Man sagt von gewissen Producten, von welchen man erwartet, daß sie
sich, zum Theil wenigstens, als schöne Kunst zeigen sollten: sie sind
ohne =Geist=; ob man gleich an ihnen, was den Geschmack betrifft,
nichts zu tadeln findet. Ein Gedicht kann recht nett und elegant sein,
aber es ist ohne Geist. Eine Geschichte ist genau und ordentlich,
aber ohne Geist. Eine |313.25| feierliche Rede ist gründlich und
zugleich zierlich, aber ohne Geist. Manche Conversation ist nicht ohne
Unterhaltung, aber doch ohne Geist; selbst von einem Frauenzimmer sagt
man wohl: sie ist hübsch, gesprächig und artig, aber ohne Geist. Was
ist denn das, was man hier unter Geist versteht?
=Geist= in ästhetischer Bedeutung heißt das belebende Princip im
Gemüthe. |313.30| Dasjenige aber, wodurch dieses Princip die Seele
belebt, der Stoff, den es dazu anwendet, ist das, was die Gemüthskräfte
zweckmäßig in Schwung versetzt, d. i. in ein solches Spiel, welches
sich von selbst erhält und selbst die Kräfte dazu stärkt.
Nun behaupte ich, dieses Princip sei nichts anders, als das
Vermögen |313.35| der Darstellung =ästhetischer Ideen=; unter
einer ästhetischen Idee aber verstehe ich diejenige Vorstellung der
Einbildungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch
irgend ein bestimmter Gedanke, #193# d. i. =Begriff=, adäquat sein
kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich
machen kann. — Man sieht leicht, daß sie das |314.5| Gegenstück
(Pendant) von einer =Vernunftidee= sei, welche umgekehrt ein Begriff
ist, dem keine =Anschauung= (Vorstellung der Einbildungskraft) adäquat
sein kann.
Die Einbildungskraft (als productives Erkenntnißvermögen) ist nämlich
sehr mächtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem |314.10|
Stoffe, den ihr die wirkliche giebt. Wir unterhalten uns mit ihr,
wo uns die Erfahrung zu alltäglich vorkommt; bilden diese auch wohl
um: zwar noch immer nach analogischen Gesetzen, aber doch auch nach
Principien, die höher hinauf in der Vernunft liegen (und die uns eben
sowohl natürlich sind als die, nach welchen der Verstand die empirische
Natur auffaßt); |314.15| wobei wir unsere Freiheit vom Gesetze der
Association (welches dem empirischen Gebrauche jenes Vermögens anhängt)
fühlen, nach welchem uns von der Natur zwar Stoff geliehen, dieser aber
von uns zu etwas ganz anderem, nämlich dem, was die Natur übertrifft,
verarbeitet werden kann.
Man kann dergleichen Vorstellungen der Einbildungskraft =Ideen=
|314.20| nennen: eines Theils darum, weil sie zu etwas über die
Erfahrungsgränze hinaus Liegendem wenigstens streben und so einer
Darstellung der Vernunftbegriffe (der intellectuellen Ideen) nahe
zu kommen suchen, welches #194# ihnen den Anschein einer objectiven
Realität giebt; andrerseits und zwar hauptsächlich, weil ihnen als
innern Anschauungen kein Begriff völlig |314.25| adäquat sein kann.
Der Dichter wagt es, Vernunftideen von unsichtbaren Wesen, das Reich
der Seligen, das Höllenreich, die Ewigkeit, die Schöpfung u. d. gl.,
zu versinnlichen; oder auch das, was zwar Beispiele in der Erfahrung
findet, z. B. den Tod, den Neid und alle Laster, imgleichen die Liebe,
den Ruhm u. d. gl., über die Schranken der Erfahrung hinaus |314.30|
vermittelst einer Einbildungskraft, die dem Vernunft-Vorspiele in
Erreichung eines Größten nacheifert, in einer Vollständigkeit sinnlich
zu machen, für die sich in der Natur kein Beispiel findet; und es ist
eigentlich die Dichtkunst, in welcher sich das Vermögen ästhetischer
Ideen in seinem ganzen Maße zeigen kann. Dieses Vermögen aber, für
sich allein |314.35| betrachtet, ist eigentlich nur ein Talent (der
Einbildungskraft).
Wenn nun einem Begriffe eine Vorstellung der Einbildungskraft
untergelegt wird, die zu seiner Darstellung gehört, aber für sich
allein so viel zu denken veranlaßt, als sich niemals in einem
bestimmten Begriff zusammenfassen läßt, mithin den Begriff selbst auf
unbegränzte Art ästhetisch erweitert: so ist die Einbildungskraft
hiebei schöpferisch und bringt das Vermögen intellectueller Ideen
(die Vernunft) in Bewegung, |315.5| mehr nämlich bei Veranlassung
einer Vorstellung zu denken (was zwar zu dem Begriffe des Gegenstandes
gehört), als in ihr aufgefaßt und deutlich #195# gemacht werden kann.
Man nennt diejenigen Formen, welche nicht die Darstellung eines
gegebenen Begriffs selber ausmachen, sondern nur als Nebenvorstellungen
|315.10| der Einbildungskraft die damit verknüpften Folgen und
die Verwandtschaft desselben mit andern ausdrücken, =Attribute=
(ästhetische) eines Gegenstandes, dessen Begriff als Vernunftidee
nicht adäquat dargestellt werden kann. So ist der Adler Jupiters mit
dem Blitze in den Klauen ein Attribut des mächtigen Himmelskönigs und
der Pfau der prächtigen |315.15| Himmelskönigin. Sie stellen nicht
wie die =logischen Attribute= das, was in unsern Begriffen von der
Erhabenheit und Majestät der Schöpfung liegt, sondern etwas anderes
vor, was der Einbildungskraft Anlaß giebt, sich über eine Menge von
verwandten Vorstellungen zu verbreiten, die mehr denken lassen, als man
in einem durch Worte bestimmten Begriff |315.20| ausdrücken kann; und
geben eine =ästhetische Idee=, die jener Vernunftidee statt logischer
Darstellung dient, eigentlich aber um das Gemüth zu beleben, indem sie
ihm die Aussicht in ein unabsehliches Feld verwandter Vorstellungen
eröffnet. Die schöne Kunst aber thut dieses nicht allein in der Malerei
oder Bildhauerkunst (wo der Namen der Attribute gewöhnlich |315.25|
gebraucht wird); sondern die Dichtkunst und Beredsamkeit nehmen den
Geist, der ihre Werke belebt, auch lediglich von den ästhetischen
Attributen der Gegenstände her, welche den logischen zu Seite gehen und
der Einbildungskraft #196# einen Schwung geben, mehr dabei, obzwar auf
unentwickelte Art, zu denken, als sich in einem Begriffe, mithin in
einem bestimmten |315.30| Sprachausdrucke zusammenfassen läßt. — Ich
muß mich der Kürze wegen nur auf wenige Beispiele einschränken.
Wenn der große König sich in einem seiner Gedichte so ausdrückt: »Laßt
uns aus dem Leben ohne Murren weichen und ohne etwas zu bedauern,
indem wir die Welt noch alsdann mit Wohlthaten überhäuft zurücklassen.
|315.35| So verbreitet die Sonne, nachdem sie ihren Tageslauf vollendet
hat, noch ein mildes Licht am Himmel; und die letzten Strahlen, die
sie in die Lüfte schickt, sind ihre letzten Seufzer für das Wohl
der Welt«: so belebt er seine Vernunftidee von weltbürgerlicher
Gesinnung noch am Ende des Lebens durch ein Attribut, welches die
Einbildungskraft (in der Erinnerung an alle Annehmlichkeiten eines
vollbrachten schönen Sommertages, die uns ein heiterer Abend ins Gemüth
ruft) |316.5| jener Vorstellung beigesellt, und welches eine Menge
von Empfindungen und Nebenvorstellungen rege macht, für die sich kein
Ausdruck findet. Andererseits kann sogar ein intellectueller Begriff
umgekehrt zum Attribut einer Vorstellung der Sinne dienen und so diese
letztere durch die Idee des Übersinnlichen beleben; aber nur indem
das Ästhetische, was dem Bewußtsein |316.10| des letztern subjectiv
anhänglich ist, hiezu gebraucht wird. So #197# sagt z. B. ein gewisser
Dichter in der Beschreibung eines schönen Morgens: »Die Sonne quoll
hervor, wie Ruh aus Tugend quillt.« Das Bewußtsein der Tugend, wenn man
sich auch nur in Gedanken in die Stelle eines Tugendhaften versetzt,
verbreitet im Gemüthe eine Menge erhabener |316.15| und beruhigender
Gefühle und eine gränzenlose Aussicht in eine frohe Zukunft, die kein
Ausdruck, welcher einem bestimmten Begriffe angemessen ist, völlig
erreicht.[16]
[16] Vielleicht ist nie etwas Erhabneres gesagt, oder ein
Gedanke erhabener ausgedrückt worden, als in jener Aufschrift
über dem Tempel der =Isis= (der Mutter =Natur=): »Ich bin
alles, was da ist, was da war, und was da sein wird, und
meinen Schleier hat kein Sterblicher aufgedeckt.« =Segner=
benutzte diese Idee durch eine sinnreiche seiner Naturlehre
vorgesetzte Vignette, um seinen Lehrling, den er in
|316.35| diesen Tempel zu führen bereit war, vorher mit dem
heiligen Schauer zu erfüllen, der das Gemüth zu feierlicher
Aufmerksamkeit stimmen soll.
Mit einem Worte, die ästhetische Idee ist eine einem gegebenen Begriffe
beigesellte Vorstellung der Einbildungskraft, welche mit einer solchen
|316.20| Mannigfaltigkeit der Theilvorstellungen in dem freien
Gebrauche derselben verbunden ist, daß für sie kein Ausdruck, der
einen bestimmten Begriff bezeichnet, gefunden werden kann, die also zu
einem Begriffe viel Unnennbares hinzu denken läßt, dessen Gefühl die
Erkenntnißvermögen belebt und mit der Sprache, als bloßem Buchstaben,
Geist verbindet. |316.25|
Die Gemüthskräfte also, deren Vereinigung (in gewissem Verhältnisse)
#198# das =Genie= ausmacht, sind Einbildungskraft und Verstand. Nur, da
im Gebrauch der Einbildungskraft zum Erkenntnisse die Einbildungskraft
unter dem Zwange des Verstandes und der Beschränkung unterworfen ist,
dem Begriffe desselben angemessen zu sein; in ästhetischer Absicht
|316.30| aber die Einbildungskraft frei ist, um noch über jene
Einstimmung zum Begriffe, doch ungesucht reichhaltigen unentwickelten
Stoff für den Verstand, worauf dieser in seinem Begriffe nicht
Rücksicht nahm, zu liefern, welchen dieser aber nicht sowohl objectiv
zum Erkenntnisse, als subjectiv zur Belebung der Erkenntnißkräfte,
indirect also doch auch zu Erkenntnissen |317.5| anwendet: so besteht
das Genie eigentlich in dem glücklichen Verhältnisse, welches keine
Wissenschaft lehren und kein Fleiß erlernen kann, zu einem gegebenen
Begriffe Ideen aufzufinden und andrerseits zu diesen den =Ausdruck= zu
treffen, durch den die dadurch bewirkte subjective Gemüthsstimmung, als
Begleitung eines Begriffs, anderen mitgetheilt |317.10| werden kann.
Das letztere Talent ist eigentlich dasjenige, was man Geist nennt; denn
das Unnennbare in dem Gemüthszustande bei einer gewissen Vorstellung
auszudrücken und allgemein mittheilbar zu machen, der Ausdruck mag
nun in Sprache, oder Malerei, oder Plastik bestehen: das erfordert
ein Vermögen, das schnell vorübergehende Spiel der Einbildungskraft
|317.15| aufzufassen und in einen Begriff (der eben darum original
ist und #199# zugleich eine neue Regel eröffnet, die aus keinen
vorhergehenden Principien oder Beispielen hat gefolgert werden können)
zu vereinigen, der sich ohne Zwang der Regeln mittheilen läßt.
* * * * *
Wenn wir nach diesen Zergliederungen auf die oben gegebene Erklärung
|317.20| dessen, was man =Genie= nennt, zurücksehen, so finden wir:
=erstlich=, daß es ein Talent zur Kunst sei, nicht zur Wissenschaft,
in welcher deutlich gekannte Regeln vorangehen und das Verfahren in
derselben bestimmen müssen; =zweitens=, daß es als Kunsttalent einen
bestimmten Begriff von dem Producte als Zweck, mithin Verstand, aber
auch eine |317.25| (wenn gleich unbestimmte) Vorstellung von dem
Stoff, d. i. der Anschauung, zur Darstellung dieses Begriffs, mithin
ein Verhältniß der Einbildungskraft zum Verstande voraussetze; daß es
sich =drittens= nicht sowohl in der Ausführung des vorgesetzten Zwecks
in Darstellung eines bestimmten =Begriffs=, als vielmehr im Vortrage,
oder dem Ausdrucke =ästhetischer |317.30| Ideen=, welche zu jener
Absicht reichen Stoff enthalten, zeige, mithin die Einbildungskraft in
ihrer Freiheit von aller Anleitung der Regeln dennoch als zweckmäßig
zur Darstellung des gegebenen Begriffs vorstellig mache; daß endlich
=viertens= die ungesuchte, unabsichtliche subjective Zweckmäßigkeit
in der freien Übereinstimmung der Einbildungskraft zur Gesetzlichkeit
#200# des Verstandes eine solche Proportion und Stimmung dieser
Vermögen voraussetze, als keine Befolgung von Regeln, es sei der
Wissenschaft oder mechanischen Nachahmung, bewirken, sondern bloß die
Natur des Subjects hervorbringen kann. |318.5|
Nach diesen Voraussetzungen ist Genie: die musterhafte Originalität
der Naturgabe eines Subjects im =freien= Gebrauche seiner
Erkenntnißvermögen. Auf solche Weise ist das Product eines Genies (nach
demjenigen, was in demselben dem Genie, nicht der möglichen Erlernung
oder der Schule zuzuschreiben ist) ein Beispiel nicht der Nachahmung
(denn da |318.10| würde das, was daran Genie ist und den Geist des
Werks ausmacht, verloren gehen), sondern der Nachfolge für ein
anderes Genie, welches dadurch zum Gefühl seiner eigenen Originalität
aufgeweckt wird, Zwangsfreiheit von Regeln so in der Kunst auszuüben,
daß diese dadurch selbst eine neue Regel bekommt, wodurch das Talent
sich als musterhaft zeigt. |318.15| Weil aber das Genie ein Günstling
der Natur ist, dergleichen man nur als seltene Erscheinung anzusehen
hat: so bringt sein Beispiel für andere gute Köpfe eine Schule hervor,
d. i. eine methodische Unterweisung nach Regeln, soweit man sie aus
jenen Geistesproducten und ihrer Eigenthümlichkeit hat ziehen können;
und für diese ist die schöne Kunst sofern Nachahmung, |318.20| der die
Natur durch ein Genie die Regel gab.
Aber diese Nachahmung wird =Nachäffung=, wenn der Schüler alles
#201# =nachmacht= bis auf das, was das Genie als Mißgestalt nur hat
zulassen müssen, weil es sich, ohne die Idee zu schwächen, nicht wohl
wegschaffen ließ. Dieser Muth ist an einem Genie allein Verdienst; und
eine gewisse |318.25| =Kühnheit= im Ausdrucke und überhaupt manche
Abweichung von der gemeinen Regel steht demselben wohl an, ist aber
keinesweges nachahmungswürdig, sondern bleibt immer an sich ein Fehler,
den man wegzuschaffen suchen muß, für welchen aber das Genie gleichsam
privilegirt ist, da das Unnachahmliche seines Geistesschwunges durch
ängstliche Behutsamkeit |318.30| leiden würde. Das =Manieriren= ist
eine andere Art von Nachäffung, nämlich der bloßen =Eigenthümlichkeit=
(Originalität) überhaupt, um sich ja von Nachahmern so weit als
möglich zu entfernen, ohne doch das Talent zu besitzen, dabei zugleich
=musterhaft= zu sein. — Zwar giebt es zweierlei Art (_modus_)
überhaupt der Zusammenstellung seiner Gedanken |318.35| des Vortrages,
deren die eine =Manier= (_modus aestheticus_), die andere =Methode=
(_modus logicus_) heißt, die sich darin von einander unterscheiden:
daß die erstere kein anderes Richtmaß hat, als das =Gefühl= der Einheit
in der Darstellung, die andere aber hierin bestimmte =Principien=
befolgt; für die schöne Kunst gilt also nur die erstere. Allein
=manierirt= heißt ein Kunstproduct nur alsdann, wenn der Vortrag seiner
Idee in demselben auf die Sonderbarkeit =angelegt= und nicht der Idee
angemessen |319.5| #202# gemacht wird. Das Prangende (Preciöse), das
Geschrobene und Affectirte, um sich nur vom Gemeinen (aber ohne Geist)
zu unterscheiden, sind dem Benehmen desjenigen ähnlich, von dem man
sagt, daß er sich sprechen höre, oder welcher steht und geht, als ob er
auf einer Bühne wäre, um angegafft zu werden, welches jederzeit einen
Stümper verräth. |319.10|
§ 50.
Von der Verbindung des Geschmacks mit Genie in Producten der schönen
Kunst.
Wenn die Frage ist, woran in Sachen der schönen Kunst mehr gelegen
sei, ob daran, daß sich an ihnen Genie, oder ob daß sich Geschmack
|319.15| zeige, so ist das eben so viel, als wenn gefragt würde, ob es
darin mehr auf Einbildung, als auf Urtheilskraft ankomme. Da nun eine
Kunst in Ansehung des ersteren eher eine =geistreiche=, in Ansehung des
zweiten aber allein eine =schöne= Kunst genannt zu werden verdient:
so ist das letztere wenigstens als unumgängliche Bedingung (_conditio
sine qua non_) |319.20| das Vornehmste, worauf man in Beurtheilung
der Kunst als schöne Kunst zu sehen hat. Reich und original an Ideen
zu sein, bedarf es nicht so nothwendig zum Behuf der Schönheit, aber
wohl der Angemessenheit jener Einbildungskraft in ihrer Freiheit zu
der Gesetzmäßigkeit des Verstandes. Denn aller Reichthum der ersteren
bringt in ihrer gesetzlosen Freiheit |319.25| #203# nichts als Unsinn
hervor; die Urtheilskraft ist hingegen das Vermögen, sie dem Verstande
anzupassen.
Der Geschmack ist =so= wie die Urtheilskraft überhaupt die Disciplin
(oder Zucht) des Genies, beschneidet diesem sehr die Flügel und
macht es gesittet oder geschliffen; zugleich aber giebt er diesem
eine Leitung, worüber |319.30| und bis wie weit es sich verbreiten
soll, um zweckmäßig zu bleiben; und indem er Klarheit und Ordnung
in die Gedankenfülle hineinbringt, macht er die Ideen haltbar,
eines daurenden, zugleich auch allgemeinen Beifalls, der Nachfolge
anderer und einer immer fortschreitenden Cultur fähig. Wenn also im
Widerstreite beiderlei Eigenschaften an einem Producte |319.35| etwas
aufgeopfert werden soll, so müßte es eher auf der Seite des Genies
geschehen: und die Urtheilskraft, welche in Sachen der schönen Kunst
aus eigenen Principien den Ausspruch thut, wird eher der Freiheit und
dem Reichthum der Einbildungskraft, als dem Verstande Abbruch zu thun
erlauben. |320.5|
Zur schönen Kunst würden also =Einbildungskraft=, =Verstand=, =Geist=
und =Geschmack= erforderlich sein[17].
[17] Die drei ersteren Vermögen bekommen durch das vierte
allererst ihre =Vereinigung=. =Hume= giebt in seiner
Geschichte den Engländern zu verstehen, daß, obzwar sie
in ihren Werken keinem Volke in der Welt in Ansehung der
Beweisthümer |320.30| der drei ersteren Eigenschaften,
=abgesondert= betrachtet, etwas nachgäben, sie doch in
der, welche sie vereinigt, ihren Nachbaren, den Franzosen,
nachstehen müßten.
§ 51. #204#
Von der Eintheilung der schönen Künste.
Man kann überhaupt Schönheit (sie mag Natur- oder Kunstschönheit
|320.10| sein) den =Ausdruck= ästhetischer Ideen nennen: nur daß in
der schönen Kunst diese Idee durch einen Begriff vom Object veranlaßt
werden muß, in der schönen Natur aber die bloße Reflexion über eine
gegebene Anschauung ohne Begriff von dem, was der Gegenstand sein soll,
zur Erweckung und Mittheilung der Idee, von welcher jenes Object als
der |320.15| =Ausdruck= betrachtet wird, hinreichend ist.
Wenn wir also die schönen Künste eintheilen wollen, so können wir,
wenigstens zum Versuche, kein bequemeres Princip dazu wählen, als die
Analogie der Kunst mit der Art des Ausdrucks, dessen sich Menschen im
Sprechen bedienen, um sich so vollkommen, als möglich ist, einander, d.
i. |320.20| nicht bloß ihren Begriffen, sondern auch Empfindungen nach,
mitzutheilen[18]. — Dieser besteht in dem =Worte=, der =Geberdung=
und dem =Tone= (Articulation, Gesticulation und Modulation). Nur
die Verbindung dieser #205# drei Arten des Ausdrucks macht die
vollständige Mittheilung des Sprechenden aus. Denn Gedanke, Anschauung
und Empfindung werden dadurch |320.25| zugleich und vereinigt auf den
andern übergetragen.
[18] Der Leser wird diesen Entwurf zu einer möglichen
Eintheilung der schönen Künste nicht als beabsichtigte Theorie
beurtheilen. Es ist nur einer von den mancherlei Versuchen,
die man noch anstellen kann und soll. |320.35|
Es giebt also nur dreierlei Arten schöner Künste: die =redende=, die
=bildende= und die Kunst =des Spiels der Empfindungen= (als äußerer
Sinneneindrücke). Man könnte diese Eintheilung auch dichotomisch
einrichten, so daß die schöne Kunst in die des Ausdrucks der Gedanken,
oder der Anschauungen und diese wiederum bloß nach ihrer Form, oder
ihrer Materie (der Empfindung) eingetheilt würde. Allein sie würde
alsdann |321.5| zu abstract und nicht so angemessen den gemeinen
Begriffen aussehen.
1) Die REDENDEN Künste sind =Beredsamkeit= und =Dichtkunst=.
=Beredsamkeit= ist die Kunst, ein Geschäft des Verstandes als ein
freies Spiel der Einbildungskraft zu betreiben; =Dichtkunst=, ein
freies Spiel der Einbildungskraft als ein Geschäft des Verstandes
auszuführen. |321.10|
Der =Redner= also kündigt ein Geschäft an und führt es so aus, als ob
es bloß ein =Spiel= mit Ideen sei, um die Zuhörer zu unterhalten. Der
=Dichter= kündigt bloß ein unterhaltendes =Spiel= mit Ideen an, und
es kommt doch so viel für den Verstand heraus, als ob er bloß dessen
Geschäft zu treiben die Absicht gehabt hätte. Die Verbindung und
Harmonie beider |321.15| #206# Erkenntnißvermögen, der Sinnlichkeit und
des Verstandes, die einander zwar nicht entbehren können, aber doch
auch ohne Zwang und wechselseitigen Abbruch sich nicht wohl vereinigen
lassen, muß unabsichtlich zu sein und sich von selbst so zu fügen
scheinen; sonst ist es nicht =schöne= Kunst. Daher alles Gesuchte und
Peinliche darin vermieden werden muß; |321.20| denn schöne Kunst muß
in doppelter Bedeutung freie Kunst sein: sowohl daß sie nicht als
Lohngeschäft eine Arbeit sei, deren Größe sich nach einem bestimmten
Maßstabe beurtheilen, erzwingen oder bezahlen läßt; als auch, daß das
Gemüth sich zwar beschäftigt, aber dabei doch, ohne auf einen andern
Zweck hinauszusehen, (unabhängig vom Lohne) befriedigt und erweckt
|321.25| fühlt.
Der Redner giebt also zwar etwas, was er nicht verspricht, nämlich ein
unterhaltendes Spiel der Einbildungskraft; aber er bricht auch dem etwas
ab, was er verspricht, und was doch sein angekündigtes Geschäft ist,
nämlich den Verstand zweckmäßig zu beschäftigen. Der Dichter dagegen
|321.30| verspricht wenig und kündigt ein bloßes Spiel mit Ideen an,
leistet aber etwas, was eines Geschäftes würdig ist, nämlich dem
Verstande spielend Nahrung zu verschaffen und seinen Begriffen durch
Einbildungskraft Leben zu geben: mithin jener im Grunde weniger, dieser
mehr, als er verspricht. |321.35|
2) Die BILDENDEN Künste oder die des Ausdrucks für Ideen in #207#
der =Sinnenanschauung= (nicht durch Vorstellungen der bloßen
Einbildungskraft, die durch Worte aufgeregt werden) sind entweder
die der =Sinnenwahrheit= oder des =Sinnenscheins=. Die erste heißt
die =Plastik=, die zweite die =Malerei=. Beide machen Gestalten im
Raume zum Ausdrucke für Ideen: jene macht Gestalten für zwei Sinne
kennbar, dem Gesichte und Gefühl (obzwar dem letzteren nicht in Absicht
auf Schönheit), |322.5| diese nur für den erstern. Die ästhetische
Idee (Archetypon, Urbild) liegt zu beiden in der Einbildungskraft
zum Grunde: die Gestalt aber, welche den Ausdruck derselben ausmacht
(Ektypon, Nachbild), wird entweder in ihrer körperlichen Ausdehnung
(wie der Gegenstand selbst existirt) oder nach der Art, wie diese sich
im Auge malt (nach ihrer Apparenz |322.10| in einer Fläche), gegeben;
oder, was auch das erstere ist, entweder die Beziehung auf einen
wirklichen Zweck, oder nur der Anschein desselben der Reflexion zur
Bedingung gemacht.
Zur =Plastik=, als der ersten Art schöner bildender Künste, gehört die
=Bildhauerkunst= und =Baukunst=. Die =erste= ist diejenige, welche
Begriffe |322.15| von Dingen, so wie sie =in der Natur existiren
könnten=, körperlich darstellt (doch als schöne Kunst mit Rücksicht auf
ästhetische Zweckmäßigkeit); die =zweite= ist die Kunst, Begriffe von
Dingen, die =nur durch Kunst= möglich sind, und deren Form nicht die
Natur, sondern #208# einen willkürlichen Zweck zum Bestimmungsgrunde
hat, zu dieser Absicht, |322.20| doch auch zugleich ästhetisch
zweckmäßig darzustellen. Bei der letzteren ist ein gewisser =Gebrauch=
des künstlichen Gegenstandes die Hauptsache, worauf als Bedingung die
ästhetischen Ideen eingeschränkt werden. Bei der ersteren ist der bloße
=Ausdruck= ästhetischer Ideen die Hauptabsicht. So sind Bildsäulen von
Menschen, Göttern, Thieren u. d. gl. von der erstern |322.25| Art;
aber Tempel, oder Prachtgebäude zum Behuf öffentlicher Versammlungen,
oder auch Wohnungen, Ehrenbogen, Säulen, Cenotaphien u. d. gl., zum
Ehrengedächtniß errichtet, zur Baukunst gehörig. Ja alle Hausgeräthe
(die Arbeit des Tischlers u. d. gl. Dinge zum Gebrauche) können dazu
gezählt werden: weil die Angemessenheit des Products zu einem gewissen
|322.30| Gebrauche das Wesentliche eines =Bauwerks= ausmacht; dagegen
ein bloßes =Bildwerk=, das lediglich zum Anschauen gemacht ist und für
sich selbst gefallen soll, als körperliche Darstellung bloße Nachahmung
der Natur ist, doch mit Rücksicht auf ästhetische Ideen: wobei denn die
=Sinnenwahrheit= nicht so weit gehen darf, daß es aufhöre als Kunst und
|322.35| Product der Willkür zu erscheinen.
Die =Malerkunst=, als die zweite Art bildender Künste, welche den
=Sinnenschein= künstlich mit Ideen verbunden darstellt, würde ich
in die der schönen =Schilderung= der =Natur= und in die der schönen
=Zusammenstellung= ihrer =Producte= eintheilen. Die erste wäre die
=eigentliche #209# Malerei=, die zweite die =Lustgärtnerei=. Denn die
erste giebt nur den Schein der körperlichen Ausdehnung; die zweite zwar
diese nach |323.5| der Wahrheit, aber nur den Schein von Benutzung und
Gebrauch zu anderen Zwecken, als bloß für das Spiel der Einbildung in
Beschauung ihrer Formen[19]. Die letztere ist nichts anders, als die
Schmückung des Bodens mit derselben Mannigfaltigkeit (Gräsern, Blumen,
Sträuchen und Bäumen, selbst Gewässern, Hügeln und Thälern), womit ihn
die Natur |323.10| dem Anschauen darstellt, nur anders und angemessen
gewissen Ideen zusammengestellt. Die schöne Zusammenstellung aber
körperlicher Dinge ist #210# auch nur für das Auge gegeben, wie die
Malerei; der Sinn des Gefühls kann keine anschauliche Vorstellung von
einer solchen Form verschaffen. Zu der Malerei im weiten Sinne würde
ich noch die Verzierung der Zimmer |323.15| durch Tapeten, Aufsätze
und alles schöne Amöblement, welches bloß zur =Ansicht= dient, zählen;
imgleichen die Kunst der Kleidung nach Geschmack (Ringe, Dosen u. s.
w.). Denn ein Parterre von allerlei Blumen, ein Zimmer mit allerlei
Zierathen (selbst den Putz der Damen darunter begriffen) machen an
einem Prachtfeste eine Art von Gemälde aus, welches, |323.20| so
wie die eigentlich sogenannten (die nicht etwa Geschichte, oder
Naturkenntniß zu =lehren= die Absicht haben) bloß zum Ansehen da ist,
um die Einbildungskraft im freien Spiele mit Ideen zu unterhalten und
ohne bestimmten Zweck die ästhetische Urtheilskraft zu beschäftigen.
Das Machwerk an allem diesem Schmucke mag immer mechanisch sehr
unterschieden |323.25| sein und ganz verschiedene Künstler erfordern;
das Geschmacksurtheil ist doch über das, was in dieser Kunst schön
ist, sofern auf einerlei Art bestimmt: nämlich nur die Formen (ohne
Rücksicht auf einen Zweck) so, wie sie sich dem Auge darbieten, einzeln
oder in ihrer Zusammensetzung nach der Wirkung, die sie auf die
Einbildungskraft thun, zu |324.5| beurtheilen. — Wie aber bildende
Kunst zur Geberdung in einer Sprache (der Analogie nach) gezählt werden
könne, wird dadurch gerechtfertigt, #211# daß der Geist des Künstlers
durch diese Gestalten von dem, was und wie er gedacht hat, einen
körperlichen Ausdruck giebt und die Sache selbst gleichsam mimisch
sprechen macht: ein sehr gewöhnliches Spiel unserer |324.10| Phantasie,
welche leblosen Dingen ihrer Form gemäß einen Geist unterlegt, der aus
ihnen spricht.
[19] Daß die Lustgärtnerei als eine Art von Malerkunst
betrachtet werden könne, ob sie zwar ihre Formen körperlich
darstellt, scheint befremdlich; da sie aber ihre Formen
wirklich aus der Natur nimmt (die Bäume, Gesträuche, Gräser
und Blumen aus Wald und Feld, wenigstens uranfänglich) und
sofern nicht etwa wie die Plastik Kunst ist, auch keinen
Begriff von dem Gegenstande und seinem Zwecke |323.30| (wie
etwa die Baukunst) zur Bedingung ihrer Zusammenstellung hat,
sondern bloß das freie Spiel der Einbildungskraft in der
Beschauung: so kommt sie mit der bloß ästhetischen Malerei,
die kein bestimmtes Thema hat (Luft, Land und Wasser durch
Licht und Schatten unterhaltend zusammen stellt), sofern
überein. — Überhaupt wird der Leser dieses nur als einen
Versuch von der Verbindung der schönen |323.35| Künste unter
einem Princip, welches diesmal das des Ausdrucks ästhetischer
Ideen (nach der Analogie einer Sprache) sein soll, beurtheilen
und nicht als für entschieden gehaltene Ableitung derselben
ansehen.
3) Die Kunst des SCHÖNEN SPIELS DER EMPFINDUNGEN (die von außen
erzeugt werden und das sich gleichwohl doch muß allgemein mittheilen
lassen) kann nichts anders als die Proportion der verschiedenen
|324.15| Grade der Stimmung (Spannung) des Sinns, dem die Empfindung
angehört, d. i. den Ton desselben, betreffen; und in dieser
weitläuftigen Bedeutung des Worts kann sie in das künstliche Spiel der
Empfindungen des Gehörs und der des Gesichts, mithin in =Musik= und
=Farbenkunst= eingetheilt werden. — Es ist merkwürdig: daß diese zwei
Sinne außer |324.20| der Empfänglichkeit für Eindrücke, so viel davon
erforderlich ist, um von äußern Gegenständen vermittelst ihrer Begriffe
zu bekommen, noch einer besondern damit verbundenen Empfindung fähig
sind, von welcher man nicht recht ausmachen kann, ob sie den Sinn,
oder die Reflexion zum Grunde habe; und daß diese Affectibilität doch
bisweilen mangeln kann, |324.25| obgleich der Sinn übrigens, was seinen
Gebrauch zum Erkenntniß der Objecte betrifft, gar nicht mangelhaft,
sondern wohl gar vorzüglich fein #212# ist. Das heißt, man kann nicht
mit Gewißheit sagen: ob eine Farbe oder ein Ton (Klang) bloß angenehme
Empfindungen, oder an sich schon ein schönes Spiel von Empfindungen
sei und als ein solches ein Wohlgefallen |324.30| an der Form in der
ästhetischen Beurtheilung bei sich führe. Wenn man die Schnelligkeit
der Licht- oder, in der zweiten Art, der Luftbebungen, die alles
unser Vermögen, die Proportion der Zeiteintheilung durch dieselben
unmittelbar bei der Wahrnehmung zu beurtheilen, wahrscheinlicherweise
bei weitem übertrifft, bedenkt: so sollte man glauben, nur die
=Wirkung= |324.35| dieser Zitterungen auf die elastischen Theile
unsers Körpers werde empfunden, die =Zeiteintheilung= durch dieselben
aber nicht bemerkt und in Beurtheilung gezogen, mithin mit Farben
und Tönen nur Annehmlichkeit, nicht Schönheit ihrer Composition
verbunden. Bedenkt man aber dagegen =erstlich= das Mathematische,
welches sich über die Proportion dieser Schwingungen in der Musik und
ihre Beurtheilung sagen läßt, und beurtheilt die Farbenabstechung,
wie billig, nach der Analogie mit der |325.5| letztern; zieht man
=zweitens= die, obzwar seltenen Beispiele von Menschen, die mit dem
besten Gesichte von der Welt nicht haben Farben und mit dem schärfsten
Gehöre nicht Töne unterscheiden können, zu Rath, imgleichen für die,
welche dieses können, die Wahrnehmung einer veränderten Qualität (nicht
bloß des Grades der Empfindung) bei den verschiedenen Anspannungen
|325.10| auf der Farben- oder Tonleiter, imgleichen daß die Zahl
derselben #213# für =begreifliche= Unterschiede bestimmt ist: so möchte
man sich genöthigt sehen, die Empfindungen von beiden nicht als bloßen
Sinneneindruck, sondern als die Wirkung einer Beurtheilung der Form im
Spiele vieler Empfindungen anzusehen. Der Unterschied, den die eine
oder die |325.15| andere Meinung in der Beurtheilung des Grundes der
Musik giebt, würde aber nur die Definition dahin verändern, daß man sie
entweder, wie wir gethan haben, für das =schöne= Spiel der Empfindungen
(durch das Gehör), oder =angenehmer= Empfindungen erklärte. Nur nach
der erstern Erklärungsart wird Musik gänzlich als =schöne=, nach der
zweiten aber als |325.20| =angenehme= Kunst (wenigstens zum Theil)
vorgestellt werden.
§ 52.
Von der Verbindung der schönen Künste in einem und demselben Producte.
Die Beredsamkeit kann mit einer malerischen Darstellung ihrer
Subjecte |325.25| sowohl als Gegenstände in einem =Schauspiele=, die
Poesie mit Musik im =Gesange=, dieser aber zugleich mit malerischer
(theatralischer) Darstellung in einer =Oper=, das Spiel der
Empfindungen in einer Musik mit dem Spiele der Gestalten im =Tanz=
u. s. w. verbunden werden. Auch kann die Darstellung des Erhabenen,
sofern sie zur schönen Kunst gehört, |325.30| in einem =gereimten
Trauerspiele=, einem =Lehrgedichte=, einem =Oratorium= #214# sich mit
der Schönheit vereinigen; und in diesen Verbindungen ist die schöne
Kunst noch künstlicher: ob aber auch schöner (da sich so mannigfaltige
verschiedene Arten des Wohlgefallens einander durchkreuzen), kann in
einigen dieser Fälle bezweifelt werden. Doch in aller schönen |325.35|
Kunst besteht das Wesentliche in der Form, welche für die Beobachtung
und Beurtheilung zweckmäßig ist, wo die Lust zugleich Cultur ist
und den Geist zu Ideen stimmt, mithin ihn mehrerer solcher Lust und
Unterhaltung empfänglich macht; nicht in der Materie der Empfindung
(dem Reize oder der Rührung), wo es bloß auf Genuß angelegt ist,
welcher |326.5| nichts in der Idee zurückläßt, den Geist stumpf, den
Gegenstand nach und nach anekelnd und das Gemüth durch das Bewußtsein
seiner im Urtheile der Vernunft zweckwidrigen Stimmung mit sich selbst
unzufrieden und launisch macht.
Wenn die schönen Künste nicht nahe oder fern mit moralischen Ideen
|326.10| in Verbindung gebracht werden, die allein ein selbstständiges
Wohlgefallen bei sich führen, so ist das letzere ihr endliches
Schicksal. Sie dienen alsdann nur zur Zerstreuung, deren man immer
desto mehr bedürftig wird, als man sich ihrer bedient, um die
Unzufriedenheit des Gemüths mit sich selbst dadurch zu vertreiben,
daß man sich immer noch unnützlicher und |326.15| mit sich selbst
unzufriedener macht. Überhaupt sind die Schönheiten der Natur zu der
ersteren Absicht am zuträglichsten, wenn man früh dazu #215# gewöhnt
wird, sie zu beobachten, zu beurtheilen und zu bewundern.
§ 53.
Vergleichung des ästhetischen Werths der schönen Künste |326.20|
untereinander.
Unter allen behauptet die =Dichtkunst= (die fast gänzlich dem Genie
ihren Ursprung verdankt und am wenigsten durch Vorschrift, oder durch
Beispiele geleitet sein will) den obersten Rang. Sie erweitert das
Gemüth dadurch, daß sie die Einbildungskraft in Freiheit setzt und
innerhalb |326.25| den Schranken eines gegebenen Begriffs unter der
unbegränzten Mannigfaltigkeit möglicher damit zusammenstimmender
Formen diejenige darbietet, welche die Darstellung desselben mit einer
Gedankenfülle verknüpft, der kein Sprachausdruck völlig adäquat ist,
und sich also ästhetisch zu Ideen erhebt. Sie stärkt das Gemüth, indem
sie es sein |326.30| freies, selbstthätiges und von der Naturbestimmung
unabhängiges Vermögen fühlen läßt, die Natur als Erscheinung nach
Ansichten zu betrachten und zu beurtheilen, die sie nicht von selbst
weder für den Sinn noch den Verstand in der Erfahrung darbietet,
und sie also zum Behuf und gleichsam zum Schema des Übersinnlichen
zu gebrauchen. Sie spielt mit |326.35| dem Schein, den sie nach
Belieben bewirkt, ohne doch dadurch zu betrügen; denn sie erklärt
ihre Beschäftigung selbst für bloßes Spiel, welches gleichwohl #216#
vom Verstande und zu dessen Geschäfte zweckmäßig gebraucht werden
kann. — Die Beredsamkeit, sofern darunter die Kunst zu überreden,
d. i. durch den schönen Schein zu hintergehen (als _ars oratoria_),
und nicht |327.5| bloße Wohlredenheit (Eloquenz und Stil) verstanden
wird, ist eine Dialektik, die von der Dichtkunst nur so viel entlehnt,
als nöthig ist, die Gemüther vor der Beurtheilung für den Redner zu
dessen Vortheil zu gewinnen und dieser die Freiheit zu benehmen; kann
also weder für die Gerichtsschranken, noch für die Kanzeln angerathen
werden. Denn wenn |327.10| es um bürgerliche Gesetze, um das Recht
einzelner Personen, oder um dauerhafte Belehrung und Bestimmung der
Gemüther zur richtigen Kenntniß und gewissenhaften Beobachtung ihrer
Pflicht zu thun ist: so ist es unter der Würde eines so wichtigen
Geschäftes, auch nur eine Spur von Üppigkeit des Witzes und der
Einbildungskraft, noch mehr aber von |327.15| der Kunst zu überreden
und zu irgend jemandes Vortheil einzunehmen blicken zu lassen. Denn
wenn sie gleich bisweilen zu an sich rechtmäßigen und lobenswürdigen
Absichten angewandt werden kann, so wird sie doch dadurch verwerflich,
daß auf diese Art die Maximen und Gesinnungen subjectiv verderbt
werden, wenn gleich die That objectiv gesetzmäßig ist: |327.20| indem
es nicht genug ist, das, was Recht ist, zu thun, sondern es auch
aus dem Grunde allein, weil es Recht ist, auszuüben. Auch hat der
bloße deutliche Begriff dieser Arten von menschlicher Angelegenheit,
mit einer [P:217] lebhaften Darstellung in Beispielen verbunden und
ohne Verstoß wider die Regeln des Wohllauts der Sprache, oder der
Wohlanständigkeit des |327.25| Ausdrucks für Ideen der Vernunft (die
zusammen die Wohlredenheit ausmachen), schon an sich hinreichenden
Einfluß auf menschliche Gemüther, als daß es nöthig wäre noch die
Maschinen der Überredung hiebei anzulegen; welche, da sie eben sowohl
auch zur Beschönigung oder Verdeckung des Lasters und Irrthums
gebraucht werden können, den geheimen Verdacht wegen |327.30| einer
künstlichen Überlistung nicht ganz vertilgen können. In der Dichtkunst
geht alles ehrlich und aufrichtig zu. Sie erklärt sich, ein bloßes
unterhaltendes Spiel mit der Einbildungskraft und zwar der Form nach
einstimmig mit Verstandesgesetzen treiben zu wollen; und verlangt nicht
den Verstand durch sinnliche Darstellung zu überschleichen und zu
verstricken.[20] |327.35|
[20] Ich muß gestehen: daß ein schönes Gedicht mir immer
ein reines Vergnügen gemacht hat, anstatt daß die Lesung der
besten Rede eines römischen Volks- oder jetzigen Parlaments-
oder Kanzelredners jederzeit mit dem unangenehmen Gefühl der
Mißbilligung einer hinterlistigen Kunst vermengt war, welche
die Menschen als |328.25| Maschinen in wichtigen Dingen zu
einem Urtheile zu bewegen versteht, das im ruhigen Nachdenken
alles Gewicht bei ihnen verlieren muß. Beredtheit und
Wohlredenheit (zusammen Rhetorik) gehören zur schönen Kunst;
aber Rednerkunst (_ars oratoria_) ist, als Kunst sich der
Schwächen der Menschen zu seinen Absichten zu bedienen (diese
mögen immer so gut gemeint, oder auch wirklich gut sein,
als sie |328.30| wollen), gar keiner =Achtung= würdig. Auch
erhob sie sich nur sowohl in Athen als in Rom zur höchsten
Stufe zu einer Zeit, da der Staat seinem Verderben zueilte
und wahre patriotische Denkungsart erloschen war. Wer bei
klarer Einsicht in Sachen die Sprache nach deren Reichthum und
Reinigkeit in seiner Gewalt hat und bei einer fruchtbaren, zur
Darstellung seiner Ideen tüchtigen Einbildungskraft |328.35|
lebhaften Herzensantheil am wahren Guten nimmt, ist der _vir
bonus dicendi peritus_, der Redner ohne Kunst, aber voll
Nachdruck, wie ihn =Cicero= haben will, ohne doch diesem Ideal
selbst immer treu geblieben zu sein.
Nach der Dichtkunst würde ich, =wenn es um Reiz und Bewegung #218#
des Gemüths zu thun ist=, diejenige, welche ihr unter den redenden
am nächsten kommt und sich damit auch sehr natürlich vereinigen
läßt, nämlich die =Tonkunst=, setzen. Denn ob sie zwar durch lauter
Empfindungen ohne Begriffe spricht, mithin nicht wie die Poesie
etwas zum Nachdenken |328.5| übrig bleiben läßt, so bewegt sie
doch das Gemüth mannigfaltiger und, obgleich bloß vorübergehend,
doch inniglicher; ist aber freilich mehr Genuß als Cultur (das
Gedankenspiel, was nebenbei dadurch erregt wird, ist bloß die Wirkung
einer gleichsam mechanischen Association); und hat, durch Vernunft
beurtheilt, weniger Werth, als jede andere der schönen |328.10|
Künste. Daher verlangt sie wie jeder Genuß öftern Wechsel und hält
die mehrmalige Wiederholung nicht aus, ohne Überdruß zu erzeugen. Der
Reiz derselben, der sich so allgemein mittheilen läßt, scheint darauf
#219# zu beruhen: daß jeder Ausdruck der Sprache im Zusammenhange
einen Ton hat, der dem Sinne desselben angemessen ist; daß dieser Ton
mehr |328.15| oder weniger einen Affect des Sprechenden bezeichnet
und gegenseitig auch im Hörenden hervorbringt, der denn in diesem
umgekehrt auch die Idee erregt, die in der Sprache mit solchem Tone
ausgedrückt wird; und daß, so wie die Modulation gleichsam eine
allgemeine jedem Menschen verständliche Sprache der Empfindungen ist,
die Tonkunst diese für sich |328.20| allein in ihrem ganzen Nachdrucke,
nämlich als Sprache der Affecten, ausübt und so nach dem Gesetze der
Association die damit natürlicher Weise verbundenen ästhetischen Ideen
allgemein mittheilt; daß aber, weil jene ästhetischen Ideen keine
Begriffe und bestimmte Gedanken sind, die Form der Zusammensetzung
dieser Empfindungen (Harmonie und Melodie) nur statt der Form einer
Sprache dazu dient, vermittelst einer proportionirten Stimmung
derselben (welche, weil sie bei Tönen auf dem Verhältniß der Zahl
der Luftbebungen in derselben Zeit, sofern die Töne zugleich oder
|329.5| auch nach einander verbunden werden, beruht, mathematisch
unter gewisse Regeln gebracht werden kann) die ästhetische Idee
eines zusammenhängenden Ganzen einer unnennbaren Gedankenfülle einem
gewissen Thema gemäß, welches den in dem Stücke herrschenden Affect
ausmacht, auszudrücken. An dieser mathematischen Form, obgleich nicht
durch bestimmte |329.10| #220# Begriffe vorgestellt, hängt allein
das Wohlgefallen, welches die bloße Reflexion über eine solche Menge
einander begleitender oder folgender Empfindungen mit diesem Spiele
derselben als für jedermann gültige Bedingung seiner Schönheit
verknüpft; und sie ist es allein, nach welcher der Geschmack sich ein
Recht über das Urtheil von jedermann zum voraus |329.15| auszusprechen
anmaßen darf.
Aber an dem Reize und der Gemüthsbewegung, welche die Musik
hervorbringt, hat die Mathematik sicherlich nicht den mindesten
Antheil; sondern sie ist nur die unumgängliche Bedingung (_conditio
sine qua non_) derjenigen Proportion der Eindrücke in ihrer Verbindung
sowohl als |329.20| ihrem Wechsel, wodurch es möglich wird sie zusammen
zu fassen und zu verhindern, daß diese einander nicht zerstören,
sondern zu einer continuirlichen Bewegung und Belebung des Gemüths
durch damit consonirende Affecten und hiemit zu einem behaglichen
Selbstgenusse zusammenstimmen.
Wenn man dagegen den Werth der schönen Künste nach der Cultur |329.25|
schätzt, die sie dem Gemüth verschaffen, und die Erweiterung der
Vermögen, welche in der Urtheilskraft zum Erkenntnisse zusammen
kommen müssen, zum Maßstabe nimmt: so hat Musik unter den schönen
Künsten sofern den untersten (so wie unter denen, die zugleich nach
ihrer Annehmlichkeit geschätzt werden, vielleicht den obersten)
Platz, weil sie bloß mit |329.30| Empfindungen spielt. Die bildenden
Künste gehen ihr also in diesem #221# Betracht weit vor; denn
indem sie die Einbildungskraft in ein freies und doch zugleich dem
Verstande angemessenes Spiel versetzen, so treiben sie zugleich
ein Geschäft, indem sie ein Product zu Stande bringen, welches den
Verstandesbegriffen zu einem dauerhaften und für sie selbst sich
empfehlenden |329.35| Vehikel dient, die Vereinigung derselben mit der
Sinnlichkeit und so gleichsam die Urbanität der obern Erkenntnißkräfte
zu befördern. Beiderlei Art Künste nehmen einen ganz verschiedenen
Gang: die erstere von Empfindungen zu unbestimmten Ideen; die zweite
Art aber von bestimmten Ideen zu Empfindungen. Die letztern sind
von =bleibendem=, die erstern nur von =transitorischem= Eindrucke.
Die Einbildungskraft kann jene zurückrufen und sich damit angenehm
unterhalten; diese aber |330.5| erlöschen entweder gänzlich, oder wenn
sie unwillkürlich von der Einbildungskraft wiederholt werden, sind sie
uns eher lästig als angenehm. Außerdem hängt der Musik ein gewisser
Mangel der Urbanität an, daß sie vornehmlich nach Beschaffenheit ihrer
Instrumente ihren Einfluß weiter, als man ihn verlangt, (auf die
Nachbarschaft) ausbreitet und so |330.10| sich gleichsam aufdringt,
mithin der Freiheit andrer außer der musikalischen Gesellschaft Abbruch
thut; welches die Künste, die zu den Augen reden, nicht thun, indem man
seine Augen nur wegwenden darf, wenn man ihren Eindruck nicht einlassen
will. Es ist hiemit fast so, wie mit #222# der Ergötzung durch einen
sich weit ausbreitenden Geruch bewandt. Der, |330.15| welcher sein
parfümirtes Schnupftuch aus der Tasche zieht, tractirt alle um und
neben sich wider ihren Willen und nöthigt sie, wenn sie athmen wollen,
zugleich zu genießen; daher es auch aus der Mode gekommen ist.[21]
— Unter den bildenden Künsten würde ich der =Malerei= den Vorzug
geben: theils weil sie als Zeichnungskunst allen übrigen bildenden zum
|330.20| Grunde liegt; theils weil sie weit mehr in die Region der
Ideen eindringen und auch das Feld der Anschauung diesen gemäß mehr
erweitern kann, als es den übrigen verstattet ist.
[21] Diejenigen, welche zu den häuslichen Andachtsübungen
auch das Singen geistlicher Lieder empfohlen haben, bedachten
nicht, daß sie dem Publicum durch eine solche =lärmende=
(eben dadurch gemeiniglich pharisäische) Andacht eine große
Beschwerde auflegen, indem sie die Nachbarschaft entweder mit
zu singen oder ihr Gedankengeschäft niederzulegen nöthigen.
|330.35|
§ 54.