„Sehen Sie um sich im Vaterlande, und überall werden Ihrem Blicke die
Beweise begegnen, daß Rom fort und fort seinen Frieden untergräbt,
Haß und Zwietracht säet und die Einigkeit und Brüderlichkeit
zerstört, in welcher die Menschen verschiedener Bekenntnisse so
gern mit einander leben. #Jedes Blatt# der Tagesgeschichte bezeugt
uns, wie das Unkraut aufgegangen ist, welches Rom ausgestreut,
und wie Unduldsamkeit und Glaubenshaß von demselben eben so sehr
gepflegt als ausgeübt werden. Und strecken nicht seine Jesuiten ihre
Polypenarme beutegierig wieder um die ganze Erde? Haben sie nicht
in der unmittelbaren Nachbarschaft unseres Vaterlandes bereits ganze
Länder verschlungen und in die Nacht der Finsterniß und des rohesten
Fanatismus gestürzt? Ja, sind wir im Herzen unseres Vaterlandes
trotz aller Verbote wohl sicher vor ihren Schlingen? Endlich, hat
denn Rom wohl irgend dem Einflusse einer allmächtigen Bildung
nachgegeben? Hat es nicht im vorigen Sommer den gotteslästerlichen
Ablaßkram unverschämter getrieben als zu den Zeiten Tetzel's und nach
langjährigen Verdummungsversuchen ein großes schnödes Triumphfest
gefeiert über den scheinbar bezwungenen Menschenverstand?
Und was die Ohrenbeichte betrifft, so fühle nur Jeder an seine eigene
Brust und lasse sich sagen, wie diese unheilvolle Zwangseinrichtung
ihn empört; wie seine Entrüstung mächtig ist, wenn er sich beugen
soll vor seines Gleichen wie vor Gott; wie jede wahre Reue und
Bußfertigkeit vernichtet, die Aufrichtigkeit des Bekenntnisses
zerstört, der Verstellung, Heuchelei und Unwahrheit aber die Bahn
gebrochen wird im Herzen! Wer vermag aufzutreten und zu sagen, daß er
eine #aufrichtige# Beichte ablegt? Niemand. Er fügt sich dem #Zwange#
widerstrebend und ungenügend, bis das Ganze für ihn eine inhaltleere,
unmoralische Förmlichkeit wird, oder er sich empört abwendet und auf
den Trost des Abendmahls verzichtet.
Die Schädlichkeit des Cölibats endlich bedarf keiner beredten
Darlegung, jeder Priester ist ein lebender Beweis dafür. Sein
frevelhaft halb zertretenes Dasein spricht aus seinem ganzen Wesen,
und das römische Joch beugt seinen Nacken. Leset die ergreifenden
Schilderungen, wie der Priester vom ersten Vorbereitungsschritte zu
seinem Berufe an systematisch geknechtet, durch leeres Gebetgeplärre
und beschäftigten Müßiggang zur Werkheiligkeit erzogen und allmählich
bis zum willenlosen Werkzeuge erniedrigt wird. Ja, blicket Euch um
im #Leben#, und bald wird es in Eurem tiefsten Innern selbst rufen:
Trennung von Rom, Aufhebung des Cölibats und der Ohrenbeichte!
Glaubt nicht, daß es etwas Neues ist, meine verehrten
Glaubensgenossen, was wir hier erstreben; die edelsten Geister
unseres Volkes haben bereits das Gleiche erstrebt. Abgesehen, daß
#alle# Kirchenversammlungen, von der ersten bis zur letzten, gegen
die Anmaßungen Roms gekämpft haben; daß auf dem Concil zu Trident
dasselbe reif zum Falle war und sich nur dadurch retten konnte,
daß es durch zwei Jesuiten die Versammlung gegen einander hetzen,
aufwiegeln und äußerlich mit den elegantesten Kleinlichkeiten
beschäftigen ließ; daß schon im 9. Jahrhundert der Patriarch Photius,
im 11. der Patriarch Cerularius das römische Joch als unerträglich
abwarfen und die griechisch-katholische Kirche gründeten -- so
haben auch die edelsten Geister der neuesten Zeit zu gleichem Zweck
gearbeitet. 1785 traten die Erzbischöfe von Cöln, Mainz, Salzburg
und Trier in Ems zusammen und verlangten fast dasselbe, wie wir
heute. Wessenberg, Hontheim, Reichlin-Meldegg, und Theiner schrieben
entschieden gegen die römische Tyrannei und gegen das Cölibat; in
den letzten 15 Jahren aber richteten viele Geistliche in Belgien,
Luxemburg, Würtemberg, Nassau, Baiern und Baden ihre Bestrebungen
gegen das Cölibat. Sie arbeiteten alle vergebens, weil die Zeit ihnen
nicht günstig war.
Auch uns möchten die Römlinge einlullen bis zu dem Augenblicke, wo
es wieder möglich ist, unsere Bestrebungen zu verkümmern. Die Einen
bitten heuchlerisch, „den Frieden nicht zu stören“, während es doch
keinen Frieden giebt und geben kann zwischen Vernunft und Unvernunft,
Licht und Finsterniß, Tag und Nacht. Andere weisen mit verstellter
Besorgniß auf „die aufgeregte Zeit“ und wollen die Zeit der Ruhe
erwarten. Aber die Zeit der Ruhe ist wohl geeignet zum Aufbauen und
Vollenden, #schaffen# aber und einen weltumgestaltenden Gedanken
ins Leben führen, kann nur die Begeisterung, und die Begeisterung
erheischt Leben, Bewegung, Aufregung. Andere in unserer nächsten
Nähe endlich weisen mit spießbürgerlicher Sorgfalt auf ihren
„Kirchenbau“ und fürchten, daß er einstürzt, ehe er aufstieg. O,
über diese kleinliche Marthasorge! Vielleicht haben wir keine Kirche
-- aber erheben wir unser Herz zu Gott in der freien Natur oder auf
unserm Boden -- es ist besser und Gott wohlgefälliger als das fremde
Geplärre der Römlinge in den prunkvollsten Marmorhallen.
Ja, meine verehrten Glaubensgenossen, #jetzt# werft das Joch ab,
jetzt brecht die schmachvollen Ketten Roms, #jetzt# macht Euch frei.
Fühlt an Euer Herz und erkennet den Schlag der Weltgeschichte, der
Euch mahnt zu einer That! Unser Vaterland, die ganze gebildete
Welt sieht auf uns und erwartet unseren Entschluß. Wir können, wir
#müssen# ein großes Beispiel geben. Einst war unser Sachsen die
Wiege einer Kirchenverbesserung, an welche sich durch Roms Umtriebe
Krieg, Verwüstung, Blutvergießen und Entsetzen aller Art knüpften,
laßt es die Wiege einer zweiten Verbesserung sein, die Frieden und
Einigkeit wieder herstellt, für die Ewigkeit. Unter einer freien
Verfassung, unter einer erleuchteten freisinnigen, jedem Fortschritte
freundlichen Regierung können wir uns befreien. O, zögern wir nicht,
denn unser Entschluß wirkt auf die ganze gebildete Welt. Machen wir
die Bruderliebe, welche der Bildung der Zeit und unsern Gefühlen
entspricht, endlich zur Wahrheit; Rom hat sie auf der Zunge, #aber
Fluch im Herzen#.
Ich habe gesprochen nach meiner Ueberzeugung, wer es anders weiß, der
rede!“
Auch die Einberufung der ersten Gesammtvertretung der neuen
Glaubensgemeinden zu dem deutsch-katholischen Concil nach Leipzig
(23. bis 26. März 1845), die Einladung, Herbeiziehung und Vereinigung
der über das Glaubensbekenntniß der neuen Gemeinden untereinander
zerfallenen Führer der Bewegung Czerski und Ronge bei diesem Concil,
und das größte Resultat, das überhaupt die deutsch-katholische
Bewegung zu verzeichnen hat, das allgemeine Glaubensbekenntniß, das
hier in Leipzig festgestellt wurde -- während die ersten Sitzungen
die dringende Befürchtung erregten, man werde resultatlos und hadernd
auseinandergehen -- das Alles ist hauptsächlich Robert Blum's Verdienst.
Wochen und Monate angestrengter Arbeit erforderte dann die Redaction
der Reden und Beschlüsse dieses Concil's, ihre Vorbereitung zum Druck.
Der Vorsitzende des Concil's, Prof. Franz Wigard von Dresden, ging Blum
dabei zur Hand. Die officielle Ausgabe der Verhandlungen des Concil's
trägt Beider Namen. Auch für alle möglichen sonstigen Bedürfnisse
hatte Blum als Gemeindevorsteher zu sorgen. Er gab „auf Beschluß
der Leipziger Kirchenversammlung“ ein „von den Gemeindevorständen
zu Dresden und Leipzig geprüftes Gebet- und Gesangbuch für
Deutsch-katholische Christen“ heraus. (Leipzig bei C. W. B. Naumburg,
1845) und hatte sogar, so lange die Leipziger deutsch-katholische
Gemeinde keinen Pfarrer besaß, die Leichenreden zu halten![58]
Die Beschlüsse des Leipziger Concil's, namentlich des dort
beschlossenen Glaubensbekenntnisses eingehender darzulegen, und
sodann die Gründe zu untersuchen, warum trotz dieser Resultate die
deutsch-katholische Bewegung so rasch im Sande verlief, liegt außerhalb
der Grenzen dieser Darstellung. Robert Blum hat sehr bald erkannt, daß
er sich über die Kraft und Tiefe der Bewegung getäuscht. Aber über die
Gründe dieser Täuschung ist er sich nie klar geworden. Noch im Jahre
1848 in seinem „Staatslexicon“ sprach er sich in dem von ihm selbst
unterzeichneten Artikel „Deutsch-Katholiken“ dahin aus, daß der Fehler
der Deutsch-Katholiken, den er „selbst anklagend bekenne mitverschuldet
zu haben“, darin bestanden habe, #überhaupt# ein Glaubensbekenntniß
abgestellt, #überhaupt# eine Kirche begründet zu haben! Klarer konnte
Robert Blum, wenigstens für seine Person, die reine Weltlichkeit
seiner Strebungen bei dieser Gründung, das Bekenntniß rein politischer
Agitationszwecke, die Freiheit von jeder #religiösen# Begeisterung, die
ihn geleitet hätte, der Führer des Deutsch-Katholicismus zu werden,
nicht aussprechen.
Aber es war characteristisch für die trotz alledem völlig
weltliche, völlig politische Zeitrichtung, daß Niemand ihm diesen
inneren Widerspruch verargte, daß seine Betheiligung an der
deutsch-katholischen Bewegung ihn bekannt und populär machte in ganz
Deutschland und verhaßt in allen Zwingburgen Roms bis in die heiligen
Säle des Vaticans.
Selbst hinter seine arme alte Mutter und ihren kindlichen Glauben
steckten sich die Schwarzen, daß sie den Sohn von dem breiten Pfad der
großen Sünde ableite. Aber das alte treue Mutterherz fand nur folgende
Worte an den Sohn: „Hier redet man viel über Dich, ich aber bethe für
Dich, ist Deine sache gerecht so bitte ich gott um seinen beistand für
Dich, ist es aber unrecht so möge gott Dir Deinen verstand erleuchten
und Dich zurückführen ich kann nicht darüber urteilen ich kann nur
wünschen und bethen.“
11. Wachsende Gährung in Sachsen. Die Leipziger
Augustereignisse.
(1845).
Wenn Robert Blum beim Eintritt in die deutsch-katholische Bewegung
darauf gerechnet hatte, die religiöse Strömung der Zeit für politische
Zwecke zu benutzen, so hatte sich diese Voraussicht für Sachsen
wenigstens im reichsten Maße erfüllt.
Durch nichts war das ohnehin verhaßte Ministerium von Könneritz
unpopulärer geworden, als durch seine Haltung gegenüber den
Ultramontanen, den Deutschkatholiken und den Reformbestrebungen im
protestantischen Lager.
Zunächst war die Klage über ultramontane und jesuitische Umtriebe im
Lande schon seit dem Jahre 1831 auf jedem Landtage erhoben worden. Die
Anträge, eine besondere katholische Facultät zu begründen, und nur
diejenigen Erlasse katholischer Behörden mit gesetzlicher Gültigkeit
zu versehen, welche sich ausdrücklich auf das Placet des Staates
berufen könnten, wurden schon unter Lindenau abgelehnt. Und auch stete
Klagen des Landes und der Landtage über zunehmende Uebergriffe der
katholischen Hierarchie waren schon unter Lindenau vernommen worden.
Entrüstet beschloß die zweite Kammer, daß protestantische Soldaten
nicht mehr zur Kniebeugung in der katholischen Hofkirche commandirt
werden sollten. In scharfer Rede geißelte der ehrwürdige Superintendent
Großmann von Leipzig denselben Mißbrauch, die Härte der Regierung gegen
seinen Amtsbruder in Penig, als dieser ultramontane Umtriebe ans Licht
gezogen, das „auf Socken Einhergehen der hohen Behörden,“ wo es sich um
Uebergriffe der katholischen Hierarchie handle „als wenn sie glaubte,
einen Kranken oder Empfindlichen oder Reizbaren nicht im mindesten
stören zu dürfen.“ Diese Klagen veranlaßten selbst den Prinzen Johann,
für den Wegfall der Kniebeugung protestantischer Soldaten zu stimmen,
„da die ersten protestantischen Geistlichen eine Beeinträchtigung ihrer
Kirche darin fänden.“
Kaum war indessen die Aufregung über diese Vorgänge im Schwinden
begriffen, so erscholl plötzlich der Alarmruf: „Jesuiten im Lande!“
Hinter dem Altar einer neuen Kirche in Annaberg fand man das bekannte
jesuitische Wahrzeichen, die Kirche selbst wurde dem vornehmsten,
jesuitischen Schutzpatron geweiht. In Brauna bei Camenz wurde ohne
Wissen der Regierung eine Filiale der Pariser Erzbrüderschaft „vom
unbefleckten Herzen Mariä“ zur Bekehrung der Sünder errichtet.
Eine Anzahl anderer gleichartiger Ueberhebungen der ultramontanen
Geistlichkeit,[59] verstärkte die ungeheure Gährung, welche diese
Enthüllungen in der ganzen, namentlich in der protestantischen
Bevölkerung hervorrief.
Zum ersten Male verhielt sich die Regierung gegen alle Beschwerden,
die aus diesem Anlaß an sie gerichtet wurden, rein ablehnend. Selbst
als die Kreisdirection zu Zwickau die Befürwortung der Vorstellungen
übernahm, welche Rath und Stadtverordnete zu Annaberg wegen der
dortigen Jesuitengeschichte an die Regierung richteten, erklärte die
Regierung, daß dieser Vorfall keinen Anlaß zum Einschreiten gegen die
betr. katholische Behörde biete!
In schroffem Gegensatze zu dieser Gunst gegen den Ultramontanismus
stand die rauhe Behandlung, die das Ministerium Könneritz nun den
Deutschkatholiken angedeihen ließ. Die Anerkennung einer besonderen
Religionsgemeinde hatte die Regierung den Deutschkatholiken
zwar auch bisher schon versagt. Sie hatte verboten, daß Kirchen
und Gemeindehäuser den Deutschkatholiken zu deren Gottesdienste
eingeräumt würden und hatte den Predigern der Deutschkatholiken jede
kirchliche Handlung verboten. Dagegen hatte die Regierung bisher
klug durch die Finger gesehen, wenn diese dem Rechtsstandpunkt
der Regierung entsprechenden Gebote übertreten wurden. Sie hatte
geschehen lassen, daß kirchliche und bürgerliche Gemeinden ihre
Räume den Deutschkatholiken zur Verfügung stellten; daß die Prediger
deutsch-katholisch tauften, daß die protestantischen Pfarrer derartige
Acte in die Kirchenbücher eintrugen, daß die deutsch-katholischen
Wanderprediger überall, vor Glaubensgenossen wie vor Andersgläubigen,
Reden und Andachten hielten. Nun auf einmal wurde das Alles anders,
in Allem das Gebot der Regierung auf's strengste durchgeführt. Die
allgemeine Mißstimmung stieg daher um so bedenklicher, als der
Rechtsstandpunkt der Regierung keineswegs unbestritten war und die
aufgeklärten Protestanten des Landes überall dem Deutschkatholicismus
begeistert zugejubelt, ihn nach Kräften unterstützt hatten.
Der letzte Zweifel über die kirchlichen Anschauungen der Regierung
mußte aber fallen und der Trägste und Gleichgültigste auch im
protestantischen Lager aus seiner Ruhe aufgerüttelt werden, als
die Regierung durch ihre berufene Bekanntmachung vom 17. Juli 1845
erklärte „die Minister hielten sich durch ihren Eid verpflichtet,
für Aufrechthaltung der auf die Augsburgische Confession gegründeten
Kirche zu sorgen, die Einheit derselben zu wahren und dem Entstehen von
Sekten in solcher vorzubeugen.“ Damit war nicht blos, wie die Regierung
zunächst beabsichtigte, jenen dissidentischen und zugleich halb
politischen glaubenslosen Sekten-Bestrebungen der „protestantischen
Lichtfreunde“, die zu Pfingsten in Köthen eine Versammlung vieler
Tausende abgehalten, und dann in Schaaren Uhlig, Wislicenus u. A.
in Leipzig, Dresden und Zwickau und wo diese sonst in Sachsen sich
zeigten, zu Füßen gesessen hatten, der Boden zu jeder weiteren
agitatorischen Thätigkeit entzogen. Nicht nur jede Versammlung und
Rede, jeder Zweigverein und jedes Preßorgan dieser Richtung konnte
fortan einfach verboten werden, und wurde verboten, sondern die
Juliordonnanz des Ministeriums Könneritz erklärte geradezu der damals
auch in Sachsen herrschenden Richtung der protestantischen Kirche,
der rationalistischen, den Krieg. Als ein Jahrzehnt vorher der Wunsch
geäußert wurde, es möchte auch in Sachsen, wie in Preußen, die Union
der lutherischen und reformirten Kirche vollzogen werden, durfte
Großmann versichern, „dogmatisch und im Herzen sei die Schranke längst
gefallen, und das Weitere möge man ruhig der Zeit überlassen.“[60]
Als derselbe Großmann im Jahre 1844 versuchte, die Rosenmüller'sche
Bekenntnißformel bei der Confirmation durch das apostolische
Glaubensbekenntniß zu ersetzen, stieß er bei einem Theil der Leipziger
Geistlichkeit und in der Presse auf den heftigsten Widerstand.
Namentlich machte Blum in den Vaterlandsblättern auf das Gefährliche
der Neuerung aufmerksam und die Bürgerschaft wurde lebhaft erregt.
Gerade dieser Vorfall brachte Allen zum Bewußtsein, was eigentlich
der lutherischen Kirche fehle, eine Umgestaltung ihres seit der
Reformation unentwickelt gebliebenen Verfassungslebens, die Mitwirkung
der Gemeindeglieder an der innern und äußern Entwickelung der Kirche.
Eben infolge dieser aufsteigenden Klarheit hatte man den Reformgedanken
der Lichtfreunde sein Ohr geschenkt, und nun erklärte plötzlich das
Ministerium, daß es den im Protestantismus erwachten freien Geist
gewaltsam zurückdrängen wolle in die engen Fesseln eines starren
Symbolglaubens, den Großmann schon vor einem Jahrzehnt für gefallen
erachtete, den die große Mehrzahl der Bevölkerung und Geistlichkeit
nicht mehr bekannte!
Die Gährung, welche diese Regierungsmaßregel hervorrief, war ungeheuer.
An vielen Orten wurden öffentliche Versammlungen abgehalten,
Proteste an das Ministerium gerichtet, offen die Anklage erhoben,
die Bekanntmachung vom 17. Juli sei verfassungswidrig, da sie die in
der Verfassung allen Staatsbürgern gewährleistete Gewissensfreiheit
verletze. Auch dieser Agitation hat Robert Blum seine Zeit und Kraft
geliehen. Namentlich gaben die Vaterlandsblätter die kluge Losung aus,
die Regierung auf ihrem eigenen Gebiete zu bekämpfen, für sämmtliche
Dissidenten die #gesetzliche# Anerkennung zu fordern und dadurch
von selbst eine Aufhebung der Verordnungswillkühr der Regierung zu
erzielen. Infolge dessen reichten sämmtliche Dissidenten Sachsens
am 20. August 1845 ein weit umfassenderes Glaubensbekenntniß und
Verfassungsstatut ein, als dasjenige der Deutschkatholiken gewesen
war und baten um staatliche Prüfung desselben und um Anerkennung und
Ertheilung kirchlicher Corporationsrechte.
Ehe jedoch dieser letzte Schritt der Dissidenten geschah, hatte schon
das bisherige Verhalten der Regierung, welche auch die allgemeine
Entrüstung der Bevölkerung über die Juli-Bekanntmachung einfach
ignorirte, zu einem furchtbaren Ausbruch des Volksunwillens geführt.
Seitdem das sächsische Regentenhaus, das solange der rühmlichste
Vorkämpfer der Deutschen Reformation gewesen, um der unseligen Krone
Polens willen, zum katholischen Glauben übergetreten war, machte das
rege Mißtrauen des protestantischen Volkes stets den katholischen Hof
in erster Linie verantwortlich für solche Mißgriffe der Regierung,
hier namentlich für die Begünstigung der Jesuiten, die Unterdrückung
der Deutsch-Katholiken. Unbegreiflicher Weise bezeichnete damals die
öffentliche Stimme in erster Linie den Bruder des regierenden Königs
Friedrich August, den Prinzen (und späteren König) Johann von Sachsen
als Förderer der jesuitischen Umtriebe und geheimes Mitglied des
Ordens. Dieser Prinz hatte die reichste humanste Bildung genossen.
Als ganz jungen Mann hatte Jean Paul ihn kennen gelernt und ihm
begeistertes Lob gespendet. Seine literarischen Neigungen und Studien
waren weltbekannt. Er führte sein Leben am liebsten zurückgezogen,
seiner Familie, seinen Studien hingegeben. Bei dem geringen
Altersunterschied, der zwischen ihm und dem regierenden älteren Bruder
bestand, dachte er kaum daran diesem jemals in der Regierung zu folgen.
Von seinem ersten öffentlichen Auftreten an in der Sächsischen Ersten
Kammer hatte er sich als scharfsinniger Jurist, als wohlwollender und
aufgeklärter Menschenfreund gezeigt, der jeder schroffen Parteiung
abhold war. Seine Aeußerung bei Gelegenheit des Kniebeugungsstreites
zu Gunsten der von den protestantischen Superintendenten verfochtenen
Meinung ist schon oben erwähnt worden. Seine ganze spätere Thätigkeit
als Prinz und als König hat niemals den Schatten eines Verdachtes
dafür aufkommen lassen, als sei er ein religiöser Fanatiker,
zugeneigt kirchlichem Hader, thätig für eine streitbare, von Grund
aus unsittliche Ordensgewalt. Aber wann wird jemals die Vernunft
erfolgreich rechten mit vorgefaßten Meinungen des Volksglaubens? Genug,
daß der Prinz im Jahre 1845 allgemein als Träger der ultramontanen
Bestrebungen in Sachsen, als die festeste Stütze der reactionären
kirchlichen Politik der Regierung überhaupt galt. Es fehlte nur der
äußere Anlaß, um dieser Mißstimmung in grellen Dissonanzen Ausdruck zu
verschaffen. Dieser Anlaß sollte sich leider finden.[61]
Prinz Johann war General-Commandant der Communalgarden des Königreichs
Sachsen. In dieser Eigenschaft kam der Prinz am 12. August Nachmittags
nach Leipzig, stieg im Hôtel de Prusse ab und begab sich sofort
nach dem Exercierplatz bei Gohlis zur Abnahme der Revüe über die
Communalgarden. Sein Gruß wurde von den Mannschaften nur lau erwiedert.
Die Uebungen der Bürgerwehr selbst dagegen wurden zur Zufriedenheit des
Prinzen ausgeführt; das Verhalten der Truppen bis zur Beendigung der
Revüe war tadelfrei. In das am Schlusse derselben vom Commandanten Dr.
Haase ausgebrachte Hoch auf den Prinzen wurde abermals nur matt und lau
eingestimmt und die Musik fiel in den Tusch nicht ein, weil sie über
dem Schreien und Pfeifen der Menge, welche sich um die Truppe drängte,
das Hoch der Garde nicht hörte und den Commandanten nicht sah. Diesen
ärgerlichen Zufall legte die skandalsüchtige Menge als absichtliche
Demonstration gegen den Prinzen aus und steigerte ihr lärmendes und
feindselig-höhnendes Pfeifen und Schreien, bis der Prinz mit seiner
Suite in die Stadt nach der Kaserne der Pleißenburg ritt. Auf dem Wege
dahin umdrängten Straßenbuben den Prinzen; viele Neugierige folgten
ihm, als er kurze Zeit nachher mit seiner Suite zu Fuß von der Kaserne
nach seinem Hôtel sich begab. Irgend ein Exceß fand dabei nicht
statt.[62]
Während der Prinz in dem Hauptgebäude des Hôtel's, das nach dem
Roßplatz und den Promenaden Ausblick gewährt, in der ersten Etage die
Spitzen der Behörden um sich versammelte und sich wiederholt lobend
über Leistung und Haltung der Communalgarde aussprach, hatten sich,
wie gewöhnlich, Neugierige vor dem Hôtel versammelt. Heimkehrende
Arbeiter kamen hinzu. Doch war die Zahl der Menge nicht bedeutend.
Vereinzeltes Pfeifen und Schreien hörte man aus der Menge, die sich
unruhig und bewegt zeigte. Vor dem Hôtel stand ein Doppelposten der
Schützen.
Kurz vor neun Uhr Abends setzte sich der Prinz mit den Spitzen der
Behörden im Hofsaal (Gartensalon) des Hôtels zur Tafel. Dieser Saal
läuft parallel mit dem Hauptgebäude und ist von diesem durch einen
Hof von etwa dreißig Meter Tiefe getrennt. Man hörte hier anfänglich
nichts mehr von dem Geräusch auf dem Platze. Vor viertel zehn Uhr
Nachts erschien der große Zapfenstreich der Communalgarde vor dem Hôtel
mit einem Theil der Wachmannschaft und mit diesem eine große, heftig
bewegte Volksmenge, welche so laut schrie, pfiff und tobte, daß man
die Musik fast nicht hören konnte. Nach wenigen Minuten schon zog die
Musik, auf Anweisung des Commandanten Dr. Haase, ab. Man glaubte, die
unruhige Menge werde sich mit der Musik verziehen. Aber man irrte.
Die Menge blieb auf dem Roßplatz und ihre Aufregung wuchs immer mehr.
Rufe: „Es lebe Rouge, Czerski! Nieder mit den Jesuiten!“ wurden laut.
Plötzlich stimmte die gesammte Menge, die Kopf an Kopf vom Hôtel bis in
die Promenaden, die sog. Lerchenallee hineinstand, das ernste Trost-
und Schlachtlied der Reformation an: „Ein' feste Burg ist unser Gott“.
Alle Strophen des Liedes wurden gesungen. Dann folgten andre Lieder:
„Ein freies Leben führen wir“, „Gute Nacht, gute Nacht“ u. s. w.,
gewöhnliche Gassenhauer. Gelächter, Toben, Schreien, Pfeifen, gemeine
Schimpfworte, die offenbar dem Prinzen galten, füllten die Kunstpausen
aus.
Es war halb zehn Uhr geworden; der Prinz hatte die Tafel aufgehoben
und unterhielt sich im Gartensalon mit seinen Gästen. Das Geschrei vom
Platze war nun auch im Gartensalon hörbar. Der Prinz fragte einen der
Anwesenden: „Was ist das?“ worauf dieser mit traurigem Byzantinismus
erwiederte: „Es wird ein Vivat sein, das man Ew. Kgl. Hoheit bringt,
ein Hurrah.“[63]
Schon bei Tafel hatten einige Bataillonscommandanten der Communalgarde,
Dr. Osterloh und v. Canig, den Commandanten Dr. Haase durch Zeichen
darauf aufmerksam gemacht, daß es wohl nöthig sei, Generalmarsch
schlagen zu lassen, um den Platz durch die Communalgarde zu säubern.
Diese Herren wiederholten dieselbe Vorstellung nach Aufhebung der
Tafel nachdrücklich, da unterdessen der Tumult vor dem Hôtel einen
wesentlich ruchloseren Charakter angenommen hatte. Der Pöbel nämlich,
des Singens und Brüllens müde, und keineswegs gewillt, in der milden
Augustnacht schon nach Hause zu gehen, hatte Massen von Steinen nach
der vorderen Fensterfront des Hôtels geschleudert. Durch einen dieser
Steine ward sogar aus dem Gitter des Balkons der ersten Etage ein Stück
Eisen von drei Viertel Ellen Länge herausgeschlagen. Mehrere Steine
flogen in die Hausflur des Hauptgebäudes und selbst bis in den hinter
demselben gelegenen Hof. Doch fand weder gegen den Doppelposten vor
dem Hôtel, noch gegen die Chaine der Polizeimannschaften, die vor dem
Hôtel noch einen kleinen Platz frei hielt, irgend ein persönlicher
Angriff statt. Wenn irgend einer der bei dem Prinzen versammelten
Würdenträger eine Ansprache an die erregte Menge gehalten hätte, so
wäre gewiß weiteres Unheil vermieden, der bei weitem größte, blos aus
neugierigen Zuschauern bestehende Theil der versammelten Menge zum
Nachhausegehen bewogen worden. Dazu fehlte es aber #allen# Anwesenden,
und nicht am wenigsten den königlichen Beamten, an persönlichem Muth.
Der Commandant der Communalgarde, Dr. Haase, hatte nicht einmal den
Muth, Generalmarsch schlagen zu lassen. Auf die Vorstellungen seiner
Offiziere sowie des Regierungsrathes Ackermann von der Kreisdirection
und der Offiziere der Garnison entschloß er sich vielmehr nach langem
Zaudern endlich nur dazu, den Hauptmann Dr. med. Heyner nach der
Hauptwache auf den Naschmarkt zu entsenden, um diese herbeizuholen. Es
war dies kurz nach halb zehn Uhr. Dr. Heyner seinerseits getraute sich
Anfangs nicht durch die Menge über den Roßplatz und verlor kostbare
Minuten, um den Schlüssel zur Gartenthüre zu suchen. Als dies nicht
gelang, eilte er zum Hauptthor des Hôtels hinaus, verkündete mit seiner
überaus kräftigen Stimme, daß er die Hauptwache hole und schritt in
voller Uniform unbehelligt durch die Menge. Beweis genug, daß von
wirklich gefährlichen Absichten und vollends von einem planmäßigen
Vorhaben der Massen gegen die Sicherheit und das Leben des Prinzen gar
keine Rede sein konnte.
Gleichwohl wartete man im Hôtel keineswegs die Rückkehr des Dr.
Heyner ab. Der Weg nach dem Naschmarkt und zurück konnte frühestens
in fünfzehn Minuten zurückgelegt werden. Aber schon zehn Minuten,
nachdem der Befehl zur Herbeiholung der Wachmannschaft an Dr. Heyner
ertheilt worden war, erhielt der Oberstlieutenant von Süßmilch auf
Andringen des Regierungsraths Ackermann, und ohne daß die anwesenden
Vertreter der Gemeinde, denen #zunächst# die Bestimmung über die
zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung anzuwendenden Mittel
obgelegen hätte, auch nur #befragt# worden wären, durch den Obersten
von Buttlar den Befehl, ein Bataillon Schützen aus der Kaserne
herbeizuholen. Dieser Schritt ist nur dann vollkommen erklärlich,
wenn man die Communalgarde überhaupt nicht zur Wiederherstellung der
Ordnung verwenden #wollte#, wie auch später der Kriegsminister v.
Nostiz-Wallwitz offen vor der zweiten Kammer eingestand![64] Diese
Absicht wurde auch sofort klar durch die Behandlung, welche die
Communalgarde nun erfuhr. Fünf Minuten nach zehn Uhr treffen die
Schützen unter Führung Süßmilch's -- den die Menge gleichfalls in
voller Uniform unbehelligt nach der Kaserne zu hatte passiren lassen
-- im Sturmschritt ein und stellen sich hakenförmig vor dem Hôtel auf.
Zwei Minuten später trifft die Hauptwache der Communalgarde unter Dr.
Heyner ein, über vierzig Mann stark, und wird von den Offizieren der
Schützen verächtlich bei Seite geschoben und Gewehr bei Fuß außer
Dienst unter den Akazien des benachbarten „Kurprinzen“ aufgestellt,
die Front in der Verlängerung des Schrötergäßchens, fast im rechten
Winkel zur Stellung der Schützen. Oberstlieutenant v. Süßmilch ruft dem
Hauptmann Dr. Heyner gebietend zu: „Sie sind nicht mehr nöthig, gehen
Sie zurück. Stellen Sie sich aus der #Schußlinie#, stellen Sie sich
hierher.“ Mehrere Gardisten haben später zu Protokoll erklärt, daß auch
Oberst v. Buttlar geäußert habe: „Es #wird# geschossen werden, hier
können Sie nicht stehen bleiben“[65]; v. Buttlar hat diese Aeußerung
in Abrede gestellt. Jedenfalls ist die Communalgarde absichtlich zur
Zerstreuung der Menge nicht verwendet und in der ungebührlichsten
Weise zur Rolle eines müßigen Zuschauers der nun folgenden schweren
Katastrophe verurtheilt worden. Die Verwendung von Militair, #bevor#
die Communalgarde zur Herstellung der Ruhe wirklich verwendet worden,
war geradezu ungesetzlich.
In wenig Minuten hatten die Schützen, Gewehr in Arm, ohne Anwendung des
Bayonettes, den ganzen Platz gesäubert. Die ganze große Masse war in
die enge Lerchenallee und den dahinter laufenden Fahrweg zurückgewichen
und hier zusammengedrängt und strömte ab, so schnell das im dichten
Gewühl bei dem engen Raum anging. Die Schützen wichen nun wieder in
ihre vorige Stellung zurück. Der Platz blieb frei. Nur einige verwegene
Buben, nach allen Berichten blutjunge Menschen, übersprangen die
Barrièren der Allee, liefen auf das Militair zu, schimpften und warfen
mit Steinen. Deßhalb wurde, unter dem Vorantritt der Polizeimannschaft,
der Lieutenant Vollborn mit einem Peloton Schützen beordert bei Thaer's
Denkmal in die Lerchenallee einzurücken und die Menge aus dieser zu
vertreiben. Er drang da in der linken Flanke der Masse ein, und auch
hier wich diese, von einzelnen Steinwürfen Nichtswürdiger abgesehen,
widerstandslos zurück, wie sämmtliche abgehörte Polizeimannschaften
bekunden. Wegen des dichten Gedränges #konnten# die Menschen nicht
schneller weichen. Jedenfalls war nun längst jeder Schatten von
Besorgniß für die Sicherheit des Prinzen und seiner Leute, namentlich
auch der Truppe, zerstreut.
Da krachen mit einem Mal zahlreiche Schüsse durch die stille Nacht;
v. Süßmilch und Lieutenant v. Abendroth lassen vom Hôtel her über
den Platz in die Front der abströmenden Menge feuern, Lieutenant
Vollborn läßt seine Leute in Flanke und Rücken der Massen Rottenfeuer
geben. Nach Versicherung dieser drei Offiziere und einiger ihnen
nahe Stehender war dem Schießen eine Aufforderung an die Menge zum
Auseinandergehen vorangegangen. Sehr viele Andere aber, die dicht bei
den genannten Offizieren standen, haben von dieser Aufforderung nichts
vernommen. Von der Menge, an die sie gerichtet gewesen sein soll, hat
jedenfalls nicht ein Einziger diese Aufforderung hören können.
Die Wirkung des Feuers war furchtbar. Auf dem Roßplatz, zu dessen
Säuberung das Militair lediglich herbeigeeilt war, lag nur ein einziger
Erschossener -- der #Polizeidiener# Arland. In Erfüllung seiner Pflicht
hatte ihn die im Namen der Ordnung entsendete Kugel hingerafft. Alle
übrigen Todten und Verwundeten waren in den Promenaden und sogar am
Eingang der Universitätsstraße -- etwa drei Minuten vom Roßplatz
entfernt -- von dem mörderischen Blei getroffen worden. Die Meisten
hatten die Todeswunde im Rücken, zum Beweise dafür, daß sie auf dem
Nachhausewege, unschuldig, getödtet worden waren. Am Arm seiner
Braut fiel der Postsecretair Priem, nahe bei ihm der Postsecretair
Jehn; wenige Schritte von seiner Wohnung der bejahrte Privatgelehrte
Nordmann; zwei gesetzte Männer, der Markthelfer Kleeberg und der
Schriftsetzer Müller, und ein vielversprechender Jüngling aus gutem
Bürgerhause, der Handlungscommis Freygang, lagen todt in ihrem Blute.
Die Verwundeten füllten die Krankenhäuser der Stadt.[66] Es war halb
elf Uhr Nachts; seit dem Erscheinen des Militairs waren kaum zehn
Minuten verflossen![67]
Die Aufregung, welche die Kunde dieses grauenvollen Vorfalles in der
Stadt erzeugte, war ungeheuer. Das Entsetzen und die gerechteste
Entrüstung Tausender begleitete die Bahren der Erschossenen und
Verwundeten.
Am bezeichnendsten für das Urtheil der Zeitgenossen über die That, ist
die Darstellung der gelesensten und maßvollsten politischen Zeitschrift
jener Tage. „#Die Grenzboten#“ schrieben: „Ein plötzliches Commando
befahl „Feuer!“ Die Schützen schossen unter die promenirende Menge!
Keine Aufforderung, keine directe Drohung hatte die zum allergrößten
Theile aus Neugierigen, darunter Weiber und Kinder, bestehende Masse
ahnen lassen, daß zu diesem fürchterlichen, alleräußersten, nur in
Momenten eines Bürgerkrieges oder einer Revolution zu entschuldigenden
Mittel gegriffen werden könnte. Dieses bezeugen Hunderte von Zuschauern
mit dem heiligsten Eide. Kein Anstürmen, keine Beleidigung eines
Soldaten hatte dieses unheilvolle Commando nöthig gemacht. Ja selbst
im Falle eines Vordringens war das in Reih und Glied stehende, mit
Bajonetten und Munition versehene Militair dem gänzlich unbewaffneten,
ungeordneten, führerlosen Haufen unendlich überlegen“.
Die Studenten erbrachen den Fechtboden und rotteten sich zusammen,
um die Schützen und deren Kaserne anzugreifen. Ihnen und Hunderten
Gleichgesinnter tritt die Communalgarde entgegen, die endlich um
Mitternacht durch Generalmarsch unter die Waffen gerufen wird,
und ruhig und mühelos, ohne Waffengewalt, die von neuem und in
weit gefährlicherer Stimmung auf dem Roßplatz sich sammelnde Menge
zerstreut. Auch dahin war sie mit Hohn entsendet worden. Als die Garde
verlangte, selbst die Wache vor dem Hôtel des Prinzen zu übernehmen,
erwiderte Oberst von Buttlar: „daß er unter keinen Verhältnissen seinen
Platz verändere, und so lange Se. Kgl. Hoheit im Orte wären, das
Militair von seinem Stande nicht abgehen lassen werde, auch daß er von
Niemandem, selbst nicht von Se. Kgl. Hoheit, Befehle annehmen könne,
übrigens für die Communalgarde, wenn sie, wie ihr zustehe, Excedenten
arretiren wolle, Gelegenheit genug zum Einschreiten sich darbiete.“[68]
Von Verwünschungen und Steinwürfen verfolgt, enteilte am Morgen des 13.
August auf Seitenwegen der an dem Gemetzel völlig schuldlose Prinz,
von reitender Communalgarde geleitet, aus der Stadt. Er hatte keine
Ahnung davon gehabt, welche Katastrophe der Uebereifer seiner Getreuen
vorbereite, bis das Entsetzliche geschehen war. Und dennoch glaubte
am Morgen des 13. August ganz Leipzig, der Prinz sei der Urheber des
Feuerns gewesen. Ja, nicht ein Einziger von allen Denen, die diesem
traurigen Gerücht hätten entgegentreten #können#, die mit dem Prinzen
zu Tische gesessen, die mit ihm gesprochen bis zur Katastrophe und
bezeugen konnten, daß er durch das Feuern auf's Höchste überrascht und
bestürzt gewesen, nicht Einer von ihnen, außer dem mannhaften Rector
der Universität, dem Domherrn Dr. Günther, hatte den Muth, der Wahrheit
die Ehre zu geben.
Völlig gelähmt durch den Schrecken über das ungeheure Ereigniß waren
der Rath, die königlichen Behörden, selbst das Militärcommando. Der
Rath, an dessen Spitze der unfähige Bürgermeister Groß stand, erließ
eine der wunderbarsten Offenbarungen seiner Weisheit. „Gewiß hat
jeder wohlgesinnte Bürger und Einwohner unserer Stadt den größten
Unwillen und tiefsten Schmerz über die beklagenswerthen Ereignisse
empfunden, welche in der vergangenen Nacht stattgefunden haben.“ Und
„zur Aufrechterhaltung der auf so traurige Weise gestörten Ordnung“
verordnete der Rath „zu diesem Entzweck (!): 1) Alle Lehrherren und
Meister, sowie alle Eltern unerwachsener (!) Kinder werden dringend
aufgefordert, ihre Lehrlinge und Kinder von acht Uhr Abends an zu
Hause zu behalten und bei eigener Verantwortung ihnen das Ausgehen
nicht weiter zu gestatten. 2) Alle Hausthüren sind von 9 Uhr an
geschlossen zu halten. 3) Alle Personen, welche nach dieser Zeit
in größeren Truppen (!) auf der Straße sich treffen lassen, haben
auf erfolgte Bedeutung der Patrouillen der Communalgarde sofort
auseinanderzugehen. 4) Der Aufenthalt in öffentlichen Schankstätten ist
Gästen nur bis 9 Uhr zu gestatten“ u. s. w. Gleichzeitig eröffnete der
Rath, der durch diesen Ukas nur noch mehr verstimmten Bürgerschaft:
„Der zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit
allhier erforderliche Dienst der bewaffneten Macht ist ausschließend
(!) der hiesigen Communalgarde, der sich zu diesem Zwecke die Herren
Studirenden auf das Bereitwilligste angeschlossen haben, übergeben
worden.“
Nichts bezeichnet wohl so sehr die Rathlosigkeit des Rathes und der
königl. Behörden, als daß man -- und zwar mit Vorwissen der Königl.
Kreisdirection -- „die Herren Studirenden,“ die noch vor wenigen
Stunden die bewaffnete Macht attakiren wollten, zu Hütern der Ordnung
einsetzte; und es war daher den Musensöhnen durchaus nicht zu verargen,
daß sie, einmal zu einer Art Leipziger Vorsehung erhoben, sich sofort
anschickten ihre Rolle würdevoll zu spielen. Sie ließen an allen
Straßenecken eine Einladung zu einer Versammlung der Studirenden,
die im Schützenhause Nachmittags zwei Uhr stattfinden sollte,
anschlagen. Hier fanden sich etwa siebenhundert Studirende und etwa
dreimal so viel Bürger ein.[69] Wild wogten die Leidenschaften in der
großen Versammlung. Den lebhaftesten Beifall ernteten die extremsten
Vorschläge. Immer höher stieg die Hitze des Zorns, immer verwirrter
wurden die Vorschläge, die Anträge, immer unheimlicher ward der Ruf
nach Sühne und Vergeltung; endlich ward das Verlangen nach Rache um
jeden Preis der herrschende Grundton der Stimmung dieser Versammlung.
Wenn die wildeste Meinung siegte und dann die entfesselten Tausende,
die studirenden Hüter der Ordnung an der Spitze, fraternisirend mit
der durch Militair und königl. Behörden tief gekränkten Communalgarde,
sich durch die Stadt ergossen, Rache heischend und suchend -- was dann?
Seit dem Tage, da der fliehende Napoleon am Ende der Völkerschlacht
seinen Myrmidonen in Leipzig den Befehl hinterlassen, die Stadt nur als
rauchenden Trümmerhaufen dem einziehenden Sieger zu überliefern, hatte
die Stadt nicht mehr in so ernster Gefahr geschwebt, als heute.
Da trat, „von seinen Freunden auf die Tribüne gedrängt, und von der
Versammlung mit dem lautesten Beifall begrüßt,“[70] Robert Blum als
Redner auf. Er war in Geschäften die vorhergehenden Tage verreist
gewesen und hatte eben erst am Bahnhof die Schreckenskunde des
Geschehenen vernommen. Sofort war er in die Volksversammlung des
Schützenhauses geeilt. Sein Wort zündete wie kein anderes zuvor;
begeistert hingen die erregten Tausende an seinem Munde, obwohl
er, der erste unter allen Rednern, die Nothwendigkeit betonte,
nur auf #gesetzlichem# Boden das Verlangen nach Sühne geltend zu
machen. Hier feierte die mächtige Redegabe, der klare Blick und die
maßvolle Persönlichkeit des Mannes unstreitig den größten Triumph
seines Lebens. Er hat später noch stolzere, größere Tage gesehen,
an denen die erwählten Vertreter ganz Deutschlands mit derselben
Spannung seinen Worten lauschten, wie hier die mandatlosen Bürger
einer erregten Stadt. Aber einen schöneren, größeren Erfolg hat er
seinem Talent und Character kaum jemals verdankt, als an diesem Tage.
Ich will nicht leugnen, daß jenes Urtheil viel Wahres enthält, das
die Geschichtsschreiber dieser Zeit über ihn fällen und über sein
Auftreten in dieser Stunde, „da jener merkwürdige Mann, der von da an
eine so bedeutsame Rolle in der Geschichte Sachsens, ja Deutschlands
spielen sollte, in den Vordergrund der politischen Schaubühne trat,
schon hier die ihm eigene Virtuosität bekundend, die Unruhe wollend,
die Ruhe zu predigen.“[71] Hat er doch selbst am 3. November 1845
an Johann Jacoby geschrieben: „Wohl kann ich mit Schillers Jungfrau
sagen: „ach, es war nicht meine Wahl,“ daß ich ein miserables Piano
anstimmte, wo Zeit und Umstände, Hoffnungen und Aussichten, Gegenwart
und Zukunft ein Fortissimo gebieterisch forderten.“ Aber ist es nicht
gerade diese richtige Erkenntniß der Sachlage, die Unterordnung
individueller Anschauungen unter die Umstände, Kräfte und Menschen, mit
denen im Augenblick zu rechnen ist, um nur einen Durchschnittserfolg
anzustreben und zu erzielen, sind das nicht die Eigenschaften, welche
den Staatsmann zum Staatsmann machen? Und war es nicht eine wirklich
staatsmännische Leistung, daß Robert Blum, vielleicht der radicalste
und unerschrockenste Geist der ganzen großen Versammlung, das große
Wort gelassen aussprach, das Alle um ihn vereinte: daß auf dem Boden
des #Gesetzes# die Sühne für das vergossene Blut gefordert und gewährt
werden #müsse#? Wer endlich gab ihm das Recht und die Macht, in dieser
Stunde und dann noch beinahe eine volle Woche hindurch als leitender
Führer der ganzen Bürgerschaft aufzutreten? Abermals doch nur sein
gesunder, maßvoller Sinn und die völlige Rathlosigkeit aller Behörden.
In #diesem# Urtheil treffen alle zeitgenössischen Quellen überein,
auch solche, wie die D. Allg. Z.,[72] welche keineswegs denselben
politischen Standpunkt mit Blum theilten. Sie sagt, er habe „in
längerer Rede auseinandergesetzt, daß nur in dem Boden des Gesetzes
und der Ordnung die Stärke der Versammlung und die Nothwendigkeit
einer Genugthuung ruhe; aber nur durch die ebenso entschiedene als
gesetzliche Haltung des Volkes könne diese erreicht werden. Er
schlug einen Zug -- feierlich, ernst und still wie ein Leichenzug,
denn es gelte ja eben die Sühne geliebter Todter, nach dem Markte
vor, und dort solle die ganze Versammlung die Antwort des Stadtraths
erwarten. Dieser Vorschlag wurde sofort angenommen, Herr Blum durch
Acclamation dem Ausschuß einverleibt und man setzte sich in Bewegung.
Der Zug war würdevoll und imposant, die Masse so gewachsen, daß der
Anfang sich mitten auf dem Markte befand, als das Ende erst die Post
erreicht hatte, kein Laut störte denselben, und es ist unmöglich,
Menschen in ruhigerer Haltung zu einer so ernsten und aufregenden
Mission wandern zu sehen. Auf dem Wege sendete der Commandant (!) der
Communalgarde einige Gardisten an die Führer (!), die Mitwirkung (!)
der Versammlung für die Erhaltung der Ruhe in Anspruch zu nehmen und
erhielt beruhigende Versicherungen. Als die Versammlung auf dem Markte
angelangt war, ermahnte Herr Blum nochmals zur Ruhe und Ordnung und
Aufrechterhaltung der wahrhaften Majestät dieser Volksversammlung[73],
worauf sich der Ausschuß auf das Rathhaus begab.“ Ruhig wartet drunten
die auf etwa zehntausend Köpfe angewachsene Versammlung.
Endlich erscheint Blum wieder an der Spitze der Deputation, umgeben von
den anwesenden Mitgliedern des Stadtrathes -- der Rath war in #solcher#
Stunde nicht einmal vollzählig beisammen! -- und verkündet den
harrenden Tausenden von dem Balcon des Rathhauses herab, daß der Rath
die Beschlüsse der Schützenhausversammlung genehmigt habe. Im Grunde
hatte Blum diese Beschlüsse den anwesenden Rathsmitgliedern einfach
dictirt und die Versicherung dieser Rathsherren, daß der Stadtrath
„diese Anträge theilweise schon in den Vormittagsstunden beschlossen
habe“ und daß der andere noch nicht beschlossene Theil derselben
„ohne Zweifel die Zustimmung des Rathscollegiums erhalten werde,“[74]
war ebenso bezeichnend für das Würdegefühl dieser Herren, als die
Thatsache, daß der Rath nun nicht einmal #selbst# diese erfreuliche
Uebereinstimmung mit den Wünschen des „Volkes“ verkündete, sondern in
seinem Namen Blum dies thun ließ! Eine Lithographie hat uns ein Bild
der merkwürdigen Scene erhalten. Blum steht inmitten der Deputation
und des Rathes auf dem Balcon und redet. Unten jubelt die Menge. Die
Rathhausuhr zeigt auf vier Uhr Nachmittags. --
Die Bedingungen welche der Rath der erregten Bürgerschaft zugestanden
hatte, waren: „1. Daß die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung in
der Stadt ausschließlich der Communalgarde überlassen werde. 2. Daß
das Militair aus der Stadt entfernt werde und ein Garnisonwechsel
stattfinde. 3. Daß eine strenge Untersuchung über die Vorfälle am 12.
August eingeleitet und zwar nicht nur gegen die Tumultuanten, sondern
gegen Alle, welche bei jenem beklagenswerthen Ereigniß ihre Pflicht
nicht gethan oder überschritten haben.“ u. s. w. Die letzte Bedingung
war die feierliche Beerdigung der Erschossenen.[75] Das Organ des
besonnenen Fortschritts in Leipzig, die D. Allg. Ztg., schließt ihren
Bericht über diese unglaubliche Erniedrigung des Rathes mit den Worten:
„Wahrlich, diese imposante Volksversammlung, ihre Haltung und Würde,
ihr Sinn für Ordnung und Gesetzlichkeit unter so aufregenden Umständen,
gibt den Bewohnern Leipzigs das ehrenvollste Zeugniß.“
Am nächsten Tage legte dann, beiläufig bemerkt, noch der Commandant
der Garnison, Herr Oberst von Buttlar, das glänzendste Zeugniß ab für
die Rathlosigkeit, in der er selbst sich den Ereignissen gegenüber
befand. Auch er empfing eine Deputation der Schützenhausversammlung,
welche ihm „die Bitte und den Wunsch aussprach, er möge die geeigneten
Maßregeln treffen, daß an dem Tage der Beerdigung sich kein Schütze
in den Straßen sehen lasse (!), damit bei der zu erwartenden größeren
Aufregung der Gemüther die traurige Feierlichkeit in keiner Weise
gestört (!) werde. Oberst v. Buttlar erklärte, daß er bereit sei, den
Wunsch der Versammlung zu erfüllen, auch dazu bereits die nöthigen
Einleitungen getroffen habe“ -- gerade wie der Rath Tags zuvor! Noch
fügte er hinzu: „die versammelten Bürger möchten aber auch bedenken,
daß die Schützen ihre Pflicht hätten erfüllen und gehorchen müssen;
#die Bürger möchten ihre Vorwürfe auf den werfen, der den Befehl
gegeben habe#.“[76]
Auf den 13. August Nachmittags 5 Uhr hatte der Vorsteher der
Stadtverordneten, App. R. Dr. Haase das Collegium zu einer Sitzung
berufen. Hier wurde eine Adresse an den König beschlossen, in der
folgende Stelle vorkam: „Unser Schmerz wird noch dadurch vermehrt,
daß, um die gestörte Ruhe wieder herzustellen, nicht die eigene Kraft
unserer Stadt, unsere Communalgarde, in Anspruch genommen worden
ist, welche, folgen wir der allgemeinen Stimme, nach der Revue nicht
entlassen oder doch nach dieser zeitiger herbeigerufen, treu ihrer
Pflicht, nichts verabsäumt haben würde, das blutige Unglück abzuwenden,
das uns Alle mit gerechter Trauer erfüllt. Wir bitten Ew. Königl.
Majestät ehrfurchtsvoll um eine strenge Untersuchung gegen Alle, welche
bei diesen Ereignissen, von welcher Seite es sei, betheiligt sind.“ In
der Sitzung selbst fielen Anklagen, die direct auf den Prinzen zielten.
In der vom Stadtrath gleichzeitig beschlossenen Adresse heißt es:
„Mit uns beklagen alle loyalen Bürger Leipzigs die verhängnißvollen
Ursachen dieses Unglücks, deren weitere Ermittelung auf dem Wege
des Rechts gewiß erfolgen wird.“ Die Adreßdeputation des Rathes und
der Stadtverordneten reiste am vierzehnten August nach Dresden und
kehrte bereits am Abend des nämlichen Tages nach Leipzig zurück.
Am Ausgang des Bahnhofes wurde sie erwartet von einer Deputation
der Schützenhausversammlung, die bereits Tags zuvor sich neben den
legitimen Behörden der Stadt gleichsam als Sicherheitsausschuß
etablirt hatte. Die städtische Deputation fand keine Demüthigung,
keine Incorrectheit darin, daß sie, unmittelbar von den Stufen des
Thrones zurückgekehrt, der Aufforderung dieser Schützenhausdelegirten
folgte und der mandatlosen Volksmenge im Schützenhause den Bescheid
des Landesvaters verkündete. Dieser Bescheid war wenig trostreich.
Wohl war der König, wie die Deputation versicherte „bis zu Thränen
gerührt und tief ergriffen.“ Aber er erklärte auch: „Er fühle sich
um so schmerzlicher berührt, als mit den in den Adressen enthaltenen
Aeußerungen, sofort Anträge verbunden worden wären, aus welchen ein
Mißtrauen (?) hervorzugehen scheine.“ „Weiteren Resolutionen haben wir
entgegen zu sehen,“ schloß die städtische Deputation ihren Bericht.
Die große Schützenhausversammlung war zu sehr mit den Vorbereitungen
zum feierlichen Leichenbegängniß der Erschossenen beschäftigt, das
am 15. August früh stattfinden sollte, um die zweideutige Antwort
des Königs eingehend zu erwägen. Daß der Stadt alle Gerechtigkeit
versagt werden könne, mochte ohnehin damals noch Niemand glauben. Das
Begräbniß der Erschossenen wurde begangen von der ganzen Stadt als
der denkbar imposanteste Volkstraueract. Selbst Dr. Großmann, der die
Weiherede hielt, sprach an den offenen Gräbern die bedeutungsvollen
Worte: „Wer wagt's, den Empfindungen der Bewohner einer Stadt Sprache
zu leihen, die sich mitten im tiefsten Frieden in eine Wahlstatt
verwandelt sieht? Wer ist im Stande, den Abgrund der Gefahren zu
beschreiben, die über das ganze Vaterland aus den Ereignissen dieser
Tage heraufziehen? Denn die Feinde unserer Kirche, unserer Verfassung,
unserer bürgerlichen Freiheit, unserer Wohlfahrt, gewiß sie werden die
traurige Veranlassung dieses traurigen Leichenzuges auf alle Weise
auszubeuten bemüht sein und Alles aufbieten, um das Vertrauen zwischen
König und Volk zu erschüttern, um Samen der Zwietracht auszustreuen,
um wo möglich peinliche und schreckliche Maßregeln hervorzurufen.“
Und später in der Ersten Kammer sagte er: „Ich habe die schauervolle
Stunde erlebt, am 15. August vor den sechs Särgen[77] zu stehen, aber
ich habe nicht verhehlt, daß der Fluch der Sünde auch #Unschuldige#
oft in den Strom des Verderbens hinabzieht.“ In schweren Worten
sprachen Dulk, Dr. Zille, Dr. W. Jordan am Grabe, am eindringlichsten
und mächtigsten Robert Blum. Daß volle Sühne für die grauenhafte That
sicher werde geboten werden, geboten werden müsse, vermöge allein über
das Entsetzliche in etwas zu trösten.
Die nächsten Tage enthüllten schon den Standpunkt der Regierung.
Am 14. August war Minister v. Falkenstein mit einem Extrazug nach
Leipzig gekommen und als er die Ueberzeugung gewonnen, daß die Ruhe
der Stadt keineswegs gefährdet sei, man also auch schroff auftreten
könne, reiste er getrost auf demselben Wege sofort wieder nach Dresden
zurück. Sonderbarerweise brachte noch an demselben 14. August die
ministerielle „Leipziger Zeitung“ eine „Privatmittheilung“ über die
blutige Nacht, in welcher auf das Perfideste nicht geradezu behauptet,
aber doch angedeutet wurde, das Militair sei erst aufgeboten worden und
eingeschritten, nachdem die Communalgarde die Unruhe nicht zu stillen
vermocht habe. Biedermann wies in seinem „Herold“ diese wissentlich
falsche Beschuldigung des Königl. Blattes mit der gebührenden Energie
zurück. Am dritten Tage nach der blutigen Nacht, am 15. Aug. hatte der
Kriegsminister, wie er später vor der zweiten Kammer bekannte, bereits
die Berichte seiner unfehlbaren Officiere in Händen, welche ihm „die
Mittel an die Hand gaben, die Sache beurtheilen zu können“, d. h. ihn
getrost den Versuch wagen ließen, dem Verlangen der treuen Stadt nach
Untersuchung und Sühne die eiserne Stirn zu bieten. Demgemäß wurde in
Dresden gehandelt.
In einer der nächsten Nächte weckte Robert Blum die Gattin mit
geheimnißvoller Miene und führte sie an das Fenster seines
hochgelegenen Arbeitszimmers. Der Mond bestrahlte fast tageshell das
Gleis der Dresdner Bahn, die am Garten des Hauses vorüberführte. Leise,
ohne ein Wort zu sagen, deutete er auf die Züge, die hier einer hinter
dem andern herankeuchten, ohne Pfiff, ohne Signal; die dicht vor dem
Garten Halt machten, ohne in den Bahnhof einzufahren. In den Wagen
flimmerte und klirrte es von Waffen; Pferde hörte man stampfen und
wiehern; dann kurze Commando's, schwarze Massen mit funkelnden Waffen
in Reihen aufmarschirt, Infanterie, Cavallerie, Artillerie; dann immer
entfernter klingender Taktschritt der Truppen. Am Morgen war Leipzig
von einer erdrückenden Militairmacht besetzt, behandelt wie eine
eroberte Stadt. Im Schloßhof standen Kanonen aufgefahren.
Unter dieser kriegerischen Machtentfaltung hielt der Königliche
außerordentliche Commissar Geheimrath v. Langenn am 16. August seinen
Einzug in die Stadt; der Mann, der Sühne und Gerechtigkeit bringen
sollte und von dem die Stadt sie vertrauensvoll erwartete, da er damals
noch nicht für immer gerichtet war durch die Todtengräberarbeit,
die er später an dem Mecklenburgischen Verfassungsrecht durch
den Freienwalder Schiedsspruch vollzog. Sein erstes Auftreten in
Leipzig zeigte freilich sofort, wessen man von diesem Herrn sich zu
versehen hatte. Noch konnte die Regierung nur die Berichte ihrer
Creaturen über die unglückseligen Ereignisse besitzen. Kein Zeuge der
That, kein Mitglied einer städtischen Behörde, einschließlich der
Communalgarde, war noch vernommen. Und gleichwohl trat dieser Mann
vor die von ihm versammelten Gemeindevertreter und erklärte in der
hochfahrendsten, schroffsten Weise: „Die Regierung wird die von ihren
Organen ergriffenen Maßregeln vertreten; zu irgend einer Discussion
hierüber bin ich nicht beauftragt.“ Der Schluß seiner Worte aber
lautete: „Die bewaffnete Macht hat also den bestehenden Gesetzen
nach gehandelt!“ Und gleichzeitig verlas der Königliche Commissar den
erstaunten Gemeindevertretern die schriftliche Antwort des Königs auf
die Leipziger Adressen. Falkenstein hatte sie contrasignirt.
Sie war herb und streng gehalten. Nachdem von dem „unwürdigen Frevel“
eingehend die Rede gewesen, dessen „Schauplatz das vielfach gesegnete
und blühende Leipzig“ gewesen, lauteten die einzigen Sühne -- aber
welche Sühne! -- verheißenden Zeilen wörtlich also: „#Strenge#
Untersuchung der stattgefundenen #Unordnungen# und eine #unbefangene#
Betrachtung des Verfahrens der #Behörden# wird Licht über das Ganze
verbreiten[78] ... so daß es hoffentlich nicht #ernsterer# Maßregeln
bedürfen wird, um dem Gesetze seine Geltung zu verschaffen. Aber mit
tiefem Schmerze muß ich es aussprechen: #Wankend# geworden ist mein
Vertrauen zu einer #Stadt#, in deren #Mitte# (?!) auch nur der Gedanke
einer solchen Handlung entstehen, unter deren Augen (?) er ausgeführt
werden konnte.“
Mit diesen Eröffnungen war die Richtung der Erörterungen klar
bezeichnet, welche die Regierung über die furchtbaren Ereignisse
vorzunehmen willens war. „Strenge Untersuchung der stattgefundenen
Unordnungen“ und „eine unbefangene Betrachtung des Verfahrens der
Behörden“! Um keinen Zweifel über seine und der Regierung Tendenz bei
der Sache aufkommen zu lassen, ließ v. Langenn noch am nämlichen 16.
August den Wortlaut seiner Anrede an die Gemeindevertretung und die
Antwort des Königs in die Leipziger Zeitung einrücken.[79] Und wer
es nur immer hören wollte, konnte von dem Kgl. Commissar unverholen
äußern hören, #daß Leipzig eine Genugthuung nur zu geben, nicht zu
erwarten habe#. Ueberall sprach er nur von dem gar nicht zu sühnenden
Frevel gegen den Prinzen, von dem Schießen aber als einer ganz
gerechtfertigten Maßregel.[80]
Durch solche Erklärungen mußte das Vertrauen in die Unparteilichkeit
der außerordentlichen Untersuchungs-Commission, die gleichzeitig mit
v. Langenn in Leipzig eintraf, von vornherein untergraben werden. Dazu
kamen mannigfache andere Bedenken gegen ihre Arbeit. Diese Commission
empfing ihre Instructionen direct vom Ministerium des Innern.[81] Nicht
sie, sondern das Ministerium hat die Ergebnisse ihrer Erörterungen,
und auch diese nur theilweise, veröffentlicht. Die Commission durfte,
da es sich nicht um eine förmliche richterliche Untersuchung, sondern
nur um polizeiliche Vorerörterungen handelte, die vernommenen Zeugen
nicht vereiden. Statt des Eides wurde die bedenkliche „Versicherung
auf Ehrenwort“ bei Civilisten, der „pflichtgemäße Rapport“ bei
Soldaten, die als Zeugen abgehört wurden, substituirt.[82] Auf die
außerordentlich bedeutenden Widersprüche zwischen den Aussagen der
Zeugen, namentlich der völlig neutralen Zeugen, welche weder eine
thätliche Provocation des Militairs Seitens der Menge wahrgenommen
haben wollten, ehe geschossen wurde (zu diesen Zeugen gehörten
sämmtliche Leipziger Polizeidiener, welche an der Tête des Pelotons
Vollborn die Promenade säuberten), noch auch gehört hatten, daß vor dem
Schießen die gesetzlich nothwendige Aufforderung zum Auseinandergehen
vernehmbar verkündigt worden sei, hatte man fast gar kein Gewicht
gelegt. Man hielt eben für bewiesen, was man bewiesen wünschte. Das
Verfahren der Militairbehörde wurde als gerechtfertigt anerkannt und
nur gegen die Civilbehörde wegen zu späten Einschreitens gegen den
Tumult eine Disciplinaruntersuchung vorbehalten.[83] Dieser Vorbehalt
war um so unbegreiflicher, als später in den Kammerverhandlungen über
die Augustereignisse der Minister v. Nostiz-Wallwitz gleich zu Anfang
der Debatte unaufgefordert erklärte, „daß an jenem Abend in Leipzig die
Communalgarde nicht aus Mißtrauen nicht berufen worden sei, sondern aus
unzeitiger Schonung, aus Rücksicht auf die von derselben während des
Tages ausgehaltenen Strapazen!“[84]
Um so härter wurde gegen die Schuldigen dritten und vierten Ranges,
d. h. die paar Excedenten eingeschritten, die man am 12. August beim
Kragen gefaßt hatte. Gleichzeitig wurden „Erörterungen“ angestellt
gegen besonders verhaßte Persönlichkeiten, denen man gern beigekommen
wäre, aber nicht beikommen konnte, u. A. gegen Robert Blum. Diese
Erörterungen wurden sehr bald eingestellt. Man konnte ihm ja doch
nichts vorwerfen, als daß er die Stadt vor den wildesten Ausbrüchen
der Anarchie gerettet habe. Um so bequemer war die Stellung der
Regierung den verhaßten „Schriftstellern“ gegenüber. Selbst Dr. W.
Jordan, obgleich in Sachsen naturalisirt, wurde ausgewiesen. Die
Schützenhausversammlungen, denen sich Bürgermeister Groß in den Tagen
der höchsten Gefahr blindlings untergeordnet hatte, wurden bereits am
16. August von demselben Würdenträger verboten. Am 26. August folgte
Seitens der Landesregierung auf Grund der Bundesbeschlüsse von 1832
das Verbot aller Volksversammlungen. Damit glaubte man den Herd der
Beunruhigung des Volkes mit einem Male verschüttet zu haben. Die
Bürgervereine, die vom Voigtland aus sich über einen großen Theil des
mittleren Erzgebirges und der Schönburg'schen Lande verbreitet hatten,
waren damit in der That in ihrer Wurzel bedroht.
Dagegen fand Robert Blum für Leipzig schnell einen neuen Namen und
eine neue Form für die verbotenen öffentlichen Versammlungen. Er
gründete zuerst in Leipzig, später in vielen Filialen im Lande,
einen #Redeübungsverein#, d. h. einen Verein, der scheinbar nur eine
rhetorisch-linguistische Ausbildung seiner Mitglieder bezweckte, in der
That aber durch Vorträge über die wichtigsten Zeitfragen, durch die
daran geknüpften Discussionen, und durch die äußerst liberale Zulassung
von Nichtmitgliedern zu den Versammlungen des Vereins jene durch eine
außerordentliche Folge von Ereignissen vorübergehend zusammentretenden
Versammlungen des Schützenhauses, welche die Regierung durch ihr Verbot
für immer gesprengt zu haben meinte, stets von neuem vereinte und
obendrein mit dem Corpsgeist einer festen Verbindung erfüllte.
Die Regierung würde übrigens sicher mehr Maß gehalten haben in ihrem
Verfahren wider Leipzig, wenn die Leipziger Gemeindevertretung sich
auch nur einigermaßen mannhaft gezeigt hätte. Statt jedoch das
Verlangen einer gerechten Beurtheilung und Sühne für das vergossene
Blut nachdrücklich festzuhalten, legten sich die Stadtverordneten in
einer zweiten Adresse vom 2. September 1845 dem König demüthig zu
Füßen mit der Versicherung, sie „könnten sich #in ihrer Unschuld#
sagen, daß sie den Verlust der Gnade und des Vertrauens ihres geliebten
Landesherrn nicht verdient haben und glauben sich deßhalb nur um
so mehr der Hoffnung hingeben zu dürfen, daß die Gerechtigkeit Ew.
Majestät die Frevelthat von einigen Wenigen einer ganzen Stadt nicht
zur Last legen werde.“ Eine dritte gleichwerthige Adresse wurde am
nämlichen Tage an den Prinzen Johann abgelassen. Der hochconservative,
aber freilich mannhaft-unbeugsame Stadtverordnete Kramermeister Poppe,
versagte beiden Adressen seine Zustimmung. Selbstverständlich folgte
der klägliche Rath sofort am 5. September dem guten Beispiel der
Stadtverordneten mit einer Adresse von ähnlichem Inhalt an den Prinzen
Johann. Der Rath sprach sogar von einem gegen den Prinzen „verübten
frevelhaften Attentat“! Die Antwort auf diese Kriecherei erhielten
die städtischen Collegien durch den leipziger Mund der Regierung,
Herrn v. Langenn. Allem bisher von der Regierung Vernommenen setzte
diese Antwort die Krone auf, indem sie direct #gegen# die erhobenen
Thatsachen, und recht eigentlich zum Hohne der überfließenden
Loyalitätsversicherungen der Leipziger Gemeindevertreter „die Hoffnung
Sr. Maj.“ aussprach, „es werde sich diese Gesinnung durch die That und
namentlich durch die Bemühungen, dem Geiste der Gesetzlichkeit und der
Anhänglichkeit an Fürst und Vaterland allenthalben #wieder Eingang zu
verschaffen#, bewähren!“ Die Sitzung, in der diese Antwort verlesen
wurde, war sehr bewegt und das Collegium beschloß die Erklärung in sein
Protocoll aufzunehmen: „nur durch das beruhigende Bewußtsein, daß die
Bürgerschaft Leipzigs an jenen unheilvollen Ereignissen keinen Theil
genommen, sich vielmehr zu allen Zeiten und unter weit schwierigeren
Umständen durch unerschütterliche Treue und Anhänglichkeit an Fürst
und Vaterland bewährt habe, habe den höchst schmerzlichen Eindruck zu
mildern vermocht, den diese Antwort des Königs in den Herzen Aller
hervorrief.“[85]
Ungeheuer war die Entrüstung über die Leipziger Ereignisse, über
das Verhalten der Regierung in ganz Deutschland. Wenn die Regierung
zweifellos unschuldig war an dem excessiven Waffengebrauch ihrer
Soldaten, so machte sie sich nun zu deren Mitschuldigen, indem sie vor
aller Welt deren Handlungen vertrat. So ging denn das zürnende Gedicht
von Hand zu Hand, von Mund zu Munde, das Ferd. Freiligrath am 24.
August in Meyenberg am Zürcher See „Leipzigs Todten“ widmete, mit dem
düstern Refrain:
„Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht,
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert,
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert.“
Es brauste grollend über Deutschland wie ein heraufziehendes schweres
Gewitter und unvergessen blieb überall die Leipziger Augustnacht.
Unvergessen blieb aber auch beim Volke das Verhalten Robert Blum's
während dieser schweren Tage. An seinem Geburtstage überreichte ihm
ein sehr großer Theil der leipziger Bürgerschaft eine künstlerisch
ausgestattete Dankadresse mit Tausenden von Unterschriften bedeckt,
welche lautete:
„Verehrter Mitbürger!
Die unterzeichneten Bewohner Leipzig's sprechen ihren Dank aus für
Ihre unermüdlichen Bestrebungen zur Wahrung der verfassungsmäßigen
Ordnung und zur Heilighaltung des Gesetzes, welche in den Tagen des
13., 14. und 15. August d. J. durch die Ereignisse des 12. desselben
Monats bedroht wurden. Sie haben, treu Ihrer Bürgerpflicht, die
aufgeregten Tausende ermahnt: nicht zu verlassen den Boden des
Gesetzes und mit Vertrauen auf die Behörden zu blicken, die unseren
gerechten Beschwerden Abhülfe herbeiführen würden. Sie haben durch
Ihre Worte den stürmischen Ausbrüchen der Gemüther gesteuert. Wir
danken Ihnen dafür.“
Zahlreiche ähnliche Adressen trafen aus Sachsen und aus dem übrigen
Deutschland bei Blum ein. Besonders merkwürdig unter ihnen ist
diejenige aus Mannheim und Schwetzingen, weil sie einträchtiglich die
Unterschriften aller badischen Liberalen vereinigt, die wenige Jahre
später so hart sich befehden sollten. Da steht an der Spitze Carl
Mathy, neben und unter ihm Adam v. Itzstein, Th. Welcker, Hecker, v.
Soiron, Bassermann, Struve, Hergenhahn, Dr. Paulus, Thilo u. A.
* * * * *
Die ganze Bürgerschaft Leipzigs aber stattete Robert Blum ihren Dank
ab, indem sie ihn am Ausgang des Jahres 1845 zum Stadtverordneten
wählte.
Er selbst faßt am 3. November 1845 die Folgen des schmerzlichen
Ereignisses in einem -- auch sonst interessanten -- Briefe an Johann
Jacoby treffend also zusammen:
„Wie bei uns die Augustereignisse gewirkt haben? Gut und schlecht
-- wie man will. Die Reaction ist allerdings furchtbar in diesem
Augenblicke und es gibt kein Land, in welchem man so viele
Knechtungsversuche aller Art macht; aber gerade dadurch ist
auch der Spießbürger zum Theil wenigstens zur Besinnung gelangt
und hat die schwere Täuschung erkannt, die solange ihn benebelt
hat. Unsere Kammer ist gut, aber sie erzielt natürlich nichts.
Solange der deutsche Minister einer ganzen Kammer auf alle ihre
Mehrheitsbeschlüsse mit Unverschämtheit sagen kann: „Es bleibt
beim Alten, _car tel est notre plaisir_,“ solange bleibt das ganze
Kammerwesen eine heillose Spiegelfechterei. Aber wenn die Kammer
wirklich fruchtlos auseinandergeht, so steigert sich die Stimmung im
Lande bis zur Unglaublichkeit -- wie denn überhaupt die Stimmung in
unsern kleinen Städten und auf dem Lande vielfach entschieden gut ist
-- und das #System# ist es endlich, gegen welches sich der Haß kehrt,
nicht mehr gegen die Menschen und die Umstände. -- Etwas Ungeheures
ist es bei uns, daß der Leipziger Mord die einfältige Pietät gänzlich
vernichtet hat, die sich bei jeder unangenehmen Gelegenheit sagte:
„Ja, der König und die Minister würden dieses und jenes gerne thun,
sie haben den besten Willen, aber sie können nicht.“ Uebrigens wäre
das Leipziger Ereigniß auch nicht so ganz zum Siege der Reaction
ausgeschlagen, wenn sich unsere Stadtverordneten nicht unter allem
Luder schmachvoll benommen hätten. Diese Adresse aber war für die
Minister nicht mit Geld zu bezahlen und als sie sahen, daß #das#
in Leipzig möglich war, traten sie sofort mit einer unglaublichen
Frechheit auf, während bis dahin die Furcht weit überwog. In einigen
Wochen werde ich wahrscheinlich zu den Stadtverordneten gehören, bin
aber noch schwankend, ob ich's annehme. Da es indeß fast der einzige
Weg ist, den Spießbürger in geeigneten Momenten zu dominiren, und
ihm zu imponiren, so wird's wohl nicht gut anders gehen, um so mehr
als es der einzige Weg für mich ist, auf den Landtag zu kommen, den
ich, wenn die Zeiten so trostlos bleiben, nicht ausschlagen möchte.
-- Werden Sie mich denn in diesem Jahre mit einem Beitrage für mein
Taschenbuch „Vorwärts“ erfreuen? Wenn Sie können, so thun Sie's,
denn eben jetzt im letzten Augenblicke haben sie mir Steger geraubt,
der seine Theilnahme am Buche seiner Existenz in Sachsen zum Opfer
bringen mußte.[86] Uebelnehmen kann ich's ihm nicht, denn er ist eben
im Begriff sich einen Herd zu gründen und wäre, wenn man auf der
Ausweisung bestünde, gänzlich heimathlos; aber es bereitet mir manche
Verlegenheit.“[87]
Besonders bemerkenswerth in diesem Briefe ist das Urtheil, das Blum
über die wahrscheinliche Erfolglosigkeit der Anstrengungen der
liberalen Partei im Landtage fällte. Während Aller Augen gespannt auf
dem Landtag hafteten und hoffnungsreich von ihm Sühne für die Leipziger
That und Abstellung aller übrigen Beschwerden erwarteten, erklärte der
Führer des Fortschritts in Sachsen ganz offen: „#Unsere Kammer ist gut,
aber sie erzielt natürlich nichts.#“
Diese Voraussicht sollte im vollsten Maße sich bewahrheiten.