelhaft dagegen

konnte den Republikanern des Jahres 1848 das Andere erscheinen, worüber

wir heute Alle einig sind: daß mit Proclamirung der Republik „eine

Periode unabsehbarer Verwirrung auf unbestimmte Zeit über Deutschland

hereinbrechen“ würde. #Wir# haben gewiß Recht in dieser Annahme.

Eine seit Jahrhunderten, um nicht zu sagen seit Jahrtausenden stetig

und ohne Unterbrechung fortgesetzte monarchische Staatsentwickelung

läßt sich von heut auf morgen nicht in republikanische Bahnen lenken.

Und diejenigen, welche etwa aus der Geschichte Frankreichs seit 1789

das Gegentheil folgern wollen, mögen sich von dem besten deutschen

Kenner französischer Geschichte und französischer Gesellschaft, Carl

Hillebrand[107], belehren lassen, daß sie irren, daß auch seit der

großen Revolution jeder Herrscher Frankreichs vom ersten Consul bis

zum Marschall Mac Mahon ein persönlicher Herrscher gewesen ist und

daß jeder Minister oder Volksmann, der sie dazu zwingen wollte, die

constitutionelle Fiction des unverantwortlichen Staatsoberhauptes

beizubehalten, ohne jeden Aufwand von Zeit beseitigt worden ist.

Aber keine Zeit war weniger geeignet, solchen Erwägungen Raum und

Recht zu geben, als der März des Jahres 1848. Beinahe widerstandslos

hatte überall das alte Regiment, die ganze bis dahin herrschende

Partei und Gesellschaft sich selbst, den Thron, den „Staat“, den sie

zu vertheidigen hatte, den Wogen der Revolution preisgegeben. Daß die

„Revolution vor den Thronen stehen geblieben war,“ erschien als ein

unerklärlicher, vom Standpunkt des Republikaners aus ganz unbegründeter

Act der Gutmüthigkeit. Denn wenn man die Widerstandsfähigkeit der

Monarchie im damaligen Deutschland schätzte nach den Erfahrungen der

jüngsten Wochen, so erschien sie außerordentlich gering. Gerade in

dem größten deutschen Staate, in Preußen, hatte sich der regierende

König so tief erniedrigt, daß der gesundeste Gedanke der Anhänger

einer monarchischen Staatsverfassung für Deutschland: dem König von

Preußen die deutsche Kaiserkrone zu übertragen und ihn an die Spitze

des deutschen Bundesstaates zu stellen, vorläufig einfach unausführbar

war. „Die Person des preußischen Königs ist nicht wieder zu heben,“

schrieb am 26. März die „Deutsche Zeitung“, das Organ jener Partei

in Deutschland, die auf Preußen alle ihre Hoffnungen setzte. Am 28.

März fügte sie hinzu: „Das Odium gegen Preußen ist unglaublich groß

und kann nur durch die Zeit gemindert werden“. Und als dieser Antrag

zum ersten Mal im Parlament auftauchte, wurde er begraben unter dem

Hohngelächter des Hauses und fand bei der Unterstützungsfrage nur die

einzige Stimme des Antragstellers. Auch muß man sich erinnern, wie

unbeliebt die Person des Preußischen Thronfolgers (des heutigen Kaisers

Wilhelm) damals war. Der Prinz war so verhaßt, daß er als Verbannter im

Auslande leben mußte[108]. In Baiern und andern deutschen Staaten hatte

die Krone sich beinahe nicht weniger compromittirt als in Preußen.

Wenn damals selbst die „Deutsche Zeitung“ für Deutschland eher an eine

Verfassung „ähnlich der nordamerikanischen“, als an einen monarchischen

Bundesstaat dachte, so wird man den Männern, welche damals die Republik

in Deutschland für erreichbar hielten, weder die politische Einsicht

noch namentlich den Patriotismus absprechen dürfen. Sehr viele dieser

republikanisch-gesinnten Abgeordneten, und zwar selbst von denen, die

damals die Republik auch um den Preis eines Bürgerkrieges anstrebten

-- denn das war doch eigentlich das Programm jener äußersten Linken

des Frankfurter (Vorparlaments und) Parlaments, die auch Robert Blum

einen Reactionär schalt -- haben später die schönsten Beweise ihrer

gut nationalen Gesinnung gegeben. Ich erinnere nur an Arnold Ruge,

Friedrich Kapp, Johann Jacoby (bis 1860), selbst Hecker; von den

Jüngeren, wie Ludw. Bamberger und Miquèl ganz zu geschweigen, die Beide

sich damals bereit hielten, jeden Augenblick das reactionäre Parlament,

einschließlich Robert Blum's und seiner Freunde, von Heidelberg und

Mainz aus mit Krieg zu überziehen[109].

Diese Sättigung der damaligen politischen Luft mit republikanischem

Lebensstoff ließe sich noch aus tausend andern unverwerflichen

Zeugnissen jener Tage darthun. Erzählt doch selbst Biedermann, der

in seinem Wahlkreise gegen Robert Blum gewählt wurde, daß ihm seine

nach damaligen Begriffen conservativen Wähler, als er sich Anfang Mai

von ihnen verabschiedete, als letztes Wort noch in den Eisenbahnwagen

nachriefen: „Bringen Sie uns nur um Gottes Willen keinen Kaiser

mit!“[110] Und derselbe maßvolle Politiker schreibt wenige Seiten

vorher[111]: „Zunächst vergesse man nicht, daß in der Zeit, wo das

Vorparlament und der Fünfziger-Ausschuß tagten, ja auch noch als

das Parlament zusammentrat, #beinahe alle gewohnte Autorität in

Deutschland, selbst in den größeren Staaten gänzlich geschwunden war.

Die einzige noch existirende Autorität war damals bei den frei aus dem

Volke hervorgegangenen Gewalten.#“

Daß Robert Blum, als er nach Frankfurt gekommen, die Republik in

Deutschland für erreichbar hielt und darauf hinarbeitete, kann ihm

daher an sich weder den Vorwurf mangelnder politischer Einsicht

noch den Tadel undeutscher Gesinnung zuziehen. Er theilte mit

Hunderttausenden seiner Mitbürger einen Irrthum, den er schwerer

als Alle gebüßt hat. Aber er unterschied sich zu seinem Vortheil

von Tausenden dieser Mitbürger und einer großen Anzahl seiner

Meinungsgenossen im Vorparlament und Parlament dadurch, daß er die

Verwirklichung seines Ideals, der deutschen Republik, #nur auf

gesetzlichem Boden#, d. h. dem einzigen gesetzlichen Boden, der damals

noch vorhanden war, #durch den Beschluß der Nationalversammlung selbst

erstrebte, dagegen jede bewaffnete Erhebung mißbilligte, welche

versuchte, außerhalb des Parlaments auf dem Wege der Gewalt die

republikanische Staatsform zu erzwingen#. Diese eine Thatsache sollte

man ihm vor Allem nicht vergessen. Von jenen Apriltagen an, da Struve

und Hecker das Banner der Revolution im Badischen Seekreis und im

oberrheinischen Schwarzwald erhoben, bis zu jenem letzten fluchwürdigen

Angriff auf die Freiheit und Selbständigkeit der Deutschen

Nationalversammlung in den Frankfurter Septembertagen hat Robert Blum

seine Stimme und seinen Einfluß jedesmal #gegen# die Friedensstörer

erhoben, die unter dem Namen der Freiheit ihren souverainen Willen

durchzusetzen suchten. Jedermann kann ermessen, wieviel gefährlicher

und ausgedehnter jene revolutionären Schilderhebungen geworden wären,

wie weite Kreise des Volkes sie ergriffen hätten, wenn Robert Blum

seinen Einfluß bei den Massen und im Parlament für die Revolution

verwandt hätte, statt #gegen# sie. Diesem seinem maßvollen und loyalen

Verhalten dankte er zumeist den Verlust des Gutes, das er in größter

Fülle sein eigen nannte, der Gunst und Liebe der Massen.

Schwerer als der Tadel, daß Robert Blum und seine Freunde von Anbeginn

ihres parlamentarischen Wirkens an republikanischen Plänen nachhingen,

wiegt gewiß der andere Vorwurf: daß es die Pflicht der Frankfurter

Linken gewesen sei, von ihrer republikanischen Herzensneigung

abzulassen und den Boden einer Vereinigung auf monarchischer

Verfassungsgrundlage zu suchen, sobald die Linke erkennen mußte, daß

die große Mehrheit des Vorparlamentes, des Fünfziger-Ausschusses

und des Frankfurter Parlamentes niemals eine republikanische

Staatsverfassung für Deutschland beschließen würde, vielmehr durchaus

monarchisch gesinnt sei. Indessen auch dieser Vorwurf wird doctrinär

vom Standpunkt unsrer völlig veränderten heutigen Staatsverhältnisse

aus erhoben, er vermischt mindestens Wahres mit Falschem.

Gegründet ist an diesem Vorwurf, daß die Linke fast während ihrer

ganzen politischen Wirksamkeit sich nicht in die Rolle einer

parlamentarischen Minderheit zu schicken vermochte, immer wieder die

Prätension erhob, daß ihre Meinung die des wahren Volkes, des Volkes

schlechtweg sei, während die Mehrheit nur die Meinung der durch die

Revolution ausrangirten Regierungsunfähigkeit vertrete. Dieser Anspruch

war ebenso anmaßend als lächerlich. Niemals ist der Radicalismus

wohlfeiler und müheloser zu parlamentarischem Wirken gekommen, als im

Vorparlament. Wer nur irgendwie sich jemals mit Politik in Deutschland

befaßt hatte und sich nur des geringsten öffentlichen Vertrauens

erfreute, konnte sich von irgendwem ein Mandat zum Vorparlament geben

lassen und war sicher, daß man seine Legitimation gelten ließ. Es

kann auch durchaus nicht behauptet werden, daß der Radicalismus sich

dieser glücklichen Lage allzu verschämt bedient hätte. Es genügt hier

zum Beweise, auf die offiziellen Abstimmungslisten des Vorparlaments

zu verweisen[112]. Daraus ersieht man zugleich, wie viele Sitze des

Vorparlaments einige der Länder und Ländchen für sich in Anspruch

nahmen, die dem Radicalismus besonders zugänglich waren. Auch die

Wahlen zum Deutschen Parlament brachten die Meinung des „Volkes“ zum

denkbar freiesten Ausdruck. Auf 50,000 Seelen wurde ein Abgeordneter

gewählt; jeder volljährige selbständige Staatsangehörige war wahlfähig

und wählbar[113]. Selbst die „politischen Flüchtlinge, die nach

Deutschland zurückkehrten und ihr Staatsbürgerrecht wieder antraten,“

sollten wahlberechtigt und wählbar sein[114]. Zudem fanden die Wahlen

so bald nach den Revolutionswochen statt, daß die monarchischen

Parteien in vielen Ländern Deutschlands eben so wenig, als wie das

oben für das Königreich Sachsen nachgewiesen wurde, sich bereits fest

und thatkräftig aneinandergeschlossen hatten. Am wenigsten konnte etwa

bei den Parlamentswahlen irgendwo von Entfaltung eines übermächtigen

Regierungseinflusses die Rede sein. Die Mehrheit des Parlaments wie

des Vorparlaments war daher mit ihrer monarchischen Tendenz gewiß

der wahre Ausdruck der großen Mehrheit des Deutschen Volkes. Auch

hat Robert Blum für seine Person im Vorparlament sowohl, als später

im August vor seinen Wählern in Leipzig in seiner Schützenhausrede

die Unterwerfung unter den Willen der Mehrheit für die oberste

Pflicht jeder parlamentarischen Partei und für die Vorbedingung jeder

parlamentarischen Thätigkeit erklärt. Gleichwohl hat er geschehen

lassen, daß in seiner Presse (in den Vaterlandsblättern und der von

ihm in Frankfurt gegründeten und herausgegebenen Reichstagszeitung)

die „Mehrheit“ fort und fort als im Widerspruch mit der Volksmeinung

stehend angegriffen und verleumdet wurde, und auch durch seine ganze

Privatcorrespondenz zieht sich derselbe völlig unbegründete Vorwurf,

die beinahe kindliche Hoffnung, das „Volk“ würde sich demnächst mit

Entrüstung in einer feierlichen Form von der Mehrheit des Parlaments

lossagen und insgesammt der Linken zukehren. Der Zeitpunkt, wann dieses

Pronunciamento eintreten müsse, wird von Blum Anfangs auf den Sommer,

dann auf den Herbst oder Winter, dann auf das kommende Frühjahr (1849)

angesagt -- deutlich verräth dieses haltlose Prophezeihen die Schwäche

der Stellung des sonst so klaren Mannes.

Dagegen erscheint das Verlangen, die Linke hätte sich im Wege des

Compromisses oder sonstwie dem Standpunkt der monarchischen Rechten

schon im Vorparlament oder doch in den ersten Monaten der Thätigkeit

der Deutschen Nationalversammlung annähern und unterwerfen sollen,

absolut ungerecht, weil damals unausführbar. Die siegreiche Mehrheit

war in sich selbst über die wichtigsten Fragen noch keineswegs einig;

am wenigsten über die allerwichtigste, die Grundzüge der künftigen

Staatsverfassung Deutschlands, so daß selbst noch 1849 bei der

entscheidenden Abstimmung über das erbliche preußische Kaiserthum nur

eine Majorität von #vier# Stimmen, und zwar von vier österreichischen

Stimmen, sich für das preußische Kaiserthum erklärte[115]. Aber

neben dieser sehr schwer wiegenden sachlichen Unmöglichkeit einer

Verschmelzung der beiden großen Hälften des Frankfurter Parlamentes,

waren auch persönliche Hindernisse vorhanden, die wohl zu würdigen

sind. Wie in Sachsen seit den Augustereignissen des Jahres 1845 die

gemäßigt liberalen Elemente sich von den radicalen unter Blum's

Führung mehr und mehr geschieden hatten, wie sie nur in den ersten

Wochen nach der Revolution durch den Drang der Noth wieder vereinigt

waren und Schulter an Schulter den Sturz des alten Systems gemeinsam

erzwungen hatten, dann aber sofort der alte Zwiespalt unter ihnen

wieder hervortrat, so hatten die Märzwochen auch in Süddeutschland

überall eine tiefe Spaltung zwischen denselben Parteistandpunkten

vollzogen. Für Blum war der Anblick überaus befremdend, daß er Männer

wie Welcker, Mathy, v. Soiron, Bassermann &c., mit denen er bis dahin

theilweise in vertrautem Briefwechsel gestanden[116], Männer, die Blum

insgesammt noch 1845 in begeisterten Ausdrücken für sein Verhalten

während der Augusttage belobt hatten, mit einem Male im Lager und als

Wortführer seiner Gegner fand. Zudem hat der alte verschlagene Itzstein

gewiß nicht ermangelt, die Abneigung Blum's gegen diese früheren

Freunde dadurch künstlich zu steigern, daß er Blum diese Männer in den

schwärzesten Farben als Verräther an der Sache des Volkes brandmarkte.

Bald äußert sich der Schmerz über diese Wahrnehmung bei Blum in der

Form tiefster Verachtung der einstigen Kampfgenossen: „diese Lumpen,

die jahrelang als freisinnig und entschieden galten, die man verehrte,

sie sind jetzt Stillstands- und Rückschrittsmenschen“, schreibt er

am 3. Mai seiner Frau. „Die Tyrannei ist überwunden, aber dieses

feige Geschlecht stellt sich in den Weg auf der Bahn zur Freiheit.

Wir könnten Deutschland regieren“ (im Fünfzigerausschuß) „und dieses

Volk ist zu erbärmlich, die losen Zügel zu ergreifen, ja hält die

Andern noch davon ab“. Es war rein unmöglich, daß Männer zusammengehen

sollten, die so übereinander dachten, schrieben[117]. Es gehörte ein

längeres gemeinsames Arbeiten im Dienste des Vaterlandes dazu -- ein

längeres, als es Blum zu erleben beschieden war -- um zunächst eine

gerechtere gegenseitige Würdigung zu erzeugen und dadurch den Boden für

ein compromissarisches Zusammengehen zu schaffen.

Endlich kam aber zu diesen persönlichen Verstimmungen auch eine

Verschiedenheit der Stellung beider Parteien den Regierungen gegenüber,

welche vorläufig eine Annäherung ihrer Ansichten unmöglich machte. Die

Linke hatte #einen# unleugbaren Vorzug vor der Mehrheit des Parlaments:

sie stand den Regierungen ganz frei, kritisch und sogar mißtrauisch

gegenüber. Jede Handlung des reactionären Particularismus, welche die

Souverainetät der deutschen Nationalversammlung verkümmern könnte, fand

in den ersten Monaten an der Linken zu Frankfurt die unerbittlichste

Richterin. Jede Regung des monarchischen Bewußtseins überwachte sie mit

Argusaugen. Die Erstarkung reactionärer, der #nationalen# Entwickelung

feindseliger Pläne wies sie schon bei deren erstem Auftauchen klar

und bestimmt nach und verlangte deren Vereitelung, woher sie immer

kamen. In der Mehrheit des Frankfurter Parlamentes waren dagegen gerade

den weitest Denkenden, den mit den maßgebenden Regierungskreisen

Preußens u. s. w. am engsten Vertrauten, die Hände in dieser Hinsicht

gebunden. Sie konnten nicht die Krone brüskiren, die sie im Stillen

zur Deutschen Kaiserkrone zu erhöhen gedachten. Ein ähnlicher Unstern

waltete damals über Deutschland, wie in der Conflictszeit von 1863 an.

Niemand wird das Verhalten des damaligen preuß. Abgeordnetenhauses

gerecht beurtheilen allein nach dem Standpunkte von heute, da wir

wissen, welche Pläne Bismarck mit der Militairreorganisation verfolgte.

Noch viel weniger aber darf das Verhalten der Linken des Frankfurter

Parlaments beurtheilt werden nach den Kenntnissen, die wir heute

von der geheimen Correspondenz zwischen den Führern der Frankfurter

Mehrheit mit Bunsen, Stockmar, Radowitz, König Friedrich Wilhelm IV.,

Prinz Wilhelm, Prinz Albert, und zwischen Bunsen und Friedrich Wilhelm

IV., Stockmar und Prinz Albert, König Leopold u. s. w. -- besitzen. Und

wenn die Linke selbst diese Kenntniß damals besessen hätte -- wäre ihr

Verhalten nicht wenigstens zum Theil gerechtfertigt, wenn sie z. B. den

Brief gekannt hätte, den König Friedrich Wilhelm IV., der projectirte

Deutsche Kaiser, am 13. December 1848 an Bunsen schrieb? „#Die# Krone

ist erstlich keine Krone. Die Krone, die ein Hohenzoller nehmen

dürfte, #wenn# die Umstände es möglich machen #könnten#, ist keine,

die eine, wenn auch mit fürstlichen Zustimmungen eingesetzte, aber

in die revolutionäre Saat geschossene Versammlung #macht# (_dans le

genre de la couronne des pavés de Louis Philippe_), sondern eine, die

den Stempel Gottes trägt, die den, dem sie aufgesetzt wird, nach der

heiligen Oelung von „Gottes Gnaden“ macht, weil und wie sie mehr denn

34 Fürsten zu Königen der Deutschen von Gottes Gnaden gemacht hat.

Die Krone, die die Ottonen, die Hohenstaufen, die Habsburger getragen,

kann natürlich ein Hohenzoller tragen; sie ehrt ihn überschwänglich

mit tausendjährigem Glanze. #Die# aber, die Sie meinen, verunehrt

überschwänglich mit ihrem #Ludergeruch# der Revolution von 1848, der

albernsten, dümmsten, schlechtesten, wenn auch Gottlob nicht bösesten

dieses Jahrhunderts. Einen solchen imaginären Reif, aus Dreck und

Letten gebacken, soll ein legitimer König von Gottes Gnaden und nun gar

der König von Preußen sich geben lassen, der den Segen hat, wenn auch

nicht die älteste, doch die edelste Krone, die Niemand gestohlen worden

ist, zu tragen?“

Gewiß haben die edeln Patrioten, die im Frühjahr 1849 den Muth besaßen,

trotz aller Schwächen und Fehler dieses Königs, ihm die deutsche

Kaiserkrone anzubieten, um die Arbeit eines ganzen Jahres, die

Hoffnungen der großen deutschen Erhebung zu retten, das volle Recht

gerade auf die Schwäche und Fehler dieses Königs zu verweisen, wenn man

ihnen #allein# das Scheitern des ganzen Verfassungswerkes beizumessen

versucht. Aber auch Derjenige, der über die Gegner der Erbkaiserpartei,

die Frankfurter Linke, namentlich in ihrem Verhalten vom April bis

October gerecht urtheilen will, muß nachdrücklich hinweisen auf die

Schwächen und Fehler dieses Königs, der eine so spröde Auffassung

seines Königsberufs hatte, der im März das Haupt entblößte vor den

Särgen der Märzgefallenen und bereit war, „Preußen in Deutschland

aufgehen zu lassen“, der Anfang Mai in seinen Briefen an Dahlmann

elegisch von dem „alten Erzhaus Oesterreich“ sprach, das „wieder an die

Spitze Deutschlands gestellt werden müsse“, während er sich mit dem Amt

eines „Erzfeldherrn“ begnügen wolle, der gleichzeitig schrieb: „sollte

das #Volk# sich unterstehen, ihm die Krone anzubieten, so müsse man

mit Kanonenschüssen darauf antworten“, der bei dem Kölner Dombaufest

im August die Deputation des Frankfurter Parlaments daran mahnte, daß

es „noch Fürsten in Deutschland gebe, und daß er einer der ersten

sei“, und dann wieder im September Frankfurt „als Herd der Revolution“

bezeichnete. Kurz, wer gerecht über alle Parteien des Frankfurter

Parlaments urtheilen will, muß berücksichtigen, daß der Kroncandidat

der Kaiserpartei der schwankendste, romantischste, eigenwilligste und

am wenigsten pflichtbewußte König war, der jemals auf dem preußischen

Throne gesessen hat.

Alle diese Erwägungen werden indessen nicht hinreichen, das tiefe

Bedauern darüber zu beseitigen, daß Robert Blum den politischen

Standpunkt in Frankfurt einnahm, auf den er, besonders in der

Nationalversammlung, sich stellte. Denn gewiß ist die Frage

gerechtfertigt, ob nicht der Ausgang der deutschen Bewegung von 1848

ein für die ganze Nation günstigerer gewesen wäre, wenn Robert Blum mit

seinem Talent, seinem Einfluß und seinem Anhang im deutschen Parlament

jene vermittelnde Rolle weiter gespielt hätte, die er im Vorparlament

mit Glück und Erfolg übernahm, und die erst lange nach seinem Tode

sein treuer Freund Heinrich Simon im Parlament wieder aufnahm. Doch

abgesehen von dieser Frage der Conjecturalpolitik muß selbst Derjenige,

der Robert Blum am pietätvollsten und mildesten beurtheilt, auch aus

persönlichen Gründen jenes Bedauern äußern. Denn durch die Festhaltung

jenes politischen Standpunktes geräth der Charakter des Führers

der Frankfurter Linken in jenes schillernde und schwankende Licht,

in dem seine Gegner ihn bisher am liebsten vorgeführt haben. Der

Mann, der es mit Deutschlands Größe und Einheit gewiß so tief ernst

meinte, wie irgendwer in Frankfurt, greift zur Verwirklichung seines

republikanisch-demokratischen Ideals schließlich zu dem verwerflichen

Versuche, den Particularismus radical-demokratischer Einzellandtage

zu entfesseln gegen das Verfassungswerk der monarchischen Mehrheit

des Frankfurter Parlaments. Er, dessen Wort und Wille daheim wie in

weiten Kreisen des deutschen Volkes im März und April 1848 am meisten

galt, muß schon im September 1848 erkennen, daß die Grundvesten seines

politischen Wirkens daheim wie in Frankfurt durch seine eigene Haltung

vollständig unterwühlt sind und die Erkenntniß dieser Unhaltbarkeit

seiner Stellung reift den Entschluß zu jener unseligen Reise nach Wien,

in dessen verworrener Bewegung der klare Mann unverdient plötzlich

seinen Tod findet.

Wenn man daher auch tief beklagen muß, daß Robert Blum seine Thätigkeit

im Deutschen Parlamente nach einem von Haus aus unerreichbaren Ziele

richtete, so erscheint andererseits sein Charakterbild auf diesem

Höhepunkt seines politischen Wirkens in edelster Reinheit und Größe.

Voll entfaltete sich hier sein hohes natürliches Talent. Er war der

anerkannte Führer der Linken. Auch die Gegner waren bezaubert von

der gewaltigen Macht seiner Reden. Sie sind getragen von tiefster,

innerlichster Ueberzeugung. Sein monatelanges Wirken in Frankfurt war

aber auch ein Beispiel von Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes,

eine so hingebende Aufopferung aller persönlichen Interessen, wie sie

wenige unter den sechshundert Abgeordneten der Paulskirche dargebracht

haben mögen. Denn Blum zog nach Frankfurt ohne irgend nennenswerthe

Mittel, fort von einem kaum gegründeten jungen Geschäft, das ihn und

die Seinen unmöglich schon nähren konnte. Die Abgeordnetendiäten

reichten nicht einmal für ihn allein, geschweige denn für die Seinen.

Unter drückenden Sorgen um's Dasein hat er seine Pflicht für das

Vaterland gethan. Aber er hat sie erfüllt ohne Murren: denn nun waren

die Tage gekommen, die er schon kommen sah, ehe er seinen Herd

begründete, die ihn zu höherem Wirken beriefen, als zur Sorge für

Weib und Kind und Haus. Nur in den vertrauten Briefen an die Gattin

kommen Klagen zum Ausdruck über die schwere Sorge des Daseins, die ihm

beschieden ist zu all den Sorgen und Mühen seiner parlamentarischen

Stellung.

An der Hand dieser allgemeinen Bemerkungen dürfte es leichter sein,

einen Ueberblick und ein Gesammturtheil über Robert Blum's Haltung im

Frankfurter Parlament zu gewinnen.

Auch der gerechte Gegner wird ihm Anerkennung und Lob nicht versagen

können für das, was er im #Vorparlament# und #Fünfzigerausschuß#

geleistet hat.

Niemand wird erwarten, daß hier die Geschichte dieser merkwürdigen

Versammlungen, in der Folge auch des ersten Deutschen Parlamentes

geboten werde. Schon der große Umfang des Stoffes mußte einen solchen

Versuch aus Anlaß der Lebensbeschreibung eines einzelnen Mitkämpfers

verbieten. Auch die Biographen Dahlmann's und Mathy's, Springer und

Freytag, haben sich mit Recht streng an die parlamentarische Thätigkeit

ihrer Helden gehalten. Und selbst Biedermann in seinen „Erinnerungen

aus der Paulskirche“ lehnt bescheiden ab, eine Geschichte der Deutschen

Nationalversammlung bieten zu wollen. Herr Laube übt diese Entsagung

nicht; es war aber auch nicht nöthig, da kein Einsichtiger von ihm ein

geschichtliches Werk erwarten konnte. An Robert Blum's Lebensgeschichte

eine eingehende Darstellung der Arbeit des ersten Deutschen Parlaments

zu knüpfen, wäre um so zweckwidriger, als das Leben des Mannes da

abbricht, wo die Hauptarbeit der Nationalversammlung erst ihren Anfang

nimmt. Es kann sich also in der Folge überall nur darum handeln, Robert

Blum's Antheil und Stellung zu den Aufgaben darzulegen, welche zur

Zeit seines Lebens die Abgeordneten der Deutschen Nation beschäftigten.

Als eine Versammlung, welche trotz der Formlosigkeit ihrer

Zusammensetzung und trotz der Unbestimmtheit ihrer Aufgabe das

ganze und volle Vertrauen des deutschen Volkes besaß, ist gewiß das

Frankfurter #Vorparlament# zu bezeichnen. Von einer Vereinigung von

51 Männern von localer und deutscher Berühmtheit, die am 5. März

in Heidelberg sich versammelt hatten, war das Vorparlament berufen

worden. Den Kern dieser Versammlung hatten die alten Freunde und

Mitverschworenen Blum's von Hattersheim und Mainz gebildet. Ihre

stille, beinahe ein Jahrzehnt im Verborgenen gebliebene Arbeit sollte

nun im hellen Lichte des Tages gethan werden und Früchte bringen. Als

Hauptaufgabe des hier beschlossenen Vorparlaments ward die Berufung

eines Deutschen Parlaments für Anfang Mai, die Vorbereitung der Wahlen

für dasselbe durch einen permanenten Ausschuß des Vorparlaments

bezeichnet. Auch eine neue Verfassung für Deutschland war von dem

Siebener-Ausschuß der Heidelberger Versammlung am 5. März entworfen

worden[118]. Dieser Entwurf sollte die Grundlage der Berathungen des

Vorparlamentes bilden.

Am 31. März trat das Vorparlament in der Paulskirche zu Frankfurt

zusammen. Unter einem wogenden Meer Deutscher Fahnen, durch einen

Wald grünender Freiheitsbäume, überschüttet von Blumen und Kränzen,

schritten die Mitglieder des Vorparlaments, umgeben und geleitet

von Tausenden begeisterter Männer und Frauen, gehobenen Herzens vom

Kaisersaale des Römers aus an ihre Arbeit, in jene Paulskirche, die

fortan fast ein Jahr lang die besten Männer Deutschlands und die

heiligsten Hoffnungen der Nation umschließen sollte.

Schon die Präsidentenwahl sollte Blum's natürliche Fähigkeiten in das

glänzendste Licht stellen. Der ehrwürdige Präsident Mittermaier besaß

nicht einmal die physische Kraft, eine so stürmische und dichtgedrängte

Versammlung -- in der Anfangs nicht einmal an Sitzen zu denken war

-- zu leiten, noch weniger die Ruhe, das Herrscherauge und die

Geistesgegenwart des geborenen Präsidenten. Unter allen Vicepräsidenten

(Dahlmann, Itzstein, S. Jordan, Blum) besaß nur Robert Blum diese

Eigenschaften. Wiederholt hat er durch sein machtvolles Organ und seine

unerschütterliche Ruhe die entfesselten Leidenschaften des „wilden

Parlamentes“ besänftigt und dadurch die Würde der Versammlung gerettet,

als der Präsident das Steuer längst aus den kraftlosen Händen hatte

gleiten lassen.

Vier Sitzungen nur (vom 31. März bis 3. April) hat das Vorparlament

gehalten. Schon in der ersten dieser Sitzungen hat Robert Blum

wiederholt in bedeutsamer Weise in die Verhandlungen eingegriffen.

Er stellte, als er das erste Mal das Wort erbat[119], den Antrag,

den Verfassungsentwurf der Siebener-Commission sowohl als Struve's

Abschaffungs-Antrag, der sofort nach Eröffnung der ersten Sitzung in

die Versammlung geschleudert wurde, als republikanische Gegenverfassung

gegen das monarchische Verfassungsproject der Siebener, an eine

vom Vorparlament zu wählende Commission zu verweisen. Nach der

Stellung, die Blum im ganzen Verlauf des Vorparlaments zu diesem

wahnwitzigen Antrag und seinen Vertheidigern einnahm, kann sein

Vorschlag, die beiden Verfassungsentwürfe, den der Siebener und

den _Tabula-rasa_-Antrag Struve's an eine Commission zu verweisen,

keinen andern Zweck verfolgt haben, als den, die traurige Secession

der äußersten Linken, welche in den folgenden Tagen die Geschichte

des Vorparlaments entstellen sollte, zu vermeiden, und womöglich die

Basis eines Compromisses für alle Vaterlandsfreunde zu finden. Damit

wäre das Größte gewonnen gewesen. Vor Allem war dann das unselige

Streben im Keime erstickt, zu dem Struve und Hecker sich gedrängt

fühlten, als sie im Vorparlament und noch mehr im Fünfzigerausschuß

sich die parlamentarische Arena erschlossen glaubten: der bewaffnete

Aufstand. Auch der Verfasser der Geschichte des Vorparlaments in der

„Gegenwart“[120] (Biedermann?) ist der Ansicht, daß dieser Aufstand

selbst noch am Ende des Vorparlaments durch die Wahl Hecker's und

Struve's in den Fünfzigerausschuß hätte vermieden werden können, sicher

also durch ein Compromiß über ihre Anträge, wenn das Vorparlamen auch

-- wie das später thatsächlich der Fall war[121] -- der künftigen

Deutschen Nationalversammlung die eigentliche Entscheidung über die

verfassungsmäßigen Grundlagen und Grundrechte des Deutschen Staates

überlassen hätte.

Es gehört wirklich die ganze eitle Voreingenommenheit Heinrich

Laube's gegen Robert Blum dazu, um so schiefe Urtheile über Blum und

seine Rolle in dieser Stunde des Vorparlaments zu fällen, wie Laube

gethan[122]. Nicht einmal das Portrait des Mannes, den er verhöhnen

will, ist dabei richtig gezeichnet[123]. Denn Blum war damals, wie

das treue treffliche Oelbild in Lebensgröße, das vor mir hängt,

darthut, der von Laube entworfenen Karikatur so unähnlich wie möglich.

Sein reiches lockiges Haupt- und Barthaar war von bräunlichem Blond,

schön durchgearbeitet die breite Stirn, glänzend und groß das braune

Auge, feingeschnitten der beredte Mund, der über den Lippen keinen

Bart zeigt, die Gesichtsfarbe allerdings von einer von Herrn Laube

begreiflicherweise beneideten Frische der Gesundheit. Schulter und

Brust von einer gewaltigen Kraft zeugend. So sah das Bild des Mannes

aus, das Herr Laube mit seinem feuilletonistischen Stift zu verzerren

suchte[124]. Aber an dieser Karikatur des Aeußern ließ sich dieser

boshafte Stift nicht genügen. So oft Blum im Parlament auftritt, wird

dieser Stift in eine gallige Substanz getaucht und in leidenschaftliche

Bewegung gesetzt, um den Herrn Laube so verhaßten Redner

niederzustrecken, ihm wenigstens einige giftige Stiche zu versetzen.

Unglaublich komisch geberdet sich diese Feder bei ihren Angriffen

auf Blum, ihren Zurechtweisungen. Das Erste, was Herr Laube an Blum

zu tadeln hat, ist seine Gesundheit[125]. Warum wohl? „Wer nicht

fasten, wer nicht warten, wer nicht entsagen kann,“ schreibt Herr Laube

asketisch, „der ist nicht für hohe Ziele geschaffen“. Anfangs ist man

geneigt zu glauben, Herr Laube halte hier ein Selbstgespräch; etwa vom

Standpunkte eines Mannes aus, dem es ärgerlich ist, in ein paar Jahren

als Director des Leipziger Stadttheaters beiläufig eine Million Mark

verdient zu haben und sonst nichts. Aber nichts von Selbsterkenntniß

steckt in diesen Zeilen. Sie sind auf Robert Blum gemünzt; und

geschrieben nicht etwa in der Erregung darüber, daß man Herrn Laube zum

Vorparlament nicht zulassen wollte, sondern „im Winter 1848/49“[126],

#nach# Blum's Tode. Also nachdem Blum auf der Brigittenau verblutet

hatte, setzt sich Herr Laube hin und schreibt, dieser Mann „habe nicht

fasten, nicht warten, nicht entsagen können.“ Es genügt, auf den

Lebenslauf beider Männer zu verweisen, um zu erkennen, #wie# gerecht

dieses Urtheil ist; um zu wissen, welcher von Beiden gefastet, gewartet

und entsagt hat, welcher von Beiden mehr Anlage und Aufopferung zur

Erreichung höherer Ziele besessen. Eines ist dabei noch von besonders

heiterer Wirkung für uns Heutige. Herr Laube, welcher die Schaubühne

heute zur reinen Kunstanstalt erklärt, wenn er sie leitet und dabei

Geld verdient, spricht mit besonderer Verachtung[127] von Blum's

Berührung mit dem Theater: „wie er (Blum), das gründliche Widerspiel

schöner Kunst, dem Theatergeschäfte, dem frivolen! sich hingeben und

die Vergeudung von Zeit und von edeln menschlichen Kräften[128] trocken

berechnen und ordnen muß als Theater-Kassirer“.

Das Zweite, was Herr Laube Blum vorwirft, ist, daß Blum ohne spezielle

Erlaubniß des Herrn Laube sich herausgenommen hat, in dem großen Drama

der Zeit eine andere Rolle zu spielen, als der geniale Dirigent dieses

Schauspiels, Herr Heinrich Laube, ihm zugedacht hatte. Herr Laube

hatte Blum die liebliche Rolle des Kleon, des maßlosen Schreiers,

des Apostels eines bornirten und albernen Klassenhasses zugedacht.

„Er (Blum) wäre ganz (!) und hätte alsdann mit seinen Mitteln eine

gewaltige Wirksamkeit, wenn er, seiner Herkunft gemäß, das Evangelium

für die Dürftigen rücksichtslos ergriffen (!) hätte, ganz als moderner

Bettelmönch“[129]. Statt dessen steht nun auf einmal Robert Blum als

ein maßvoller Patriot, dessen Arbeit dem Wohle des Ganzen gilt, vor

den Augen Herrn Laube's, an der Spitze des Vorparlaments. Eine solche

Vermessenheit ohne Gleichen bedarf der Züchtigung. Sie ist der Anlaß

aller „bösen Zungen“, aller untergeschobenen Motive, welche Herr Laube

gegen Blum aufbietet. Niemand, der sich ernstlich mit der Geschichte

jener Tage beschäftigt, wird von einer andern Schrift über die Zeit

geringer denken, als von derjenigen Herrn Laube's. Deßhalb wird auch in

der Folge von diesem Buche nur die Rede sein, wenn sich darin besonders

treffende Belege finden für die Untauglichkeit des Verfassers zu

geschichtlicher Beurtheilung.

Schon der erste Tag des Parlaments bot Blum, wie oben gesagt wurde,

wiederholt Gelegenheit zur Entfaltung seiner Talente. Vor allem der

Nachmittag. Am Vormittag hatte Carl Vogt durch einen in der Form

untadeligen, dem versteckten Sinne nach aber unerträglichen Angriff auf

den alten Welcker den Präsidenten gezwungen, die Sitzung aufzuheben.

Blum wies beim Wiederzusammentritt der Versammlung Freund und Feind

zurecht wegen solcher Scenen. Und bald darauf noch einmal. Am

Nachmittag verbreitete sich nämlich unter den Abgeordneten plötzlich

die Schreckenskunde, bewaffnete Schaaren seien auf die Kirche in

Anmarsch, in der nächsten Straße habe schon ein Kampf stattgefunden.

Alles rennt in der Kirche durcheinander, jede Ordnung ist aufgelöst.

Wenige Minuten noch, so schreiten die Abgeordneten von bittersten

gegenseitigen Vorwürfen vielleicht zu Tätlichkeiten und -- die Würde

der Versammlung ist für immer dahin! Da tritt Robert Blum auf, seine

Stimme bricht sich Gehör in der meisterlosen, wilderregten Menge.

„Er benutzte die gedoppelte Gelegenheit, um der Versammlung ganz

ordentlich den Text zu lesen. Man nahm es ruhig hin, denn der Mann

hatte Recht“[130]. Er sagte:[131]

„Lassen Sie uns, verehrte Versammlung, einen Blick zurückwerfen auf

die drei ersten Stunden unseres Lebens. Wir sind unter Umständen

auseinander gegangen, welche die gespannte Aufmerksamkeit Europa's,

die auf diese Versammlung gerichtet ist, wenigstens zu einem

Kopfschütteln veranlassen wird. Mißverständnisse haben Statt

gefunden, die beklagenswerth sind. Meine Herren, woher sollen wir

die Freiheit bekommen, wenn wir sie nicht in unserem engsten Kreise

uns gegenseitig erhalten. Woher sollen wir die Ruhe bekommen, wenn

wir in unserem Kreise uns spalten bei dem ersten Zusammensein und

diese Spaltung soweit treiben, daß es nicht mehr möglich ist, zu

verhandeln. Wir haben noch keine von den Prinzipienfragen erörtert,

für die die Menschen in allen Jahrhunderten Gut und Blut und

Leben hingegeben haben. Es hat sich bisher bei uns nur um Formen

gehandelt, und diese Formen haben uns in eine Leidenschaft gebracht,

daß es thatsächlich unmöglich war, zu verhandeln. O, meine Herren,

mögen wir doch daran denken, daß die Augen des gesammten Europa

auf uns gerichtet sind, daß wir die erste Versammlung sind, die

durch ihre That wie durch ihre Haltung aussprechen muß: Sehet,

das deutsche Volk, das ihr so lange zurückgesetzt habet gegen

andere Völker, beweist auch in seinen ersten Vertretern, daß es

so entschlossen, so würdig, so ernst, so ruhig ist, wie irgend

Jemand, der seit Jahrhunderten sich des kostbaren Gutes der freien

Erörterung erfreut hat. Fragen Sie sich selbst, meine Herren,

wenn die Zeitungen berichten über die Nothwendigkeit, die heutige

Verhandlung aufzuheben, was das für einen Eindruck machen wird?

Glauben Sie, daß dies geeignet wäre, das Vertrauen des Volkes auf uns

zu stärken? Und fragen Sie sich selbst, wenn wir in dieser schroffen

Gegenüberstellung zu einander stehen, was soll dann daraus werden?

Der Wille des Volkes, seine Wünsche, sein Verlangen ist das einzige

Mandat, das wir haben. Die da draußen stehen, stehen hinter uns

Allen, wenn wir einig sind und die Discussion so leiten, daß wir ein

Ganzes sind. Es stehen hinter uns Parteien, sobald wir uns selbst

spalten in unserem Innern, und wohin es führt, wenn die Parteien sich

in der gegenwärtigen Zeit so schroff gegenüber stehen, das brauche

ich Ihnen nicht zu sagen. Was wir hier tumultuarisch ausmachen

oder nicht ausmachen, es wird draußen nicht mit Geschrei, es wird

mit der Faust, und wenn es sein muß, mit den Waffen ausgemacht.

Meine Herren, unser heiligster Beruf ist es, unserem Volk einen

Begriff zu geben von der Würde und Größe der Volksvertreter, und

in diesem Bewußtsein können wir uns so stolz erheben, wie nie eine

andere Versammlung; denn es wird kein Unfriede kommen, wo sich die

Liebe und Verehrung und das Vertrauen des Volkes so überzeugend,

so hinreißend ausgesprochen hat, wie bei uns. Lassen Sie uns dem

ganzen Volke vorangehen in dieser ernsten und großen Zeit in einer

würdigen Haltung. Wir können es, sobald wir uns Alle zur Pflicht

machen, unseren Willen nie durch einen Ausruf, sondern stets auf

dem parlamentarischen Wege geltend zu machen. Wir wollen das

Gesetz zuerst achten, das wir selbst geschaffen haben, dem wir uns

freiwillig unterwerfen. Thun wir das, meine Herren, dann werden nicht

allein die Herzen unseres Volkes uns entgegenschlagen, sondern auch

die anderen Völker werden ihre Arme mit Bruderliebe ausstrecken nach

den bisher verschmähten und verachteten Deutschen und werden in der

ersten Vertretung, die hier zu Stande gekommen ist, die mündigen, die

wahrhaften Männer begrüßen, die der Freiheit ebenso fähig sind, als

sie sich ihrer werth zeigen.“ (Allgemeiner Beifall.)

Und aus Anlaß der allgemeinen Erregung über die Straßenscene sagte er:

„Darf ich, weil ich gerade im Besitze des Wortes bin, noch etwas

Allgemeines sagen, so bitte ich, lassen Sie, meine Herren, das

Beispiel, das vor wenigen Augenblicken Statt gefunden hat, das letzte

sein. Wäre die Kunde, die vor wenigen Augenblicken hierher gelangt

ist, wahr gewesen, dann durften wir uns nicht in unserer Berathung

stören lassen. Es ist nicht unsere Aufgabe, einen Straßenauflauf zu

dämpfen. Gleichwie der römische Senat fest gesessen hat, als der

Feind vor dem Thore Roms erschien, müssen auch wir unserer Aufgabe

genügen, selbst wenn der Tumult bis zu unserer Thüre gelangt wäre.

Er hätte zerschellen müssen an unserer Festigkeit. Meine Herren!

Wenn die Kunde wahr gewesen wäre, ich frage Sie, wäre auch nur die

Möglichkeit gewesen, Etwas zur Besänftigung zu thun? Wenn je dieser

Fall wiederkehren sollte, lassen Sie deßhalb keinen Laut über Ihre

Lippen gehen, sondern bleiben Sie sitzen und beschließen Sie, was

Sie für nöthig halten. Sodann habe ich noch eine Bitte zu thun in

Beziehung auf unseren Präsidenten, es ist die freundliche Bitte

an die Zuhörer. Es ist nicht möglich bei dieser Art und Weise der

Berathung, die Funktionen des Präsidiums auszuüben. Der Präsident

mag sein, wer er will. Wir morden den Präsidenten, wenn wir so

fortfahren. Zudem erheischt die Feierlichkeit der Versammlung

eine gute Stimmung. Sie ist eine gute, aber sie kann auch eine

böse werden. Wir ehren die Frankfurter Einwohnerschaft, die uns

auf eine so ergreifende Weise begrüßt hat. Allein die Meinung

der Frankfurter Einwohnerschaft kann unsere Beschlüsse nicht

bestimmen, sie kann nicht mitberathen, nicht mitstimmen, sei es auch

nur durch Beifallsbezeigungen. Ich bin überzeugt, daß es an die

Frankfurter Bewohner nur der eindringlichen Bitte bedarf, sich der

Beifallsbezeigung zu enthalten. Wir wollen den Beifall nicht. Wir

sind nicht im Stande zu discutiren, wenn keine Redefreiheit vorhanden

ist[132].“

Verhältnismäßig ruhig verliefen die weiteren Debatten des Vorparlaments

über den Wahlmodus des künftigen Parlaments an den ersten beiden Tagen.

Blum trat für directe Wahlen ein, blieb aber mit 194 gegen 317 Stimmen

in der Minderheit. Dagegen ward der andere von ihm unterstützte

Vorschlag, schon auf 50,000 statt auf 70,000 Seelen einen Abgeordneten

zu wählen, mit großer Mehrheit angenommen.

Sofort gerieth aber das Vorparlament wieder in wilde Gährung, als

am Nachmittag des zweiten Tages (1. April) die Frage zur Debatte

gelangte, ob das Vorparlament sich bis zum Zusammentritt der Deutschen

Nationalversammlung permanent erklären solle oder nicht. Für eine

Art von Permanenz, d. h. für die Wahl eines starken Ausschusses (von

fünfzig Mitgliedern) der Versammlung, der bis zum Zusammentritt

des Parlaments die Beschlüsse der Versammlung ausführe und deren

Vollziehung durch die Regierung überwache, mit dem Bundestag und den

siebenzehn Vertrauensmännern, welche der Bundestag sich zugelegt,

verhandle u. s. w. -- für diese Art von Permanenz waren Alle. Dagegen

trat die Linke der Versammlung von Struve bis Blum für die Permanenz

des vollen Vorparlaments ein. Ihre Gründe waren freilich sehr

verschieden. „Wir müssen in diesem Augenblicke der Machtlosigkeit und

Auflösung des Deutschen Bundes und der Deutschen Regierungen, der

Nation als Gesammtbürgen gegenüber stehen“, rief Hecker und führte

dann aus, das alle deutsche Staatsmacht, einschließlich derjenigen

Preußens, ohnmächtig sei. „Geschäftsführer der deutschen Nation, seid

permanent, wir erwarten es von Euch und nichts Anderes als Permanenz“,

schloß er. „Die alte Autorität ist eine Leiche“, rief Struve später in

Gagern's Rede hinein. Damit war deutlich gesagt, wohin die äußerste

Linke, die schon am Schlusse des Struve'schen „Abschaffungs“-Antrages

„die Aufhebung der erblichen Monarchie und Ersetzung derselben

durch freigewählte Parlamente“ als ihr Ziel hingestellt, mit der

Permanenzerklärung strebte: die alte Autorität war eine Leiche, das

Vorparlament das einzige lebendige Rechtswesen der Gegenwart --

es sollte die Macht allein erfassen und festhalten. Damit war „die

Aufhebung der erblichen Monarchie“ von selbst gegeben.

Von anderen Gesichtspunkten gingen Blum und seine Freunde bei

Unterstützung des Permanenzverlangens aus. Sie wollten nicht den

deutschen Zukunftsstaat durch das permanente Vorparlament fertig machen

lassen. Aber sie mißtrauten den bestehenden Gewalten und deren gutem

Willen, die Beschlüsse des Vorparlaments auszuführen. Sie hielten

die Autorität eines Ausschusses nicht kräftig genug. Sie glaubten,

der Nachdruck der ganzen geschlossenen Versammlung müsse hinter den

Beschlüssen des Vorparlaments stehen bleiben, bis sie durchgeführt

seien. Sie meinten aber auch, jeder Tag könne im Innern oder von Außen

Ereignisse über Deutschland bringen, denen gegenüber ein Ausschuß

der Versammlung gewissermaßen ohne Instruction und Vollmacht sei.

Diese Gedanken sprach Raveaux am deutlichsten aus: „Sie sind eine

revolutionäre Versammlung. Wir wissen nicht, was der nächste Tag

bringt; so müssen wir hier stets bereit sein; wir stehen an der Spitze

des Volkes, wir selbst haben uns nicht dahin gestellt“ u. s. w.

Den Gegnern war nicht zu verargen, daß sie in dieser Frage alle

Anhänger der Permanenz nach den Absichten beurtheilten, welche Hecker

und Struve verfolgten und deßhalb sich schlechthin unnachgiebig

zeigten. Heckscher sprach das offen aus: „Die Permanenzerklärung

dieser Versammlung wäre eine Permanenzerklärung der Anarchie und

der Besorgniß in ganz Deutschland. Stoßen Sie nicht die letzte

Autorität (des Bundestags) vollends um, thun Sie vielmehr Alles, um

sie aufrecht zu erhalten.“ Heckscher hätte wohl besser gesagt: „des

Bundes“ statt „des Bundestags“. Gagern betonte mit Nachdruck diesen

Gegensatz: „Sie müssen wünschen, daß der #Bund# eine Wahrheit werde,

das kann er nur durch die Wahl der Personen, die ihm wieder Vertrauen

verschaffen. Man muß nicht vernichten, sondern aufbauen“. Doch auch

Gagern sprach nicht von einer endgültigen Beseitigung des Bundestags,

glaubte durch das öffentliche Vertrauen ihn wieder beleben zu können.

Als dann unmittelbar nach Gagern's Rede, trotz Blum's Widerspruch,

abgestimmt und die Permanenz mit 368 gegen 143 Stimmen abgelehnt

wurde, da hafteten die Worte, welche über die Wiederbelebung des

Bundestags vernommen worden waren, weit schmerzlicher im Gedächtniß der

Unterlegenen, als der Eindruck, daß sie in der Permanenzfrage besiegt

seien.

Und sehr geschickt wurde dieser große Fehler der Redner der Mehrheit

von den verzweifelten Gesellen der Minderheit benutzt, um auch die

klügsten und bedächtigsten Genossen, wie Robert Blum, zu einem

Ultimatum gegen die Majorität fortzureißen. Die siegreiche Mehrheit

hatte am Bundestag festgehalten. Gelang es, sie in den Augen des Volkes

mit dem Bundestag zu identifiziren, so war die Mehrheit trotz aller

Siege in der Paulskirche doch politisch fortan unmöglich. Deßhalb

ließ die Minderheit am nächsten Tag (2. April) durch Zitz von Mainz

einen Antrag einbringen: „Die Bundesversammlung möge, bevor sie die

Gründung einer Deutschen Nationalversammlung in die Hand nimmt, sich

von den verfassungswidrigen Ausnahmebeschlüssen lossagen und die Männer

aus ihrem Schooß entfernen, welche zur Hervorrufung und Ausführung

derselben mitgewirkt haben“. Durch öffentlichen Mauerschlag ließen

Hecker und Struve bekannt machen, daß die Unterzeichner des Antrags

aus dem Vorparlament austreten würden, wenn dieser nicht durchgehe.

Zu diesen Unterzeichnern gehörte auch Robert Blum. Doch ihm selbst

überraschend kam dieser Maueranschlag. Treffend enthüllte Bassermann

die tiefsten Gedanken der eigentlichen Urheber des Antrags Zitz:

Der Antrag, nicht eher zu wählen, bis der ganze Bundestag regenerirt

sei, komme nur auf eine andere Art von Permanenz hinaus. Deßhalb

setzte Bassermann mit glücklichem Instinct „indem“ statt „bevor“, eine

sittliche und logische Voraussetzung statt einer Zeitbestimmung. Wer

mochte an der Redlichkeit dieses Patriotismus zweifeln, da Welcker,

Uhland, Venedey sich auf Bassermann's Seite schlugen? Blum stimmte

mit Zitz, da er einmal seinen Namen unter den Antrag gesetzt. Aber im

Voraus erklärte er seine Unterordnung unter den Willen der Mehrheit.

Er sagte: „Ich werde für die schärfere Fassung stimmen, aber wenn

ich sie fallen sehe, ehre ich die Mehrheit“[133]. Die große Mehrheit

stimmte für Bassermann. In der Hauptsache wollten ja doch beide Anträge

dasselbe: der radicale Bruch mit der bundestäglichen Vergangenheit war

auch durch Annahme des Antrags Bassermann vollzogen.

Gleichwohl erhob sich plötzlich Hecker mit etwa vierzig seiner Getreuen

und verließ den Saal. Eine tiefe Bewegung und Entrüstung bemächtigte

sich der Versammlung. Wieder war es Raveaux, der die schöne Losung

an den besonnenen Theil der Minderheit ausgab: „Ich halte gerade

Denjenigen für den freisinnigsten Mann, der seine individuelle Ansicht

der Mehrheit unterwirft.“ Blum, Jacoby, Wesendonck, die Sachsen u. s.

w., im Ganzen 63 Abgeordnete, gaben ihre Zustimmung zu dieser Erklärung

zu Protokoll. Robert Blum erklärte noch besonders: daß der Protest

der Minderheit, der im Voraus für den Fall der Ablehnung des Antrags

Zitz vorbereitet worden, sich erledigt habe, weil dieser Antrag mit

einer Aenderung angenommen worden sei, „die das noch enthält, was wir

wollten“[134].

Das war die That eines wahren Demokraten im besten Sinne des Wortes,

die tüchtigste Leistung Blum's im Vorparlament. Rasch und klar hatte

er bei dem Austritt der Vierzig die Stellung genommen, die er schon

im Voraus angekündigt hatte, „die Mehrheit zu ehren“, wenn er in der

Minderheit bleiben sollte. Herr Laube natürlich kennt diese offiziell

beglaubigten Worte nicht. Er baut ungestört seinen Feuilleton-Kohl,

indem er Blum schwankende Unentschiedenheit während des Austritts der

Intransigenten und unmittelbar darauf die diplomatische Gewandtheit

eines Talleyrand in seiner Erklärung beimißt.

Alles bot Blum auf, um die Ausgetretenen zum Wiedererscheinen im

Saal zu bewegen. Schon vor ihrer Entfernung hatte er Namens des

Bureau die Erklärung abgegeben, daß die Mehrheit des Bureaus der

Ansicht sei, bei den Wahlen zum Fünfzigerausschusses werde „Jeder

darauf Rücksicht nehmen, daß die verschiedenen Provinzen und mit

ihnen die verschiedenen Interessen des Vaterlandes vertreten sind“.

Daß darunter auch zu verstehen sei: die verschiedenen Parteien

des Hauses, daß keine Richtung im Fünfzigerausschuß unvertreten

sein sollte, lag auf der Hand. Es wurde aber auch in der letzten

Sitzung (vom dritten April) ausdrücklich ausgesprochen. Man wollte,

falls die Ausgetretenen zurückkehrten, ihnen noch jetzt Sitze im

Fünfzigerausschuß offen halten. Deßhalb sollte es jedem Abgeordneten

freistehen, bis 1 Uhr Nachmittags seinen Stimmzettel zurückzunehmen

und anders zu beschreiben. Brockhaus gab die ehrenhafte Erklärung

ab, daß er „Mehre jener Herren, welche den Saal gestern verließen,

bereits gewählt habe, weil alle Parteien im Ausschuß vertreten sein

müssen“[135]. Da inzwischen auch der Bundestag mit würdeloser Eile „die

gedachten beanstandeten Ausnahmegesetze und Beschlüsse für sämmtliche

Bundesstaaten aufgehoben“ und dem Präsidenten erklärt hatte, „daß

diejenigen Gesandten, welche fühlen, der gestern vom Vorparlament

gefaßte Beschluß könnte auf sie bezogen werden, ihre Entlassung bereits

eingereicht haben oder jetzt unverzüglich einreichen werden“, kehrte

die ausgetretene Minderheit in den Saal zurück und berieth hier wieder

mit bis zu Ende. Doch konnte sich die Mehrheit nicht dazu aufraffen,

irgend Einen von ihnen in den Fünfzigerausschuß zu wählen -- ein

schwerer Fehler, wie schon oben bemerkt wurde. Durch ihre Ausschließung

vom Fünfzigerausschuß wurden Hecker und Struve zum bewaffneten Aufstand

gedrängt.

* * * * *

Blum wurde nächst Wiesner und Itzstein mit den meisten Stimmen (435) in

den Fünfzigerausschuß gewählt.

* * * * *

In völliger Eintracht der Gesinnung berieth die Linke und die

liberale Mehrheit die #letzte#, die wichtigste Frage, welche

das Vorparlament beschäftigte: die Befugnisse der künftigen

constituirenden Nationalversammlung Deutschlands. In dieser Frage

war das Vorparlament am Ende seiner Berathungen fast einstimmig

zu der entgegengesetzten Auffassung gelangt, von welcher seine

Berathungen ausgegangen waren. Ursprünglich wollte der Entwurf

der Siebener die Grundzüge der Verfassung für Deutschland

feststellen im monarchischen Sinn. Dagegen hatte Struve seine

republikanisch-anarchischen Gegenvorschläge gerichtet. Beide Entwürfe

sollte das Vorparlament sogleich berathen, einen annehmen. Nun, am

Schlusse der Verhandlungen, brachte v. Soiron seinen klugen Antrag

ein, das Vorparlament solle jede Verfassungsberathung unterlassen

und sich auf die Erklärung beschränken, „daß die Beschlußnahme über

die künftige Verfassung Deutschlands einzig und allein der vom Volke

zu wählenden Nationalversammlung zu überlassen sei.“ Den Kern seines

Antrags drückte v. Soiron in den Worten aus: „wir werden dadurch

beweisen, daß wir in der einzigen Prinzipienfrage, die in unserer

Versammlung zur Sprache gekommen ist -- denn die anderen Fragen

waren keine Prinzipienfragen --, daß wir in der Prinzipienfrage der

Volkssouveränität einstimmig sind, und daß es keine Parteien unter uns

gegeben hat, wenn wir auch glauben, es habe solche gegeben“[136].

Die Linke mußte diese Erklärung mit heller Freude begrüßen. Mit

gleicher Freude die liberale Mehrheit, welcher das Zustandekommen der

Verfassung dann am sichersten verbürgt erscheinen mußte, wenn der

Vertretung der Nation die freieste Befugniß eingeräumt wurde. Gegen

den Soiron'schen Antrag erhoben sich also nur die Verfechter der

fürstlichen Legitimität. Sie argwöhnten, daß man die deutschen Fürsten

als „Heloten“ behandeln, ihnen bei dem Zustandekommen der künftigen

Verfassung kein Recht der Vereinbarung, der Zustimmung gönnen wolle.

Mit vollendeter Sicherheit vertheidigte Soiron seinen Antrag auch

gegen diese Einwendungen, indem er sagte, daß der Nationalversammlung

auch überlassen werden müsse, ob sie, „nachdem sie mit ihrem Geschäfte

fertig geworden ist, darüber Verträge mit den Fürsten abschließen wolle

#oder nicht#“[137]. Darin war die damalige öffentliche Rechtslage

aufs schärfste ausgeprägt; durch Annahme des Antrags Soiron war die

größte That des Vorparlaments gethan. Niemand widersetzte sich diesem

Beschluß, nicht der Bundestag, keine Einzelregierung, nicht einmal

Preußen. Alle ließen zur „constituirenden“ Nationalversammlung wählen

ohne jeden Vorbehalt gegen die Auffassung, daß dem Parlament zustehe,

die künftige Verfassung Deutschlands endgültig zu beschließen, ohne

Vereinbarung mit den Fürsten, „wenn das Parlament wolle“.

Am Ende dieser bewegten Tage schrieb Blum an seine Gattin: „Heut

scheint der letzte Tag zu sein, dann #muß# ich mich einen Tag ausruhen,

#ganz# ausruhen, denn ich bin wie ein Mensch, der durch fortwährendes

Trinken sich vor dem Katzenjammer schützt, diese Aufregung Tag und

Nacht reibt auf. Aber sie ist süß, bezaubernd, schwelgerisch wie ein

Champagnerrausch. Struve und Hecker sind wahre Viehkerls, rennen durch

die Wand wie geschlagene Ochsen und haben uns den Sieg furchtbar schwer

gemacht. Aber wir haben gesiegt in Allem. Unter den stürmischsten

Verhandlungen geschrieben. Gruß und Kuß. B.“

Auch der #Fünfzigerausschuß#, der nach Auflösung des Vorparlaments

dessen Beschlüsse ausführte, wählte Blum zum Vicepräsidenten; Präsident

wurde von Soiron. Die ihm gestellte Aufgabe hat der Fünfzigerausschuß

ebenso glänzend gelöst wie das Vorparlament. Ueberall, auch gegen

Preußen, hat er den Beschlüssen des Vorparlaments Nachachtung und

Gehorsam verschafft, von dem jämmerlichen Bundestage gar nicht

zu reden. Wie die Strahlen der untergegangenen Sonne noch lange

die Erdrinde erwärmen, nachdem das Tagesgestirn unseren Blicken

entschwunden ist, so richtete sich die nationale Hoffnung noch auf an

den Beschlüssen des Vorparlaments und Fünfzigerausschusses, so faßte

sie noch Fuß auf dem von diesen Versammlungen geschaffenen Rechtsboden,

als längst diese Körperschaften in das Meer der Vergangenheit gesunken,

und ihre Nachfolgerin, die mit aller Hoheit souveräner Constituanten

ausgerüstete Nationalversammlung längst ohnmächtig geworden war.

Verloren war also keineswegs die Arbeit, welche die fünfzig Männer

in Frankfurt thaten vom 4. April bis zum 18. Mai, dem Tage des

Zusammentritts des Deutschen Parlaments.

Einen großen Theil dieser Zeit[138] hat Blum auf offiziellen

Sendungen nach Köln und Aachen verbracht, zu denen der Ausschuß ihn

verwendete. In Aachen galt es Frieden zu stiften nach Unruhen, die dort

ausgebrochen waren. In Köln war eine böse Mißstimmung erzeugt worden

über das Vorgehen der Dampfschleppschifffahrtsgesellschaft gegen die

Segelschifffahrt. Die letztere fühlte sich in ihrer Existenz bedroht.

Die beiden Sendungen hat Blum zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber und

aller Betheiligten vollzogen. Ihm selbst bot namentlich die Sendung

nach Köln, seiner Geburts- und Vaterstadt, dem Schauplatz seiner

trüben Kindheit, seiner harten Jugendjahre, unendliche Freude. Seit

sechszehn Jahren hatte er die Mutter, die leibliche Schwester nicht

mehr gesehen. Als Secretär des Director Ringelhardt war er von der

Heimath ausgezogen. Nun zog er dort wieder ein, auf reichgeschmücktem

Dampfer, an der Seite des treuen Raveaux, als Bevollmächtigter der

höchsten und gefeiertsten Behörde, die Deutschland damals kannte, unter

Böllerschüssen und dem Jubel Tausender, die um die Landungsbrücke sich

drängten. Seine erste Ansprache an die Menge begann er mit den trauten

Worten: „Hier hat meine Wiege gestanden.“ Von Fest zu Fest zogen ihn

die Heimathgenossen. Aus diesen Stimmungen heraus schrieb er der Gattin

von Köln:

„Liebe Jenny. Du mußt den guten Willen für das Werk und diese zwei

Zeilen, die ich im Sturme schreibe, für einen Brief nehmen. Wir

kommen aus den Conferenzen nicht heraus und es ist wahrlich mit uns

wie mit den ehemaligen Fürsten, zu denen sich von nah und fern Alles

drängt. Dazu muß ich mir persönlich noch täglich von einer Menge

Polen, die massenweise hier durchziehen, Complimente schneiden und

mich von Fürstinnen -- küssen lassen. Aber es war leider nur die

alte, die dies that, die junge hat mir blos eine Hand gegeben. Laß

Dir also von Georg sagen, wie's mir geht. Meine Schwestern habe ich

gestern nur eine Viertelstunde, heut nebst der Mutter eine Stunde

gesehen. Sie sind alle wohl und lassen Euch herzlichst grüßen. Sobald

ich kann, erhältst Du auch wieder einen Brief von Deinem treuergebenen

Robert.

Robert Blum: Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk · 第 37 / 85 题