Erste Abtheilung. #271#

Analytik der teleologischen Urtheilskraft.

§ 62.

Von der objectiven Zweckmäßigkeit, die bloß formal ist, zum

Unterschiede von der materialen. |362.5|

Alle geometrische Figuren, die nach einem Princip gezeichnet werden,

zeigen eine mannigfaltige, oft bewunderte objective Zweckmäßigkeit,

nämlich der Tauglichkeit zur Auflösung vieler Probleme nach einem

einzigen Princip und auch wohl eines jeden derselben auf unendlich

verschiedene Art, an sich. Die Zweckmäßigkeit ist hier offenbar

objectiv und intellectuell, |362.10| nicht aber bloß subjectiv und

ästhetisch. Denn sie drückt die Angemessenheit der Figur zur Erzeugung

vieler abgezweckten Gestalten aus und wird durch Vernunft erkannt.

Allein die Zweckmäßigkeit macht doch den Begriff von dem Gegenstande

selbst nicht möglich, d. i. er wird nicht bloß in Rücksicht auf diesen

Gebrauch als möglich angesehen. |362.15|

In einer so einfachen Figur, als der Cirkel ist, liegt der Grund zu

#272# einer Auflösung einer Menge von Problemen, deren jedes für

sich mancherlei Zurüstung erfordern würde, und die als eine von den

unendlich vielen vortrefflichen Eigenschaften dieser Figur sich

gleichsam von selbst ergiebt. Ist es z. B. darum zu thun, aus der

gegebenen Grundlinie und |362.20| dem ihr gegenüberstehenden Winkel

einen Triangel zu construiren, so ist die Aufgabe unbestimmt, d. i. sie

läßt sich auf unendlich mannigfaltige Art auflösen. Allein der Cirkel

befaßt sie doch alle insgesammt, als der geometrische Ort für alle

Dreiecke, die dieser Bedingung gemäß sind. Oder zwei Linien sollen sich

einander so schneiden, daß das Rechteck aus |362.25| den zwei Theilen

der einen dem Rechteck aus den zwei Theilen der andern gleich sei: so

hat die Auflösung der Aufgabe dem Ansehen nach viele Schwierigkeit.

Aber alle Linien, die sich innerhalb dem Cirkel, dessen Umkreis jede

derselben begränzt, schneiden, theilen sich von selbst in dieser

Proportion. Die andern krummen Linien geben wiederum andere zweckmäßige

Auflösungen an die Hand, an die in der Regel, die ihre Construction

ausmacht, gar nicht gedacht war. Alle Kegelschnitte für sich und in

Vergleichung mit einander sind fruchtbar an Principien zur Auflösung

einer |363.5| Menge möglicher Probleme, so einfach auch ihre Erklärung

ist, welche ihren Begriff bestimmt. — Es ist eine wahre Freude, den

Eifer der alten Geometer anzusehen, mit dem sie diesen Eigenschaften

der Linien dieser #273# Art nachforschten, ohne sich durch die Frage

eingeschränkter Köpfe irre machen zu lassen, wozu denn diese Kenntniß

nützen sollte; z. B. die der Parabel, |363.10| ohne das Gesetz der

Schwere auf der Erde zu kennen, welches ihnen die Anwendung derselben

auf die Wurfslinie schwerer Körper (deren Richtung der Schwere in

ihrer Bewegung als parallel angesehen werden kann) würde an die Hand

gegeben haben; oder der Ellipse, ohne zu ahnen, daß auch eine Schwere

an Himmelskörpern zu finden sei, und ohne ihr |363.15| Gesetz in

verschiedenen Entfernungen vom Anziehungspunkte zu kennen, welches

macht, daß sie diese Linie in freier Bewegung beschreiben. Während

dessen, daß sie hierin, ihnen selbst unbewußt, für die Nachkommenschaft

arbeiteten, ergötzten sie sich an einer Zweckmäßigkeit in dem Wesen

der Dinge, die sie doch völlig _a priori_ in ihrer Nothwendigkeit

darstellen |363.20| konnten. Plato, selbst Meister in dieser

Wissenschaft, gerieth über eine solche ursprüngliche Beschaffenheit

der Dinge, welche zu entdecken wir aller Erfahrung entbehren können,

und über das Vermögen des Gemüths, die Harmonie der Wesen aus ihrem

übersinnlichen Princip schöpfen zu können (wozu noch die Eigenschaften

der Zahlen kommen, mit denen das Gemüth |363.25| in der Musik spielt),

in die Begeisterung, welche ihn über die Erfahrungsbegriffe zu Ideen

erhob, die ihm nur durch eine intellectuelle Gemeinschaft mit dem

Ursprunge aller Wesen erklärlich zu sein schienen. Kein Wunder, daß

er den der Meßkunst Unkundigen aus seiner Schule verwies, indem

#274# er das, was Anaxagoras aus Erfahrungsgegenständen und ihrer

Zweckverbindung |363.30| schloß, aus der reinen, dem menschlichen

Geiste innerlich beiwohnenden Anschauung abzuleiten dachte. Denn in der

Nothwendigkeit dessen, was zweckmäßig ist und so beschaffen ist, als

ob es für unsern Gebrauch absichtlich so eingerichtet wäre, gleichwohl

aber dem Wesen der Dinge ursprünglich zuzukommen scheint, ohne auf

unsern Gebrauch Rücksicht |363.35| zu nehmen, liegt eben der Grund der

großen Bewunderung der Natur, nicht sowohl außer uns, als in unserer

eigenen Vernunft; wobei es wohl verzeihlich ist, daß diese Bewunderung

durch Mißverstand nach und nach bis zur Schwärmerei steigen mochte.

Diese intellectuelle Zweckmäßigkeit aber, ob sie gleich objectiv

ist (nicht wie die ästhetische subjectiv), läßt sich gleichwohl

ihrer Möglichkeit nach als bloß formale (nicht reale), d. i. als

Zweckmäßigkeit, ohne daß |364.5| doch ein Zweck ihr zum Grunde zu

legen, mithin Teleologie dazu nöthig wäre, gar wohl, aber nur im

Allgemeinen begreifen. Die Cirkelfigur ist eine Anschauung, die durch

den Verstand nach einem Princip bestimmt worden: die Einheit dieses

Princips, welches ich willkürlich annehme und als Begriff zum Grunde

lege, angewandt auf eine Form der Anschauung |364.10| (den Raum), die

gleichfalls bloß als Vorstellung und zwar _a priori_ in mir angetroffen

wird, macht die Einheit vieler sich aus der Construction jenes Begriffs

ergebender Regeln, die in mancherlei möglicher #275# Absicht zweckmäßig

sind, begreiflich, ohne dieser Zweckmäßigkeit einen =Zweck=, oder

irgend einen andern Grund derselben unterlegen zu |364.15| dürfen. Es

ist hiemit nicht so bewandt, als wenn ich in einem in gewisse Gränzen

eingeschlossenen Inbegriffe von =Dingen= außer mir, z. B. einem Garten,

Ordnung und Regelmäßigkeit der Bäume, Blumenbeete, Gänge u. s. w.

anträfe, welche ich _a priori_ aus meiner nach einer beliebigen Regel

gemachten Umgränzung eines Raums zu folgern nicht |364.20| hoffen kann:

weil es existirende Dinge sind, die empirisch gegeben sein müssen, um

erkannt werden zu können, und nicht eine bloße nach einem Princip _a

priori_ bestimmte Vorstellung in mir. Daher die letztere (empirische)

Zweckmäßigkeit, als =real=, von dem Begriffe eines Zwecks abhängig ist.

|364.25|

Aber auch der Grund der Bewunderung einer, obzwar in dem Wesen der

Dinge (sofern ihre Begriffe construirt werden können) wahrgenommenen

Zweckmäßigkeit läßt sich sehr wohl und zwar als rechtmäßig einsehen.

Die mannigfaltigen Regeln, deren Einheit (aus einem Princip) diese

Bewunderung erregt, sind insgesammt synthetisch und folgen nicht

|364.30| aus einem =Begriffe= des Objects, z. B. des Cirkels, sondern

bedürfen es, daß dieses Object in der Anschauung gegeben sei. Dadurch

aber bekommt diese Einheit das Ansehen, als ob sie empirisch einen von

unserer Vorstellungskraft unterschiedenen äußern Grund der Regeln habe,

und #276# also die Übereinstimmung des Objects zu dem Bedürfniß der

Regeln, |364.35| welches dem Verstande eigen ist, an sich zufällig,

mithin nur durch einen ausdrücklich darauf gerichteten Zweck möglich

sei. Nun sollte uns zwar eben diese Harmonie, weil sie aller dieser

Zweckmäßigkeit ungeachtet dennoch nicht empirisch, sondern _a priori_

erkannt wird, von selbst darauf bringen, daß der Raum, durch dessen

Bestimmung (vermittelst der Einbildungskraft gemäß einem Begriffe) das

Object allein möglich war, nicht eine Beschaffenheit der Dinge außer

mir, sondern eine bloße Vorstellungsart |365.5| in mir sei, und ich

also in die Figur, die ich =einem Begriffe angemessen= zeichne, d. i.

in meine eigene Vorstellungsart von dem, was mir äußerlich, es sei an

sich, was es wolle, gegeben wird, die =Zweckmäßigkeit hineinbringe=,

nicht von diesem über dieselbe empirisch belehrt werde, folglich zu

jener keinen besondern Zweck außer mir am Objecte |365.10| bedürfe.

Weil aber diese Überlegung schon einen kritischen Gebrauch der Vernunft

erfordert, mithin in der Beurtheilung des Gegenstandes nach seinen

Eigenschaften nicht sofort mit enthalten sein kann: so giebt mir die

letztere unmittelbar nichts als Vereinigung heterogener Regeln (sogar

nach dem, was sie Ungleichartiges an sich haben) in einem Princip

an |365.15| die Hand, welches, ohne einen außer meinem Begriffe und

überhaupt meiner Vorstellung _a priori_ liegenden besondern Grund dazu

zu fordern, #277# dennoch von mir _a priori_ als wahrhaft erkannt

wird. Nun ist die =Verwunderung= ein Anstoß des Gemüths an der

Unvereinbarkeit einer Vorstellung und der durch sie gegebenen Regel

mit den schon in ihm zum |365.20| Grunde liegenden Principien, welcher

also einen Zweifel, ob man auch recht gesehen oder geurtheilt habe,

hervorbringt; =Bewunderung= aber eine immer wiederkommende Verwunderung

ungeachtet der Verschwindung dieses Zweifels. Folglich ist die letzte

eine ganz natürliche Wirkung jener beobachteten Zweckmäßigkeit in dem

Wesen der Dinge (als Erscheinungen), |365.25| die auch sofern nicht

getadelt werden kann, indem die Vereinbarung jener Form der sinnlichen

Anschauung (welche der Raum heißt) mit dem Vermögen der Begriffe (dem

Verstande) nicht allein deswegen, daß sie gerade diese und keine

andere ist, uns unerklärlich, sondern überdem noch für das Gemüth

erweiternd ist, noch etwas über jene sinnliche Vorstellungen |365.30|

Hinausliegendes gleichsam zu ahnen, worin, obzwar uns unbekannt, der

letzte Grund jener Einstimmung angetroffen werden mag. Diesen zu

kennen, haben wir zwar auch nicht nöthig, wenn es bloß um formale

Zweckmäßigkeit unserer Vorstellungen _a priori_ zu thun ist; aber

auch nur da hinaussehen zu müssen, flößt für den Gegenstand, der uns

|365.35| dazu nöthigt, zugleich Bewunderung ein.

Man ist gewohnt, die erwähnten Eigenschaften sowohl der geometrischen

Gestalten, als auch wohl der Zahlen wegen einer gewissen aus der

#278# Einfachheit ihrer Construction nicht erwarteten Zweckmäßigkeit

derselben _a priori_ zu allerlei Erkenntnißgebrauch =Schönheit= zu

nennen; und spricht z. B. von dieser oder jener =schönen= Eigenschaft

des Cirkels, welche auf diese oder jene Art entdeckt wäre. Allein

es ist keine ästhetische Beurtheilung, |366.5| durch die wir sie

zweckmäßig finden; keine Beurtheilung ohne Begriff, die eine bloße

=subjective= Zweckmäßigkeit im freien Spiele unserer Erkenntnißvermögen

bemerklich machte: sondern eine intellectuelle nach Begriffen, welche

eine objective Zweckmäßigkeit, d. i. Tauglichkeit zu allerlei (ins

Unendliche mannigfaltigen) Zwecken, deutlich zu erkennen |366.10|

giebt. Man müßte sie eher eine =relative Vollkommenheit=, als eine

Schönheit der mathematischen Figur nennen. Die Benennung einer

=intellectuellen Schönheit= kann auch überhaupt nicht füglich erlaubt

werden: weil sonst das Wort Schönheit alle bestimmte Bedeutung, oder

das intellectuelle Wohlgefallen allen Vorzug vor dem sinnlichen

verlieren |366.15| müßte. Eher würde man eine =Demonstration= solcher

Eigenschaften, weil durch diese der Verstand als Vermögen der Begriffe

und die Einbildungskraft als Vermögen der Darstellung derselben

_a priori_ sich gestärkt fühlen (welches mit der Präcision, die

die Vernunft hineinbringt, zusammen die Eleganz derselben genannt

wird), schön nennen können: indem |366.20| hier doch wenigstens

das Wohlgefallen, obgleich der Grund desselben in Begriffen liegt,

subjectiv ist, da die Vollkommenheit ein objectives #279# Wohlgefallen

bei sich führt.

§ 63.

Von der relativen Zweckmäßigkeit der Natur zum Unterschiede |366.25|

von der innern.

Die Erfahrung leitet unsere Urtheilskraft auf den Begriff einer

objectiven und materialen Zweckmäßigkeit, d. i. auf den Begriff eines

Zwecks der Natur nur alsdann, wenn ein Verhältniß der Ursache zur

Wirkung zu beurtheilen ist[24], welches wir als gesetzlich einzusehen

uns nur dadurch |366.30| vermögend finden, daß wir die Idee der

Wirkung der Causalität ihrer Ursache, als die dieser selbst zum Grunde

liegende Bedingung der Möglichkeit der ersteren, unterlegen. Dieses

kann aber auf zwiefache Weise geschehen: entweder indem wir die Wirkung

unmittelbar als Kunstproduct, oder nur als Material für die Kunst

anderer möglicher Naturwesen, |367.5| also entweder als Zweck, oder

als Mittel zum zweckmäßigen Gebrauche anderer Ursachen, ansehen. Die

letztere Zweckmäßigkeit heißt die Nutzbarkeit (für Menschen), oder auch

Zuträglichkeit (für jedes andere #280# Geschöpf) und ist bloß relativ,

indeß die erstere eine innere Zweckmäßigkeit des Naturwesens ist.

|367.10|

[24] Weil in der reinen Mathematik nicht von der Existenz,

sondern nur der Möglichkeit der Dinge, nämlich einer ihrem

Begriffe correspondirenden Anschauung, mithin gar nicht von

Ursache und Wirkung die Rede sein kann: so muß folglich alle

daselbst angemerkte Zweckmäßigkeit bloß als formal, niemals

als Naturzweck betrachtet werden. |366.35|

Die Flüsse führen z. B. allerlei zum Wachsthum der Pflanzen dienliche

Erde mit sich fort, die sie bisweilen mitten im Lande, oft auch

an ihren Mündungen absetzen. Die Fluth führt diesen Schlich an

manchen Küsten über das Land, oder setzt ihn an dessen Ufer ab; und

wenn vornehmlich Menschen dazu helfen, damit die Ebbe ihn nicht

wieder wegführe, so |367.15| nimmt das fruchtbare Land zu, und das

Gewächsreich gewinnt da Platz, wo vorher Fische und Schalthiere ihren

Aufenthalt gehabt hatten. Die meisten Landeserweiterungen auf diese Art

hat wohl die Natur selbst verrichtet und fährt damit auch noch, obzwar

langsam, fort. — Nun fragt sich, ob dies als ein Zweck der Natur

zu beurtheilen sei, weil es eine Nutzbarkeit |367.20| für Menschen

enthält; denn die für das Gewächsreich selber kann man nicht in

Anschlag bringen, weil dagegen eben so viel den Meergeschöpfen entzogen

wird, als dem Lande Vortheil zuwächst.

Oder, um ein Beispiel von der Zuträglichkeit gewisser Naturdinge als

Mittel für andere Geschöpfe (wenn man sie als Zwecke voraussetzt)

|367.25| zu geben: so ist kein Boden den Fichten gedeihlicher,

als ein Sandboden. Nun hat das alte Meer, ehe es sich vom Lande

zurückzog, so viele Sandstriche in unsern nordlichen Gegenden

zurückgelassen, daß auf diesem für alle Cultur sonst so unbrauchbaren

Boden weitläuftige Fichtenwälder haben #281# aufschlagen können, wegen

deren unvernünftiger Ausrottung wir häufig |367.30| unsere Vorfahren

anklagen; und da kann man fragen, ob diese uralte Absetzung der

Sandschichten ein Zweck der Natur war zum Behuf der darauf möglichen

Fichtenwälder. So viel ist klar: daß, wenn man diese als Zweck der

Natur annimmt, man jenen Sand auch, aber nur als relativen Zweck

einräumen müsse, wozu wiederum der alte Meeresstrand und |367.35|

dessen Zurückziehen das Mittel war; denn in der Reihe der einander

subordinirten Glieder einer Zweckverbindung muß ein jedes Mittelglied

als Zweck (obgleich eben nicht als Endzweck) betrachtet werden, wozu

seine nächste Ursache das Mittel ist. Eben so, wenn einmal Rindvieh,

Schafe, Pferde u. s. w. in der Welt sein sollten, so mußte Gras auf

Erden, aber es mußten auch Salzkräuter in Sandwüsten wachsen, wenn

Kameele gedeihen sollten, oder auch diese und andere grasfressende

Thierarten in Menge |368.5| anzutreffen sein, wenn es Wölfe, Tiger und

Löwen geben sollte. Mithin ist die objective Zweckmäßigkeit, die sich

auf Zuträglichkeit gründet, nicht eine objective Zweckmäßigkeit der

Dinge an sich selbst, als ob der Sand für sich als Wirkung aus seiner

Ursache, dem Meere, nicht könnte begriffen werden, ohne dem letztern

einen Zweck unterzulegen und ohne die Wirkung, |368.10| nämlich den

Sand, als Kunstwerk zu betrachten. Sie ist eine bloß relative, dem

Dinge selbst, dem sie beigelegt wird, bloß zufällige Zweckmäßigkeit;

#282# und obgleich unter den angeführten Beispielen die Grasarten für

sich als organisirte Producte der Natur, mithin als kunstreich zu

beurtheilen sind, so werden sie doch in Beziehung auf Thiere, die sich

davon |368.15| nähren, als bloße rohe Materie angesehen.

Wenn aber vollends der Mensch durch Freiheit seiner Causalität die

Naturdinge seinen oft thörichten Absichten (die bunten Vogelfedern

zum Putzwerk seiner Bekleidung, farbige Erden oder Pflanzensäfte

zur Schminke), manchmal auch aus vernünftiger Absicht das Pferd zum

|368.20| Reiten, den Stier und in Minorca sogar den Esel und das

Schwein zum Pflügen zuträglich findet: so kann man hier auch nicht

einmal einen relativen Naturzweck (auf diesen Gebrauch) annehmen.

Denn seine Vernunft weiß den Dingen eine Übereinstimmung mit seinen

willkürlichen Einfällen, wozu er selbst nicht einmal von der Natur

prädestinirt |368.25| war, zu geben. Nur =wenn= man annimmt, Menschen

haben auf Erden leben sollen, so müssen doch wenigstens die Mittel,

ohne die sie als Thiere und selbst als vernünftige Thiere (in wie

niedrigem Grade es auch sei) nicht bestehen konnten, auch nicht

fehlen; alsdann aber würden diejenigen Naturdinge, die zu diesem Behuf

unentbehrlich sind, auch als Naturzwecke |368.30| angesehen werden

müssen.

Man sieht hieraus leicht ein, daß die äußere Zweckmäßigkeit

(Zuträglichkeit eines Dinges für andere) nur unter der Bedingung, daß

die #283# Existenz desjenigen, dem es zunächst oder auf entfernte Weise

zuträglich ist, für sich selbst Zweck der Natur sei, für einen äußern

Naturzweck angesehen |368.35| werden könne. Da jenes aber durch bloße

Naturbetrachtung nimmermehr auszumachen ist: so folgt, daß die relative

Zweckmäßigkeit, ob sie gleich hypothetisch auf Naturzwecke Anzeige

giebt, dennoch zu keinem absoluten teleologischen Urtheile berechtige.

Der Schnee sichert die Saaten in kalten Ländern wider den Frost;

er erleichtert die Gemeinschaft der Menschen (durch Schlitten);

der Lappländer findet dort Thiere, die diese Gemeinschaft bewirken

(Rennthiere), |369.5| die an einem dürren Moose, welches sie sich

selbst unter dem Schnee hervorscharren müssen, hinreichende Nahrung

finden und gleichwohl sich leicht zähmen und der Freiheit, in der sie

sich gar wohl erhalten könnten, willig berauben lassen. Für andere

Völker in derselben Eiszone enthält das Meer reichen Vorrath an

Thieren, die außer der Nahrung und |369.10| Kleidung, die sie liefern,

und dem Holze, welches ihnen das Meer zu Wohnungen gleichsam hinflößt,

ihnen noch Brennmaterien zur Erwärmung ihrer Hütten liefern. Hier ist

nun eine bewundernswürdige Zusammenkunft von so viel Beziehungen der

Natur auf einen Zweck; und dieser ist der Grönländer, der Lappe, der

Samojede, der Jakute u. s. w. |369.15| Aber man sieht nicht, warum

überhaupt Menschen dort leben müssen. Also sagen: daß =darum= Dünste

aus der Luft in der Form des Schnees #284# herunterfallen, das Meer

seine Ströme habe, welche das in wärmern Ländern gewachsene Holz dahin

schwemmen, und große mit Öl angefüllte Seethiere da sind, =weil= der

Ursache, die alle die Naturproducte herbeischafft, |369.20| die Idee

eines Vortheils für gewisse armselige Geschöpfe zum Grunde liege:

wäre ein sehr gewagtes und willkürliches Urtheil. Denn wenn alle

diese Naturnützlichkeit auch nicht wäre, so würden wir nichts an der

Zulänglichkeit der Naturursachen zu dieser Beschaffenheit vermissen;

vielmehr eine solche Anlage auch nur zu verlangen und der Natur

|369.25| einen solchen Zweck zuzumuthen (da ohnedas nur die größte

Unverträglichkeit der Menschen unter einander sie bis in so unwirthbare

Gegenden hat versprengen können), würde uns selbst vermessen und

unüberlegt zu sein dünken.

§ 64. |369.30|

Von dem eigenthümlichen Charakter der Dinge als Naturzwecke.

Um einzusehen, daß ein Ding nur als Zweck möglich sei, d. h. die

Causalität seines Ursprungs nicht im Mechanism der Natur, sondern in

einer Ursache, deren Vermögen zu wirken durch Begriffe bestimmt wird,

|369.35| suchen zu müssen, dazu wird erfordert: daß seine Form nicht

nach bloßen Naturgesetzen möglich sei, d. i. solchen, welche von uns

durch den Verstand allein, auf Gegenstände der Sinne angewandt, erkannt

werden können; sondern daß selbst ihr empirisches Erkenntniß ihrer

Ursache und Wirkung #285# nach Begriffe der Vernunft voraussetze. Diese

=Zufälligkeit= seiner |370.5| Form bei allen empirischen Naturgesetzen

in Beziehung auf die Vernunft, da die Vernunft, welcher an einer jeden

Form eines Naturproducts auch die Nothwendigkeit derselben erkennen

muß, wenn sie auch nur die mit seiner Erzeugung verknüpften Bedingungen

einsehen will, gleichwohl an jener gegebenen Form diese Nothwendigkeit

nicht annehmen kann, ist selbst |370.10| ein Grund, die Causalität

desselben so anzunehmen, als ob sie eben darum nur durch Vernunft

möglich sei; diese aber ist alsdann das Vermögen, nach Zwecken zu

handeln (ein Wille); und das Object, welches nur als aus diesem möglich

vorgestellt wird, würde nur als Zweck für möglich vorgestellt werden.

|370.15|

Wenn jemand in einem ihm unbewohnt scheinenden Lande eine geometrische

Figur, allenfalls ein reguläres Sechseck, im Sande gezeichnet

wahrnähme: so würde seine Reflexion, indem sie an einem Begriffe

derselben arbeitet, der Einheit des Princips der Erzeugung desselben,

wenn gleich dunkel, vermittelst der Vernunft inne werden und so

dieser gemäß |370.20| den Sand, das benachbarte Meer, die Winde, oder

auch Thiere mit ihren Fußtritten, die er kennt, oder jede andere

vernunftlose Ursache nicht als einen Grund der Möglichkeit einer

solchen Gestalt beurtheilen: weil ihm die Zufälligkeit, mit einem

solchen Begriffe, der nur in der Vernunft #286# möglich ist, zusammen

zu treffen, so unendlich groß scheinen würde, daß |370.25| es eben so

gut wäre, als ob es dazu gar kein Naturgesetz gebe, daß folglich auch

keine Ursache in der bloß mechanisch wirkenden Natur, sondern nur der

Begriff von einem solchen Object als Begriff, den nur Vernunft geben

und mit demselben den Gegenstand vergleichen kann, auch die Causalität

zu einer solchen Wirkung enthalten, folglich diese durchaus als

Zweck, |370.30| aber nicht Naturzweck, d. i. als Product der =Kunst=,

angesehen werden könne (_vestigium hominis video_).

Um aber etwas, das man als Naturproduct erkennt, gleichwohl doch auch

als Zweck, mithin als =Naturzweck= zu beurtheilen: dazu, wenn nicht

etwa hierin gar ein Widerspruch liegt, wird schon mehr erfordert. Ich

|370.35| würde vorläufig sagen: ein Ding existirt als Naturzweck,

=wenn es von sich selbst= (obgleich in zwiefachem Sinne) =Ursache und

Wirkung ist=; denn hierin liegt eine Causalität, dergleichen mit dem

bloßen Begriffe einer Natur, ohne ihr einen Zweck unterzulegen, nicht

verbunden, aber auch alsdann zwar ohne Widerspruch gedacht, aber nicht

begriffen werden kann. Wir wollen die Bestimmung dieser Idee von einem

Naturzwecke zuvörderst durch ein Beispiel erläutern, ehe wir sie völlig

auseinander |371.5| setzen.

Ein Baum zeugt erstlich einen andern Baum nach einem bekannten

Naturgesetze. Der Baum aber, den er erzeugt, ist von derselben Gattung;

#287# und so erzeugt er sich selbst der =Gattung= nach, in der er

einerseits als Wirkung, andrerseits als Ursache, von sich selbst

unaufhörlich hervorgebracht |371.10| und eben so sich selbst oft

hervorbringend, sich als Gattung beständig erhält.

Zweitens erzeugt ein Baum sich auch selbst als =Individuum=. Diese

Art von Wirkung nennen wir zwar nur das Wachsthum; aber dieses ist

in solchem Sinne zu nehmen, daß es von jeder andern Größenzunahme

|371.15| nach mechanischen Gesetzen gänzlich unterschieden und einer

Zeugung, wiewohl unter einem andern Namen, gleich zu achten ist. Die

Materie, die er zu sich hinzusetzt, verarbeitet dieses Gewächs vorher

zu specifisch-eigenthümlicher Qualität, welche der Naturmechanism außer

ihm nicht liefern kann, und bildet sich selbst weiter aus vermittelst

eines |371.20| Stoffes, der seiner Mischung nach sein eignes Product

ist. Denn ob er zwar, was die Bestandtheile betrifft, die er von der

Natur außer ihm erhält, nur als Educt angesehen werden muß: so ist doch

in der Scheidung und neuen Zusammensetzung dieses rohen Stoffs eine

solche Originalität des Scheidungs- und Bildungsvermögens dieser Art

Naturwesen anzutreffen, |371.25| daß alle Kunst davon unendlich weit

entfernt bleibt, wenn sie es versucht, aus den Elementen, die sie durch

Zergliederung derselben erhält, oder auch dem Stoff, den die Natur

zur Nahrung derselben liefert, jene Producte des Gewächsreichs wieder

herzustellen.

=Drittens= erzeugt ein Theil dieses Geschöpfs auch sich selbst so: daß

|371.30| #288# die Erhaltung des einen von der Erhaltung der andern

wechselsweise abhängt. Das Auge an einem Baumblatt, dem Zweige eines

andern eingeimpft, bringt an einem fremdartigen Stocke ein Gewächs

von seiner eignen Art hervor und eben so das Pfropfreis auf einem

andern Stamme. Daher kann man auch an demselben Baume jeden Zweig oder

Blatt als |371.35| bloß auf diesem gepfropft oder oculirt, mithin als

einen für sich selbst bestehenden Baum, der sich nur an einen andern

anhängt und parasitisch nährt, ansehen. Zugleich sind die Blätter zwar

Producte des Baums, erhalten aber diesen doch auch gegenseitig; denn

die wiederholte Entblätterung würde ihn tödten, und sein Wachsthum

hängt von ihrer Wirkung auf den Stamm ab. Der Selbsthülfe der Natur in

diesen Geschöpfen bei ihrer Verletzung, wo der Mangel eines Theils, der

zur Erhaltung |372.5| der benachbarten gehörte, von den übrigen ergänzt

wird; der Mißgeburten oder Mißgestalten im Wachsthum, da gewisse Theile

wegen vorkommender Mängel oder Hindernisse sich auf ganz neue Art

formen, um das, was da ist, zu erhalten und ein anomalisches Geschöpf

hervorzubringen: will ich hier nur im Vorbeigehen erwähnen, ungeachtet

sie |372.10| unter die wundersamsten Eigenschaften organisirter

Geschöpfe gehören.

§ 65. #289#

Dinge als Naturzwecke sind organisirte Wesen.

Nach dem im vorigen § angeführten Charakter muß ein Ding, welches als

Naturproduct doch zugleich nur als Naturzweck möglich erkannt werden

|372.15| soll, sich zu sich selbst wechselseitig als Ursache und

Wirkung verhalten, welches ein etwas uneigentlicher und unbestimmter

Ausdruck ist, der einer Ableitung von einem bestimmten Begriffe bedarf.

Die Causalverbindung, sofern sie bloß durch den Verstand gedacht wird,

ist eine Verknüpfung, die eine Reihe (von Ursachen und Wirkungen)

|372.20| ausmacht, welche immer abwärts geht; und die Dinge selbst,

welche als Wirkungen andere als Ursache voraussetzen, können von

diesen nicht gegenseitig zugleich Ursache sein. Diese Causalverbindung

nennt man die der wirkenden Ursachen (_nexus effectivus_). Dagegen

aber kann doch auch eine Causalverbindung nach einem Vernunftbegriffe

(von Zwecken) gedacht |372.25| werden, welche, wenn man sie als Reihe

betrachtete, sowohl abwärts als aufwärts Abhängigkeit bei sich führen

würde, in der das Ding, welches einmal als Wirkung bezeichnet ist,

dennoch aufwärts den Namen einer Ursache desjenigen Dinges verdient,

wovon es die Wirkung ist. Im Praktischen (nämlich der Kunst) findet man

leicht dergleichen Verknüpfung, |372.30| wie z. B. das Haus zwar die

Ursache der Gelder ist, die für Miethe eingenommen #290# werden, aber

doch auch umgekehrt die Vorstellung von diesem möglichen Einkommen die

Ursache der Erbauung des Hauses war. Eine solche Causalverknüpfung wird

die der Endursachen (_nexus finalis_) genannt. Man könnte die erstere

vielleicht schicklicher die Verknüpfung der |372.35| realen, die

zweite der idealen Ursachen nennen, weil bei dieser Benennung zugleich

begriffen wird, daß es nicht mehr als diese zwei Arten der Causalität

geben könne.

Zu einem Dinge als Naturzwecke wird nun =erstlich= erfordert, daß

die Theile (ihrem Dasein und der Form nach) nur durch ihre Beziehung

|373.5| auf das Ganze möglich sind. Denn das Ding selbst ist ein Zweck,

folglich unter einem Begriffe oder einer Idee befaßt, die alles, was in

ihm enthalten sein soll, _a priori_ bestimmen muß. Sofern aber ein Ding

nur auf diese Art als möglich gedacht wird, ist es bloß ein Kunstwerk,

d. i. das Product einer von der Materie (den Theilen) desselben

unterschiedenen vernünftigen |373.10| Ursache, deren Causalität (in

Herbeischaffung und Verbindung der Theile) durch ihre Idee von einem

dadurch möglichen Ganzen (mithin nicht durch die Natur außer ihm)

bestimmt wird.

Soll aber ein Ding als Naturproduct in sich selbst und seiner innern

Möglichkeit doch eine Beziehung auf Zwecke enthalten, d. i. nur

als Naturzweck |373.15| und ohne die Causalität der Begriffe von

vernünftigen Wesen außer ihm möglich sein: so wird =zweitens= dazu

erfordert: daß die Theile desselben #291# sich dadurch zur Einheit

eines Ganzen verbinden, daß sie von einander wechselseitig Ursache und

Wirkung ihrer Form sind. Denn auf solche Weise ist es allein möglich,

daß umgekehrt (wechselseitig) die Idee |373.20| des Ganzen wiederum

die Form und Verbindung aller Theile bestimme: nicht als Ursache —

denn da wäre es ein Kunstproduct —, sondern als Erkenntnißgrund der

systematischen Einheit der Form und Verbindung alles Mannigfaltigen,

was in der gegebenen Materie enthalten ist, für den, der es beurtheilt.

|373.25|

Zu einem Körper also, der an sich und seiner innern Möglichkeit nach

als Naturzweck beurtheilt werden soll, wird erfordert, daß die Theile

desselben einander insgesammt ihrer Form sowohl als Verbindung nach

wechselseitig und so ein Ganzes aus eigener Causalität hervorbringen,

dessen Begriff wiederum umgekehrt (in einem Wesen, welches die einem

|373.30| solchen Product angemessene Causalität nach Begriffen besäße)

Ursache von demselben nach einem Princip sein, folglich die Verknüpfung

der =wirkenden Ursachen= zugleich als =Wirkung durch Endursachen=

beurtheilt werden könnte.

In einem solchen Producte der Natur wird ein jeder Theil so, wie

|373.35| er nur =durch= alle übrige da ist, auch als =um der andern=

und des Ganzen =willen= existirend, d. i. als Werkzeug (Organ) gedacht:

welches aber nicht genug ist (denn er könnte auch Werkzeug der

Kunst sein und #292# so nur als Zweck überhaupt möglich vorgestellt

werden); sondern als ein die andern Theile (folglich jeder den andern

wechselseitig) =hervorbringendes= Organ, dergleichen kein Werkzeug

der Kunst, sondern nur der allen Stoff zu Werkzeugen (selbst denen

der Kunst) liefernden Natur sein |374.5| kann: und nur dann und

darum wird ein solches Product, als _organisirtes_ und =sich selbst

organisirendes= Wesen, ein =Naturzweck= genannt werden können.

In einer Uhr ist ein Theil das Werkzeug der Bewegung der andern, aber

nicht ein Rad die wirkende Ursache der Hervorbringung des andern;

|374.10| ein Theil ist zwar um des andern willen, aber nicht durch

denselben da. Daher ist auch die hervorbringende Ursache derselben und

ihrer Form nicht in der Natur (dieser Materie), sondern außer ihr in

einem Wesen, welches nach Ideen eines durch seine Causalität möglichen

Ganzen wirken kann, enthalten. Daher bringt auch nicht ein Rad in der

Uhr das andere, |374.15| noch weniger eine Uhr andere Uhren hervor, so

daß sie andere Materie dazu benutzte (sie organisirte); daher ersetzt

sie auch nicht von selbst die ihr entwandten Theile, oder vergütet

ihren Mangel in der ersten Bildung durch den Beitritt der übrigen,

oder bessert sich etwa selbst aus, wenn sie in Unordnung gerathen ist:

welches alles wir dagegen von der organisirten |374.20| Natur erwarten

können. — Ein organisirtes Wesen ist also nicht bloß Maschine: denn

die hat lediglich =bewegende= Kraft; sondern es besitzt #293# in sich

=bildende= Kraft und zwar eine solche, die es den Materien mittheilt,

welche sie nicht haben (sie organisirt): also eine sich fortpflanzende

bildende Kraft, welche durch das Bewegungsvermögen allein (den |374.25|

Mechanism) nicht erklärt werden kann.

Man sagt von der Natur und ihrem Vermögen in organisirten Producten bei

weitem zu wenig, wenn man dieses ein =Analogon= der =Kunst= nennt; denn

da denkt man sich den Künstler (ein vernünftiges Wesen) außer ihr. Sie

organisirt sich vielmehr selbst und in jeder Species |374.30| ihrer

organisirten Producte, zwar nach einerlei Exemplar im Ganzen, aber doch

auch mit schicklichen Abweichungen, die die Selbsterhaltung nach den

Umständen erfordert. Näher tritt man vielleicht dieser unerforschlichen

Eigenschaft, wenn man sie ein =Analogon des Lebens= nennt: aber da

muß man entweder die Materie als bloße Materie mit einer Eigenschaft

|374.35| (Hylozoism) begaben, die ihrem Wesen widerstreitet; oder

ihr ein fremdartiges mit ihr =in Gemeinschaft stehendes= Princip

(eine Seele) beigesellen: wozu man aber, wenn ein solches Product

ein Naturproduct sein soll, organisirte Materie als Werkzeug jener

Seele entweder schon voraussetzt und jene also nicht im mindesten

begreiflicher macht, oder die Seele zur Künstlerin dieses Bauwerks

machen und so das Product der Natur (der körperlichen) entziehen muß.

Genau zu reden, hat also die |375.5| #294# Organisation der Natur

nichts Analogisches mit irgend einer Causalität, die wir kennen[25].

Schönheit der Natur, weil sie den Gegenständen nur in Beziehung auf die

Reflexion über die =äußere= Anschauung derselben, mithin nur der Form

der Oberfläche wegen beigelegt wird, kann mit Recht ein Analogon der

Kunst genannt werden. Aber =innere Naturvollkommenheit=, |375.10| wie

sie diejenigen Dinge besitzen, welche nur als =Naturzwecke= möglich

sind und darum organisirte Wesen heißen, ist nach keiner Analogie

irgend eines uns bekannten physischen, d. i. Naturvermögens, ja, da wir

selbst zur Natur im weitesten Verstande gehören, selbst nicht einmal

durch eine genau angemessene Analogie mit menschlicher |375.15| Kunst

denkbar und erklärlich.

[25] Man kann umgekehrt einer gewissen Verbindung, die aber

auch mehr in der Idee als in der Wirklichkeit angetroffen

wird, durch eine Analogie mit den genannten |375.30|

unmittelbaren Naturzwecken Licht geben. So hat man sich bei

einer neuerlich unternommenen gänzlichen Umbildung eines

großen Volks zu einem Staat des Worts =Organisation= häufig

für Einrichtung der Magistraturen usw. und selbst des ganzen

Staatskörpers sehr schicklich bedient. Denn jedes Glied soll

freilich in einem solchen Ganzen nicht bloß Mittel, sondern

zugleich auch Zweck und, indem es zu |375.35| der Möglichkeit

des Ganzen mitwirkt, durch die Idee des Ganzen wiederum seiner

Stelle und Function nach bestimmt sein.

Der Begriff eines Dinges, als an sich Naturzwecks, ist also kein

constitutiver Begriff des Verstandes oder der Vernunft, kann aber doch

ein regulativer Begriff für die reflectirende Urtheilskraft sein, nach

einer #295# entfernten Analogie mit unserer Causalität nach Zwecken

überhaupt die |375.20| Nachforschung über Gegenstände dieser Art zu

leiten und über ihren obersten Grund nachzudenken; das letztere zwar

nicht zum Behuf der Kenntniß der Natur, oder jenes Urgrundes derselben,

sondern vielmehr eben desselben praktischen Vernunftvermögens in

uns, mit welchem wir die Ursache jener Zweckmäßigkeit in Analogie

betrachteten. |375.25|

Organisirte Wesen sind also die einzigen in der Natur, welche, wenn

man sie auch für sich und ohne ein Verhältniß auf andere Dinge

betrachtet, doch nur als Zwecke derselben möglich gedacht werden

müssen, und die also zuerst dem Begriffe eines =Zwecks=, der nicht

ein praktischer, sondern Zweck =der Natur= ist, objective Realität

und dadurch für die Naturwissenschaft den Grund zu einer Teleologie,

d. i. einer Beurtheilungsart ihrer Objecte nach einem besondern

Princip, verschaffen, dergleichen man in sie einzuführen (weil man die

Möglichkeit einer solchen Art |376.5| Causalität gar nicht _a priori_

einsehen kann) sonst schlechterdings nicht berechtigt sein würde.

§ 66.

Vom Princip der Beurtheilung der innern Zweckmäßigkeit in organisirten

Wesen. |376.10|

Dieses Princip, zugleich die Definition derselben, heißt: =Ein

organisirtes Product der Natur ist das, in welchem alles #296# Zweck

und wechselseitig auch Mittel ist.= Nichts in ihm ist umsonst,

zwecklos, oder einem blinden Naturmechanism zuzuschreiben.

Dieses Princip ist zwar seiner Veranlassung nach von Erfahrung |376.15|

abzuleiten, nämlich derjenigen, welche methodisch angestellt wird und

Beobachtung heißt; der Allgemeinheit und Nothwendigkeit wegen aber, die

es von einer solchen Zweckmäßigkeit aussagt, kann es nicht bloß auf

Erfahrungsgründen beruhen, sondern muß irgend ein Princip _a priori_,

wenn es gleich bloß regulativ wäre, und jene Zwecke allein in der Idee

des Beurtheilenden |376.20| und nirgend in einer wirkenden Ursache

lägen, zum Grunde haben. Man kann daher obgenanntes Princip eine

=Maxime= der Beurtheilung der innern Zweckmäßigkeit organisirter Wesen

nennen.

Daß die Zergliederer der Gewächse und Thiere, um ihre Structur zu

erforschen und die Gründe einsehen zu können, warum und zu welchem

|376.25| Ende solche Theile, warum eine solche Lage und Verbindung

der Theile und gerade diese innere Form ihnen gegeben worden, jene

Maxime: daß nichts in einem solchen Geschöpf =umsonst= sei, als

unumgänglich nothwendig annehmen und sie eben so, als den Grundsatz der

allgemeinen Naturlehre: daß =nichts von ungefähr= geschehe, geltend

machen, ist |376.30| bekannt. In der That können sie sich auch von

diesem teleologischen Grundsatze eben so wenig lossagen, als von dem

allgemeinen physischen, weil, so wie bei Verlassung des letzteren gar

keine Erfahrung überhaupt, #297# so bei der des ersteren Grundsatzes

kein Leitfaden für die Beobachtung einer Art von Naturdingen, die wir

einmal teleologisch unter dem Begriffe |376.35| der Naturzwecke gedacht

haben, übrig bleiben würde.

Denn dieser Begriff führt die Vernunft in eine ganz andere Ordnung

der Dinge, als die eines bloßen Mechanisms der Natur, der uns hier

nicht mehr genug thun will. Eine Idee soll der Möglichkeit des

Naturproducts zum Grunde liegen. Weil diese aber eine absolute Einheit

der Vorstellung ist, statt daß die Materie eine Vielheit der Dinge

ist, die für sich |377.5| keine bestimmte Einheit der Zusammensetzung

an die Hand geben kann: so muß, wenn jene Einheit der Idee sogar

als Bestimmungsgrund _a priori_ eines Naturgesetzes der Causalität

einer solchen Form des Zusammengesetzten dienen soll, der Zweck der

Natur auf =Alles=, was in ihrem Producte liegt, erstreckt werden.

Denn wenn wir einmal dergleichen Wirkung |377.10| =im Ganzen= auf

einen übersinnlichen Bestimmungsgrund über den blinden Mechanism der

Natur hinaus beziehen, müssen wir sie auch ganz nach diesem Princip

beurtheilen; und es ist kein Grund da, die Form eines solchen Dinges

noch zum Theil vom letzteren als abhängig anzunehmen, da alsdann bei

der Vermischung ungleichartiger Principien gar |377.15| keine sichere

Regel der Beurtheilung übrig bleiben würde.

Es mag immer sein, daß z. B. in einem thierischen Körper manche #298#

Theile als Concretionen nach bloß mechanischen Gesetzen begriffen

werden könnten (als Häute, Knochen, Haare). Doch muß die Ursache,

welche die dazu schickliche Materie herbeischafft, diese so modificirt,

formt und an |377.20| ihren gehörigen Stellen absetzt, immer

teleologisch beurtheilt werden, so daß alles in ihm als organisirt

betrachtet werden muß, und alles auch in gewisser Beziehung auf das

Ding selbst wiederum Organ ist.

§ 67.

Vom Princip der teleologischen Beurtheilung der Natur |377.25|

überhaupt als System der Zwecke.

Wir haben oben von der =äußeren= Zweckmäßigkeit der Naturdinge

gesagt: daß sie keine hinreichende Berechtigung gebe, sie zugleich

als Zwecke der Natur zu Erklärungsgründen ihres Daseins und die

zufällig-zweckmäßigen Wirkungen derselben in der Idee zu Gründen ihres

Daseins |377.30| nach dem Princip der Endursachen zu brauchen. So

kann man die =Flüsse=, weil sie die Gemeinschaft im Innern der Länder

unter Völkern befördern, die =Gebirge=, weil sie zu diesen die Quellen

und zur Erhaltung derselben den Schneevorrath für regenlose Zeiten

enthalten, imgleichen den =Abhang= der Länder, der diese Gewässer

abführt und das Land |377.35| trocken werden läßt, darum nicht sofort

für Naturzwecke halten: weil, obzwar #299# diese Gestalt der Oberfläche

der Erde zur Entstehung und Erhaltung des Gewächs- und Thierreichs sehr

nöthig war, sie doch nichts an sich hat, zu dessen Möglichkeit man

sich genöthigt sähe eine Causalität nach Zwecken anzunehmen. Eben das

gilt von Gewächsen, die der Mensch zu seiner |378.5| Nothdurft oder

Ergötzlichkeit nutzt: von Thieren, dem Kameele, dem Rinde, dem Pferde,

Hunde u. s. w., die er theils zu seiner Nahrung, theils seinem Dienste

so vielfältig gebrauchen und großentheils gar nicht entbehren kann.

Von Dingen, deren keines für sich als Zweck anzusehen man Ursache hat,

kann das äußere Verhältniß nur hypothetisch für zweckmäßig beurtheilt

|378.10| werden.

Ein Ding seiner innern Form halber als Naturzweck beurtheilen, ist

ganz etwas anderes, als die Existenz dieses Dinges für Zweck der

Natur halten. Zu der letztern Behauptung bedürfen wir nicht bloß den

Begriff von einem möglichen Zweck, sondern die Erkenntniß des Endzwecks

(_scopus_) |378.15| der Natur, welches eine Beziehung derselben

auf etwas Übersinnliches bedarf, die alle unsere teleologische

Naturerkenntniß weit übersteigt; denn der Zweck der Existenz der Natur

selbst muß über die Natur hinaus gesucht werden. Die innere Form eines

bloßen Grashalms kann seinen bloß nach der Regel der Zwecke möglichen

Ursprung für unser menschliches |378.20| Beurtheilungsvermögen

hinreichend beweisen. Geht man aber davon ab und sieht nur auf den

Gebrauch, den andere Naturwesen davon machen, #300# verläßt also

die Betrachtung der innern Organisation und sieht nur auf äußere

zweckmäßige Beziehungen, wie das Gras dem Vieh, wie dieses dem Menschen

als Mittel zu seiner Existenz nöthig sei; und man sieht |378.25|

nicht, warum es denn nöthig sei, daß Menschen existiren (welches,

wenn man etwa die Neuholländer oder Feuerländer in Gedanken hat, so

leicht nicht zu beantworten sein möchte): so gelangt man zu keinem

kategorischen Zwecke, sondern alle diese zweckmäßige Beziehung beruht

auf einer immer weiter hinauszusetzenden Bedingung, die als unbedingt

(das Dasein eines |378.30| Dinges als Endzweck) ganz außerhalb der

physisch-teleologischen Weltbetrachtung liegt. Alsdann aber ist ein

solches Ding auch nicht Naturzweck; denn es ist (oder seine ganze

Gattung) nicht als Naturproduct anzusehen.

Es ist also nur die Materie, sofern sie organisirt ist, welche den

Begriff |378.35| von ihr als einem Naturzwecke nothwendig bei sich

führt, weil diese ihre specifische Form zugleich Product der Natur ist.

Aber dieser Begriff führt nun nothwendig auf die Idee der gesammten

Natur als eines Systems nach der Regel der Zwecke, welcher Idee nun

aller Mechanism der Natur nach Principien der Vernunft (wenigstens um

daran die Naturerscheinung zu versuchen) untergeordnet werden muß.

Das Princip der Vernunft ist ihr als nur subjectiv, d. i. als Maxime,

zuständig: Alles |379.5| in der Welt ist irgend wozu gut; nichts ist

in ihr umsonst; und man ist #301# durch das Beispiel, das die Natur an

ihren organischen Producten giebt, berechtigt, ja berufen, von ihr und

ihren Gesetzen nichts, als was im Ganzen zweckmäßig ist, zu erwarten.

Es versteht sich, daß dieses nicht ein Princip für die bestimmende,

|379.10| sondern nur für die reflectirende Urtheilskraft sei,

daß es regulativ und nicht constitutiv sei, und wir dadurch nur

einen Leitfaden bekommen, die Naturdinge in Beziehung auf einen

Bestimmungsgrund, der schon gegeben ist, nach einer neuen gesetzlichen

Ordnung zu betrachten und die Naturkunde nach einem andern Princip,

nämlich dem der Endursachen, |379.15| doch unbeschadet dem des

Mechanisms ihrer Causalität zu erweitern. Übrigens wird dadurch

keinesweges ausgemacht, ob irgend etwas, das wir nach diesem Princip

beurtheilen, =absichtlich= Zweck der Natur sei: ob die Gräser für

das Rind oder Schaf und ob dieses und die übrigen Naturdinge für den

Menschen da sind. Es ist gut, selbst die uns unangenehmen |379.20| und

in besondern Beziehungen zweckwidrigen Dinge auch von dieser Seite zu

betrachten. So könnte man z. B. sagen: das Ungeziefer, welches die

Menschen in ihren Kleidern, Haaren oder Bettstellen plagt, sei nach

einer weisen Naturanstalt ein Antrieb zur Reinlichkeit, die für sich

schon ein wichtiges Mittel der Erhaltung der Gesundheit ist. Oder die

Mosquitomücken |379.25| und andere stechende Insecten, welche die

Wüsten von Amerika #302# den Wilden so beschwerlich machen, seien so

viel Stacheln der Thätigkeit für diese angehende Menschen, um die

Moräste abzuleiten und die dichten den Luftzug abhaltenden Wälder

licht zu machen und dadurch, imgleichen durch den Anbau des Bodens

ihren Aufenthalt zugleich gesünder zu |379.30| machen. Selbst was dem

Menschen in seiner innern Organisation widernatürlich zu sein scheint,

wenn es auf diese Weise behandelt wird, giebt eine unterhaltende,

bisweilen auch belehrende Aussicht in eine teleologische Ordnung

der Dinge, auf die uns ohne ein solches Princip die bloß physische

Betrachtung allein nicht führen würde. So wie einige den |379.35|

Bandwurm dem Menschen oder Thiere, dem er beiwohnt, gleichsam zum

Ersatz eines gewissen Mangels seiner Lebensorganen beigegeben zu sein

urtheilen: so würde ich fragen, ob nicht die Träume (ohne die niemals

der Schlaf ist, ob man sich gleich nur selten derselben erinnert) eine

zweckmäßige Anordnung der Natur sein mögen, indem sie nämlich bei dem

Abspannen aller körperlichen bewegenden Kräfte dazu dienen, vermittelst

der Einbildungskraft und der großen Geschäftigkeit derselben (die

in |380.5| diesem Zustande mehrentheils bis zum Affecte steigt) die

Lebensorganen innigst zu bewegen; so wie sie auch bei überfülltem

Magen, wo diese Bewegung um desto nöthiger ist, im Nachtschlafe

gemeiniglich mit desto mehr Lebhaftigkeit spielt; daß folglich ohne

diese innerlich bewegende Kraft und ermüdende Unruhe, worüber wir

die Träume anklagen (die |380.10| #303# doch in der That vielleicht

Heilmittel sind), der Schlaf selbst im gesunden Zustande wohl gar ein

völliges Erlöschen des Lebens sein würde.

Auch Schönheit der Natur, d. i. ihre Zusammenstimmung mit dem freien

Spiele unserer Erkenntnißvermögen in der Auffassung und Beurtheilung

ihrer Erscheinung, kann auf die Art als objective Zweckmäßigkeit

|380.15| der Natur in ihrem Ganzen, als System, worin der Mensch

ein Glied ist, betrachtet werden: wenn einmal die teleologische

Beurtheilung derselben durch die Naturzwecke, welche uns die

organisirten Wesen an die Hand geben, zu der Idee eines großen Systems

der Zwecke der Natur uns berechtigt hat. Wir können es als eine

Gunst[26], die die Natur für |380.20| uns gehabt hat, betrachten,

daß sie über das Nützliche noch Schönheit und Reize so reichlich

austheilte, und sie deshalb lieben, so wie ihrer Unermeßlichkeit wegen

mit Achtung betrachten und uns selbst in dieser Betrachtung #304#

veredelt fühlen: gerade als ob die Natur ganz eigentlich in dieser

Absicht ihre herrliche Bühne aufgeschlagen und ausgeschmückt habe.

|380.25|

[26] In dem ästhetischen Theile wurde gesagt: =wir sähen die

schöne Natur |380.30| mit Gunst an=, indem wir an ihrer Form

ein ganz freies (uninteressirtes) Wohlgefallen haben. Denn

in diesem bloßen Geschmacksurtheile wird gar nicht darauf

Rücksicht genommen, zu welchem Zwecke diese Naturschönheiten

existiren: ob um uns eine Lust zu erwecken, oder ohne alle

Beziehung auf uns als Zwecke. In einem teleologischen Urtheile

aber geben wir auch auf diese Beziehung Acht; und da können

|380.35| wir es =als Gunst der Natur ansehen=, daß sie uns

durch Aufstellung so vieler schönen Gestalten zur Kultur hat

beförderlich sein wollen.

Wir wollen in diesem § nichts anders sagen, als daß, wenn wir einmal an

der Natur ein Vermögen entdeckt haben, Producte hervorzubringen, die

nur nach dem Begriffe der Endursachen von uns gedacht werden können,

wir weiter gehen und auch die, welche (oder ihr, obgleich zweckmäßiges,

Verhältniß) es eben nicht nothwendig machen, über den Mechanism der

blind wirkenden Ursachen hinaus ein ander Princip für ihre Möglichkeit

aufzusuchen, dennoch als zu einem System der Zwecke gehörig beurtheilen

dürfen: weil uns die erstere Idee schon, was ihren Grund betrifft, über

die Sinnenwelt hinausführt; da denn die Einheit des übersinnlichen

|381.5| Princips nicht bloß für gewisse Species der Naturwesen, sondern

für das Naturganze als System auf dieselbe Art als gültig betrachtet

werden muß.

§ 68.

Von dem Princip der Teleologie als innerem Princip der

Naturwissenschaft. |381.10|

Die Principien einer Wissenschaft sind derselben entweder innerlich

und werden einheimisch genannt (_principia domestica_); oder sie sind

auf Begriffe, die nur außer ihr Platz finden können, gegründet und

sind =auswärtige= Principien (_peregrina_). Wissenschaften, welche die

letzteren enthalten, #305# legen ihren Lehren Lehnsätze (_Lemmata_)

zum Grunde; d. i. sie |381.15| borgen irgend einen Begriff und mit ihm

einen Grund der Anordnung von einer anderen Wissenschaft.

Eine jede Wissenschaft ist für sich ein System; und es ist nicht genug,

in ihr nach Principien zu bauen und also technisch zu verfahren,

sondern man muß mit ihr, als einem für sich bestehenden Gebäude, auch

architektonisch |381.20| zu Werke gehen und sie nicht wie einen Anbau

und als einen Theil eines andern Gebäudes, sondern als ein Ganzes für

sich behandeln, ob man gleich nachher einen Übergang aus diesem in

jenes oder wechselseitig errichten kann.

Wenn man also für die Naturwissenschaft und in ihren Context den

|381.25| Begriff von Gott hereinbringt, um sich die Zweckmäßigkeit

in der Natur erklärlich zu machen, und hernach diese Zweckmäßigkeit

wiederum braucht, um zu beweisen, daß ein Gott sei: so ist in keiner

von beiden Wissenschaften innerer Bestand; und ein täuschendes Diallele

bringt jede in Unsicherheit, dadurch daß sie ihre Gränzen in einander

laufen lassen. |381.30|

Der Ausdruck eines Zwecks der Natur beugt dieser Verwirrung schon

genugsam vor, um Naturwissenschaft und die Veranlassung, die sie

zur =teleologischen= Beurtheilung ihrer Gegenstände giebt, nicht

mit der Gottesbetrachtung und also einer =theologischen= Ableitung

zu vermengen; und man muß es nicht als unbedeutend ansehen, ob man

jenen Ausdruck |381.35| #306# mit dem eines göttlichen Zwecks in

der Anordnung der Natur verwechsele, oder wohl gar den letztern für

schicklicher und einer frommen Seele angemessener ausgebe, weil es

doch am Ende dahin kommen müsse, jene zweckmäßige Formen in der Natur

von einem weisen Welturheber abzuleiten; sondern sich sorgfältig und

bescheiden auf den Ausdruck, der |382.5| gerade nur so viel sagt, als

wir wissen, nämlich eines Zwecks der Natur, einschränken. Denn ehe

wir noch nach der Ursache der Natur selbst fragen, finden wir in der

Natur und dem Laufe ihrer Erzeugung dergleichen Producte, die nach

bekannten Erfahrungsgesetzen in ihr erzeugt werden, nach welchen die

Naturwissenschaft ihre Gegenstände beurtheilen, mithin auch |382.10|

deren Causalität nach der Regel der Zwecke in ihr selbst suchen muß.

Daher muß sie ihre Gränze nicht überspringen, um das, dessen Begriffe

gar keine Erfahrung angemessen sein kann, und woran man sich allererst

nach Vollendung der Naturwissenschaft zu wagen befugt ist, in sie

selbst als einheimisches Princip hinein zu ziehen. |382.15|

Naturbeschaffenheiten, die sich _a priori_ demonstriren und also

ihrer Möglichkeit nach aus allgemeinen Principien ohne allen Beitritt

der Erfahrung einsehen lassen, können, ob sie gleich eine technische

Zweckmäßigkeit bei sich führen, dennoch, weil sie schlechterdings

nothwendig sind, gar nicht zur Teleologie der Natur, als einer

in die Physik gehörigen |382.20| Methode die Fragen derselben

aufzulösen, gezählt werden. Arithmetische, #307# geometrische

Analogieen, imgleichen allgemeine mechanische Gesetze, so sehr uns

auch die Vereinigung verschiedener dem Anschein nach von einander

ganz unabhängiger Regeln in einem Princip an ihnen befremdend und

bewundernswürdig vorkommen mag, enthalten deswegen keinen Anspruch

|382.25| darauf, teleologische Erklärungsgründe in der Physik zu sein;

und wenn sie gleich in der allgemeinen Theorie der Zweckmäßigkeit

der Dinge der Natur überhaupt mit in Betrachtung gezogen zu werden

verdienen, so würde diese doch anderwärts hin, nämlich in die

Metaphysik, gehören und kein inneres Princip der Naturwissenschaft

ausmachen: wie es wohl |382.30| mit den empirischen Gesetzen der

Naturzwecke an organisirten Wesen nicht allein erlaubt, sondern auch

unvermeidlich ist, die teleologische =Beurtheilungsart= zum Princip

der Naturlehre in Ansehung einer eigenen Classe ihrer Gegenstände zu

gebrauchen.

Damit nun Physik sich genau in ihren Gränzen halte, so abstrahirt

|382.35| sie von der Frage, ob die Naturzwecke es =absichtlich=

oder =unabsichtlich= sind, gänzlich; denn das würde Einmengung in

ein fremdes Geschäft (nämlich das der Metaphysik) sein. Genug,

es sind nach Naturgesetzen, die wir uns nur unter der Idee der

Zwecke als Princip denken können, einzig und allein =erklärbare=

und bloß auf diese Weise ihrer innern Form nach, #308# sogar auch

nur innerlich =erkennbare= Gegenstände. Um sich also auch nicht der

mindesten Anmaßung, als wollte man etwas, was gar nicht in |383.5|

die Physik gehört, nämlich eine übernatürliche Ursache, unter unsere

Erkenntnißgründe mischen, verdächtig zu machen: spricht man in der

Teleologie zwar von der Natur, als ob die Zweckmäßigkeit in ihr

absichtlich sei, aber doch zugleich so, daß man der Natur, d. i.

der Materie, diese Absicht beilegt; wodurch man (weil hierüber kein

Mißverstand Statt |383.10| finden kann, indem von selbst schon keiner

einem leblosen Stoffe Absicht in eigentlicher Bedeutung des Worts

beilegen wird) anzeigen will, daß dieses Wort hier nur ein Princip

der reflectirenden, nicht der bestimmenden Urtheilskraft bedeute und

also keinen besondern Grund der Causalität einführen solle, sondern

auch nur zum Gebrauche der Vernunft eine andere |383.15| Art der

Nachforschung, als die nach mechanischen Gesetzen ist, hinzufüge, um

die Unzulänglichkeit der letzteren selbst zur empirischen Aufsuchung

aller besondern Gesetze der Natur zu ergänzen. Daher spricht man in der

Teleologie, so fern sie zur Physik gezogen wird, ganz recht von der

Weisheit, der Sparsamkeit, der Vorsorge, der Wohlthätigkeit der Natur,

ohne |383.20| dadurch aus ihr ein verständiges Wesen zu machen (weil

das ungereimt wäre); aber auch ohne sich zu erkühnen, ein anderes,

verständiges Wesen über sie als Werkmeister setzen zu wollen, weil

dieses vermessen[27] sein #309# würde: sondern es soll dadurch nur eine

Art der Causalität der Natur nach einer Analogie mit der unsrigen im

technischen Gebrauche der Vernunft |383.25| bezeichnet werden, um die

Regel, wornach gewissen Producten der Natur nachgeforscht werden muß,

vor Augen zu haben.

[27] Das deutsche Wort =vermessen= ist ein gutes,

bedeutungsvolles Wort. Ein Urtheil, bei welchem man das

Längenmaß seiner Kräfte (des Verstandes) zu überschlagen

vergißt, kann bisweilen sehr demüthig klingen und macht doch

große Ansprüche und ist doch sehr vermessen. Von der Art sind

die meisten, wodurch man die göttliche Weisheit zu erheben

vorgiebt, indem man ihr in den Werken der |383.35| Schöpfung

und der Erhaltung Absichten unterlegt, die eigentlich der

eigenen Weisheit des Vernünftlers Ehre machen sollen.

Warum aber macht doch die Teleologie gewöhnlich keinen eigenen Theil

der theoretischen Naturwissenschaft aus, sondern wird zur Theologie als

Propädeutik oder Übergang gezogen? Dieses geschieht, um das |383.30|

Studium der Natur nach ihrem Mechanism an demjenigen fest zu halten,

was wir unserer Beobachtung oder den Experimenten so unterwerfen

können, daß wir es gleich der Natur wenigstens der Ähnlichkeit der

Gesetze nach selbst hervorbringen könnten; denn nur soviel sieht man

vollständig ein, als man nach Begriffen selbst machen und zu Stande

bringen kann. |384.5| Organisation aber als innerer Zweck der Natur

übersteigt unendlich alles Vermögen einer ähnlichen Darstellung durch

Kunst: und was äußere für #310# zweckmäßig gehaltene Natureinrichtungen

betrifft (z. B. Winde, Regen u. d. gl.), so betrachtet die Physik wohl

den Mechanism derselben; aber ihre Beziehung auf Zwecke, so fern diese

eine zur Ursache nothwendig gehörige |384.10| Bedingung sein soll, kann

sie gar nicht darstellen, weil diese Nothwendigkeit der Verknüpfung

gänzlich die Verbindung unserer Begriffe und nicht die Beschaffenheit

der Dinge angeht.

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der Urtheilskraft. · 第 56 / 67 题