(1848.)
Mehr als dreißig Jahre sind hingegangen über die Tage, die man den
großen „Völkerfrühling“ des Jahres 1848 nennt. Gestorben oder verdorben
sind die Meisten, die damals in Deutschland Geschichte machten. Die
Ueberlebenden haben eine so gewaltige Erhebung unseres Volkes gesehen,
wie kein früherer Abschnitt unserer Geschichte sie kennt. Weit mehr als
ein Jahrhundert scheint uns in dem einen Menschenalter verflossen, das
uns vom Jahr 1848 trennt. Man sollte daher vor Allem erwarten dürfen,
daß Gerechtigkeit geübt werde von den glücklicheren Genossen unserer
Tage gegen die tapferen aber sieglosen Kämpfer des „tollen Jahres“.
Doch wie selten ist diese Gerechtigkeit zu finden, wie selten wird auch
nur der Versuch gemacht, die völlig veränderten Verhältnisse jener
Zeit zu würdigen, wenn man heute sich anschickt, über sie zu urtheilen!
Wohl dürfen Diejenigen sich glücklich preisen, welche jung waren und
doch schon zur Erkenntniß gereift, als die große Erhebung des Jahres
1870 über unser Volk kam und als dann das Deutsche Reich erstand
aus blutiger Saat! Wenn sie hundert Jahr alt werden, immer werden
die kommenden Geschlechter ihren Erinnerungen an das große Jahr mit
Begeisterung lauschen. Niemals wieder -- so Großes wir noch erleben
werden -- steht uns bevor, ein zweites Jahr 1870 zu durchleben. In
künstlicher Trennung fand der Feind den Norden und Süden unseres
Vaterlandes vor, doch der freche gleißnerische Plan des Erbfeindes ward
zu Schanden. Die gemeinsame Noth überbrückte die Mainlinie. Schulter
an Schulter verbluteten Pommern und Baiern, Sachsen und Schwaben im
Feindeslande.
Glücklich allein kann man die Menschen nicht nennen, welche das große
Jahr 1848 mit Bewußtsein durchlebten! Schwere Drangsal und Kümmerniß
folgte dem glückseligen Sonnentag, der unserm Volke damals aufging.
Ewig lang schien die Nacht, die ihm folgte. Härter hat nie eine
Fremdherrschaft auf unserm Volke gelastet, als die k. k. Reaction
der fünfziger Jahre, besiegelt durch die schmähliche Preisgebung der
nationalen Traditionen Preußens an dem Tage von Olmütz. Wohl ist es
Zeit, an diesen Charfreitag unserer Geschichte zu erinnern in einem
Augenblicke, wo die abgestorbene junkerliche Anmaßung wieder das Haupt
erhebt unter der Firma der Deutsch-Conservativen und wettbewerbend
eintrat um die Wahlgunst der Nation. Wir Alle mögen uns erinnern, daß
dem tapfern Hohenzoller, der in Erz gegossen steht auf dem Leipziger
Platz in Berlin, das Herz brach, als er, seiner Pflicht gehorchend, den
Vertrag von Olmütz unterzeichnete. Denselben Schimpf, nichts Besseres,
haben wir auch heute von dieser Richtung zu erwarten.
Und dennoch wird Jedem, der das Jahr 1848 mit Bewußtsein durchlebt
und Jedem, der versucht hat, seine Spuren und Folgen an den Quellen
nachzulesen, die Erinnerung an diese Zeit so heilig sein und so theuer,
wie an irgend eine spätere, glücklichere Zeit unserer Geschichte.
Das Jahr 1870 führte uns die Ernte in die Scheunen und kelterte den
in heißer Sonne langsam gereiften Wein. Das Jahr 1848 berauschte mit
allen Reizen des Frühlings: zauberhaft brechen überall unter der
kaum geborstenen Decke des Winters die Knospen und Blüten hervor und
versprechen reiche Ernte, einen gesegneten Herbst. Aber die Ernte erlag
dem Hagel, der Herbst dem Frost. Im Jahre 1870 feierte die deutsche
Nation das Jubelfest ihrer ewigen und unlöslichen Verbindung. Im Jahre
1848 strebte sie darnach, ihre heiße Jugendliebe heimzuführen, sie
scheiterte; aber unverloren war die Erfahrung des Glückes und Schmerzes
für ihre Zukunft!
Vielleicht Keinem unter allen Denen, die das „tolle Jahr“ seit langer
Zeit schon heraufkommen sahen, verhieß es eine reichere Ernte mühsam
ausgestreuter Saat, als Robert Blum. Und wohl Keiner unter Allen hat
seine Hoffnungen schmerzlicher vernichtet gesehen, als er: denn er
mußte ihr Scheitern mit dem Leben bezahlen. In seiner Natur, seinem
Charakter schienen sich alle Vorbedingungen zu vereinigen, um das
Ringen der Nation, wie es damals zum Ausdrucke kam, zum Siege zu
führen. Es galt, zunächst in den Einzelstaaten durch den Sturz des
alten Systems die Bahn zu brechen für den Zusammentritt eines deutschen
Parlaments, dann in der Nationalversammlung selbst eine gemeinsame
Verfassung für Deutschland auf möglichst freisinniger Grundlage zu
schaffen. Robert Blum hatte sich seit seinem ersten öffentlichen
Auftreten immer gleich gut deutsch und gleich maßvoll erwiesen. Von
ihm durfte daher in erster Linie eine richtige, befriedigende Lösung
der großen Aufgabe erwartet werden. Den ersten Theil dieser Aufgabe:
den Sturz des alten Systems in Sachsen, die Vorarbeit für freie Wahlen
der Nation, wie für die Anerkennung der verfassunggebenden Befugnisse
des deutschen Parlaments hat er vollkommen erfüllt. Dagegen hat auch
er seinen Antheil an der Schuld, die auf jeder Partei des Frankfurter
Parlamentes ruht, die aber verhängnißvoll und verderblich wurde für
unsere Nation nur durch die mindestens gleich wiegende Schuld der
damaligen deutschen Regierungen.
Zu Anfang des nächsten Abschnittes wird diese Ansicht eingehender zu
begründen sein. --
Auf einem Ball im Hôtel de Pologne in Leipzig ereilte die Nachricht
vom Ausbruch und Erfolg der Pariser Februarrevolution die Elite der
Leipziger Bürgerschaft, auch Robert Blum.[97] Auf dem Balle selbst
trat Blum sofort mit einigen Freunden zu einer Berathung über die
nächsten Schritte zusammen, die nun in Leipzig geschehen müßten. Aller
Ansichten stimmten darin überein, daß die Gemeindevertretung, die
Stadtverordneten, womöglich auch der Rath, die Wünsche der Leipziger
Bürgerschaft vor den Thron bringen müßten. Am nächsten Morgen schon
ergab sich, daß auch die gemäßigt Liberalen unter Biedermann's Führung
genau dasselbe Ziel verfolgten. Schon hatte Biedermann in engerem
Freundeskreise eine Adresse entworfen, welche von den Stadtverordneten
an den König gerichtet werden sollte. Blum und seine Freunde nahmen
zwar Anstoß an dem ihrer Meinung nach zu gemäßigten Ton der Adresse.
Aber sie ordneten ihre Parteiwünsche unter dem Gelingen dieses edeln
und schönen Versuches: durch eine Kundgebung des Kerns der Leipziger
Bürgerschaft auf friedlichem und gesetzlichem Wege eine Abhülfe der
drückendsten Beschwerden und eine Bürgschaft besserer öffentlicher
Zustände herbeizuführen. Zudem stellte sich diese Adresse auf einen
so hohen, deutsch-nationalen Standpunkt, daß ihr jeder gute Deutsche,
er mochte sonst einer Parteirichtung angehören, welcher er wollte,
beistimmen konnte. Sie verlangte „eine Reorganisation der deutschen
Bundesverfassung im Geist und nach den Bedürfnissen der Zeit, angebahnt
durch die Entfesselung der Presse und die Berufung von Vertretern
sämmtlicher deutscher Völker an den Sitz des Bundestags.“ Von dem
Verfasser des ofterwähnten Aufsatzes „Das Königreich Sachsen“ in dem
5. Bande der Gegenwart wird S. 596 mit Recht hervorgehoben, daß die
Hauptkraft der Bewegung, welche unmittelbar nach der Februarrevolution
von der Bürgerschaft Leipzigs gegen das in Dresden herrschende System
gerichtet wurde, eben in jener „merkwürdigen Einmüthigkeit aller
Parteien und aller Classen der Bevölkerung“ beruhte, welche von da ab
wochenlang Liberale und Radicale, Biedermann und Blum, zu treuester
Bundesgenossenschaft einte, bis der gemeinsame Feind geschlagen, Alles
was man erstrebte, erreicht war. Es war zweifellos eine bedeutsame
ebenso patriotische als staatsmännische That, daß Blum, der populärste
und einflußreichste Mann des damaligen Leipzig, in den Tagen, die auch
seinen letzten Hoffnungen noch Erfüllung verhießen, als Parteiführer
und mit seinem persönlichen Ehrgeiz völlig sich unterordnete unter
Bestrebungen und Männer, die nicht ganz seinen Neigungen entsprachen --
nur um die #vereinte# Kraft der Stadt für das #gemeinsam erreichbare#
Ziel zu gewinnen. Der Verfasser der schönen, ofterwähnten Arbeit in der
„Gegenwart“ (Biedermann?) erkannte das an, vielleicht gerade weil er
neben Blum damals gekämpft und den tüchtigen und braven Patriotismus
Blum's in täglichem persönlichen Verkehr erkannt hat[98]. Der Verfasser
der Sächs. „Geschichte“ dagegen[99], obwohl er jenen Aufsatz der
Gegenwart kannte, da er ihn auf Schritt und Tritt benützt, konnte
mit seinem „schärferen Blick schon damals erkennen,“ daß „der Mann
(Blum), kein Politiker, noch weniger ein Staatsmann, am wenigsten,
trotz aller Phrasen, ein Patriot, sondern, gleich den Meisten seiner
Partei, nur der Verfechter abstracter und politisch werthloser Ideen
war.“ Die Schärfe dieses Blickes hat nur den einen Fehler, daß sie
alle #Thatsachen# übersieht, welche geeignet gewesen wären, ein
solches Urtheil zu berichtigen. Die nachstehenden Blätter verfolgen
u. A. die Aufgabe, einem derartigen Urtheil über Blum hinfort den
Vorwand des guten Glaubens zu entziehen und jener Auffassung Schranken
aufzuerlegen, welche behauptet, daß ein solches Urtheil aus dem Streben
hervorgehe, „durchweg nur die historische Wahrheit zu ermitteln.“
Als am ersten März 1848 die Leipziger Stadtverordneten zur Berathung
des Biedermann'schen Adreßentwurfes zusammentraten, fand sich volle
Einstimmigkeit dafür. Auch die Conservativen schlossen sich derselben
an. Noch mehr überraschte, daß der Stadtrath, an dessen Spitze noch
immer der traurige Bürgermeister Groß stand, der Adresse einstimmig
beitrat. Am zweiten März ging die Deputation der städtischen Behörden
zur Ueberreichung der Adresse nach Dresden ab. Der König empfing die
Leipziger keineswegs gnädig. Er zeigte sich verletzt durch den Hinweis
auf den zwischen dem Geiste des Volkes und dem Geiste der Verwaltung
bestehenden Zwiespalt, und lehnte jedes Eingehen auf den Inhalt der
Adresse ab, zu welcher die Gemeindevertretung Leipzigs sich nur in
Ueberschreitung ihrer Befugnisse habe hinreißen lassen.
Durch anonyme Maueranschläge ward die Bevölkerung Leipzigs am dritten
März zu Abends acht Uhr nach dem Dresdner Bahnhof zusammenberufen, um
hier die von Dresden zurückkehrende Deputation zu erwarten. Da hier
der Raum zu eng war, zog die zahllose Masse nach dem Markt, den sie
sammt den angrenzenden Straßen vollständig anfüllte. In lautloser
Stille harrten die Tausende hier auf das Eintreffen der Deputation,
die endlich gegen neun Uhr eintraf und mit unendlichem Jubel begrüßt
wurde. Zuerst sprach Stadtrath Seeburg von der tiefen Rührung des
Königs, dann Biedermann. Doch ungestüm verlangte das Volk nach Robert
Blum. Endlich erschien Blum auf dem Rathhausbalkon. Seine Stimme
allein beherrschte den ganzen Markt, wurde in den angrenzenden Straßen
noch gehört. Auch er suchte beschwichtigend von der Adresse und der
Antwort des Königs abzulenken. Doch ungestüm fiel auch ihm das Volk
in die Rede mit dem Verlangen: „die Antwort, die Antwort!“ Es war
nicht mehr zu verheimlichen, daß die Bitten der Stadt harte Abweisung
erfahren hatten. Zuerst allgemeines befremdliches Erstaunen. Dann
lautes, leidenschaftliches Murren. Die Masse hatte bestimmt gehofft,
die Deputation werde die Entlassung der verhaßten Minister von
Dresden mitbringen. Doch Blum fuhr fort und wurde weiter angehört. In
constitutionellen Ländern, sagte er, sei nicht der König, sondern seien
die Minister verantwortlich. Sie trügen auch die Verantwortlichkeit
für die Abweisung der Leipziger Anträge. Auf ihre Beseitigung müsse
man dringen. Er werde in der nächsten Stadtverordnetenversammlung den
Antrag stellen, daß der König das Ministerium, welches das Vertrauen
des Volkes nicht besitze, entlassen möge. Unter ungeheuren Jubel- und
Hochrufen trennte sich die befriedigte Versammlung.
Schon am nächsten Tage, in der Stadtverordnetensitzung vom vierten
März, hielt Blum sein Versprechen. Das Collegium trat seinem Antrage in
Form einer „Erklärung“ bei, in welcher es seine vom König bezweifelte
Competenz entschieden wahrte und betonte, man müsse dem über die
Tragweite der geschehenen Manifestationen getäuschten König erklären,
daß die Minister das Vertrauen des Landes nicht besäßen. Weiter trat
man einstimmig dem Antrag von Brockhaus auf sofortige Berufung des
Landtages bei. Auch diesen Beschlüssen der Stadtverordneten schloß
sich der verschüchterte Rath an. Inzwischen hatte sich noch in der
Nacht fast unmittelbar nach der Rückkehr der ersten Deputation aus
Dresden eine zweite dahin begeben, um dem König eindringlich mündlich
die drohende Lage und die Nothwendigkeit beruhigender Schritte
vorzustellen. Der König zeigte sich jedoch noch immer so wenig zur
Nachgiebigkeit geneigt wie seine Minister. Koch, der in der Deputation
war, versuchte durch persönliche Ansprache den verhaßtesten der
Minister, Falkenstein, zum Rücktritt zu bewegen; doch anscheinend
war auch dieser kühne Versuch erfolglos. Wenigstens brachte die
Deputation nichts nach Leipzig mit als die Antwort des Königs: „Aber
nichts wird mich bewegen, von dem klaren Wege abzugehen, den mir
meine Verbindlichkeit als Mitglied des Deutschen Bundes und meine
durch die Verfassung übernommene Pflicht vorschreiben.... Das muß
ich offen erklären, daß ich mich in dieser wichtigen Angelegenheit
(der Preßgesetzgebung) nicht von Zeitereignissen, sondern nur von der
gewissenhaften Rücksicht auf das Wohl des mir anvertrauten Volkes und
von meiner, durch die Bundes- und Landesverfassung übernommenen Pflicht
leiten lassen werde. Im Uebrigen vertraue ich, daß es dem Ansehen
der Behörden, der Kraft und dem guten Geiste der Communalgarde, dem
ernsten Willen aller guten Bürger gelingen werde, denjenigen gegenüber,
welche auf ungesetzlichem Wege Ungesetzliches wollen, Gesetz und
Ordnung zu bewahren; und mache ich dafür, daß dies geschehe, die Stadt
Leipzig verantwortlich.“ Die einzige Vertröstung, welche diese Antwort
enthielt, waren Schritte beim Bunde betreffs der Befreiung der Presse.
Aber auch diese geringe Zusage wirkte nur verstimmend, da der im
Entschlafen begriffene Bundestag schon am 1. März, nachdem er durch
dreißig Jahre das öffentliche Vertrauen mit Füßen getreten, sich
„vertrauensvoll an die deutschen Regierungen und an das deutsche Volk“
gewendet hatte mit der Versicherung: „er werde von seinem Standpunkt
aus Alles aufbieten, um gleich eifrig für die Sicherheit Deutschlands
nach außen, wie für die Forderung der nationalen Interessen und des
nationalen Lebens im Innern zu sorgen,“ ja, nachdem derselbe Bundestag
am dritten März sogar die Proclamation hatte folgen lassen: daß es
jedem Bundesstaate frei gestellt werde, die Censur aufzuheben und die
Preßfreiheit einzuführen. Kannte man diesen Bundesbeschluß in Dresden
noch nicht? Oder wollte man, wie nun seit anderthalb Jahrzehnten,
hinter dem Rücken des Bundestags Versteckens spielen gegen die
ungestüm rufende Zeit? Schon ehe die Antwort des Königs eintraf und
der Bundesbeschluß vom 3. März bekannt wurde, hatte Blum übrigens
die Regierung mit ihrem Beharren bei der Censur in eine böse Lage
versetzt. Er war mit Wuttke, Oettinger und Arnold Ruge zu dem Censor
Prof. Dr. Marbach gegangen und hatte von diesem die Niederlegung seines
Amtes gefordert. Dr. Marbach hatte hierauf erklärt, daß er sich dazu
nicht berechtigt halte, daß dagegen die Censoren eine Eingabe an das
Ministerium gerichtet hätten, in welcher sie gegen die Censur und ihre
verderblichen Wirkungen sich ausgesprochen und das Bedenkliche des
Fortbestehens der Censur ernstlich vorgestellt hätten. Diese Erklärung
veröffentlichte Blum. Man sah den Augenblick herannahen, wo die Räder
der verbrauchten Staatsmaschine von selbst den Dienst versagen würden.
Niemals hatte der große Fehler dieses Regiments sich klarer und
kläglicher gezeigt: aus Furcht, schwach zu erscheinen, bewilligte man
auch das Nothwendigste immer erst, wenn es zu spät war.
Fast gleichzeitig mit der Antwort des Königs drang die Kunde
nach Leipzig, daß Falkenstein, der gestern noch so zäh an seinem
Portefeuille gehangen, freiwillig sein Amt niedergelegt habe, „um
nicht den Vorwand zu ferneren Demonstrationen und Unordnungen
abzugeben.“ Eben hatten die Stadtverordneten am 5. März beschlossen,
ihre gestrige Erklärung nunmehr in Form einer Adresse an den König
zu erlassen und offen die Ersetzung der Minister durch Männer des
öffentlichen Vertrauens zu fordern. An diesem Verlangen hielt die
Leipziger Gemeindevertretung auch fest, als am 6. März eine Ansprache
des Königs „An meine Sachsen“ erschien, welche die Berufung des
Landtages spätestens zu Anfang Mai verhieß, die Vorlage eines
Preßgesetzes ankündigte und an das Volk die Mahnung richtete: „Harret
ruhig und im Vertrauen auf das, was ich schon gethan und noch thun
werde. Greift nicht den Befugnissen der von Euch selbst gewählten
Landesvertreter vor.“ Auch daß die offiziöse Leipziger Zeitung nun
auf einmal die Einführung des öffentlichen und mündlichen Verfahrens
in Aussicht stellte, und „die Unterstützung aller Maßregeln verhieß,
welche die Einigkeit, das Wohl und die Kräftigung Deutschlands fördern
könnten,“ verfing bei den Leipzigern nicht. Hatte dasselbe Organ doch
nicht lange zuvor noch geschrieben: „es sei eine Ausschreitung, wenn
in der Kammer der Satz aufgestellt worden sei, daß das System der
Regierung sich irgendwie nach den Ergebnissen der parlamentarischen
Debatten und Abstimmungen richten müsse.“ Wie viel weniger war an
eine ernstliche Nachgiebigkeit gegen Wünsche einzelner städtischer
Corporationen und Volkskreise zu denken. Robert Blum sprach daher
nur die Ueberzeugung aller liberalen Bürger Leipzigs aus, als er in
der nächsten Stadtverordnetensitzung (7. März) ausrief: „Man hat uns
einen Menschen“ (Falkenstein) „zum Opfer gebracht, aber das System
ist nicht damit gefallen. Dieses vertreten die Minister v. Könneritz
und v. Wietersheim; wir dürfen die Ungesetzlichkeit der Censur nicht
länger dulden.“ In derselben Sitzung erwiderten die Stadtverordneten
auf die königliche Ansprache des vorhergehenden Tages: „Nach § 85
der Verfassung und dem Bundesbeschluß vom 3. März sei die Presse
gesetzlich frei, stehe daher der sofortigen Einführung der Preßfreiheit
nichts im Wege; durch die Entlassung Falkenstein's sei das Hinderniß
nicht beseitigt, welches der Wiederherstellung des friedlichen und
harmonischen Verhältnisses zwischen Regierung und Volk entgegenstehe;
dieses Hinderniß bestehe vielmehr so lange fort, als nicht auch die
übrigen Träger des bisherigen ministeriellen Systems zurückgetreten
wären, indem man gerade in der neuesten Proclamation den Beweis
finde, wie der König nach wie vor über die dringlichen Bedürfnisse des
Landes und die Pflichten und Rechte, welche die Verfassung auferlege
und verbürge, #getäuscht# sei; daß aber auch eine Garantie für eine
wahrhafte Systemänderung nur dann vorhanden, wenn Männer, die durch
ihr öffentliches und ständisches Wirken sich das Vertrauen des Landes
erworben, in den Rath des Königs berufen würden.“
Alle diese Beschlüsse faßten die Stadtverordneten einstimmig, unter
Blum's kräftiger Mitwirkung. Immer trat der Stadtrath ihnen einstimmig
bei. Nie war aus dem Kreise der Bürger eine abweichende Meinung laut
geworden. Eine höchst zahlreiche Menge wohnte allen Sitzungen der
Stadtverordneten bei. Die engen Tribünen reichten bei weitem nicht
zu, sie zu fassen. Sie füllte die Gänge, die Treppen, selbst den
Saal um die Sitze der Gemeindevertreter, beobachteten aber stets die
würdigste Zurückhaltung und Ordnung. Einen Antrag, seine Sitzungen in
ein größeres Local zu verlegen, um einem zahlreicheren Publikum Zutritt
zu verschaffen, lehnte das Collegium ab, um auch nicht den Schein
der Unfreiheit, der Beeinflussung seiner Entschließungen zu erregen.
Täglich große Versammlungen des Redeübungsvereins im Schützenhause,
meist unter Blum's Vorsitz oder doch seiner Betheiligung, unterstützten
die Stadtverordneten durch Beitrittserklärungen, friedliche, von jedem
Terrorismus freie Ovationen ihres Beifalls. Zahlreiche freiwillige
Hülfscorps (17 Compagnien zu 50 Mann) verstärkten die Communalgarde
in ihrem Ordnungsdienst für jeden Fall. Daß ganz Leipzig #einer#
Gesinnung, von unausrottbarem Mißtrauen gegen das herrschende System
erfüllt sei, ließ sich in Dresden kaum bezweifeln. Nun trat aber noch
eine entscheidende Kundgebung in gleichem Sinne von ganz anderer
Seite hinzu: die Universität durch den akademischen Senat richtete
eine kräftige, vom Professor (späteren sächsischen, dann baierischen
Minister) v. d. Pfordten verfaßte Adresse an den König, in der Reformen
in der Verwaltung, der Presse, der Rechtspflege, und eine Regeneration
jenes Bundes gefordert wurde, „der das Vertrauen der Völker verloren,
um nicht zu sagen niemals besessen habe.“
Immer noch schwankte jedoch die Regierung zwischen Nachgiebigkeit und
trotzigem Eigensinn. Als Nachgiebigkeit konnte man die Bekanntmachung
der Minister vom 9. März ansehen, in der sie kundthaten, sie hätten dem
König ihre Entlassung angeboten, doch sei sie nicht angenommen worden;
vielmehr habe der König beschlossen, den Landtag schon zum 30. März
einzuberufen, damit dieser darüber entscheide, „ob das gesammte Land
die Meinung Derer theile, welche sich gegen die bisherige Wirksamkeit
der Minister erhoben hätten.“ Aber dieser Erlaß goß nur Oel ins Feuer.
Wie? -- rief und schrieb man in Leipzig mit vollem Rechte -- die unter
dem Drucke der vormärzlichen Bevormundung gewählten abgenutzten Kammern
sollten über ein Preßgesetz entscheiden, während die Regierung seit
dem 3. März die volle Preßfreiheit unbedenklich gewähren kann? Und nun
appellirten auf einmal an die Stände dieselben Minister, die so oft
erklärt, sie würden nur ihrer eigenen Ueberzeugung folgen? Und wenn es
unzulässig war, die Censur ohne die Stände aufzuheben, warum erklärte
die Regierung -- wie sie gleichzeitig that -- die Censur bis zum 15.
April versuchsweise aufgehoben?
Schließlich überwog aber doch die Meinung in Dresden, man könne es
noch einmal mit Strenge probiren. Zu diesem Entschlusse bestimmte
vor allem die kläglich-servile Haltung der Hauptstadt. Der Dresdner
Stadtverordnete (berühmte Philologe, später im Exil jahrelang Professor
in Zürich, nach 1870 in Heidelberg und Reichstagsabgeordneter) Dr.
Köchly suchte den Leipziger Patrioten durch ähnliche Anträge, wie
sie von da ausgingen, die Hand zu reichen. Aber schroff lehnte man
in Dresden das ab. Der Dresdner Stadtrath suchte sogar eine Adresse
der Bürgerschaft, die ähnliche Wünsche aussprach, zu escamotiren.
Als die Kunde nach Dresden drang, Leipzig werde durch Massen- oder
Sturmdeputationen nach Dresden seine Anträge beim König durchzudrücken
versuchen, rottete sich die Dresdner Communalgarde zusammen, besetzte
den Leipziger Bahnhof und lauerte hier auf die Leipziger, sie zu
fangen oder zurückzutreiben, je nach Umständen. Aber die Leipziger
erschienen nicht. Blum hatte seinen ganzen Einfluß aufgeboten, um
den Massenzugs-Unsinn zu hintertreiben. Damit doch Etwas geschehe,
defilirte die Dresdner Communalgarde vor dem König am Schlosse vorbei,
und der „Dresdner Anzeiger“ sprach gerührt von der „großartigen
Kundgebung der Stimmung der Dresdner Communalgarde.“ Arm in Arm mit
ihr glaubte das Ministerium schon sein Jahrhundert in die Schranken
fordern zu können. Daß aus Zwickau und vielen anderen Städten Adressen,
Beschlüsse und Deputationen kamen, die mit Leipzig harmonirten, wurde
in Dresden weggespottet. Den Sprecher einer Deputation aus der Provinz,
den Bürgermeister Schwedler, fuhr der König an: „Nein, nein, nein,
nein! Unbillige Wünsche werde ich nicht berücksichtigen! Ich kann mich
mit Ihnen nicht in Discussionen einlassen, ich habe Ihnen nichts zu
sagen, als: leben Sie wohl!“ Man glaubte eben überall nur Strohmänner
einiger Leipziger „Schreier“ vor sich zu haben. Und dieser Ueberzeugung
gemäß ward gehandelt -- genau so wie im Jahr 1845. Plötzlich wurden
große Militairmassen um Leipzig zusammengezogen. Gleichzeitig rückten
-- gewiß nicht ohne bundesfreundliches Ersuchen von Dresden --
preußische Truppen in nächster Nähe von Leipzig an die Grenze. Und
wie Herr von Langenn 1845, hielt jetzt der Minister v. Carlowitz unter
dieser vollen Machtentfaltung, gleichsam umringt von Bajonetten, am 11.
März seinen Einzug in die bedrohte Stadt.
Aber freilich, Herr v. Carlowitz war kein Herr v. Langenn. Wohl war er
gekommen, um den Auftrag seines Königs zu vollziehen, des Königs Gebot
der erregten Stadt zu verkündigen. Aber gleichzeitig war er gekommen,
um mit eigenen Augen zu sehen, und seinem König wahrheitsgetreu über
das Gesehene zu berichten. Er fand die treue Stadt in einer Bedrängniß
ohne Gleichen. Seit Wochen waren nun Liberale, Radicale, alle irgend
nennenswerthen Kreise der Stadt zusammengegangen in dem Streben,
auf #gesetzlichem# Wege die Forderungen der Stadt, des Landes, die
heiligsten Interessen ganz Deutschlands gewahrt zu sehen. Nur durch
das immer erneute Versprechen, daß auf friedlichem und gesetzlichem
Wege Alles sicher erreicht werde, hatte namentlich Robert Blum die
meisterlosen, wüsten Elementarkräfte, die jede Revolution entfesselt,
niedergehalten. Nun aber, da Woche auf Woche verstrich, ohne den
ersehnten unblutigen Sieg zu bringen, begann der Neid und die Mißgunst
unverantwortlicher, weit „entschiedenerer“ Gesellen gegen den
verdienten Führer in den Massen zu wühlen und zu hetzen -- und als
vollends das Militair rings um Leipzig zusammengezogen wurde, gährte
und grollte es überall in der Stadt wie in einem Vulkan, der sich zum
Ausbruch rüstet. Das allgemein verbreitete Gerücht, daß das Militair
beabsichtige, Blum und Andere der Gehaßtesten zu greifen und vor ein
Kriegsgericht zu stellen, trug nicht wenig zu dieser Erregung bei. --
Dem Minister Carlowitz entging diese Stimmung nicht. Dennoch that
er seine Pflicht bis zuletzt. Er richtete die Forderungen aus,
die der König ihm für Leipzig mitgegeben. Er verlangte von den
Stadtverordneten, sie sollten sich aufregender politischer Reden
enthalten. Der Redeübungsverein und die Schützenhausversammlungen
sollten jeder politischen Agitation fern bleiben, das lärmende
Umherziehen größerer Volksmassen aufhören, der Zug nach Dresden
schlechterdings unterbleiben. -- Die Stadtverordneten antworteten auf
diese Forderungen, die allgemein schmerzliche Enttäuschung erregten,
noch am nämlichen Abend ruhig, fest, ablehnend. „Man erwäge nur die
Umzingelung Leipzigs,“ hatte Blum schon in der vorangehenden Sitzung
(10. März) gerufen. „Weßhalb diese Kosten? Warum wird der Landbewohner
so ausgesogen? Weil fünf Menschen, die eine Armee zur Verfügung haben,
nicht begreifen, daß sie mit ihren Kugeln zwar Menschen tödten, aber
#nicht ein einziges Loch in die Idee bohren können#, welche die
Welt beherrscht.“ Die Stadtverordneten erklärten Herrn v. Carlowitz
einstimmig: strafbare politische Reden seien in ihren Versammlungen
nicht vorgekommen. Das Recht und die Pflicht freier Meinungsäußerung
habe jedermann, namentlich in so bedrängter Zeit. Jeder werde das, was
er sage, vor dem Gesetz vertreten. Die Schützenhausversammlungen lägen
außerhalb des Geschäftskreises der Stadtverordneten. Umzüge seien seit
der Abmahnung des Stadtrathes nicht wieder vorgekommen. Garantien gegen
den Zug nach Dresden könnten vom Collegium weder verlangt noch gegeben
werden. Die Spannung war auf's Aeußerste gestiegen.
Da versammelten sich am 12. März im Schützenhause zu Leipzig auf
Joseph's Einladung vierzig namhafte freisinnige Männer, Mitglieder des
letzten Landtages und sonstige Vertrauensmänner: Todt, Oberländer,
Schaffrath, Joseph, Blum, Biedermann, Koch, Klinger u. s. w. Schaffrath
legte ein Programm vor, welches die wichtigsten politischen,
religiösen und sozialen Anliegen des Volkes zusammenfaßte. Die
radicalen Elemente herrschten in dieser Versammlung vor, aber leicht
wurde auch hier ein Durchschnittsausdruck der Meinungen gefunden.
Auf Anregung der süddeutschen Liberalen wählte die Versammlung zwei
Vertrauensmänner für Frankfurt, wo sich nach den Beschlüssen der
Patrioten von Heppenheim und Heidelberg demnächst die Delegirten ganz
Deutschlands zusammenfinden sollten. Gewählt wurden die Führer der
beiden Richtungen, die in der Versammlung vertreten waren: Blum und
Biedermann. Da Blum ablehnte, trat Todt an seine Stelle.
Minister Carlowitz reiste ab. Niemand wußte, ob sein Scheiden von
Leipzig Krieg oder Frieden bedeute. Nur daß er selbst keinesfalls
länger als bis zum Landtag im Amt bleiben werde, hatte er überall offen
erklärt. Aber Carlowitz war ein ganzer Mann[100], wer ihn kannte,
durfte nicht zweifelhaft sein, wie er in Dresden auftreten werde. Er
öffnete dem König die Augen über den wahren Charakter der Leipziger
Bewegung. Der König erkannte, daß er von Könneritz getäuscht worden
und entließ diesen sofort in Ungnaden. Am 13. März trat das ganze alte
Ministerium zurück. Kaum wagte man in Leipzig der frohen Kunde zu
trauen.
Aber schon am 16. März wurden die Namen der neuen Sächsischen Minister
bekannt gemacht. Bernhard v. Lindenau, an den die treue Anhänglichkeit
des Volkes zunächst dachte, hatte von seinem abgeschiedenen Landsitz
aus der Krone den Rath ertheilt, an die Spitze des neuen Ministeriums
Braun zu berufen. Neben diesem übernahm Georgi die Finanzen, v. d.
Pfordten das Aeußere und Innere, v. Holtzendorff den Krieg. Am 20.
März wurde das Ministerium vervollständigt durch den Eintritt eines der
nächsten politischen Freunde Blum's, Martin Oberländer aus Zwickau.
Weite Kreise Sachsens dachten vor Oberländer's Berufung daran und
sprachen aus, daß Blum selbst zum Minister ernannt werden müsse. Beim
König wäre seine Ernennung wohl kaum schwieriger durchzusetzen gewesen,
als die Oberländers[101]. Aber auf das Bestimmteste erklärte Blum,
daß nunmehr, nachdem das alte System in Sachsen gestürzt sei, seine
Thätigkeit nur den Vorarbeiten für das Deutsche Parlament, Deutschland,
nicht Sachsen gewidmet sein könne.
In der That war durch die Einsetzung des Märzministeriums und die
Durchführung des Regierungsprogramms, welches das Ministerium
verkündigte, Alles erreicht, was die vereinigte Opposition des
Landes in Sächsischen und Deutschen Dingen seit Jahren vergebens
verlangt hatte. Denn das Programm der neuen Regierung enthielt
folgende Verheißungen: Vereidigung des Militairs auf die Verfassung,
Aufhebung der Censur für immer, ein Preßgesetz ohne das System der
Concessionen und Cautionen, Reform der Rechtspflege auf Grundlage der
Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, Geschworenengerichte in Strafsachen,
Reform des Wahlgesetzes, Vereinsrecht mit Repressivbestimmungen gegen
Mißbrauch, gesetzliche Ordnung der kirchlichen Verhältnisse im Geiste
der Duldung und Parität, Antrag auf Revision des Vereinszolltarifs,
kräftige Mitwirkung zu zeitgemäßer Gestaltung des Deutschen Bundes
mit Vertretung des Volkes bei demselben. In diesem Sinne #handelte#
das neue Ministerium auch sofort. Am 22. ward das Militair auf die
Verfassung vereidet, am 23. die Presse freigegeben, am 30. sagte
sich das Ministerium von den sog. „Ausnahmebeschlüssen“ des Bundes
los. Am 11. April wurde eine Art von Volksbewaffnung eingeführt, am
17. April eine allgemeine Amnestie für politische Vergehen erlassen
u. s. w. Namentlich ließ das Ministerium ein vollständiges Eingehen
auf die nationalen Forderungen der Zeit hoffen. Als am 20. März
die Deputation der süddeutschen Regierungen in Dresden eintraf, um
Sachsen zum Anschluß an die Grundzüge der von Hessen, Nassau, Baden,
Württemberg beschlossenen künftigen deutschen Verfassung (Bundesstaat
unter preußischer Spitze) einzuladen, sandte Braun den Professor
Biedermann in außerordentlicher Mission nach Berlin, um den Anschluß
der Sächsischen Regierung an diese Bestrebungen zu erklären[102].
Während diese Action geheim blieb, ließ sich der Standpunkt des
Sächsischen Ministeriums in der Deutschen Frage für Alle erkennen in
der Instruction, welche es jenem „Vertrauensmann“ nach Frankfurt
mitgab, den es nach dem Beschlusse des Bundestags dorthin zu entsenden
hatte. Schon die Wahl Todt's, des Schöpfers und Leiters der ehemaligen
Landtagsopposition, zu dieser wichtigen Stellung, erregte überall
freudige Zustimmung. Die ihm mitgegebene Instruction aber enthielt
folgende Grundzüge: „Deutschland wird Bundesstaat auf volksthümlicher
Grundlage, dessen Organe ein Oberhaupt mit einem verantwortlichen
Ministerium, ein Parlament mit zwei Häusern, ein Reichsgericht sind.
Die Aufgabe der Centralgewalt umfaßt die völkerrechtliche Vertretung
Deutschlands, die Gesetzgebung in den wichtigsten Gegenständen, die
Grundlagen des Verkehrs, Heer und Flotte; sie garantirt überdies
die Grundrechte des deutschen Volkes. Die innere Verfassung der
Einzelstaaten ist die constitutionelle mit ihren Consequenzen.
Beschränkung der Selbständigkeit der Einzelstaaten, soweit die
völkerrechtliche und bundesstaatsrechtliche Einheit Deutschlands es
fordert.“ Wie weit damals das Ministerium auf dieser deutschen Bahn
zu gehen entschlossen war, erhellt am besten aus jenem Wort, das der
particularistischste der Märzminister, v. d. Pfordten, zu Biedermann
sprach, als dieser zum Vorparlament reiste: „Bringen Sie uns eine
Verfassung, welche Sie wollen, nur halten Sie uns die Republik vom
Leibe“[103].
Die öffentlich bekannt gemachte Instruction der Regierung an Todt
stimmte durchaus überein mit den Ansichten aller Parteien in der
Deutschen Frage. Die conservativ-reactionären Elemente, die allein
anderer Meinung waren, wagten sich damals noch nicht hervor. Namentlich
war der radicale Fortschritt unter Blum's Führung damals durchaus
einverstanden damit, daß die Regierung sich bereit erklärte, die Opfer
zu bringen, welche die Nation durch ihre Vertreter in Frankfurt
fordern würde. Die radicale Partei glaubte in dem Programm den
vollen Spielraum zu finden für ihre damals noch unfertigen und weit
auseinandergehenden Ansichten über die Art dieser Opfer und die Natur
des künftigen deutschen Oberhauptes. Keineswegs nur republikanische
Elemente einigten sich um Blum unter dessen Führung. Im Gegentheil:
seine nächsten und intimsten Freunde, Rüder, Cramer, Bertling u. s.
w. waren monarchisch gesinnt. Sein eigenes Ideal war unstreitig die
Republik. Daß eine solche in Deutschland, mindestens #vorläufig#,
nicht durchführbar sei, hat auch er damals in classischen Aussprüchen
kund gegeben. Als vor seiner Abreise zum Vorparlament eine zahlreiche
Deputation aus dem sächsischen Gebirge ihm zur Pflicht machte,
binnen längstens vierzehn Tagen von Frankfurt die deutsche Republik
mitzubringen, richtete er die verblüffende Frage an die Versammlung: ob
die Herren an allen Orten, von denen sie herkamen, schon Feuerspritzen
hätten? Als die Frage von einem großen Theile der Deputirten verneint
wurde, erwiderte Blum lakonisch: „Sagen Sie Ihren Auftraggebern, ehe
jedes Dorf in Deutschland seine Feuerspritze habe, könne ich ihnen die
deutsche Republik nicht besorgen“[104]. -- Eine ähnliche Aeußerung that
er bei seiner Ankunft in Frankfurt vor der Eröffnung des Vorparlaments.
Er und die anderen sächsischen Delegirten zum Vorparlamente, darunter
Professor Wuttke, der mir den Vorfall erzählt hat, wurden bei ihrer
Ankunft in eine große Frankfurter Volksversammlung geladen. Wild
wogten hier die Anträge und Reden durch einander. Daß Deutschland
Republik werden müsse, schien Allen ausgemacht. Da trat Robert Blum,
den Meisten unbekannt, auf und sprach das Wort: „Eine Republik könnte
Deutschland schon werden -- aber es fehlen uns die Republikaner!“
Vorläufig entsprach das Programm, die Leitung und Organisation des
Vereins, der Blum als seinen Führer anerkannte, der Ansicht des
Letzteren. Dieser Verein bildete sich am 28. März aus den Versammlungen
des Schützenhauses und nahm den Namen „#Vaterlandsverein#“ an. An der
Spitze desselben standen neben den Monarchisten Cramer, Bertling,
Wuttke, Rüder, auch in der Wolle gefärbte Republikaner wie Ruge,
Jäkel, Binder, Skrobek, Althaus. Nur die reinen Socialisten fanden
keinen Boden hier und traten unter der Losung: „Sociale Reform, aber
keinen Communismus!“ unter Weller's und Semmig's Leitung zu einem
„Demokratischen Verein“ zusammen. Weitaus die Mehrheit aller politisch
regen Männer des Landes aber umfaßten die „Vaterlandsvereine,“ die
sich rasch über ganz Sachsen verbreiteten und Blum zum ersten Obmann
und gleichsam Protector aller Zweigvereine wählten. Sie umfaßten schon
auf der Generalversammlung Ende April vierzig Vereine mit 12,000
Mitgliedern. Zu Anfang September waren sie auf hundert Vereine mit
etwa 30,000 Mitgliedern gestiegen. Auch das platte Land bedeckte sich
mit Vaterlandsvereinen. Sie waren unter sich in Bezirke getheilt, der
„leitende Ausschuß“ aber saß in Leipzig und regierte von hier aus. Von
Zeit zu Zeit fanden Generalversammlungen statt. Ueber die Hauptfrage,
ob Monarchie, ob Republik? sprach sich das Programm der Vereine, wie
gesagt, Anfangs schon um deßwillen nicht aus, weil die Ansicht der
Führer selbst getheilt, ja ungeklärt war. Anfangs sagte das Programm
darüber nur: „man dürfe dem Volkswillen nicht vorgreifen; dessen Sache
sei es, sich diejenige Regierungsform zu geben, welche ihm am meisten
entspreche“. Später nahm man, um sich gegen mannigfache Angriffe zu
decken, die Erklärung auf: „daß die demokratisch-constitutionelle
Monarchie für Sachsen als die Vollzieherin des Volkswillens zu
betrachten sei.“ Dabei beruhigten sich vorläufig alle Elemente, welche
die Vaterlandsvereine zusammenfaßten -- obwohl die Unklarheit in der
Hauptfrage nothwendig künftige Conflicte in sich barg -- und wandten
ihre vereinte Kraft zunächst der Vorbereitung der Parlamentswahlen
zu. Von dem Einfluß, den diese Vereine damals übten, giebt am besten
die Thatsache Zeugniß, daß von den 24 Abgeordneten, die aus Sachsen
nach Frankfurt entsandt wurden, zwanzig der Linken, die Blum führte,
angehörten. Nicht minder fielen die Ergänzungswahlen zum Landtage fast
durchgängig im Sinne der Vaterlandsvereine aus.
Die Bildung streng monarchisch-constitutioneller „Deutscher Vereine“
begann erst am 6. April. Von ihnen wird später die Rede sein.
Unter so günstigen Auspicien konnte Blum getrost sein Vorhaben
ausführen: Sachsen zu verlassen, um in Frankfurt im Vorparlament einen
neuen Schauplatz seines Wirkens zu eröffnen. Er reiste von Leipzig ab
in den letzten Tagen des Monat März. Der Stadt Zwickau, vor Allen dem
rührigen braven Hermann Breithaupt daselbst, dankte er sein Mandat
für das Vorparlament. Dieselbe Stadt hatte ihn zuvor zum Ehrenbürger
ernannt.