Anmerkung. |330.25|

Zwischen dem, =was bloß in der Beurtheilung gefällt=, und dem, was

=vergnügt= (in der Empfindung gefällt), ist, wie wir oft gezeigt

haben, ein wesentlicher Unterschied. Das letztere ist etwas, welches

man nicht so, wie das erstere jedermann ansinnen kann. Vergnügen (die

Ursache desselben mag immerhin auch in Ideen liegen) scheint jederzeit

in |330.30| einem Gefühl der Beförderung des gesammten Lebens des

Menschen, mithin auch des körperlichen Wohlbefindens, d. i. der

Gesundheit, zu bestehen; #223# so daß =Epikur=, der alles Vergnügen

im Grunde für körperliche Empfindung ausgab, sofern vielleicht nicht

Unrecht haben mag und sich nur selbst mißverstand, wenn er das

intellectuelle und selbst praktische Wohlgefallen |331.5| zu den

Vergnügen zählte. Wenn man den letztern Unterschied vor Augen hat, so

kann man sich erklären, wie ein Vergnügen dem, der es empfindet, selbst

mißfallen könne (wie die Freude eines dürftigen, aber wohldenkenden

Menschen über die Erbschaft von seinem ihn liebenden, aber kargen

Vater), oder wie ein tiefer Schmerz dem, der ihn leidet, doch gefallen

|331.10| könne (die Traurigkeit einer Wittwe über ihres verdienstvollen

Mannes Tod), oder wie ein Vergnügen obenein noch gefallen könne (wie

das an Wissenschaften, die wir treiben), oder ein Schmerz (z. B. Haß,

Neid und Rachgierde) uns noch dazu mißfallen könne. Das Wohlgefallen

oder Mißfallen beruht hier auf der Vernunft und ist mit der =Billigung=

oder |331.15| =Mißbilligung= einerlei; Vergnügen und Schmerz aber

können nur auf dem Gefühl oder der Aussicht auf ein (aus welchem Grunde

es auch sei) mögliches =Wohl-= oder =Übelbefinden= beruhen.

Alles wechselnde freie Spiel der Empfindungen (die keine Absicht zum

Grunde haben) vergnügt, weil es das Gefühl der Gesundheit befördert:

|331.20| wir mögen nun in der Vernunftbeurtheilung an seinem

Gegenstande und selbst an diesem Vergnügen ein Wohlgefallen haben oder

nicht; und dieses Vergnügen kann bis zum Affect steigen, obgleich wir

an dem Gegenstande selbst kein Interesse, wenigstens kein solches

nehmen, was dem Grad des letztern proportionirt wäre. Wir können sie

ins =Glücksspiel=, =Tonspiel= |331.25| und =Gedankenspiel= eintheilen.

Das =erste= fordert ein =Interesse=, es sei der Eitelkeit oder des

Eigennutzes, welches aber bei weitem nicht so groß ist, als das

Interesse an der Art, wie wir es uns zu verschaffen suchen; #224# das

=zweite= bloß den Wechsel der =Empfindungen=, deren jede ihre Beziehung

auf Affect, aber ohne den Grad eines Affects hat und ästhetische

|331.30| Ideen rege macht; das =dritte= entspringt bloß aus dem Wechsel

der Vorstellungen in der Urtheilskraft, wodurch zwar kein Gedanke, der

irgend ein Interesse bei sich führte, erzeugt, das Gemüth aber doch

belebt wird.

Wie vergnügend die Spiele sein müssen, ohne daß man nöthig hätte

interessirte Absicht dabei zum Grunde zu legen, zeigen alle unsere

Abendgesellschaften; |331.35| denn ohne Spiel kann sich beinahe keine

unterhalten. Aber die Affecten der Hoffnung, der Furcht, der Freude,

des Zorns, des Hohns spielen dabei, indem sie jeden Augenblick ihre

Rolle wechseln, und sind so lebhaft, daß dadurch als eine innere

Motion das ganze Lebensgeschäft im Körper befördert zu sein scheint,

wie eine dadurch erzeugte Munterkeit des Gemüths es beweist, obgleich

weder etwas gewonnen noch gelernt worden. Aber da das Glücksspiel kein

schönes Spiel ist, so wollen wir es hier bei |332.5| Seite setzen.

Hingegen Musik und Stoff zum Lachen sind zweierlei Arten des Spiels

mit ästhetischen Ideen, oder auch Verstandesvorstellungen, wodurch

am Ende nichts gedacht wird, und die bloß durch ihren Wechsel und

dennoch lebhaft vergnügen können; wodurch sie ziemlich klar zu erkennen

geben, daß die Belebung in beiden bloß körperlich sei, ob sie gleich

von |332.10| Ideen des Gemüths erregt wird, und daß das Gefühl der

Gesundheit durch eine jenem Spiele correspondirende Bewegung der

Eingeweide das ganze, für so fein und geistvoll gepriesene Vergnügen

einer aufgeweckten Gesellschaft ausmacht. Nicht die Beurtheilung

der Harmonie in Tönen oder Witzeinfällen, die mit ihrer Schönheit

nur zum nothwendigen Vehikel |332.15| dient, sondern das beförderte

Lebensgeschäft im Körper, der Affect, der die #225# Eingeweide und das

Zwerchfell bewegt, mit einem Worte das Gefühl der Gesundheit (welche

sich ohne solche Veranlassung sonst nicht fühlen läßt), machen das

Vergnügen aus, welches man daran findet, daß man dem Körper auch durch

die Seele beikommen und diese zum Arzt von jenem |332.20| brauchen kann.

In der Musik geht dieses Spiel von der Empfindung des Körpers zu

ästhetischen Ideen (der Objecte für Affecten), von diesen alsdann

wieder zurück, aber mit vereinigter Kraft auf den Körper. Im Scherze

(der eben sowohl wie jene eher zur angenehmen, als schönen Kunst

gezählt zu werden |332.25| verdient) hebt das Spiel von Gedanken an,

die insgesammt, sofern sie sich sinnlich ausdrücken wollen, auch den

Körper beschäftigen; und indem der Verstand in dieser Darstellung,

worin er das Erwartete nicht findet, plötzlich nachläßt, so fühlt man

die Wirkung dieser Nachlassung im Körper durch die Schwingung der

Organen, welche die Herstellung ihres Gleichgewichts |332.30| befördert

und auf die Gesundheit einen wohlthätigen Einfluß hat.

Es muß in allem, was ein lebhaftes, erschütterndes Lachen erregen

soll, etwas Widersinniges sein (woran also der Verstand an sich

kein Wohlgefallen finden kann). =Das Lachen ist ein Affect aus der

plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.= |332.35|

Eben diese Verwandlung, die für den Verstand gewiß nicht erfreulich

ist, erfreuet doch indirekt auf einen Augenblick sehr lebhaft. Also

muß die Ursache in dem Einflusse der Vorstellung auf den Körper und

dessen Wechselwirkung auf das Gemüth bestehen; und zwar nicht, sofern

die Vorstellung objectiv ein Gegenstand des Vergnügens ist (denn wie

kann eine getäuschte Erwartung vergnügen?), sondern lediglich dadurch,

daß sie als #226# bloßes Spiel der Vorstellungen ein Gleichgewicht der

Lebenskräfte im |333.5| Körper hervorbringt.

Wenn jemand erzählt: daß ein Indianer, der an der Tafel eines

Engländers in Surate eine Bouteille mit Ale öffnen und alles dies

Bier, in Schaum verwandelt, herausdringen sah, mit vielen Ausrufungen

seine große Verwunderung anzeigte und auf die Frage des Engländers:

Was |333.10| ist denn hier sich so sehr zu verwundern? antwortete:

Ich wundere mich auch nicht darüber, daß es herausgeht, sondern wie

ihrs habt herein kriegen können, so lachen wir, und es macht uns eine

herzliche Lust: nicht weil wir uns etwa klüger finden als diesen

Unwissenden, oder sonst über etwas, was uns der Verstand hierin

Wohlgefälliges bemerken ließe; sondern unsre |333.15| Erwartung war

gespannt und verschwindet plötzlich in Nichts. Oder wenn der Erbe

eines reichen Verwandten diesem sein Leichenbegängniß recht feierlich

veranstalten will, aber klagt, daß es ihm hiemit nicht recht gelingen

wolle; denn (sagt er): je mehr ich meinen Trauerleuten Geld gebe,

betrübt auszusehen, desto lustiger sehen sie aus, so lachen wir laut,

und der Grund |333.20| liegt darin, daß eine Erwartung sich plötzlich

in Nichts verwandelt. Man muß wohl bemerken: daß sie sich nicht in das

positive Gegentheil eines erwarteten Gegenstandes — denn das ist immer

Etwas und kann oft betrüben, — sondern in Nichts verwandeln müsse.

Denn wenn jemand uns mit der Erzählung einer Geschichte große Erwartung

erregt, und wir beim |333.25| Schlusse die Unwahrheit derselben sofort

einsehen, so macht es uns Mißfallen; wie z. B. die von Leuten, welche

vor großem Gram in einer Nacht graue Haare bekommen haben sollen.

Dagegen wenn auf eine dergleichen Erzählung zur Erwiderung ein anderer

Schalk sehr umständlich den Gram eines Kaufmanns erzählt, der, aus

Indien mit allem seinem Vermögen |333.30| #227# in Waaren nach Europa

zurückkehrend, in einem schweren Sturm alles über Bord zu werfen

genöthigt wurde und sich dermaßen grämte, daß ihm darüber in derselben

Nacht die =Perrüke= grau ward: so lachen wir, und es macht uns

Vergnügen, weil wir unsern eignen Mißgriff nach einem für uns übrigens

gleichgültigen Gegenstande, oder vielmehr unsere |333.35| verfolgte

Idee wie einen Ball noch eine Zeit lang hin- und herschlagen, indem wir

bloß gemeint sind ihn zu greifen und fest zu halten. Es ist hier nicht

die Abfertigung eines Lügners oder Dummkopfs, welche das Vergnügen

erweckt: denn auch für sich würde die letztere mit angenommenem Ernst

erzählte Geschichte eine Gesellschaft in ein helles Lachen versetzen;

und jenes wäre gewöhnlichermaßen auch der Aufmerksamkeit nicht werth.

|334.5|.

Merkwürdig ist: daß in allen solchen Fällen der Spaß immer etwas in

sich enthalten muß, welches auf einen Augenblick täuschen kann; daher

wenn der Schein in Nichts verschwindet, das Gemüth wieder zurücksieht,

um es mit ihm noch einmal zu versuchen, und so durch schnell hinter

einander folgende Anspannung und Abspannung hin- und zurückgeschnellt

|334.10| und in Schwankung gesetzt wird: die, weil der Absprung

von dem, was gleichsam die Saite anzog, plötzlich (nicht durch ein

allmähliges Nachlassen) geschah, eine Gemüthsbewegung und mit ihr

harmonirende inwendige körperliche Bewegung verursachen muß, die

unwillkürlich fortdauert und Ermüdung, dabei aber auch Aufheiterung

(die Wirkungen einer zur Gesundheit |334.15| gereichenden Motion)

hervorbringt.

Denn wenn man annimmt, daß mit allen unsern Gedanken zugleich irgend

eine Bewegung in den Organen des Körpers harmonisch verbunden sei:

so wird man so ziemlich begreifen, wie jener plötzlichen Versetzung

des Gemüths bald in einen, bald in den andern Standpunkt, um seinen

Gegenstand |334.20| #228# zu betrachten, eine wechselseitige Anspannung

und Loslassung der elastischen Theile unserer Eingeweide, die sich dem

Zwerchfell mittheilt, correspondiren könne (gleich derjenigen, welche

kitzliche Leute fühlen): wobei die Lunge die Luft mit schnell einander

folgenden Absätzen ausstößt und so eine der Gesundheit zuträgliche

Bewegung bewirkt, welche allein |334.25| und nicht das, was im Gemüthe

vorgeht, die eigentliche Ursache des Vergnügens an einem Gedanken ist,

der im Grunde nichts vorstellt. — Voltaire sagte, der Himmel habe uns

zum Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens zwei Dinge

gegeben: die =Hoffnung= und den =Schlaf=. Er hätte noch das =Lachen=

dazu rechnen können; wenn die Mittel |334.30| es bei Vernünftigen

zu erregen nur so leicht bei der Hand wären, und der Witz oder die

Originalität der Laune, die dazu erforderlich sind, nicht ebenso

selten wären, als häufig das Talent ist, =kopfbrechend= wie mystische

Grübler, =halsbrechend= wie Genies, oder =herzbrechend= wie empfindsame

Romanschreiber (auch wohl dergleichen Moralisten) zu dichten. |334.35|

Man kann also, wie mich dünkt, dem Epikur wohl einräumen: daß alles

Vergnügen, wenn es gleich durch Begriffe veranlaßt wird, welche

ästhetische Ideen erwecken, =animalische=, d. i. körperliche,

Empfindung sei; ohne dadurch dem =geistigen= Gefühl der Achtung

für moralische Ideen, welches kein Vergnügen ist, sondern eine

Selbstschätzung (der Menschheit in uns), die uns über das Bedürfniß

desselben erhebt, ja selbst nicht einmal dem minder edlen des

=Geschmacks= im mindesten Abbruch zu thun. |335.5|

Etwas aus beiden Zusammengesetztes findet sich in der =Naivität=, die

der Ausbruch der der Menschheit ursprünglich natürlichen Aufrichtigkeit

wider die zur andern Natur gewordene Verstellungskunst ist. Man #229#

lacht über die Einfalt, die es noch nicht versteht sich zu verstellen;

und erfreut sich doch auch über die Einfalt der Natur, die jener Kunst

hier einen |335.10| Querstrich spielt. Man erwartete die alltägliche

Sitte der gekünstelten und auf den schönen Schein vorsichtig angelegten

Äußerung; und siehe! es ist die unverdorbne, schuldlose Natur, die man

anzutreffen gar nicht gewärtig und die der, welcher sie blicken ließ,

zu entblößen auch nicht gemeint war. Daß der schöne, aber falsche

Schein, der gewöhnlich in unserm Urtheile |335.15| sehr viel bedeutet,

hier plötzlich in Nichts verwandelt, daß gleichsam der Schalk in uns

selbst bloßgestellt wird, bringt die Bewegung des Gemüths nach zwei

entgegengesetzten Richtungen nach einander hervor, die zugleich den

Körper heilsam schüttelt. Daß aber etwas, was unendlich besser als

alle angenommene Sitte ist, die Lauterkeit der Denkungsart (wenigstens

|335.20| die Anlage dazu), doch nicht ganz in der menschlichen Natur

erloschen ist, mischt Ernst und Hochschätzung in dieses Spiel der

Urtheilskraft. Weil es aber nur eine auf kurze Zeit sich hervorthuende

Erscheinung ist, und die Decke der Verstellungskunst bald wieder

vorgezogen wird: so mengt sich zugleich ein Bedauren darunter, welches

eine Rührung der Zärtlichkeit |335.25| ist, die sich als Spiel mit

einem solchen gutherzigen Lachen sehr wohl verbinden läßt und auch

wirklich damit gewöhnlich verbindet, zugleich auch demjenigen, der den

Stoff dazu hergiebt, die Verlegenheit darüber, daß er noch nicht nach

Menschenweise gewitzigt ist, zu vergüten pflegt. — Eine Kunst, =naiv=

zu sein, ist daher ein Widerspruch; allein die Naivität in |335.30|

einer erdichteten Person vorzustellen, ist wohl möglich und schöne,

obzwar auch seltene Kunst. Mit der Naivität muß offenherzige Einfalt,

welche die Natur nur darum nicht verkünstelt, weil sie sich darauf

nicht versteht, #230# was Kunst des Umganges sei, nicht verwechselt

werden.

Zu dem, was aufmunternd, mit dem Vergnügen aus dem Lachen |335.35|

nahe verwandt und zur Originalität des Geistes, aber eben nicht zum

Talent der schönen Kunst gehörig ist, kann auch die =launichte= Manier

gezählt werden. =Laune= im guten Verstande bedeutet nämlich das Talent,

sich willkürlich in eine gewisse Gemüthsdisposition versetzen zu

können, in der alle Dinge ganz anders als gewöhnlich (sogar umgekehrt)

und doch gewissen Vernunftprincipien in einer solchen Gemüthsstimmung

gemäß beurtheilt werden. Wer solchen Veränderungen unwillkürlich

unterworfen |336.5| ist, ist =launisch=; wer sie aber willkürlich und

zweckmäßig (zum Behuf einer lebhaften Darstellung vermittelst eines

Lachen erregenden Contrastes) anzunehmen vermag, der und sein Vortrag

heißt =launicht=. Diese Manier gehört indeß mehr zur angenehmen als

schönen Kunst, weil der Gegenstand der letztern immer einige Würde

an sich zeigen muß und daher einen |336.10| gewissen Ernst in der

Darstellung, so wie der Geschmack in der Beurtheilung erfordert.

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der Urtheilskraft. · 第 54 / 67 题