Anhang. #364#

Methodenlehre der teleologischen Urtheilskraft.

§ 79.

Ob die Teleologie als zur Naturlehre gehörend abgehandelt werden müsse.

|416.5|

Eine jede Wissenschaft muß in der Encyklopädie aller Wissenschaften

ihre bestimmte Stelle haben. Ist es eine philosophische Wissenschaft,

so muß ihr ihre Stelle in dem theoretischen oder praktischen Theil

derselben und, hat sie ihren Platz im ersteren, entweder in der

Naturlehre, so fern sie das, was Gegenstand der Erfahrung sein

kann, erwägt (folglich der |416.10| Körperlehre, der Seelenlehre

und allgemeinen Weltwissenschaft), oder in der Gotteslehre (von dem

Urgrunde der Welt als Inbegriff aller Gegenstände der Erfahrung)

angewiesen werden.

Nun fragt sich: Welche Stelle gebührt der Teleologie? Gehört sie

zur (eigentlich sogenannten) Naturwissenschaft, oder zur Theologie?

Eins |416.15| von beiden muß sein; denn zum Übergange aus einer in

die andere kann gar keine Wissenschaft gehören, weil dieser nur

die Articulation oder Organisation des Systems und keinen Platz in

demselben bedeutet.

Daß sie in die Theologie als ein Theil derselben nicht gehöre, obgleich

#365# in derselben von ihr der wichtigste Gebrauch gemacht werden

kann, ist für |416.20| sich selbst klar. Denn sie hat Naturerzeugungen

und die Ursache derselben zu ihrem Gegenstande; und ob sie gleich

auf die letztere, als einen außer und über die Natur belegenen Grund

(göttlichen Urheber) hinausweiset, so thut sie dieses doch nicht für

die bestimmende, sondern nur (um die Beurtheilung der Dinge in der Welt

durch eine solche Idee dem |416.25| menschlichen Verstande angemessen

als regulatives Princip zu leiten) bloß für die reflectirende

Urtheilskraft in der Naturbetrachtung.

Eben so wenig scheint sie aber auch in die Naturwissenschaft zu

gehören, welche bestimmender und nicht bloß reflectirender Principien

bedarf, um von Naturwirkungen objective Gründe anzugeben. In der That

ist auch für die Theorie der Natur, oder die mechanische Erklärung

der Phänomene derselben durch ihre wirkenden Ursachen dadurch nichts

gewonnen, |417.5| daß man sie nach dem Verhältnisse der Zwecke zu

einander betrachtet. Die Aufstellung der Zwecke der Natur an ihren

Producten, so fern sie ein System nach teleologischen Begriffen

ausmachen, ist eigentlich nur zur Naturbeschreibung gehörig, welche

nach einem besondern Leitfaden abgefaßt ist: wo die Vernunft zwar

ein herrliches unterrichtendes |417.10| und praktisch in mancherlei

Absicht zweckmäßiges Geschäft verrichtet, aber über das Entstehen und

die innere Möglichkeit dieser Formen gar keinen #366# Aufschluß giebt,

worum es doch der theoretischen Naturwissenschaft eigentlich zu thun

ist.

Die Teleologie als Wissenschaft gehört also zu gar keiner

Doctrin, |417.15| sondern nur zur Kritik und zwar eines besondern

Erkenntnißvermögens, nämlich der Urtheilskraft. Aber so fern sie

Principien _a priori_ enthält, kann und muß sie die Methode, wie über

die Natur nach dem Princip der Endursachen geurtheilt werden müsse,

angeben; und so hat ihre Methodenlehre wenigstens negativen Einfluß auf

das Verfahren in der theoretischen |417.20| Naturwissenschaft und auch

auf das Verhältniß, welches diese in der Metaphysik zur Theologie als

Propädeutik derselben haben kann.

§ 80.

Von der nothwendigen Unterordnung des Princips des Mechanisms unter dem

teleologischen in Erklärung eines |417.25| Dinges als Naturzwecks.

Die =Befugniß= auf eine bloß mechanische Erklärungsart aller

Naturproducte =auszugehen= ist an sich ganz unbeschränkt; aber das

=Vermögen= damit allein =auszulangen= ist nach der Beschaffenheit

unseres Verstandes, sofern er es mit Dingen als Naturzwecken zu thun

hat, nicht |417.30| allein sehr beschränkt, sondern auch deutlich

begränzt: nämlich so, daß #367# nach einem Princip der Urtheilskraft

durch das erstere Verfahren allein zur Erklärung der letzeren gar

nichts ausgerichtet werden könne, mithin die Beurtheilung solcher

Producte jederzeit von uns zugleich einem teleologischen Princip

untergeordnet werden müsse. |417.35|

Es ist daher vernünftig, ja verdienstlich, dem Naturmechanism zum

Behuf einer Erklärung der Naturproducte soweit nachzugehen, als es

mit Wahrscheinlichkeit geschehen kann, ja diesen Versuch nicht darum

aufzugeben, weil es =an sich= unmöglich sei auf seinem Wege mit der

Zweckmäßigkeit der Natur zusammenzutreffen, sondern nur darum, weil

es =für |418.5| uns= als Menschen unmöglich ist; indem dazu eine

andere als sinnliche Anschauung und ein bestimmtes Erkenntniß des

intelligibelen Substrats der Natur, woraus selbst von dem Mechanism

der Erscheinungen nach besondern Gesetzen Grund angegeben werden

könne, erforderlich sein würde, welches alles unser Vermögen gänzlich

übersteigt. |418.10|

Damit also der Naturforscher nicht auf reinen Verlust arbeite, so

muß er in Beurtheilung der Dinge, deren Begriff als Naturzwecke

unbezweifelt gegründet ist (organisirter Wesen), immer irgend eine

ursprüngliche Organisation zum Grunde legen, welche jenen Mechanism

selbst benutzt, um andere organisirte Formen hervorzubringen, oder die

seinige |418.15| zu neuen Gestalten (die doch aber immer aus jenem

Zwecke und ihm gemäß #368# erfolgen) zu entwickeln.

Es ist rühmlich, vermittelst einer comparativen Anatomie die große

Schöpfung organisirter Naturen durchzugehen, um zu sehen: ob sich daran

nicht etwas einem System Ähnliches und zwar dem Erzeugungsprincip

|418.20| nach vorfinde; ohne daß wir nöthig haben, beim bloßen

Beurtheilungsprincip (welches für die Einsicht ihrer Erzeugung keinen

Aufschluß giebt) stehen zu bleiben und muthlos allen Anspruch auf

=Natureinsicht= in diesem Felde aufzugeben. Die Übereinkunft so vieler

Thiergattungen in einem gewissen gemeinsamen Schema, das nicht allein

in ihrem Knochenbau, |418.25| sondern auch in der Anordnung der

übrigen Theile zum Grunde zu liegen scheint, wo bewundrungswürdige

Einfalt des Grundrisses durch Verkürzung einer und Verlängerung

anderer, durch Einwickelung dieser und Auswickelung jener Theile eine

so große Mannigfaltigkeit von Species hat hervorbringen können, läßt

einen obgleich schwachen Strahl |418.30| von Hoffnung in das Gemüth

fallen, daß hier wohl etwas mit dem Princip des Mechanismus der

Natur, ohne welches es überhaupt keine Naturwissenschaft geben kann,

auszurichten sein möchte. Diese Analogie der Formen, sofern sie bei

aller Verschiedenheit einem gemeinschaftlichen Urbilde gemäß erzeugt

zu sein scheinen, verstärkt die Vermuthung einer |418.35| wirklichen

Verwandtschaft derselben in der Erzeugung von einer gemeinschaftlichen

Urmutter durch die stufenartige Annäherung einer Thiergattung #369#

zur andern, von derjenigen an, in welcher das Princip der Zwecke

am meisten bewährt zu sein scheint, nämlich dem Menschen, bis zum

Polyp, von diesem sogar bis zu Moosen und Flechten und endlich zu der

niedrigsten uns merklichen Stufe der Natur, zur rohen Materie: aus

welcher und ihren Kräften nach mechanischen Gesetzen (gleich denen,

wornach |419.5| sie in Krystallerzeugungen wirkt) die ganze Technik

der Natur, die uns in organisirten Wesen so unbegreiflich ist, daß wir

uns dazu ein anderes Princip zu denken genöthigt glauben, abzustammen

scheint.

Hier steht es nun dem =Archäologen= der Natur frei, aus den

übriggebliebenen Spuren ihrer ältesten Revolutionen nach allem ihm

bekannten |419.10| oder gemuthmaßten Mechanism derselben jene große

Familie von Geschöpfen (denn so müßte man sie sich vorstellen, wenn

die genannte durchgängig zusammenhängende Verwandtschaft einen Grund

haben soll) entspringen zu lassen. Er kann den Mutterschooß der Erde,

die eben aus ihrem chaotischen Zustande herausging (gleichsam als ein

großes Thier), |419.15| anfänglich Geschöpfe von minder-zweckmäßiger

Form, diese wiederum andere, welche angemessener ihrem Zeugungsplatze

und ihrem Verhältnisse unter einander sich ausbildeten, gebären lassen;

bis diese Gebärmutter selbst, erstarrt, sich verknöchert, ihre Geburten

auf bestimmte, fernerhin nicht ausartende Species eingeschränkt hätte,

und die Mannigfaltigkeit so |419.20| #370# bliebe, wie sie am Ende

der Operation jener fruchtbaren Bildungskraft ausgefallen war. —

Allein er muß gleichwohl zu dem Ende dieser allgemeinen Mutter eine

auf alle diese Geschöpfe zweckmäßig gestellte Organisation beilegen,

widrigenfalls die Zweckform der Producte des Thier- und Pflanzenreichs

ihrer Möglichkeit nach gar nicht zu denken ist.[29] Alsdann |419.25|

aber hat er den Erklärungsgrund nur weiter aufgeschoben und kann sich

nicht anmaßen, die Erzeugung jener zwei Reiche von der Bedingung der

#371# Endursachen unabhängig gemacht zu haben.

[29] Eine Hypothese von solcher Art kann man ein gewagtes

Abenteuer der Vernunft nennen; und es mögen wenige selbst

von den scharfsinnigsten Naturforschern sein, denen es nicht

bisweilen durch den Kopf gegangen wäre. Denn ungereimt ist

es eben nicht, wie die _generatio aequivoca_, worunter man

die Erzeugung eines organisirten Wesens durch die Mechanik

der rohen unorganisirten Materie versteht. Sie |419.30|

wäre immer noch _generatio univoca_ in der allgemeinsten

Bedeutung des Worts, sofern nur etwas Organisches aus einem

andern Organischen, obzwar unter dieser Art Wesen specifisch

von ihm Unterschiedenen, erzeugt würde; z. B. wenn gewisse

Wasserthiere sich nach und nach zu Sumpfthieren und aus diesen

nach einigen Zeugungen zu Landthieren ausbildeten. _A priori_,

im Urtheile der bloßen Vernunft, |419.35| widerstreitet sich

das nicht. Allein die Erfahrung zeigt davon kein Beispiel,

nach der vielmehr alle Zeugung, die wir kennen, _generatio

homonyma_ ist, nicht bloß _univoca_ im Gegensatz mit der

Zeugung aus unorganisirtem Stoffe, sondern auch ein in

der Organisation selbst mit dem Erzeugenden gleichartiges

Product hervorbringt, und die _generatio heteronyma_, so weit

unsere Erfahrungskenntniß der Natur |420.35| reicht, nirgend

angetroffen wird.

Selbst, was die Veränderung betrifft, welcher gewisse Individuen der

organisirten Gattungen zufälligerweise unterworfen werden, wenn man

|420.5| findet, daß ihr so abgeänderter Charakter erblich und in die

Zeugungskraft aufgenommen wird, so kann sie nicht füglich anders denn

als gelegentliche Entwickelung einer in der Species ursprünglich

vorhandenen zweckmäßigen Anlage zur Selbsterhaltung der Art beurtheilt

werden: weil das Zeugen seines gleichen bei der durchgängigen innern

Zweckmäßigkeit |420.10| eines organisirten Wesens mit der Bedingung

nichts in die Zeugungskraft aufzunehmen, was nicht auch in einem

solchen System von Zwecken zu einer der unentwickelten ursprünglichen

Anlagen gehört, so nahe verbunden ist. Denn wenn man von diesem Princip

abgeht, so kann man mit Sicherheit nicht wissen, ob nicht mehrere

Stücke der jetzt |420.15| an einer Species anzutreffenden Form eben

so zufälligen zwecklosen Ursprungs sein mögen; und das Princip der

Teleologie: in einem organisirten Wesen nichts von dem, was sich in der

Fortpflanzung desselben erhält, als unzweckmäßig zu beurtheilen, müßte

dadurch in der Anwendung sehr unzuverlässig werden und lediglich für

den Urstamm (den wir aber |420.20| nicht mehr kennen) gültig sein.

=Hume= macht wider diejenigen, welche für alle solche Naturzwecke

#372# ein teleologisches Princip der Beurtheilung, d. i. einen

architektonischen Verstand, anzunehmen nöthig finden, die Einwendung:

daß man mit eben dem Rechte fragen könnte, wie denn ein solcher

Verstand möglich sei, |420.25| d. i. wie die mancherlei Vermögen und

Eigenschaften, welche die Möglichkeit eines Verstandes, der zugleich

ausführende Macht hat, ausmachen, sich so zweckmäßig in einem Wesen

haben zusammen finden können. Allein dieser Einwurf ist nichtig. Denn

die ganze Schwierigkeit, welche die Frage wegen der ersten Erzeugung

eines in sich selbst Zwecke enthaltenden |420.30| und durch sie allein

begreiflichen Dinges umgiebt, beruht auf der Nachfrage nach Einheit

des Grundes der Verbindung des Mannigfaltigen =außer einander= in

diesem Producte; da denn, wenn dieser Grund in dem Verstande einer

hervorbringenden Ursache als einfacher Substanz gesetzt wird, jene

Frage, sofern sie teleologisch ist, hinreichend beantwortet wird,

wenn aber die Ursache bloß in der Materie, als einem Aggregat vieler

Substanzen außer einander, gesucht wird, die Einheit des Princips

für die innerlich zweckmäßige Form ihrer Bildung gänzlich ermangelt;

|421.5| und die =Autokratie= der Materie in Erzeugungen, welche von

unserm Verstande nur als Zwecke begriffen werden können, ist ein Wort

ohne Bedeutung.

Daher kommt es, daß diejenigen, welche für die objectiv-zweckmäßigen

Formen der Materie einen obersten Grund der Möglichkeit derselben

|421.10| #373# suchen, ohne ihm eben einen Verstand zuzugestehen,

das Weltganze doch gern zu einer einigen, allbefassenden Substanz

(Pantheism), oder (welches nur eine bestimmtere Erklärung des vorigen

ist) zu einem Inbegriffe vieler einer einigen =einfachen Substanz=

inhärirenden Bestimmungen (Spinozism) machen, bloß um jene Bedingung

aller Zweckmäßigkeit, die |421.15| =Einheit= des Grundes, heraus zu

bekommen; wobei sie zwar =einer= Bedingung der Aufgabe, nämlich der

Einheit in der Zweckbeziehung, vermittelst des bloß ontologischen

Begriffs einer einfachen Substanz ein Genüge thun, aber für die

=andere= Bedingung, nämlich das Verhältniß derselben zu ihrer Folge

als =Zweck=, wodurch jener ontologische Grund |421.20| für die Frage

näher bestimmt werden soll, nichts anführen, mithin =die ganze=

Frage keinesweges beantworten. Auch bleibt sie schlechterdings

unbeantwortlich (für unsere Vernunft), wenn wir jenen Urgrund der

Dinge nicht als einfache =Substanz= und dieser ihre Eigenschaft zu der

specifischen Beschaffenheit der auf sie sich gründenden Naturformen,

|421.25| nämlich der Zweckeinheit, nicht als die einer intelligenten

Substanz, das Verhältniß aber derselben zu den letzteren (wegen der

Zufälligkeit, die wir an allem finden, was wir uns nur als Zweck

möglich denken) nicht als das Verhältniß einer =Causalität= uns

vorstellen.

§ 81. |421.30| #374#

Von der Beigesellung des Mechanismus zum teleologischen Princip in der

Erklärung eines Naturzwecks als Naturproducts.

Gleich wie der Mechanism der Natur nach dem vorhergehenden § allein

nicht zulangen kann, um sich die Möglichkeit eines organisirten

|421.35| Wesens darnach zu denken, sondern (wenigstens nach der

Beschaffenheit unsers Erkenntnißvermögens) einer absichtlich wirkenden

Ursache ursprünglich untergeordnet werden muß: so langt eben so wenig

der bloße teleologische Grund eines solchen Wesens hin, es zugleich als

ein Product der Natur zu betrachten und zu beurtheilen, wenn nicht der

Mechanism |422.5| der letzteren dem ersteren beigesellt wird, gleichsam

als das Werkzeug einer absichtlich wirkenden Ursache, deren Zwecke die

Natur in ihren mechanischen Gesetzen gleichwohl untergeordnet ist. Die

Möglichkeit einer solchen Vereinigung zweier ganz verschiedener Arten

von Causalität, der Natur in ihrer allgemeinen Gesetzmäßigkeit mit

einer Idee, welche jene auf eine |422.10| besondere Form einschränkt,

wozu sie für sich gar keinen Grund enthält, begreift unsere Vernunft

nicht; sie liegt im übersinnlichen Substrat der Natur, wovon wir

nichts bejahend bestimmen können, als daß es das Wesen an sich sei,

von welchem wir bloß die Erscheinung kennen. Aber das Princip: alles,

was wir als zu dieser Natur (_Phaenomenon_) gehörig |422.15| #375# und

als Product derselben annehmen, auch nach mechanischen Gesetzen mit

ihr verknüpft denken zu müssen, bleibt nichts desto weniger in seiner

Kraft: weil ohne diese Art von Causalität organisirte Wesen, als Zwecke

der Natur, doch keine Naturproducte sein würden.

Wenn nun das teleologische Princip der Erzeugung dieser Wesen

angenommen |422.20| wird (wie es denn nicht anders sein kann): so

kann man entweder den =Occasionalism=, oder den =Prästabilism= der

Ursache ihrer innerlich zweckmäßigen Form zum Grunde legen. Nach

dem ersteren würde die oberste Weltursache ihrer Idee gemäß bei

Gelegenheit einer jeden Begattung der in derselben sich mischenden

Materie unmittelbar die |422.25| organische Bildung geben; nach dem

zweiten würde sie in die anfänglichen Producte dieser ihrer Weisheit

nur die Anlage gebracht haben, vermittelst deren ein organisches Wesen

seines Gleichen hervorbringt und die Species sich selbst beständig

erhält, imgleichen der Abgang der Individuen durch ihre zugleich an

ihrer Zerstörung arbeitende Natur continuirlich ersetzt |422.30| wird.

Wenn man den Occasionalism der Hervorbringung organisirter Wesen

annimmt, so geht alle Natur hiebei gänzlich verloren, mit ihr auch

aller Vernunftgebrauch, über die Möglichkeit einer solchen Art Producte

zu urtheilen; daher man voraussetzen kann, daß niemand dieses System

annehmen wird, dem es irgend um Philosophie zu thun ist. |422.35|

Der =Prästabilism= kann nun wiederum auf zwiefache Art verfahren.

#376# Er betrachtet nämlich ein jedes von seines Gleichen gezeugte

organische Wesen entweder als das =Educt=, oder als das =Product= des

ersteren. Das System der Zeugungen als bloßer Educte heißt das der

=individuellen Präformation=, oder auch die =Evolutionstheorie=; das

der Zeugungen als Producte wird das System der =Epigenesis= genannt.

Dieses letztere kann auch System =der generischen Präformation= genannt

|423.5| werden: weil das productive Vermögen der Zeugenden doch nach

den inneren zweckmäßigen Anlagen, die ihrem Stamme zu Theil wurden,

also die specifische Form _virtualiter_ präformirt war. Diesem gemäß

würde man die entgegenstehende Theorie der individuellen Präformation

auch besser =Involutionstheorie= (oder die der Einschachtelung) nennen

|423.10| können.

Die Verfechter der =Evolutionstheorie=, welche jedes Individuum von

der bildenden Kraft der Natur ausnehmen, um es unmittelbar aus der

Hand des Schöpfers kommen zu lassen, wollten es also doch nicht wagen,

dieses nach der Hypothese des Occasionalisms geschehen zu lassen,

|423.15| so daß die Begattung eine bloße Formalität wäre, unter der

eine oberste verständige Weltursache beschlossen hätte, jedesmal

eine Frucht mit unmittelbarer Hand zu bilden und der Mutter nur die

Auswickelung und Ernährung derselben zu überlassen. Sie erklärten

sich für die Präformation; #377# gleich als wenn es nicht einerlei

wäre, übernatürlicher Weise im |423.20| Anfange oder im Fortlaufe der

Welt dergleichen Formen entstehen zu lassen, und nicht vielmehr eine

große Menge übernatürlicher Anstalten durch gelegentliche Schöpfung

erspart würde, welche erforderlich wären, damit der im Anfange der Welt

gebildete Embryo die lange Zeit hindurch bis zu seiner Entwickelung

nicht von den zerstörenden Kräften der Natur |423.25| litte und sich

unverletzt erhielte, imgleichen eine unermeßlich größere Zahl solcher

vorgebildeten Wesen, als jemals entwickelt werden sollten, und mit

ihnen eben so viel Schöpfungen dadurch unnöthig und zwecklos gemacht

würden. Allein sie wollten doch wenigstens etwas hierin der Natur

überlassen, um nicht gar in völlige Hyperphysik zu gerathen, die

aller Naturerklärung |423.30| entbehren kann. Sie hielten zwar noch

fest an ihrer Hyperphysik, selbst da sie an Mißgeburten (die man doch

unmöglich für Zwecke der Natur halten kann) eine bewunderungswürdige

Zweckmäßigkeit fanden, sollte sie auch nur darauf abgezielt sein, daß

ein Anatomiker einmal daran, als einer zwecklosen Zweckmäßigkeit,

Anstoß nehmen und niederschlagende |423.35| Bewunderung fühlen sollte.

Aber die Erzeugung der Bastarte konnten sie schlechterdings nicht in

das System der Präformation hineinpassen, sondern mußten dem Samen

der männlichen Geschöpfe, dem sie übrigens nichts als die mechanische

Eigenschaft, zum ersten Nahrungsmittel des Embryo zu dienen,

zugestanden hatten, doch noch obenein eine #378# zweckmäßig bildende

Kraft zugestehen: welche sie doch in Ansehung des ganzen Products einer

Erzeugung von zwei Geschöpfen derselben Gattung |424.5| keinem von

beiden einräumen wollten.

Wenn man dagegen an dem Vertheidiger der =Epigenesis= den großen

Vorzug, den er in Ansehung der Erfahrungsgründe zum Beweise seiner

Theorie vor dem ersteren hat, gleich nicht kennte: so würde die

Vernunft doch schon zum Voraus für seine Erklärungsart mit vorzüglicher

|424.10| Gunst eingenommen sein, weil sie die Natur in Ansehung

der Dinge, welche man ursprünglich nur nach der Causalität der

Zwecke sich als möglich vorstellen kann, doch wenigstens, was die

Fortpflanzung betrifft, als selbst hervorbringend, nicht bloß als

entwickelnd betrachtet und so doch mit dem kleinst-möglichen Aufwande

des Übernatürlichen alles Folgende |424.15| vom ersten Anfange an der

Natur überläßt (ohne aber über diesen ersten Anfang, an dem die Physik

überhaupt scheitert, sie mag es mit einer Kette der Ursachen versuchen,

mit welcher sie wolle, etwas zu bestimmen).

In Ansehung dieser Theorie der Epigenesis hat niemand mehr sowohl

zum Beweise derselben, als auch zur Gründung der ächten Principien

|424.20| ihrer Anwendung zum Theil durch die Beschränkung eines zu

vermessenen Gebrauchs derselben geleistet, als Herr Hofr. =Blumenbach=.

Von organisirter Materie hebt er alle physische Erklärungsart dieser

Bildungen #379# an. Denn daß rohe Materie sich nach mechanischen

Gesetzen ursprünglich selbst gebildet habe, daß aus der Natur des

Leblosen Leben |424.25| habe entspringen und Materie in die Form einer

sich selbst erhaltenden Zweckmäßigkeit sich von selbst habe fügen

können, erklärt er mit Recht für vernunftwidrig; läßt aber zugleich

dem Naturmechanism unter diesem uns unerforschlichen =Princip= einer

ursprünglichen =Organisation= einen unbestimmbaren, zugleich doch auch

unverkennbaren Antheil, wozu das |424.30| Vermögen der Materie (zum

Unterschiede von der ihr allgemein beiwohnenden bloß mechanischen

=Bildungskraft=) von ihm in einem organisirten Körper ein (gleichsam

unter der höheren Leitung und Anweisung der ersteren stehender)

=Bildungstrieb= genannt wird.

§ 82.

Von dem teleologischen System in den äußern Verhältnissen organisirter

Wesen.

Unter der äußern Zweckmäßigkeit verstehe ich diejenige, da ein Ding

der Natur einem andern als Mittel zum Zwecke dient. Nun können

Dinge, |425.5| die keine innere Zweckmäßigkeit haben, oder zu ihrer

Möglichkeit voraussetzen, z. B. Erden, Luft, Wasser u. s. w.,

gleichwohl äußerlich, d. i. im Verhältniß auf andere Wesen, sehr

zweckmäßig sein; aber diese müssen #380# jederzeit organisirte Wesen,

d. i. Naturzwecke, sein, denn sonst könnten jene auch nicht als Mittel

beurtheilt werden. So können Wasser, Luft |425.10| und Erden nicht als

Mittel zu Anhäufung von Gebirgen angesehen werden, weil diese an sich

gar nichts enthalten, was einen Grund ihrer Möglichkeit nach Zwecken

erforderte, worauf in Beziehung also ihre Ursache niemals unter dem

Prädicate eines Mittels (das dazu nützte) vorgestellt werden kann.

|425.15|

Die äußere Zweckmäßigkeit ist ein ganz anderer Begriff, als der

Begriff der inneren, welche mit der Möglichkeit eines Gegenstandes,

unangesehen ob seine Wirklichkeit selbst Zweck sei oder nicht,

verbunden ist. Man kann von einem organisirten Wesen noch fragen: Wozu

ist es da? aber nicht leicht von Dingen, an denen man bloß die Wirkung

vom Mechanism |425.20| der Natur erkennt. Denn in jenen stellen wir

uns schon eine Causalität nach Zwecken zu ihrer inneren Möglichkeit,

einen schaffenden Verstand, vor und beziehen dieses thätige Vermögen

auf den Bestimmungsgrund desselben, die Absicht. Es giebt nur eine

einzige äußere Zweckmäßigkeit, die mit der innern der Organisation

zusammenhängt |425.25| und, ohne daß die Frage sein darf, zu welchem

Ende dieses so organisirte Wesen eben habe existiren müssen, dennoch

im äußeren Verhältniß eines Mittels zum Zwecke dient. Dieses ist die

Organisation beiderlei Geschlechts #381# in Beziehung auf einander

zur Fortpflanzung ihrer Art; denn hier kann man immer noch eben so

wie bei einem Individuum fragen: |425.30| Warum mußte ein solches

Paar existiren? Die Antwort ist: Dieses hier macht allererst ein

=organisirendes= Ganze aus, obzwar nicht ein organisirtes in einem

einzigen Körper.

Wenn man nun fragt, wozu ein Ding da ist, so ist die Antwort entweder:

Sein Dasein und seine Erzeugung hat gar keine Beziehung auf |425.35|

eine nach Absichten wirkende Ursache, und alsdann versteht man immer

einen Ursprung derselben aus dem Mechanism der Natur; oder: Es ist

irgend ein absichtlicher Grund seines Daseins (als eines zufälligen

Naturwesens), und diesen Gedanken kann man schwerlich von dem Begriffe

eines organisirten Dinges trennen: weil, da wir einmal seiner innern

Möglichkeit eine Causalität der Endursachen und eine Idee, die dieser

|426.5| zum Grunde liegt, unterlegen müssen, wir auch die Existenz

dieses Productes nicht anders denn als Zweck denken können. Denn die

vorgestellte Wirkung, deren Vorstellung zugleich der Bestimmungsgrund

der verständigen wirkenden Ursache zu ihrer Hervorbringung ist, heißt

=Zweck=. In diesem Falle also kann man entweder sagen: Der Zweck der

Existenz eines |426.10| solchen Naturwesens ist in ihm selbst, d. i.

es ist nicht bloß Zweck, sondern auch =Endzweck=; oder: Dieser ist

außer ihm in anderen Naturwesen, d. i. es existirt zweckmäßig nicht als

Endzweck, sondern nothwendig zugleich #382# als Mittel.

Wenn wir aber die ganze Natur durchgehen, so finden wir in ihr als

|426.15| Natur kein Wesen, welches auf den Vorzug, Endzweck der

Schöpfung zu sein, Anspruch machen könnte; und man kann sogar _a

priori_ beweisen: daß dasjenige, was etwa noch für die Natur ein

=letzter Zweck= sein könnte, nach allen erdenklichen Bestimmungen

und Eigenschaften, womit man es ausrüsten möchte, doch als Naturding

niemals ein =Endzweck= |426.20| sein könne.

Wenn man das Gewächsreich ansieht, so könnte man anfänglich durch die

unermeßliche Fruchtbarkeit, durch welche es sich beinahe über jeden

Boden verbreitet, auf den Gedanken gebracht werden, es für ein bloßes

Product des Mechanisms der Natur, welchen sie in den Bildungen |426.25|

des Mineralreichs zeigt, zu halten. Eine nähere Kenntniß aber der

unbeschreiblich weisen Organisation in demselben läßt uns an diesem

Gedanken nicht haften, sondern veranlaßt die Frage: Wozu sind diese

Geschöpfe da? Wenn man sich antwortet: Für das Thierreich, welches

dadurch genährt wird, damit es sich in so mannigfaltigen Gattungen über

|426.30| die Erde habe verbreiten können, so kommt die Frage wieder:

Wozu sind denn diese pflanzen-verzehrenden Thiere da? Die Antwort würde

etwa sein: Für die Raubthiere, die sich nur von dem nähren können,

was Leben #383# hat. Endlich ist die Frage: Wozu sind diese sammt

den vorigen Naturreichen gut? Für den Menschen zu dem mannigfaltigen

Gebrauche, den |426.35| ihn sein Verstand von allen jenen Geschöpfen

machen lehrt; und er ist der letzte Zweck der Schöpfung hier auf

Erden, weil er das einzige Wesen auf derselben ist, welches sich

einen Begriff von Zwecken machen und aus einem Aggregat von zweckmäßig

gebildeten Dingen durch seine Vernunft ein System der Zwecke machen

kann.

Man könnte auch mit dem Ritter Linné den dem Scheine nach umgekehrten

Weg gehen und sagen: Die gewächsfressenden Thiere sind da, |427.5|

um den üppigen Wuchs des Pflanzenreichs, wodurch viele Species

derselben erstickt werden würden, zu mäßigen; die Raubthiere, um der

Gefräßigkeit jener Gränzen zu setzen; endlich der Mensch, damit, indem

er diese verfolgt und vermindert, ein gewisses Gleichgewicht unter

den hervorbringenden und den zerstörenden Kräften der Natur gestiftet

werde. |427.10| Und so würde der Mensch, so sehr er auch in gewisser

Beziehung als Zweck gewürdigt sein möchte, doch in anderer wiederum nur

den Rang eines Mittels haben.

Wenn man sich eine objective Zweckmäßigkeit in der Mannigfaltigkeit der

Gattungen der Erdgeschöpfe und ihrem äußern Verhältnisse zu |427.15|

einander; als zweckmäßig construirter Wesen, zum Princip macht: so

ist es der Vernunft gemäß, sich in diesem Verhältnisse wiederum

eine gewisse #384# Organisation und ein System aller Naturreiche

nach Endursachen zu denken. Allein hier scheint die Erfahrung der

Vernunftmaxime laut zu widersprechen, vornehmlich was einen letzten

Zweck der Natur betrifft, der doch |427.20| zu der Möglichkeit eines

solchen Systems erforderlich ist, und den wir nirgend anders als im

Menschen setzen können: da vielmehr in Ansehung dieses, als einer der

vielen Thiergattungen, die Natur so wenig von den zerstörenden als

erzeugenden Kräften die mindeste Ausnahme gemacht hat, alles einem

Mechanism derselben ohne einen Zweck zu unterwerfen. |427.25|

Das erste, was in einer Anordnung zu einem zweckmäßigen Ganzen der

Naturwesen auf der Erde absichtlich eingerichtet sein müßte, würde

wohl ihr Wohnplatz, der Boden und das Element sein, auf und in welchem

sie ihr Fortkommen haben sollten. Allein eine genauere Kenntniß der

Beschaffenheit dieser Grundlage aller organischen Erzeugung giebt

|427.30| auf keine anderen als ganz unabsichtlich wirkende, ja eher

noch verwüstende, als Erzeugung, Ordnung und Zwecke begünstigende

Ursachen Anzeige. Land und Meer enthalten nicht allein Denkmäler von

alten mächtigen Verwüstungen, die sie und alle Geschöpfe auf und in

demselben betroffen haben, in sich; sondern ihr ganzes Bauwerk, die

Erdlager des einen und |427.35| die Gränzen des andern haben gänzlich

das Ansehen des Products wilder, allgewaltiger Kräfte einer im

chaotischen Zustande arbeitenden Natur. So zweckmäßig auch jetzt die

Gestalt, das Bauwerk und der Abhang der #385# Länder für die Aufnahme

der Gewässer aus der Luft, für die Quelladern zwischen Erdschichten

von mannigfaltiger Art (für mancherlei Producte) und den Lauf der

Ströme angeordnet zu sein scheinen mögen: so beweiset doch eine nähere

Untersuchung derselben, daß sie bloß als die Wirkung |428.5| theils

feuriger, theils wässeriger Eruptionen, oder auch Empörungen des Oceans

zu Stande gekommen sind; sowohl was die erste Erzeugung dieser Gestalt,

als vornehmlich die nachmalige Umbildung derselben zugleich mit dem

Untergange ihrer ersten organischen Erzeugungen betrifft.[30] Wenn

nun der Wohnplatz, der Mutterboden (des Landes) und der Mutterschooß

|428.10| (des Meeres), für alle diese Geschöpfe auf keinen andern als

einen gänzlich unabsichtlichen Mechanism seiner Erzeugung Anzeige

giebt: wie und #386# mit welchem Recht können wir für diese letztern

Producte einen andern Ursprung verlangen und behaupten? Wenn gleich der

Mensch, wie die genaueste Prüfung der Überreste jener Naturverwüstungen

(nach Camper's |428.15| Urtheile) zu beweisen scheint, in diesen

Revolutionen nicht mit begriffen war: so ist er doch von den

übrigen Erdgeschöpfen so abhängig, daß, wenn ein über die anderen

allgemeinwaltender Mechanism der Natur eingeräumt wird, er als darunter

mit begriffen angesehen werden muß; wenn ihn gleich sein Verstand

(großentheils wenigstens) unter ihren Verwüstungen |428.20| hat retten

können.

[30] Wenn der einmal angenommene Name =Naturgeschichte=

für Naturbeschreibung bleiben soll, so kann man das, was

die erstere buchstäblich anzeigt, nämlich eine Vorstellung

des ehemaligen, =alten= Zustandes der Erde, worüber man,

|428.30| wenn man gleich keine Gewißheit hoffen darf, doch

mit gutem Grunde Vermuthungen wagt, die =Archäologie= der

=Natur= im Gegensatz mit der Kunst nennen. Zu jener würden die

Petrefacten, so wie zu dieser die geschnittenen Steine u. s.

w. gehören. Denn da man doch wirklich an einer solchen (unter

dem Namen einer Theorie der Erde) beständig, wenn gleich wie

billig langsam arbeitet, so wäre dieser |428.35| Namen eben

nicht einer bloß eingebildeten Naturforschung gegeben, sondern

einer solchen, zu der die Natur selbst uns einladet und

auffordert.

Dieses Argument scheint aber mehr zu beweisen, als die Absicht

enthielt, wozu es aufgestellt war: nämlich nicht bloß, daß der Mensch

kein letzter Zweck der Natur und aus dem nämlichen Grunde das Aggregat

der organisirten Naturdinge auf der Erde nicht ein System von Zwecken

sein |428.25| könne; sondern daß gar die vorher für Naturzwecke

gehaltenen Naturproducte keinen andern Ursprung haben, als den

Mechanism der Natur.

Allein in der obigen Auflösung der Antinomie der Principien der

mechanischen und der teleologischen Erzeugungsart der organischen

Naturwesen haben wir gesehen: daß, da sie in Ansehung der nach ihren

besondern Gesetzen (zu deren systematischem Zusammenhange uns aber der

Schlüssel fehlt) bildenden Natur bloß Principien der reflectirenden

Urtheilskraft |429.5| #387# sind, die nämlich ihren Ursprung nicht an

sich bestimmen, sondern nur sagen, daß wir nach der Beschaffenheit

unseres Verstandes und unsrer Vernunft ihn in dieser Art Wesen

nicht anders als nach Endursachen denken können, die größtmögliche

Bestrebung, ja Kühnheit in Versuchen sie mechanisch zu erklären nicht

allein erlaubt ist, sondern wir auch |429.10| durch Vernunft dazu

aufgerufen sind, ungeachtet wir wissen, daß wir damit aus subjectiven

Gründen der besondern Art und Beschränkung unseres Verstandes (und

nicht etwa, weil der Mechanism der Erzeugung einem Ursprunge nach

Zwecken an sich widerspräche) niemals auslangen können; und daß endlich

in dem übersinnlichen Princip der Natur (sowohl außer |429.15| uns als

in uns) gar wohl die Vereinbarkeit beider Arten sich die Möglichkeit

der Natur vorzustellen liegen könne, indem die Vorstellungsart nach

Endursachen nur eine subjective Bedingung unseres Vernunftgebrauchs

sei, wenn sie die Beurtheilung der Gegenstände nicht bloß als

Erscheinungen angestellt wissen will, sondern diese Erscheinungen

selbst sammt ihren |429.20| Principien auf das übersinnliche Substrat

zu beziehen verlangt, um gewisse Gesetze der Einheit derselben möglich

zu finden, die sie sich nicht anders als durch Zwecke (wovon die

Vernunft auch solche hat, die übersinnlich sind) vorstellig machen kann.

§. 83 |429.25| #388#

Von dem letzten Zwecke der Natur als eines teleologischen Systems.

Wir haben im vorigen gezeigt, daß wir den Menschen nicht bloß wie alle

organisirte Wesen als Naturzweck, sondern auch hier auf Erden als

den =letzten= Zweck der Natur, in Beziehung auf welchen alle übrige

Naturdinge |429.30| ein System von Zwecken ausmachen, nach Grundsätzen

der Vernunft zwar nicht für die bestimmende, doch für die reflectirende

Urtheilskraft zu beurtheilen hinreichende Ursache haben. Wenn nun

dasjenige im Menschen selbst angetroffen werden muß, was als Zweck

durch seine Verknüpfung mit der Natur befördert werden soll: so muß

entweder der Zweck |429.35| von der Art sein, daß er selbst durch die

Natur in ihrer Wohlthätigkeit befriedigt werden kann; oder es ist die

Tauglichkeit und Geschicklichkeit zu allerlei Zwecken, wozu die Natur

(äußerlich und innerlich) von ihm gebraucht werden könne. Der erste

Zweck der Natur würde die =Glückseligkeit=, der zweite die =Cultur= des

Menschen sein. |430.5|

Der Begriff der Glückseligkeit ist nicht ein solcher, den der Mensch

etwa von seinen Instincten abstrahirt und so aus der Thierheit in

ihm selbst hernimmt; sondern ist eine bloße =Idee= eines Zustandes,

welcher er den letzteren unter bloß empirischen Bedingungen (welches

unmöglich ist) #389# adäquat machen will. Er entwirft sie sich selbst

und zwar auf so verschiedene |430.10| Art durch seinen mit der

Einbildungskraft und den Sinnen verwickelten Verstand; er ändert sogar

diesen so oft, daß die Natur, wenn sie auch seiner Willkür gänzlich

unterworfen wäre, doch schlechterdings kein bestimmtes allgemeines

und festes Gesetz annehmen könnte, um mit diesem schwankenden Begriff

und so mit dem Zweck, den jeder sich willkürlicher |430.15| Weise

vorsetzt, übereinzustimmen. Aber selbst wenn wir entweder diesen auf

das wahrhafte Naturbedürfniß, worin unsere Gattung durchgängig mit sich

übereinstimmt, herabsetzen, oder andererseits die Geschicklichkeit

sich eingebildete Zwecke zu verschaffen noch so hoch steigern wollten:

so würde doch, was der Mensch unter Glückseligkeit versteht, und was

in der |430.20| That sein eigener letzter Naturzweck (nicht Zweck

der Freiheit) ist, von ihm nie erreicht werden; denn seine Natur

ist nicht von der Art, irgendwo im Besitze und Genusse aufzuhören

und befriedigt zu werden. Andrerseits ist so weit gefehlt, daß die

Natur ihn zu ihrem besondern Liebling aufgenommen und vor allen

Thieren mit Wohltun begünstigt habe, daß sie |430.25| ihn vielmehr

in ihren verderblichen Wirkungen, in Pest, Hunger, Wassergefahr,

Frost, Anfall von andern großen und kleinen Thieren u. d. gl., eben

so wenig verschont, wie jedes andere Thier; noch mehr aber, daß das

Widersinnische der =Naturanlagen= in ihm ihn noch in selbstersonnene

Plagen und noch andere von seiner eigenen Gattung durch den Druck der

|430.30| #390# Herrschaft, die Barbarei der Kriege u. s. w. in solche

Noth versetzt und er selbst, so viel an ihm ist, an der Zerstörung

seiner eigenen Gattung arbeitet, daß selbst bei der wohlthätigsten

Natur außer uns der Zweck derselben, wenn er auf die Glückseligkeit

unserer Species gestellt wäre, in einem System derselben auf Erden

nicht erreicht werden würde, weil die |430.35| Natur in uns derselben

nicht empfänglich ist. Er ist also immer nur Glied in der Kette der

Naturzwecke: zwar Princip in Ansehung manches Zwecks, wozu die Natur

ihn in ihrer Anlage bestimmt zu haben scheint, indem er sich selbst

dazu macht; aber doch auch Mittel zur Erhaltung der Zweckmäßigkeit im

Mechanism der übrigen Glieder. Als das einzige Wesen auf Erden, welches

Verstand, mithin ein Vermögen hat, sich selbst willkürlich Zwecke zu

setzen, ist er zwar betitelter Herr der Natur und, |431.5| wenn man

diese als ein teleologisches System ansieht, seiner Bestimmung nach

der letzte Zweck der Natur; aber immer nur bedingt, nämlich daß er

es verstehe und den Willen habe, dieser und ihm selbst eine solche

Zweckbeziehung zu geben, die unabhängig von der Natur sich selbst

genug, mithin Endzweck sein könne, der aber in der Natur gar nicht

gesucht |431.10| werden muß.

Um aber auszufinden, worein wir am Menschen wenigstens jenen =letzten=

Zweck der Natur zu setzen haben, müssen wir dasjenige, was die #391#

Natur zu leisten vermag, um ihn zu dem vorzubereiten, was er selbst

thun muß, um Endzweck zu sein, heraussuchen und es von allen den

Zwecken |431.15| absondern, deren Möglichkeit auf Bedingungen beruht,

die man allein von der Natur erwarten darf. Von der letztern Art ist

die Glückseligkeit auf Erden, worunter der Inbegriff aller durch die

Natur außer und in dem Menschen möglichen Zwecke desselben verstanden

wird; das ist die Materie aller seiner Zwecke auf Erden, die, wenn

er sie zu seinem ganzen |431.20| Zwecke macht, ihn unfähig macht,

seiner eigenen Existenz einen Endzweck zu setzen und dazu zusammen zu

stimmen. Es bleibt also von allen seinen Zwecken in der Natur nur die

formale, subjective Bedingung, nämlich der Tauglichkeit: sich selbst

überhaupt Zwecke zu setzen und (unabhängig von der Natur in seiner

Zweckbestimmung) die Natur den Maximen seiner |431.25| freien Zwecke

überhaupt angemessen als Mittel zu gebrauchen, übrig, was die Natur in

Absicht auf den Endzweck, der außer ihr liegt, ausrichten und welches

also als ihr letzter Zweck angesehen werden kann. Die Hervorbringung

der Tauglichkeit eines vernünftigen Wesens zu beliebigen Zwecken

überhaupt (folglich in seiner Freiheit) ist die =Cultur=. Also kann

|431.30| nur die Cultur der letzte Zweck sein, den man der Natur in

Ansehung der Menschengattung beizulegen Ursache hat (nicht seine eigene

Glückseligkeit auf Erden, oder wohl gar bloß das vornehmste Werkzeug zu

sein, Ordnung #392# und Einhelligkeit in der vernunftlosen Natur außer

ihm zu stiften).

Aber nicht jede Cultur ist zu diesem letzten Zwecke der Natur

hinlänglich. |431.35| Die der =Geschicklichkeit= ist freilich die

vornehmste subjective Bedingung der Tauglichkeit zur Beförderung der

Zwecke überhaupt; aber doch nicht hinreichend den =Willen= in der

Bestimmung und Wahl seiner Zwecke zu befördern, welche doch zum ganzen

Umfange eine Tauglichkeit zu Zwecken wesentlich gehört. Die letztere

Bedingung der Tauglichkeit, welche man die Cultur der Zucht (Disciplin)

nennen könnte, ist negativ und besteht in der Befreiung des Willens von

dem Despotism der Begierden, |432.5| wodurch wir, an gewisse Naturdinge

geheftet, unfähig gemacht werden, selbst zu wählen, indem wir uns

die Triebe zu Fesseln dienen lassen, die uns die Natur nur statt

Leitfäden beigegeben hat, um die Bestimmung der Thierheit in uns nicht

zu vernachlässigen, oder gar zu verletzen, indeß wir doch frei genug

sind, sie anzuziehen oder nachzulassen, |432.10| zu verlängern oder zu

verkürzen, nachdem es die Zwecke der Vernunft erfordern.

Die Geschicklichkeit kann in der Menschengattung nicht wohl entwickelt

werden, als vermittelst der Ungleichheit unter Menschen: da die größte

Zahl die Nothwendigkeit des Lebens gleichsam mechanisch, ohne |432.15|

dazu besonders Kunst zu bedürfen, zur Gemächlichkeit und Muße anderer

besorgt, welche die minder nothwendigen Stücke der Cultur, Wissenschaft

#393# und Kunst, bearbeiten, und von diesen in einem Stande des

Drucks, saurer Arbeit und wenig Genusses gehalten wird, auf welche

Classe sich denn doch manches von der Cultur der höhern nach und nach

auch verbreitet. |432.20| Die Plagen aber wachsen im Fortschritte

derselben (dessen Höhe, wenn der Hang zum Entbehrlichen schon dem

Unentbehrlichen Abbruch zu thun anfängt, Luxus heißt) auf beiden Seiten

gleich mächtig, auf der einen durch fremde Gewaltthätigkeit, auf der

andern durch innere Ungenügsamkeit; aber das glänzende Elend ist doch

mit der Entwickelung der |432.25| Naturanlagen in der Menschengattung

verbunden, und der Zweck der Natur selbst, wenn es gleich nicht unser

Zweck ist, wird doch hiebei erreicht. Die formale Bedingung, unter

welcher die Natur diese ihre Endabsicht allein erreichen kann, ist

diejenige Verfassung im Verhältnisse der Menschen untereinander, wo

dem Abbruche der einander wechselseitig widerstreitenden |432.30|

Freiheit gesetzmäßige Gewalt in einem Ganzen, welches =bürgerliche

Gesellschaft= heißt, entgegengesetzt wird; denn nur in ihr kann die

größte Entwickelung der Naturanlagen geschehen. Zu derselben wäre aber

doch, wenn gleich Menschen sie auszufinden klug und sich ihrem Zwange

willig zu unterwerfen weise genug wären, noch ein =weltbürgerliches=

Ganze, |432.35| d. i. ein System aller Staaten, die auf einander

nachtheilig zu wirken in Gefahr sind, erforderlich. In dessen

Ermangelung und bei dem Hinderniß, welches Ehrsucht, Herrschsucht

und Habsucht vornehmlich bei denen, #394# die Gewalt in Händen haben,

selbst der Möglichkeit eines solchen Entwurfs entgegen setzen, ist der

=Krieg= (theils in welchem sich Staaten zerspalten und in kleinere

auflösen, theils ein Staat andere, kleinere mit sich vereinigt und ein

größeres Ganze zu bilden strebt) unvermeidlich: der, |433.5| so wie er

ein unabsichtlicher (durch zügellose Leidenschaften angeregter) Versuch

der Menschen, doch tief verborgener, vielleicht absichtlicher der

obersten Weisheit ist, Gesetzmäßigkeit mit der Freiheit der Staaten und

dadurch Einheit eines moralisch begründeten Systems derselben, wo nicht

zu stiften, dennoch vorzubereiten und ungeachtet der schrecklichsten

Drangsale, |433.10| womit er das menschliche Geschlecht belegt, und

der vielleicht noch größern, womit die beständige Bereitschaft dazu

im Frieden drückt, dennoch eine Triebfeder mehr ist (indessen die

Hoffnung zu dem Ruhestande einer Volksglückseligkeit sich immer weiter

entfernt) alle Talente, die zur Cultur dienen, bis zum höchsten Grade

zu entwickeln. |433.15|

Was die Disciplin der Neigungen betrifft, zu denen die Naturanlage in

Absicht auf unsere Bestimmung als einer Thiergattung ganz zweckmäßig

ist, die aber die Entwickelung der Menschheit sehr erschweren: so

zeigt sich doch auch in Ansehung dieses zweiten Erfordernisses zur

Cultur ein zweckmäßiges Streben der Natur zu einer Ausbildung, welche

uns |433.20| höherer Zwecke, als die Natur selbst liefern kann,

empfänglich macht. Das Übergewicht der Übel, welche die Verfeinerung

des Geschmacks bis zur #395# Idealisirung desselben und selbst der

Luxus in Wissenschaften, als einer Nahrung für die Eitelkeit, durch

die unzubefriedigende Menge der dadurch erzeugten Neigungen über uns

ausschüttet, ist nicht zu bestreiten: dagegen |433.25| aber der Zweck

der Natur auch nicht zu verkennen, der Rohigkeit und dem Ungestüm

derjenigen Neigungen, welche mehr der Thierheit in uns angehören und

der Ausbildung zu unserer höheren Bestimmung am meisten entgegen

sind (der Neigungen des Genusses), immer mehr abzugewinnen und der

Entwickelung der Menschheit Platz zu machen. Schöne Kunst |433.30| und

Wissenschaften, die durch eine Lust, die sich allgemein mittheilen

läßt, und durch Geschliffenheit und Verfeinerung für die Gesellschaft,

wenn gleich den Menschen nicht sittlich besser, doch gesittet machen,

gewinnen der Tyrannei des Sinnenhanges sehr viel ab und bereiten

dadurch den Menschen zu einer Herrschaft vor, in welcher die Vernunft

allein Gewalt |433.35| haben soll: indeß die Übel, womit uns theils die

Natur, theils die unvertragsame Selbstsucht der Menschen heimsucht,

zugleich die Kräfte der Seele aufbieten, steigern und stählen, um

jenen nicht zu unterliegen, und uns so eine Tauglichkeit zu höheren

Zwecken, die in uns verborgen liegt, fühlen lassen.[31]

[31] Was das Leben für uns für einen Werth habe, wenn

dieser bloß nach dem geschätzt wird, =was man genießt=

(dem natürlichen Zweck der Summe aller Neigungen, |434.25|

der Glückseligkeit), ist leicht zu entscheiden. Er sinkt

unter Null; denn wer wollte wohl das Leben unter denselben

Bedingungen, oder auch nach einem neuen, selbstentworfenen

(doch dem Naturlaufe gemäßen) Plane, der aber auch bloß auf

Genuß gestellt wäre, aufs neue antreten? Welchen Werth das

Leben dem zufolge habe, was es, nach dem Zwecke, den die Natur

mit uns hat, geführt, in sich enthält und |434.30| welches

in dem besteht, =was man thut= (nicht bloß genießt), wo wir

aber immer doch nur Mittel zu unbestimmtem Endzwecke sind, ist

oben gezeigt worden. Es bleibt also wohl nichts übrig, als der

Werth, den wir unserem Leben selbst geben durch das, was wir

nicht allein thun, sondern auch so unabhängig von der Natur

zweckmäßig thun, daß selbst die Existenz der Natur nur unter

dieser Bedingung |434.35| Zweck sein kann.

§ 84. #396#

Von dem Endzwecke des Daseins einer Welt, d. i. der |434.5| Schöpfung

selbst.

=Endzweck= ist derjenige Zweck, der keines andern als Bedingung seiner

Möglichkeit bedarf.

Wenn für die Zweckmäßigkeit der Natur der bloße Mechanism derselben zum

Erklärungsgrunde angenommen wird, so kann man nicht |434.10| fragen:

wozu die Dinge in der Welt da sind; denn es ist alsdann nach einem

solchen idealistischen System nur von der physischen Möglichkeit der

Dinge (welche uns als Zwecke zu denken bloße Vernünftelei ohne Object

sein würde) die Rede: man mag nun diese Form der Dinge auf den Zufall,

oder blinde Nothwendigkeit deuten, in beiden Fällen wäre |434.15|

#397# jene Frage leer. Nehmen wir aber die Zweckverbindung in der Welt

für real und für sie eine besondere Art der Causalität, nämlich einer

=absichtlich wirkenden= Ursache, an, so können wir bei der Frage nicht

stehen bleiben: wozu Dinge der Welt (organisirte Wesen) diese oder

jene Form haben, in diese oder jene Verhältnisse gegen andere von der

Natur gesetzt |434.20| sind; sondern da einmal ein Verstand gedacht

wird, der als die Ursache der Möglichkeit solcher Formen angesehen

werden muß, wie sie wirklich an Dingen gefunden werden, so muß auch in

eben demselben nach dem objectiven Grunde gefragt werden, der diesen

productiven Verstand zu einer Wirkung dieser Art bestimmt haben könne,

welcher dann der Endzweck ist, wozu dergleichen Dinge da sind.

Ich habe oben gesagt: daß der Endzweck kein Zweck sei, welchen zu

bewirken und der Idee desselben gemäß hervorzubringen, die Natur

hinreichend |435.5| wäre, weil er unbedingt ist. Denn es ist nichts in

der Natur (als einem Sinnenwesen), wozu der in ihr selbst befindliche

Bestimmungsgrund nicht immer wiederum bedingt wäre; und dieses gilt

nicht bloß von der Natur außer uns (der materiellen), sondern auch

in uns (der denkenden): wohl zu verstehen, daß ich in mir nur das

betrachte, was Natur ist. Ein |435.10| Ding aber, was nothwendig seiner

objectiven Beschaffenheit wegen als Endzweck einer verständigen Ursache

existiren soll, muß von der Art sein, daß es in der Ordnung der Zwecke

von keiner anderweitigen Bedingung, #398# als bloß seiner Idee abhängig

ist.

Nun haben wir nur eine einzige Art Wesen in der Welt, deren Causalität

|435.15| teleologisch, d. i. auf Zwecke gerichtet, und doch

zugleich so beschaffen ist, daß das Gesetz, nach welchem sie sich

Zwecke zu bestimmen haben, von ihnen selbst als unbedingt und von

Naturbedingungen unabhängig, an sich aber als nothwendig vorgestellt

wird. Das Wesen dieser Art ist der Mensch, aber als Noumenon

betrachtet; das einzige Naturwesen, an welchem |435.20| wir doch ein

übersinnliches Vermögen (die =Freiheit=) und sogar das Gesetz der

Causalität sammt dem Objecte derselben, welches es sich als höchsten

Zweck vorsetzen kann (das höchste Gut in der Welt), von Seiten seiner

eigenen Beschaffenheit erkennen können.

Von dem Menschen nun (und so jedem vernünftigen Wesen in der |435.25|

Welt), als einem moralischen Wesen, kann nicht weiter gefragt werden:

wozu (_quem in finem_) er existire. Sein Dasein hat den höchsten Zweck

selbst in sich, dem, so viel er vermag, er die ganze Natur unterwerfen

kann, wenigstens welchem zuwider er sich keinem Einflusse der Natur

unterworfen halten darf. — Wenn nun Dinge der Welt, als ihrer Existenz

nach |435.30| abhängige Wesen, einer nach Zwecken handelnden obersten

Ursache bedürfen, so ist der Mensch der Schöpfung Endzweck; denn

ohne diesen wäre die Kette der einander untergeordneten Zwecke nicht

vollständig gegründet; und nur im Menschen, aber auch in diesem nur

als Subjecte der Moralität #399# ist die unbedingte Gesetzgebung in

Ansehung der Zwecke anzutreffen, welche |435.35| ihn also allein

fähig macht ein Endzweck zu sein, dem die ganze Natur teleologisch

untergeordnet ist[32].

[32] Es wäre möglich, daß Glückseligkeit der vernünftigen

Wesen in der Welt ein Zweck der Natur wäre, und alsdann

wäre sie auch ihr =letzter= Zweck. Wenigstens |436.15| kann

man _a priori_ nicht einsehen, warum die Natur nicht so

eingerichtet sein sollte, weil durch ihren Mechanism diese

Wirkung, wenigstens so viel wir einsehen, wohl möglich

wäre. Aber Moralität und eine ihr untergeordnete Causalität

nach Zwecken ist schlechterdings durch Naturursachen

unmöglich; denn das Princip ihrer Bestimmung zum Handeln ist

übersinnlich, ist also das einzige Mögliche in der Ordnung

der Zwecke, |436.20| was in Ansehung der Natur schlechthin

unbedingt ist und ihr Subject dadurch zum =Endzwecke= der

Schöpfung, dem die ganze Natur untergeordnet ist, allein

qualificirt. — =Glückseligkeit= dagegen ist, wie im vorigen

§ nach dem Zeugniß der Erfahrung gezeigt worden, nicht einmal

ein =Zweck der Natur= in Ansehung der Menschen mit einem

Vorzuge vor anderen Geschöpfen: weit gefehlt, daß sie ein

=Endzweck |436.25| der Schöpfung= sein sollte. Menschen mögen

sie sich immer zu ihrem letzten subjectiven Zwecke machen.

Wenn ich aber nach dem Endzwecke der Schöpfung frage: Wozu

haben Menschen existiren müssen? so ist von einem objectiven

obersten Zwecke die Rede, wie ihn die höchste Vernunft zu

ihrer Schöpfung erfordern würde. Antwortet man nun darauf:

Damit Wesen existiren, denen jene oberste Ursache wohlthun

|436.30| könne, so widerspricht man der Bedingung, welcher

die Vernunft des Menschen selbst seinen innigsten Wunsch

der Glückseligkeit unterwirft (nämlich die Übereinstimmung

mit seiner eigenen inneren moralischen Gesetzgebung). Dies

beweiset: daß die Glückseligkeit nur bedingter Zweck, der

Mensch also nur als moralisches Wesen Endzweck der Schöpfung

sein könne; was aber seinen Zustand betrifft, Glückseligkeit

nur |436.35| als Folge nach Maßgabe der Übereinstimmung mit

jenem Zwecke, als dem Zwecke seines Daseins, in Verbindung

stehe.

§ 85. #400#

Von der Physikotheologie.

Die PHYSIKOTHEOLOGIE ist der Versuch der Vernunft, aus den |436.5|

=Zwecken= der Natur (die nur empirisch erkannt werden können) auf die

oberste Ursache der Natur und ihre Eigenschaften zu schließen. Eine

<b>Moraltheologie</b> (Ethikotheologie) wäre der Versuch, aus dem

moralischen Zwecke vernünftiger Wesen in der Natur (der _a priori_

erkannt werden kann) auf jene Ursache und ihre Eigenschaften zu

schließen. |436.10|

Die erstere geht natürlicher Weise vor der zweiten vorher. Denn wenn

wir von den Dingen in der Welt auf eine Weltursache =teleologisch=

schließen wollen: so müssen Zwecke der Natur zuerst gegeben sein, für

die wir nachher einen Endzweck und für diesen dann das Princip der

Causalität dieser obersten Ursache zu suchen haben.

Nach dem teleologischen Princip können und müssen viele Nachforschungen

der Natur geschehen, ohne daß man nach dem Grunde der Möglichkeit,

zweckmäßig zu wirken, welche wir an verschiedenen der Producte |437.5|

#401# der Natur antreffen, zu fragen Ursache hat. Will man nun aber

auch hievon einen Begriff haben, so haben wir dazu schlechterdings

keine weitergehende Einsicht, als bloß die Maxime der reflectirenden

Urtheilskraft: daß nämlich, wenn uns auch nur ein einziges organisches

Product der Natur gegeben wäre, wir nach der Beschaffenheit unseres

Erkenntnißvermögens |437.10| dafür keinen andern Grund denken können,

als den einer Ursache der Natur selbst (es sei der ganzen Natur oder

auch nur dieses Stücks derselben), die durch Verstand die Causalität

zu demselben enthält; ein Beurtheilungsprincip, wodurch wir in der

Erklärung der Naturdinge und ihres Ursprungs zwar um nichts weiter

gebracht werden, das uns aber |437.15| doch über die Natur hinaus

einige Aussicht eröffnet, um den sonst so unfruchtbaren Begriff eines

Urwesens vielleicht näher bestimmen zu können.

Nun sage ich: die Physikotheologie, so weit sie auch getrieben werden

mag, kann uns doch nichts von einem =Endzwecke= der Schöpfung eröffnen;

denn sie reicht nicht einmal bis zur Frage nach demselben. Sie kann

|437.20| also zwar den Begriff einer verständigen Weltursache als einen

subjectiv für die Beschaffenheit unseres Erkenntnißvermögens allein

tauglichen Begriff von der Möglichkeit der Dinge, die wir uns nach

Zwecken verständlich machen können, rechtfertigen, aber diesen Begriff

weder in theoretischer noch praktischer Absicht weiter bestimmen; und

ihr Versuch erreicht seine |437.25| #402# Absicht nicht, eine Theologie

zu gründen, sondern sie bleibt immer nur eine physische Teleologie:

weil die Zweckbeziehung in ihr immer nur als in der Natur bedingt

betrachtet wird und werden muß; mithin den Zweck, wozu die Natur selbst

existirt (wozu der Grund außer der Natur gesucht werden muß) gar nicht

einmal in Anfrage bringen kann, auf dessen bestimmte |437.30| Idee

gleichwohl der bestimmte Begriff jener oberen verständigen Weltursache,

mithin die Möglichkeit einer Theologie ankommt.

Wozu die Dinge in der Welt einander nützen; wozu das Mannigfaltige

in einem Dinge für dieses Ding selbst gut ist; wie man sogar Grund

habe anzunehmen, daß nichts in der Welt umsonst, sondern alles irgend

|437.35| wozu =in der Natur=, unter der Bedingung daß gewisse Dinge

(als Zwecke) existiren sollten, gut sei, wobei mithin unsere Vernunft

für die Urtheilskraft kein anderes Princip der Möglichkeit des

Objects ihrer unvermeidlichen teleologischen Beurtheilung in ihrem

Vermögen hat, als das, den Mechanism der Natur der Architektonik

eines verständigen Welturhebers unterzuordnen: das alles leistet

die teleologische Weltbetrachtung sehr herrlich und zur äußersten

Bewunderung. Weil aber die Data, mithin |438.5| die Principien, jenen

Begriff einer intelligenten Weltursache (als höchsten Künstlers) zu

=bestimmen=, bloß empirisch sind: so lassen sie auf keine Eigenschaften

weiter schließen, als uns die Erfahrung an den Wirkungen derselben

offenbart, welche, da sie nie die gesammte Natur als System befassen

#403# kann, oft auf (dem Anscheine nach) jenem Begriffe und unter

einander |438.10| widerstreitende Beweisgründe stoßen muß, niemals

aber, wenn wir gleich vermögend wären auch das ganze System, sofern es

bloße Natur betrifft, empirisch zu überschauen, uns über die Natur zu

dem Zwecke ihrer Existenz selber und dadurch zum bestimmten Begriffe

jener obern Intelligenz erheben kann. |438.15|

Wenn man sich die Aufgabe, um deren Auflösung es einer Physikotheologie

zu thun ist, klein macht, so scheint ihre Auflösung leicht.

Verschwendet man nämlich den Begriff von einer =Gottheit= an jedes

von uns gedachte verständige Wesen, deren es eines oder mehrere geben

mag, welches viel und sehr große, aber eben nicht alle Eigenschaften

habe, die zu |438.20| Gründung einer mit dem größtmöglichen Zwecke

übereinstimmenden Natur überhaupt erforderlich sind; oder hält man es

für nichts, in einer Theorie den Mangel dessen, was die Beweisgründe

leisten, durch willkürliche Zusätze zu ergänzen, und, wo man nur

Grund hat =viel= Vollkommenheit anzunehmen (und was ist viel für

uns?), sich da befugt hält =alle |438.25| mögliche= vorauszusetzen:

so macht die physische Teleologie wichtige Ansprüche auf den Ruhm,

eine Theologie zu begründen. Wenn aber verlangt wird anzuzeigen,

was uns denn antreibe und überdem berechtige, jene Ergänzungen zu

machen: so werden wir in den Principien des theoretischen Gebrauchs

der Vernunft, welcher durchaus verlangt, zu Erklärung eines |438.30|

#404# Objects der Erfahrung diesem nicht mehr Eigenschaften beizulegen,

als empirische Data zu ihrer Möglichkeit anzutreffen sind, vergeblich

Grund zu unserer Rechtfertigung suchen. Bei näherer Prüfung würden wir

sehen, daß eigentlich eine Idee von einem höchsten Wesen, die auf ganz

verschiedenem Vernunftgebrauch (dem praktischen) beruht, in uns _a

priori_ zum |438.35| Grunde liege, welche uns antreibt, die mangelhafte

Vorstellung einer physischen Teleologie von dem Urgrunde der Zwecke in

der Natur bis zum Begriffe einer Gottheit zu ergänzen; und wir würden

uns nicht fälschlich einbilden, diese Idee, mit ihr aber eine Theologie

durch den theoretischen Vernunftgebrauch der physischen Weltkenntniß zu

Stande gebracht, viel weniger, ihre Realität bewiesen zu haben.

Man kann es den Alten nicht so hoch zum Tadel anrechnen, wenn |439.5|

sie sich ihre Götter als theils ihrem Vermögen, theils den Absichten

und Willensmeinungen nach sehr mannigfaltig verschieden, alle aber,

selbst ihr Oberhaupt nicht ausgenommen, noch immer auf menschliche

Weise eingeschränkt dachten. Denn wenn sie die Einrichtung und den Gang

der Dinge in der Natur betrachteten, so fanden sie zwar Grund genug

etwas |439.10| mehr als Mechanisches zur Ursache derselben anzunehmen

und Absichten gewisser oberer Ursachen, die sie nicht anders als

übermenschlich denken konnten, hinter dem Maschinenwerk dieser Welt

zu vermuthen. Weil sie #405# aber das Gute und Böse, das Zweckmäßige

und Zweckwidrige in ihr wenigstens für unsere Einsicht sehr gemischt

antrafen und sich nicht erlauben |439.15| konnten, insgeheim dennoch

zum Grunde liegende weise und wohlthätige Zwecke, von denen sie

doch den Beweis nicht sahen, zum Behuf der willkürlichen Idee eines

höchstvollkommenen Urhebers anzunehmen: so konnte ihr Urtheil von der

obersten Weltursache schwerlich anders ausfallen, so fern sie nämlich

nach Maximen des bloß theoretischen Gebrauchs der Vernunft |439.20|

ganz consequent verfuhren. Andere, die als Physiker zugleich Theologen

sein wollten, dachten Befriedigung für die Vernunft darin zu finden,

daß sie für die absolute Einheit des Princips der Naturdinge, welche

die Vernunft fordert, vermittelst der Idee von einem Wesen sorgten,

in welchem als alleiniger Substanz jene insgesammt nur inhärirende

Bestimmungen |439.25| wären: welche Substanz zwar nicht durch Verstand

Ursache der Welt, in welcher aber doch als Subject aller Verstand der

Weltwesen anzutreffen wäre; ein Wesen folglich, das zwar nicht nach

Zwecken etwas hervorbrächte, in welchem aber doch alle Dinge wegen der

Einheit des Subjects, von dem sie bloß Bestimmungen sind, auch ohne

Zweck und Absicht |439.30| nothwendig sich auf einander zweckmäßig

beziehen mußten. So führten sie den Idealism der Endursachen ein: indem

sie die so schwer herauszubringende Einheit einer Menge zweckmäßig

verbundener Substanzen statt der Causalabhängigkeit =von einer= in

die der Inhärenz =in einer= #406# verwandelten; welches System in der

Folge, von Seiten der inhärirenden |439.35| Weltwesen betrachtet, als

=Pantheism=, von Seiten des allein subsistirenden Subjects als Urwesens

(späterhin) als =Spinozism=, nicht sowohl die Frage vom ersten Grunde

der Zweckmäßigkeit der Natur auflösete, als sie vielmehr für nichtig

erklärte, indem der letztere Begriff, aller seiner Realität beraubt,

zur bloßen Mißdeutung eines allgemeinen ontologischen Begriffs von

einem Dinge überhaupt gemacht wurde.

Nach bloß theoretischen Principien des Vernunftgebrauchs (worauf

|440.5| die Physikotheologie sich allein gründet) kann also niemals der

Begriff einer Gottheit, der für unsere teleologische Beurtheilung der

Natur zureichte, herausgebracht werden. Denn wir erklären entweder alle

Teleologie für bloße Täuschung der Urtheilskraft in der Beurtheilung

der Causalverbindung der Dinge und flüchten uns zu dem alleinigen

Princip |440.10| eines bloßen Mechanisms der Natur, welche wegen der

Einheit der Substanz, von der sie nichts als das Mannigfaltige der

Bestimmungen derselben sei, uns eine allgemeine Beziehung auf Zwecke

zu enthalten bloß scheine; oder wenn wir statt dieses Idealisms der

Endursachen dem Grundsatze des Realisms dieser besondern Art der

Causalität anhänglich bleiben |440.15| wollen, so mögen wir viele

verständige Urwesen, oder nur ein einiges den Naturzwecken unterlegen:

sobald wir zu Begründung des Begriffs von demselben nichts als

Erfahrungsprincipien, von der wirklichen Zweckverbindung #407# in der

Welt hergenommen, zur Hand haben, so können wir einerseits wider die

Mißhelligkeit, die die Natur in Ansehung der Zweckeinheit |440.20|

in vielen Beispielen aufstellt, keinen Rath finden, andrerseits den

Begriff einer einigen intelligenten Ursache, so wie wir ihn, durch

bloße Erfahrung berechtigt, herausbringen, niemals für irgend eine,

auf welche Art es auch sei, (theoretisch oder praktisch) brauchbare

Theologie bestimmt genug daraus ziehen. |440.25|

Die physische Teleologie treibt uns zwar an, eine Theologie zu

suchen, aber kann keine hervorbringen, so weit wir auch der Natur

durch Erfahrung nachspüren und der in ihr entdeckten Zweckverbindung

durch Vernunftideen (die zu physischen Aufgaben theoretisch sein

müssen) zu Hülfe kommen mögen. Was hilfts, wird man mit Recht klagen,

daß wir allen |440.30| diesen Einrichtungen einen großen, einen für

uns unermeßlichen Verstand zum Grunde legen und ihn diese Welt nach

Absichten anordnen lassen? wenn uns die Natur von der Endabsicht

nichts sagt, noch jemals sagen kann, ohne welche wir uns doch keinen

gemeinschaftlichen Beziehungspunkt aller dieser Naturzwecke, kein

hinreichendes teleologisches Princip machen |440.35| können, theils

die Zwecke insgesammt in einem System zu erkennen, theils uns von dem

obersten Verstande, als Ursache einer solchen Natur, einen Begriff zu

machen, der unserer über sie teleologisch reflectirenden Urtheilskraft

#408# zum Richtmaße dienen könnte. Ich hätte alsdann zwar einen

=Kunstverstand= für zerstreute Zwecke; aber keine =Weisheit= für einen

Endzweck, der doch eigentlich den Bestimmungsgrund von jenem enthalten

muß. In Ermangelung aber eines Endzwecks, den nur die reine Vernunft

|441.5| _a priori_ an die Hand geben kann (weil alle Zwecke in der

Welt empirisch bedingt sind und nichts, als was hiezu oder dazu als

zufälliger Absicht, nicht was schlechthin gut ist, enthalten können),

und der mich allein lehren würde: welche Eigenschaften, welchen Grad

und welches Verhältniß der obersten Ursache der Natur ich mir zu denken

habe, um diese als teleologisches |441.10| System zu beurtheilen;

wie und mit welchem Rechte darf ich da meinen sehr eingeschränkten

Begriff von jenem ursprünglichen Verstande, den ich auf meine geringe

Weltkenntniß gründen kann, von der Macht dieses Urwesens seine Ideen

zur Wirklichkeit zu bringen, von seinem Willen es zu thun u. s. w.,

nach Belieben erweitern und bis zur Idee eines allweisen |441.15|

unendlichen Wesens ergänzen? Dies würde, wenn es theoretisch geschehen

sollte, in mir selbst Allwissenheit voraussetzen, um die Zwecke der

Natur in ihrem ganzen Zusammenhange einzusehen und noch obenein alle

andere mögliche Plane denken zu können, mit denen in Vergleichung der

gegenwärtige als der beste mit Grunde beurtheilt werden müßte. Denn

|441.20| ohne diese vollendete Kenntniß der Wirkung kann ich auf keinen

bestimmten Begriff von der obersten Ursache, der nur in dem von einer

in allem #409# Betracht unendlichen Intelligenz, d. i. dem Begriffe

einer Gottheit, angetroffen werden kann, schließen und eine Grundlage

zur Theologie zu Stande bringen. |441.25|

Wir können also bei aller möglichen Erweiterung der physischen

Teleologie nach dem oben angeführten Grundsatze wohl sagen: daß wir

nach der Beschaffenheit und den Principien unseres Erkenntnißvermögens

die Natur in ihren uns bekannt gewordenen zweckmäßigen Anordnungen

nicht anders denn als das Product eines Verstandes, dem diese

unterworfen ist, |441.30| denken können. Ob aber dieser Verstand mit

dem Ganzen derselben und dessen Hervorbringung noch eine Endabsicht

gehabt haben möge (die alsdann nicht in der Natur der Sinnenwelt liegen

würde): das kann uns die theoretische Naturforschung nie eröffnen;

sondern es bleibt bei aller Kenntniß derselben unausgemacht, ob jene

oberste Ursache überall nach einem |441.35| Endzwecke und nicht

vielmehr durch einen von der bloßen Nothwendigkeit seiner Natur zu

Hervorbringung gewisser Formen bestimmten Verstand (nach der Analogie

mit dem, was wir bei den Thieren den Kunstinstinct nennen) Urgrund

derselben sei: ohne daß es nöthig sei, ihr darum auch nur Weisheit,

viel weniger höchste und mit allen andern zur Vollkommenheit ihres

Products erforderlichen Eigenschaften verbundene Weisheit beizulegen.

|442.5|

Also ist Physikotheologie eine mißverstandene physische Teleologie,

#410# nur als Vorbereitung (Propädeutik) zur Theologie brauchbar und

nur durch Hinzukunft eines anderweitigen Princips, auf das sie sich

stützen kann, nicht aber an sich selbst, wie ihr Name es anzeigen will,

zu dieser Absicht zureichend. |442.10|

§ 86.

Von der Ethikotheologie.

Es ist ein Urtheil, dessen sich selbst der gemeinste Verstand nicht

entschlagen kann, wenn er über das Dasein der Dinge in der Welt

und die Existenz der Welt selbst nachdenkt: daß nämlich alle die

mannigfaltigen |442.15| Geschöpfe, von wie großer Kunsteinrichtung und

wie mannigfaltigem zweckmäßig auf einander bezogenen Zusammenhange

sie auch sein mögen, ja selbst das Ganze so vieler Systeme derselben,

die wir unrichtiger Weise Welten nennen, zu nichts da sein würden,

wenn es in ihnen nicht Menschen (vernünftige Wesen überhaupt) gäbe;

d. i. daß ohne den Menschen |442.20| die ganze Schöpfung eine bloße

Wüste, umsonst und ohne Endzweck sein würde. Es ist aber auch nicht das

Erkenntnißvermögen desselben (theoretische Vernunft), in Beziehung auf

welches das Dasein alles Übrigen in der Welt allererst seinen Werth

bekommt, etwa damit irgend Jemand da sei, welcher die Welt =betrachten=

könne. Denn wenn diese Betrachtung |442.25| der Welt ihm doch nichts

als Dinge ohne Endzweck vorstellig machte, so #411# kann daraus, daß

sie erkannt wird, dem Dasein derselben kein Werth erwachsen; und man

muß schon einen Endzweck derselben voraussetzen, in Beziehung auf

welchen die Weltbetrachtung selbst einen Werth habe. Auch ist es nicht

das Gefühl der Lust und der Summe derselben, in Beziehung |442.30|

auf welches wir einen Endzweck der Schöpfung als gegeben denken, d.

i. nicht das Wohlsein, der Genuß (er sei körperlich oder geistig),

mit einem Worte die Glückseligkeit, wornach wir jenen absoluten Werth

schätzen. Denn: daß, wenn der Mensch da ist, er diese ihm selbst zur

Endabsicht macht, giebt keinen Begriff, wozu er dann überhaupt da sei,

und welchen |442.35| Werth er dann selbst habe, um ihm seine Existenz

angenehm zu machen. Er muß also schon als Endzweck der Schöpfung

vorausgesetzt werden, um einen Vernunftgrund zu haben, warum die Natur

zu seiner Glückseligkeit zusammen stimmen müsse, wenn sie als ein

absolutes Ganze nach Principien der Zwecke betrachtet wird. — Also ist

es nur das Begehrungsvermögen: aber nicht dasjenige, was ihn von der

Natur (durch sinnliche Antriebe) |443.5| abhängig macht, nicht das, in

Ansehung dessen der Werth seines Daseins auf dem, was er empfängt und

genießt, beruht: sondern der Werth, welchen er allein sich selbst geben

kann, und welcher in dem besteht, was er thut, wie und nach welchen

Principien er nicht als Naturglied, sondern in der =Freiheit= seines

Begehrungsvermögens handelt; d. h. ein |443.10| #412# guter Wille ist

dasjenige, wodurch sein Dasein allein einen absoluten Werth und in

Beziehung auf welches das Dasein der Welt einen =Endzweck= haben kann.

Auch stimmt damit das gemeinste Urtheil der gesunden Menschenvernunft

vollkommen zusammen: nämlich daß der Mensch nur als moralisches

|443.15| Wesen ein Endzweck der Schöpfung sein könne, wenn man die

Beurtheilung nur auf diese Frage leitet und veranlaßt sie zu versuchen.

Was hilfts, wird man sagen, daß dieser Mensch so viel Talent hat,

daß er damit sogar sehr thätig ist und dadurch einen nützlichen

Einfluß auf das gemeine Wesen ausübt und also in Verhältniß sowohl

auf seine Glücksumstände, |443.20| als auch auf Anderer Nutzen einen

großen Werth hat, wenn er keinen guten Willen besitzt? Er ist ein

verachtungswürdiges Object, wenn man ihn nach seinem Innern betrachtet;

und wenn die Schöpfung nicht überall ohne Endzweck sein soll, so

muß er, der als Mensch auch dazu gehört, doch als böser Mensch in

einer Welt unter moralischen Gesetzen diesen |443.25| gemäß seines

subjectiven Zwecks (der Glückseligkeit) verlustig gehen, als der

einzigen Bedingung, unter der seine Existenz mit dem Endzwecke zusammen

bestehen kann.

Wenn wir nun in der Welt Zweckanordnungen antreffen und, wie es

die Vernunft unvermeidlich fordert, die Zwecke, die es nur bedingt

sind, |443.30| einem unbedingten obersten, d. i. einem Endzwecke,

unterordnen: so sieht man erstlich leicht, daß alsdann nicht von einem

Zwecke der Natur (innerhalb #413# derselben), sofern sie existirt,

sondern dem Zwecke ihrer Existenz mit allen ihren Einrichtungen, mithin

von dem letzten =Zwecke der Schöpfung= die Rede ist und in diesem

auch eigentlich von der obersten Bedingung, |443.35| unter der allein

ein Endzweck (d. i. der Bestimmungsgrund eines höchsten Verstandes zu

Hervorbringung der Weltwesen) Statt finden kann.

Da wir nun den Menschen nur als moralisches Wesen für den Zweck der

Schöpfung anerkennen: so haben wir erstlich einen Grund, wenigstens die

Hauptbedingung, die Welt als ein nach Zwecken zusammenhängendes Ganze

und als System von Endursachen anzusehen; vornehmlich aber für die nach

Beschaffenheit unserer Vernunft uns nothwendige Beziehung |444.5| der

Naturzwecke auf eine verständige Weltursache =ein Princip=, die Natur

und Eigenschaften dieser ersten Ursache als obersten Grundes im Reiche

der Zwecke zu denken und so den Begriff derselben zu bestimmen: welches

die physische Teleologie nicht vermochte, die nur unbestimmte und eben

darum zum theoretischen sowohl als praktischen Gebrauche untaugliche

|444.10| Begriffe von demselben veranlassen konnte.

Aus diesem so bestimmten Princip der Causalität des Urwesens werden

wir es nicht bloß als Intelligenz und gesetzgebend für die Natur,

sondern auch als gesetzgebendes Oberhaupt in einem moralischen Reiche

der Zwecke denken müssen. In Beziehung auf das =höchste= unter

seiner Herrschaft |444.15| #414# allein mögliche =Gut=, nämlich

die Existenz vernünftiger Wesen unter moralischen Gesetzen, werden

wir uns dieses Urwesen als =allwissend= denken: damit selbst das

Innerste der Gesinnungen (welches den eigentlichen moralischen Werth

der Handlungen vernünftiger Weltwesen ausmacht) ihm nicht verborgen

sei; als =allmächtig=: damit es die ganze Natur |444.20| diesem

höchsten Zwecke angemessen machen könne; als =allgütig= und zugleich

=gerecht=: weil diese beiden Eigenschaften (vereinigt die =Weisheit=)

die Bedingungen der Causalität einer obersten Ursache der Welt als

höchsten Guts unter moralischen Gesetzen ausmachen; und so auch

alle noch übrigen transscendentalen Eigenschaften, als =Ewigkeit=,

=Allgegenwart= |444.25| u. s. w. (denn Güte und Gerechtigkeit sind

moralische Eigenschaften), die in Beziehung auf einen solchen Endzweck

vorausgesetzt werden, an demselben denken müssen. — Auf solche Weise

ergänzt die =moralische= Teleologie den Mangel der =physischen=

und gründet allererst eine =Theologie=: da die letztere, wenn sie

nicht unbemerkt aus der ersteren borgte, |444.30| sondern consequent

verfahren sollte, für sich allein nichts als eine =Dämonologie=, welche

keines bestimmten Begriffs fähig ist, begründen könnte.

Aber das Princip der Beziehung der Welt wegen der moralischen

Zweckbestimmung gewisser Wesen in derselben auf eine oberste Ursache,

#415# als Gottheit, thut dieses nicht bloß dadurch, daß es den

physisch-teleologischen |444.35| Beweisgrund ergänzt und also diesen

nothwendig zum Grunde legt; sondern es ist dazu auch =für sich=

hinreichend und treibt die Aufmerksamkeit auf die Zwecke der Natur

und die Nachforschung der hinter ihren Formen verborgen liegenden

unbegreiflich großen Kunst, um den Ideen, die die reine praktische

Vernunft herbeischafft, an den Naturzwecken beiläufige Bestätigung

zu geben. Denn der Begriff von Weltwesen unter moralischen Gesetzen

ist ein Prinzip _a priori_, wornach sich der Mensch nothwendig

|445.5| beurtheilen muß. Daß ferner, wenn es überall eine absichtlich

wirkende und auf einen Zweck gerichtete Weltursache giebt, jenes

moralische Verhältniß eben so nothwendig die Bedingung der Möglichkeit

einer Schöpfung sein müsse, als das nach physischen Gesetzen (wenn

nämlich jene verständige Ursache auch einen Endzweck hat): sieht die

Vernunft auch _a priori_ |445.10| als einen für sie zur teleologischen

Beurtheilung der Existenz der Dinge nothwendigen Grundsatz an. Nun

kommt es nur darauf an: ob wir irgend einen für die Vernunft (es sei

die speculative oder praktische) hinreichenden Grund haben, der nach

Zwecken handelnden obersten Ursache einen =Endzweck= beizulegen.

Denn daß alsdann dieser nach der subjectiven |445.15| Beschaffenheit

unserer Vernunft, und selbst wie wir uns auch die Vernunft anderer

Wesen nur immer denken mögen, kein anderer als =der #416# Mensch unter

moralischen Gesetzen= sein könne: kann _a priori_ für uns als gewiß

gelten; da hingegen die Zwecke der Natur in der physischen Ordnung _a

priori_ gar nicht können erkannt, vornehmlich, daß eine |445.20| Natur

ohne solche nicht existiren könne, auf keine Weise kann eingesehen

werden.

=Anmerkung.=

Setzet einen Menschen in den Augenblicken der Stimmung seines

Gemüths zur moralischen Empfindung! Wenn er sich, umgeben von einer

|445.25| schönen Natur, in einem ruhigen, heitern Genusse seines

Daseins befindet, so fühlt er in sich ein Bedürfniß, irgend jemand

dafür dankbar zu sein. Oder er sehe sich ein andermal in derselben

Gemüthsverfassung im Gedränge von Pflichten, denen er nur durch

freiwillige Aufopferung Genüge leisten kann und will; so fühlt er

in sich ein Bedürfniß, hiemit zugleich |445.30| etwas Befohlnes

ausgerichtet und einem Oberherren gehorcht zu haben. Oder er habe

sich etwa unbedachtsamer Weise wider seine Pflicht vergangen,

wodurch er doch eben nicht Menschen verantwortlich geworden ist;

so werden die strengen Selbstverweise dennoch eine Sprache in ihm

führen, als ob sie die Stimme eines Richters wären, dem er darüber

|445.35| Rechenschaft abzulegen hätte. Mit einem Worte: er bedarf

einer moralischen Intelligenz, um für den Zweck, wozu er existirt,

ein Wesen zu haben, welches diesem gemäß von ihm und der Welt die

Ursache sei. Triebfedern hinter diesen Gefühlen herauszukünsteln, ist

vergeblich; denn sie hängen unmittelbar mit der reinsten moralischen

Gesinnung zusammen, weil |446.5| =Dankbarkeit=, =Gehorsam= und

=Demüthigung= (Unterwerfung unter #417# verdiente Züchtigung) besondere

Gemüthsstimmungen zur Pflicht sind, und das zu Erweiterung seiner

moralischen Gesinnung geneigte Gemüth hier sich nur einen Gegenstand

freiwillig denkt, der nicht in der Welt ist, um wo möglich auch

gegen einen solchen seine Pflicht zu beweisen. Es ist also |446.10|

wenigstens möglich und auch der Grund dazu in moralischer Denkungsart

gelegen, ein reines moralisches Bedürfniß der Existenz eines Wesens

sich vorzustellen, unter welchem entweder unsere Sittlichkeit mehr

Stärke oder auch (wenigstens unserer Vorstellung nach) mehr Umfang,

nämlich einen neuen Gegenstand für ihre Ausübung, gewinnt; d. i. ein

moralisch-gesetzgebendes |446.15| Wesen außer der Welt ohne alle

Rücksicht auf theoretischen Beweis, noch weniger auf selbstsüchtiges

Interesse aus reinem moralischen, von allem fremden Einflusse freien

(dabei freilich nur subjectiven) Grunde anzunehmen, auf bloße

Anpreisung einer für sich allein gesetzgebenden reinen praktischen

Vernunft. Und ob gleich eine solche Stimmung des |446.20| Gemüths

selten vorkäme, oder auch nicht lange haftete, sondern flüchtig und

ohne dauernde Wirkung, oder auch ohne einiges Nachdenken über den

in einem solchen Schattenbilde vorgestellten Gegenstand und ohne

Bemühung ihn unter deutliche Begriffe zu bringen vorüberginge: so ist

doch der Grund dazu, die moralische Anlage in uns, als subjectives

Princip, |446.25| sich in der Weltbetrachtung mit ihrer Zweckmäßigkeit

durch Naturursachen nicht zu begnügen, sondern ihr eine oberste nach

moralischen Principien die Natur beherrschende Ursache unterzulegen,

unverkennbar. — Wozu noch kommt, daß wir, nach einem allgemeinen

höchsten Zwecke zu streben, uns durch das moralische Gesetz gedrungen,

uns aber doch und die gesammte |446.30| Natur ihn zu erreichen

unvermögend fühlen; daß wir, nur so fern wir darnach streben, dem

Endzwecke einer verständigen Weltursache (wenn #418# es eine solche

gäbe) gemäß zu sein urtheilen dürfen; und so ist ein reiner moralischer

Grund der praktischen Vernunft vorhanden, diese Ursache (da es ohne

Widerspruch geschehen kann) anzunehmen, wo nicht mehr, doch |446.35|

damit wir jene Bestrebung in ihren Wirkungen nicht für ganz eitel

anzusehen und dadurch sie ermatten zu lassen Gefahr laufen.

Mit diesem allem soll hier nur so viel gesagt werden: daß die =Furcht=

zwar zuerst =Götter= (Dämonen), aber die =Vernunft= vermittelst

ihrer moralischen Principien zuerst den Begriff von =Gott= habe

hervorbringen können (auch selbst wenn man in der Teleologie der Natur,

wie gemeiniglich, sehr unwissend, oder auch wegen der Schwierigkeit,

die einander hierin |447.5| widersprechenden Erscheinungen durch ein

genugsam bewährtes Princip auszugleichen, sehr zweifelhaft war);

und daß die innere =moralische= Zweckbestimmung seines Daseins das

ergänzte, was der Naturkenntniß abging, indem sie nämlich anwies, zu

dem Endzwecke vom Dasein aller Dinge, wozu das Princip nicht anders als

=ethisch= der Vernunft genugthuend |447.10| ist, die oberste Ursache

mit Eigenschaften, womit sie die ganze Natur jener einzigen Absicht (zu

der diese bloß Werkzeug ist) zu unterwerfen vermögend ist, (d. i. als

eine =Gottheit=) zu denken.

§ 87.

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der Urtheilskraft. · 第 59 / 67 题