3. Lehr- und Wanderjahre.

Wenn das lebhafte Rechtsgefühl, das Robert Blum Zeit seines Lebens

beseelte, überhaupt auf eine bestimmte Erfahrung zurückgeführt werden

kann, so hat er es sicherlich in der Hauptsache den Leiden und der

Rechtlosigkeit seiner Lehrjahre zu danken. Denn geradezu das Gegenbild

des heutigen Rechtsverhältnisses zwischen Lehrherrn und Lehrling boten

jene Tage, da er Lehrjunge wurde. Hinweggefegt mit allen anderen

historischen Einrichtungen früherer Jahrhunderte wurden auch die

ehrsamen Zünfte, als die Jacobiner Frankreichs über Köln sich ergossen

hatten. Keine Thräne soll etwa hier dem alten Zunftwesen nachgeweint

werden. Unleugbar wurde der Lehrling im Zunftstaate der guten alten

Zeit mehr als billig vom Meister ausgebeutet: das Lehrgeld kam sehr

theuer zu stehen, und viel zu lange währte die Lehrzeit. Dagegen hatte

die alte Zunftzeit auch jede herzlose Ausbeutung und Behandlung des

Lehrlings von Seiten des Meisters, die über die Grenzen des nach

damaligen Begriffen Erlaubten hinausging, streng geahndet. Kein Meister

durfte wagen, dem Ehrenrathe der Zunftgenossen zu trotzen: wenn er es

that, stellte er seine ganze Existenz auf's Spiel.

Von diesen heilsamen Schranken gegen die Willkür des Meisters

hat Robert Blum in seinen Lehrjahren nichts mehr vorgefunden.

Wir Deutschen von heute können uns kaum eine Vorstellung von den

Verhältnissen eines Lehrjungen jener Tage machen. Wir sind eben im

Begriffe, die Zuchtlosigkeit und die Geneigtheit zu Vertragsbruch,

die in erschreckendem Maße unter den heutigen Lehrlingen -- in Folge

bekannter Hetzereien -- sich ausbreitet, durch gesetzliche Bestimmungen

einzuschränken. Wir würden es einfach für unmöglich halten, daß

heute ein Meister wagen sollte, seinen Lehrling nur als den Sclaven

der Launen aller Hausgenossen und außerdem als „Mädchen für Alles“

zu benutzen ohne auch nur den Versuch zu machen, den Lehrling in

dem Gewerbe zu unterrichten, das er lernen soll. Der starke Arm des

Gesetzes schützt auch den Aermsten und Schüchternsten vor solcher

Ausbeutung. Robert Blum dagegen hat mehr als einmal Lehrherren von

diesem Schlage kennen gelernt.

Lange hatte der dreizehnjährige Knabe nachgesonnen, welchem Handwerke

er sich zuwenden solle, als die Pforten des Gymnasiums sich ihm für

immer geschlossen hatten. Seine Eltern ließen ihm freie Wahl. Robert

entschloß sich, Goldschmied zu werden. Das edelste der Metalle, den

Rohstoff, auf dessen Besitz das einzige Streben vieler Millionen

unablässig gerichtet ist, wollte er bearbeiten und zu schmückendem

Zierrathe künstlerisch gestalten lernen. Tiefer Sinn lag in dieser

Berufswahl, die der denkende Knabe gewiß mit vollem Bewußtsein traf.

Da nun einmal das reine Gold der Wissenschaft, das er ohne jeden

unedeln Beisatz auszumünzen hoffte, seinen Händen für immer entrückt

war, so wollte er wenigstens täglich jenes wichtigste Element unter

den Händen haben, das so Viele noch höher schätzen, als das reine Gold

der Wissenschaft. Seine Eltern billigten die Wahl. Robert wurde zum

Goldarbeiter Asthöver in der Mauthgasse in die Lehre gebracht.

Es ist nun eine von allen bisherigen Biographen Robert Blum's mit

rührender Einstimmigkeit berichtete Fabel, deren „Moral“ nicht erst

erläutert zu werden braucht: Robert habe bei Asthöver -- den Namen

des Meisters nennt übrigens keiner der bisherigen Biographen -- ein

halbes Jahr lang Draht gezogen, ausgeglüht und als erste selbstständige

Arbeit endlich Ketten machen sollen, dazu aber habe er sich vollständig

unfähig erwiesen. „Allerdings war sein späteres Streben nur darauf

gerichtet, alle Ketten zu sprengen, welche die Menschheit noch ihrer

Freiheit berauben“, bemerkt einer dieser gemeinplatz-wandelnden

Biographen. Aus diesem Grunde soll Robert von dem Meister, den man

sich nach der Nutzanwendung der Fabel eigentlich als ränkeschmiedenden

Reactionär vorstellen müßte, fortgejagt worden sein. Allein diese

allerliebste Geschichte hat nur den einen Fehler, daß sie nicht

wahr ist. Nach den Familienaufzeichnungen, die wir eben wegen ihrer

Schmucklosigkeit und Tendenzlosigkeit und ihrer Fülle von Detail und

Localfarbe für völlig glaubhaft halten dürfen, hat sich die Sache so

zugetragen:

Meister Asthöver war ungefähr das, was man im gewöhnlichen Leben

einen guten Menschen, aber schlechten Musikanten nennt. Er scheint

seinerseits einen ansehnlichen Beitrag zu der den Franzosen und

anderen lateinischen Völkern völlig unbegreiflichen deutschen

Volksvermehrung geliefert zu haben. Wenigstens hat Robert während der

neun Monate seiner Lehrzeit bei Asthöver außer den Functionen der

Magd auch diejenigen des Kinderwiegens, -Tragens und -Laufenlehrens,

kurz alle Aufgaben eines ersten Erziehers überkommen und vollzogen.

Und wahrscheinlich wäre bei längerer Fortdauer seiner Lehrzeit in

dieser Art von Werkstatt derselbe Kreislauf der Pflichten ihm noch

mehr als einmal beschieden gewesen. Jedenfalls war es nicht der Fehler

Asthöver's, daß dies nicht der Fall war. Vielmehr klagte Robert

Blum selbst seiner Mutter nach dreivierteljähriger Lehrzeit, daß er

die Werkstatt des Meisters kaum zu sehen bekomme, und meist nur als

Kinderwärter, höchstens als Küchenjunge verwendet werde. Die Mutter,

welche die Wahrheitsliebe ihres Robert schon so oft erprobt hatte,

ging zu Asthöver und beschwerte sich über den Mißbrauch. Da fand auch

der biedere Meister eine flotte Ausrede. Er erklärte, daß er den

kurzsichtigen Knaben mit den schwachen Augen zur Berufsarbeit nicht

brauchen könne. Wann und wie lange er diese betrübende Entdeckung

gemacht, verrieth er der Mutter nicht. Zum Kettenschmieden ist Robert

jedenfalls nicht gekommen.

Es scheint, als habe Robert nun zunächst den Zufall über seine

Berufswahl bestimmen lassen. Bei einem Gürtler war eine Lehrstelle

offen. Er nahm sie an. Aber nach einem halben Jahre schon war auch

dieser Berufszweig verdorrt; denn der Meister mußte wegen verschiedener

schlechter Streiche, welche die Nachfrage der Behörden nach seiner

werthen Person in bedenklichem Maße steigerten, Köln verlassen und das

Weite suchen.

Zum dritten Mal stand also Robert in dem ärmlichen Hause der Eltern vor

der dringenden Frage: „was nun?“ Da wurde durch die Zeitung bekannt

gemacht, daß ein Gelbgießer in Köln einen Lehrling suche. Robert bot

sich sofort an. Der ehrsame Meister, der den Lehrling suchte, war Peter

Räder, Gelbgießer aus Düsseldorf, seit Kurzem erst nach Köln gezogen.

Robert gefiel dem Meister sehr, und der Contract wurde daher sofort

geschlossen. Ob das Gefallen auf Gegenseitigkeit beruhte, wissen wir

nicht. Jedenfalls verbreiteten sich bald die schlimmsten Gerüchte über

die Vergangenheit des Meisters. Er sollte in Düsseldorf seine Frau

so lange gequält und geärgert haben, bis sie habe in's Grab steigen

müssen. Nach Köln sei er nur gezogen, um seinen Schwägern aus den Augen

zu kommen, die ihm Rache geschworen. Vor Robert hatte er einen Lehrling

gehabt, der aus Aerger über des Meisters stetes Zanken und seine

Unzufriedenheit mit jeglicher Leistung erst die Gelbsucht bekommen

hatte, dann an der Auszehrung gestorben war.

Das Verhalten Räder's Robert gegenüber rechtfertigte vollkommen diesen

bösen Leumund. Dieser Meister der Gelbgießerei zeigte sich geizig,

zänkisch, kleinlich und von Herzen bösartig. Gleichwohl suchte Robert

durch vier lange Jahre es ihm recht zu machen, um nur von sich selbst

den drückenden Verdacht abzuwehren, als sei er unstet und ungeschickt,

unwillig zum Lernen eines ordentlichen Handwerkes. Niemals gewann er

in dieser langen Zeit von seinem Meister die geringste Aufmunterung,

das bescheidenste Zeichen der Zufriedenheit. Daß der Meister mit

Robert nicht fortwährend zankte, war schon ein Beweis der treuesten

Pflichterfüllung des Lehrlings.

Ein Vorkommniß ist besonders bezeichnend für den Charakter dieses

Lehrherrn. Räder erhielt eines Tages eine große Bestellung von Seiten

des Militärfiscus, wie wir heute sagen würden. Eine sehr erhebliche

Anzahl der mit einzelnen Messingplättchen belegten, spitz zulaufenden

Riemen an den Czakos der (preußischen) Soldaten sollte in größter Eile

geliefert werden. Räder konnte nur durch ungewöhnliche Anstrengung

aller seiner Leute hoffen, die lohnende Arbeit in der vorgeschriebenen

Zeit zu bewältigen. Er sicherte daher #Allen#, die vier bis fünf

Stunden des Nachts während sechs Wochen an dieser Arbeit mit helfen

würden, einen bestimmten Lohnsatz pro Stunde für diese Extraarbeit zu.

Robert speciell versprach er für jede dieser Arbeit geopferte Nacht

fünf Groschen. Freudig ging das junge Blut auf dieses Angebot ein.

Fortan kam Robert Abends acht Uhr, wie sonst, zum Essen nach Hause und

ging vor zehn Uhr wieder an die Nachtarbeit. Bis drei Uhr Nachts war

er thätig. Dann gönnte er sich im Hause des Lehrherrn einige Stunden

Ruhe, kam zum Frühstück nach Hause und ging, wie gewöhnlich, um sieben

Uhr an sein Tagewerk. Voller Freude sprach er mit den Seinen von der

schönen Summe Geldes, die er sich durch das Opfer seines Schlafes

erkauft habe. Mit der reichen Hoffnung der Armuth malte er sich schon

eine königliche Bescheerung aus, die er sich selbst leisten werde.

Nun waren die schweren sechs Wochen um. Die Gesellen, die jede Woche,

auch für die Nachtarbeit, abgelohnt worden waren, hatten längst ihr

Geld in der Tasche. Räder hatte ein vortreffliches Geschäft gemacht.

Aber Robert erhielt nichts; kein Wort des Lehrherrn verrieth dessen

Absicht, sich dem armen Lehrling gegenüber an das gegebene Versprechen

zu erinnern. Endlich geht die Mutter entschlossen zu Räder und bittet

um das Geld für ihren Sohn. Da meint der Meister: „es sei doch

spaßhaft, wenn selbst der Lehrling komme und seine Mühe bezahlt haben

wolle. Wenn Arbeit da sei, müsse eben der Lehrling arbeiten -- dafür

sei er Lehrling; auf ein bischen mehr oder weniger komme es nicht

an.“ Dabei blieb es. Kein Pfennig war aus dem hartherzigen Knauser

herauszupressen. Von diesem Tage an fehlte es nun für Robert auch an

stetem Zanken und Schelten nicht. So meinte Räder am bequemsten die

Stimme des Gewissens zu übertäuben.

Endlich waren auch diese vier bösen Jahre um. Robert zählte neunzehn

Jahre, als er zum Gesellen gesprochen wurde (November 1826). Aber der

Geselle und der Prophet gelten nichts in ihrem Vaterlande. Beide müssen

wandern. Auch Robert wanderte, natürlich nicht als Prophet, sondern als

Gelbgießergeselle. Diese Tage der Wanderschaft kann ich nun auf Tag und

Stunde, an der Hand der eigenen Aufzeichnungen des Wanderers verfolgen.

Robert Blum hat nämlich durch seine Wanderjahre ein „Reise-Journal“

geführt. Das ist der früheste eigenhändig von ihm geschriebene und, was

die Glaubwürdigkeit erhöht, auf der Wanderschaft selbst tagebuchartig

fortgeführte Bericht aus seinem Leben, den ich besitze. Er wurde unter

seinen nachgelassenen Papieren vorgefunden. Leider sind alle seine

Briefe an die Seinen aus jener Zeit, deren er trotz des theuren Portos

viele schrieb, verloren gegangen. Aber das Reise-Journal läßt, obwohl

es nur die Reiseroute in Meilen, die Zeit des Aufenthaltes an den

einzelnen Orten angiebt und diese Orte nebst Umgegend schildert, alles

das zwischen den Zeilen lesen, was aus den mir vorliegenden Zeugnissen

seiner Meister und sonstigen Quellen über seine Wanderschaft berichtet

wird: daß Robert nämlich, in Folge seiner schwachen Augen, überall zu

feinerer Arbeit sich wenig tauglich zeigte, und daher überall nur kurze

Zeit kaum lohnende Arbeit fand, obwohl er sich überall „honett betrug“,

wie es in den Zeugnissen heißt.

Am 25. November 1826, genau zwanzig Jahre nach dem Hochzeitstage seines

Vaters, trat Robert, nach seinem Reisejournal, die Wanderung an. Er

erreichte an diesem Tage Bonn. Es war der erste Schritt in die Welt,

den er that. Man sieht den ersten Seiten des Journals deutlich an,

mit welcher Begeisterung der arme, zeitlebens bisher an die Scholle

gefesselte junge Mann oder „Jüngling“, wie er sich selbst noch drei

Jahre später nannte, die Wunder des Rheinlandes begrüßte. Die für die

„Bemerkungen über die Gegend“ eingerichtete Spalte des Journals reicht

überall nicht zu, um das volle Herz ausströmen zu lassen. Dabei spricht

Robert natürlich wie ein Buch. Er will vor sich selbst zeigen, daß er

doch schon Einiges gelernt und nichts vergessen hat. So versichert er,

kaum in Bonn angekommen, und ohne jede eigene Kenntniß von anderen

Städten als Köln und Bonn: „Die Reste von Bonns ehemaliger Herrlichkeit

als kurfürstliche Residenz, verbunden (!) mit der Universität und ihren

gelehrten Instituten, machen die sonst unbedeutende Stadt zu einer

der merkwürdigsten am Rheine.“ Schon am 27. November wanderte er über

Remagen, Andernach, Neuwied nach Weißenthurm, am 28. bis nach Coblenz.

„Ihm gegenüber liegt auf der fast unersteigbaren Zinne eines schroffen

Felsens die Bergveste Ehrenbreitstein, das deutsche Gibraltar, ein

vollendetes Meisterwerk deutscher Befestigungskunst“, schreibt er in

sein Journal. Und dann schildert er die Gegend auf seinem Weitermarsch

nach Caub, Bacharach &c. also: „Von hier aus wird die Gegend immer

wilder und romantischer. Gigantische, jeder Vegetation (?) unfähige

Felsenmassen, deren Gipfel mit den Denkmälern grauer Vorzeit und

deutschen Heldenmuthes gekrönt sind, wechseln mit lieblich grünenden

Weinbergen; der stolze Fluß, in enge Schlünde zusammengedrängt, bahnt

sich in mäandrischen Krümmungen den Weg durch das Felsenlabyrinth und

scheint oft mit dem Donnern und Brausen seiner Wogen das ganze Bett

sprengen zu wollen.“ Gewiß haben wenige wandernde Gelbgießergesellen

damaliger Zeit so gut geschrieben und so wenig Arbeit gefunden, wie

Robert. Denn schon am 10. December traf er, auf demselben Weg rückwärts

wandernd, wieder in Köln ein.

Der Schrecken der Seinen über die rasche Heimkehr scheint kein geringer

gewesen zu sein. Schon nach zwei Tagen ergreift er abermals den

Wanderstab und zieht über Opladen und Solingen nach Elberfeld. Die

Landschaft, die er durchwandert, schildert er in seinem Reisejournal

also: „Die Gegend, welche an den Ufern des Rheins flach bleibt,

beginnt östlich von Opladen sich zu erheben; Hügel von Sand und

Mergel sind die Vorboten größerer Berge, die in romantischen Gruppen

die Gegend bedecken und ihr ein wahrhaft schweizerisches (?) Ansehen

geben. Ackerbau findet man meistens nur in den Thälern und am Fuße

der Berge und auch hier nur unbedeutend. Die Einwohner ernähren sich

größtentheils von Fabrikarbeit, und ihr Fleiß und ihre Arbeitsamkeit

sind bewundernswerth und fast beispiellos. In den verborgensten Tiefen

klappern unaufhörlich die Hämmer der zahlreichen Eisenwerke, und nicht

selten tönt uns von der unwirthbarsten Spitze der Berge aus einer

einzelnen Hütte das Knarren der Webstühle entgegen oder wir hören die

einförmigen Schläge einer Schmiede, die auch in der schaurigsten Einöde

an das Dasein uns ähnlicher Wesen erinnern.“

In Elberfeld und Barmen blieb Robert vom 12. December 1826 bis zum

6. Juni 1827 in Arbeit bei verschiedenen Meistern. Der zweite, der

ihn beschäftigte, sagte ihm beim Abschied -- gewiß nicht mit Unrecht

--: „er passe nicht zu einem Handwerksmann; er solle lieber ein

Federfuchser werden.“ So viel Wahrheit und Menschenkenntniß in diesem

Worte lag, für Robert enthielt es das Schmerzlichste, was ihm ein

Mensch damals offenbaren konnte: die rückhaltlose Aussprache der

furchtbaren Erkenntniß, die er selbst im tiefsten Schrein seines

Herzens bewahrte -- daß er seinen Beruf verfehlt habe, daß ihm aber zur

Durchführung seiner Lebensaufgabe, der productiven Geistesarbeit mit

der Feder, das Nöthigste abgehe, Wissen und die Mittel zur Fortbildung.

Unter der ganzen Wucht dieser erdrückenden Erkenntniß, völlig

überzeugt, daß ihn sein Handwerk, bei dem so viele Andere ihr

reichliches Auskommen fanden, nicht nähren könne, trat Robert am 6.

Juni 1827 wieder den Heimweg nach Köln an[4], wo er verzweifelt den

Seinen das ganze Herz ausschüttete.

Da begünstigte ihn zum ersten Male in seinem Leben ein fast

wunderbarer Glücksfall. Als er hoffnungs- und aussichtslos die Zeitung

durchblätterte, um nach #irgend einer# Stellung zu suchen, welche

ihm wenigstens ermöglichte, seiner guten Mutter die Sorge für seine

Ernährung abzunehmen, fand er die Anzeige eines Herrn #J. W. Schmitz#,

eines Lieferanten der vor Kurzem neu eingeführten Straßenlaternen mit

#einem# Licht. Dieser Vertreter der öffentlichen Aufklärung suchte

„einen jungen Mann mit hinlänglichen Schulkenntnissen, der in Arbeiten

in Metallen erfahren und geneigt sei, Arbeiten zu beaufsichtigen und

selbst mit zu arbeiten“. Robert bot sich sofort bei Schmitz an. Er

gefiel dem Manne und Schmitz nahm ihn gleich an. Als die Mutter, die

wohl kaum an das gute Glück ihres unglücklichen Kindes glauben mochte,

nun auch zu Schmitz eilte, um einen „Accord“ mit ihm zu machen, sagte

der Straßenbeleuchter: „Liebe Frau, es bedarf keines Accordes. Ich habe

in Ihrem Sohne einen Schatz gefunden. Ich kenne ihn erst sehr kurze

Zeit, aber ich habe seine herrlichen Eigenschaften erkannt und weiß sie

zu würdigen. Für die Beschäftigung, zu der ich ihn anfangs anzunehmen

gedachte, ist er zu gut. Seine Ausbildung und seine Zukunft nehme ich

auf mich. Ich habe ihn lieb gewonnen.“

So glücklich und verheißungsvoll eröffnete sich Robert's Stellung

bei einem Manne, der trotz der widersprechendsten Anlagen seines

Charakters und trotz der schroffsten Wandlungen in seinem Verhalten

Robert gegenüber doch eine der bedeutsamsten Rollen im Leben desselben

gespielt hat. Denn Schmitz hat dem jungen Manne zum ersten Male

Gelegenheit gegeben, sein Vaterland kennen zu lernen, es sorgenlos

und behaglich beobachtend zu durchmessen. Er hat Robert zum ersten

Mal Muße, Anregung und -- wenn auch dürftige -- Mittel geboten, um

an seiner wissenschaftlichen Fortbildung zu arbeiten. Er hat ihn die

reichen Bildungsmittel, welche schon der bloße Anschauungsunterricht

des damaligen München und Berlin bot, monatelang benützen und genießen

lassen. Und derselbe Mann hat dann andererseits seinen treuesten,

begeistertsten und dankbarsten Mitarbeiter tiefer gedemüthigt

und härter behandelt, als irgend ein Anderer, von dem Robert mit

seiner Existenz abhing. Schon vom psychologischen Standpunkte aus

verdient daher dieser merkwürdige Mensch besondere Beachtung, hier

aber insbesondere auch darum, weil der Dienst bei ihm für Robert's

Lebensziel und Ausrüstung nach dem Obigen von größter Bedeutung war.

Daher scheint es gerechtfertigt, daß der Dienstzeit Blum's bei J. W.

Schmitz ein besonderer Abschnitt gewidmet wird.

Robert Blum: Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk · 第 27 / 85 题