Einer langen Einleitung bedarf das Unternehmen, das Leben #Robert
Blum's# zu schreiben, nicht.[1] Obwohl beinahe dreißig Jahre seit
seinem Tode verflossen sind und Deutschland seither in allen seinen
öffentlichen Verhältnissen sich von Grund aus verwandelt hat, ist
Robert Blum dennoch bei der großen Mehrzahl des deutschen Volkes
unvergessen. Viele seiner Mitstreiter und Gegner aus der ersten
deutschen Nationalversammlung haben ihn überlebt und seither
hervorragenden und rühmlichen Antheil an der politischen Arbeit des
deutschen Volkes genommen: Präsident Simson, Biedermann, Grumbrecht,
Löwe, Schaffrath, Ruge &c. Aber dennoch kann sich kaum Einer von ihnen
mit der Popularität des todten Robert Blum messen. Mit rührendster
Beharrlichkeit und Zähigkeit hängt das deutsche Volk an dem Andenken
dieses Todten. Zeugniß dafür bietet die Thatsache, daß noch heute
das Bildniß dieses Mannes nicht nur in Sachsen, dem Hauptschauplatz
seines Manneswirkens, in so vielen Häusern und Hütten getroffen wird;
auch hoch oben im baierischen und badischen Gebirge, wo Robert Blum
nie gewesen, hat Verfasser dieses noch Jahrzehnte nach Blum's Tode
dessen Bildniß in Wirtschaften und Privathäusern getroffen. Von dem
Stuhl Robert Blum's in der Paulskirche zu Frankfurt war zuletzt kaum
ein Spahn mehr übrig. Jeder Besucher des einstigen Sitzungssaales des
ersten deutschen Parlaments nahm sich, soweit der Vorrath reichte,
einen Splitter dieses Sessels zum Andenken mit.
Der Grund der unverwelklichen Liebe und Verehrung, die das Volk an
diesen Namen heftet, ist einfach genug. Robert Blum hat in seiner
Kindheit und Jugend die Leiden der Armuth gekostet, wie selten ein
Anderer. Er hat schon als ganz junger Mensch lange schmerzliche Blicke
gethan in die tiefsten Tiefen leiblichen und geistigen menschlichen
Elends. Ihm ist der herbste Schmerz nicht erspart geblieben, der
eine reichbegabte, wissensdurstige Natur erfüllen kann: der Schmerz
aus Armuth dem Lernen, jeder höheren Bildung entsagen, mit einfacher
Handarbeit sein Brod verdienen zu müssen. Robert Blum ist mit eigener
Kraft aus diesem ihm von einem harten Schicksal vorgezeichneten,
scheinbar unübersteiglichen Lebenskreise immer freier und größer
herausgewachsen. Er hat begonnen, mit unvergleichlicher Ausdauer an
seiner eigenen geistigen Fortbildung, seiner Befreiung aus den Banden
der Armuth und Unbildung zu arbeiten. Er hat mit jedem Schritte, der
ihn unabhängiger stellte und seine Gesichtspunkte erweiterte, auch
weitere Ziele in's Auge gefaßt. Von den Interessen seiner Person,
seiner freien Seele, seiner Familie, seines Standes, seiner Stadt,
seiner Religionsgenossen, ist er vorgeschritten zu dem Streben, die
heiligsten und wichtigsten Angelegenheiten seines ganzen Volkes zu
vertreten. Die Leiden und Kümmernisse wie die berechtigten Forderungen
des Arbeiters haben #niemals# einen beredteren und uneigennützigeren
Anwalt gefunden, als Robert Blum.
In wunderbarem Maße war ihm die Macht der Rede gegeben: niemals hat
ein Mann so wie er verstanden, aufgeregte Massen zu beschwichtigen,
als wären Tausende seines Sinnes, als geböte ein milder Vater dem
ungeberdigen Kinde. Und dieses reiche, kraftvolle Leben, dessen
letzter Theil, mit Aufopferung und großherziger Verleugnung aller
eigenen Interessen, nur seinem Volke gewidmet war, hat Robert Blum
gekrönt durch seinen in der Blüthe der Jahre muthig erlittenen Tod.
Dieser Tod vor Allem macht ihn noch der Gegenwart theuer. Denn Robert
Blum ist nicht erschossen worden wegen irgend einer persönlichen
Handlung, welche auch nur den Vorwand eines Todesurtheils gegen ihn
gerechtfertigt hätte. Vielmehr geben die heute bekannten Acten seines
sehr kurzen Processes volle Gewißheit darüber, daß jener Schrei der
Entrüstung vollkommen berechtigt war, der bei der Nachricht von
seiner Hinrichtung Deutschland durchzitterte von den Gestaden der
Nordsee bis zum schwäbischen Meere, und der vom grünen Tische des
Gesammtministeriums in Dresden mit derselben Naturgewalt ertönte, wie
von den Tribünen des deutschen Parlaments zu Frankfurt und in zahllosen
Volksversammlungen: daß in Robert Blum nicht die Person, sondern der
Vertreter des deutschen Volkes, die Unverletzlichkeit des deutschen
Reichstagsabgeordneten habe gemordet werden sollen; daß mit einem Worte
die siegreiche österreichische Reaction in dieser Tödtung symbolisch
zeigen wollte, daß sie Alles was seit dem März des großen Jahres 1848
geschehen, nicht anerkenne und nun die Stunde gekommen erachte, um
Deutschland wieder das Joch des alten österreichischen Bundestages auf
den Nacken zu legen. So gilt denn Robert Blum noch heute mit Recht als
eines der edelsten Opfer, welche Deutschland jemals seiner nationalen
Freiheit und Einheit gebracht hat.
Auch die Geschichte der Familie, aus der dieser bedeutende Mann
hervorging, ist schnell erzählt. Auf eine lange Ahnenreihe konnte
Robert Blum nicht zurückblicken. Das Wenige, was hierüber bekannt ist,
muß berichtet werden, da es für die Kindheit und Jugend Robert Blum's
von Wichtigkeit wurde.
Aus dem Dorfe Frechen, zwei Stunden von Köln, siedelte der
Faßbindermeister Johann Blum und dessen Frau um die Mitte des 18.
Jahrhunderts nach Köln über. Von sieben Söhnen übernahm der älteste,
Robert Blum, das Geschäft des Vaters und wohnte als fleißiger Meister
auf dem Fischmarkte in Köln. Er hatte drei Kinder: #Engelbert#,
Heinrich und Agnes. Der im Jahre 1780 geborene älteste Sohn Engelbert
war zu schwächlich, um sich dem Geschäfte des Vaters widmen zu können;
namentlich hatte er eine schwache Brust und taugte daher für schwere
Arbeit nicht. Auch hätten die ziemlich wohlhabenden und streng
katholischen Eltern gern gesehen, wenn ihr ältester Sohn Theologie
studirt hätte und „geistlich“ geworden wäre. Er besuchte daher das
Kölner Gymnasium und hatte fünf Classen desselben absolvirt, als
Untersuchungen und Verfolgungen gegen die Schüler stattfanden, die
verdächtig waren, sich den verruchten Lehren ketzerischer Freigeister
zugewendet zu haben[2]. Engelbert Blum war in dieser Hinsicht bei
den frommen Vätern sehr schlecht angeschrieben. Er hatte für die
Verbreitung der ketzerischen Irrlehren Propaganda gemacht und wurde
von nun an streng bedroht und scharf beobachtet, sodaß ihm die
Studien ernstlich verleidet wurden. Er schwankte, ob er freiwillig
abgehen, sich wegschicken lassen oder heucheln solle und war -- wohl
hauptsächlich mit Rücksicht auf die kirchliche Treue und die für ihn
getroffene Berufswahl der Eltern -- über seinen Entschluß noch nicht im
Reinen, als die Franzosen in Köln einzogen, der Staatsherrlichkeit des
Krummstabes daselbst ein Ende bereiteten und das Gymnasium schlossen.
Engelbert verzichtete nun definitiv auf seine Ausbildung zum
Theologen und versuchte abermals sich zum Faßbinder auszubilden,
um das väterliche Geschäft zu übernehmen. Aber auch diesmal zeigte
sich, daß ihm hierzu die nöthige Körperkraft mangle. Das nährende
Gewerbe des Vaters ergriff der jüngere Sohn Heinrich, ein stämmiger
Bursche, mit Kraft und Umsicht. Er ist in hohem Alter wohlhabend
gestorben. Die Tochter, Agnes Blum, hat ein Zufall, wie wir sehen
werden, zur Lehrerin gemacht; sie stand als solche viele Jahre der
Elementar-Pfarr-Mädchenschule der Maria-Himmelfahrt-Pfarre vor. Ihr
werden wir später noch begegnen. Der halbstudirte, zu dem Gewerbe
seines Vaters zu schwächliche Engelbert Blum aber hatte seine
liebe Noth, sich sein tägliches Brod zu verdienen. Er suchte nach
Beschäftigungen, die seinen Kenntnissen entsprachen, doch ohne Erfolg,
und mußte endlich für kargen Lohn eine Schreiberstelle an einem Kölner
Lagerhause annehmen, die er nach einiger Zeit mit der Aufseherstelle
in einer Stecknadelfabrik vertauschte. Das tagelange Sitzen am
Schreibtisch war jedoch seiner schwachen Brust kaum nachtheiliger
gewesen, als die verdorbene Luft, die er in seinem neuen Beruf den
ganzen Tag athmen mußte. Denn in engem Raume mußte er hier mit einer
großen Anzahl arbeitender Kinder aus den niedrigsten Ständen sich
aufhalten. Für Ventilation war so wenig gesorgt, wie für Reinlichkeit
der armen Kinder. Schulzwang und Verbot der Kinderarbeit in den
Fabriken waren noch unbekannte Dinge. Kinder im zartesten Alter wurden
von ihren Eltern schon als Erwerbsquelle ausgebeutet.
Als Engelbert nach dem Schiffbruche seiner theologischen Hoffnungen
zum zweiten Male den Versuch gemacht hatte, Küfer zu werden, hatte er
ein junges Mädchen kennen gelernt, das mit sechszehn Jahren nach Köln
gekommen war, bei verschiedenen Herrschaften gedient hatte und in den
Jahren 1804 und 1805 bei einer wohlhabenden Faßbinderfamilie Wolff, die
mit Blums verwandt war und in deren Nachbarschaft wohnte, in Diensten
stand. Dieses Mädchen hieß #Maria Katharina Brabender#. Sie war über
ihren Stand gebildet, etwas romantisch veranlagt, aber voll tüchtigen
Selbstgefühls. Die jungen Leute liebten sich, und trotz des heftigsten
Sträubens, der Eltern Engelbert's wie der Familie Wolff -- weshalb die
letztere sich sträubte, ist etwas räthselhaft -- heiratheten sich die
jungen Leute am 25. November 1806. Sie wohnten in den ersten Jahren im
Hause der Eltern Engelbert's in der zweiten Etage des sehr schmalen
Hauses Fischmarkt Nr. 1490 und erfreuten sich trotz ihrer Armuth des
freundlichsten Familienlebens. Der junge Ehemann verdiente freilich nur
achtzig Pfennige (einen Franken) den Tag. Die junge Frau aber nähte für
die Leute, und da sie geschickt und fleißig, gut und gefällig war, so
war sie überall gern gelitten, und es fehlte ihr nie an Arbeit.
Hier im Hause seiner Großeltern, wurde am 10. November 1807 dem jungen
Paare der erste Sohn, #Robert Blum#, geboren. Nichts charakterisirt
wohl so sehr die damalige Lage des Vaterlandes, dessen kraftvoller
Streiter der Neugeborene später werden sollte, als die Thatsache, daß
der Geburtsschein dieses deutschen Kindes in der französischen Stadt
Köln französisch ausgestellt wurde. Er lautet (Nr. 1421 vom Jahre
1807): „_Acte de naissance de Robert Blum, né le dix novembre entre
huit et neuf heures du matin, fils d'Engelbert Blum, tonnelier, et de
Catharine Brabender, époux, demeurant rue Fischmarkt No. 1490._“
Das Kind war der Abgott der ganzen Familie. Vergessen war der Groll
über die Heirath Engelbert's. Der Großvater und Taufpathe Robert's, der
damals schon kränkelte, fühlte sich in dem Enkelchen wieder verjüngt
und glücklich und wünschte sich nun noch ein langes Leben, das ihm
indessen nicht beschieden sein sollte, denn im Jahre 1810 starb er.
Der kleine Robert wuchs indeß herrlich heran; ungemein früh lernte er
sprechen. In zartester Jugend entwickelte er außergewöhnliche Anlagen.
Mit drei Jahren bekam er die Masern, an denen er so heftig erkrankte,
daß man ihn bereits verloren gab. Von dieser Krankheit behielt er
schlimme Augen und wurde schließlich blind, neun Monate lang: Alles
versuchten die Eltern, um ihm das Augenlicht wiederzugeben. Zuletzt
riefen sie die Hülfe eines Dr. Bracht an, der ihnen als Augenarzt
gerühmt worden war und der den Kleinen mit der größten Sorgfalt
behandelte. Immer sprach er den Eltern Muth und Hoffnung ein und
bestellte endlich eines Tages die ganze Familie auf den kommenden
Morgen zusammen. Der Arzt erschien pünktlich, nahm den kleinen Robert
auf den Schooß, spielte mit ihm, erzählte ihm und schwenkte dazwischen,
wie spielend ein weißes Tuch hin und her. Zur unaussprechlichen Freude
der Seinen griff Robert nach dem Tuche und gab so den ersten Beweis
wiedererlangter Sehkraft. Doch blieben seine Augen immer schwach, eine
Schwäche, die ihm auf seiner Lebensbahn recht hinderlich ward; um so
höher steht jener eiserne Fleiß und Muth, mit welchem später der Mann,
ohne Schonung seiner schwachen Augen, in durchwachten Nächten den
Lücken seiner Bildung abzuhelfen bemüht war.
Das gute Gedächtniß, welches Robert sehr frühzeitig bekundete,
veranlaßte seinen Vater, ihm das Meßdienen, das Knaben in lateinischer
Sprache verrichten, zu lehren. Bald konnte Robert, kaum vier Jahre
alt, die ganze lateinische Messe auswendig. Sein Vater zeigte ihm nun
auch in der Nähe eines Altars, an dem gerade Messe gelesen wurde, was
die Knaben dabei zu beobachten hätten. Und als Robert sich auch das
eingeprägt, ließ der Vater ihn, unter Beihülfe eines größeren Knaben,
am Altar mit dienen, und Robert sagte sein auswendig gelerntes Latein
so schön und deutlich her, daß der Geistliche, ein gutmüthiger alter
Herr, den Vater bat, ihm doch das liebe Kind täglich zum Meßdienen zu
senden; den kleinen Robert aber beschenkte der freundliche alte Herr
häufig mit Bildern, Büchern, Bonbons &c. Von dieser Zeit an ging der
Kleine täglich in die Messe, bis er später wirklicher Meßdiener wurde.
Aber auch irdischere Künste brachte der Vater seinem Kinde bei: er
lehrte ihm Lesen, Schreiben und Rechnen in sehr frühen Jahren. Sicher
ist, daß Robert zu der Zeit, als sein Vater im letzten Viertel des
Jahres 1814 am Ende seiner Kräfte in seiner aufreibenden Thätigkeit
angelangt war und für immer auf's Krankenlager geworfen wurde, also mit
sieben Jahren, bereits in allen diesen Künsten ganz tüchtig Bescheid
wußte. Nach neunmonatlicher Krankheit am 24. Juni 1815, starb Engelbert
Blum. Er hinterließ eine Wittwe mit drei Kindern, Robert, Johannes und
Gretchen, von denen Robert beim Tode des Vaters noch nicht acht Jahre
zählte.
Die schlichten Aufzeichnungen, die mir vorliegen, über das Elend
der Armuth, das die lange Krankheit und der Tod des Ernährers über
die Familie brachte, und das Verhalten dieses jungen Knaben seiner
Mutter und seinen Geschwistern gegenüber, als er in so zartem Alter
Waise geworden war, gehören zu dem Rührendsten und Ergreifendsten,
was man lesen kann, und lassen namentlich die ganze Verlogenheit der
socialistischen Declamationen erkennen, wenn diese heutzutage danach
trachten, die vergleichsweise beneidenswerthe Ueppigkeit einer heutigen
Arbeiterfamilie, bei den jetzigen Löhnen, Lebensbedürfnissen und
Lebensgewohnheiten auch der ärmsten Classen, als den Gipfel des Elends
und der Würdelosigkeit zu bezeichnen.
Robert erkannte mit seinem klaren Verstande, seiner herzlichen Liebe
für Mutter und Geschwister viel schärfer als sonst Kinder in seinen
Jahren, wieviel mit dem Vater für die arme Familie verloren war. Aber
statt seiner Mutter Schmerz durch die Offenbarung seiner frühreifen
Erkenntniß zu vergrößern, suchte er seine Mutter zu trösten durch
die treuherzige Versicherung, er sei schon groß und stark und werde
deshalb fleißig mit ihr arbeiten; nur solle sie nicht mehr weinen,
sonst werde sie auch noch krank. Er that aber mehr. Er ließ die
scheinbar prahlerischen Worte zur That werden. Die Mutter gewann mit
ihrer Nadel den ganzen Unterhalt der Familie -- kümmerlich genug. Damit
sie keine Minute versäume, holte Robert die Arbeit von den Kunden
und trug das Fertige wieder fort. Er rathschlagte ernstlich mit der
Mutter darüber, was jeweilig zuerst beschafft werden müsse, ganz wie
ein ordentlicher Finanzminister, und holte das Nöthige herbei. Er
unterhielt und ermahnte die jüngeren Geschwister, damit die Mutter ja
beim Nähen bleiben konnte. Er blieb auf, wenn die Jüngeren im Bette
waren, und strickte für die Geschwister und für sich selbst, weil die
Mutter darauf keine Zeit verwenden konnte. Er verrichtete freudig und
geschickt aus freien Stücken die meisten Hausarbeiten. Und als sein
Bruder Johannes zu kränkeln anfing, pflegte ihn Robert mit rührender
Geduld und Ausdauer.
Aber so traurig es der armen Familie ergangen war seit der Erkrankung
und dem Tode des Familienhauptes, so sollte doch nun eine noch viel
traurigere Zeit über sie kommen. Bisher hatte es wenigstens am Besten
nicht gefehlt: an dem Frieden des Hauses. Die Ehegatten hatten sich aus
Liebe geheirathet und sich herzlich geliebt, bis der Tod Engelbert's
sie trennte. Das Verhältniß zwischen Eltern und Kindern war das beste
gewesen. In der Liebe, dem Gedeihen und dem Gehorsam ihrer Kinder sah
auch die arme Wittwe einen unermeßlichen Schatz. Aber dieser Schatz
wurde ihr mehr und mehr auch zu großer Sorge, namentlich als Johannes'
Krankheit sich verlängerte und als böses väterliches Erbtheil sich
ankündigte. Da glaubte die arme Frau, sie werde doch auf die Dauer
ihren Kindern das Brod nicht allein mit ihrer eigenen Kraft verdienen
können, und nahm den Antrag an, den der Schiffer Kaspar Georg Schilder
ihr machte, seine Frau zu werden.
Schilder hatte einen etwas stürmischen Lebenslauf hinter sich. Er
war zuerst Schmuggler gewesen, ein Beruf, der die Betheiligten
nicht immer mit den Spitzen der Gesellschaft zusammenführen soll.
Dann, vor acht Jahren, war er als Soldat mit Napoleon nach Spanien
gezogen und dort bis jetzt verblieben, ohne auch hier unablässig an
der Spitze der Civilisation zu marschiren. Nun war er eben aus dem
Kriege zurückgekehrt und hatte zwar ein hübsches Stück Geld, aber
auch eine kleine Schwäche mitgebracht, welche geeignet war, einer zu
großen Ansammlung von Ersparnissen mit der größten Aussicht auf Erfolg
energisch entgegenzutreten, nämlich eine liebevolle Anhänglichkeit
an alkoholhaltige Flüssigkeiten. Es ist begreiflich, daß diese mit
dem Charakter eines alten Troupiers sonst keineswegs unvereinbare
Leidenschaft nicht an Liebenswürdigkeit gewann, als der spanische
Krieger, der dort gewöhnt gewesen war, die ältesten, feurigsten
Klosterweine im Namen des einen und untheilbaren französischen
Kaiserreiches _à discrétion_ durch die rächende Gurgel zu gießen,
sich, nach seinem geliebten Heimathlande zurückgekehrt, gezwungen
sah, für weit saurere oder gemeinere Getränke sein gutes Geld Zug um
Zug hinzugeben. Sehr bald konnten sich die besten Freunde Schilder's
der Erkenntniß nicht länger verschließen, daß der einstige Bändiger
Hesperiens nicht blos dem Trunke, sondern sogar einem bösen Trunke
ergeben sei.
Ob nun die arme Frau, die diesem Manne ihr Jawort gab, seine Schwäche
weniger bemerkt hat, ob sie hoffte, ihn in dieser Hinsicht zu bessern,
oder sich angezogen fühlte durch die wirklich guten Eigenschaften
Schilder's -- denn er war kerngesund, gutmüthig, grundehrlich, treu
und fleißig -- sicher ist, daß sie vor Allem einen Ernährer ihrer
Kinder in ihm zu heirathen meinte. Aber sie sah sich schwer getäuscht.
Auch in nüchternen Stunden zeigte sich der neue Gatte argwöhnisch,
eifersüchtig, jähzornig und nur zu geneigt, bösen Einflüsterungen ein
williges Ohr zu leihen, mit denen seine Mutter und Schwestern ihn
reichlich versorgten. Bedauert und aufgehetzt von seiner Familie, trug
er dieser das verdiente Geld zu und gab murrend von dem Reste Weniges
in den Haushalt seiner Frau. Während diese also schon wenige Monate
nach Eingehung der neuen Ehe erkannte, daß sie nur den lieben Frieden
ihres Heims geopfert habe, ohne irgend eine Erleichterung in ihrer
vielen und schweren Arbeit zu gewinnen, im Gegentheile nach wie vor
für ihre Kinder allein sorgen müsse, und ihre Verbindung mit Schilder
tief bereute, brachte dieser eines Tages ganz plötzlich und unerwartet,
zum größten Schrecken und Staunen seiner Frau, seine Mutter und drei
Schwestern dauernd in's Haus. Das häusliche Elend, welches dadurch für
Robert, dessen Geschwister und vor Allem für dessen Mutter geschaffen
wurde, war grenzenlos. Die neuen Ankömmlinge waren völlig ungebildete,
rohe und zanksüchtige Menschen, die unter einander und mit Schilder's
Frau und Stiefkindern unaufhörlich haderten und stritten. Den Mann
gegen die Frau aufzuhetzen, schien ihnen Lebensbedürfniß. Robert stand
mit blutendem Herzen in dieser heillosen Wirthschaft. Das Leiden der
Mutter erdrückte ihn fast. Inniger als je schloß sich Robert's Herz an
Mutter und Schwester. Stolz und ohne jede Heuchelei von Liebe, die er
nicht empfand, trat er den neuen Tanten gegenüber. Mit Stichelreden und
rohen Mißhandlungen wurde ihm von der Sippschaft vergolten. Unwirsch
und gereizt durch das stete häusliche Gezänk, ward Schilder immer
verdrießlicher und liebloser; zuletzt mißhandelte er im Trunke sein
treues Weib, zum Lohne für ihre unendliche Anstrengung und Arbeit.
Mehrere Monate dauerte dieses unselige Verhältniß -- bis endlich
Robert's Mutter mit dem Muthe der Verzweiflung ihrem Manne die Wahl
stellte: mit ihr ohne die Seinen, oder mit den Seinen ohne sie und ihre
Kinder zu leben. Dieser Energie der Frau beugte sich der im Grunde
gutmüthige Mann, indem er sie dauernd von seinen Angehörigen befreite.
Elend blieb auch so genug noch übrig. Johannes starb im ersten Jahre
der neuen Ehe an der Schwindsucht, bis an's Ende von Robert treu
gepflegt und nach Kräften erheitert. Der lange Zwist, Verdruß und
Kummer hatten tief am Herzen der Mutter genagt. Viermal nach einander
hat sie nach Eingehung der neuen Ehe zu früh geboren. Fortdauernde
Kränklichkeit und Entkräftung waren die Folgen. Gicht und Lähmung
traten schon jetzt bei ihr ein, um sie niemals mehr zu verlassen.
Mit besonderer Liebe wandte sich Robert nach dem Tode seines Bruders
dem Schwesterchen zu. Er war der Schutzgeist ihrer Kindheit und Jugend;
er unterrichtete sie, spielte mit ihr, darbte sich oft einen guten
Bissen ab, um ihr eine Freude zu machen, und hatte er Kleinigkeiten
an Geld, so wurden sie zu einem Spielzeug, einer Leckerei &c. für die
Kleine. War Gretchen einmal unartig, so brauchte er nur zu sagen:
„Lieb' Gretchen, thue das nicht mehr!“ und das Verbotene wurde
keinesfalls wieder gethan. Bei schönem Wetter führte er, so oft er Zeit
fand, sein Schwesterchen nach dem fast dreiviertel Stunden entfernten
Friedhof, an das Grab ihres Vaters, das durch ein einfaches schwarzes
Holzkreuz bezeichnet war, in dem sich hinter Glas ein Todtenzettel
des Vaters befand. Hier hielt er Gretchen an zu beten und erzählte
ihr jedesmal, wie gut der Vater und wie glücklich sie alle bei seinen
Lebzeiten gewesen. Bei einem solchen Besuche auf dem Friedhofe bemerkte
Robert Nachbarn, die sich zugleich mit den beiden Kindern von dort
entfernten und in einen Wagen stiegen, um nach Hause zu fahren. Er
trat an die gutmüthigen Leute heran und sagte, daß Gretchen so müde
und außerdem noch nie in einem Wagen gefahren sei. Sie würden ihr
wohl ein Plätzchen einräumen und ihr einmal diese Freude machen. Die
Leute -- eine Faßbinder-Familie Namens Merzenig -- meinten, es sei
auch für ihn noch ein Plätzchen übrig. Er aber war durchaus nicht zum
Einsteigen zu bewegen, sondern eilte, so schnell er konnte, voraus, um
das Schwesterchen in Empfang zu nehmen, brachte sie eilig nach Hause
und erzählte der Mutter glückselig, wie es ihm gelungen sei, Gretchen
in einem Wagen fahren zu lassen.
Ein anderes Mal sahen die Kinder, gleichfalls auf einem ihrer Gänge
nach dem Friedhofe, am Wege einen Judenknaben, der ein Murmelthierchen
zeigte und dafür Pfennige einsammelte. Um ihn hatte sich eine Schaar
Buben zusammengerottet, die den Knaben verhöhnten, schimpften und
mit Stöcken nach ihm und selbst nach dem Thierchen schlugen. Robert
trat, voller Entrüstung über dieses Gebahren, auf die theilweise
viel größeren Knaben zu und redete sie mit seiner lauten Stimme also
an: „Schämt Ihr Euch denn gar nicht, den armen Jungen und selbst das
unschuldige Viehchen zu mißhandeln? Das Kind ist arm und hat gewiß zu
Hause noch kleinere Geschwister, die auf seine Pfennige mit Hunger
warten. Braucht Eure Stöcke zu was Anderem und gebt dem Knaben was!“
und damit gab er dem Kinde einen halben Stüber (etwa zwei Pfennig), den
ihm die Mutter zum Ankauf einiger Brezeln mitgegeben hatte. Unterdessen
hatten sich auch mehrere Erwachsene um den Judenknaben und Robert
versammelt und riefen: „Der Knabe hat Recht. Gebt dem armen Kinde was
und mißhandelt es nicht!“ und der arme kleine Jude wurde reichlich
beschenkt. Ein Herr aber sagte zu Robert: „Das hast Du gut gemacht,
mein Junge. Sage Deinen Eltern, sie sollen Dich Pastor werden lassen!
Predigen kannst Du schon jetzt.“
Mißhandlungen Seiten seines Stiefvaters hat Robert, obwohl das vielfach
behauptet und auch in einigen biographischen Arbeiten über Robert Blum
zu lesen ist, nie erfahren. Die Mutter hielt ihre Kinder so streng
und folgsam, auch ihr selbst gegenüber, daß der Vater, auch in seinen
reizbarsten Augenblicken, nie Veranlassung fand, gegen die Kinder
auszufallen.
Die größte Hingebung und Aufopferung für die Seinen bewies Robert
aber in den schweren Hungerjahren 1816 und 1817. Schilder verdiente
damals täglich vierzig Stüber, anderthalb Mark. Die Familie brauchte
aber jeden Tag sieben Pfund Brod, und diese kosteten achtundvierzig
Stüber. Also nicht einmal zum täglichen Brode reichte der Verdienst des
Vaters. Der tägliche Brodverbrauch der Familie mußte um die Hälfte
reducirt werden. Und dieses theure Brod war zudem noch so selten, daß
Robert im Winter schon um fünf Uhr Morgens, bei grimmiger Kälte und
schlecht bekleidet, an den Bäckerladen gehen mußte, um nach langem
Warten und Kämpfen das kloßähnliche, heiße, kaum genießbare Gebäck
zu erhalten. Nicht selten wurde es ihm von Stärkeren entrissen. Denn
Noth kennt kein Gebot. Bald aber war auch dieses Brod nicht mehr zu
erschwingen, und die Familie mußte sich durch ein Gebäck aus Hafer und
allen möglichen anderen halb oder ganz ungenießbaren Dingen vor dem
Hungertode zu schützen suchen. Es gab Leute genug, die Robert deutlich
zu verstehen gaben, er solle sich auf's Betteln legen. Aber dagegen
bäumte sich der ganze Stolz seiner edlen Natur. Er hungerte, aber er
bettelte nicht. Als dagegen die Noth zu Weihnachten 1816 auf's Höchste
gestiegen war und das frohe Fest herannahte, freudlos und gramvoll wie
die anderen Tage, da leuchtete ein anderer Gedanke in dem Haupte des
gesunden Buben auf. Er eilte zu einem alten, wohlhabenden, geizigen
Großonkel, einem der sieben Söhne des Johann Blum, mit dem wir die
Genealogie des Hauses eröffneten, erschien hier mit rothgefrorenen
Backen und blitzenden Augen und begann ungefragt dem biedern Onkel
mit der ganzen überzeugenden Kraft, der echten Gottesgabe der Rede,
die er in sich trug, die Drangsal und Noth der Seinen ergreifend zu
schildern. Der alte Geizhals that, was er seit Langem nicht gethan:
er vergoß einige Zähren des Mitleids. Er that aber noch ein Uebriges,
was Robert sehr viel werthvoller war: er beschenkte Robert mit einem
Sack Erbsen und Kartoffeln, einem Stück geräucherten Fleisches und
sechs Stübern. Außer sich vor Freude, keuchend unter der schweren
Bürde, flog der Knabe athemlos die Straßen entlang, seiner Wohnung zu.
Da stolperte er, stürzte hin, Erbsen und Kartoffeln rollten über das
Pflaster; doch Robert las sie bis auf die letzte zusammen und trat mit
den völlig unerwarteten reichen Gaben unter die Seinen, mit Jubel und
hoher Festfreude aller Herzen erfüllend.
Keinen Stachel und keinen Schatten von Verbitterung hat diese überaus
trübe Kindheit, welcher ebenso peinvolle Lehrjahre folgten, in Robert's
Herzen zurückgelassen. Er hat daraus nur eine eiserne Charakterstärke
und Willenskraft gewonnen, eine Aufopferungsfähigkeit, die keine
Grenzen kannte, wenn das Gebot der Liebe sie ihm zur Pflicht machte.