Vieles von dem, was erzählt wurde und noch zu berichten sein wird, ist
nur dann für möglich zu halten, wenn man versucht, in die damaligen
öffentlichen und wirthschaftlichen Zustände sich einzuleben. Hier
können selbstverständlich nur Andeutungen gegeben werden.
Jenes großartige Gesetz, welches die gesammte preußische Monarchie,
einschließlich der neuerworbenen Rheinprovinz in ein einziges
Zollgebiet verwandelte, die zahlreichen Binnenzölle aufhob, welche
bis dahin innerhalb der einzelnen Landestheile bestanden, und
damit die Grundlage zum künftigen deutschen Zollverein legte,
ist erst 1818 erlassen worden. Seine Segnungen kamen mithin den
Armen Köln's in den Hungerjahren 1816 und 1817 noch nicht zu Gute.
Während der Hungerjahre stand der Preis eines Scheffels Weizen am
Rhein um sechs Mark fünfundneunzig Pfennig, also beinahe sieben
Mark höher als gleichzeitig in Posen[3], so kolossal waren damals
die Verkehrshindernisse. In den fünfziger Jahren war der höchste
Preisunterschied innerhalb Preußens eine Mark sieben Pfennig.
Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß Preußen, der Staat, der in den
Befreiungskriegen gegen Napoleon das Größte gethan für ganz Europa,
um sechshundert Geviertmeilen kleiner aus dem siegreichen Kampfe
hervorging, als er vordem gewesen, und obendrein in der denkbar
ungünstigsten Gestaltung seines Gebietes, zerrissen in zwei weit
entlegene Massen. Der Bevölkerungszuwachs von 5½ Millionen,
den die Monarchie 1815 gewann, vertheilte sich auf ein Gewirr von
Ländertrümmern, vor Kurzem zu mehr als hundert deutschen Kleinstaaten
gehörig, zerstreut von der Prosna bis zur Maas. In den altpreußischen
Landestheilen allein galten nach dem Frieden siebenundsechszig
verschiedene Zolltarife, nahezu 3000 Waarenklassen umfassend. Dazu
kamen die besonderen Zollsysteme der neuerworbenen Sächsischen und
Schwedischen (Neuvorpommern) Landestheile, die Zollanarchie am Rhein,
wo man die verhaßten Douanen und droits réunis der Franzosen einfach
gestürzt hatte, ohne einstweilen Neues an ihre Stelle zu setzen. Wer
billig denkt, und namentlich Sinn besitzt für jenes Zartgefühl, mit
welchem die Preußische Staatskunst von jeher das historisch Gewordene
und Gegebene pietätvoll würdigte, wird begreiflich finden, daß nicht
vor dem Jahre 1818 die Schöpfung eines einheitlichen Zollgebietes in
Preußen verwirklicht werden konnte.
Die neue preußische Rheinprovinz besonders litt außerdem hart unter der
schlechten Verkehrsverbindung mit den östlichen Provinzen der Monarchie
und vor Allem unter der Concurrenz mit England. Denn mit Aufhebung der
von Napoleon drakonisch gegen England durchgeführten Continentalsperre
wurden die seit Jahren aufgespeicherten englischen Waaren massenhaft
auf den Continent geworfen. In dem einzigen Jahre 1818 hat England
für 129 Millionen Gulden Waaren nach Deutschland ausgeführt. England
bedurfte damals kolossaler Baarmittel, weil es in den Jahren 1816-19
die Englische Bank zur Wiederaufnahme der Baarzahlungen durch
Parlamentsbeschlüsse nöthigte und das Gold demgemäß wieder zum
allgemeinen Tauschmittel machte. Dieser Bedarf wurde durch vermehrte
Waarenausfuhr gedeckt. Der einzige Vortheil der deutschen Industrie
gegenüber der englischen, der billige Arbeitslohn, ging während der
späteren Hungerjahre 1816 und 17 vollständig verloren. Am schwersten
litt das Rheinland unter allen preußischen Provinzen; denn kaum waren
hier unter dem napoleonischen Mercantilsystem Fabriken aufgeblüht, so
verloren sie nun mit der veränderten Gebietsabgrenzung des Friedens
plötzlich ihre Absatzquellen nach Frankreich, Holland, Italien, den
Niederlanden; sie waren durch die Provinzialzölle der altpreußischen
Landestheile vom Osten Deutschlands abgeschlossen und schutzlos der
übermächtigen Concurrenz Englands preisgegeben. Die schwere Krisis, die
wir jetzt durchleben, erscheint als eine Kleinigkeit gegenüber diesem
wirthschaftlichen Elend.
Unter allen Städten des Rheins war nun aber wieder Köln vielleicht
am härtesten durch die Franzosenzeit und die veränderte
Staatsangehörigkeit heimgesucht worden. Schon mit dem Eindringen der
als Retter aus aller Noth begrüßten Jacobiner war das städtische
Eigenthum Nationalgut geworden, der beste und wohlhabendste Theil
der Bürger geflohen, die Aufhebung der Klöster und mancher milden
Stiftung beschlossen. Nach Beendigung der Fremdherrschaft konnten nur
noch wenige alte Convente und klösterliche Institute Zeugniß ablegen
von der Art, wie im alten Köln die Noth gelindert, die Krankenpflege
betrieben worden war. Auch wurde Köln unter der neuen Regierung
wichtiger Institute und Behörden beraubt, die ihm wohl gebührt hätten.
Die Universität ward nach Bonn, das Oberpräsidium nach Coblenz, die
Malerakademie nach Düsseldorf, das Polytechnikum nach Aachen verlegt.
Erst später verstand die betriebsame Stadt, sich trotz der Ungunst der
Verhältnisse zum Mittelpunkt des rheinischen Großhandels zu machen.
Damit dürfte zur Genüge erklärt sein, wie das Elend der Hungerjahre
sich zwei Jahre lang in der großen Stadt behaupten, wie Robert Blum
auf seinem ferneren Lebenswege so gut wie gar keine unterstützende
Aufmerksamkeit von Seiten der Vaterstadt finden konnte.
Wir sahen, daß der junge Robert schon mit dem siebenten Jahr lesen,
schreiben und rechnen konnte. Er hatte sich bis zum zehnten Jahr in
diesen und allen sonstigen Künsten, die in seiner Pfarrschule gelehrt
wurden, so weit vervollkommnet, daß er anfing, manchem Lehrer als
unbequemer „Ueberflieger“ zu gelten, das heißt als ein Bursche, dem
Alles zu leicht wird, dem nichts mehr gelehrt werden kann.
In diesem Stadium seiner Bildung bethätigte seine Tante Agnes Blum (wie
wir sahen, die einzige Tochter seines Großvaters Robert) die volle
Staatskunst der Frauen, indem sie nach dem alten machiavellistischen
Grundsatz den gefährlich-oppositionellen Denker in das Ministerium
ihres Lehramtes berief und ihm zunächst das Portefeuille der Mathematik
verlieh -- mit zehn Jahren!
Das ging so zu. Die gute Tante Agnes hatte sich niemals träumen
lassen, Lehrerin zu werden. Sie war vielmehr Jahre lang blos Pflegerin
einer alten Dame gewesen, welche in dem Gebäude der Elementarschule
der St. Maria-Himmelfahrts- oder Jesuiten-Pfarre wohnte. Als diese
Dame das Zeitliche gesegnet hatte, wurde Agnes die Universalerbin
der Verstorbenen und als solche sehr wohlhabend. Sie übernahm nun
gleiche Samariterdienste bei der Lehrerin der genannten Schule, wohnte
ihrem Unterrichte vielfach bei, vertrat sie in der Schule, als die
Lehrerin kränker und kränker wurde, und erhielt -- wahrscheinlich
zu ihrem eigenen nicht geringen Schrecken -- die Lehrerinstelle der
hochehrwürdigen Jesuiten-Pfarr-Elementarschule angetragen, als die
Lehrerin die Augen für immer geschlossen hatte. Freilich tobte damals
noch nicht der Culturkampf. Auch der Schulzwang und die Schulordnung
hatten die Pforten der Hölle noch nicht überschritten. Jeder konnte
nach seiner Façon Lesen, Schreiben und Rechnen lehren. Jeder, der
zahlen konnte, schickte seine Kinder wohin ihm beliebte. Wer nicht
zahlen konnte, schickte sie -- in die Stecknadelfabrik zum Verdienen.
So war's unter dem menschenfreundlichen Krummstab gewesen. So war's
auch noch Anno 1817. Das Geld, welches für die Schulstunden zu
entrichten war, gehörte der „Lehrperson“. Dieser letztere Gesichtspunkt
scheint für Tante Agnes entscheidend gewesen zu sein, als sie sich
entschloß, ohne jegliche ausreichende Vorbildung zum Amte einer
Elementarlehrerin, dem an sie ergangenen Rufe Folge zu leisten.
Immerhin blieb ja doch der große Trost, daß in der Hauptsache, in
der Religion, die armen Kinder von der Pfarrgeistlichkeit direct
unterrichtet wurden. Nur in einem Punkte konnte sich ihr zartes
Gewissen mit dem übernommenen Amte nicht abfinden: im Einmaleins, in
den vier Species, vollends im Bruchrechnen, der Regeldetrie &c. Diesen
Geheimnissen gegenüber war sie völlig rathlos. Um so besser, daß der
kleine Neffe Robert so ausgezeichnet darin bewandert war. Er wurde also
als Rechenlehrer bei Tante Agnes angestellt.
Die Einkünfte, die er für diese Thätigkeit genoß, waren verhältnißmäßig
bedeutend. Denn Tante Blum überzeugte ihre Schülerinnen natürlich
mit Leichtigkeit, daß die wunderbare Kunst des Rechnens nicht für
den gewöhnlichen Unterrichtspreis mit verabreicht werden könne, daß
vielmehr zur Aneignung dieser ungewöhnlichen Kenntnisse Privatstunden
nothwendig seien. Selbstverständlich konnten auch nur die reiferen
Schülerinnen an dieser Sahne des Unterrichts der Pfarrschule
naschen. Der Preis von einem Stüber (vier bis fünf Pfennig) für zwei
Rechenstunden in der Woche erschien als eine Kleinigkeit gegenüber der
Errungenschaft dieses Wissens, welches -- die Lehrerin selbst nicht
besaß. Für Robert aber, der an vier Tagen der Woche Nachmittags von
vier bis fünf Uhr zwei Classen der Tante unterrichtete, waren diese
Kupfermünzen gerade ausreichend, um seiner guten Mutter die Ausgabe
für einen Communionanzug zu ersparen. Denn Tante Agnes sammelte ihm
die Einnahmen seines Rechenunterrichtes auf das Genaueste. Sie gab
ihm aber außerdem durch eine bei ihrer Genauigkeit wahrhaft splendide
Naturalleistung schamhaft zu verstehen, aus welcher Verlegenheit er sie
durch seinen Rechenunterricht erlöste: sie verabreichte ihm nämlich,
wenn er um vier Uhr aus seiner Schule zum Unterricht in die ihrige
kam, eine ganze Tasse Kaffee und ein Brödchen. Die Tasse Kaffee mußte
er nun schon als unübertragbare persönliche Rechtswohlthat für sich
selbst hinnehmen. Aber das Brödchen allein zu genießen, ging über seine
brüderlichen Begriffe. Sein Schwesterchen besuchte ja dieselbe Schule
als Schülerin, in der er lehrte. So oft es ging, suchte er ihr das
kleine Gebäck zuzustecken. War sie im Garten, auf dem Spielplatz, im
Schulzimmer, so scheute er keinen Vorwurf, um seinem Liebling den hohen
Genuß frischen Weißbrods zuzuwenden.
Der schmutzige Geiz dieser Tante und die Kränkungen, die sie Robert
und seinem Schwesterchen durch Zurücksetzung der Kinder hinter die
reichere Verwandtschaft zufügte, haben in Robert's Herz früh die
schmerzlichsten Eindrücke hinterlassen. Höchst charakteristisch für
ihn ist ein in diese Zeit fallender kleiner Vorfall, der in der
Familie noch heute als die „Geschichte von den Hobelspänen“ streng
wahrheitsgetreu erzählt wird. Schwester Gretchen hatte mit etwa sechs
Jahren -- man staune nicht über die fanatische Menschenquälerei,
welche die fromme Geistlichkeit zu Wege brachte! -- aus Christoph
Schmidt's biblischer Geschichte ein unendlich langes, in kleinen
lateinischen Lettern gedrucktes Stück „Jesu letzte leidensvolle Nacht“
auswendig lernen müssen, und was noch wunderbarer ist -- das „Stück“
auch fehlerlos ihrem armen Gedächtniß eingeprägt und am Sonntag in
der Kirche heruntergesagt. Diese Quälerei zur größeren Ehre Gottes
war speciell in dem jungfräulichen Haupte der Schultante Agnes Blum
ausgeheckt worden und sie war keineswegs gewillt, blos in der Kirche
mit ihrer Wundernichte Staat zu machen. Sie gab unmittelbar danach
auch eine Kaffeevisite, zu welcher selbstverständlich der Herr
Pfarrer, ihr Bruder Heinrich Blum, der kräftige Böttcher mit Frau,
und einem Gretchen Blum beinahe gleichalterigen Töchterchen u. A.
eingeladen waren. Als das Gespräch zufällig auf die Wundernichte
gelenkt war, wurde diese aus ihrer Schule heruntergeholt und mußte
Jesu leidensvollste Nacht noch einmal ohne Murren zum Kaffee hersagen
-- den Andere tranken. Den Blick hoffnungsvoll auf den Teller mit
„Hobelspänen“ -- einem geringelten Butterteiggebäck -- gerichtet,
sagte das Kind „sein Sprüchel und forcht sich nit“ und so ging denn
auch diese „leidensvollste Nacht“ rasch und anstandslos vorüber. „Ach
wie schön!“ „Das ist viel für ein so kleines Kind!“ „Brav Gretchen,
das hast Du gut gemacht!“ rief es in der Runde. Das Auge des geplagten
Kindes haftete gespannter als je auf den Hobelspänen. Da greift denn
auch einer der Herren nach dem Teller mit dem Gebäck -- und schüttet
fast dessen ganzen Inhalt der Cousine des kleinen Gretchen zu. Die
brave Tante Agnes aber sagt zu dem Staatskind: „Gretchen, Du kannst
nun wieder in die Schule gehen.“ Sie mußte die Aufforderung mehrmals,
dringlicher wiederholen.
Darüber waren mehrere Jahre vergangen. Die Mutter nähte nach wie vor
für die Leute und sandte eines Tages ihre kleine Tochter ein fertiges
Kleid auszutragen und sechzehn Stüber Arbeitslohn dafür zu verlangen.
(Dreizehn Stüber machten fünfzig Pfennig). Das Kind verlangte und
erhielt #siebzehn# Stüber, und lief spornstreichs zum Hofconditor Maus
-- ich vermuthe beinahe, daß er zeitlebens wenig für den Hof conditort
hat -- und verlangte hier in der höchsten Aufregung für einen Stüber
Hobelspäne. Der „Herr“ am Ladentisch fragte ängstlich, ob das Kind die
Hobelspäne essen wolle -- sie sah offenbar so aus, als ob sie damit zu
jedem anderen Verbrechen fähig gewesen wäre -- und als das Kind diese
Absicht entschieden bejahte und als glaubhaften Beweggrund hinzufügte,
daß sie ein andermal habe zusehen müssen, ohne welche zu kriegen,
machte er ihr für den einen Stüber eine ganze Düte voll.
Aber das Verhängniß schreitet schnell. Die Empfängerin des Kleides
beschwert sich bei Robert's Mutter, daß sie soviel habe bezahlen
müssen, und die Mutter stellt die Tochter zur Rede. Sprachlos vor Angst
blickt Gretchen die Mutter an und vermag kein Wort herauszubringen.
Robert ist zugegen und sagt: „Aber liebe Mutter, wie soll Gretchen
nach so langer Zeit noch wissen, was Du ihr damals bestellt und was
sie erhalten hat?“ Die Mutter stand von weiterem Forschen ab. Sowie
aber Robert ausgehen mußte, sagte er: „Ich möchte Gretchen gerne
mitnehmen.“ Er schlug einen ungewöhnlichen Weg mit ihr ein. In einer
stillen Straße bleibt er stehen, sieht sie eindringlich an und fragt:
„Gretchen, warum hast Du der Frau einen Stüber mehr abverlangt, als die
Mutter gesagt?“ Sie erzählte ihm nun die ganze Geschichte. Da ballte er
die Hände und knirschte mit den Zähnen. Die Schwester bat ihn, es der
Mutter zu sagen, damit sie ihre Strafe bekomme. „Sei ruhig,“ erwiderte
er stirnrunzelnd, „ich werde es der Mutter nicht sagen. Aber warum hast
Du mir damals nichts gesagt, als man Dich zusehen ließ?“ „Dann hättest
Du geweint,“ sagte Gretchen schluchzend. „Jetzt bin ich groß und weine
nicht mehr,“ entgegnete Robert. „Du aber sollst mir versprechen und es
nie vergessen, daß Du Dich stets an mich wenden willst, wenn Dir etwas
fehlt, wenn Du Dir etwas wünschest, wenn Dir bange ist.“ Er hat redlich
Wort gehalten.
Jener Fall mit den Hobelspänen war natürlich nicht der einzige, bei
welchem die Tante die armen Kinder zurücksetzte. Als Robert eines Tages
trübselig zu Hause saß, äußerte er seiner Mutter den Wunsch, ein wenig
zur Tante zu gehen. Er ging, kam aber bald zurück mit der Nachricht,
daß er nicht vorgelassen worden sei, weil die Tante Besuch habe.
Neugierig, den Besuch zu sehen, hatte er durch das Glasfenster der
Besuchsstube geschaut und den Onkel Heinrich nebst Frau bei der Tante
sitzen sehen. Tief gekränkt, faßte er seinen Schmerz in die für einen
so jungen Knaben höchst überraschende Wendung zusammen: „Die Schwester
meines Vaters konnte mich nicht empfangen, weil sie den Bruder meines
Vaters zum Besuch da hatte.“
So war das elfte Jahr seines Lebens herangekommen, in welchem Robert
zum ersten Male das heilige Abendmahl empfing. Wohl der Einzige
unter den gleichalterigen Genossen, hatte Robert die Festkleidung,
die er am Altar des Herrn trug, sich selbst redlich verdient. Aber
auch der kindlich tiefe Glaube an das Wunder des Gnadenmahls des
Heilandes mochte vielleicht keinem seiner Gefährten so rein und kräftig
innewohnen, wie ihm. Diesen schon seit seinem vierten Jahr durch
täglichen Messebesuch und Messedienst bethätigten Glauben bezeugte
Robert nun auf's Neue, indem er seine Eltern nach der Communion bat,
ihm zu gestatten, daß er in der St. Martinskirche (seiner Pfarrkirche)
in die Reihe der Meßdiener eintreten dürfe. Da mit diesem Amte kleine
Einnahmen verbunden waren, die Robert seiner Mutter zuzuwenden hoffte,
und außerdem das Recht, die Pfarrschule der Kirche zu besuchen, so
gaben die Eltern mit Freuden ihre Zustimmung.
Robert wurde also Meßdiener. Da dieser Dienst die Knaben nur in frühen
Morgenstunden und an Sonn- und Feiertagen beschäftigte, so hinderte
er nicht am Schulbesuch. Aber aus diesem Dienst, der Alles in sich
zu vereinigen schien, was Robert glücklich machte, erwuchsen dem
Knaben zum ersten Male in seinem jungen Leben seelische Leiden, die
ihn mit tiefem Schmerz erfüllten und in ihrem Verlaufe den festen,
treuen Kinderglauben Robert's zerstörend ergriffen und vernichteten.
Den ersten Anlaß hierzu bot folgender Vorgang. Die jungen Meßdiener
verweilten in der Kirche schon ehe sie den Gläubigen geöffnet wurde
und noch nachdem sie von den Kirchenbesuchern verlassen war. Die
Jungen -- mindestens aber Robert -- beobachteten genau das Benehmen
der Geistlichkeit in diesen Momenten, wenn diese unter sich zu sein
glaubte. Klagend und weinend berichtete Robert der Mutter: „Er habe
die traurige Bemerkung gemacht, daß die stets mit dem Heiligen
beschäftigten Leute nicht frömmer als die Anderen seien, ja noch viel
weniger fromm. Es falle Keinem derselben ein, vor dem Hochaltar das
Knie zu beugen, wenn die Kirche von Menschen leer sei. Sie gingen
vielmehr lachend und schwatzend vorbei. Er wolle aber versuchen, durch
sein besseres Beispiel auf die Andern zu wirken.“ Bald klagte er der
Mutter von Neuem: „Nein, nein, sie Alle sind nicht fromm. Sie haben
keine Achtung und Ehrfurcht vor dem im Altar verborgenen Heiland.
Es ist nur Scheinheiligkeit, wenn sie in der von Menschen gefüllten
Kirche Ehrenbezeugungen an den Tag legen.“ Armes, reines Kinderherz!
Du wußtest nicht, daß Jahrhunderte vor dir ein anderes Kind, aus so
armem Hause wie du, am zehnten November geboren wie du, denselben Weg
zur Erkenntniß gewandelt war, dessen rauhe Bahn du nun betratest. Auch
Martin Luther war nicht zuerst irre geworden an der Lehre der römischen
Kirche, sondern an ihren geistlichen Dienern. Und als er diese voller
Lug und Trug fand, erstreckte sich sein Zweifel auch auf den von
solchen Priestern verkündeten Glauben. Denselben Weg der Erkenntniß
wandelte Robert Blum.
Jeder wahrhaftigen treuen Natur ist die erste Berührung mit Lüge
und Heuchelei eine überaus peinliche Erfahrung. Hier wurde sie um
so peinvoller, als die bisher untrügliche letzte Instanz in allen
wichtigen Fragen, die Mutter, in ihrem blinden Glauben an die
Heiligkeit und Frömmigkeit der Diener der Kirche, die Zweifel Robert's
nicht lösen konnte oder wollte. Er wurde daher nun auch der Mutter
gegenüber einsilbig und verschlossen. Seine letzten Gedanken behielt er
für sich. Finster und argwöhnisch ging er seinen kirchlichen Functionen
nach. Immer weiter griff sein grübelnder Zweifel um sich. Das Nächste,
was ihn aufregte, war zum Glück noch eine rein weltliche Betrachtung.
Bei Trauungen, Kindtaufen, Begräbnissen &c. legten die Betheiligten
Trinkgelder in eine für die Meßdiener bestimmte Büchse. Robert glaubte
bemerkt zu haben, daß der Inhalt der Büchse, wenn er zur Vertheilung
kam, mit den Einlagen nicht stimme, und seit der letzten Theilung
begann er förmlich Buch zu führen über jeden Stüber, der eingelegt
wurde. Bei der nächsten Vertheilung des Büchseninhaltes fand sich nicht
einmal die Hälfte der von Robert berechneten Einlagen vor. Er nahm
seinen geschmälerten Theil, brachte ihn weinend der Mutter, legte ihr
sein Verzeichniß vor und berechnete ihr danach, wie viel jeder der
jungen Meßdiener eigentlich hätte erhalten müssen.
* * * * *
Die Mutter nahm Geld und Verzeichniß ging zum Hülfsküster, der die
Büchse in Verwahrung hatte, und beschwerte sich über solchen „Betrug“.
Dieser hörte die Klage staunend an; dann lachte er laut auf und rief
einmal über das andere: „Also jetzt rechnen die Jungens nach, was
in die Büchse kommt!“ Die gute Mutter mochte in diesem Gebahren des
Küsters auf die schwere Anklage nur die Bestätigung Alles dessen
finden, was Robert ihr bisher aus seinem vollen Herzen geklagt hatte,
und war deshalb wenig geneigt, die Sache von der heiteren Seite
aufzufassen. Sie nannte daher dem Küster die Namen aller Personen,
die Geld in die Büchse eingelegt hatten, und gab genau die Summe an,
die ein Jeder gegeben. Da legte sich der Küster auf's Beruhigen. Er
versprach, die Büchse solle in Zukunft besser aufgehoben, Veruntreuung
dadurch unmöglich gemacht werden. Und er hielt Wort.
* * * * *
Für Robert war jedoch dieser Sieg, den sein Scharfsinn für sich selbst
und die Kameraden erfochten hatte, mit nichten erfreulich. Bot er ihm
doch die traurige Bestätigung, daß er mit seinem Argwohn auf richtiger
Fährte gewesen. Da die Mutter nur einen Theil seiner Zweifel zu lösen
vermochte und sein Glaube ihm gebot, alles Herzeleid und alle seelische
Bedrängniß in der Beichte dem verschwiegenen Priester anzuvertrauen,
so flüchtete er mit seinem stillen Weh in den Beichtstuhl. Alles, was
er der Mutter geklagt, und mehr noch, so namentlich auch den Zweifel
an dem Glauben, daß der mächtige Herrgott in Person sich tagtäglich
leiblich von den Gläubigen werde verzehren lassen wollen, schüttete
er vor dem lauschenden Ohre des Beichtigers aus. Rauhe Worte und
Drohungen mit ewiger Verdammniß waren die Antwort. Er ging nun von
einem Beichtvater zum andern. Manche gaben ihm freundlichen Zuspruch,
liebevolle Ermahnungen. Aber harte Zurechtweisung war vorherrschend.
Der letzte Beichtvater namentlich, an den er sich gewandt, nannte ihn
einen verstockten Sünder und verweigerte ihm die Absolution.
Kurze Zeit darauf wurde er zum Pfarrer beschieden. Er ging natürlich
hin und fand eine ganze Anzahl Geistlicher beisammen, unter ihnen auch
Denjenigen, bei dem er, von Zweifeln gefoltert, Trost, Beruhigung,
Glauben suchend, gebeichtet hatte. Vor Allen nimmt dieser Beichtvater
das Wort und schildert Robert als einen frechen, anmaßenden Buben, der
sich unterstehe, den Lauscher und Aufpasser abzugeben, sich erdreiste
zu beurtheilen, ob das Betragen eines geweihten Priesters passend
oder unpassend sei, der Rebellion unter den Meßdienern gestiftet und
sie gelehrt, ihren Vorgesetzten zu mißtrauen, ihnen aufzupassen, sie
wohl gar zur Rechenschaft zu ziehen. Der Knabe, aufgefordert sich zu
rechtfertigen, stottert, verwirrt durch den ungeheuren Vertrauensbruch,
die Worte heraus: daß er im #Beichtstuhl# sein Herz offenbart und
nun unverbrüchliche Geheimnisse verrathen sehe. „#Ach, wir wissen
doch Alles#“, wird ihm höhnisch entgegengerufen, mit zeitlicher und
ewiger Strafe, mit Hölle und Verdammniß ihm gedroht und, um sein Elend
vollzumachen, die Mutter gerufen, um auch sie von der Ruchlosigkeit
ihres Sohnes in Kenntniß zu setzen. So endete Robert's Rolle als
Meßdiener.
Seine gute Mutter trug vor Allem Fürsorge für das Seelenheil ihres
Kindes, dessen Herz sie so ganz anders geartet kannte, wie das grausame
Ketzergericht, das nun gesprochen hatte. Sie brachte ihren Robert
zu dem alten, würdigen, gutmüthigen Geistlichen, der sie und Robert
schon so lange kannte, klagte diesem, wie Alles gekommen, und bat ihn,
sich ihres armen Kindes anzunehmen und ihn auf den Weg des Glaubens
zurückzuführen. Robert folgte lammfromm den Worten des Einzigen,
dem er vertraute, erhielt die früher verweigerte Absolution, ging
nach wie vor zur Beichte und Communion -- aber trotzdem war für ihm
immer dahin die selige Glaubenswelt seiner Kindertage. Als er mehr
als ein Vierteljahrhundert später sich öffentlich lossagte von der
römischen Kirche und das praktischste und energischste Haupt der neuen
Deutsch-katholischen Kirche wurde, hat, wie später an seinen eigenen
Bekenntnissen gezeigt werden wird, gewiß der Gedanke, politische Ziele
durch die religiöse Bewegung zu fördern, vollen Antheil an seinen
Entschließungen gehabt. Dennoch aber war dieser Schritt nur die letzte
Consequenz jener Seelenkämpfe, die in ihm erregt wurden in Jahren, wo
wir kaum über uns und Andere zu denken beginnen.
Den Besuch der Pfarrschule wegen dieser Ketzereien Robert zu verbieten,
wagte man doch nicht. Er lernte hier mit gleichem Eifer fort. Da
ließ eines Tages Robert's Lehrer, der verwachsene, fleißige und
hochgeachtete Herr Burg, die Mutter zu sich bitten und sagte ihr: „er
sei jetzt fünfunddreißig Jahre lang Lehrer an einer und derselben
Schule -- aber ein Talent und solchen Fleiß, wie er bei Robert
gefunden, sei ihm in dieser langen Zeit noch nicht vorgekommen. Er
rathe der Mutter, Alles aufzubieten, um ihn studiren zu lassen.“ Die
Mutter wendete ein, sie sei nur eine arme Frau, der Knabe habe einen
Stiefvater, es werde ihr unmöglich sein, Robert studiren zu lassen.
Da meinte Herr Burg: „gerade für strebsame und arme Kinder und Waisen
habe ja die Stadt ihre reichen Stiftungen. Er rathe, ihren Sohn nach
dem Gymnasium zu bringen und dann sich um Erlangung einer ‚Stiftung‘ zu
bemühen.“
Robert war selig, als er von diesem Plane hörte, und ließ es natürlich
an Bitten nicht fehlen, um das hohe Ziel zu erreichen. So brachte ihn
denn die Mutter nach dem Kölner Jesuitengymnasium. Seine Freude, sein
Fleiß waren grenzenlos. Immer hatte er zu wenig Arbeit. Als er die
Sexta durchlaufen hatte und am Schlusse des Schuljahrs öffentliche
Prüfung stattfand, wurde ihm, dem Fleißigsten und Aermsten, der erste
Preis, das „goldene Buch“, zuerkannt. Vor mir liegt unter all den
ähnlichen Zeugnissen, welche Robert aus seiner Schulzeit davongetragen,
auch das Zeugniß über dieses letzte Vierteljahr seines Schulbesuchs.
Es lautet: „Vierteljährige Censur. Vorbereit. Classe des Jes.-Gym.
_Nro._ Ein. Schuljahr 1819-20, viertes Vierteljahr. Namen Robert Blum.
Betragen gegen Mitschüler gut, gegen Vorgesetzte lobenswerth. Fleiß
lobenswerth in allen Fächern; der häusliche Fleiß sehr groß, und mit
dem besten Erfolge. Fortschritte vorzüglich in allen Fächern. Abwesend
und zu spät gekommen _vacat_. Also ausgestellt von den Lehrern Weiß,
Breuer, Religionslehrer. Unterzeichnet von dem Director Heuser. Köln,
27. August 1820.“ An den Fuß dieses Zeugnisses hat die ungelenke Hand
des Stiefvaters geschrieben: „Mit Freuden gesehen von Caspar Georg
Schilder.“
Mit noch erhöhter Freude ging Robert natürlich zu Anfang des folgenden
Jahres nach Quinta. Die Mutter hatte sich nun ein volles Jahr
übermäßig angestrengt, um Schulgeld, Bücher, Kleidungsstücke &c. zu
beschaffen. Aber trotz aller unablässigen Bemühungen wollte es ihr nie
gelingen, eine Stiftung für ihren Sohn zu erlangen. Immer hieß es: es
seien keine Gelder vorhanden. Jetzt wurde ihr eröffnet, es könne noch
anderthalb Jahr währen, ehe er in den Genuß einer solchen Freistelle
treten könne. Das war ein furchtbarer Schlag. Es fehlte an Allem, an
Büchern, Geld, vor Allem an dem so nöthigen Anzuge. Aber es gab ja noch
eine Hoffnungsaussicht, welche die Mutter um ihretwillen nie angerufen
hatte, aber um des reichbegabten Sohnes willen nicht unversucht lassen
wollte: die wohlhabende Verwandtschaft. Trostsuchend wandte sich
die Mutter zuerst an den früheren Lehrer Robert's, Herrn Burg, und
auch von diesem wurde sie vertrauensvoll gewiesen an Alles, was sich
Robert gegenüber mit dem Namen „Onkel“ schmückte. Verheißungsvoll
wiesen sämmtliche Onkels ihrerseits auf die reiche Tante Agnes, zumal
da Robert sie ja in ihrer bekannten mathematischen schweren Noth
über Wasser gehalten hatte. Diese treffliche Dame aber sagte: „Ich
habe keine Kinder. Wer Kinder hat, mag dafür sorgen!“ Damit war die
Entscheidung gesprochen. Robert mußte der Hoffnung, weiter zu lernen,
entsagen und zu Hause bleiben.
Schweigsam und traurig, alle bisherigen Genossen seiner Studien sorgsam
meidend, schlich der sonst so muntere, frohe Knabe einher. Ernstlich
fürchteten seine Eltern und Alle, die ihn damals sahen, er möchte
in Gemüthskrankheit verfallen. Dann aber, als er, finster vor sich
hinbrütend, Tag und Nacht sein Mütterlein an der Arbeit sah, um ihm
und seinem Schwesterchen Brod zu schaffen, ohne ein Wort des Vorwurfs
für seine Unthätigkeit, da warf er den letzten schmerzlichen Blick
rückwärts nach den für immer verlorenen Gefilden der ewigen Jugend
des Alterthums und beugte seinen kräftigen Nacken unter das Joch
gewöhnlicher Handarbeit. Als er etwa fünfzehn Jahre später um Aufnahme
in den Freimaurerbund nachsuchte, faßte er selbst den Schmerz seiner
Seele, der ihn damals bewegte, und die heroische Entscheidung, die er
am Ausgange seiner Knabenjahre traf, in die schönen Worte zusammen:
„So mächtig mich auch damals die Sehnsucht festhielt am Wissen, ich
war gezwungen, ein Handwerk zu erlernen, und trat nach vollendetem
siebenzehnten Jahre eine traurige Selbstständigkeit an, indem die
Kindespflicht mich hinaustrieb in das Leben, um meinen Eltern die
Sorgen für meinen Unterhalt abzunehmen.“